Einige Bemerkungen über die Bildung der Gangmassen

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Autor: Gustav Bischof
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Titel: Einige Bemerkungen über die Bildung der Gangmassen
Untertitel:
aus: Annalen der Physik und Chemie, Band LX
Herausgeber: Johann Christian Poggendorff
Auflage:
Entstehungsdatum: 1843
Erscheinungsdatum: 1843
Verlag: Johann Aambrosius Barth
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Erscheinungsort: Leipzig
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[285]
VI. Einige Bemerkungen über die Bildung der Gangmassen;
von Gustav Bischof.


Im verflossenen Sommer habe ich frühere Versuche wieder aufgenommen, den Processen nachzuforschen, wodurch die so mannichfaltigen Bildungen der Gangmassen in den Erzgängen entstanden sind. Es ist klar, daß man hierbei nur solche Mittel anwenden kann, von denen mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, daß sich derselben die Natur bedient habe. So wie die Wasserdämpfe es sind, welche bei vulkanischen Erscheinungen die Hauptrolle spielen, das Emporsteigen der Lava etc. bewirken, eben so ist zu vermuthen, daß dieses Agens nicht bloß diejenigen Gangmassen aus dem Inneren der Erde in die Spalten geführt habe, welche nur diesen Ursprung haben können, sondern daß es auch im Laufe der Zeit die mannichfaltigsten chemischen Veränderungen in ihnen hervorgebracht habe. So lange, als in den Gängen die Communication zwischen dem Inneren der Erde und ihrer Oberfläche, wenn auch in beschränktem Maaße, stattfand, mußten die Gewässer, welche durch diese Spalten nur bis dahin drangen, wo Siedhitze herrschte, in Dämpfe sich verwandeln. Diese Wasserdämpfe mußten die in den Gängen abgelagerten Massen erhitzen, und, je nach ihrer Natur, zersetzen, verändern und zu neuen Bildungen Anlaß geben. Wenn man daher in unseren Laboratorien die Gangmassen ebenfalls der Wirkung der Wasserdämpfe aussetzt, so ahmt man gewiß Processe nach, die in der Natur von Statten gegangen sind. Bringt man dadurch Veränderungen in ihnen hervor, wie wir sie an ihnen in den Gängen wahrnehmen, so ist der Schluß wohl begründet, daß diese Veränderungen durch die Wasserdämpfe bewirkt worden seyen. Ist es bei unseren [286] Versuchen erforderlich, die Substanzen, welche der Wirkung der Wasserdämpfe ausgesetzt werden, mehr oder weniger stark zu erhitzen, um in einer kurzen Zeit merkliche Veränderungen hervorzubringen: so ist sogar der Schluß erlaubt, daß in der Natur schon durch die gewöhnliche Hitze der Wasserdämpfe dieselben Veränderungen in einer langen Zeit hervorgebracht worden sind. Es steht übrigens der Annahme nichts entgegen, daß, wenn die Erhitzung der Gewässer in größeren Tiefen unter Pressung erfolgte, die Wasserdämpfe bis zu Temperaturgraden erhitzt werden mußten, welche mehr oder weniger die Siedhitze unter dem einfachen Luftdrucke überstiegen.

Schon a priori läßt sich schließen, daß, wenn die Gangmassen Jahrtausende diesen Wirkungen der Wasserdämpfe ausgesetzt blieben, die intensivsten Veränderungen eintreten mußten. Nun kommen aber in der Natur noch andere Agentien hinzu, die, wie namentlich die Bildung der Mineralquellen zeigt, noch jetzt ihr Spiel treiben. Besonders ist es die Kohlensäure, jenes in seiner Bedeutung noch immer nicht genug gewürdigte Agens, welches theils die Wirkung der Wasserdämpfe unterstützt, theils für sich allein Zersetzungen und neue Bildungen veranlaßt. Erwägt man, daß die Kohlensäure in ungeheuren Strömen nicht bloß in Gegenden auftritt, wo thätige oder erloschene Vulkane sich finden, oder wenigstens Spuren ehemaliger vulkanischer Thätigkeit sich zeigen, sondern auch an Stellen, wo wir bloß neptunische Bildungen wahrnehmen, erwägt man, daß namentlich aus Bohrlöchern, die nach Salz führenden Schichten getrieben worden, oft die bedeutendsten Kohlensäuregas-Exhalationen ausströmen, so muß man annehmen, daß der Proceß, welcher diese Gasentwicklungen hervorruft, eine sehr allgemeine Verbreitung im Inneren der Erde haben müsse.

