England in Norwegen

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Textdaten
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Autor: J. Bgr.
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Titel: England in Norwegen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 726–729
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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England in Norwegen.


Wer die Romantik der rauschenden Gewässer studieren will – des Meeres schiefergraue Fluthen, die lichtblauen, klaren Seen, heute mit ihrem klaren Spiegel lächelnd und morgen aufgeregt und ungestüm, die in gewaltigem Sturmschritte dem Meere zueilenden Flüsse, die majestätischen Wasserfälle, welche zu Hunderten von den Bergen fallen –, der muß Skandinavien von Süd nach Nord, von Ost nach West durchwandern, und wahrlich! er wird begreifen, warum die nordische Sage so reich ist an Gestalten, die im thaubesprengten Grase an der Quelle tanzen, die in den Flüssen sich baden, die bald freundlich, mild und verlockend, bald drohend, unhold und verderbenbringend aus den Tiefen der Seen emportauchen. Des Nordländers Poesie

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Die Gartenlaube (1873) b 727.jpg

An den Gewässern von Gudbrandsdalen.
Originalzeichnung von Knut Ekwall.

[728] knüpft allzu gern an’s Wasser an; ohne dieses ist ihm eine Landschaft traurig und öde, und deshalb bietet das wasserarme Deutschland ihm so wenig Reize dar.

Aus dieser Poesie des Wassers erklärt sich denn auch zu einem großen Theile die Anziehungskraft, welche Norwegen auf das reisende Publicum, namentlich auf das englische, ausübt. Der fleißige Besuch Norwegens durch die Söhne und Töchter Albions hat seinen Grund wohl theils in der Nachbarschaft des Landes; denn von Edinburg nach Christiania ist die Entfernung wenige Meilen größer, als von London nach Hamburg. Zum überwiegenden Theil liegt aber die Veranlassung dazu in der Beschaffenheit des Landes. Der Engländer als Tourist ist, wie bekannt, ein ganz anderer Mensch, als der Europäer sonst. Reist er allein, so langweilt er sich und andere; tritt er aber rudelweise auf, so thaut er bald auf; dann sprechen von sieben oder acht Personen mindestens drei gleichzeitig, während die Mehrheit der Gesellschaft kichert und lacht. Schöne Landschaften zu durchwandern, von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt zu eilen, im Anschauen der schönen Natur zu schwelgen, ist nicht des Engländers Reiseart. Er verschmäht nicht schöne Gegenden; aber das Groteske geht ihm über das Liebliche, und hat er das gefunden, dann legt er sich vor Anker und kostet die Reize der Landschaft in der ihm eigenen Art aus, indem er sich ein kleines Stillleben anlegt. Aber auch das Groteske hat für ihn keinen Reiz, wenn er nicht noch in anderer Weise seine Rechnung findet.

Der Engländer kann bekanntlich seine Verwandtschaft mit den „Angeln“ nie verleugnen. Daher haftet er gern an dem einem Pole der Achse, an deren entgegengesetztem Pole ein Regenwurm hängt. Norwegen ist mehr als ein anderes Land seiner Passion günstig.

Skandinavien mit einer Unzahl kleiner und einem Dutzend großer Flüsse, von denen der schönste, die Angermanelf, fünfzig Meilen nördlich von Stockholm, an Wasserreichthum und landschaftlicher Großartigkeit den Rhein in Schatten stellt, ist gesegnet mit den trefflichsten Fischen. Nur im Innern Norrlands, da, wo Wälder von unendlicher Ausdehnung auf sumpfigem Boden und zahllose Seen das Land bedecken, wird man vielfach mit Fischen von der Gestalt des Barsches regalirt, die wegen ihres faden, thranigen Geschmacks dem Reisenden bereits längst zuwider sind, ehe er sie am vierzehnten Tage zum achtundzwanzigsten Male vorgesetzt bekommt. In den rauschenden Gebirgsflüssen und Bächen gedeihen aber die verschiedensten Arten aus der Ordnung Lachs oder Salm, der gemeine Lachs, die Lachsforelle, die Bergforelle, die Aesche etc. Wiewohl der Lachs zur Laichzeit durch schwimmende Balken leicht verscheucht wird, findet man ihn doch in allen größeren Gewässern Norrlands, obschon sie den ganzen Sommer hindurch mit Floßholz bedeckt sind. Ja, selbst die Angermanelf, die sechs Meilen aufwärts bis Nyland mit Seeschiffen und noch weitere neun Meilen bis Solleftea mit Flußdampfern befahren wird, enthält Lachse in großer Menge, wie die allenthalben zu ihrem Fange aufgestellten Reusen verrathen. Der Fisch, an welchem aber Norwegen vorzugsweise reich ist, ist die Forelle. In den Gebirgen im südlichen Norwegen, z. B. in der Sireaa, findet sie sich in großer Menge; die Imsaa und andere Gewässer, Flüsse sowohl wie Seen, östlich von Lillehamm und nördlich von Hedemarken haben großen Reichthum daran; nach Bergen zu in Hardanger kommt sie in großer Anzahl vor; wer von Röraas, der bekannten Bergstadt, an der schwedischen Grenze nordwärts in Stuedal auf den Forellenfang geht, findet reiche Beute; im Norden von Dovrfjeld gewährt diese Fischerei namentlich in der Gegend von Aune einen guten Ertrag. Doch wozu Orte nennen? Jeder kleine See im Gebirge ist von Forellen bevölkert, und in jedem Bache und Flusse sieht man diese reizenden Fische spielen. Auf der höchsten Station von Dovre, in Hjerkin, das über dreitausend Fuß hoch liegt, sah ich in der Küche einen fußhohen Berg von geschlachteten Forellen, die den zahlreichen Jägern und Botanikern, welche hier ihr Standquartier haben und von Hjerkin aus das ganze Hochgebirge durchschweifen, zum Mittagsmahle vorgesetzt werden sollten. In Skäggestad in Gudbrandsdalen, wo ich einige Tage später in ziemlich zahlreicher Gesellschaft zu Mittag speiste, wurden uns die prächtigsten Forellen aufgetragen, und so an verschiedenen Orten.

