Elsje

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Autor: W. O. von Horn
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Titel: Elsje
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27–30, S. 349–395
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: historische Novelle um Hugo Grotius
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[349]
Elsje.
Eine niederländische Geschichte von W. O. v. Horn.


I.

Es war an einem Spätsommerabend, als die Familie des Gärtners van Houwening um den Tisch saß, die Abendmahlzeit zu halten; die letzten Lichter des Abendhimmels fielen durch die hellen Fensterchen auf die um den Tisch Versammelten. Es waren ihrer zehn, acht Kinder und das Aelternpaar. Der Gärtner nahm seine Mütze vom Haupte, und das kleinste der Kinder betete: „Komm’ Herr Jesu, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheeret hast!“ Und als das Gebet geendet war, begann jene rasche Arbeit, deren mächtige Triebfeder eine gesegnete Eßlust ist, und nicht lange währte es, so war die Schüssel mit gesottenen Kartoffeln leer und auf der kleinen Platte, darauf sechs Heringe gelegen, hätte das schärfste Auge keinen Rest davon entdecken können.

Als der Vater das Dankgebet gesprochen, sprangen die kleinen Kinder noch hinaus vor die Thüre zu heiterem Spiele; der Vater aber blieb an seiner Stelle, während Elsje, die älteste Tochter, der Mutter abräumen half.

„Wenn Ihr fertig sei in der Küche, so kommt herein,“ sagte der Vater. „Wir müssen über ernste Dinge reden!“ Der Ausdruck seines Gesichtes bestätigte seine Worte.

Während in der Küche Mutter und Tochter spülten, die Küche versorgten und das Nothwendige für den andern Morgen vorbereiteten, saß der Vater lange in trüben Gedanken. Zwei Söhne, der eine von siebenzehn, der andere von fünfzehn Jahren, saßen stille auf der Fensterbank, und sahen bald den jüngeren Geschwistern und ihren Spielen zu, bald ruhte ihr Blick auf dem sorgenvollen Antlitz des Vaters. Kein Wort wurde indessen gewechselt, bis die Mutter und Elsje eintraten, und sich erwartungsvoll setzten, doch war ihre Erwartung keine fröhliche. –

„Es sind schlimme Zeiten,“ hob endlich der Vater mit bewegter Stimme an, und ein Seufzer hob seine Brust; „schlimme Zeiten! Alles theuer und unsre Kartoffelernte reicht nicht bis April. Die Früchte sind mißrathen, die Trockenheit hat das Obst von den Bäumen gerüttelt, schlimmer als der gräulichste Sturm. Die Leute in der Stadt schränken sich ein. Mit Blumen ist nichts zu verdienen und die Gemüse vertrocketen auch trotz alles Begießens. Jan, Du weißt, wie es steht?“

Der ältest Sohn nickte bejahend, ohne daß er aufblickte, und die Mutter trocknete das Auge. Alle kannten die Lage der Familie genau.

„Wäre der Garten und das Haus bezahlt, so ginge es wohl schon eher, aber was ich auf- und losbringe,“ fuhr der Vater fort, „muß ich dem alten Wucherer bringen. Da bleibt keine Wahl; Dreie müssen sich ihr Brot verdienen, Du, Elsje, Du, Jan und du, Claas! – Es bleibt uns nicht Anderes übrig! Wie schwer es uns auch wird, wir müssen uns trennen.“ –

Mit Mühe hatte der Vater diese Worte gesprochen, und ein schwerer Seufzer und ein leises Schluchzen begleitete sie von Seiten der Mutter und Elsje’s. Die Worte des Vaters lagen zentnerschwer auf den Herzen.

Es trat ein lange Pause ein. Endlich sagte Jan:

„Ich sehe es wohl ein, Vater, und ich will gerne gehen, wenn ich nur wüßte, wohin? Wißt Ihr mir eine Stelle?“

„Der gute Baas Daatselaar hat Rath geschafft,“ sagte der Vater. „Du kommst zu seinem Bruder, Pint Daatselaar in Haarlem, und lernst da die Zwiebelzucht, die jetzt so außerordentlich viel Geld einbringt. Du darfst schon Morgen zu Daatselaar kommen; er giebt Dir einen Zettel mit und für Dich ist gesorgt, wie ich zu Gott hoffe, denn sein Bruder ist ein berühmter, und ein Ehrenmann.“

„Und was giebt’s mit mir?“ fragte Claas fest und ruhig. „Vater, Ihr wißt, ich bin ein Wasservogel und zum Gärtner verpfuscht. Laß mich Schiffer werden!“

„Ganz richtig,“ versetzt der Vater; „darum kommst Du zu dem Waalschiffer van Breigem, der in Gorkum vor Anker liegt. Mußt halt Schiffsjunge werden, armer Claas! Das hat so sein Mucken, aber es muß durchgemacht sein! Der alte van Breigem ist auch nicht mit seinem Schiffe, das „het Lammetje“ heißt, vom Himmel gefallen, oder auf die Welt gekommen. Er fing als armer Junge an.“ „Ich weiß es,“ sagte Claas. „Ich will mich schon durchwinden, und in einem Jahr ist’s überwunden. Ich hoffe, Ihr sollt’s erleben, daß ich auch noch so ein Lammetje steuere, als Patron nämlich!“ –

„Geb’s Gott in Gnaden!“ sagte der Vater und lächelte zu dem kecken Sinne des rothwangigen Jungen, wenn’s ihm schon nicht um’s Lachen war. „An Muth fehlt’s Dir nicht!“

„Und Du, meine Elsje,“ fuhr dann der Vater fort, und seine Stimme wankte – „Du gehst mit van Breigem, der morgen abfährt, nach Rotterdam. Er ist ein treuer Remonstrant und wird für Dich väterlich sorgen auf der Reise.“

[350] „Morgen schon?“ fragte Elsje, und fiel der weinenden Mutter um den Hals.

„Macht Euch das Herz nicht schwer – ja uns Allen mit,“ sagte der Gärtner. „Es ist uns Allen hart; aber es muß sein; ich kann das Brot für Euch Alle nicht mehr erschwingen. – Deine Lage ist vielleicht die beste, Elsje. Du kommst als Dienerin in das Haus des gelahrten und frommen Rathspensionärs, Hugo de Groot. Seine Frau soll eine edle Dame sein, und wenn sie ihren Aeltern gleicht, so ist’s nicht zu bezweifeln, denn Mynheer van Reigersberg war ein frommer Herr und ein gottesfürchtiger, milder Herr – Keiner von den wunderlichen, von denen der Apostel redet; und Mevrouw van Reigersberg war eine gute Seele, die aber Verstand und Kraft der Seele hatte, wie ein Mann. Ich war sieben Jahre ihr Gärtner und hab’s gut gehabt, und das ist meine Freude und Ehre, daß der alte Claas von Houwening bei der Tochter noch in gutem Andenken steht, während die Alten längst zum Herrn gegangen sind. Gott hab’ sie selig! Du weißt, Elsje, ich hatte an Mevrouw Maria de Groot geschrieben. Der Antwortbrief ist gekommen, der mir sagt, Du seiest willkommen im Hause und solltest es gut haben, wie ihr eigen Kind.“

Wieder trat eine Pause ein. Die beiden Söhne gingen hinaus in den Garten. Claas pfiff ein fröhlich Schifferlied, und Jan ging stille unter den Bäumen hin, dem Treibhäuschen zu, als wolle er seinen Lieblingen dort ein Lebewohl sagen. Das Herz war ihm voll und schwer, während Claas heitern Blickes in die Zukunft sah.

„Den beiden Jungen hast Du den Bündel schon gepackt, Louisetje,“ sprach der Vater zur Mutter. „Wie ist es mit Elsje’s Sachen? – Ich denke, je rascher geschieden wird, je besser für uns Alle! Langes Zaudern, langes Leid!“

„In einer Viertelstunde ist ihr Schließkorb fertig,“ sagte die Mutter, ihre heißen Thränen trocknend, „und van Breigem’s Lammetje lichtet vor zehn Uhr Morgen die Anker nicht. Du kannst ohne Sorge sein, Claas!“

„Gut dann,“ versetzte Claas von Houwening, und zündete seine irdene Pfeife an, um mit dem Rauche manchen Seufzer hinauszuschicken. Elsje erhob sich und ging hinaus, um – dem Herzen Luft zu machen und einen lieben Gang zu thun.

„Mutter,“ sagte der Gärtner, „halte Dich um Gottes Willen wacker. Blexem! mir bricht auch das Herz schier, die drei lieben, guten Kinder hinaus in die Welt zu schicken; aber es geht nicht anders, Du weißt es ja, so gut wie ich, und der alte Gott in Israel lebt noch und sein Arm ist nicht verkürzt. Er wird sie schützen und geleiten und unsre Gebete folgen ihnen nach. Wir wollen dem Herrn danken, daß sie Alle in guter Glaubensgenossen Häuser kommen und zu braven Leuten. Einmal mußte es so kommen, Mutterchen,“ fuhr er bewegt fort. „Früher oder später werden sie Alle in die Welt gehen, und es ist ja aller Aeltern Loos, daß sie im Alter allein stehen, wie entlaubte Bäume. Sie sind fromm und gottesfürchtig erzogen; sie stehen auf gutem Glaubensgrund; haben alle gesunde Glieder; sind frisch und munter; an Arbeit von Kind auf gewöhnt und haben gelernt, sich begnügen zu lassen mit dem Wenigen, was uns beschieden war. Ich hoffe, Gottes Segen wird sie begleiten, und sie werden ihren Aeltern Ehre machen, wohin sie auch Gottes Hand geleitet.“

Die Mutter faltete die Hände und blickte mit dem Auge voll Thränen in das erlöschende Abendroth. Der Liebe Anker ist das Gebet. –

Nach einer Weile sagte sie, sich sammelnd: „Claas, zürne mir nicht. Ein Mutterherz fühlt’s doppelt, wenn die scheiden, die unter ihm geruht haben. Ich weiß, daß es sein muß; ich weiß, daß sie unter Gottes Schutz stehen; aber es thut doch so weh.“ – Sie bedeckte ihre Augen mit der Schürze und weinte leise.

Der Alte, der seinen Schmerz bewältigen wollte, biß auf die Pfeife, daß ein Stück abbrach.

Louisetje sah auf, als sie den Ton hörte.

„Siehst Du, Mutter,“ sprach Claas, „so geht’s. Hab’ da mein Herzweh verbeißen wollen und die Pfeife bricht, aber das Herzweh bleibt!“ Er stützte seinen Kopf in die Hände und es fielen ein Paar heiße Thränen zur Erde. Dann sah er auf und schüttelte fast unmuthig den Kopf, und sagte zürnend über sich selbst: „Es ist ein miserabel Ding mit dem Herzen! – Es macht alle Vorsätze zu Schanden!“ –



II.

Wenn man vor das Thor von Gorkum tritt, so breitet sich die unabsehbare, fruchtbare Ebene vor dem Auge aus. Hin und wieder tauchen einzelne Häuser und Gehöfte auf oder der Kirchthurm eines Ortes; dann zuweilen ein kleiner Wald, Busch genannt, aber selten ruht das Auge auf solchem Schmucke der Gegend, und Wälder, wie sie uns erfreuen und erquicken, wie sie den Reiz unserer Landschaft bilden, kennt man in den Niederungen nicht, die sich in Wiesenflächen und Ackerland theilen. In der unmittelbaren Nähe der Stadt erblickt man um das Jahr 1618 oder 1619 einzelne Häuschen, wie alle andern, aus Ziegelsteinen reinlich und nett erbaut, mit spiegelblanken Fenstern, beschattet von einem oder mehreren Bäumen und umgeben von einem Gärtchen, größer oder kleiner, und einigem Ackerlande. Diese Wohnungen lagen meist auf Erhöhungen des Bodens und man konnte unschwer den Grund in den Deichbrüchen und daher stammenden Ueberschwemmungen finden.

Es war um die Tageszeit, wo das Zwielicht jene reizende Mittelstufe zwischen Tag und Nacht bildet. Der westliche Horizont wieß noch in einem lichten Streifen einen kargen Rest jener Glut, welche den Sonnenuntergang begleitet hatte, und dieser Streifen lieh der Abendstunde eine größere Helle, als sie bei bedecktem Himmel würde gehabt haben. Noch flimmerte außer dem glänzenden Abendsterne keins der himmlischen Lichter herab; den Abendglockenklang der umliegenden Dorfschaften trug der Seewind in sanften Schwingungen über die weite Fläche, und nur noch wenige Arbeiter oder Fuhrwerke sah man die Stadt suchen, da Gorkums Feierabendglocke bereits geläutet hatte, welche die Arbeiter unter das eigene Dach ruft.

Rechts, den Dämmen des Flusses näher, lag von Houwening’s Häuschen und eingefriedeter Garten. Weiter von der Stadt, auf einer der genannten Erhöhungen, die man kaum Hügel nennen kann, stand eine starke Linde, und unter ihren schirmenden Aesten eins der Häuschen aus Ziegelsteinen, noch kleiner als das des Gärtners. Am Fuße des Hügels lag ein kleiner Gemüsegarten und einige bepflanzte Feldstücke, welche eine zierlich erhaltene Weißdornhecke umschloß. Die Linde war alt, denn ihre Wurzeln lagen, fast ein Dritttheil so dick als der Stamm, über der Oberfläche des Hügels und dienten jetzt den Bewohnern zu Sitzbänken, die aus dem Häuschen getreten waren, den Abend zu genießen.

An dem Stamme lehnte, auf einer dieser Wurzeln sitzend, ein Jüngling in der dunkeln Friesjacke, wie sie die Schiffer zu tragen pflegen. Er blieb leichte Wölkchen aus seiner Thonpfeife, und neben ihm ruhte, die Arme auf die Knie und mit diesen das Haupt stützend, eine hochbetagte Frau. Der Jüngling war Piet oder Peter van Halver, der Sohn der Wittwe. Ihr Anzug, wie das Ansehen der Wohnung trug das Gepräge der Armuth. Piet war ein blonder, schöner Junge von zwanzig Jahren, frisch, kräftig und lebhaft. Sein Antlitz, welchem der Südwester keinen Schutz verlieh, war gebräunt, doch trug es nicht die Bronzefarbe der Seeleute, und noch nicht jenen eigenthümlichen Charakter, den man sehr ausdrucksvoll mit dem Worte „wetterhart“ bezeichnet.

Beide, Mutter und Sohn, sahen schweigsam in das verglimmende Tageslicht und hingen Gedanken nach, die, wie sich aus dem später entwickelnden Gespräche ergab, sehr nahe sich berührten, ohne daß sie es jetzt zu ahnen schienen.

„Piet,“ hob endlich die Mutter an, „uns geht’s kratzig, und Du bist überall bei der Hand, wo es einen Kreuzer zu verdienen giebt, wie mag es erst van Houwening’s ergehen?“

„Schlimm,“ sagte Piet; ich habe eben auch an sie gedacht!

„Weißt Du,“ fuhr die Mutter fort, „was er mir gestern auf dem Heimwege aus der Kirche gesagt?“

„Wie könnt’ ich das wissen, Mutter, da ich mit Elsje gewiß ein paar Hundert Schritte vorausging und nicht hören konnte, was Ihr redetet,“ versetzte der Sohn. „Sagte er etwas von Wichtigkeit?“

„Sollt’s meinen,“ entgegnete die Mutter. „Er sagte, er könne es nicht mehr machen nach diesem traurigen Sommer; sie säßen zu Zehn zu Tische, und er könne das Brot für Sieben nicht erschwingen, darum –“

„Was? Was sagte er ferner?“ fragte rasch der Sohn, dem die Mutter zu langsam sprach.

„Nun, er sagte, Dreie müßten aus dem Brote, die drei Aeltesten.“

[351] Ein tiefer Seufzer arbeitete sich aus des Jünglings Brust los. Seine Arme sanken entkräftet herab und fast wäre seine Pfeife zerbrochen.

„Hat er das gesagt, gute Mutter, so führt er’s auch aus. Er überlegt erst alles reiflich, ehe er es ausspricht; dann folgt aber dem Worte auch die That auf dem Fuße.“

„Das ist richtig,“ war der Mutter Gegenrede. „Er hat’s auch schon in’s Werk gesetzt. Es wird keine zwei Tage dauern, so ist’s geschehen, denn mit dem Lammetje sollen sie fort. Jan nach Haarlem, Claas als Schiffsjunge auf’s Lammetje und –“

„Und Elsje?“ rief der Sohn laut.

„Nach Rotterdam!“ sagte eine wohltönende Stimme, der man aber die schmerzliche Bewegung anhörte. Sie klang hinter dem Stamme der Linde hervor.

Mutter und Sohn fuhren herum und erblickten Elsje, die langsam den Hügel heraufgestiegen war und nun ihnen nahe stand, leise und wehmüthig den guten Abend bietend. Elsje’s Gestalt hob sich dunkel am abendlichen Himmel ab. Sie war von mittlerer Größe, schlank, ohne mager zu sein und von den edelsten Formen. Blondes, reiches Haar lag in einfach geflochtenen Ringeln um den schönen Kopfs und bildete dennoch hinten ein sogenanntes „Nest,“ wo es ein silberner Pfeil, ein Geschenk ihrer Pathe, der Frau Daatselaar, hielt. Ihre rothen Wangen, die sonst so lieblich von der schneeweißen Haut abstachen, waren einer Blässe gewichen, welche das Leid der Seele offenbarte, und die sonst so strahlenden blauen Augen waren matt und von Thränen geröthet. Ihr Anzug war der der Landleute jener Gegend, kleidete sie aber trotz seiner Armuth ungemein gut, wie sie denn eine höchst anmuthige Erscheinung war.

