Einer vom gescheiterten „Schiller“

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Titel: Einer vom gescheiterten „Schiller“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 459–462
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Einer vom gescheiterten „Schiller“.

Herr Franz Otto Schellenberg in Ebersbach bei Glauchau ist Einer der wenigen aus dem Schiffbruche des Hamburger Postdampfers „Schiller“ am 7. Mai dieses Jahres geretteten Passagiere; ihm verdanken wir die nachstehende Schilderung seiner Reise, des Schiffes und des Unglücks.

„Am 27. April Nachmittags drei Uhr verließ ich unter dem Jubel meiner Freunde den Landungsplatz in Hoboken, um zur Reise in die deutsche Heimath den ‚Schiller‘ zu besteigen. Wir fuhren langsam den North-River herab und gelangten gegen sechs Uhr nach Sandy Hook. Da das Schiff wegen seiner starken Belastung zu tief ging, um die bekannte Barre des New-Yorker Hafens bei dem niedrigen Wasser zu passiren, so mußte Anker geworfen und die Hochfluth des nächsten Vormittags abgewartet werden; gegen zehn Uhr wurden die Anker gehoben, und bei einer leichten Brise dampfte das stolze Fahrzeug in die hohe See.

Wir hatten, der Jahreszeit angemessen, eine rauhe Fahrt. Das Schiff lief sehr gut; war es doch nach Bau, Ausrüstung, Maschinerie und Equipage ein Postdampfer erster Classe. Durchschnittlich legten wir über dreihundert Meilen per Tag zurück. – Weniger erfreulich waren mir andere Wahrnehmungen; namentlich wandte ich den Rettungsapparaten meine Aufmerksamkeit zu und kam zu der – leider später bewahrheiteten – Ansicht, daß die sechs großen Boote in einem Falle der Noth kaum würden benutzt werden können. Die Krahne, an welchen sie hingen, waren jedenfalls seit dem Baue des Schiffes nicht gedreht worden und darum so eingerostet, daß ihre Handhabung fast unmöglich sein mußte, auch wenn nicht außerdem noch die Taue, welche durch einen Flaschenzug laufen müssen, um die Boote zu halten und niederzulassen, so dick mit Farbe überschmiert gewesen wären, daß sie nicht in den Kloben gehen konnten. Bei zwei kleinen Booten, welche vom Capitain und von den Matrosen häufig im Hafen gebraucht worden waren, fand sich Alles in bester Ordnung.

Dieselbe dicke Farbenschmiererei machte die Kanone unbrauchbar; hier war der Hahn, der, durch die Schnur angezogen, das Zündhütchen zu treffen und dadurch den Schuß zu entladen hat, so fest mit Farbe verklebt, daß ich ihn mit aller Gewalt weder auf- noch zubringen konnte. Auf welche Weise dennoch die Nothschüsse möglich gemacht wurden, habe ich leider bald genug zu erzählen.

Ich bin schon viel zur See gewesen, aber noch immer habe ich gesehen, daß bei ruhiger Fahrt die Boote herabgelassen und die Kanonen abgeschossen, also beide probirt wurden, um ihrer Brauchbarkeit jederzeit sicher zu sein. Diese Vorsichtsmaßregeln wurden auf dem ‚Schiller‘ nicht angewendet.

Vom 6. bis zum 7. Mai hatten wir dreihundertfünfundvierzig Meilen zurückgelegt. Der 7. Mai war ein sehr nebeliger Tag; nur zwischen ein und zwei Uhr Mittags brach die Sonne durch, und in dieser Zeit stellte der Capitain Beobachtungen an.

Gegen Abend befanden sich sehr viele Passagiere auf dem Verdeck, denn es war uns gesagt worden, wir würden gegen zwölf Uhr Land sehen. Ich für meine Person wollte lieber auf diesen Anblick verzichten, als aufbleiben; ich hatte den ganzen Tag auf dem Verdecke zugebracht und war sehr müde. Dennoch bat ich einen Freund, mich, wenn das Land wirklich in Sicht sei, zu wecken, denn nach so langem Schaukeln auf den Wogen freut man sich doch, den Blick wieder auf etwas Festes zu richten.