Indeß Kohlensäure-Exhalationen sind nicht die einzigen [287] Gasentwicklungen aus dem Erdinnern: auch brennbare Gase, Schwefelwasserstoff- und Kohlenwasserstoffgas treten hier und da als eine sehr frequente Erscheinung auf. Auch diese Gase werden daher hier und da auf die Umbildung der Gangmassen eingewirkt haben.

Diese Andeutungen zeigen schon den Weg, welchen ich eingeschlagen habe, um die Natur in ihren Bildungen und Veränderungen der Gangmassen nachzuahmen. Einige der Resultate, welche ich bereits erhalten habe, theile ich hier mit. In einem Werke, woran ich in diesem Augenblicke arbeite, und das bis nächste Ostern erscheinen wird, findet sich das Ausführlichere hierüber. Das kürzlich von Blum erschienene schätzenswerthe Werk: »Die Pseudomorphosen des Mineralreichs, Stuttgart 1843,« unterstützte mich recht sehr in meinen Untersuchungen, indem die von ihm beschriebenen Erscheinungen mir häufig den Weg zeigten, der einzuschlagen ist, um der Natur auf die Spur zu kommen. Auch das mit vielem Fleiße ausgearbeitete Handbuch der topographischen Mineralogie von Gustav Leonhard, Heidelberg 1843, diente als guter Wegweiser; denn das Zusammenvorkommen verschiedener Gangmassen, die Art ihres Nebeneinanderseyns giebt nicht selten Winke über die Processe der Veränderungen und Umbildungen in den Gangmassen.

Ich habe unter andern die Schwefelverbindungen des Bleis und Silbers der Wirkung der Wasserdämpfe unterworfen, und es ergab sich als allgemeines Resultat, daß diese Schwefelmetalle dadurch zersetzt werden.

Bei der Anwendung des Bleiglanzes habe ich nebst den Wasserdämpfen auch Kohlensäuregas zu Hülfe genommen. Es scheint aber, daß das letztere nicht wesentlich für die bewirkten Zersetzungen ist, sondern daß die ersteren allein dazu hinreichend sind. Weitere Versuche hierüber werden entscheiden.

Wird Bleiglanz in einer Porcellan oder Glasröhre [288] mäßig erhitzt, und lange nicht so weit, daß er zum Schmelzen kommt, während beständig fort Wasserdämpfe über ihn streichen, so entwickelt sich Schwefelwasserstoff- und Schwefligsäuregas, und der Bleiglanz wird reducirt. Ich habe zwar diese Versuche nicht so lange fortgesetzt, bis aller Bleiglanz reducirt wurde, sondern mich begnügt, diese Zersetzung bloß constatirt zu haben; es ist aber wohl kaum die vollständige Zersetzung zu bezweifeln, wenn der Versuch lange genug fortgesetzt wird. Uebergießt man den so zersetzten Bleiglanz mit destillirtem Wasser und läßt ihn damit in Berührung mehrere Wochen lang stehen, so tritt die bekannte Erscheinung ein, daß sich das reducirte Blei mit kohlensaurem Bleioxyd überzieht. Jene Zersetzung des Bleiglanzes durch Wasserdämpfe bietet interessante chemische Verhältnisse dar, von denen jedoch hier zu sprechen, Raum und Zeit nicht gestattet.