„Was sagst Du?“ rief Piet voll Schrecken, ließ seine Pfeife fallen, daß sie in Scherben brach und faßte bebend ihre Hand und zu gleicher Zeit Piet’s Mutter die andere.

„Ich muß fort mit Jan und Claas,“ sagte sie, mit einem schmerzlichen Blicke den Jüngling ansehend, „nach Rotterdam; morgen schon mit van Breigem’s Lammetje.“

Piet ließ ihre Hand fahren und bedeckte mit der seinen seine Augen.

„Und nach Rotterdam, sagst Du?“ rief die Mutter. „Ach, Du, meiner Augen Trost, soll ich Dich denn nicht mehr sehen?“

„Das verhüte Gott!“ seufzte das Mädchen, indeß ihre Augen auf Piet ruhten, der noch immer, seine Augen mit der Hand bedeckend, dastand. Sie dehnte sich an der Mutter Schulter und es trat ein peinliches Schweigen ein.

„Was denkt Dein Vater?“ rief endlich, wie aus einem düstern Traume erwachend, der Jüngling. „Nach Rotterdam? – In die weite Ferne? – In der Stadt, in welcher Du fremd bist, Niemanden kennst und Niemanden hast, der Dir riethe und rathen hilft?“

„Du weißt, guter Piet,“ sagte das Mädchen wehmüthig. „Mein guter Vater ist zu besorgt für sein Kind, daß er es so in die Welt hinausstieße. Willst Du mich ruhig anhören, so will ich Dir Alles erzählen.“

Piet nickte, denn die Brust war ihm wie eingeschnürt. Er hätte nicht reden können.

„Mein Vater war früher Gärtner bei dem reichen Handelsherrn van Reigersberg viele Jahre hindurch, wohlgelitten und wohlgehalten bis zu dessen Tode. Als er nun den Gedanken mit sich herumtrug, daß es unserer Haushaltung ersprießlich sei, drei kräftige Esser weniger zu haben, und Dreie, für deren Bekleidung man nicht zu sorgen brauchte, ging er zu van Breigem auf het Lammetje im Hafen, das eben seine Ladung gelöscht hatte. Der brave van Breigem ist unser Glaubensgenosse, der es mit meinem Vater und uns Allen sehr wohl meint. Sie besprachen sich mit einander, und da nennt mein Vater den Namen van Reigersberg. „Habt Ihr bei denen in Diensten gestanden, Baas van Houwening,“ sagte van Breigem, „so weiß ich guten Rath. Mama van Reigersberg ist die vortreffliche Gattin unseres gelehrten, hochgeachteten und verehrten Glaubensgenossen des hochmögenden Rathspensionärs Hugo de Groot oder wie sie es verkauderwälschen: Hugo Grotius. Die ist aller Verlassenen Helferin und Trösterin, so klug als schön und so schön als fromm und gottesfürchtig. Schreibt einen Brief an die edle Dame; beruft Euch auf Eure treuen Dienste in ihrem älterlichen Hause und bittet sie, daß sie Euch einen Dienst ausmache für Euer Kind. Wenn sie es nicht gut und vortrefflich thut, so will ich mich an meinem Fockmast aufhissen lassen, wie eine Flagge und bammeln, wie ein Segel bei rasch eintretender Windstille.“

„Das leuchtete meinem lieben Vater ein, denn er kannte die edle Mevrouw Maria, und sie mußte sich seiner noch erinnern da sie damals, als ihr Vater starb, etwa zehn bis zwölf Jahre, alt war. Mein Vater eilt heim und schreibt, und schon umgehend kommt ein gar lieber Brief von der edeln Frau, worin sie schreibt, wie sie sich seiner und noch recht im Guten erinnere und sich freue, daß mein Vater seinem heiligen Glauben treu geblieben sei; er solle nur das Mädchen auf dem Lammetje schicken, sie werde es, wenn es, wie sie nicht zweifle, gottesfürchtig erzogen und anstellig sei, als Hausmädchen in ihrem eigenen Haushalte behalten und ihm guten Lohn geben, für sein Seelenheil sorgen und es halten, wie ihr eigen Kind. Du siehst, da ist kein leichtsinniges Hineinfahren, sondern ruhige Ueberlegung wirksam gewesen und Gottes Barmherzigkeit war dem Vater hold.“

„Gewiß,“ sagte die Mutter, sorgte Dein redlicher Vater für Dich. Das wußte ich im Voraus, und Piet hat das eben erst selbst ausgesprochen; aber mehr und herrlicher Der über uns. Ihm sei Dank und Preis.“

„Ja, ja,“ rief Piet. „Es ist schon Alles gut, wär’ nur das Scheiden nicht und das Alleinhierbleiben! Ich glaub’, ich ertrag’s nicht!“

Elsje legte ihre Hand auf seinen Arm. Sie hatte ihre Ruhe, wie es schien, ganz wieder gewonnen.

„Guter Piet,“ sagte sie, „sei ein Mann! Willst Du Dich geberden wie ein Weib, so muß ja das arme, schwache Weib zum Manne werden und ihn an das erinnern, was seine Pflicht ist. Wir trennen uns nicht willkürlich, wenigstens gehe ich nicht freiwillig, aber ich sehe das Alles als eine Schickung Gottes an und beuge mich, wie schwer es mir auch wird. Im Anfang meinte ich, es müßte mir das Herz brechen, aber ich habe im Kämmerlein gebetet, und nun bin ich ruhig geworden und was Gott gefügt hat, das wird er auch herrlich hinausführen! Und ist denn Rotterdam aus der Welt?“

Piet erschrak über des Mädchen’s Worte und es überkam ihn ein rechtes Schamgefühl, daß ihn an Sammlung das Mädchen übertreffen solle.

„Du hast Recht,“ sagte er nach einem minutenlangen Schweigen, bei dem er sich die Sache nach Elsje’s Aeußerungen zurecht gelegt, „Du hast Recht, Elsje! Ich will auch nicht mehr so meinem Gefühl den Lauf lassen. Aber, Elsje, bleibst Du eingedenk Deines Wortes? Wirst Du in der großen Stadt des armen Piet gedenken?“

„So solltest Du mich nicht fragen,“ sprach das Mädchen ruhig, fest und nicht ohne Vorwurf. „Wär’ es so, daß Deine Frage Grund, Ursache, Fug und Recht hätte, so würde mein Ja darauf nicht mehr werth sein als die abgedörrte Lindenblüthe, die der Abendwind auf Deinen Acker dorthin trägt. Sagt Dir Herz und Verstand, daß ich vor Gott ein aufrichtig Ja darauf sagen müßte, warum stellst Du sie dann an mich?“

Piet blickte betroffen zur Erde.

„Elsje,“ rief er dann plötzlich, ihre kleine Hand fassend, „Elsje, zürne mir nicht! Es kam mir zu plötzlich, zu unerwartet, und das hat mir den Kopf ganz auf die Seite gerückt. Und daß es mir weh thut bis in’s Innerste meiner Seele, Dich missen zu müssen, willst Du mir drob grollen?“

„Mit Nichten!“ flüsterte Elsje. „Mir geht’s ja nicht besser!“

Die Mutter seufzte.

„Ach,“ sagte sie, „wer wird mich nun pflegen, wenn ich die Opwerkens, meinen alten Umstand und Fehler, kriege? So eine sanfte Hand gibt’s auf Gottes Erde und in Altniederland nicht wieder!“

Das war eine Herzensklage aus tiefstem Grunde, denn die arme, alte Frau litt periodisch lange und viel. In solchen Zeiten, wo Piet dem Verdienste nachgehen mußte und auch noch für das Haus hätte sorgen müssen, wenn nicht Elsje, wie ein holder Engel, überall helfend, lindernd zu Rath und That bei der Hand gewesen wäre, hatten Vater und Sohn wohl erkannt, welch’ ein ächter Schatz und Juwel das Mädchen sei, besonders aber Jevrouw van Halver, die arme Leidende.

Elsje tröstete. „Gottes Güte wird Euch bewahren! und wenn das alte Gepreßte kommen sollte, und ich kann nicht helfen, so hat mir die Mutter versprochen, mit dem Mietje abzuwechseln. Das [352] Mietje ist jetzt vierzehn Jahre alt und ein anstellig Ding, dabei gut und barmherzig gegen jegliches leidende Wesen.“

„Du gutes Kind,“ sagte dankbar die Wittwe. „So hast Du also schon für mich gesorgt?“

„Warum denn nicht?“ sagte Elsje. „Man muß an Alles denken. Das Mietje wird Piet waschen und flicken und die Mutter wird’s schon anleiten und unterstützen. Erhört aber der liebe Herr unsere Gebete, so habt Ihr gewiß nicht viel zu leiden von Eurem Umstand.“

Noch viel wurde hin und her gesprochen. Die Dunkelheit war gekommen und Elsje dachte an’s Heimgehen.

Da hörte man plötzlich Stimmen, die näher kamen. Es waren Elsje’s Brüder, Jan und Claas, die der Mutter van Halver und dem ehrlichen Piet noch ein Lebewohl sagen wollten. Jan war stille und ernst, Claas voll freudigen Hoffens. Nach kurzem Gespräche schüttelten sie den guten Nachbarn und Freunden die Hand, wünschten ihnen Glück und Segen, empfingen die herzlichsten Wünsche und Segnungen zurück und schickten sich zur Heimkehr an.

Elsje lag weinend an der Brust der Alten, die sie tief bewegt segnete. Endlich riß sie sich los und reichte Piet die Hand.

„Ich gehe noch mit Dir,“ sagte er mit bebender Stimme und faßte mit Hast die theure Hand in der seinen. So schieden sie alle Vier und wandten sich gegen van Houwening’s Garten. Jan und Claas gingen voraus, und Claas sagte seinem Bruder, daß er von Meister Cornelis van Breigem, seinem Patron, gehört habe, er könne Jan jährlich drei- bis viermal in Haarlem besuchen, wenn er von Leyden, wo er hinkomme mit het Lammetje, hinüber liefe.

„Das kann und werde ich,“ sagte er fröhlich, „denn ich kann laufen, wie ein Hase, Jan, und um Dich zu sehen, soll mir’s nicht zu weit sein!“

Während die Brüder sich und namentlich der frische, gutmüthige Claas dem stillen, gemüthvolleren Jan das Scheiden leicht zu machen suchten, fühlten zwei Herzen, etwa zwanzig Schritte hinter ihnen, seine ganz Last und Bürde.

Sie sprachen fast kein Wort, aber ihre Hand hielt Piet fest in der seinen, und nahe dem Garten van Houwening’s preßte er das Mädchen plötzlich an seine Brust und sagte: „Bleib mir hold und treu!“ Dann riß er sich los und verschwand im Dunkel der nun in ihre volle Herrschaft getretenen Nacht.



III.

Am andern Nachmittag lichtete het Lammetje die Anker. Van Houwening’s ganze Familie stand auf dem Hafendamme und an einem der Krahnen lehnte Jan van Halver. Seine trüben Blicke sahen nur eine Gestalt, die mit dem Taschentuche winkte. Er antwortete mit dem Schwenken seines Südwesters. Lange dauerte dies Grüßen, bis eine Biegung des Flusses den Rumpf des Lammetje den Blicken entzog; aber an dem vom Thalwinde geschwellten Segel hafteten die Blicke, bis auch es in weiter Ferne verschwand; da erst fühlte der Jüngling recht tief seinen Verlust. – Als van Houwening sich zur Heimkehr umwandte, sah er Jan am Krahnen lehnen. Der Jüngling schien Alles um sich vergessen zu haben, ja, es war, als sähe er den Vater Elsje’s nicht, bis er ganz nahe bei ihm stand. Seine Blicke folgten noch der Richtung des Schiffes.

„Neef Piet,“ sprach der Gärtner, „Dir geht’s, wie mir; aber blick’ da hinauf, wo der Himmel so blau ist. So weit seine Bläue reicht, waltet der Arm des Herrn über ihnen!“

„Ich weiß es!“ sagte Jan leise; – „aber – “

„Es that weh, das Scheiden,“ fuhr ergänzend der Gärtner fort; „es ist wahr. Dagegen giebt’s nur ein Heilmittel – Glauben und Arbeiten!“

„Ihr habt recht, Ohm Claas,“ entgegnete der Jüngling. „Das Recept ist gut. Ich will’s in Ehren halten. Ich wollte gestern zu Euch kommen –“

„Thue es heute, Neef Piet,“ fiel der Gärtner ein.

„Nein,“ sagte Piet, „ich kann nicht! Ich will’s Euch hier sagen: Ihr habt sechs rüstige Arme verloren; ich biete Euch zwei dafür, da ich nicht mehr habe; aber sie sollen viere ersetzen!“

Der Gärtner drückte seine Hand. „Ich danke Dir, Neef Piet!“ sprach er mit Bewegung. „Ich werde sie vermissen, das ist wahr, und wenn ich die zwei wackeren Arme brauche, die Du mir anbietest, so komm’ ich, und hole mir sie. Ich weiß, sie folgen einem treuen Gemüthe.“

Damit war das Geschäft abgethan und stille ging Jeder seiner Wohnung zu.

Was treu und wahr gemeint und gesagt wird, bedarf vieler Worte nicht. Sie kannten sich genau; Piet’s Vater war der treue Freund des Gärtners gewesen durch’s ganze Leben, und die Mütter waren gorkumer Nachbarskinder und treue Freundinnen. Durch lange Freundschaft waren die Familien fast Eine geworden und ohne daß darüber geredet worden wäre, billigte man Elsje’s und Piet’s Liebe und sah beide als künftige Ehegatten an, wenn anders die Umstände es erlaubten. Piet warf sich mit ganzer Kraft in’s arbeitsvolle Leben. Sein Vater war Gemüsegärtner gewesen und Piet hatte dies Geschäft gelernt; als aber der Vater starb, da mußten die besten Ländereien für die Schulden veräußert werden, und was übrig blieb, reichte zum Betriebe nicht mehr aus. Piet entsagte ungern seiner lieben Gärtnerei, mußte es aber. Er war indessen ein äußerst anstelliger Junge, der besonderes Geschick zum Schiffbau hatte. Einst schnitzte er ein Seeschiff und stellte es im Kleinen vollkommen her, zierlich und nett. Dies trug er zu dem reichen Schiffbauer van Herseele, der auf dem gorkumer Werft eine erste Größe war. Der Mann sah sich das kleine Modell eines solchen Fahrzeugs genau an, und als er sich überzeugt, daß Piet es ohne Beirath und Hülfe gemacht, kaufte er es ihm um einen schönen Preis ab und nahm ihn als Junge in Dienst. Seitdem war Piet Schiffszimmermann geworden, und van Herseele war mit ihm so zufrieden, daß er ihn schon nach einem Jahre zum Gesellen machte. Da verdiente Piet viel Geld. Sein Feld bestellte er in den frühesten Morgenstunden, wenn ganz Gorkum noch in den Armen des Schlafes lag, und zu rechter Zeit war er auf dem Werft. In den freien Feierabendstunden baute er sich einen Kahn, zu dem Herseele, der seine Freude an ihm hatte, ihm das Holz schenkte. Mit diesem setzte er dann in den Feierabendstunden Leute über und war bald der beliebteste, weil sicherste Kahnführer. Kamen die Offiziere der Besatzung von Schloß Löwenstein nach Gorkum und hielten sich dort bis nahe der Stunde auf, da der Kanonenschuß vom Schlosse die Thorschluß- und Appellstunde meldete, kamen sie eilfertig in den Hafen, und riefen sie nur: „Piet! Schnell!“ Und Piet war da und sein Kahn schnitt durch die Wellen wie ein Pfeil, der von der Sehne des Bogens geschnellt wird, und zur guten Stunde landeten sie. Dafür wurde er dann reichlich belohnt.

Man sah ihn in keinem Wirthshause, bei keinem Tanze, nirgends, wo das junge Volk der Lustbarkeit nachgeht. Seine Sonntage brachte er in der Kirche, und nach dem Gottesdienst bei Ohm Houwening zu, wo der alte Gärtner im Worte Gottes las und Gebeststunde hielt; dann waren alle im Garten im traulichen Umgang und Gespräch, oder sie gingen gegen Abend alle zusammen auf dem Uferdamme spazieren. So führten sie ein harmlos Stillleben, wie es die Sitte in vielen Familien pflegte.