Auf dem Wege nach meinem Zimmer war ich am Steuerhause vorbeigegangen, um nach der Uhr zu sehen. Es war genau neun Uhr fünfundvierzig Minuten. Ich war eben im Begriffe, mich auszukleiden, als ich durch ein Gerassel aufgeschreckt wurde, welches ich anfangs für das Geräusch beim Herablassen der Ankerkette hielt. Aber doch sogleich Gefahr ahnend, eilte ich wieder dem Verdecke zu. Auf der Treppe verspürte ich mehrere kräftige Stöße des Schiffes, und nach meinem ersten Schritte oben erfolgte der letzte und heftigste Stoß: wir saßen fest. Ich glaube, das Schiff ist mehrere Hundert Fuß weit über Felszacken hingefahren, was das Rasseln und Stoßen verursachte, bis es beim letzten Stoße an einen hohen Felsen anrannte, welcher nun an der linken Seite desselben mehrere Fuß hoch über das Wasser aufragte. Gleich darauf ertönte die Dampfpfeife, und ich hörte, wie der Dampf abgelassen wurde.

Die Verwirrung war im Augenblicke sehr groß, denn Alles, was eben munter war, stürmte auf das Verdeck, und Andere, die sich daselbst befunden hatten, eilten zu den Zimmern und Kajüten hinab, um die Ihrigen zu wecken und zu retten. Ich stand in der Nähe der Brücke, als die Feuerleute aus ihren Räumen heraufkamen und meldeten, daß unten das Schiff schon voll Wasser sei. Da mein Zimmer vor der zweiten Kajüte, eine Treppe über dem Zwischendecke, lag, so stieg ich eiligst noch einmal hinab, um einen Rock anzuziehen. So rasch dies geschah, so sah ich doch, als ich wieder aus meinem Zimmer herauskam, das Zwischendeck schon voll Wasser. Ich glaube, daß viele Personen, welche bereits im Schlafe lagen, dort jetzt schon ihren Tod gefunden hatten, und wenn dies geschah, dann sind sie von den vielen Unglücklichen als die Glücklichsten zu preisen – gegenüber den furchtbaren Todesschrecken der Anderen, deren Zeuge ich bald werden sollte.

Beim Heraustreten aus meinem Zimmer fiel mir ein, daß da, wo die erste Treppe zum Zwischendeck führt, an der Decke sich ein Gefach befindet, in welchem die Rettungsgürtel (life preservers, Lebensretter, Schwimmgürtel) aufbewahrt wurden. Vergebens versuchte ich dasselbe zu öffnen. Auch hier waren durch öfteres Ueberstreichen mit Farbe nicht nur die Ritzen, sondern auch die Charniere der Thür so verklebt, daß mir und meinen herzugekommenen Freunden nichts Anderes übrig blieb, als das gewaltsame Erbrechen der Thür. Während nun diese Gürtel vertheilt wurden, kehrte ich mit dem von mir behaltenen in mein Zimmer zurück. Ich hatte nämlich beim Umbinden desselben überlegt, daß der Rock mich im Schwimmen hindern werde; deshalb zog ich diesen wieder aus und hing die Decken meines Bettes um die Schultern. Als ich so ausgerüstet wieder auf das Verdeck kam, lachten mich meine Freunde über meinen Aufzug aus, so sicher fühlte man sich wieder in diesem Augenblicke.

Während wir nämlich vor dem Rettungsgürtel-Gefache beschäftigt waren, hatten die Officiere und der Capitain Thomas alles Mögliche aufgeboten, um die Passagiere zu überreden, daß „der Unfall nichts zu bedeuten habe“, sondern daß das Schiff ruhig bis zum Morgen hier liegen bleibe und dann Alles an das nahe Land gebracht werde. Ob überzeugt oder nicht, die Mehrzahl der Passagiere kehrte in die beiden Kajüten zurück, viele hatten sie noch gar nicht verlassen, weil dort, wo bis jetzt noch kein Wasser eingedrungen, allerdings auch von Gefahr nicht viel zu sehen war. Dennoch soll, wie ich gehört zu haben glaube, wenigstens die zweite Kajüte von außen verschlossen worden sein.

Mit einigen jungen Männern, welche ebenfalls keinen Glauben an die verheißene Sicherheit hatten, war ich auf dem Verdeck geblieben. Hier sahen wir, wie ein Officier mit mehreren Matrosen auf dem Vorderdeck die Anker löste; sie brauchten nur wenige Fuß Kette, um Grund zu finden. Es mochte etwa zehn Uhr geworden sein. Von da bis halb zwölf Uhr, also volle anderthalb Stunden, lagen wir ganz ruhig. In dieser langen Zeit hätten alle bis dahin noch Lebenden in die sechs großen, sehr tüchtigen Boote gerettet werden können, wenn dieselben benutzbar gewesen wären und wenn man überhaupt zu rechter Zeit Anstalt dazu getroffen hätte. Jedenfalls würden sie ebenso [460] sicher, als später die beiden kleinen Boote, mit einem großen Theil der Mannschaft das Land erreicht haben.

