Erinnerungen aus Italien

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Textdaten
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Autor: ein englischer Gentleman
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Titel: Erinnerungen aus Italien
Untertitel:
aus: Das Ausland, Nr. 17, 19–20, 22, 25 S. 65–66, 75–76, 79–80, 87–88, 100, 123, 167–170
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[65]

Erinnerungen aus Italien.

Von einem englischen Gentleman.

So bin ich endlich in dem hohen Rom, hergewandert aus dem äußersten Thule, um seine Herrlichkeit und seinen Glanz zu schauen. Unter meinen Fenstern hör’ ich eine schlechte Guitarre, auf der eine geübte Hand einige volle Akkorde greift, begleitet von einer helltönenden Stimme, welche eine Lieblingsarie von Puccini mit Geist und Gefühl vorträgt. Ich öffne das Fenster, und erkenne an den ärmlichen Lumpen, die den Sänger bedecken, einen jener wandernden Homeriden, deren Italien so viele besitzt. Mögen die Gelehrten es erklären, so gut sie können; aber gewiß ist, daß dieser Bettler mehr Adel in seiner Haltung hatte, als unsere elegantesten Cavaliers in den Salons von Almack, und in seinem Gesang mehr Geschmack und Grazie, als unsere schmachtenden Ladies.[1] Ich konnte nicht angenehmer beim Erwachen begrüßt werden. Schnell kleide ich mich an. Beim Eintritt in mein Kabinet finde ich, durch den Eifer meines Domestiken, eine große Tafel bedeckt mit Kameen, Mosaiken, Bas-reliefs, geschnittenen Steinen: schlechte Kopien, falsche Medaillen, unterschobene Antiken. Ex-votos aus dem gelobten Lande, verschiedenartig genug, aber gleich häßlich und widrig, Aschenkrüge von Ostia, Kuriositäten und Seltenheiten jeder Art und für jeden Geschmack liegen vor mir aufgehäuft und bieten der Unklugheit meiner Wünsche, wie meiner Unwissenheit in der Archäologie verführerische Lockungen dar. – Die milde, wollüstige Luft, die ich unter Italiens schönem Himmel athme, und die Freude, mich in Rom zu finden, machen mich weich und treuherzig: die glücklichste Disposition, um der Dupe italienischer Schlauheit zu werden.

Ein Cicerone ist eine wesentliche Person im Gefolge eines begüterten Reisenden in Italien; in meinem Salon treffe ich den meinigen, umgeben von einem zahlreichen Cirkel, eine Lava-Dose in der Hand, mit komischer Emphase und im vollen Gefühl seiner Wichtigkeit über den belvederischen Apoll, den Torso, über Visconti, Winckelmann, über statuarische Kunst, Mosaik etc. etc. perorirend. Aufmerksam horchen die Zuhörer auf die feierlichen Orakelsprüche, die „Signori“, die, um ihre antiken oder modernen Waaren an Mann zu bringen, sorgfältig jeden reichen Fremden aufspüren, hatten nicht ermangelt, sich in aller Frühe bei mir einzufinden, und mein Cicerone, der mein erster Minister geworden war, hatte sie mit der unter solchen Umständen zweckmäßigen vornehmen Höflichkeit empfangen. So wie ich eintrete, ändert sich die Scene; im Augenblick wird mein Cicerone zur zweiten Person. Ein verbindliches Lächeln verbreitet sich über alle Gesichter: einschmeichelnde Beredsamkeit, lebhafte Gestikulationen, theatralische Stellungen, wortreiche, naive, pathetische Bitten umlagern mich von allen Seiten; in dem ganzen Gedränge ist jedoch nirgends eine Spur von Plumpheit oder Ungeschliffenheit zu bemerken; selbst in der Zudringlichkeit liegt eine gewisse Art von gutem Ton und Schmiegsamkeit, fast in jedem Worte spricht sich die angeborne und charakteristische Urbanität dieser Hauptstadt der Welt aus. In Florenz ist die Sprache energischer, voller, un accento vibrato, sie ruft die Beredsamkeit, die öffentlichen Verhandlungen der alten Republik Dantes und Macchiavell’s ins Gedächtniß zurück. In Neapel neigt sie sich in den ermüdenden singenden Ton der Lazzaronis zur trivialen Leichtigkeit und Unregelmäßigkeit eines Vulgar-Dialekts. In Rom hingegen ist der Adel und die Eleganz des Ausdrucks ein Erbtheil aller Volksklassen.