Piet konnte seine liebe Mutter ehrlich und auskömmlich nähren, aber das, was er eigentlich im Auge hatte, wollte ihm, trotz seiner Anstrengungen, nicht gelingen. Immer noch hing seine Seele an der Gärtnerei. Die Ländereien seines ehemaligen väterlichen Besitzthums wieder an sich zu bringen; ein Treibhaus sich zu erbauen und dann ganz Gärtner zu werden, war sein Ziel, darauf alle sein Sinnen, Dichten und Trachten gerichtet war – und dann – Elsje als Tochter seiner alten Mutter zuführen. Wohl hatte er sich einmal ein Sümmchen erspart, aber eine lange Krankheit der Mutter zehrte es wieder auf, und seitdem hatte die Ungunst der Zeit und der Verhältnnisse es dazu nicht mehr kommen lassen. Er arbeitete aber unverdrossen fort und sagte: „Wir sind noch jung, Elsje und ich; vielleicht giebt uns Gott doch noch Segen, daß ich mein Ziel erreiche.“

Wie tief ihn auch die Trennung von Elsje gedrückt und gebeugt, in der Arbeit und im gläubigen Aufblick zu dem Herrn fand er Trost, und als nun gar ihre Briefe ihre Grüße brachten, trug er’s leichter und dachte: „Sie wird ja wiederkommen!“

[365] Im Hause van Houwening’s war’s düsterer und stiller. Der Vater sah die Lücken in den Arbeitskräften und strengte sich wacker an und die Mutter half; aber manche stille Thräne rann in den trockenen Sandboden, der nach Regen lechzte und es kam doch keiner; die Kinder mußten nun, soweit sie es konnten, tüchtig mit angreifen, und sahen ihre Spielstunden verkürzt, und der muntere Claas fehlte, der ihnen so oft zu heiterem Spiele den rechten Ton und Weg angegeben; der sinnige Jan war nicht mehr da, der ihnen Mährlein und Geschichten erzählte, aber tiefer noch beklagten sie ihrer lieben Elsje’s Verlust, denn die hatte Frieden gestiftet, wenn sie haderten, ihre Wünsche bei Vater und Mutter vermittelt und manchmal von dem Obste mehr gegeben, als geschehen sollte, weil es ja zu Markte gebracht werden mußte. Elsje hatte selbst ihren Antheil dann unter sie vertheilt, und es war ganz seltsam, wenn sie es zu Markte brachte, hatte sie stets mehr gelöst, als alle Anderen, die etwa einmal verkauften. Das begriffen freilich die Kinder nicht, daß die Leute alle bei dem scheuen, reinlichen, sittigen Mädchen lieber kauften, die es zudem auch noch verstand, Früchte und Blumensträußer viel lockender, geschmackvoller und schöner zu ordnen, als irgend Jemand in der Familie. Selbst Jan brachte es nicht so fertig. Allmälig gewöhnte man sich an das stillere Leben. Alles ordnete sich unter des Vaters Leitung, und es ging ziemlich, zumal wenn in dringender Arbeit Piet’s geschickte und starke Arme von sechs bis zehn Uhr abends halfen. Da wurde ein Stück weggearbeitet, daß man’s gar nicht begreifen konnte, denn die Arbeit förderte ihm verwunderlich, und doch that er sie so gut, daß der alte van Houwening sagte: „Es ist Jammer und Schade,. daß Du nicht die Gärtnerei allein treibst, Piet, mein Neef – oder – was noch immer häufiger vorkam – mein Sohn!“

Dann lächelte Piet und sagte: „Kommt Zeit, kommt Rath. Ich denke, es soll noch werden, ehe ich vergraue oder vor Alter sterbe, und Elsje versteht sich ja auch drauf!“

Dann nickte der Gärtner und sagte' „Gott walt’s! – Es ist das schönste Geschäft auf Gottes Erdboden.“

Die Stimmung wurde indessen immer heiterer, denn es liefen die besten Nachrichten ein.

Het Lammetje legte bald wieder im Hafen von Gorkum an, und Claas kam fröhlich in’s Vaterhaus gelaufen. Er sah aus, wie das frische Leben, hatte Backen wie ein Trompeter, und die Sonne hatte das Ihrige an seiner Gesichtsfarbe gethan, denn wenn er den Südwester ablegte, so war der Theil der Stirne, den er bedeckte, hellweiß und in schnurgerader Linie darunter sah’s braun aus, aber frisch, und die Augen leuchteten wie Fackeln. Fragte ihn der Vater, ob er schon vertraute Bekanntschaft mit dem „Tauende“ oder der „neunschwänzigen Katze“ gemacht, so lachte er hell auf und rief: „Daß ich ein Narr wäre! Wenn ein Schiffsjunge flink, gefällig und dienstfertig ist, dabei einen Witz oder eine Schnake in Bereitschaft für die Matrosen und stillen Gehorsam für den Patron hat, so sind die beiden Dinger seinem Rücken und Rippen fremd! Sie haben mir noch nicht einmal ihre blaue Schrift auf den Rücken geschrieben.“

Fragte er den Patron, ob damit der Knabe nicht geflunkert, so lachte der und sagte: „Nein, Baas van Houwening, gelogen hat er nicht. Er ist der beste Schiffsjunge, der jemals an Bord von het Lammetje gewesen ist. Er hat sich auch so gestreckt und seine Kräfte so gestärkt, daß er bald Matrose wird, was die Matrosen und ich darum nur ungerne sehen, weil der „Blexemskeerl“ kocht, wie eine Hausfrau!“

Claas war auch einmal bei Jan in Haarlem gewesen und brachte einen Gruß und einen Brief. Darin stand zu lesen, wie Baas Daatselaar in Haarlem so gut gegen ihn sei, und wie er in der Zwiebelzucht bald erster Gehülfe werden würde und ein unbeschnittener Dukaten für die Mutter lag dabei.

Claas wußte gar nicht fertig zu werden, wenn er auf die Beschreibung des Gartens von Baas Daatselaar kam; denn solchen Garten hatte er noch gar nicht gesehen.

„Da sind Stücke mit Tulpenzwiebeln, Hyazinthen und Gott weiß, wie das Geknolle all’ heißt,“ sagte er, „deren jedes dreimal so groß ist, als unser ganzer Garten! Und Jan hantiert mit Spaten und Kanne drin herum, daß es ein Plaisir ist.“

In Rotterdam war er nicht gewesen, seit Elsje bei van Groot’s in Diensten war. Kam er aber auf die Städte zu reden, die er gesehen, so verschwand sein liebes Gorkum, das er bisher als den Mittelpunkt der Erde angesehen, völlig aus dem Gesichtskreise.

Alle hörten ihm gerne zu und die kleineren Jungen hingen mit voller Seele an seinem Munde und spannten, um ja kein Sylbe des weitgereisten Bruders zu verlieren, vor dessen bedeutender Person sie einen gewaltigen Respekt gewannen.

Die Aeltern dankten dem Herrn für solches Glück und der Gärtner sagte zu seiner Frau: „Kaatje, da siehst Du, wie unsre Gebete nicht leer zu uns zurückkehren! Du siehst, wie gut es war, daß ich meinen Plan ausführte. Den Kindern geht’s gut, Gott sei gelobt, und uns geht’s besser!“ –

[366] Von Elsje kamen ebenso erfreuliche Botschaften. Sie war von Cornelis van Breigem selbst zu Mevrouw van Groote geführt worden. „Die edle Frau – und wie ist sie schön und stattlich,“ schrieb Elsje, „hatte sie mit herzgewinnender Güte und Freundlichkeit aufgenommen und bisher in stets wachsendem Maße behandelt. Das Wort, sie zu halten, wie ihr eigen Kind, hatte sie getreulich bethätigt. Elsje gewann sich bald ihre volle Liebe, ihr unbedingtes Zutrauen. Alle Schränke und Truhen standen ihr offen, und als ihre alte Amme, die Leibdienerin bei ihr war, starb, rückte Elsje in diese ungemein bevorzugte Stelle ein. Sonst pflegt das den Neid der Mitdiener in hohem Grade zu erregen; aber Elsje’s liebes, treues und freundliches Wesen ließ so etwas nicht einmal keimen, geschweige aufgehen und arge Frucht tragen. Sie war Allen gefällig, rieth, half, diente Allen, und gewann sich so ihre vollkommenste Liebe. Dabei stand sie bei Allen in hoher Achtung, durch ihren sittlichen Ernst und ihre Strenge in der Zucht und Ordnung, also, daß sie die von Allen hochgeschätzteste Schiedsrichterin in allen Zwisten war.

Solche Nachrichten dienten dazu, die Familie van Houwening glücklich zu machen, selbst unter dem schweren Drucke der Zeit, und Piet hörte die Kunde von Elsje allemal am Abend, wenn er kam. Dies war jedoch nicht regelmäßig der Fall, denn er war der beliebteste Schiffer der Offiziere von Löwenstein geworden, die sich von keinem Andern heimfahren ließen. Die Soldaten der Besatzung des Schlosses kannten ihn als den Liebling ihrer Befehlshaber, und erwiesen sich freundlich gegen ihn. Sein Verdienst wuchs und mit ihm seine Heiterkeit und sein Eifer. Er konnte wieder einen Sparpfennig zurücklegen und sah sich in der Weise dem Ziele seiner Wünsche näher rücken, das machte ihn fröhlich und die Grüße Elsje’s unendlich glücklich.



IV.

Vielleicht selten mag es geschehen sein, daß zwei Menschen, der Eine in ein dienendes, der Andere in ein befehlendes Verhältniß kamen, die in allen Punkten so sich ähnlich waren, wie Elsje van Houwening und Mevrouw Maria de Groot. Freilich ist da nur von dem inwendigen Menschen die Rede, denn das Alter hätte eben sonst allein schon einen Unterschied begründet, welcher ausreichend gewesen, sie als sehr verschieden zu bezeichnen. Diese innere Verwandtschaft, diese Gleichheit der Seele, möchte man sagen, fühlt sich schnell heraus. Es ist, als ob von dem Menschen ein geistiger Hauch ausgehe, der anziehe oder abstoße, der Verwandtes berühre und sich daher als solches zu verstehen gebe oder das Gegentheil wirke. So war es bei Elsje und ihrer Mevrouw. Beide erkannten sich schnell als verwandte Naturen, denn es war ja in ihnen, wie bei zwei gleichgestimmten Saiteninstrumenten, der Ton des Einen weckt die gleichen Saitenschwingungen des Andern, und es fehlte in jenen Tag an Ereignissen nicht, welche die wechselnden Stimmungen hervorriefen, bald so, bald so, bald froh, bald traurig. Allmälig aber kam es, daß die letzteren die Ueberhand bekamen, namentlich in dem Leben des Rathspensionärs Hugo de Groot.

So hoch gelahrt und geachtet dieser seltene Mann war, so hatte er doch der bittern Verfolgung, dem grimmigen Hasse nicht entgehen können, denn es war die Zeit der erbittertsten Religionsstreitigkeiten, welche Holland in zwei Lager theilten, aus denen des Hasses Flamme zum Himmel auflohete, und sie meinten in ihrer Blindheit, das sei gottgefällige Glut.

In solchen Zeiten lösen sich die heiligsten Bande, scheiden sich die Herzen, die sich gehörten, in Summa, es wird Inneres und Aeußeres anders, denn es gewesen ist in ruhigen Zeiten, da der Friede seinen Palmenzweig schwang und die Liebe waltete. Wer hätte früher denken können, es breche ein Wetter herein über das Haupt des weltberühmten Mannes, und seine Schläge drohten ihn zu verderben? Und doch war es so.

Die Glaubensstreitigkeiten der Arminianer und Gomaristen hatten schon lange gewaltet und wahrlich, keinen Segen gebracht in einem Lande, welches der äußere Krieg so lange und schwer heimgesucht. Hugo de Groot gehörte den Ersteren an und verfocht ihre Sache. Man nannte sie, von einer Vertheidigungsschrift her, auch Remonstranten.

Als aber die Synode von Dordrecht gesprochen hatte, brach die Verfolgung herein und traf zunächst die hervorragendsten Glieder der Gemeinschaft, und auch über den mächtigen Rathspensionär der Stadt Rotterdam, Hugo de Groot, brach sie herein. Er wurde eingekerkert und darauf zur lebenslänglichen Gefangenschaft verurtheilt, die er auf dem festen Schlosse Löwenstein bei Gorkum zu verbüßen hatte. Dorthin wurde der edle Mann gebracht, und seine Haft war anfänglich sehr hart und enge, bis nach und nach mildere Behandlung eintrat und man dem „hochgelahrten Herrn“ so viel Bücher zukommen ließ, als er zu seiner gelehrten Beschäftigung bedurfte und wünschte. Sonst wurde er sehr menschenfreundlich und gut behandelt. Ja es wurde nicht einmal die strenge Wachsamkeit geübt über die Bretterkiste, darinnen ihm die Bücher geschickt wurden.

Der Schlag, welcher den geliebten und hochverehrten Gatten traf, fiel mit ganzer Schwere auf das Haupt Maria’s, seiner Gattin. Er kam so wuchtig und schwer, daß er sie anfänglich völlig betäubte und der Schmerz alle ihre geistigen Kräfte lähmte. Recht viele und große Liebe wurde ihr bewiesen, und solche Theilnahme hätte sie trösten mögen, wäre nicht das Herz zu schwer und tief getroffen worden.

Er sollte leben und doch todt sein! Nicht todt und doch für dieses Leben von ihr geschieden! Er sollte die einsame Haft dulden und sie frei sein! Er sollte leiden und sie ihn nicht pflegen! Das waren Gedanken, die den Geist einer noch so starken Frau trüben und erschüttern konnten, zumal sie wußte, daß er unschuldig dieses Urteils Schwere trug.

Wenn sich an das Mißgeschick, an das Leiden, welches unsre Liebsten und Theuersten trifft, noch ein Schimmer von Hoffnung schmiegt, wenn es noch eine Handhabe bietet, daran die Liebe den Anker der Hoffnung befestigen mag, und wäre das Ankertau auch nur der Faden einer Spinne, dann drückt es nicht völlig zu Boden, aber wenn, wie mit dem Schwertstreich des Nachrichters, jeder Faden des Lebens, der ja auch noch ein Faden der Hoffnung ist, zerschnitten wird, ja, dann gehört eine rechte Kraft dazu, solch Schicksal zu tragen, ohne alsogleich von seinem breiten Fuße zertreten zu werden, und solche Kraft ist nur eine – die des Glaubens. Eine andere giebt’s nicht. Maria de Groot wurde fürchterlich von dem Urtheile, welches über ihren edlen Gatten gefällt wurde, getroffen. – Niedergeschmettert war das edle Weib, wie von einem Donnerschlage. Sie war unzugänglich jedem Troste, der ohnehin oft so leidig ist, weil nichts dahinter ist, nicht einmal Wahrheit, sondern eitel Heuchelei. Wie könnte da solches Wort Friede wirken? Das empfand Frau Maria wohl tief und schmerzlich. Um so inniger schloß sie sich an das einzige Wesen, welches ihr blieb, welches ihr in wahrer, ächter Liebe zugethan war, an die liebliche Elsje. In diesem Herzen wohnte Treue, aufrichtige Theilnahme, ächte Liebe. Niemanden ließ sie mehr zu sich. Elsje und sie lebten allein und einander genug, und Beide richteten sich auf im belebenden Hauche des Glaubens und in seinem warmen Strahle. Die weite Trennung von ihrem Gemahle aber lag drückend auf der Seele der edlen Frau.

„Was hindeert Euch, Mevrouw,“ sagte eines Tages Elsje, „diese Stadt zu verlassen und nach Gorkum zu siedeln? Meines Vaters stilles Häuslein steht Euch offen; ja, es wird leicht sein, daß er Euch ein Stüblein einräumen kann, von dannen Ihr Löwenstein sehen könnt, was gewiß zu Eurer Ruhe beiträgt.“

Frau de Groot faßte des Mädchens Hände mit Heftigkeit. „Kind,“ sagte sie, „glaubst Du, daß das gehe? Glaubst Du, daß ich dort heimlich sein könnte?“

„O, da wird Euch keine Seele vermuthen, kein Auge sehen!“ rief Elsje aus. „Es sind Eure Glaubensgenossen und treue Seelen, auf die Ihr bauen könnt, wie auf Felsengrund!“

Frau de Groot sann, dan sagte sie zu Elsje: „Schreib heim, ob es gehen könne, aber bald!“

In van Houwening’s Hause war um Elsje große Sorge eingekehrt. Die Verurtheilung Hugo’s de Groot war kein Geheimniß geblieben unter den Remonstranten. So hatte durch vertrauliche Mittheilung auch der Gärtner Kunde davon erhalten; aber, wie es mit mündlichen Ueberlieferungen zu gehen pflegt, so kam es denn auch hier: Das Kleine wächst zu riesiger Größe heran, und das Mäuslein wird zum Elephanten. Es hieß nämlich, und Daatselaar theilte es mit, nicht nur sei der Rathspensionär zu ewiger Haft verurtheilt und nach Löwenstein gebracht worden, sondern auch seine Gattin und das dem Ehepaar treu ergebene Dienstbotenthum des Hauses sei wegen seiner Treue gegen die Herrschaft zu [367] vieljähriger Einsperrung nach Middelburg gebracht worden. – Daß da Elsje der härteste Spruch getroffen, das lag außer allem Zweifel, denn sie wußten ja, wie das Kind zu der edeln Frau stand, und sie zu ihm.

Wie gelähmt waren sie alle und Piet, der seiner Hoffnungen Ziel in eine nebelgraue Ferne gerückt sah, war wie eine Bildsäule. Was die Armen in dem trostlosen Wahne bestärken mußte, das war das Ausbleiben aller Nachrichten von Elsje, mit denen sie sonst nicht zu kargen pflegte. So verging eine Woche nach der andern; Piet wußte, daß Herr de Groot in Löwenstein war; allein weiter konnten ihm die Offiziere nichts sagen.

