Eine seltsame Cur

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: W.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine seltsame Cur
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 619–620
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[619] Eine seltsame Cur. Der Zufall hatte mich während der ersten Wochen meines Aufenthaltes in Paris im Jahre 1854 meine Wohnung in einem freundlichen Hause am südlichen Ende des Boulevard Bourbon nehmen lassen. Die Aussicht ging auf den Arsenalcanal und einen Theil des Platzes Mazas, bekannt durch sein großes Zellengefängniß. Von dem Arsenalcanal gehen zwei kleine Canäle, an welchen die Wäscherinnen singend und plaudernd ihre Arbeit verrichten, bis zu der Gegend, wo die Rue de la Contrescarpe beginnt. Meine Wirthsleute waren ein sehr junges, vielleicht ein Jahr verheirathetes Ehepaar, dessen ganze Familie in einem kleinen, vier Monate alten, rosigen Knäbchen bestand, dem Abgott des Vaters, wie der jungen hübschen Mutter. Herr Bernard, so hieß der junge Ehemann, war ein kleiner Beamter (Commis) im Finanzministerium; die junge Frau, Tochter eines würdigen Gewürzkrämers aus dem Marais, hatte ihrem Gatten wohl auch einige Tausend Franken jährlicher Rente als Mitgift mitgebracht, und so lebten denn die beiden jungen Leute mit einem Einkommen von 3–4000 Franken ganz glücklich und behaglich. Denn so hübsch Madame auch war, so tugendhaft war sie auch, und ihre Ehe wurde nicht durch Auftritte gestört, wie sie bei einem großen Theil der Pariser Gesellschaft so lange an der Tagesordnung sind, bis man sich gegenseitig „arrangirt“, d. h. sich die Erlaubniß gegeben hat, zu thun und zu lassen, was Jedem gefällt. Indessen – man kennt die Unbeständigkeit alles irdischen Glücks und die Versuchungen Asmodi’s.

Herr Bernard gerieth eines Tages in eine Gesellschaft Jugendfreunde, die einen Club im Café Bercy hatten und Monsieur Bernard zu einer Clubsitzung einluden, bei der man sehr viel Haut-Sauterne trank und jenes entsetzlich langweilige Domino spielte, in welchem die Franzosen von heut zu Tage einen Ersatz für vielen andern verbotenen Zeitvertreib zu suchen scheinen.. – So ein Junggesellen-Club ist für einen Ehemann eine sehr gefährliche Klippe, die Erinnerungen und Gewohnheiten des Garçonlebens tauchen wieder auf, der verführerische Einfluß des Kneipenlebens macht seine Macht geltend, und nur zu bald war auch für Bernard das Café Bercy seine zweite Heimath geworden, in die er sich flüchtete, sobald der Dienst in seinem Bureau zu Ende. Amelie, so hieß seine junge Frau, war über diese Umwandlung ihres Mannes, der jetzt oft drei bis vier Mal in der Woche spät Abends mit einem kleinen Rausch nach Hause kam, außer sich. –

Meine Wohnung war nur durch eine ziemlich dünne Wand von dem Schlafgemach der beiden Gatten getrennt, und so war ich Ohrenzeuge von Gardinenpredigten, die an Beredsamkeit und Energie des Ausdrucks denen Bossuets gleichkamen.

Aber – consuetudo est altera natura, sagt der Lateiner. Bei Monsieur Bernard war das abendliche Kneipenleben schon wieder zu sehr andere Natur geworden, als daß die Vorstellungen seiner jungen Frau, die jedenfalls weiter als er sah, und in diesem Anfang den Ruin ihres Glückes erblickte, ihn hätten von seiner Gewohnheit abbringen können.

Eines Abends – es war im Monat October – kam denn Herr Bernard gegen elf Uhr wieder aus dem Café Bercy mit einer sehr weinheitern Laune nach Hause zurück. Ich war noch wach und hörte, wie er mit einem lustigen Liedchen trällernd in das Zimmer seiner jungen Gattin trat.