Erst als nun, bei eintretender Fluth, einzelne kleine Wellen über Deck kamen, brachten der Capitain und einige Matrosen die Kanone auf das Vordertheil des Schiffes. Ich stand dabei, als das Stück geladen und das Zündhütchen aufgesetzt wurde; wie ich voraus wußte, war das Entladen des Schusses nicht möglich, der Hahn rührte sich nicht. Da sprang einer meiner Freunde, welcher bei der Artillerie gedient hatte, Wilhelm Koch aus Hannover, bei, und weil dieser sofort erkannte, daß mit dem verwahrlosten Geschütz so nichts anzufangen sei, holte er von der rechten Seite der Brücke, wo Raketen und andere Feuersignale abgebrannt wurden, eine Rakete herbei, entzündete sie und löste mit ihr den Schuß. Auf diese Weise feuerte er etwa sechs oder sieben Mal. Ich glaube nicht, daß es den Matrosen gelungen wäre, ohne seine Hülfe auch nur einen einzigen Schuß abzufeuern.

Während derselben Zeit, also erst nachdem die Fluth ihre Wirkung auf das Schiff begonnen hatte, wurden die größten Anstrengungen gemacht, die großen Boote herabzulassen. Warum dies nicht gelang, habe ich bereits gesagt. – Es war jetzt ungefähr halb ein Uhr. Die Wellen kamen öfter und immer stärker über Deck, und die Verwirrung wuchs mit jedem Augenblicke, denn um diese Zeit mag es gewesen sein, wo die in die zweite Kajüte Eingesperrten die Thür sprengten und auf das Verdeck stürmten. Jetzt machten die Passagiere selbst den Versuch, die Boote herabzulassen, und es entstand um dieselben ein furchtbares Gedränge. Da feuerte der Capitain drei Revolverschüsse über die Köpfe ab, um die Menge von den Booten zurückzuhalten und sie in die Kajüten zurückzutreiben. Eine große Anzahl der Passagiere begab sich wirklich wieder dorthin. Diejenigen, welche auf dem Deck blieben, mußten sich größtenteils in das Steuerhaus und Kartenzimmer zurückziehen; mich und einige meiner Freunde wies man in einen kleinen Behälter neben dem Steuerhause, in welchem Eimer, Taue und dergleichen aufbewahrt wurden. Mit jeder Minute wuchs die Wucht der Wellen und mit ihr die Erschütterung des Schiffs.

Da brach das Unglück in seiner furchtbaren Gewalt herein und forderte der Tod gleich ein Massenopfer. In zwei der großen Boote, die, weil sie wenigstens sechs Fuß über dem Decke schwebten, den Wellen noch nicht immer ausgesetzt waren, hatten sich soviel Passagiere geflüchtet, als sie nur fassen konnten. Da, mit einem Wogenschlage, stürzt der hintere Schornstein um und mitten auf das eine der Boote. Das Jammergeschrei war herzergreifend. Aber während man den Gedanken an so viele mit einem Schlage verlorene Menschenleben noch nicht recht fassen konnte, riß am anderen Boote das eine der Taue, und alle Insassen stürzten in’s Meer und wurden von den Wogen spurlos fortgeschwemmt.

Mit dieser Katastrophe hatte alles Abschließen der Passagiere ein Ende; von jetzt an hieß es nur noch: Rette sich, wer kann! – Auch ich verließ mein Zwangsversteck und suchte einen Platz auf der Officiersbrücke zu gewinnen, auf welcher schon eine große Anzahl Männer, Frauen und Kinder zusammengedrängt standen. Von hier aus bemerkte ich, daß mehrere Personen, darunter der erste und vierte Officier, sich zu den Masten hinauf gearbeitet hatten. Sofort suchte ich ihrem Beispiele zu folgen. Ich brach mir durch die Wellen, die längst des Verdecks Herr waren, Bahn zu dem Vordermaste und erfaßte glücklich die Strickleiter. Kaum hatte ich die ersten Stufen auf derselben erklommen, so kam eine furchtbare Welle und spülte Alle, neben welchen ich wenige Augenblicke zuvor auf der Brücke gestanden hatte, all die Männer, Frauen und Kinder, in’s Meer.