„Sie darf nicht schreiben, sonst würde sie es gewiß thun!“ sagte die weinende Mutter. „Du, mein armes, gutes Kind! Ach, wie hart, hinter Mauern eingeschlossen sein ohne alle Schuld als die, daß man seinem Glauben treu und in der Liebe zu guten Menschen beständig ist!“

„Gerade das wird ihr die Haft leicht machen,“ sagte der Gärtner tröstend zu seiner Frau. „Sie hat das Zeugniß eines guten Gewissens, und das gilt vor Gott, auch ohne Brief und Siegel!“

Wenn er das auch aus innerster Ueberzeugung sagte, so war dennoch sein Herz voll Trauerns um seines lieben Kindes Loos, und er machte sich innerlich bittere Vorwürfe, daß er die Schuld trage, weil er sie dorthin gebracht, wo das Unglück über sie kam.

Endlich fiel ein lichter Sonnenstrahl in dies Dunkel. Es kam ein Brief von Elsje und nicht aus Middelburg, sondern aus Rotterdam und auf dem Wege, auf dem auch die früheren gekommen waren.

Schon diese äußeren Umstände gaben der Hoffnung Raum, sie sei wieder ledig ihrer Haft; als aber der Gärtner den Brief erbrach und laut vorlas, da jubelten die Herzen in Preis und Dank zum Herrn, denn es war ja Alles, was sie beängstigt hatte, eitel Lüge. Sie war nie verurtheilt, nie verhaftet worden. Nur die betrübte Lage ihrer Herrschaft, die ihrer Herrin alsdann, war der Grund ihres langen Schweigens gewesen. Innig sprach sie ihr volles Mitleiden aus gegen die unglückliche Frau, die sie so sehr liebte; aber dann kam ein Punkt, der plötzlich dem Gärtner Schweigen auflegte, bis die Kinder entfernt waren; alsdann las er vor der Mutter und Piet weiter und enthüllte den Plan des Mädchens, mit ihrer Herrin nach Gorkum zu kommen und heimlich sich daselbst und im Vaterhause aufzuhalten.

„Ach, du lieber Gott,“ sagte die Mutter, ihre Hände zusammen schlagend, „wie soll denn das gehen? So eine Dame und unser Häuslein!“

Durch Piet’s Seele fuhr’s wie ein zuckender Strahl. „Elsje kehrt zurück!“ der Gedanke machte ihn von unaussprechlicher Lust und Freude erbeben.

„Tante Kaatje,“ sagte er, „lasset den Ohm Claas weiter lesen. Es ist nicht Elsje’s Art, ein Schloß in die Luft zu bauen. Was sie will, das hat sie überlegt, rechts und links, hinter sich und vor sich. Ich wette mein Boot gegen eine oberrheinische Nußschaale, sie weiß Rath, und macht’s gerecht, daß an der Möglichkeit der Ausführung kein Zweifel ist!“

Da hast Du wieder einmal Recht, Neef Piet,“ versetzte der Gärtner, der, während dieses Zwiegesprächs zwischen der Mutter und Piet, stille das Weitere des Briefes überlesen hatte. „Das Kind ist klüger als wir Alle. Hört nur weiter!“

Er las: „Die Sache, herzlieber Vater und herzliebe Mutter, hab’ ich mir recht sonderlich überlegt, denn da ist ein stürmisch Zufahren vom Uebel, wo es gilt, für eine tief bekümmerte, edle Frau ein verborgen Winklein zu suchen, von dannen sie ihres Gatten Gefängniß sehen möchte, auf daß sie ihm näher sei, und darin einen Trost fände, und ein Strohhälmlein, daran sich ihre Hoffnung möge halten. Ist mir’s denn auch in die Seele gekommen, wie es könnte gemacht werden, ohne große Hinderniß und viel Umschweifens, und das solcher Gestalt: Ihr wisset ja, herzlieber Vater und herzliebe Mutter, daß wir das Hinterstüblein neben der Küche haben. Es ist wohl enge und klein, aber die edle Frau ist also demüthig, daß sie sich vollkommlich damit begnügt, sintemalen sein Fensterlein gegen Schloß Löwenstein schaut, woselbst ihr Eheherr sitzt im Gefängniß und vielleicht in schweren Ketten und Banden. Nun weiß ich wohl, daß darinnen Kaatje und Mietje, Piet und Niel’s schlafen, und ist kein ander Plätzlein wohl für sie zu finden, aber Tante van Halver und unser lieber Piet haben ein solch’ Stüblein ledig und brauchen’s nicht. Was hindert’s, daß der Kinder Bettlein in der Stille hinüber gebracht werden und solche allabendlich hinüber gehen, zu schlafen? Niemand sieht’s, Niemand weiß es. Redet mit der guten Mutter van Halver, die Ihr wohl grüßen müsset und mit meinem lieben Piet, und es wird gehen. Schreibt mir bald. Grüßet mir Piet und alle unsere Kinder. Wie geht’s unserm Jan in Haarlem und unserm Claas auf dem Lammetje? Mich verlanget herzlich nach Euch Allen! Seid Alle Gott befohlen!“

Piet wäre fast in einen Ausruf der im Herzen zusammengepreßten Freude ausgebrochen, als sie ihn ihren lieben Piet nannte, und zu den „Allen,“ nach denen sie herzlich verlangte, gehörte er ja auch, aber er wurde doch Herr über sein Gefühl und wartete, was van Houwening sagen werde, als er den lieben Brief sorgfältig zusammengelegt.

„Siehst Du’s, Kaatje,“ nahm er dann das Wort, „daß Neef Piet Recht behält. Es ist ein kluges Ding, und wo das eine Sache anfaßt, da geht’s.“

„Geht’s denn?“ fragte seine Frau, die zwischen der Freude, ihr theures Kind wieder um sich zu haben und dem erschreckenden Gedanken an die Anwesenheit einer so vornehmen Dame unter ihrem bescheidenen Dache ordentlich hin und her geworfen wurde.

„Ob’s geht, Kaatje, darüber wird Neef Piet und seine gute Mutter zu entscheiden haben,“ sagte der Gärtner und sah Piet forschend in das große strahlende Auge, in dem die Hoffnung, Elsje wieder zu sehen, leuchtete.

„Ob’s geht?“ rief Piet. „Blexem! Es muß gehen, sag’ ich Euch, Ohm Claas, und sollt’ ich mir auf der Linde ein Nest neben die Elster bauen, die da hauset seit langen Jahren und alle Jahre ihr Nest länger bauet, daß es schier wie ein Fischkorb aussieht; aber das Alles ist nicht nöthig, nicht einmal das Küchenstüblein; denn die Buben schlafen in meinem Kämmerlein und die Mädchen in dem der Mutter. Es ist Platz genug!“

„Ach, du lieber Herr!“ rief die Gärtnerin, „so wär’s ja fix und fertig! Aber, aber, die Dame! Claas, die Dame!“

„Kaatje, die ist keine Menschenfresserin, wie die auf der Insel, da sie den Matrosen van Diemens verspeisten!“ sagte lächelnd der Gärtner. „Wäre sie das, so lebte Dein Elsje schon lange nicht mehr!“

„Wer denkt denn an so etwas?“ wehrte die Gärtnerin ab, nicht ohne von dem Spotte ihres Mannes unangenehm berührt worden zu sein.

„Ist so bös nicht gemeint gewesen,“ sagte der Gärtner begütigend, „Ich weiß wohl, was Dich quält. Erstens, der Gedanke an ein vornehm Bette, da laß Du Dein Elsje sorgen. Das weiß so gut, wie es bei uns bestellt ist, wie Du und ich, und das wird schon sorgen, und sodann das Essen kochen. Du kochst aber, wenn Du’s hast, vortrefflich, und Elsje wird auch wissen, was die edle Frau begehrt. Ueberdies waren die van Reigersberg sehr reich und der Rathspensionär von Rotterdam hat auch eine Einnahme gehabt, die ein Bischen weiter reicht, als die des Claas van Houwening, wenn auch die Herren de Groot in Delft nicht zu den reichsten Leuten in Altniederland wären gerechnet worden. Da brauchst Du nicht Vorspann zu leisten! Sei aber dem Allem, wie ihm wolle, laß auch hier den lieben Gott gewähren, der unsere Burg und unser Fels ist, darauf wir bauen!“

„Amen!“ schloß Piet. Ihr macht immer Euern Schluß am Besten, Ohm Claas, gerade wie unser Domine. Wenn der ein rechtes Kraft- und Kernwort gesagt hat, so folgt allemal das „„Amen,““ das hab ich ihm abgemerkt. Wozu sich da den Kopf zerbrechen? Wir lassen’s kommen. Die Hauptsache ist abgemacht, und es ist mir recht lieb, wenn meine alte Mutter nicht so allein schläft, denn die Opwerkens überfallen sie manchmal in der Nacht. Dann ist auch Hülfe da und mit den Jungens werd’ ich prächtig zurecht kommen, und sie recht an’s Frühaufstehen gewöhnen. Das ist ihnen gut, denn die „Blexemskeerle“ sind ja Morgens, wenn ich komme, gar nicht wacker zu machen. – Schreibt nur gleich an’s Elsje, es sei alles rund gemacht und es solle nur bald kommen. Uns verlangte auch herzlich nach ihr.“

Der Gärtner sah ihn lächelnd an und sagte scherzend: „Wenn’s wahr wäre?“

„Blexem!“ rief Piet und schlug auf seine hohe und breite Brust, daß es hämmerte „Zweifelt Ihr daran?“

[368] „Wahrlich nicht!“ entgegnete lachend der Gärtner, und selbst die so sehr sich quälende Frau lachte.

Piet wurde roth, wie mit Blut übergossen, als er sah, wie es gemeint war, und lief eilig von dannen.

Der Brief wurde dann geschrieben, und die Mutter rastete nicht, bis alle ihre Bedenken, Wort für Wort darin standen, damit Elsje, wenn es etwa an Manches nicht sollte gedacht haben, darauf aufmerksam würde, besonders auf das Bette und feine Laken und auf das nöthige kostbare Geräthe für das Stüblein und für die Speisen der edeln Frau.

Alle diese Sorgen waren rein überflüssig, denn Kisten und Kasten waren bereits an Bord des Lammetje, welches damals gerade an dem Kanale auslud, der unfern des prachtvollen Hauses des gefangenen Rathspensionärs sich befand. Mit ihrem Bruder Claas besprach Elsje noch das Nöthige, ehe dieser Rotterdam verließ, damit er alle beängstigenden Zweifel ihrer Mutter im Voraus löse und die Sorge, welche aus des Vaters Brief hervorleuchtete, aufhebe oder in ihrer völligen Nichtigkeit zeige.



V.

Het Lammetje war abgesegelt mit Kisten und Kasten für Frau de Groot, und Elsje hatte mit ihrer Umsicht so gesorgt, daß der Mutter auch nicht die kleinste quälende Sorge übrig blieb; aber seit diesem Tage war Vieles anders geworden für Frau de Groot und Manches hatte einen freundlicheren Anstrich gewonnen. Der Commandant von Löwenstein mußte, wie es schien, berichtet haben, wie Herr de Groot durch Langeweile mehr geplagt werde als durch seine Haft. Trotz des Parteihasses erkannte man die hohen Verdienste des gelehrten Mannes an und gestattete ihm, zu lesen und zu schreiben. Zum Lesen aber gehören Bücher. Es wurde ihm dann auch gestattet, seiner Gattin zu schreiben, natürlich in einem unversiegelten Briefe, welche Bücher er aus seiner Büchersammlung oder aus der der Universität Leyden zu haben wünsche.

Das war ein rechter Trost für das leidende Gemüth der unglücklichen Frau. Sie hörte, daß er ohne Fesseln sei; daß er menschenfreundlich behandelt werde, daß ihm jetzt auch Arbeit und täglich freie Bewegung auf den Wällen und Bastionen der Festung gestattet worden sei. Wie dankte sie Gott für diesen Trost! Und wie eilte Elsje, die Bücher in einen breiten und langen Kasten zu packen, die er zu haben wünschte!

Den Kasten sandte sie nach Gorkum an Baas Daatselaar mit einem Schreiben, daß Piet van Halver ihn nach Löwenstein führen möge und in die Hände des Commandanten abliefere.

Frau de Groot hatte den Gedanken, sich heimlich nach Gorkum zu begeben, einem Freunde ihres Gatten vertraut. Mit großem Erstaunen blickte sie dieser an und sagte. „Warum denn aber heimlich, Mevrouw? – Ihr seid ja völlig frei und Herr über Eure Handlungen. Keine Menschenseele wird es Euch wehren, Euch hinzubegeben, wohin es Euch beliebt. Und wer weiß, wenn einmal die erste Zeit vorüber, die erste Leidenschaft verraucht ist, ob man Euch nicht gestatten wird, Euern Eheherrn zu besuchen? Entfernet Euch aber ja nicht heimlich. Das könnte gar schlimmen Einfluß auf ihn und Euch haben. Nein, zeigt’s vielmehr dem jetzigen Rathspensionär schriftlich an, Ihr würdet Euch nach Gorkum zurückziehen in die Stille, welche Euerer Lage mehr zusage als das Geräusche Rotterdams, und – um Eurem Herzen zu genügen, das vielleicht ruhiger sich in das schwere Geschick ergebe, wenn es wisse, es schlage in der Nähe des Mannes, mit dem Euch Gott verbunden und mit dem Ihr gern die Einsamkeit der Haft theilen möchtet, wenn nicht ein härterer Spruch es Euch versagte.“

Das war gewiß ein guter Rath, und Frau de Groot erkannte ihn dankbar als solchen an und befolgte ihn getreulich. Wenn völlig unbeachtet blieb, so dachte doch Niemand daran, ihr die Uebersiedelung nach Gorkum zu wehren.

Demnach brachte sie mit Elsje’s Beihülfe ihre Sachen in die bestmöglichste Ordnung; übertrug dem Freunde, der ihr so gut gerathen, die Oberaufsicht über Alles und ließ ihre treuen Dienstboten im Hause. Dann erst rat sie allein mit Elsje die Reise an, die es denn nicht versäumt hatte, sie mit der Armuth ihrer Aeltern, der Enge der Räumlichkeit, da sie wohnen würde, und Allem bekannt zu machen, was etwa einen unerwartet übeln Eindruck auf sie hätte machen können, wenn sie es vorher nicht gewußt hätte.

Die Reise von Rotterdam bis Gorkum hatte in jenen Tagen eines ungemeinen langsamen Verkehrs eine Langweiligkeit, die nur ein niederländisch Gemüth in Ruhe und Ergebung tragen konnte. Sie wurde nur mit Trekschuiten, was einfach Ziehschiff heißt, vollbracht. Bald hielten sich begegnende Fahrzeuge auf; bald riß ein Tau; bald mußte eine Ophalbrug oder Zugbrücke entfernt werden. Ging es dann ruhig und sanft, aber langsam und besonnen weiter, so hatte man vom Schiffe keine andere Aussicht als wider den nahen Damm. Eine Unterbrechung war es, wenn eine Windmühle, das Wahrzeichen Hollands, sichtbar wurde, deren Flügel entweder schlaff und träumerisch herabhingen und hinauf starrten oder sich träge, manchmal aber in raschem Wirbel bewegten, wenn ein lebhafter Land- oder Seewind scharf in die Flügel fuhr.

Da saßen denn Frau de Groot und Elsje, die Füße auf dem wärmenden Stoofje oder verschlossenem Kohlenbehälter, neben sich das, hochdeutsch kaum anständig zu nennende Kwispedoosje, und unterhielten sich entweder leise oder starrten die Dämme und Windmühlen an oder schliefen sanft in einer Siesta, welche zwei Dritttheile des Tages einschloß. Eine Stadt oder ein Dorf weckte sie dann und bot wenigstens auf einige Zeit eine angenehme Unterhaltung, die jedoch bald wieder bei dem Charakter der Landschaft versiechte.

Endlich erschien Löwenstein und die Thürme von Gorkum. Das war ein Anblick, der das Herz ergriff und in seiner Tiefe erschütterte. Wie manche Thräne rann über die schönen, wenn auch bleichen Wangen der gebeugten Frau! Sie hatte sich vorgenommen, ihrem Schmerze den Ausbruch zu versagen; aber wie war das eine Selbsttäuschung! Wie pochte das Herz so stürmisch und wie fühlte es gerade jetzt, so nach dem geliebten Manne, die Trennung so hart und schwer!

Auch Elsje’s Herz pochte fast gewaltig.

Die Zeit, in der sie die Ihrigen nicht gesehen, war ihr wie eine Ewigkeit erschienen. Jetzt, so nahe, wollte die Sehnsucht sich nicht bewältigen lassen. Als sie hinausblickte, stand Piet da. Piet, ihr Piet, an dem ihre treue Seele hing. Es schien, als wolle er mit seinem glänzenden, blauen, großen Auge das Bord der Trekschuit durchdringen, um zu sehen, ob sein „Meisje“ darinnen sei (sein Mädchen). Wie war er frisch und blühend, wie stattlich und gut gekleidet; zwar braun, aber doch so schön! Und jetzt erst erkannte sie ihre beiden jüngeren Brüder; prächtige, kräftige Buben, mit den guten treuen Zügen, wie Jan und Claas, und hinter ihnen stand der Vater und die Mutter, beide frisch und gesund und wohl aussehend, im Gesichte den Ausdruck gespannter Erwartung. Sie zitterte vor Freude. Die Thränen traten in ihre Augen und sie dankte dem Herrn für das Glück. Aber fragte sie sich selbst, was sind das für zwei bildhübsche, blühende Mädchen neben der Mutter?