Nachdem ich diesen gelehrten, liebenswürdigen Antiquaren, welche es sich nicht hatten verdrießen lassen, vom frühen Morgen an, die Prodektion della mia Signoria anzusprechen, Audienz ertheilt hatte, war sonach mein Eintritt in die berühmte Stadt bezahlt; da ich für das, was kaum ein paar Baiocci wert war, einige Scudi bezahlt hatte. Hierauf wollte ich ausgehen, als, trotz aller Gegenanstrengungen meines Cicerone, sich ein Mönch ins Zimmer drängte, mit einem Korb voll Blumen und Früchte. Dieser gute Minorit hatte wenig von der finstern, melancholischen Physiognomie des Sterne’schen Mönchs. Er war wohlbeleibt, mit lebendigem Auge, einer Farbe voll Gesundheit und Jugendkraft, und frischrothen Lippen, auf denen ein beständiges Lächeln schwebte. Ich bewunderte seinen langen schwarzen Bart, und den großen weißen Mantel, der in schönen Falten den hohen Körper umgab. Ohne eigentlich ein Recht zu haben, seine ascetischen Tugenden in Zweifel zu ziehen, machte es mir doch eigene Gedanken, daß diese athletischen Formen, diese schwellende Gesundheit, diese von der Gluth des Südens leuchtenden [66] Augen einem, frommer Zurückgezogenheit geweihten Heiligen angehören sollten. Wie konnte die Seele eines Anachoreten den Körper eines Gladiators zum Wohnsitze wählen? Trotz der Gegenvorstellungen meines ersten Ministers, bezahlte ich die Blumen und Früchte des Bruders Vicenzio, die dieser um einen Spottpreis verkaufte. Seine lebhafte Dankbarkeit drückte sich auf die liebenswürdigste Weise von der Welt aus, worauf er sich mit einem frommen Spruch und tiefen Bücklingen entfernte. Ich freute mich, für den Augenblick einen Glücklichen gemacht zu haben; und zufrieden mit mir selbst, warf ich aufs neue einen heitern Blick auf meine heute früh eingekauften sieben Sachen. Diese Cameen waren höchst mittelmäßig; keine von den Medaillen hatte irgend einen Werth; die antiken Vasen wurden vielleicht erst in der letzten Woche geformt: dennoch fand ich selbst in den schlechtesten dieser angeblichen Meisterwerke den, jedem Italiener eigenthümlichen Geschmack, jenen Instinkt für das Schöne, der die Antike überall mehr oder minder glücklich nachahmt. Es konnte mich nicht reuen, mein Geld dafür ausgegeben zu haben. Wie sehr hatten die Verkäufer ihre Beredsamkeit verschwendet, wie hatten sie, um mich von der Vortrefflichkeit ihrer Sachen zu überzeugen, das ganze Wörterbuch der Kunst und der Höflichkeit erschöpft! Das kleine Opfer, das ich gebracht hatte, erschien mir nur wie eine für den guten Empfang des Fremdlings abgetragene Schuld, wie eine dem Genius der Stadt gebrachte versöhnende Gabe. – Ich war zufrieden mit mir, mit den Antiquaren und meiner ganzen italienischen Reise.

[75]
Der spanische Platz und die Propaganda.