Es kann nicht wundernehmen, daß Norwegen, Eldorado der Forellenfischerei, von angelnden Albionssöhnen überschwemmt ist. Man findet sie an den kleinen Seen im Hochgebirge, am Fuße der Wasserfälle, zwischen Felsen und Gestrüpp, doch am liebsten in den Gegenden, wo sich wohnlich hausen läßt. Daher sind sie in jeder norwegischen Stadt zu finden, von wo aus sie ihre Ausflüge nach den Forellenbächen und Flüssen nehmen können. Unter den Thälern Norwegens ist eines der liebsten Aufenthaltsorte für sie Gudbrandsdalen, und da vorzugsweise das obere Thal, sowie das unvergleichlich schöne Thal der Ottaelf. Gudbrandsdalen ist einundzwanzig Meilen lang und wird vom Flusse Logen durchflossen. Dem Wanderer, der von Fogstuen aus in das Thal hinabsteigt, bietet dasselbe anfangs nur wenig Außerordentliches dar. Allein jenseits des Dorfes Dovre treten die Berge immer enger zusammen, und durch die Felsengassen, über Klippen und Gestein, zwängt sich der Fluß schäumend und brausend hindurch. Groteske Felsformationen und imposante Wasserfälle leihen dem Thal einen besonderen Reiz. Hinter der Schlucht von Laurgaard erweitert sich das Thal wieder. Die Berge, welche zu seinen beiden Seiten sich erheben, haben durchschnittlich nur eine Höhe von ein- bis zweitausend, die darüber hinwegschauenden jedoch von vier- bis fünftausend Fuß.

Neben der seltenen Schönheit des Thales, auf dessen einzelne Punkte hier eines Genaueren einzugehen uns leider der Raum fehlt, ist es, wie gesagt, besonders die Manie des Angelns, welche die Kinder Albions so zahlreich nach Gudbrandsdalen zieht. Selten pflegen sie einzeln ihrem Sport nachzugehen; in der Regel ist eine ganze Gesellschaft beisammen, Alt und Jung, Herrlein und Fräulein. Durch ihre auffällige Kleidung, namentlich ihr für die Fischerei jedenfalls geeignetes Schuhwerk und ihre Ausrüstung machen sie sich schon in der Hauptstadt kenntlich. Haben sie geeignetes Terrain für ihre Thätigkeit gefunden und steht ihnen sonst kein Hinderniß entgegen, so machen sie sich unverzüglich an’s Werk und liegen mit großer Ausdauer ihrer Passion ob. Es darf dabei etwas halsbrecherisch hergehen; das ist englisch. Auf den Ertrag ihrer Fischernte verzichten sie gewöhnlich; was sie erbeutet haben, pflegen sie zu verschenken, und willige Nehmer finden sie stets.

Durch ihre Freigebigkeit suchen sich die angelnden Briten überhaupt gern das Ansehen von Noblesse zu geben; in den Hôtels der großen Städte ist man aber von ihrer Lordschaft nicht immer überzeugt, weil sie größere Ausgaben vermeiden und namentlich bei der Table d’hôte regelmäßig fehlen. In Christiania war man gar nicht wohl auf sie zu sprechen; man bezeichnete die Angelkünstler als heruntergekommene Genies, die von England nur herüberströmten, um in Norwegen mit dem Reste ihres Vermögens noch für etwas zu gelten. Für den rauhen, stolzen Norweger mag das schon so scheinen; er bedarf der Bedienung nicht, weil er selbst thätig und zu jeder Arbeit geschickt ist; aber er bedient auch nicht gern, und den bummelnden Engländer zu honoriren, ist erst recht nicht nach seinem Geschmacke.