Die Fluth wuchs noch immer; jeder kommende Augenblick sendete verheerendere Wellen gegen das Schiff. Schon waren mehrere Männer an meiner Seite von den Wogen fortgerissen, und doch konnte ich auf der Leiter nicht höher kommen, denn an ihr hing bis oben Mensch an Mensch. Endlich erfaßte ich ein vom Maste herabhängendes Tau, das der Wind umher warf, schwang mich mit Hülfe desselben zu der Kette hin, welche am Maste hinausläuft, und erreichte durch Klettern den Mastkorb.

Nachdem ich aus der entsetzlichen Aufregung wieder zum Gebrauche meiner Sinne gekommen war, sah ich die ganze grauenvolle Scene mit all ihren einzelnen gräßlichen Bildern unter mir. Und wenn ich hundert Jahre alt werde, einzelne dieser Bilder werden immer vor meinen Augen stehen. Da klammerten vier Frauen, mit ihren Kindern auf den Armen, sich an eine Bank fest; mit übermenschlicher Kraft kämpften sie gegen die sie überströmenden Wellen, und markerschütternd drang ihr Hülfe- und Weheschrei herauf, so oft die Welle wieder eines von ihnen fortgerissen hatte. Gewiß eine halbe Stunde dauerte dieser Todeskampf, bis eine mitleidigere Woge den Rest mit sich nahm. – Fast noch entsetzlicher war der Nothschrei eines Mannes, der mit einem Beine unter die Ankerkette gekommen war und, von den Wellen hin- und hergerissen und überfluthet, sich nicht selbst aus seiner verlorenen Lage befreien konnte. Niemand, der nicht sofort in die See geschwemmt sein wollte, konnte ihm helfen. So ward sein Schreien zum Jammern, bis er, nach einer halben Stunde, auch still geworden war.

Das Schiff war nun wie ausgestorben. Alle, welche des Capitains Weisung in die Kajüten gefolgt waren, hatten längst ihr nasses Grab gefunden. Der Capitain selbst stand zu dieser Zeit auf der Brücke, neben ihm der Quartiermeister und unweit von Beiden an der Ecke ein Mann, den ich nicht genau erkennen konnte. Welle um Welle stürmte über sie hin, und dennoch hielt die Todesangst sie am Geländer fest. Schon waren dem Capitain die Beinkleider vom Leibe gerissen, und immer noch tauchten nach jedem Wogengange die drei Männer wieder auf. Endlich traf den Quartiermeister das Abschiedsloos. Von einer Welle gepackt, verlor er den Standpunkt, rang zwar mit den Wogen so glücklich und schwamm so gut, daß er sich zur Brücke zurückarbeitete, aber in demselben Augenblicke, wo er festen Fuß fassen und sich aufrichten wollte, kam eine zweite Welle und schleuderte ihn in’s Meer.

Gleich darauf wurde der Capitain vom Geländer losgerissen. Es gelang ihm wohl, ein Tau zu erfassen, das, wenn ich nicht irre, von einem Maste zum andern läuft; an diesem hing er bald in der Luft, bald von den Wogen überfluthet, aber nicht lange: noch ein Wogenschlag und auch er war verschwunden, und mit ihm zugleich der dritte und letzte Mann auf der Brücke. Jetzt war in der Tiefe Alles todt; das einzige Leben des Schiffes war nur noch an und bei den Masten zu finden.

Eine Stunde – und welche Stunde! – mochte mir so vergangen sein, da bemerkten wir zwischen Himmel und Meer Schwebenden ein Licht, welches immer größer zu werden oder sich uns zu nähern schien. Allen ging da neue Lebenshoffnung auf; Alle glaubten ein herannahendes Schiff zu sehen. Es war Täuschung. Wir sahen nur den Leuchtthurm von Bishop’s Rock. – Da stand ich nun, den einen Fuß auf dem Mastkorb, den andern auf dem schiefliegenden Mast, jeden Augenblick vom Tode bedroht, denn die Wellen schlugen so hoch, daß ich oft den Halt der Füße verlor und, mich an dem Tau festhaltend, wie eine Fahne in der Luft schwebte. Es gehörte das Anspannen aller Geisteskraft dazu, keinen Augenblick den Körper zu vergessen, und ein eiserner Wille, die heranschleichende Schwäche zu besiegen. Die Ermattung forderte schon viele Opfer; fast jede mächtigere Woge riß einen oder mehrere der an den Strickleitern Festgeklammerten mit fort. Dieses Loos traf jetzt auch den „Obersteward“ des Schiffes, der sich, wie es mir schien, mit seiner Frau zusammengebunden hatte.