Ich gehe über die Piazza di Spagna; alle Häuser sind hier frisch geweißt, was man ohne Zweifel den Fremden, namentlich den englischen Reisenden verdankt, die unaufhörlich auf Reinlichkeit dringen. Diese Purifikation des spanischen Platzes, der sonst mit allem Unflath Roms überschüttet war, ist in der That eine jener neuern Heldenthaten, deren Ruhm Großbritannien zukommt. Doch dürfen wir uns nicht verbergen, daß diese Revolution, die auch ins Innere der Gebäude einzudringen beginnt, die guten Patrioten, welche streng an der alten Ordnung der Dinge halten, bereits in Unruhe setzt. Wo soll diese Sucht, zu säubern, zu reinigen, zu restauriren aufhören? Der päbstliche Palast, den Luther in seinem ungeschliffenen ketzerischen Eifer mit einem Augiasstalle zu vergleichen wagte, könnte nicht auch er eines Tags das Opfer ähnlicher Restaurationen werden? Und welche tiefe Seufzer würden der Brust der Anhänger des Hrn. de Maistre entsteigen, wenn es den kühnen Fremdlingen gestattet würde, ihr großes Werk der Purifikation, bei dem sie nun mit dem Physischen beginnen, fortzusetzen, ja vielleicht gar auf die höchsten moralischen Interessen auszudehnen!

Uebrigens bildet diese jetzige Reinlichkeit des spanischen Platzes einen sonderbaren Contrast mit der rings umher herrschenden Unordnung und dem alten Schmutz. Nur die römischen Kamine, die einst eine so närrische Figur machten, erfuhren unter der aufgeklärten Verwaltung des Kardinals Consalvi bedeutende Veränderungen. Im übrigen blieb alles beim Alten.[2] Paläste, Kramläden, große und kleine Häuser, – alles steht durcheinander. Hier laufen die Straßen breit auseinander, dort verengen sie sich plötzlich wieder; Buden und Thorwege bestreiten sich gegenseitig das Recht des Bodens; jedes Haus ist in einem andern Style gebaut, aber alle hat seit undenklicher Zeit die Unreinlichkeit mit ihren Lumpen und ihrem Schmutz bedeckt. Wenn man diese Klöster und Schmieden, diese Colonnaden und Weinschenken, diese Kirchen und Ställe, diese Paläste und Kramläden, die hier alle bunt durcheinander geworfen sind, um eine Stadt zu bilden, mit Einem Blick übersieht, so wird man gestehen, daß Rom, so wie es einzig dasteht im Zauber der Erinnerung, so auch vor allen andern Städten ausgezeichnet ist durch die Anarchie seines Aussehens und die bizarre Harlekinade seiner Gebäude.

Wenn man nach der Straße Fraltina zugeht, so gelangt man zum Palast der berühmten Propaganda. Hier tritt der Gedanke der Macht des neuen, des geistlichen Roms uns entgegen, die der Macht des alten, erobernden Roms folgte, und ohne Legionen und Armeen, ohne Kriegsschiffe und Geld, die Welt unterwarf, nicht seinem Senat von Königen, sondern seinem Glauben, dem Willen seiner Priester.

In Europa besitzt die Propaganda keinen großen Einfluß mehr, aber noch steht ihr Asien offen; dorthin richtet sich ihr Blick. Dort herrscht Druck von außen, und Leidenschaft in den Gemüthern, dort fühlt man das Bedürfniß [76] eines feurigen Glaubens, wie eines der ersten Bedürfnisse der Existenz. Asien ist vom Blute der apostolischen Märtyrer getränkt; in Japan und China war es, wo die Missionäre am weitesten sich ausbreiteten; in Griechenland, in Spanien, bei den Maroniten hat die Propaganda ihre Kolonien. Die Missionäre kennen ihre Macht, und suchen sie ohne Zweifel immer weiter auszubreiten, jedoch ohne sie – zu ihrer Ehre können wir dieß hinzufügen – bis jetzt zu mißbrauchen.