Nach wenigen Minuten des langsamen Näherrückens hätte sie fast laut aufgeschrien, denn sie erkannte ihre jüngern Schwestern in den lieblichen Mädchen.

So war hier die Freude, die ein Herz im tiefsten Grunde aufregte, dort das Leid, was Gleiches hervorbrachte, wenn auch in anderem inneren Wesen, und wie die Augen Maria’s de Groot unverrückt an den Mauern und Thürmen Löwensteis hingen und forschten, wo des geliebten Gatten Leidenszelle sein möge, so hingen Elsje’s Blicke nur an der lebensvollen Gruppe auf dem Damme, und hier rieselte eine Thräne tief empfundenen Wehes und einer Sehnsucht, deren Ziel unerreichbar erschien, über die Wange; dort im Auge des Mädchens glänzte ein eben so heiliger Juwel, eine Thräne dankbarer Freude und einer Sehnsucht, deren Ziel wenige Minuten später in den Umarmungen herzlicher Liebe erreicht war.

Die Freude des Wiedersehens war groß, und doch war ein so richtiger Takt in dem einfachen Ehepaare, daß sie nach kurzer Begrüßung ihres Kindes, dem Unglück eine Huldigung darbrachten, die ihrem Herzen Ehre machte und die Frau de Groot mit feinem Gefühle anerkannte und zu würdigen wußte.

Piet’s Seele saß im Auge. Elsje war tausend Mal schöner geworden und doch so einfach geblieben, wie in Gorkum, und so liebevoll, wie am Scheidetage. Wie hatte sie ihn in’s Auge geblickt, wie seine Hand gedrückt! Piet war reicher als ein Großhändler zu Rotterdam und hätte mit keinem dieser Mynheers getauscht.

[369] Während die Mädchen sich an die schöne Schwester drängten, ging Frau de Groot mit den Aeltern von dannen und Piet und die Brüder nahmen das Gepäcke und trugen’s nach.

Das Stübchen war klein und enge, aber es war rein, wie geblasen, und die Mutter hatte nicht nur die wenigen Geräthe, nebst dem Bette sinnig geordnet, sondern die schönsten Blumen des Gartens zum Schmucke aufgestellt.

Sie führte die Frau de Groot hinein und bat sie, vorlieb zu nehmen.

Elsje freute sich der Anordnungen der Mutter und sah im Auge ihrer Herrin, dessen Sprache sie verstand, daß es ihr wohl war in dem Stübchen, wo sie Löwenstein sehen konnte, und wohin sie mit dem Tuche wehend ihre Grüße senden konnte. Eine wehmuthsvolle Freude spiegelte sich in dem Auge. Elsje ließ sie allein, um das Gepäck zu ordnen. Dabei half Piet, aber gerade dadurch wurde es ein langdauerndes Geschäft, denn hundert Mal konnte Elsje ihre Hand nicht gebrauchen, wie sie wollte, und zürnte doch dem nicht, der sie hielt.

Die Sorge der Mutter schwand nach der ersten Unterredung mit der Tochter, denn diese schilderte ihr die klösterlich einfache und stille Lebensweise der unglücklichen Frau. und dieses Insichhineinleben derselben wurde auch so wenig als möglich gestört. War ohnehin das Familienleben van Houwening’s ein stilles, in sich abgeschlossenes, ununterbrochen für alle thätiges, so wurde es jetzt aus Rücksicht auf das leidende Gemüth noch stiller und die Leidende erklärte ihrer lieben Elsje, sie habe einen Aufenthalt, wie diesen, der so ganz ihrem Seelenzustande zusage, nirgends besser und genügender finden können. Und wenn sie auch meist allein oder nur mit Elsje zusammen war, so nahm sie doch Theil an dem Morgen- und Abendgebete der gottesfürchtigen Familie und erging sich im Garten, wo kein Herandrängen ihre Gedanken störte. Es war für Elsje eine hohe Freude, wie sie sich aufrichtete und wieder getrösteter in’s Leben blickte, ja zeitweise noch Hoffnung der Rettung ihres Gatten hegte.

Die Bücherkiste hatte Piet hinübergeschifft. Sie war, das entging ihm nicht, zwar untersucht worden, aber keineswegs scharf. Im Laufe der Zeit begehrte Hugo de Groot mehr Bücher. Derselbe Kasten kam und ging wieder hinaus, aber jedesmal lag ein Brieflein darin, hin eins und her eins, und Niemand kümmerte sich darum. Die Kiste wurde später nie mehr untersucht, und der briefliche Verkehr unterlag keiner Unterbrechung. Piet wurde der Vertraute der beiden Ehegatten und mancher für ihn, seine Wünsche und Ansprüche reiche Lohn wurde ihm aus der Hand der Gattin de Groot’s zu Theil. Es kam so weit, daß man die Kiste, wenn sie von Zweien getragen werden konnte, selbst von ihm und einem Soldaten uneröffnet hinaustragen ließ.

Frau de Groot hätte übrigens blind sein müssen, wenn sie nicht bald sich hätte überzeugen sollen, wie es um Elsje’s und Piet’s Herzen stand. Sie freute sich des liebenswürdigen und sittigen Paares und mancher Gedanke ging durch ihre Seele, der wie ein Gelöbniß zu ihrem Besten für bessere Tage aussah; aber diese Tage lagen im Dunkel der Zukunft, und Gott allein wußte, wie und wann eine solche Stunde eintreten sollte und könnte.

Manchmal fragte sie Elsje nach ihren Verhältnissen, und das schüchterne Mädchen ergänzte dann, was sie der Herrin früher mitgetheilt. So erfuhr sie Piet’s Wunsch, Gärtner zu werden, aber auch die Hindernisse, welche diesem Wunsche entgegenstanden; sie lernte die Lage beider Familien genau kennen; sie sah bei aller Zufriedenheit, bei aller Treue, allem Fleiße doch auch hier das Leid in mancherlei Form und Gestalt, und zu helfen, regte sich in ihrem Herzen der Wunsch, wenn es ihr möglich gewesen wäre. [379] Piet und Elsje lebten glückliche Tage, aber dennoch trübte das Leid der unglücklichen, von Allen verehrten Frau solche Stunden und Tage.

„Ist denn gar keine Hoffnung, daß der arme Gefangene je begnadigt, je erlöst würde aus jener trostlosen Lage? Ein so gelehrter, verdienstvoller, frommer Herr!“ sagte er eines Tages, da er mit Elsje allein im Schatten eines Baumes im Garten saß. Es war ein Sonntag, wo er ruhte von den Anstrengungen der Woche.

„Ich wüßte nicht im Entferntesten, wie es zugehen solle. Mevrouw hat mir das selbst gesagt, und darum ist sie so gebeugt,“ erwiederte Elsje.

„Ist er denn mit Recht, ob einer Schuld verdammt?“ fragte Piet wieder.

„Nein, nein,“ sagte Elsje. „Sein Leben ist makellos, aber er ist ein Remonstrant, wie Du weißt, und das ist seine Schuld, daß er in seinen Glaubensgrundsätzen mit den Dortrechtern nicht stimmt.“

„Das allein?“ rief Piet.

„Ja, das allein, und es reicht hin, den verdammungssüchtigen Menschen die Mittel zu geben, weil sie die Gewalt haben, ihn zeitlebens einzukerkern, und er kann von Glück sagen, daß er nicht das Leben verlor, wie Oldenbarneveldt!“

„Das wäre noch sauberer gewesen!“ rief er aus. „Heute noch hat Dein Vater das Wort des Heilandes gelesen: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet, verdammet nicht, damit ihr nicht verdammet werdet!“

„Hast Du gesehen, Piet, wie Mevrouw warnte?“

„Ich hab’s wohl gesehen; aber darum sollt’ ich meinen, es wäre keine Sünde, ihn zu befreien!“ sagte Piet etwas leiser, aber mit großer Bestimmtheit.

Das Mädchen erfaßte heftig seinen Arm. „Piet,“ sagte sie, „was redest Du da?“

„Was ich schon mehr als einmal erwogen habe,“ war seine richtige Antwort.

„Würdest Du die Hand dazu bieten?“

„Lieber heute als Morgen! Nur aber in der Art und Weise komme ich nicht in’s Klare.“

„Hast Du erwogen, daß Du, es mag glücken oder mißlingen, Dein Glück, Dein Leben auf das Spiel setzest?“

„Ich hab’ das auch bedacht,“ sagte Piet. „Im schlimmsten Falle müßte ich über die Grenze fliehen und in Brabant ein Unterkommen suchen; aber was dann mit meiner Mutter? Wüßte man, daß so ein Sturm vorüberginge, so könnte Dein Vater sie zu sich nehmen; aber freilich – Elsje, wie stände es mit uns?“

Elsje erröthete und hielt ihr Tuch vor das Gesicht.

„Sei stille, Piet,“ sagte sie dann nach einer Weile. „Du dürftest Deine Hand nicht im Spiele haben. Ein Weib bestrafen sie nicht!“ –

„Also Du, Du wolltest es wagen?“ – fragte er erstaunt.

„Ja, Piet, ja!“ sagte sie mit einer Ruhe und Bestimmtheit, die es klar erwies, wie der Gedanke ihre Seele erfüllte.

Piet fuhr ordentlich zusammen als sie so redete. Er würde um nähere Angaben in sie gedrungen sein, wenn nicht eine der Schwestern sie zu Vrouw de Groot gerufen hätte. Er blieb, in seinen Gedanken vertieft, an der Stelle sitzen, weil er hoffte, daß sie wieder käme. Sie kam nicht. So viel aber glaubte er, sie zu kennen, daß ein durchdachter Plan in ihrer Seele ruhte.

Am andern Morgen wurde eine Kiste, dieselbe, die immer den Weg nach Löwenstein machte und zurück, nach dem Schlosse gefahren. Piet’s scharfem Auge entging es nicht, daß eine große Zahl runder Löcher sowohl in dem Deckel, als in den Seitenwänden der Kiste war, die etwa die Größe hatten, wie sie eine Flintenkugel hervorbringen würde. Noch mehr fiel es ihm auf, daß Elsje selbst die Kiste hinüber begleitete und auch ohne Anstand in das Schloß gelassen wurde. Ein Soldat aber führte Piet und das Mädchen bis in das Vorgemach. Die Kiste wurde sodann von Herrn de Groot ausgepackt, aber in seinem Gemache, und die Bücher, die er nach Leyden zurücksendete, hinein gethan, die Kiste geschlossen und von Piet und Elsje wieder in das Boot getragen.

Als sie auf dem Wasser waren, sagte Piet zu Elsje: „Zwei Dinge hätten den Soldaten auffallen können, aber sie haben es nicht beobachtet.“

Elsje erröthete und gerieth in eine sichtliche Verlegenheit. „Was denn?“ fragte sie.

„Daß die vielen Löcher in der Kiste sind, die ich früher nie bemerkte, und daß Du mitgingst. Aufmerksam und wachsam sind sie nicht! Ich hätte Verdacht geschöpft, wenn ich auch noch nicht zur Klarheit gekommen bin,“ sagte Piet und sah sie scharf an.

Sie wurde noch verlegener.

„Piet, um Gotteswillen bitte ich Dich, schweige über die Sache. Du sollst Alles wissen. Wir bedürfen Deiner. Frau de Groot wird für uns sorgen, wenn es gelingt. Heute Abend sollst Du Alles wissen. Gedulde Dich. Frau de Groot will Dich sprechen. [380] Komm’ sobald es zu dunkeln beginnt und die Kinder drüben in Deinem Hause zur Ruhe gegangen sind!“

Piet versprach es. Er schwieg, und auch Elsje versank in ein brütendes Nachdenken. Sie landeten endlich in Gorkum, und die Kiste wurde zu Daatselaar getragen, wie es immer geschehen war.

Die beiden jungen Leute gingen dann neben einander ihren Wohnungen zu, aber ganz anders, wie sonst. Stille und schweigsam schritten sie neben einander her, und nur selten wechselten sie ein freundlich Wort. Beider Seelen beschäftigten schwere Gedanken.



VI.

Mehrere Stunden hatte der Gärtner, Elsje und Piet bei Mevrouw de Groot zugebracht in lebhaftem Gespräche, welches Elsje’s Mutter in der Vorderstube vor Störung bewachte. Endlich, gegen zehn Uhr des Abends, gingen sie aus einander. Alle waren ernst, und es schien der Ernst der Sache schwer auf ihren Herzen zu liegen.

Einige Tage später sah man Piet van Halver in einem eifrigen Gespräche mit einem alten Schiffer, der auf einem Holze am Hafen saß.

„Baas Voos,“ sagte er zu ihm, „könnet Ihr mir nicht diese Woche einmal Euer Boot leihen, um eine Kiste von Bücher nach Löwenstein zu fahren? Ich will Euch die Hälfte des Fährlohns geben.“

„Was fährst Du nur so oft Bücher dahin?“ sagte der Alte. „Wer ist denn der Bücherwurm in dem Neste? Der Commandant doch nicht? Der hat eine blaurothe Nase und scheint lieber französischen Rothwein zu trinken als in Büchern zu lesen.“

„Nein,“ sagte Piet; „es ist der gefangene Rathspensionär Hugo de Groot, der hochgelahrte Herr, dem ich sie bringe.“

„Ach, der eifrige Remonstrant?“ sagte der alte Voos. „Ja, für den Ehrenmann sollst Du es haben; aber was ist denn an dem Deinigen passirt?“

„Ich muß es ausbessern und frisch verfändeln,“ sagte Piet.

„Nun, das ist früh!“ bemerkte der Schiffer. „Hast’s doch selbst gebaut?.“

„Freilich, aber, wisset Ihr, es ist doch Lehrlingsarbeit!“

Der Schiffer nickte bejahend, und Piet ging nach seinem Boote, zog es auf’s Land und klapperte stundenlang daran herum als hätte er viel daran zu machen. Dann, als er endlich fertig war, brachte er es an die äußerste Spitze des Werftes vor Anker, trug Mast und Segel hinein und legte in die Kiste Brot und geräuchertes Fleisch. Als dies geschehen war, kam er zu Voos und sagte ihm, daß er Morgen gegen Abend hinüberfahren würde.

Am folgenden Tage, ziemlich spät gegen Abend lag bei dem günstigsten Winde, der frisch blies, das Boot des Baas Voos segelfertig im Hafen und Piet saß in demselben, aber in einer seltsamen Bewegung. Seine Augen blickten scharf nach dem Thore. Endlich sah er den alten van Houwening, Elsje und die beiden Buben die Bücherkiste bringen. Sie stellten sie vorsichtig in das Boot, Elsje sprang hinein und einer der Knaben. Sie faßten die Riemen, und pfeilschnell schoß das Boot vor dem Winde dahin, der das Segel lustig füllte. An dem Kasten hing diesmal ein Schloß.

Elsje betete inbrünstig, während sie den Riemen im Takte hob und senkte. Manchmal lauschte sie gegen die Kiste, was dem Knaben lächerlich vorkam.

„Man meint, da in der Kiste wär’ eine Nachtigall, auf deren Gesang Du horchtest? Ich glaub’, das „„Meisje““ ist geckig!“ – sagte er, zu Piet gewendet.

„Laß ihr den Spaß!“ war dessen kurze Antwort. „Heb nur den Riemen flink!“

In einer außerordentlich kurzen Zeit legte das Boot vor Löwenstein an.

Ein Soldat, den Piet wohl kannte, kam auf seinen Ruf, um Hülfe zu leisten.

„Schon wieder Bücher?“ fragte der Soldat. „Was nur der hartköpfige Arminianer mit all’ dem Quark treibt? – Der muß ein Erzbücherwurm sein! Gestern saß er noch um ein Uhr beim Lichte. Ich war auf der Wache und sah’s.“

„Es giebt allerlei Narren,“ sagte Elsje, gezwungen lachend, „auch Büchernarren. Man muß halt Jedem seine Schellenkappe lassen!“

„Da hast Du Recht, Du lieblich „„Meisje,““ sagte der Soldat. „Ich meines Orts mag dem seine nicht aufsetzen!“

„Ich auch nicht!“ sagte lachend Piet, und die Kiste war mit aller Vorsicht auf“s Ufer gesetzt. Dann nahmen sie sie auf und trugen sie hinauf. Herr de Groot kam ihnen entgegen. Er sah bleich und angegriffen aus; riß Elsje den Schlüssel aus der Hand und eilte, nachdem sie sich schnell entfernt, in das Gemach, das er hinter sich schloß. Alle Viere gingen nun in den Hof und setzten sich in das Boot, Elsje’s Augen waren starr nach einem Fenster gerichtet. Sie sah bleich, wie eine Leiche aus und zitterte wie Espenlaub im Winde. Vielleicht zehn Minuten mochte sie so da gesessen haben, da sah man das Fenster, welches nach dem Rheine ging, sich öffnen. Es blieb eine Weile offen, dann wurde es wieder geschlossen.

„Gottlob!“ sagte das Mädchen leise. Die Farbe ihrer Wangen kehrte zurück und sie nickte Piet, der sie stets im Auge hatte, während er mit dem Soldaten lustig plauderte, lächelnd zu.

