Erinnerungen an Heimgegangene. Nr. 1

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Textdaten
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Autor: Franz Wallner
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Titel: Erinnerungen an Heimgegangene. Nr. 1
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 297
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[297] Erinnerungen an Heimgegangene. Nr. 1. Es sind eigentlich nur kleine, meist unbedeutende Charakterzüge, die ich den Lesern hier mittheile, ja sie würden wohl kaum die Mühe des Aufzeichnens lohnen, wenn es nicht Erinnerungen an bedeutende Menschen wären, die eben dadurch, daß sie nicht mehr unter den Lebenden weilen, an Werth und Wichtigkeit gewinnen. Als „Menschen-Bädecker“, wie mich Freund Auerbach nennt, bin ich auf meiner vielbewegten Lebensbahn mit den meisten der hervorragenden Zeitgenossen in Berührung gekommen, und so mögen denn diese einfachen Mittheilungen über jüngst Heimgegangene hier eine Stelle finden.

Einen unruhigeren Zimmernachbar, als ich ihn 1872 in Cairo, im Hôtel du Nil hatte, kann man sich wohl nicht denken. Von zehn Uhr Nachts bis zur Morgendämmerung lief er mit der Unruhe eines Raubthieres in seinem Käfig auf und ab, laute aber unverständliche Selbstgespräche führend, ohne Pause, ohne Rast. Erst wenn es in dem prächtigen Garten unseres braven deutschen Wirthes lebendig wurde, die Gäste aus den Thüren traten, um unter dem breiten Blätterdache der Bananen das Frühstück zu genießen, herrschte ist meiner Nachbarstube eine tiefe, geisterhafte Stille; wahrscheinlich hatte sich der Bewohner derselben, nach dem rastlosen zehnstündigen Marsche erschöpft, auf’s Lager geworfen.

„Kennen Sie schon Ihren neuen Nachbar?“ frug mich am nächsten Abende der bekannte und gelehrte Dr. von Laurent, der Afrika und Asien nach allen Richtungen bereits durchkreuzt hatte zu einer Zeit, wo diese Passion noch mit weit mehr Gefahren und Unbequemlichkeiten verknüpft war, als jetzt, wo das Reisen in fremde, ferne Welttheile fast Modesache geworden ist.

„Meinen Nachbar?“ antwortete ich, „vom Ansehen kenne ich ihn nicht, aber ‚die Blinden in Genua kennen seinen Tritt‘. Sagen Sie mir um Gottes willen, was treibt denn der Mann die ganze lange Nacht?“

„Ich glaube, er ist nervenkrank. Es ist der bekannte Orientreisende, Baron von Maltzan,“ entgegnete Laurent.

Bei Tische stellte er mich meinem seltsamen Nachbar vor. Hier wurde dieser, wenn auch nicht besonders redselig, doch mittheilsamer und freundlich. Er hatte die Absicht, demnächst nach dem sogenannten „steinigen Arabien“ zu gehen und die dortigen unbekannten Stämme zu studiren, zunächst aber dachte er sich über die Zustände in Cairo zu informiren. Wie er das Letztere anfangen werde bei seiner Manier, Tag und Nacht sich in die vier Wände einzuschließen, blieb uns allerdings ein Räthsel. Außer unserem liebenswürdigen, für alle wissenschaftlichen Fortschritte lebhaft sich interessirenden deutschen Generalconsul von Jasmund besuchte er Niemand. Dem Vicekönig von Aegypten ließ er sich von dem Vertreter Deutschlands auf den dringenden Wunsch des Ersteren vorstellen. Der Vicekönig empfing ihn, wie uns Maltzan selbst erzählte, mit der Liebenswürdigkeit und Gastlichkeit, mit welcher alle Europäer von einiger Bedeutung an seinem Hofe aufgenommen werden, eine Eigenschaft, die nur zu oft von den Fremden mißbraucht wird.

In seiner Lebensweise änderte mein Nachbar nichts; ich hörte ihn in stiller Verzweiflung noch einige Tage neben mir auf- und niedergehen und laute Selbstgespräche führen. Unsere Bekanntschaft im fernen Welttheile beschränkte sich auf eine freundliche, aber nicht sehr lebhafte Conversation. Eines Tages hatte der Ruhelose sein Zelt abgebrochen und war wieder hinausgewandert in ferne unbekannte Wüsteneien. Eine Karte, mit „Heinrich Freiherr von Maltzan“ und P. pr. c. bezeichnet, wurde mir von ihm übergeben. Er war spurlos verschwunden. Niemand hatte er in Kenntniß gesetzt, wohin er reisen würde. Und das war vorsichtig gehandelt, denn seine in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ kurz darauf veröffentlichten etwas wunderlichen „Briefe aus Cairo“ wirbelten viel Staub auf und würden jedenfalls zu Rencontres geführt haben, die den nervenkranken Mann unangenehm aufgeregt hätten.