Der Palast der Propaganda hat an sich nichts ausgezeichnetes. Desto interessanter, dachte ich mir, müssen seine Bewohner seyn. Ich trete also ein, mit einem Empfehlungsschreiben an einen der Obern bewaffnet. Ich übergebe mein Creditiv einem Guard an, der es einem zweiten, und dieser wieder einem dritten übergibt. Während mein Brief so von Hand zu Hand wandert, läßt man mich in den langen Corridors herumirren, und ich benütze die Gelegenheit um mein Geschäft als Beobachter menschlicher Sitten in der Stille auszuüben. Die Flügelthüre eines großen Saales war halb offen geblieben. An einem Pfeiler gelehnt, konnte ich in die düstern Galerien blicken, in denen die nach Rom pilgernden Söhne des Orients in die Lehren und Mysterien des Katholizismus eingeweiht werden. Meine Einbildungskraft, aufgeregt durch ihre eigenen Gedanken, und durch die Neuheit des Schauspiels, lieh allen Gegenständen, die vor meinen Augen vorüber gingen, einen besonderen Reiz. Ein ehrwürdiger griechischer Prälat trat aus der Thüre, begleitet von einem jungen Zögling in orientalischem Costüm, welcher das schwarze weitfaltige Gewand des Bischofs in Demuth küßte. Dieser ertheilt ihm seinen Segen, und sagte ihm mit sanfter, feierlicher Stimme das gewöhnliche Lebewohl: Kale spera, sas. Ein Sonnenblick, der durch das hohe Fenster drang, erhellte in diesem Augenblick die kahle Stirn des Greises. Er hatte nicht jenes wilde, kriegerische Aussehen, jenen kühnen Blick, jene scharfgezogenen Formen, welche den Priestern des griechischen Festlandes oder Albaniens eigen sind, die so oft den Gefahren eines stürmischen, unsichern Lebens sich ausgesetzt sehen. Sein Bart war lang und halbergraut, sein Blick ruhig und heiter; das Profil seines Gesichts erinnerte an jene schönen Cameen, welche in den mildesten Zügen den Kopf des Schülers von Sokrates darstellen. Diese schöne Physiognomie war belebt durch einen Ausdruck von Redlichkeit und Wohlwollen; ich glaubte St. Basilius oder den heiligen Chrysostomus zu sehen.

Einige Schritte vor mir, gegen die Galerie hin, standen zwei maronitische Mönche, im Costüme arabischer Beduinen, das Haupt halb unter der Kaputze verborgen, das Gewand mit einem ledernen Gürtel zusammengehalten.

[79] Der Palast der Propaganda. Die Scala. Die Fontana. Der römische Bettler.

Da die Antwort auf mein Schreiben noch immer nicht ankam, so ging ich hinaus, um die Façade des Gebäudes zu betrachten. Nie hat architektonischer Eigensinn den Stein in bizarrere Formen gezwungen. Die Sapienza, die Kirche St. Carlo, die Quatri Fontane, lauter Muster eines ausschweifenden Geschmacks, sind nichts gegen diese tolle Façade, und alle Hülfsmittel der Sprache reichen nicht hin, um die ganze lächerliche phantastische Ungestalt dieses Gebäudes auszudrücken. Alles was den Geschmack beleidigen und das Auge verletzen kann, hat der Architekt hier mit einander vereinigt. Vergebens [80] würde man in diese Verwirrung aller Ordnungen und Style, eine einfach schöne Linie, einen natürlichen Contour, ein Fenster, einen Karnieß an seinem Platze, kurz nur Eine regelmäßige Form suchen. Borromini soll den Plan zu diesem Meisterwerke zu der Zeit entworfen haben, als er auf dem Punkte stand, sich das Leben zu nehmen; und in der That erblickt man darin bereits den Anfang von Verrücktheit, und kann sich gewissermaßen die Verzweiflung des Künstlers erklären, der eine so unverzeihliche Beleidigung des Genius der Kunst an sich selbst rächen wollte. Und dieses Gebäude wurde noch dazu unter dem Pontifikate eines der aufgeklärtesten Päpste, mitten unter die bewundernswürdigsten Monumente Roms hineingebaut.