Diese Versuche, welche ich noch fortsetze, lassen hoffen, die Aetiologie der mannichfaltigen Umbildungen nachzuweisen, welche der Bleiglanz in der Natur erlitten hat. Ja es scheint, daß dieses Erz die einzige primitive Bleiverbindung ist, aus welcher alle übrigen Bleierze hervorgegangen sind.

Können wir zwar nicht wohl annehmen, daß die Natur gerade so operirt habe, wie ich bei meinen Versuchen, so ist doch gewiß keine Frage, daß die lange Dauer der Einwirkung der Wasserdämpfe auf Bleiglanz die künstliche Erhitzung desselben ersetzt habe. Die Hitze, welche der Bleiglanz von den Wasserdämpfen erhielt, war daher ohne Zweifel hinreichend für seine Zersetzung durch sie. Auch bei meinen Versuchen, wo ein ununterbrochener Strom bedeutender Quantitäten Wasserdampf mit dem erhitzten Bleiglanz in Berührung kam, konnte die Temperatur des letzteren nicht sehr viel über 80° R. steigen, da durch die Dämpfe eine beständige Abkühlung herbeigeführt wurde.

[289] Bei diesen Versuchen zeigte sich noch eine andere Erscheinung, die vielleicht Licht auf die Art und Weise des Eindringens des Bleiglanzes in die Gangspalten wirft. Die Wasserdämpfe führten nämlich eine nicht unbedeutende Menge davon bis zu einer Entfernung von mehreren Fuß fort. Der Bleiglanz wurde in Stücken angewandt, und das was von ihm unzersetzt durch die Wasserdämpfe fortgeführt wurde, bildete einen ganz feinen Staub. Diese Erscheinung ist nicht neu; denn man weiß, welche beträchtliche Quantitäten Bleiglanz beim Schmelzprocesse in Schachtöfen fortgeführt werden, weshalb auch in neuerer Zeit die Gichtgase in Bleikammern geleitet werden.

Verknüpft man damit die bekannte Erscheinung, daß mehrere Substanzen durch die Wasserdämpfe in Temperaturen verflüchtigt werden, welche weit unter ihrem Siedpunkte liegen, ja daß sogar Stoffe, welche in keiner uns bekannten Temperatur sich verflüchtigen, durch sie fortgeführt werden, so wird man von selbst auf die wichtige Bedeutung geführt, welche die Wasserdämpfe auf die Ausfüllung der Gänge von unten herauf gehabt haben mögen. Ich erwähne hier nur die Verflüchtigung des Quecksilbers durch Wasserdämpfe, die Verflüchtigung des Salzes beim Sieden der Soole, und, als einen der merkwürdigsten Fälle, die Verflüchtigung der Kieselerde in einem Fayence-Ofen durch Wasserdämpfe.

