Eine schlesische Möveninsel

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Eine schlesische Möveninsel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 517, 518–519
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Möveneier vom Kunitzer See
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Die Gartenlaube (1867) b 517.jpg

Das Eiereinsammeln auf der Möveninsel im Kunitzer See bei Liegnitz.

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Eine schlesische Möveninsel.


An einem der herrlichsten Maimorgen, wie ihn Touristen nur wünschen können, fuhr ich mit dem Frühzuge von Breslau nach Liegnitz. Bekannt mit dem Bilde, welches die links hinziehenden Sudeten am fernen Horizonte zeichnen, zog ich es vor, meine Blicke rechts der niederschlesischen Ebene zuzuwenden. Außer den mit Eichenwaldungen eingefaßten Oderufern und den dann und wann zum Vorschein kommenden Wimpeln und Masten vorübersegelnder Oderkähne bot eigentlich die Gegend kein hervorragendes landschaftliches Interesse. Erst hinter der Bahnstation Spittelndorf, da wo Moor und Sand humusreichem Boden weichen, wirkt das Bild trotz des gänzlich ebenen Terrains anziehender. Hier wechseln stattliche Dörfer mit reichbebauten Fluren und dazwischen tritt die liebliche Erscheinung zweier zur Liegnitzer Seengruppe gehöriger Seen. Von dem einen, kleineren, dem Jeschkendorfer See, konnte ich nur sehr flüchtig Notiz nehmen – die Fahrt ging schnell –, der andere, größere, der Kunitzer See, weilte länger vor meinen Blicken und zog überdem durch eine mit zahlreichen weißen Vögeln umkreiste Insel meine ganz besondere Aufmerksamkeit auf sich. Ich beschloß, nähere Bekanntschaft mit dieser Erscheinung zu machen.

In Liegnitz stieg ich also ab, besorgte meine nöthigsten Geschäfte und gönnte mir dann im Gasthofe zum Rautenkranze eine kurze Mittagsrast. Ich bedauerte die Wahl dieses Hotels nicht und zwar deshalb, weil mir hier das Problem der vogelumkreisten Insel zur Lösung kam: es waren Möveneier vom Kunitzer See servirt worden. Ihr Geschmack schien wenig von dem der Hühnereier abzuweichen; nur kleiner und theurer kamen sie mir vor. Dennoch verzehrte ich sie vergnügt als seltene Delicatesse.

Punkt zwei Uhr bestieg ich die Droschke und nach einer halben Stunde hatte ich Kunitz erreicht, ein stattliches Dorf mit durchweg massiven Häusern, die dem Dorf von fernher ein stadtähnliches Ansehen verleihen. Vom Wirthshause aus konnte man den See schon spiegeln sehen, da er hart ans Dorf grenzt. Sofort begab ich mich hinab zu demselben und kam eben in dem günstigen Augenblicke an, als eine Gesellschaft dreier Herren sich zur Abfahrt nach der Insel rüstete. Bereitwilligst wurde mir die erbetene Mitfahrt gestattet.

Der Himmel war hell, fast kein Lüftchen rührte sich, die Fläche des Sees erschien schwach gekräuselt, sein Wasser graugrün. Nach acht Minuten hatten wir den halben Weg zu der im Südosten des Sees gelegenen Insel, welche kaum über das Niveau des Wassers sich zu erheben schien und ihr Vorhandensein nur durch Randgesträuche und ab- und zufliegende Vögel documentirte, erreicht.

Noch war unsere Ankunft den Inselbewohnern unbemerkt geblieben. Nur ihre schwimmenden Cameraden wichen vorsichtig zur Seite oder flogen einzeln auf; der scheue, hier wohl seltene Hauben-Taucher verschwand stets, noch ehe wir seiner recht ansichtig werden konnten, unter Wasser, um an irgend einem andern Punkte unvermuthet wieder zu erscheinen; ebenso das weißblässige Wasserhuhn.

Eine Annäherung bis auf fünfhundert Schritt änderte Nichts in der Physiognomie der Insel. Jetzt aber wurden wir bemerkt und zwar zuerst von den unfern des Inselrandes zwischen Schilfrohr sich tummelnden Stockenten, welche in Reihen zu beiden Seiten der Insel, die Alten den Jungen voraus, abschwenkten, sodann von den am Rande selbst sitzenden Möven, die nun laut schreiend in mäßige Höhe sich erhoben und hier verweilten. Je näher wir kamen, desto größer wurde das Contingent der auffliegenden Möven, deren Nothgeschrei das Signal zum Erheben zunächst aller derer wurde, welche die uns zugekehrte Seite der Insel bevölkerten. Wir landeten an der Ostseite derselben, welche, um namentlich für die Enten geschützte Brüteplätze zu schaffen, mit einzelnen Saalweiden und Holundersträuchern bepflanzt worden ist. Davor befindet sich hier wie auf allen Seiten der nur einen Fuß über den Seespiegel sich erhebenden Insel ein Gürtel von Schilfrohr und Kolben, zwischen welchem die Taucher ihr schwimmendes, kunstlos aus Rohr- und Binsenresten bereitetes Nest befestigen. Wir sahen mehrere derselben, von ihren Eigenthümern natürlich im Stich gelassen.