Ich kann den spanischen Platz nicht verlassen, ohne noch einen Blick auf dieses sonderbare Panorama zu werfen. Hier zuest die Scala oder Scaliera. Die Verhältnisse sind gigantisch, und doch fehlt dem Werke Majestät; es ist kolossal, aber nicht grandios. Vor der Scala ist die Fontana della Barca, ein anderes bizarres Werk, das Berninis Geschmack keine Ehre macht. Mußte dieser große Meister nicht vor dem Gedanken zurücktreten, auf einen unbelegten, passiven Gegenstand, auf eine Barke die Rolle jener Tritonen oder Najaden zu übertragen, die wir gewöhnt sind, das Wasser auswerfen zu sehen, welches ihnen die alte Mythologie als Domäne zugewiesen hat. Um diese Fontäne, welche einen wichtigen Centralpunkt Roms bildet, ist der allgemeine Sammelplatz des Müßiggangs, der Wollust, der Thorheit, des Reichthums, und jeder Art von Industrie. Hier treiben sich die Vetturini herum mit ihren wollenen Jacken, und zanken sich um ihre Passagiere; hier lauern die Lohnbedienten auf die Ankunft der Fremden, und suchen aus den gemahlten Wappen der Equipagen Vermögen und Rang der Ankommenden zu entziffern. Hier drängen sich die Engländer, welche von der Langeweile in die Fremde getrieben werden, um dann zu Hause sagen zu können, sie haben alles gesehen. Hier handeln Bediente von Kardinälen bei irgend einem Restaurateur um ein frugales Mahl. Hier ziehen die deutschen Künstler vorüber, sprechende Abbilder der Figuren eines Jan van Brügge und Lukas van Leyden; endlich Capuziner, Minimisten, Cölestiner, englische Reitknechte, Kammermädchen und Ammen, Harlekine, Polichinelle, Pantalons etc. etc. alles durcheinander, ein buntscheckiges Schauspiel, das diese bewegliche Scene von früh sechs bis Abends eilf Uhr einnimmt, und aus diesem Platze ein Carneval en Miniature bildet, ein lebendiges Gemählde, auf welchem, wie in einem Kaleidoskop menschlicher Gestalten, die Narrheiten von ganz Europa durcheinander gaukeln, an deren Spitze John Bull unbedenklich den ersten Platz in Anspruch nehmen darf. – Ich mischte mich unter diese Haufen, und trank von dem herrlichen Wasser der Fontaine. Welcher Unterschied zwischen unsern unterirdischen Canälen, die aus Holz und Eisen bestehen, welche den besten Theil der heilsamen Bestandtheile des Wassers absorbieren, und dem frischen, klaren Wasserstrahle dieses Brunnens! Macht euch auf nach Rom ihr Wassertrinker, um diese bewundernswürdige aqua virgo zu kosten, die in vollen Strömen aus Berninis Nachen stürzt; fürwahr dieser Quell wäre allein hinreichend den Ruhm der ewigen Stadt zu begründen.