Endlich graute der Morgen. Da lag der Leuchtthurm vor uns und rings um uns her ragten die Klippen aus dem Wasser hervor. Wohl glaubten wir jetzt die Rettung uns wieder näher, aber auch die Todesgefahr wuchs von Minute zu Minute: die Masten legten sich immer mehr auf die Seite, und mit dem Falle derselben war unser Todesurtheil besiegelt. Vom Deck war längst nichts mehr zu sehen, seit zwei Uhr stand die See fünfzehn Fuß hoch darüber.

Da ertönte plötzlich ein furchtbarer Angstschrei: der hintere Mast war gefallen und mit allein, was sich an ihm gerettet hatte, augenblicklich untergegangen. – Und darnach wieder tiefste schauerlichste Ruhe – und wieder neue Hoffnung! Zwei kleine Fahrzeuge kommen heran, Fischerboote von den Scilly-Inseln, zu denen auch unsere Strandungsklippen gehören. Nur Minuten vorher das Unglück des Hintermastes und der Weheruf, – und Keiner der noch Uebriggebliebenen kann sich’s versagen, jetzt in den Freudenruf einzustimmen, der zu den Fischerbooten hinübergesendet wurde. Und doch war auch diese Hoffnung vergeblich [461] gewesen. Die beiden Schiffchen kamen gar nicht in unsere Nähe; von den mit dem Hintermast in See Gestürzten mußten noch Manche sich durch Schwimmen und Schwimmgürtel über dem Wasser erhalten haben; mit diesen füllten die Fischer ihre kleinen Boote und waren bald unserm Gesichtskreis wieder entschwunden.

Jetzt kam’s auch an mich. Ein starker Windstoß, welcher sich in die gelösten Segel legte, trieb plötzlich unsern Mast nach der Seite, ich verlor den Halt und stürzte in die See. Ich muß sehr tief unter Wasser gewesen sein, denn es dauerte geraume Zeit, bis ich wieder an die Oberfläche kam. In demselben Augenblick sah ich noch die Spitze unseres Mastes im Meer verschwinden. Es mochte sieben Uhr des Morgens sein.

Rings um mich her kämpfte noch eine große Anzahl meiner Leidensgefährten mit dem Elemente um das Leben – Jedes für sich. Aber ehe ich mich’s versah, hatte eine Welle mich weit von ihnen hinweggetragen. Mein Rettungsgürtel bewährte sich als vortrefflich, aber wenn er mich auch über Wasser erhielt, so konnte ich doch, so oft die Wellen über mir zusammenschlugen, den Athem nicht lange genug anhalten, bis der Kopf wieder frei war. Während ich so herumtrieb, stieß ich an einen andern Leidensgefährten, aber der war schon todt. Dennoch erfaßte ich ihn und hielt mich an ihm fest. Wohin ist die Scheu des Lebenden in der Todesnoth! Wohl eine halbe Stunde schwamm ich mit dem Leichnam herum und ließ ihn erst los, als ich Aussicht hatte, einen besseren Stützpunkt zu finden. Ein Matrose kam mit einem Thür- oder Fensterrahmen dahergeschwommen, als ich aber ebenfalls Gebrauch davon machen wollte, verwehrte er mir dies, weil das Holzstück nicht stark genug für zwei Mann sei.

Beim Abwenden von diesem vergeblichen Versuche sah ich vor mir ein langes Brett schwimmen, erreichte und erfaßte es, legte meine todtmüden Arme auf dasselbe und ließ die Wellen mit mir spielen. Aber auch dies blieb nicht lange gefahrlos: die Ruhe durfte nicht den Schein der Leblosigkeit annehmen, wenn sie nicht die Gier der Raubvogel auf sich ziehen wollte. Ich gerieth in wirkliche Furcht vor diesen großen Seevögeln, die häßlich kreischend und pfeifend so nahe an mich heran und an mir vorüberflogen, daß ich den Wind von ihrem Flügelschlage im Gesichte fühlen konnte. Mein Geschrei bei ihrer Annäherung verscheuchte sie wohl, aber schon nach kurzer Zeit kehrten sie immer wieder zurück.

Die Schwäche erreichte endlich auch bei mir ihr höchstes Maß. Zuerst fühlte ich meine Beine, leblos werden; ich versuchte sie aneinander zu reiben, aber das konnte ich nicht mehr. Dann kam die Kraftlosigkeit auch in die Arme; ich mußte sie vom Brette herablassen. Und nun verließ mich die Besinnung.