Mit größer Leichtigkeit geht in ganz kurzer Zeit die Zersetzung des künstlichen Schwefelsilbers (das natürliche habe ich noch nicht versucht) durch Wasserdämpfe von Statten. Besonders interessant ist es in geologischer Beziehung, daß diese Zersetzung bei geringer Hitze, wobei das Schwefelsilber noch lange nicht zum Schmelzen kommt, viel leichter bewirkt wird, als in der Schmelzhitze. Bei einer Temperatur, die unter der Schmelzhitze des Zinks liegt, wurden auffallende Zersetzungen bewirkt. Das reducirte Silber erschien in denselben, baummoos- und drahtförmigen Gestalten, wie das gediegene Silber. [290] Nicht bloß also wird Zersetzung des Schwefelsilbers bewirkt, sondern das reducirte Silber efflorescirt aus der Masse und bildet jene Gestalten. Ein abermaliges merkwürdiges Beispiel, daß noch im festen Zustande der Körper eine Beweglichkeit in den kleinsten Theilen stattfindet, wenn nur eine mäßige Wärme wirkt. Es ist nicht nöthig zu bemerken, wie genügend und ungezwungen aus den angeführten Erscheinungen die Bildung des gediegenen Silbers durch Zersetzung des Silberglanzes erklärt werden kann. Sehr wahrscheinlich hoffe ich es bei weiterer Auseinandersetzung in meinem Werke zu machen, daß das meiste, wenn nicht alles in der Natur vorkommende gediegene Silber keine primitive, sondern nur eine secundäre Bildung sey. Wie läßt sich auch von einem Metalle, wie das Silber, ungeachtet seines edlen Charakters, annehmen, daß es, wenn auch je im metallischen Zustande vorhanden, nicht den so verbreiteten Schwefel, zu dem es eine so große Verwandtschaft hat, aufgenommen habe, und nur mit diesem vereint (wie es in Beziehung auf sein, in dieser Vererzung häufigstes Vorkommen wirklich der Fall ist) als erste primitive Bildung aufgetreten sey? — So viel scheint gewiß, daß alles gediegene Silber in den bekannten draht-, baum- und moosartigen Gestalten, selbst wenn man mikroskopische Silberkrystalle darin erblickt, als solches nicht im geschmolzenen Zustande existirt habe. Gewiß würden aus geschmolzenen Silbermassen, wenn sie langsam erstarrt wären, ganz andere Formen des Silbers, eines Metalles, das so leicht in ausgezeichneten Krystallen krystallisirt, hervorgegangen seyn, als wir es in der Regel finden.

Auch auf eine andere Weise, ohne Mitwirkung von Wasserdämpfen, kann sich das künstliche Schwefelsilber zersetzen. Erhitzt man Schwefelsilber, das nicht ganz mit Schwefel gesättigt ist, bis zu einer Temperatur, die wenig über der Siedhitze des Schwefels liegt, und läßt [291] es dann unter Zutritt der Luft erkalten, so kann man die Reduction unter den Augen von Statten gehen sehen. Man sieht dann aus der festen erhitzten Masse mit bewaffnetem Auge die Silberfäden herausschießen. Also auch dann, wenn der Silberglanz im mäßig erhitzten Zustande in die Gangspalten getreten ist, und dort unter Zutritt der Luft erkaltete, wird sich gediegenes Silber gebildet haben; denn wenn auch bei meinen Versuchen die Zersetzung des künstlichen Schwefelsilbers, in welchem das Metall mit Schwefel gesättigt war, nur unvollkommen von Statten ging, so läßt sich doch denken, daß das so wichtige und so mächtige geologische Hülfsmittel, die Zeit, auch hier, wo nicht der ungeduldige Chemiker auf den Erfolg wartete, das ihrige gethan haben werde.

Unter den Gangmassen ist nicht leicht eine, welche so sehr die Aufmerksamkeit des Chemikers in Anspruch nimmt, welche, man kann sagen, ihn fast zur Verzweiflung bringt, wenn er sich von ihrem Eindringen in die Gangspalten Rechenschaft zu geben sucht, als der Barytspath. Er ist einer der strengflüssigsten und unauflöslichsten Körper, die wir kennen. In einer Hitze, in welcher ich alle krystallinischen Gebirgsarten, vom Basalt bis zum Porphyr und Granit, mit Leichtigkeit zum Schmelzen brachte, sinterte der Barytspath nur in Berührung mit dem Tiegel etwas zusammen. Um das Eindringen dieser Gangmasse in die Gangspallen zu erklären, scheint uns daher der plutonische wie der neptunische Weg zu verlassen. Geht man indeß in die Sache etwas genauer ein, so gelangt man doch bald zu Processen, von denen es nicht bloß als möglich, sondern sogar als sehr wahrscheinlich anzunehmen ist, daß die Natur sich ihrer bedient habe, um diesen so strengflüssigen und so unauflöslichen Körper in die Höhe zu bringen.