Es war Zeit die Scala zu besuchen. Die ausgesuchteste Gesellschaft Roms, alles was diese Hauptstadt von verschwenderischer Eitelkeit und Gefallsucht einschließt, drängt sich in Masse herbei. Ein eben so zahlreiches Heer von Bettlern folgt dem Reichthume auf dem Fuße nach, um den Zoll seiner Vergnügungen gleich aus erster Hand zu erheben. Ein geschickter Zeichner könnte hier bald seine Portefeuille füllen, mit den verschiedensten pittoresken Ansichten des Elends, studirten Unglücks und pathetischer Stellungen, mit denen die Scala beständig erfüllt ist. Zu jeder Stunde des Tags wird man von diesen Rittern mit dem Bettelstabe umstürmt, die weder Bitten, noch vornehme Titel, noch ihre oremus sparen. Trotz alldem aber nehmen sie ihr Allmosen nicht als eine Wohlthat, sondern als ein Recht, in Anspruch. An ihrer Dreistigkeit, ihrer Zudringlichkeit, sieht man, daß man hier eine förmlich organisirte, tief eingewurzelte Kaste vor sich hat, eine wahre Staatsinstitution, welche durch die römischen Sitten, durch den Einfluß der Ereignisse und durch Verjährung Gesetzeskraft erhielt. Oft treiben diese Herren zwei Gewerbe zumal: sie sind Bettler von Profession, und dienen zugleich als Modelle in den Ateliers der Mahler. Müßig, ohne Diebe zu seyn, stolz in ihren Lumpen und anmaßend in ihrem Schmutz, haben sie alle Laster der Faulheit, aber nicht jene gewandte, thätige und gefährliche Gaunerei, deren Typus der spanische Lazarillo bildet. Das stolze Gesicht, der kraftvolle Körper, die edle Haltung, der befehlende Blick bezeichnen den römischen Bettler als den Nachkommen jener alten Quiriten, seiner Väter. Ihn zu verachten ist unmöglich; man duldet ihn nicht blos, sondern man behandelt ihn mit der seiner Unabhängigkeit und seinem Selbstgefühle schuldigen Rücksicht.

[87] Der große Barbone. Die römische Mittelklasse.

Der Chef des ehrenwerthen Bettlerkorps ist gegenwärtig der berüchtigte Barbone. Wie viele Künstler verdanken ihm ihre Erfolge in den Kunstausstellungssälen. Er allein vereinigt in sich St. Peter, St. Paul, St. Jakob, Belisar, Polyktet, Satan, Charon, Pluton, den heiligen Dominikus, Julius Cäsar, Pelopidas und Epaminondas; er repräsentirt die ganze Weltgeschichte in ihren imposantesten Momenten. Als er, mitten auf der Scala, mich anredete, um la buona mancia von mir zu fordern, glaubte ich in seiner Person ein Resumé der Annalen der Welt zu begrüßen. Sein Ruf ist groß und mit Recht; er ist vielleicht der einzige Held, der, in der Nähe betrachtet, nicht verliert. Ein Römerkopf voll edlen, energischen Ausdrucks, mit einem Wald von Haaren, schwarz wie die Schwingen des Raben und in schweren Locken auf die Schultern füllend, leuchtende Augen, in denen die kraftvolle Ruhe brennender Leidenschaft liegt, eine hohe Gestalt mit der Haltung eines Brutus oder Coriolan – so steht der große Barbone vor euch. Seine Physiognomie ist wild, aber die Art wie er auf jemand zutritt voll feinen Anstandes und seine Sprache kurz und würdig. Vergebens würde man jenseits der Alpen einen Mann suchen, der ihm an die Seite gestellt werden könnte. Er bettelt, liegt in der Sonne, und wenn der Hunger ihn drückt, geht er in das Atelier eines Künstlers, um für einen großen Thaler des Tags Modell zu stehen; dann legt er sich wieder in die Sonne, verzehrt seinen Gewinn, beginnt auf neue zu betteln, und kehrt nicht eher zu den Malern zurück, als bis er wieder an allem Mangel leidet. Den Tag, nachdem wir unsere Bekanntschaft gemacht hatten, ging ich wieder an ihm vorüber; er schlummerte, in einen großen, rothen Mantel gehüllt, der ihm zugleich als Bett und als Kleid diente, und den ihm ohne Zweifel irgend ein Künstler als Erbschaft vermacht hatte. Er erwachte, ergriff meine Hand, weniger, wie es schien, um mich um ein Almosen zu bitten, als um mich an eine Schuld zu erinnern. Ich erkannte sie an: wir sahen uns alle Tage, und wurden die besten Freunde. –