Als ich wieder zu mir kam, trugen zwei Männer mich eine Straße entlang. Es waren zwei Fischer, die mich in ihr Boot gehoben hatten. Ich befand mich auf St. Mary, der größten der Scilly-Inseln, wo alle Ueberlebende dieser ‚Schiller‘-Fahrt die beste Pflege gefunden haben.“


Hiermit schließt unser Schellenberg. Seine Erzählung trägt durchaus den Stempel der Wahrheit; es ist deshalb von Wichtigkeit, daß sie in mehreren von der Hamburger „Rheder-Presse“ bestrittenen Dingen genau mit dem Berichte des Herrn Ludwig Niederer in Ellwangen übereinstimmt. Namentlich hat auch unser Gewährsmann sich überzeugt von der Verwahrlosung der großen Boote und der Kanone; er fügt noch hinzu, daß mit der beliebten Ueberschmierung, die diesen bis zur Unbrauchbarmachung zu Theil geworden, auch die Thür zu einem Rettungsgürtel-Behälter nicht verschont geblieben sei. Auch er giebt an, und zwar ziemlich uhrgenau, daß anderthalb Stunden lang das Schiff ruhig lag, keine Welle auf das Deck schlug, folglich auch die See verhältnißmäßig ruhig war, daß aber diese Zeit nicht zur Rettung so vieler Menschenleben benutzt wurde. Ebenso berichtet Herr Niederer, daß zu den einzigen praktikablen zwei kleinen Booten sich die Mannschaft „rücksichtslos vorgedrängt“ habe. Da uns noch keine Widerlegung der Angaben des Herrn Niederer vor Augen gekommen ist, sie aber zur Vervollständigung des Unglücksbildes wesentlich gehören, so theilen wir sie mit, ohne jedoch die Vertretung derselben zu übernehmen und natürlich zu jeder Berichtigung von kompetenter Seite bereit. Das ist auch der Fall mit dem, was er von Hamburg erzählt. Dort machte er, als einer der so wenigen geretteten Passagiere des Schiffs, noch die Erfahrung, daß die Schiffahrtsgesellschaft ihm eine Unterstützung versagte, weil er gegen ihr Interesse gesprochen habe; Herr Niederer verlangte jedoch nur das Fahrgeld von Hamburg nach München zurück, das er in New-York vorausbezahlt hatte.

Einem deutschen Correspondenten in London hat sich noch eine andere sehr ernste Betrachtung aufgedrängt. Er sagt: „Der ‚Schiller‘ hatte sicherlich die besten Admiralitätskarten des Canals an Bord; das Fahrwasser um die Retarrier-Felsengruppe (die Klippenreihe bei den Scilly-Inseln, auf welcher der Dampfer auffuhr) beträgt bis auf anderthalb Meilen von derselben siebenundvierzig Faden (à sechs Fuß); von dieser Entfernung ab verringert [462] sich dasselbe langsam nach und nach bis auf zweiundzwanzig Faden, und bis auf vierzehn Faden östlich, wo das Schiff auffuhr. Das Auswerfen des Senkbleies hätte mit absoluter Gewißheit den Capitain belehren müssen, daß er sich außerhalb seines Courses befinde und dem Felsen zusteuere. Die Nothwendigkeit, das Senkblei bei undurchdringlichem Nebel und in solcher Nähe der Küste auszuwerfen, leuchtet wohl Jedermann ein und braucht nicht erst näher erörtert zu werden. Doch darüber herrscht Zweifel; einige Passagiere behaupten, dies sei geschehen, andere wissen nichts davon.“

Auch dieser Zweifel ist gehoben, und leider lautet die Zeitungsnotiz darüber so; „Die Aussage des ersten Officiers des Dampfers ,Schiller’, Heinrich Hillers, der jüngst in London vor dem Board of Trade (Handelsgericht) vernommen wurde, wirft ein böses Licht auf die Leiter dieses verunglückten Schiffes. Dieser Mann gestand, daß das Senkblei weder an dem Abende, als das Schiff auffuhr, noch am Tage vorher ausgeworfen worden sei.“

Wenn das Kind ertrunken ist, deckt man den Brunnen zu. Aber wenn man ihn nur zudeckt! Wir sind bereits daran gewöhnt, alle Besserungen auf solchen Gebieten voller Mängel vom Reiche zu erwarten; möge nach der entsetzlichen Schiller-Katastrophe diese Erwartung nicht getäuscht werden!