Wie in den Alpen, in der sächsischen Schweiz und in allen von Touristen vielbesuchten Gegenden, haben die Engländer auch in Norwegen durch ihre Freigebigkeit mit Kupfermünzen ein eigenes Bettlerpublicum herangezogen. Ich kann mich nicht besinnen, in Schweden von Malmö bis nach dem armen Dalarne hinein und bis hinauf nach Hernösand und Oestersund jemals von einem Bettler angesprochen worden zu sein, auch in Norwegen nicht, ausgenommen im nördlichen und mittleren Gudbrandsdalen, hier aber in einer Weise, die jeder Beschreibung spottet. Wir waren nur erst eine kleine Strecke über Dombaas nach Gudbrandsdalen hinein, als eine wahre Meute von Wegelagerern auf unser Fahrzeug zustürzte. Ich war schon vorher gewarnt worden, diesen Bettlern etwas zu geben, und meine Reisegefährtin, die Frau eines Handelsherrn A. aus Drontheim, empfahl mir dies noch ausdrücklich. Als die Betteljungen nichts erhielten, begann eine wilde Jagd hinter dem Wagen her; einzelne suchten sich hinten an demselben festzuhalten, und es blieb unserm Kutscher schließlich nichts übrig, als die Zudringlichen mit Hülfe der Peitsche wegzufegen. An manchen Punkten schien man Krüppel, Lahme und Blinde aus dem ganzen Gebirge zusammengeschleppt zu haben, und kaum daß das Rollen unseres Wagens in das Dorf hineinschallte, so setzte sich eine wahre Karawane hinkend, schleichend, auf allen Vieren kriechend, heulend und [729] jammernd zu unserm Empfange in Bewegung. Ich habe noch nie ein so widerwärtiges Bild gesehen. Alles hatte sich phantastisch in die ärgsten Lumpen gehüllt; Flicken von allen Farben hatte man auf’s Tollste übereinandergehäuft, und der Ton, mit welchem man uns ansprach, war das Heulen des bereits Verhungernden. So bittet die Noth nicht, so bettelt nur das professionelle Lumpenthum. Eine Freigebigkeit, die das erzeugt, ist verbrecherisch. Es mag wohl sein, daß Mancher, der hier Gaben ausstreut, ein gutes Werk damit zu stiften meint. Manchen mag es auch geben, der mit Wohlgefallen auf sich als Menschenfreund herniederschaut, wenn er Kupferschillinge wegwirft, weil ihm sein Gewissen zu anderer Zeit über den Erwerb seines Goldes und Silbers gar herbe Dinge zu sagen hat. Was ist Der aber, der in den Augen von Betteljungen für einen Lord gelten will, Anderes als ein Betteljungenlord?

Man findet in der von Bettlern besonders stark frequentirten Strecke von Gudbrandsdalen vielfach eine Bekanntmachung, unterzeichnet von den beiden Geistlichen in Vaage, worin diese die Reisenden bitten, den Bettlern nichts zu geben, sondern die Almosen in Büchsen zu thun, welche an verschiedenen Stellen des Weges angebracht sind. Die Bekanntmachung ist in norwegischer und englischer Sprache abgefaßt. Ich glaube, der norwegische Text ist völlig überflüssig. Der englische würde vollständig genügen,[WS 1] wenn er überhaupt etwas nützte. Ich bezweifle das aber. Wenn die norwegische Regierung, ich will sagen, das Storthing von Christiania, dem ein gewisses Selbstbewußtsein durchaus nicht fehlt, etwas thun wollte, was dem stolzen Warägerthum besser anstände als manches Andere (ich erinnere nur an das, was vor zwei Jahren die Jaabek und Genossen im norwegischen Landtage gegen die höhere Schulbildung geleistet haben), so würde es in einer energischen Beseitigung des Bettelunfuges in Gudbrandsdalen bestehen.

Mitten in diesem schönen Thale steht ein großes Gefängniß. Es enthält die Ernte dessen, was nicht weit davon durch den Bettel gesäet worden ist. Sagt das häßliche Bild der lungernden, zerlumpten, heulenden Horden am Wege durch Gudbrandsdalen, daß es wünschenswerth wäre, Schritte dagegen zu thun, so verkündet das eisenvergitterte Haus gebieterisch: Es ist eine moralische Pflicht für Norwegen, das gefährliche Unkraut, welches die Touristen in den keuschen Boden seiner Berge und Thäler tragen, mit Feuer und Schwert auszurotten.
J. Bgr.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: gegnügen