Ab und zu las ich einen und den andern seiner brillant geschriebenen Berichte aus entlegenen Erdstrichen über Ereignisse, die ich nicht kenne und über deren Richtigkeit ich kein Urtheil habe. – Vor wenigen Tagen erfuhr ich mit Erschütterung die Nachricht von seinem freiwilligen Ende. In Pisa, wo die tödtliche Langweile auch dem Gesunden verderblich werden kann, hat er das Dasein abgeschüttelt, welches, nach dem kurzen Einblicke zu urtheilen, der mir in dasselbe geworden, wohl schon seit Jahren für ihn ein qualvolles gewesen sein mag. –

Nur dunkel weiß ich mich noch auf Hoffmann von Fallersleben zu erinnern, aber zusammengetroffen bin ich auch mit ihm. Wir fuhren, wenn ich nicht irre, ein paar Tage und Nächte lang im Coupé des Eilwagens als gute Reisecameraden von Cassel nach Bremen, damals eine lange Tour, die noch kein Schienenweg berührt hatte. Ein Gespräch war bald in Gang gebracht und wohl unterhalten, denn gar viele Anknüpfungspunkte für dasselbe Thema fanden wir beiderseitig, und doch konnte Keiner von uns aus dem Andern klug werden. Ich suchte eher Alles in ihm, dem fidelen Kumpan, dem alle, alle deutschen Volkslieder so geläufig waren und so frisch aus der vollen breiten Brust erschollen, als den Dichter, den Gelehrten. Auf jeder Station – und an wie vielen Stationen hielt damals die deutsche Postschnecke! – ließ er sich einen Schoppen Wein schmecken, roth oder weiß, wenn er nur gut war; zu jedem Glase hatte er ein heiteres Liedel parat, das er ungenirt zum Besten gab. Dazwischen erzählte er mir, dem eifrig Zuhorchenden, an allen bekannten Orten alles, was in Sage und Geschichte sich an die betreffenden Punkte anknüpfen ließ, aber ohne Schulmeisterei, ohne alle Pedanterie, aus reinem Mittheilungsdrang. Ich zerbrach mir den Kopf, wer der Mann sein könne, der so frisch und heiter in der Welt herumcariolte, und ihm ging es, wie er mir später erzählte, ebenso mit mir. Kaufmann war ich nicht, wie ich auf sein Befragen mittheilte – auf einen Commis voyageur hatte er zuerst gerathen. Dann war er irre geworden, weil ich die ganze moderne Literatur kannte, und persönlich wohl auch die bedeutendsten Träger derselben. Plötzlich platzte er los: „Ich heiße Hoffmann von Fallersleben. Wie heißen denn Sie?“

„Franz Wallner.“

Ein Name, fremd seinem Ohre, wie seinem Herzen. „Sind Sie auch Schriftsteller?“

„Leider nein.“

„Nun, in drei Teufelsnamen, was sind Sie denn?“

„Schauspieler.“

„Schauspieler?“ gab er lang gedehnt zurück; ich las in seinem Innern, daß er dachte, was Scholz einst von den Böhmen sagte: „Nun, wissen Sie, es ist zwar keine Schande, aber hübsch ist es gerade auch nicht.“

„Ja, ich bin Schauspieler,“ sagte ich etwas trotzig, „und reise zum Gastspiele an das neue Theater in Bremen.“

„Da werde ich Sie sehen, obgleich ich selten in’s Theater gehe.“

Er hielt Wort. Nach meiner ersten Rolle als Valentin in Raimund’s Verschwender lauerte er mir an einer Straßenecke auf, sagte mir kurz und derb einige treuherzige, anerkennende Worte über meine Leistung und lud mich ein, mit ihm „einen Schoppen“ zu trinken, da er morgen verreise. Wir verlebten eine recht fröhliche Nacht miteinander.

Das war mein erstes und letztes Zusammentreffen mit Hoffmann von Fallersleben.

Franz Wallner