Finden wir mächtige Gänge mit Barytspath erfüllt, so mag die Erklärung zulässig seyn, daß er im geschmolzenen [292] Zustande aufgestiegen ist. Schon schwieriger wird die Erklärung, wenn wir nur dünne Spalten, wie z. B. auf einem nur 8 Zoll mächtigen Gange in Serpentin in der Gegend von Waldheim in Sachsen, damit erfüllt sehen; denn mag man auch noch so hoch die Temperatur einer solchen geschmolzenen Masse annehmen, so ist es doch gewiß, daß die kalten Seitenwände sie sehr bald, und ehe sie bis zu einer nur einigermaßen beträchtlichen Höhe aufgestiegen wäre, zum Erstarren gebracht haben würden. Und welche Gebirgsgesteine sind es, die noch strengflüssiger wie der Barytspath sind, und die mithin der großen Hitze in seinem geschmolzenen Zustande hätten widerstehen können? — Würden wir nicht, wenn der Barytspath als geschmolzene Masse aufgestiegen wäre, ihn in der innigsten Vereinigung mit dem Nebengestein, mit ihm zusammengeschmolzen finden?

Noch könnte man sich das Aufsteigen des Barytspaths in Spalten krystallinischer Gebirgsmassen, wie z. B. im Diorit, Glimmerschiefer, Granit etc., durch die Annahme erklären, daß es erfolgt sey in einer Zeit, wo diese Gesteine selbst noch im glühenden Zustande waren, und mithin die Gangmasse einen langen Weg zurücklegen konnte, ehe sie erstarrte. Nun finden wir aber auch den Barytspath in Gängen in neptunischen Formationen, wie in der Grauwacke, im bunten Sandsteine etc., von denen man doch nicht annehmen kann, daß sie während seines Aufsteigens im feuerflüssigen Zustande glühend waren. In den kalten Gangspalten solcher neptunischen Gebilde hätte er daher gewiß nicht bis zu Tage aufsteigen können.

Ueberdieß finden wir den Barytspath in Begleitung mit sehr flüchtigen und leicht zersetzbaren Substanzen. Wollte man daher annehmen, daß er als geschmolzene Masse in den Gängen aufgestiegen sey, so wäre es nicht denkbar, daß diese Substanzen mit ihm im Gemenge geblieben wären. So finden wir ihn in Begleitung mit gediegenem [293] Quecksilber, Arsenik, Schwefel und Zinnober; diese Substanzen würden sich daher während seiner krystallinischen Erstarrung verflüchtigt haben, oder wir müßten annehmen, daß sie in einer späteren Periode, nachdem der Barytspath schon erkaltet war, die von ihm leer gelassenen Räume ausgefüllt hätten. Allein auch dieser Annahme läßt sich entgegensetzen, daß doch gewiß die leichtflüssigeren und flüchtigeren Substanzen früher aus dem Inneren der Erde aufgestiegen wären, als der so äußerst strengflüssige und feuerbeständige Barytspath. Was die durch Hitze leicht zersetzbaren Begleiter des Barytspaths, wie den Brauneisenstein, Eisenocher, Eisenkies, Malachit, das kohlensaure Bleioxyd etc., betrifft, so schließt eine solche Begleitung die Annahme gänzlich aus, daß diese Substanzen mit dem Barytspath im geschmolzenen Zustande aufgestiegen seyn können; denn wollte man sich auch auf einen großen Druck beziehen, der während des Aufsteigens dieser Massen die Zersetzung verhinderte, so würde doch in den höheren Teufen, wo sich diese Substanzen im Gemenge mit dem Barytspath finden, und wo ein solcher Druck nicht mehr gedacht werden könnte, ihre Zersetzung stattgefunden haben. Sollte also der Barytspath als geschmolzene Masse aufgestiegen seyn, so könnte man sich nur denken, daß jene zersetzbaren Substanzen später zu ihm oder in ihn gedrungen wären. Von dem Brauneisenstein und Eisenocher würde es am leichtesten zu begreifen seyn, daß sie durch Gewässer zugeführt worden wären. Das so häufige, ja fast allgemeine Vorkommen des Eisenochers im Inneren des Barytspaths, als dünner Ueberzug der Krystallflächen, würde sich sogar dieser Ansicht fügen; denn läßt man Barytspath, der vom Eisenocher durchdrungen ist, mehrere Tage in Salzsäure liegen, so wird alles Eisenoxydhydrat aufgelöst. Ist aber die Säure im Stande zwischen die Krystallflächen einzutreten, so können auch eisenhaltige Wasser denselben Weg genommen [294] haben, nachdem der Barytspath schon fertig gebildet worden war.