„Wenn der Bücherwurm da droben nur fortmacht,“ sagte Piet sich zu Elsje wendend. „Der wird uns eine schöne Last in den Kasten packen. Das letztemal war er viel schwerer als heute, nämlich als ich ihn brachte, denn ich nahm ihn ganz leer und federleicht zurück. Er mag leicht ein anderthalb Centner Bücher da droben haben!“

„Wir sind ja zu Vier,“ tröstete ihn der Soldat. „Da werden wir ja schon den Kasten fortbringen.“

Elsje sah wieder unverrückt nach dem Fenster und auch Piet warf unbemerkt manchen Blick hinauf. Plötzlich hing ein weißes Tuch zu dem Fenster heraus.

„Weißt Du was, Piet,“ sagte sie jetzt zu diesem, „mich friert’s. Der Abendwind bläst scharf, ich will einmal hinaufgehen und mahnen – oder wollt Ihr es thun?“ fragte sie den Soldaten.

„Meiner Treu,“ rief der Soldat, „der ganze Remonstrant ist mir nicht so viel werth, daß ich die Treppen noch einmal mehr als nöthig ist, steige! Mein Steuvertje, das mir Piet für einen Genever giebt, wird mir beim Heruntertragen sauer genug. Geh’ Du nur, Kind; Du bist leichter auf den Ständern!“

„Man hört doch gleich, daß Dein Vater ein Förster ist, Lips,“ sagte Piet lachend. Der Soldat lächelte auch, und in diesem Augenblicke erschien Elsje am Fenster und winkte.

„Siehst Du, Lips, das Mädchen winkt! Wir sollen die Kiste holen!“

„Meiner Treu!“ war des Soldaten Antwort, als auch er hinauf geblickt hatte.

Sie gingen.

Elsje stand bei der bereits abgeschlossenen Kiste im Vorgemach. Wer sie genauer angesehen hätte, der hätte die große innere Aufregung wahrnehmen müssen, in welcher sie sich befand.

Zum Glück faßte Piet sogleich an, und dadurch war der Soldat von jeglicher Beobachtung abgehalten.

„Nur langsam und stät,“ bat Elsje. „Die Bücher rollen, wenn Ihr die Kiste vornen tiefer haltet als Niel’s und ich hinten, alle Euch zu, und dann könnt Ihr sie ja nicht bewältigen.“

„Brrrr!“ rief der Soldat, „die hat ein anderes Gewicht, als da wir sie herauf trugen! Man meint, es wäre lauter Blei!“

Elsje lachte und sagte. „Die arminianischen Bücher sind eben recht schwer!“

„Ich glaub’, meiner Treu,“ sagte ächzend unter der Last der Soldat, „der ganze Arminius steckt lebendig darin!“

Elsje zitterte, daß sie fast die Kiste nicht mehr halten konnte.

„Halt doch!“ rief der stämmige Niel’s. Ich muß Alles allein heben! Ein Bub’ ist mir doch lieber zum Heben und Tragen, als sechs solcher „„Meisje’s!““

„Das Wollen ist schon da, aber das Vollbringen nicht!“ sagte der Soldat mit Salbung und blickte dem schönen Mädchen in’s Gesicht, um zu sehen, welche Wirkung seine salbungsvolle Bemerkung gemacht.

„Ich halte mit Anstrengung aller Kräfte!“ sagte Elsje.

„Glaub’s,“ rief der Soldat, „denn sie ist leichenblaß!“

Unter solchen, mitunter durch lange Zwischenräume unterbrochenen Reden erreichten sie den Hof. Gruppen von Soldaten lungerten [381] umher und hatten nicht übel Lust, mit dem bildhübschen Mädchen zu kurzweilen.

„Helft Ihr tragen, statt mattflügelicher Späße,“ rief ihnen Lips zu, „das wäre besser!“

„Wollen Deinen Verdienst nicht verkürzen!“ höhnten jene zurück. „Wenn aber ein Kuß von dem Mädchen Dein Lohn ist, so helfen wir Alle gegen Halbpart!“

„Bah! Nun brauchen wir Euch nicht,“ rief Lips zurück, und sie setzten eben den Vordertheil des Kastens auf den Rand des Bootes, wo er hart aufstieß.

„Sachte! Sachte!“ ries Elsje. „Bricht uns der alte Kasten, so fallen alle die kostbaren Bücher in’s Wasser! Dann will ich’s nicht theilen!“

Wieder hoben sie nun sanft, und nun stand er ruhig auf dem Boden des Bootes, der Länge des Kiels nach.

„Das war ein Stück Arbeit,“ sagte Lips, der Soldat, indem er sich den Schweiß trocknete, „das mehr als ein „Steuverkje“ werth war. Ich hoffe, Piet, Du läßt Dich nicht lumpen!“

„Nein, das thu ich auch nicht!“ sagte Piet und reichte ihm Münze. „Nun heb’ aber auch langsam das Boot ab, bis es flott ist.“

„Danke!“ rief fröhlich über die reichliche Gabe der Soldat, und faßte das Boot an.

Carajo! Da muß man Spanisch fluchen!“ rief er aus. „Man meint, ganz Löwenstein wär’ im Boote!“ – Endlich war es flott.

„Weißt Du was, Piet,“ rief er ihm zu, „wenn wir uns in die Fracht zu theilen hätten, so wüßt ich schon, was ich mir wählte!“

„Kämst zu spät!“ lachte Piet, und das Boot rang mit den hochgehenden Wellen. Piet war indeß ein Pilote, der sich darauf verstand, Wind und Wellen zu beherrschen. Es blieb ihm jetzt, wo der „steife West“, wie der Schiffer sagt, ihm geradezu entgegen wehte, nichts übrig, als die „Brassen“ wirken zu lassen und zu laviren. An ein Helfen mit den Riemen wurde nicht gedacht, denn es wäre fruchtlos gewesen.

Elsje winkte jetzt mit dem Tuche. Es war ein Zeichen, das sie gegen das Fenster oben im Schlosse gab, und das alsogleich verstanden wurde, denn man sah das Fenster weit sich öffnen, wieder sich schließen und das drei Mal wiederholen. Lips, der Soldat, meinte aber, es gälte ihm, und freudvoll warf er die Lederkappe in die Höhe und rief: „Gute Reis’, Du liebes Meisje!“

Elsje und Piet war es gerade nicht zum Lachen, aber über beider Antlitz, die sich gerade in diesem Augenblicke bedeutsam ansahen, flog denn doch ein siegesgewisses Lächeln, das allerdings nicht ohne Spott über die starke Täuschung des Soldaten war.

Je näher indessen der Abend heranrückte, desto heftiger der Westwind seine Flügel hob.

„Der West hat eine gute Lunge,“ sagte Piet. „Ging’s jetzt kurzweg abwärts, bah! dann wär’s eine Lust, denn mein Boot, das ohnehin mit dem Kiele anders schneidet, weil es länger und schmäler ist als dies tonnenartige Ungethüm von Anno I, würde fünf in einer Stunde bei solchem Winde zurücklegen und bald außer Sicht von Gorkum und Löwenstein sein! ’S giebt eine schlimme Fahrt! Wenn nur Alles in Ordnung ist!“

„Das ist’s!“ sagte Elsje.

„Nun, so müßt Ihr alle Geduld haben!“ entgegnete sehr laut und das „Ihr“ sehr scharf betonend, Piet.

Aber trotz der „Brassen,“ trotz des Lavirens rückte das schlecht gebaute Boot nur langsam vor.

Schon war längst die Sonne zur Rüste gegangen. Das Werft war von Arbeitern leer; im Hafen von Gorkum war es auch stille. Droben aber am Himmel jagte der Wind dunkle Wolken in großen Massen hin, die sich im Osten wie ein gewaltiger Wall zusammenballten, und dieser Wall rückte immer weiter gegen den Zenith vor. Der Wind wurde heftiger, fast orkanartig, und die Wellen des Stromes thürmten sich und brachen ihre weißen Kämme, daß es fast das Ansehen der See hatte. Elsje bebte vor Angst. Ihre Blicke hingen an dem ernsten Gesichte Piet’s, der jetzt nur Sinn für die Ausübung seiner Pflicht zu haben schien.

„Ist’s gefährlich, Piet?“ fragte sie halblaut.

Wie auch der Wind pfiff, er verstand sie doch.

„Kind, theures Elsje,“ sagte er, „Gefahr ist keine, wenn uns der Wind das alte Segel ganz läßt!“

Eine glückliche Wendung, die Piet in diesem Augenblicke mit dem Steuerruder machte. ließ einen vollen Athemstoß des Windes in das gebauchte Segel, eine Welle hob das Boot rasch und ließ es in weiter Entfernung den Rücken einer zweiten besteigen, die es dem Lande um ein Erstaunliches näher brachte.

„So!“ sagte Piet selbstbefriedigt. „Das war ein gelungenes Manöver! Noch eins so, und Dein Vater und Bruder dort auf dem Hafendamme brauchen nicht mehr so ängstlich nach uns auszuschauen!“

Elsje blickte dorthin und erkannte nun die genannten Personen auch.

Piet gelang das Manöver noch einigemal, das er eben mit Glück und Geschick vollendet hatte, und nach Verlauf von etwa funfzehn Minuten legte er am Ufer an.

Van Houwening hatte eine Bahre mit Tragriemen. Die Ausladung des Kastens ging ruhig, aber schnell vor sich. Piet zahlte dem herbeigekommenen Vermieter des Bootes seinen Lohn, übergab ihm das Boot und der Kasten wurde nach Jakob Daatselaar’s Hause gebracht, wohin Elsje voran eilte.

Kobes Daatselaar war allein mit Elsje im Gemache als sie den Kasten rasch öffnete.

Daatselaar stieß einen Schrei des Entsetzens aus, als er in dem Kasten eine zusammengekauerte, todtbleiche Menschengestalt liegen sah; denn er meinte, es sei eine Leiche.

„Stille, um Gotteswillen!“ rief Elsje, reichte dem Manne eine Hand und mühsam erhob sich – Hugo de Groot.

Daatselaar stand sprachlos vor Schrecken dabei als Herr de Groot seine Glieder dehnte und reckte, um in den gehörigen Gebrauch derselben sich wieder zu versetzen.

„Daatselaar,“ sagte er, „ich habe mich vertrauensvoll in Eure Hände gegeben. Ihr werdet nicht weniger großmüthig sein als dieses Mädchen und ihre Angehörigen und mein treffliches Weib! Helft mir nun, ich bitte Euch, weiter!“

„In welche Gefahr setzet Ihr mich!“ rief ganz außer sich Daatselaar. „Ich kann nicht mich und meine Familie Euch zum Opfer bringen! Muthet es mir nicht zu!“

Elsje war hinaus geeilt. Sie hatte schnell der Frau des Kobes Daatselaar die Rettung des Gefangenen erzählt und sie angefleht, daß sie helfe, wo ihr Mann feig es verweigere.

Frau Daatselaar war ein hochherziges Weib. Sie sah ihren Bruder an, der dabei stand und ein Maurer war.

„Wie ist’s Claas?“ fragte sie. „Willst auch Du durch feiges Weigern die Schuld eines Menschenlebens auf Dich nehmen?“

„Blexem! Nein!“ rief dieser. „Da muß geholfen werden und schnell! Wohin soll der Mann?“

„Nach einem Boote am Hafenende!“ sagte fast atemlos Elsje.

„Ist er groß?“ fragte der Maurer.

„Er ist genau von Eurer Statur!“ erwiederte das Mädchen.

„So wart’ einen Augenblick, Elsje!“ rief er, sprang die Treppe hinauf und kam bald mit einem Bündel zurück.

Er schob die beiden Frauen zur Seite, trat in die Stube, warf das Bündel hin und sagte: „Geh’ in die Küche, Kobes, Deine Frau erwartet Dich!“

Daatselaar, froh, sich frei zu sehen, eilte in die Küche, wo ihn eine Strafpredigt seiner Frau empfing, die gesalzt und gepfeffert war.

Da die Frau einen gewichtigen Pantoffel im Hause übte, so schwieg er und setzte sich zum Herde, wo das Feuer zur Abendsuppe glomm. Elsje stand mit pochendem Herzen und gefaltenen Händen in der Nähe der Thüre, welche in den Hof des Hauses führte. Ihre Seele betete brünstig für die theure Frau, die in des Gatten Zelle zu Löwenstein war und für die glückliche Rettung des Gatten, für den sie sich so heldenmüthig hingegeben.

Noch war keine lange Zeit verlaufen, da traten aus der Stube zwei Männer in fast gleicher Tracht. Es war der Maurer und de Groot. Dieser trug ein grobes altes Frieswamms, Hosen von gleichem Stoffe, eine Schürze von blauem Linnen, wie sie die Maurer tragen, eine alte Mütze und Winkelmaß und Kelle in der einen, den Maurerhammer in der andern Hand. Niemand würde ihn so erkannt haben.

Hugo de Groot sagte zu Daatselaar: „Ich zürne Euch nicht! Gott lohn’s!“ flüsterte er seiner Frau zu, und zu Elsje tretend, sagte er: „Kind, Kind, ich kann Dir’s nie lohnen, aber der Segen von Oben wird Dich begleiten! Dank, Dank! – Grüße Sie! Gott schütze uns Alle!“

Dann zog ihn der Maurer schnell zur Thüre hinaus.


[382]
VII.

Das Boot Piet’s lag fest an der Stelle, wo er es angekettet. Er selbst saß darin und warf besorgte Blicke nach der Stadt. Ein vollgepackter Schließkorb stand im Boote, den Elsje’s jüngste Schwester gebracht und ein warmer, alter Friesrock für de Groot, vom Gärtner gesendet. Piet war ebenfalls warm gekleidet und hatte den Südwester in die Stirne und den Nacken gedrückt. Der Mast stand aufrecht, aber das Segel war noch gerefft.

Der Abend sank mehr und mehr herab. Der Wind hatte noch seine volle Stärke und Richtung beibehalten.

„Es ist ein Wagniß, jetzt das Segel zu entreffen,“ sagte Piet zu sich; „aber ich kenne jede handbreit Wassers und um neun Uhr geht der Vollmond auf. Es einzureffen ist immer noch Zeit. Einstweilen entfalt’ ich’s. Dann geht’s rasch dahin. Käme er nur! Es wird doch nichts vorgefallen sein?“ – In diesem Augenblick sah er zwei Männer auf das Boot zukommen. Einer sprang hinein. Der andere wandte sich.

„Gott geleite Euch!“ rief er in’s Boot, und ging, indem er das Maurergeräthe ergriff.

„De Groot?“ fragte halblaut Piet.

„Ja! Fort, in Gottes Namen!“ erwiederte der andere, und in demselben Augenblicke war das Boot in der Fluth, das Segel gefüllt und es flog schnell wie ein Möve über die hochgehende Fluth. Gorkum verschwand.

Löwenstein erschien, und oben im einsamen Stüblein sah man den Schein der Lampe, bei dem der Commandant sagte: „Nun hat er neue Nahrung und studirt wieder die halbe Nacht!“

Der Soldat setzte den Thee im Vorzimmer auf den Tisch de Groot’s, klopfte, wie er es gewohnt war, leise an die Thüre und entfernte sich, indem er die Vorderthüre mit lautem Geräusche schloß.

Während sich das in Löwenstein zutrug und das Boot wie ein Pfeil dahin schoß, immer weiter hinaus aus dem Bereiche der Gefahr, lagen dort im Gärtnerhause und droben auf Löwenstein zwei Frauen auf ihren Knien und beteten für ein glückliches Gelingen.

Die Nacht verging der edlen Frau Maria de Groot in der Zelle ihres Gatten schlaflos. Erst am Morgen sank sie in einen tiefen Schlaf, aus dem sie der Soldat, der das Frühstück brachte, weckte.

[391] Es war ihm schon aufgefallen, daß das Abendbrot des Gefangenen noch so unberührt auf dem Tische des Vorgemachs stand, wie er es am Abende vorher niedergesetzt hatte. Der Gedanke, der Gefangene sei krank, lag ihm nahe. Als er das Frühstück hingestellt auf den mit Büchern bedeckten Tisch, die er leise wegschob, sah er die Kerze tief herabgebrannt. „Der hat wieder die halbe Nacht studirt!“ sagte er zu sich. „Mußt doch einmal nach ihm sehen!“

Er schlich leise zum Himmelbette, schob die damastenen, steifen Behänge zurück und – stieß einen Schrei des Erschreckens aus, denn da lag in ihren dunkeln Gewändern, in reizender Stellung, sanft schlafend, eine wunderschöne Frau!

Als sich Maria de Groot erschrocken aufrichtete, sprang der Soldat einen Schritt zurück und rief: „Hebe dich weg, Satanas!“ – Aber dann ergriff ihn eine Todesangst. Er rannte hinaus und spornstreichs zum Commandanten. Der saß ruhig und friedlich beim Frühstücke, als der Adjutant meldete, der Soldat, welcher de Groot aufwarte, wolle durchaus den hochmögenden Herrn Commandanten sprechen, dieweil er behaupte, der Teufel befinde sich in des de Groot’s Gemach in Gestalt einer bildschönen Frau.

„Ist er denn närrisch geworden, der Blexemskeerl?“ fragte der Commandant.

„Das scheint nicht!“ versetzte der Adjutant.

„So laßt ihn kommen!“ lautete darauf der Befehl, und Soldat trat bleich und zitternd ein und berichtete, was er gesehen und erlebt hatte.