„Guten Abend, meine Liebe,“ sagte er und bemühte sich vergebens, eine feste Haltung anzunehmen.

Die junge Frau antwortete nichts; offenbar kämpfte in ihrer Brust ein gewaltiger Entschluß. Endlich hatte sie sich so weit gefaßt, daß sie sprechen konnte, und indem sie ihren berauschten Mann bei der Hand ergriff und ihn zur Wiege des kleinen Gustav führte, sprach sie mit einer Entschlossenheit, welche den Zuhörer beben machte:

„Höre, Bernard, auf das, was ich Dir jetzt sage. Deine Lebensweise, die Du seit einiger Zeit führst, ruinirt uns; sie tödtet unser Glück und das unseres Kindes. Aber es ist ein langsamer, qualvoller Tod. Nun höre mich: ich will nicht diese Marter eines täglich sich wiederholenden Unglückes, ich fürchte mich vor diesem langsamen, qualvollen Tode und deshalb [620] schwöre ich Dir: das nächste Mal, daß Du wieder trunken nach Hause kommst, stürze ich mich mit meinem, mit unserem Kinde in den Canal.“

Bei dieser Drohung erbebte ich unwillkürlich, denn ich fühlte die Energie heraus, die in dem Tone der jungen Frau lag, und wußte auch, daß Bernard, so gutmüthig er auch war, doch auch seine Schwäche hatte. Indessen mußte die Drohung auch auf ihn Eindruck gemacht haben, denn er versprach seiner Frau, sich zu ändern, und in den nächsten zwei Tagen ging auch Alles gut. Bernard schien wieder in dem kleinen, freundlichen Hause am Boulevard Bourdon eingezogen zu sein.

Aber der Teufel läßt seine Beute nicht so leicht fahren! Am dritten Abende begegneten Bernard bei seiner Rückkehr vom Bureau einige Clubmitglieder und am Abend desselben Tages kam der leichtsinnige Gatte mit einem stürmischen Rausche nach Hause. Es war nach zehn Uhr, und ich lag noch im offenen Fenster und blickte hinaus in die sternenhelle Octobernacht und in die große Stadt, die vor mir ausgebreitet lag. Die junge Frau sprach kein Wort beim Eintritte ihres Mannes, stillschweigend setzte sie den Leuchter, den sie in der Hand hielt, auf den Tisch, ging noch ehe der bestürzte Ehemann ein Wort stammeln konnte, nach der Wiege und eilte, schnell, wie ein Vogel, mit ihrem Kinde zur Treppe hinunter, aus dem Hause und auf den Canal zu. Der Unglückliche stieß einen wilden Schrei aus und stürzte seiner Gattin nach. Doch diese hatte einen zu großen Vorsprung und er kam eben am Canal an, als er den plätschernden Fall des Kleinen in’s Wasser hörte. während Amelie, wie von Entsetzen über ihre That ergriffen, nach dem Hause zurückfloh. Es war im October und die Nacht schon empfindlich kalt, doch Bernard stürzte, ohne sich nur einen Augenblick zu bedenken, dem Kinde nach, ergriff das arme Kleine, dessen weite Nachtkleidchen sein schnelles Untersinken verhindert, und schwamm mit ihm an’s Land, wo er, bebend vor Frost und zitternd vor Freude, einen heißen Kuß auf des geliebten Kindes Mund drücken wollte – und entsetzt zurückfuhr, als er statt den rosigen Kindeslippen der borstigen Schnauze seines Hauskaters begegnete, der, in des kleinen Gustavs Kleider gewickelt, dem bestürzten Vater seinen Dank für die Rettung aus dem kalten Bade entgegenmiaute.

Ueber die weitere Entwickelung dieser zur Komödie so plötzlich verwandelten Tragödie schweige ich, da sie sich der Leser selbst denken kann; doch will ich nur so viel noch hinzufügen. daß Herr Bernard fortan wieder der solideste Ehemann wurde und Amelie die glücklichste Gattin, die sich nie wieder über ihres Mannes abendliches Ausbleiben zu beklagen brauchte. Er war curirt.
W.