Das Vorkommen des Barytspaths in Chalcedon-Nieren in einzelnen Krystallen und in größeren und kleineren Parthien im Eisenkiesel versenkt, wie zu Schriesheim, in einem, durch thonigeisenschüssiges Bindemittel zusammengehaltenen Conglomerate, wie zu Heddesheim unfern Kreuznach, in Kalkspathdrusen, als Ausfüllung der Höhlungen im thonigen Sphärosiderit, als Versteinerungsmittel von Ammoniten im Lias etc., schließt die Bildung aus dem geschmolzenen Zustande theils gänzlich aus, theils kann sie nur in so weit als zulässig betrachtet werden, wenn man in einzelnen Fällen annehmen kann, daß der schon früher in die Spalten gedrungene Barytspath umhüllt wurde von den Substanzen, in denen wir ihn versenkt finden. Zu Przibram in Böhmen findet man Barytspathkrystalle, welche Eindrücke von Quarz und Kalkspath erlitten haben. Hier mußte er doch noch weich gewesen seyn, als sich auf ihm diese Begleiter gebildet hatten, und man mußte also annehmen, daß auch diese im geschmolzenen Zustande in einer späteren Periode aufgestiegen wären und sich auf ihm abgelagert hätten, wenn man nicht von seiner Bildung auf feurigem Wege abstrahiren wollte. Könnte man aber auch eine frühere Erhärtung des noch strengflüssigeren Quarzes annehmen, so würde dieselbe Voraussetzung beim Kalkspathe nur schwierig anzunehmen seyn. Und ließe sich wohl denken, daß Quarz und Kalkspath im feuerflüssigen Gemenge sich einzeln hätten ausscheiden können, ist es nicht vielmehr wahrscheinlicher, daß sie ein Kalksilicat gebildet hätten? Erklärt sich diese Erscheinung nicht viel ungezwungener durch die Annahme, daß der Barytspath durch Wasser erweicht war, und eben so auf nassem Wege seine Begleiter sich gebildet und jene Eindrücke veranlaßt hatten? Soll ich noch einen Umstand anführen, der für diese Ansicht und gegen die Bildung [295] auf feuerflüssigem Wege spricht, so ist es der, daß der in Rede stehende Barytspath auf Gängen in Grauwacke, also in einer neptunischen Formation sich findet, die, nach der vorhin gemachten Bemerkung, die letztere Bildung ausschließt.

Zu Wittichen in Baden kommt gediegenes Silber, auf Erzgängen im Granit, in drahtförmigen, baumförmigen und schönen zackigen Gestalten, von Speiskobalt, Erdkobalt und Barytspath begleitet, vor. Größere und kleinere Parthien des Barytspaths erscheinen zum Theil festgehalten und getragen von den damit verwachsenen Silberdrähten. Hier war gewiß das gediegene Silber früher als der Bergspath vorhanden; denn wären beide als geschmolzene Massen aufgestiegen, so würde der bei weitem strengflüssigere Barytspath viel früher als das leichtflüssigere Silber erstarrt seyn. Es würde daher schwierig zu begreifen seyn, wie der früher erstarrte Barytspath von den Silberfäden hätte festgehalten und getragen werden können, und noch weniger würde zu begreifen seyn, warum das so leicht krystallisirbare Silber in Drähten und nicht in größeren Krystallen sich gebildet hätte. Eben so hätte das drahtförmige Silber, wenn es in einer früheren Periode gebildet und in einer späteren mit dem feuerflüssigen Barytspath in Berührung gekommen wäre, schmelzen und größere Krystalle bilden müssen. Ohne Schwierigkeit erklärt sich dagegen jenes Vorkommen des gediegenen Silbers mit dem Barytspath durch die Annahme, daß sich auf dem oben angegebenen Wege das Silber zuerst aus seiner Schwefelverbindung ausgeschieden habe, und daß späterhin der Barytspath auf nassem Wege auf den Silberfäden gebildet worden sey; also etwa auf ähnliche Weise, wie wir nicht selten krystallisirte Mineralsubstanzen auf Pflanzentheilen finden.