Als wir die Insel betreten hatten, bat uns der mitfahrende sehr unterrichtete herrschaftliche Beamte, der umherliegenden Eier halber vorsichtig weiter zu gehen. Wir folgten ihm und fanden die Mahnung gerechtfertigt. Denn nach wenigen Schritten befanden wir uns auf einer hoch mit Gras und Kräutern bewachsenen Wiese; nur eine solche ist nämlich die etwa fünf Morgen große Insel. Der üppige über zwei Fuß hohe Graswuchs ist namentlich ein Product der Triebkraft des Guano, von welchem man in zwei Jahren circa zweihundertundfünfzig Fuder weggefahren hat. Zwischen und in den Gras- und Kräuterbüscheln liegen die Eier der Möven, welche ein wenig kleiner und spitzer als Hühnereier und von graugrüner mit dunkelbraunen Flecken durchsprengter Färbung sind. Es lagen nie mehr als zwei oder drei derselben beieinander, zum Theil auf ebener Erde ohne besondere Unterlage, zum Theil auf Gras- und Rohrresten. Ganz allerliebst kamen mir die erst ausgekrochenen Möven vor, sie glichen in der Färbung ihres Gefieders, das auf gelblichem Grunde überall braune Längsflecke zeigt, mehr der Eierschale, der sie entschlüpft, als ihrem spätern Colorit. Scheu krochen die armen Dingerchen zur Seite.

Inzwischen hatten die Herren ihre Büchsen in Anschlag gelegt. Ein Knall – und die ganze ornithologische Bevölkerung der Insel erhob sich mit einem immensen Schreien und Spectakeln in die Luft. Man hatte Noth, sich auf gewöhnliche Sprechweise zu verständigen, und durfte des herabfallenden Unraths halber nicht zu ungenirt aufblicken. Es war ein effectvoller Moment, dieses plötzliche Erheben des Gros, dieses Lärmen, Kreisen, Auf- und [519] Niederwogen, dieses Durcheinander, ein überaus reicher Lohn für die geringen Opfer der Excursion, wohl der bildlichen Darstellung werth.

Jeder folgende Schuß unter die fliegende Masse war in Bezug auf das Allgemeinbild wirkungslos, nur daß sie in der Richtung des Schusses momentan auseinander stob und sich höher erhob. Der Ornitholog nennt die hier zu Tausenden nistende Mövenart Larus ridibundus, Lachmöve. Hätte sie nicht Schwimmfüße, so würde ein flüchtiger Blick sie leicht für eine weiße Taube mit dunkelbraunem Kopf, graublauem Rücken und schwarzgesäumten Schwingen halten. Bekanntlich ist die Lachmöve gerade kein seltener Gast auf dem europäischen Festland; sie ist der wahre Spatz unter dem zum Theil sehr stolzen Geschlechte der Möven, ein unruhiges federfestes Kerlchen, das den Schnabel auf dem rechten Fleck hat und sich nicht genirt, so weit Flüsse und Seen ihm nach dem Süden hinwinken, selbst bis nach Ungarn, Italien und zum schwarzen Meere hin vorzudringen und seiner außerordentlich fruchtbaren Nachkommenschaft häusliche Heerde zu gründen. Ebenso ist sie in Amerika einheimisch geworden, in diesem Lande des Ueberflusses ein Pionier des Eierhandels der Zukunft, wo die Thiere des Waldes den Menschen vieler Städte Platz gemacht haben werden.

Da es im Interesse der Möven-Erhaltung liegt, in der Brütezeit möglichst selten und dann nur auf kurze Zeit die Insel zu betreten, so wurde das Signal zur Abfahrt gegeben und nur in Eile noch eine mineralogische Curiosität der Insel, ein grabhügelförmiger Granitblock (Rolandsfelsen) besichtigt, worauf wir die Rückfahrt antraten. Bald darauf stellte sich auch das normale Leben auf der Insel wieder her und die seitwärts echappirten Enten-Colonnen kehrten zurück. Unterwegs erfuhr ich über das Sammeln der Möveneier und ihre Verwerthung Folgendes. Die Möven kommen Ende März und ziehen im August wieder fort. Die Sammelperiode ist hauptsächlich der April, die Schonezeit der Mai und Juni. Der Sammler nimmt jedes Ei, das er findet. Die Menge der Eier steigt gradatim von zwanzig bis dreißig Schock täglich. Bei einem Jahresertrage von nahezu dreihundert Schock beträgt der Baarwerth ca. vierhundertfünfzig Thaler: eine ziemlich sichere Einnahme, die nur dann in Frage gestellt wird, wenn das Ablesen der Eier zu lange andauert. Letzteres ist auch hier während der Brütezeit am nachtheiligsten, weil alle der Brutwärme wenn auch noch so kurze Zeit ausgesetzten Eier sich nicht lange, oft nur wenige Tage halten. Daß das Einsammeln und Verpacken der Eier selbst seine besonderen Schwierigkeiten hat, ist klar, weil eben alle Vortheile der monarchischen Ordnung eines Hühnerhofs unerzielbar sind in dieser Möven- und Enten-Anarchie.

Nach genommener Rundschau über den nur im Osten von niedrigen Hügeln begrenzten, fünfhundert Morgen großen, eine Stunde im Umfange haltenden See, dessen Welse und Karpfen gesuchte Kaufsartikel der Liegnitzer sind, führten uns die Ruderer zum Lande. Den mir zugedachten Jagdantheil einer Möve nahm ich gern als willkommenes Andenken an die heutige schöne und überaus interessante Kahnpartie von meiner freundlichen Gesellschaft, die sich nun verabschiedete, an. Der Eilzug führte mich Abends spät wieder an der nun todtstill gewordenen Insel vorüber und Breslau zu.