Die Sonne gieng hinunter, und ich kehrte in meinen Gasthof zurück, um mich sorgfältiger anzukleiden, [88] und für meinen ersten Eintritt in die römische Gesellschaft vorzubereiten. Alle Taschen voll mit Empfehlungsschreiben, hüllte ich mich in den Ferrajola (Mantel). Einige Zeit war ich unschlüssig, welchen Weg ich einschlagen, welchen Zirkel ich zuerst besuchen sollte. Endlich beschloß ich, bei Signora D… mich vorzustellen, einer berühmten gelehrten Frau, in deren Hause die ausgezeichnetsten Alterthumskenner Roms sich vereinigten. So wie man beim Messen einer Pyramide an ihrer Basis den Anfang macht, wollte ich auch bei meinen Beobachtungen die aufsteigende Richtung einschlagen, d. h mir zuerst das gemeine Volk betrachten, dann den Bürgerstand, und mit dem Adel endigen. Signora D. gehörte zum mezzo ceto, zu jenem Mittelstande, den Goldoni mit so frischen heitern Farben schildert. Da ich seit meiner Ankunft bereits Gelegenheit gehabt, über die untern Volksklassen einige Conjekturen zu machen, so wollte ich nun eine Stufe höher steigen. Zu diesem Entschlusse bestimmt mich, außer meiner Vorliebe für einen systematischen Gang, besonders mein alter Freund Goldoni. Selbst aus den Reihen des italienischen Bürgerstandes hervorgegangen, gefiel er sich, dessen Sitten mit einer gutmüthigen Laune, mit einer Leichtigkeit und Anmuth zu zeichnen, die mich längst entzückt hatte. Dieser Schriftsteller ist zuweilen breit, und seine Feinde haben nicht ganz Unrecht, wenn sie ihm eine gewissen Advokatenmanier, eine Sprache, die an die Gerichtsverhandlungen erinnert, vorwerfen: aber seine Porträts sind voll treffender Wahrheit, seine Charaktere leben; seiner Gegner übertriebene Carricaturen blitzen zuweilen von phantastischer Satire, aber die Natur fehlt ihnen.[3]

Mein Entschluß, die Mittelklasse des Volks mit besonderer Aufmerksamkeit zu beobachten, hatte mich nicht irre geführt. In diesem mezzo ceto vornämlich ist es, wo sich das italienische Leben in seinem wahren Lichte, in seinem bestimmten Charakter, in seinen hervortretenden Zügen zeigt. In den höhern Klassen ist alles vag, verwischt. Eine stumpfe Apathie verbreitet sich gleich Wolken über die Höhen der Gesellschaft, und macht die Umrisse unsicher, nebelhaft. Zwar besitzen hier die höhern Stände keineswegs jenen aristokratischen Uebermuth, daß sie sich von den übrigen ganz absonderten oder sich vermöge ihrer Geburt für viel vorzüglicher hielten. Sie brüsten sich nicht, wie in England, mit der ausgesuchten Feinheit oder der Affektirten Eigenheit ihres Benehmens. Genealogischen Ansprüchen und Eitelkeiten fremd, kennen sie weder die Macht und den Mißbrauch des Privilegiums, noch die Tyrannei der Mode, die zwei lächerlichstens Abgeschmacktheiten, welche zwei andere große Völker Europa’s beherrschen. Gewiß könnten die Nachkommen Porsenna’s und Cäsar’s einiges Recht haben, auf das Blut, das in ihren Adern fließt, stolz zu seyn; aber die Zeit, die Sitten, die Künste und Wollüste haben bei ihnen jedes andere Gefühl als das eines friedlichen indolenten Epicuräismus erstickt. Ein Anstrich von kirchlicher Frömmigkeit und ein Patriotismus in Worten hat sich hinzugesellt, um die sonderbare Anomalie zu vollenden, welche man die römische vornehme Welt nennt.