Wie ist nun aber eine Bildung des höchst schwerauflöslichen Barytspaths auf nassem Wege zu begreifen? [296] — Denken wir uns den Barytspath als eine Urbildung im Inneren der Erde, nehmen wir an, daß Wasser, welche kohlensaure Alkalien (kohlensaures Natron oder Kali) enthalten, mit ihm in Berührung gekommen seyen, so wird eine theilweise Zersetzung des schwefelsauren Baryts durch die kohlensauren Alkalien von statten gegangen seyn, und kohlensaurer Baryt und ein schwefelsaures Alkali werden sich gebildet haben. An der Bedingung dieser Zersetzung, an der Siedhitze in der Tiefe unserer Erde wird Niemand zweifeln. Aus meinen deshalb angestellten Versuchen folgt indeß, daß diese Zersetzung selbst noch weit unter der Siedhitze, noch bei 20° R. stattfindet, obgleich mit abnehmender Temperatur der Auflösung des kohlensauren Alkalis die Menge des zersetztwerdenden schwefelsauren Baryts abnimmt. Eben so erfolgt diese Zersetzung noch, wenn die Auflösung des kohlensauren Alkalis so sehr verdünnt ist, wie in unseren Säuerlingen. Stiegen nun jene Gewässer, welche die Producte der Zersetzung, das schwefelsaure Alkali und den kohlensauren Baryt, aufgenommen hatten, durch Gangspalten auf, wie sie es noch heute thun, so mußten bei allmäliger Abkühlung sich wieder kohlensaures Alkali und schwefelsaurer Baryt regeneriren. Jenes, auflöslich im Wasser, wurde in den Gewässern fortgeführt, dieser, höchst schwerlöslich, setzte sich ab und bildete den Barytspath in den Gängen. Schon im reinen Wasser ist der kohlensaure Baryt bei weitem weniger schwerlöslich, wie der schwefelsaure Baryt; denn nach Saussure löst er sich in 2304 Th. kochenden Wassers auf. Enthielten jene heißen Gewässer freie Kohlensäure und befanden sie sich unter einem starken hydrostatischen Drucke, so konnten sie damit gesättigt gewesen seyn. Dadurch müßte sich ihre Auflösungsfähigkeit noch im hohen Grade vermehren, da, nach Hope, Wasser mit Kohlensäure gesättigt kohlensauren Baryt auflöst. So erklärt sich also ganz einfach, wie durch eine, Jahrhunderte und Jahrtausende [297] fortgesetzte, Wassercirculation in einer Gangspalte die bedeutendsten Quantitäten Barytspath darin abgesetzt werden konnten. Da kohlensaure Alkalien so frequente Bestandtheile in kalten wie in warmen Mineralquellen sind, so ist es klar, daß noch jetzt, wenn solche Gewässer in der Tiefe mit Barytspath in Berührung kommen, jene Zersetzungen eintreten müssen, und so begreift man, wie noch jetzt der an sich höchst schwerlösliche Barytspath durch Wasser fortgeführt werden kann. Ich brauche nicht zu bemerken, daß so manche neuere Bildungen des Barytspaths wahrscheinlich auf diese Weise entstanden sind.