„Halt!“ rief der Commandant und sprang auf, „da ist’s jedenfalls nicht richtig!“ Er eilte hinaus und der Adjutant, und von ferne und scheu auch der Soldat, der sich aber stets umsah und auf jeder Stufe anhielt, um im Augenblicke der Gefahr sich salviren zu können.

Als der Commandant hereinstürzte, saß Maria de Groot, die ihren Anzug etwas geordnet hatte, ruhig am Tische und erhob sich, ihn zu begrüßen.

Der Commandant fuhr entsetzt zurück, denn er kannte die Gattin des Rathspensionärs von Rotterdam aus früheren Zeiten.

„Was ist das, Mevrouw?“ fragte er voll Schrecken. „Wie kommt Ihr hierher? Wo ist Euer Gemahl?“

„Gestattet mir, Euch zu antworten,“ sagte mit Würde, und doch so demüthig, das heldenmüthige Weib. „In der Bücherkiste, darin mein Eheherr entflohen, kam ich hierher, ihn mit Aufopferung meines Lebens zu retten. Er ist, so der Herr mein Gebet erhört hat, längst auf brabantischem Boden und in Freiheit und Sicherheit, und ich bin Eure Gefangene!“

„Mein Gott, was habt Ihr gethan?“ rief außer sich der Commandant. „Euch und mich habt Ihr unglücklich gemacht!“

„An mir liegt nichts,“ erwiederte gottergeben die edle Frau. „Von Eurem Haupte, der Ihr unschuldig seid, wird des Herrn Gnade das Unglück abwenden!“

Der Commandant erinnerte sich plötzlich seiner Pflicht. Er wandte sich zum Adjutanten und sagte: „Schnell drei Kanonenschüsse! Ein Detachement von 25 Mann sofort zur Verfolgung nach Gorkum“! Darauf verließ er das Gemach und schloß selbst die Thüre ab.

Drüben am Fenster des Gärtnerhäuschens saß Elsje und ließ ihr weißes Tuch gegen Löwenstein wehen, aber Niemand gab dort ein Zeichen, daß das ihre verstanden worden sei. Endlich sah sie das wehende Tuch und wußte nun, daß sie verstanden worden war. Ihr Zeichen sagte der Herrin, daß de Groot’s Flucht ungefährdet ausgeführt worden sei.

In diesem Augenblicke ertönten die drei sich rasch folgenden Schüsse, welche die Flucht eines Gefangenen ankündigten. Ganz Gorkum kam in Bewegung. Alles müssige Volk rannte nach dem Hafen, wo alsbald das Detachement landete.

Der bei den Booten zurückbleibende Soldat erzählte den Hergang einfach und wahr.

Nun stürmten Viele den Soldaten nach, um anzuzeigen, daß Daatselaar um die Flucht wisse.

Daatselaar war klug genug, jede Spur des Kastens zu vertilgen, so wie er die Kleidung de Groot's ebenfalls den Flammen übergeben hatte. Niemand hatte eigentlich das Hineintragen der Kiste gesehen, noch weniger Jemand die Flucht aus dem Hause; er kam also blos mit dem Schrecken weg. Nach Piet van Halver wurde indessen gesucht, und als man ihn nicht fand, Elsje wie eine Verbrecherin nach Löwenstein gebracht, wo sie ihre liebe Herrin wiedersah, die dem ängstlich gewordenen Mädchen Trost und Muth zusprach.

Vergebens fahndete man nach dem Entflohenen in Gorkum und der Umgegend.

Piet war sogleich abgesegelt als de Groot sein Boot betreten hatte. Wie ein Pfeil schoß das Boot durch die Wellen. So lange es noch hell war, wurde Piet’s Seele von Angst vor Verfolgung nicht frei; aber als nun die Nacht kam und der Mond mit seinem Lichte den Strom beglänzte, da wuchs ihm der Muth.

[392] Bei einer Insel legten sie an, um sich wärmer für die Nacht zu kleiden, denn in dem Schließkorbe waren Kleidungsstücke für Piet und de Groot und Lebensmittel und Wein. Tiefer unten sah Piet Hemden und allerlei nothwendige Dinge. Er kannte die Hand, die das Alles gesendet.

Sie erquickten sich, und in wärmere Kleidung gehüllt, konnten sie der Kühle der Nacht schon widerstehen. An Schlafen durfte Keiner denken, und im Boote wäre auch kein Plätzchen gewesen.

Erst als sie an dem brabantischen Ufer eines Canals ein Dorf erreichten, sagte de Groot: „Frage doch, Piet, wo wir sind? So lange sind wir schon gefahren, ohne daß wir wußten, wo wir uns befänden, daß es einmal Zeit ist, darnach uns zu erkundigen.“

Sie legten an.

Es war allerdings ein brabantisch Dorf, und als sich Piet erkundigte, wie weit sie noch bis Walwijk hätten, sagte der Bauer: „Ihr erreicht’s in zwei Stunden!“

„So nimm zwei Ruderer,“ sagte de Groot. „Du hältst es nicht mehr aus, Piet!“

Das geschah denn auch, und das Boot glitt leicht über die ruhige Fläche des Wassers, und in weniger als zwei Stunden landeten sie in Walwijk und – waren gerettet.

Erst jetzt fühlte Piet, wie er im Uebermaße seine Kräfte angestrengt hatte, und wie Noth ihm die Ruhe und Pflege sei, wenn er nicht erkranken solle.

Auch de Groot, der Mann, welcher leibliche Anstrengung nicht kannte, hatte das Ruder oder den Riemen nach Piet’s Anweisung wacker geführt, theils um sich zu erwärmen in den drei Nächten, welche sie durchgefahren waren, theils um die Entfernung von dem Orte schnell zu vergrößern, von dannen ihm der Arm eines ungerechten Urtheils Gefahr drohete. Er fühlte sich, trotz weniger Arbeit und Anstrengung, dennoch nicht weniger angegriffen, als Piet auch.

Hugo de Groot fehlte es nicht am Gelde. Sein heldenmüthiges Weib hatte ihm das gebracht, was ihn auf lange Zeit vor allen Nahrungssorgen bewahren konnte. Sie blieben daher in Walwijk, wo Piet sein Boot gut verkaufte.

Aber erst hier fiel es Hugo de Groot recht auf die Seele, was aus seiner Gattin werden würde. Erst hier, wo er in voller Ruhe Alles überdenken konnte, begriff er die Größe des Opfers, das ihm Maria gebracht; erst jetzt konnte er die Thatkraft, die Macht treuer Liebe erwägen, deren größte und schwerste Probe sie abgelegt. Mit dieser Reihe der Vorstellungen kam dann auch die quälende Ungewißheit über ihn, was ihr möchte geschehen sein.

Nicht minder war Piet’s Seele wegen Elsje, wegen seiner Mutter, wegen des Gärtners und seiner Familie besorgt. Er hatte van Houwening gebeten und dieser es ihm auch versprochen, Nachricht über Alles zu geben. Anfangs hatte der Gärtner gehofft, es werde der Sturm an ihm vorübergehen, ohne ihn mehr, als durch seiner Tochter Verhaftung zu berühren; allein darin hatte er sich geirrt. Auch er und sein Sohn Niels wurden verhaftet, verhört, aber nach einem Zeitraume von einigen Wochen wieder frei gegeben. Ueberhaupt schien es, als wolle man der ganzen Sache nicht den strengen Nachdruck geben, wie es zu erwarten gewesen wäre. Vielleicht sahen es manche der Richter de Groot’s nicht einmal ungerne, daß er ihr strenges Urtheil durch seine Flucht gemildert hatte.



VIII.

Als der erste Schreck und Zorn des Commandanten vorüber war, trat bei ruhiger Ueberlegung auch die volle Bewunderung für das edle Weib bei ihm ein. Mit aller der Ehrerbietung, welche jetzt sein Herz gegen sie erfüllte, behandelte er sie, und gleiche Gesinnung athmete der Bericht, den er abstattete, ob er gleich bekennen mußte, daß er auf eine ihn bloßstellende Weise überlistet worden sei. Die einfache Darlegung des Sachverhalts, der durch die einzelnen Verhöre, welche der Fiskal in Gorkum erhoben, sich herausstellte, bewies allerdings, daß man in Löwenstein etwas sorglos und sicher geworden war; allein der Glanz der rettenden That Maria’s de Groot, deren Kunde rasch das Land nach allen Richtungen durchflog, das man bald überall pries und selbst auf den Straßen sang, lähmte den Arm strenger Gerechtigkeit, verstopfte den erbitterten religiösen Feinden de Groot’s den Mund und ließ den Commandanten straflos. Selbst unter der Besatzung der Festung herrschte eine wahre Begeisterung für die beiden Frauen im Gefängniß, deren Schönheit vollends zu ihren Gunsten das ganze, nicht kleine Gewicht geltend machte.

Eines Tages war es eben jener Soldat, den Piet Lips genannt, und der ihm bei seinem Verkehre mit Löwenstein befreundet worden war, welcher die Bedienung der Gefangenen zu besorgen hatte, da sonst im Schlosse sich kein weiblich Wesen befand. Als Elsje in das Vorgemach trat, erkannte sie ihn.

Beide sahen sich einen Augenblick bestürzt an.

„Armes Kind,“ sagte der ehrliche Friesländer, „Dir ging es schlimmer als mir; freilich warst Du betheiligt; aber was ist aus Piet geworden? Ich hab’s wohl bemerkt, daß Ihr Zweie einander näher angehet!“

Elsje erröthete, aber sie erwog schnell, daß ihr eine Offenheit, wie sie der Ehrlichkeit des Menschen gegenüber eigentlich geboten war, mehr nützen könne, als eine mädchenhafte Scheu.

„Ich weiß nichts von ihm,“ sagte sie mit einem tiefen Seufzer, „seit er mit Herrn de Groot entflohen ist.“

„Aber, nicht wahr, Du möchtest etwas von ihm wissen?“ fragte mit listigem Lächeln der Soldat, „oder ihm doch irgend eine Kunde senden. Weißt Du, wo er ist?“

„Ja, Lips, guter Lips!“ rief das Mädchen. „Ich weiß, wo er ist. Er lebt in Warwijk in Brabant, aber wie sollt’ ich ein Briefchen dahin bringen?“

Lips ging zur Thüre und sah sich überall um. Als er wiederkehrte, flüsterte er ihr zu. Ich glaube nicht, daß ich eine Sünde thue – wenn ich Dir meine Hülfe anbiete, ein Briefchen an ihn zu bringen. Ich behalte heute den Dienst bei Euch. Willst Du bis diesen Abend, wenn ich Euch den Thee bringe, ein Brieflein schreiben, so bring’ ich es Deinem Vater morgen. Der mag’s weiter besorgen!“

„Lips,“ sagte Elsje feierlich, „kann ich auf Euch zählen? Ist es ehrlich und treu gemeint? Wollt Ihr mir vor Gott geloben, mich nicht zu betrügen?“

„Geh’,“ sagte Lips, gekränkt von dem Mißtrauen, „geh’, Kind, es ist mir leid, daß ich Dir Etwas gesagt habe! Ein Friese bricht sein Wort nicht. – Doch – ich vergebe Dir, weil ich Deine Lage kenne. Wohlan, ich gelobe Dir’s vor Gott dem Allwissenden, ich will’s treu besorgen!“

„Dank, Dank!“ rief Elsje und drückte die derbe Hand, daß dem ehrlichen Friesen ein seltsam Gefühl prickelnd bis in die Fingerspitzen drang.

„Es bleibt also dabei? Diesen Abend geb’ ich Euch ein Briefchen!“ Er nickte freundlich und ging.

Schnell eilte sie in das Gemach zu Mevrouw Maria, und ohne die Speisen zu berühren, eilten Beide zu schreiben. Der Brief wurde geschlossen, gesiegelt und am andern Tage war er in den Händen van Houwening’s, der bereits wieder aus seiner kurzen Haft entlassen war.

Auch manchen mündlichen Auftrag richtete Lips aus, der Sorge und Kummer scheuchte.

Nach manchen Kreuz- und Querzügen gelangte der Brief nach Walwijk und in Piet’s Hände. Darin lag einer an Herrn de Groot. Die Freude Beider war unbeschreiblich.

Nun erst verließ de Groot Walwijk und zog an andere Orte Brabants. Piet begleitete ihn als sein Diener, denn er durfte nicht nach Gorkum zurückkehren.

Der Ruf Hugo de Groot’s war längst über die Grenzen Niederlands hinaus gedrungen, und seine Verurtheilung und auf’s Neue seine wunderbare Befreiung hatten die Augen seiner Verehrer auf ihn gelenkt. Von Paris aus erhielt er Einladungen an den Hof Ludwig’s XIII., und der Wunsch nach irgend welcher geordneten Thätigkeit, die Schätze, welche die erste Büchersammlung Frankreichs ihm bot, gaben ihm Veranlassung, dorthin zu gehen, was freilich Piet’s Seele mit Kummer erfüllte, weil er, der nie von Gorkum weggekommen war, mit Entsetzen an eine solche Entfernung dachte. Indessen blieb ihm nichts übrig, als seinem Herrn zu folgen, der mit großen Ehren aufgenommen wurde, und von Ludwig XIII. einen Jahrgehalt von 3000 Livres erhielt.

Von hier aus schrieb de Groot und er an van Houwening, der wohl Mittel finden konnte, die Einlagen an Mevrouw Maria, und Elsje gelangen zu lassen.

Als diese Briefe dort anlangten, hatte sich bereits das Schicksal Beider entschieden, daß nämlich Elsje’s und ihrer edlen Gebieterin.

[393] Selbst die kalten Herzen der hochmögenden Herren wurden durch ihre Heldenthat erwärmt, aber mehr wirkte die freundliche Gesinnung des Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien, dessen Einfluß auch die zur Milde stimmte, die im Hasse kein Ziel kannten und unedel genug waren, das edle Weib büßen zu lassen für ihre Liebe und Treue. Sie konnten am Ende den laut geäußerten Ansichten des Prinzen nicht Trotz bieten, und stimmten ein in das Urtheil, welches ihre sofortige Befreiung aussprach. Sie kehrte mit Elsje nach Gorkum zurück in das Stübchen, wo sie in so großem Leide ausgeharrt, wo aber auch mit Elsje’s Beirath der Plan zu des theuern Gatten Befreiung zur Reife gediehen war. Wo sich ihr Gatte befand, das wußte sie nicht, hoffte aber, daß an van Houwening gewiß eine Nachricht gelangen werde.

Monate flossen indeß dahin, ehe jener Brief aus Paris in ihre Hände kam.

Während dieser Zeit erkrankte Piet’s gute Mutter schwer. Sie zählte siebzig Jahre und hatte des Leides viel erfahren und getragen mit frommem, gottergebenem Herzen. Sie hatte in die That ihres Sohnes gewilligt, weil sie eine gottgefällige Handlung, die Errettung eines Glaubensgenossen aus den Banden eines ungerechten Urtheils darin erkannte, obwohl sie wußte, sie würde hienieden ihren Sohn nicht wiedersehen. Das war viel für ein Mutterherz! Sie trug aber eins jener seltenen und wahrhaft großen Herzen in der Brust, die das schwerste Opfer für eine heilig erkannte Sache zu bringen fähig sind. Frau de Groot’s Beispiel hatte sie und Elsje’s weiche Mutter begeistert und zu Heldinnen gemacht. Der Abschied Piet’s hatte ihr freilich fast das Herz abgedrückt, aber sie hatte ihn ja gesegnet und droben im Vaterhause sah sie ihn wieder: der Glaube war in ihrer frommen Seele fest wie ein Fels.

Frau de Groot und Elsje wichen nicht von ihrem Bette, und was der Reichthum vermag, Leiden zu mildern, das wurde in einem Maße geboten, wie es dem Herzen der edlen Frau nur irgend zureichte; allein nichts vermag die Grenze hinauszurücken, die der Herr der Tage dem menschlichen Leben gesetzt hat. Sie hauchte stille und friedlich ihre Seele aus und Piet war ihr letztes Wort, zu dem als göttlichen Trost Frau de Groot die Worte sprach:

„Jesus spricht: Ich will Euch wiedersehen und Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“

Da überflog ein wunderbarer Schein der Verklärung die Züge der Sterbenden und verließ sie selbst dann nicht, als der Tod sein sonst so erschütterndes Siegel völlig dem Antlitze aufgedrückt hatte. Elsje hatte sie den letzten Mutterkuß für ihren guten Piet anvertraut. Auch in Bezug auf Piet’s irdische Zukunft starb sie ohne Sorgen. Frau de Groot gab ihr die Versicherung, daß sie so für ihn sorgen würde, daß er als wohlbehaltener Mann werde leben können. Daß das dem Mutterherzen eine schwere Bürde abnahm, zumal sie die feste Hoffnung nähren durfte, daß Piet so straflos zurückkehren dürfe, wie Elsje von Löwenstein heimgekehrt war, war gewiß.

Frau de Groot machte nun auch Anstalten, ihr Wort zur That zu machen. Kaum war Piet’s Mutter zur irdischen Ruhe im Grabe gebettet, da begann sie, das Häuschen unter der Linde niederreißen und neu aufbauen zu lassen. Es wurde größer, geräumiger, stattlicher. – Durch Vermittelung des, wenn auch nicht muthvollen, doch aalgewandten Daatselaar, der ohnehin seine Schuld auf irgend eine Weise vergessen machen wollte, kaufte sie alle die Güter an sich, welche einst Piet’s Vater besessen hatte; ja, sie vergrößerte das Gütchen noch um ein Bedeutendes, fast mehr als die Hälfte. Darauf mußte van Houwening den Garten ansehnlich vergrößern; ihn anlegen und ein Treibhaus einrichten, wie es sich Piet oft so warm gewünscht hatte. Und als dies Alles betritten war, da ließ sie, die aus ihrem Vermögen dies Alles bestritten hatte, eine Schenkungsurkunde für Piet und Elsje aufsetzen, und gab sie dem entzückten und doch in jungfräulicher, heiliger Scham erglühenden, dankbaren Mädchen.

Als van Houwening so recht mitten in der Arbeit war, welche sie ihm reichlich lohnte, erhielt sie und Elsje die Briefe von Paris.

„Gelobt sei Gott!“ rief Maria in seliger Freude aus, als sie den Brief gelesen.

Elsje schien weniger erfreut durch den Ihrigen, und das kam daher, daß Piet eine heiße Sehnsucht nach ihr, der Mutter, der Heimath – mit einem Worte, jenes tiefe Weh der Sehnsucht aussprach, welches die deutsche Sprache mit dem wunderbar weich tönenden Worte Heimweh bezeichnet. Das Leben und Treiben in der großen, geräuschvollen Stadt schien den guten Jungen zu erdrücken. Trotz der wimmelnden Welt, die ihn umgab, fühlte er sich vereinzelt. Die Stunden wurden immer seltener, in denen er mit seinem theuern Herrn von der Heimath reden konnte, denn der war in alle hohen Kreise hineingezogen. Piet mußte ihn in vornehmer Livree oft begleiten, und verstand keine Sylbe Französisch, wodurch er, der ohnehin eckig und ungewandt war, in die für ihn unangenehmsten Lagen kam; das Stichblatt der verfeinerten und verdorbenen Bedientenwelt wurde, und so von einem Widerwillen erfüllt wurde, den der grundehrliche Junge nicht mehr tragen konnte. Den ganzen Brief durchwehte eine leise Schwermuth. Man las es zwischen den Zeilen, wie er am Gemüthe, am Herzen litt, wie er sich unglücklich und elend fühlte, und wie er sein Häuschen unter der Linde, sein Leben auf dem Werfte von Gorkum, im Garten van Houwening’s, in seinem, leider verlorenen, theuern Boote, als das Ziel aller seiner Wünsche ansah, als ein stilles Paradies, dahin er fürchtete, nicht mehr zurückkehren zu dürfen.

Elsje trocknete sich eine stille Thräne und reichte dann, als ihre Herrin darum bat, dieser den Brief. Sie aber ging hinaus in den Garten, um das belastete Herz zu erleichtern.

Nach einiger Zeit kam Mevrouw de Groot und suchte Elsje auf.

„Suche Deine Thränen nicht zu verbergen, Kind,“ sagte die edle Frau. „Der Brief hat mir selbst welche ausgepreßt. Das ist ein am Heimweh leidendes Gemüth, das so wahr, so natürlich, und darum so ergreifend sein Leid ausspricht. Leider wird ihn nun der Mutter Tod noch mehr ergreifen, noch tiefer beugen. Und dennoch muß er getröstet werden. Niemandem wird das besser gelingen als Dir, meine Tochter!“

„Ach,“ sagte Elsje, „ich will ihm schreiben –“

„Nein, Kind, so mein’ ich es nicht,“ fuhr Maria de Groot fort, „so nicht, vielmehr ist es meine Meinung, Du sollst ihn mündlich trösten!“

„Ach. Ihr scherzet grausam, gnädige Frau!“ seufzte das Mädchen und sah zur Erde.

„Scherzen, Kind? Ich scherze nicht!“ sprach Frau de Groot. „Willst Du mich allein nach Paris reisen lassen, wenn ich schon Uebermorgen dahin aufbreche?“

Elsje erschrak heftig. Sie sah ihre Herrin mit starren Blicken an.

„Nun, antworte mir,“ sagte lächelnd mit ihrer jedes Herz bezwingenden Freundlichkeit Frau de Groot. „Wirst Du mich verlassen auf dieser Reise, Du, die Du meine Rechte, mein Verstand, mein Wille warst als ich den Gatten rettete? - Kind, willst Du mich allein gehen lassen?“

Da sprang Elsje auf und eilte in die geöffneten Arme der Herrin, die ihre Freundin war. Sie ruhte an der treuesten Brust, die sie lieb hatte, wie die eigene Mutter.

„Ja, ich begleite Euch!“ rief sie, und eine Reihe Bilder eilte im Fluge an ihrem Geiste vorbei, wie sie das Gefühl nur hervorzaubern konnte, welches Piet’s Brief so mächtig geweckt.

Beide gingen in das Haus, um der Aeltern Einwilligung zu holen. Sie empfingen sie, und rasch wurden die Vorbereitungen zur weiten Reise betrieben, und diese endlich am bestimmten Tage angetreten, begleitet von den Segenswünschen treuer, liebender, besorgter Herzen.



IX.

Es war eine geraume Zeit später, als an einem Abende, da Hugo de Groot bei Hofe war, Piet zu Hause am Kamine saß, darin ein lustig Feuer brannte. Der arme Junge war krank; aber leiblich war die Quelle der Krankheit nicht; sie saß tief im Gemüthe. Und dennoch war er leiblich krank. Er fühlte sich so matt, so kraftlos; er hatte gegen Speise und Trank einen Widerwillen und fast immer war sein Auge voll Thränen, denn seine Gedanken waren daheim, bei seinen Lieben.

Herr de Groot hatte kaum Zeit, sich um den Zustand Piet’s zu kümmern, so war er von allen Seiten in Anspruch genommen. Da war der arme Junge sich selbst, seinen Gedanken, seinem Heimweh preisgegeben, und der Arzt, den ihm de Groot hielt, schüttelte den Kopf und meinte, aus dieser Krankheit werde er nicht klug, sie sei in Frankreich nicht zu Hause.

Piet hörte, als er am Kamine saß, außen Tritte. Er ging [394] langsam zur Thüre und – Frau de Groot stand vor ihm. War er schon bleich an und für sich, so machte ihn der Schrecken der unerwarteten Erscheinung jetzt noch bleicher. er glich wirklich einer Leiche.

„Piet!“ sagte sie, „erschreckst Du vor mir, so denke ich, erschreckst Du nicht vor dieser!“ Und mit diesen Worten zog sie Elsje, die hinter ihr stand, hervor.

Wie gelähmt, sanken Piet’s Arme herunter im ersten Augenblicke, aber dann hoben sie sich rasch, das erglühende Mädchen zu umarmen, und dann sank in fast lautem Weinen sein Kopf auf Elsje’s Schulter. Sie wollte ihn aufrichten, aus Scham vor ihrer Herrin.

„Laß ih, Elsje, laß ihn,“ sagte gerührt Frau de Groot, „diese Thränen sind ihm Wohlthat und führen zur Genesung!“ Sie trat in die innern Gemächer der prunkvollen Wohnung und ließ die beiden allein.

Erst gegen Abend kehrte Herr de Groot von Hofe zurück. Elsje sah er zuerst. Sie saß bei Piet am Kamine. Er weinte heftig, denn er hatte so dringend nach seiner Mutter gefragt, daß Elsje nicht mehr ausweichen konnte, ihm ihren Tod kund zu thun.

De Groot starrte Elsje an. „Kind,“ rief er, „Du bist nicht allein, wo ist meine Maria?“ Aber die Antwort des Mädchens wartete er nicht ab und eilte in die Gemächer, wo er die ihn sehnsüchtig Erwartende und auch seine Sehnsucht ihr beglückendes Ziel fand.

Gar Vieles gab’s zu erzählen, doch hatte Mevrouw Maria weniger zu verschweigen als Elsje, die ihrer Herrin gelobt hatte, Piet Alles zu verschweigen, was sich auf sein Haus und Garten irgend bezöge. Von der Mutter besonders erzählte sie Piet, und das war Balsam für seine Seele.

Wohl war er tief betrübt, aber dennoch ging eine Veränderung in ihm vor. Sein Auge war klar und seine Wangen begannen nach wenigen Tagen sich wieder zu röthen. Lächelnd bemerkte der Arzt gegen Herrn de Groot, das schöne Mädchen scheine die Heilkunde zwar nach einem andern System, aber mit einem so überraschenden Erfolge auszuüben, daß er sich mit der seinen ganz zurückziehen müsse, zumal die Krankheit, wie sie Piet gehabt, so eigenthümlicher Art gewesen sei, wie ihm Aehnliches in seiner langen Praxis in Frankreich noch nicht vorgekommen sei.

„Eins aber, sag’ ich Dir, Elsje,“ sprach in einer vertraulichen Stunde Piet, „wenn ich leben und genesen soll, muß ich aus diesem abscheulichen, wälschen Lande; muß wieder niederländische Luft athmen.“

Elsje seufzte tief. „Wirst Du denn heimkehren dürfen?“ fragte sie.

„So hab’ ich mich auch gefragt,“ sagte darauf Piet, „aber Deine und Mevrouw’s Freiheit reden ja dafür. Haben sie Euch frei gegeben, warum sollten sie mich strafen, warum allein mich verfolgen?“

Herr de Groot hörte im Nebenzimmer diese Worte. Er trat zu ihnen heraus.

„Piet,“ sagte er, „sei geduldig noch eine kleine Zeit. Ich selbst hoffe in’s Vaterland zurückzukehren, denn mir geht’s wie Dir, hier gefällt mir’s nicht!“

Zu dieser Aeußerung hatte er zureichenden Grund. Er hatte dem mächtigen Richelieu nicht genug geschmeichelt, nicht genug sich gebeugt vor dem stolzen Manne, dessen Launen Frankreich zitternd sich fügte, der König war, ohne es doch zu sein, weil er den König am Gängelbande leitete und nur sein Wille, nicht der des Königs geschah.

Manche Kränkung bereitete de Groot der mächtige Minister; entfremdete ihn dem Könige und entzog ihm selbst den Gehalt von 3000 Livres. Hugo de Groot fühlte sich tief gekränkt, und würde augenblicklich Paris und Frankreich verlassen haben, hätte er nicht gehofft, der edle, ihm wohlwollende Prinz Friedrich Heinrich von Oranien bewirke seine Zurückberufung in’s Vaterland. Diese erfolgte zwar nicht, aber ein Brief voll Wohlwollen und Hochachtung, den ihm der Prinz in dieser Zeit schrieb, bewog ihn zu einem raschen Entschlusse.

Er verließ plötzlich Paris und Frankreich, und betrat mit sichern Hoffnungen den Boden des Vaterlandes wieder. Nach Gorkum drängte Mevrouw Maria. Dort wollte sie ihm das Stübchen zeigen, wo sie getrauert, wo der Plan gereift war, der seine Befreiung erzielte, und – dort wollte sie die Menschen belohnen, die ihr so treu und wacker zur Seite gestanden und ihr so große Opfer gebracht hatten.

Unaussprechlich war die Freude im Hause van Houwening’s, groß die Theilnahme in Gorkum und die Liebe und Ehrerbietung, welche man dem großen Manne bewies. Piet war völlig genesen, ehe er Frankreich verließ. Des Doctors Wort war bewährt worden. Dennoch war er traurig, als er am Abend Gorkum erreichte und wußte, daß er das treue Mutterherz nicht mehr fände. Er wollte noch am Abend in sein Haus eilen; allein das wußte Herr de Groot zu verhindern, und am Morgen begleiteten sie ihn alle.

Betroffen stand er da, als er das neue, schöne Haus sah, das doch unter der herrlichen Linde stand; noch betroffener machte ihn der Garten mit dem Treibhause, das neu eingehegte Feld, das noch eine weitere Ausdehnung hatte, als es jemals Eigenthum seines Vaters gewesen war.

„Was ist hier geschehen?“ rief er ganz erschrocken aus. „Ist das Alles confiscirt, versteigert worden und in fremde Hände gelangt?“

Da reichte ihm Elsje die Schenkungsurkunde. Er las sie durch und dann stand er da und sah bald Herrn, bald Mevrouw de Groot an. – Er wollte reden – aber er konnte nicht. Die Lippe bebte, und endlich trat ihm eine Thräne in das Auge, die den Bann löste.

„Ach,“ sagte er, „gnädiger Herr –“

„Piet,“ rief de Groot , „danke mir nicht, sonst beschämst Du mich. Ich bin und bleibe Dir und Elsje zu ewigem Danke verpflichtet. Freiheit, Heimath – Alles, was dem Herzen theuer ist, habt Ihr mir zum Opfer gebracht: das läßt sich nicht belohnen, nicht vergelten. Nimm das als Beweis unsrer nie erlöschenden Liebe und Dankbarkeit; aber Vater van Houwening ,“ wandte er sich an diesen, „laßt uns in den wenigen Tagen, die wir hier weilen, ein frohes Fest feiern, die Hochzeit Piet’s und Elsje’s!“

„In Gottes Namen!“ sprach der Gärtner.

Da war die Freude voll und alle gingen in das schöne, neue Haus, das einfach und bescheiden, wie es zu Elsje’s Sinn paßte, eingerichtet war, so daß sie es Morgen schon beziehen konnten.

Das Alles hatte im Auftrage der Frau de Groot der alte Gärtner besorgt.

Hand in Hand durchstreifte das glückliche Paar Haus, Garten und Feld. Ihre Freude, ihr Glück hatte kein Maß, und dennoch sagte Piet, die Hand auf das Herz legend. „Hätte das doch meine liebe Mutter noch erlebt!“

Elsje blickte ihn liebevoll an und sagte: „Lieber Piet, sie sieht vom Himmel auf uns nieder und freuet sich unseres Glückes.“

Piet drückte innig ihre Hand, und blickte hinauf in das reine Blau des frühlinglichen Himmels lange Zeit und mit einem Gefühle, dessen Ausdruck sein Antlitz verklärte.

„Es ist Gottes Wille so gewesen, daß ich sie nicht wieder finden sollte,“ sagte er dann. „Ich will mich in Demuth beugen; aber in unserer Liebe wird sie bleiben, nicht wahr, Elsje?“

„Und wir in der ihrigen,“ sagte das Mädchen, „und das ist ein Band, das Himmel und Erde verbindet!“

Dieser Ton einer geläuterten Liebe eines lebendigen Glaubens und eines heiligen Ernstes war auch über die Hochzeitsfeier ausgegossen, die sie in der Stille begangen, bei der, außer dem Ehepaare de Groot, nur die Frau Daatselaar und ihr Bruder, der Maurer, anwesend waren, denn Baas Daatselaar hatte eine Abhaltung. – Freilich – es war die Scham über seine Muthlosigkeit und Unfähigkeit, ein Opfer der Treue zu bringen, was ihn aus dem Kreise bannte, der sich um das glückliche Paar schloß.

Hugo de Groot und seine Gattin begaben sich nach dem Haag; aber ihre Ankunft war das Zeichen für die feindliche Partei, sich mit aller Macht gegen den verhaßten Remonstranten zu erheben, dessen Ansehen, dessen Gelehrsamkeit man fürchtete. Der Prinz vermochte nicht zu hintertreiben, daß der Urtheilsspruch einer ewigen Verbannung aus dem Vaterlande den vielgeprüften, edlen Mann traf: Mevrouw Maria theilte sein Loos. Als sie sich nach Hamburg begaben, weilten sie noch einmal einige Stunden bei Elsje und Piet, und verließen, von ihren Segenswünschen begleitet, das theure Heimathland. Beide Familien blieben in einer stäten Verbindung, und manches Zeichen dauernder Liebe empfingen Elsje und Piet von Schweden aus, wohin de Groot sich begab. Wie groß auch die Ehre und das Ansehen war, welches er in Stockholm empfing, so überwog dennoch die Liebe zum Vaterlande, [395] als bessere Gesinnung ihm dort entgegen kam. Aber er sollte Holland nicht wiedersehen. Er wurde auf der Heimreise, als ihn ein Sturm nach Pommern verschlagen hatte, in Rostock krank, und starb dort. Und sein treues Weib kehrte Heim in’s Land der Väter, aber allein. – In dem Gartenhause unter der Linde bei Gorkum weilte sie oft und lange Zeit und freute sich des Glückes zweier Menschen, deren Liebe und Treue die schwerste Probe bestanden hatte. Um Piet und Elsje blühte ein lieblicher Kinderkreis, und als Elsje’s Vater auch das Zeitliche gesegnet hatte und ihre Schwestern glückliche Frauen braver Männer geworden waren, zog die Mutter zu ihr in das Haus unter der Linde, und Jan übernahm die Gärtnerei des Vaters. Claas hatte sich bei dem kinderlosen Cornelis von Breigem so beliebt gemacht, daß er ihm das Schiff het Lammetje vermachte. Niels und der jüngste Bruder wurden wackere Schiffszimmerleute, und es zeigte sich hier, wie überall, daß das Wort eine unzerstörbare Wahrheit ist: Der Segen frommer Aeltern bauet den Kindern Häuser. Wo aber der Name Maria de Groot genannt wurde, und heute noch wird, da nennt man auch den: Elsje’s van Houwening und Piet’s van Halver, und Niederland weiß die Treue zu schätzen.