[100] Signora D. war Wittwe eines Generals, und hatte in großem Ansehen gestanden, so lange militärischer Ruhm im Lande noch einiges Gewicht verlieh. Aber diese Zeit war vorüber; „die Waffen wichen der Toga,“ und so flößte die Wittwe eines Kriegers kein Interesse mehr ein. Da sie indessen gut erzogen, und sehr gebildet war, so machte sie ihr Haus zum Mittelpunkte der Studien, denen sich die Alterthumsforscher Roms widmen, und wurde ihnen das, was Signora Tamburini den Hellenisten von Florenz ist. Bald sammelten sich alle gelehrten Advokaten und Mediziner um sie, die, ein untrügliches Orakel, die Schiedsrichterin in den sublimsten archäologischen Disputen wurde. Der Ruhm ihrer Jugend ward, als sie älter wurde, zur Mode. La Casa D., das älterliche Haus ihres verstorbenen Gatten, lag in der Nähe des Pantheons; aber wie sollte sie in einem Volksquartiere wohnen können? In Rom, wo der Adel keine Ansprüche macht, hat dagegen der Mittelstand die Sucht, sich unter den Adel zu mischen. Alle Klassen suchen einander gleichsam einzuholen; jede strebt darnach, sich auf eine, wo möglich einige Linien höhere Stufe zu stellen, als die ist, wozu sie gehört. Manche Hochadeliche überlassen, von Finanznöthen gedrückt, ihre prachtvollen Wohnungen bürgerlichen Miethsleuten, und diese ziehen ein Logis in einem Palais, und wäre es auch im vierten Stock, einem bequemen Hause in einem bürgerlichen Stadttheile vor. Die Mediziner wählen sich ihre Wohnungen in der Nähe der Sapienza, die so weit als möglich von den Hospitälern entfernt ist, welche sie versehen müssen. Die Advokaten verschmähen die antiken Alleen, welche die Curia Innocenziana umgeben, um beim Corso wohnen zu können. Alle Stockwerke dieser alten Gebäude, oft die einzige Resource ihrer adelichen Eigenthümer, sind der bürgerlichen Eitelkeit überantwortet, welche die ihnen anhängende Würde usurpirt. Diese Emigration in Masse des die Paläste in Beschlag nehmenden römischen Bürgerstandes, giebt Rom ein höchst sonderbares Aussehen. Unter prachtvollen Kolonnaden erblickt man einen Kramladen; am Ende eines dunklen Ganges, oder in einem Entresol führt ein enger, schmutziger Eingang zum Herrn des Hauses, der dort in der traurigsten Zurückgezogenheit lebt. Im ersten Stock ein reicher Bürger, der den Herrn spielt; im zweiten ein Künstler; im dritten un avocato; im vierten ein Gelehrter, lauter Signori illustrissimi, alle unbekannt dem Eigenthümer, den auch sie nur dem Namen nach kennen. So werden die bürgerlichen Geschlechter in den Palästen der Principi geboren, so leben und sterben sie darin, und das sic vos non nobis wäre die passendste Inschrift dieser hohen Gebäude.

So fällt in diesem Rom, dem Vaterlande der Ruinen, der Adel selbst in Trümmer, und die Eitelkeit des Bürgers, die feierliche Würde des Patriziers nachahmend, leiht dem Gesammtanblick dieser im Verfall befindlichen Gesellschaft einen, für den Beobachter nicht unergetzlichen Anstrich ernsthafter Carricatur. So hatte denn auch Signora D., mit dem Strome schwimmend, ihre einsame, stille Wohnung gegen drei oder vier Piecen in der Nähe des Corso vertauscht, ungeachtet die lärmende Menge, die sich in diesem Stadttheile beständig durch einander drängt, ihnen gelehrten Beschäftigungen wenig günstig war. Sie hatte hierin dem Wunsch ihrer, gleich ihr gelehrten, aber mehr vergnügungssüchtigen Töchter nachgegeben, und ihre kleine Akademie in das Quartier à la Mode verlegt.

[123] Das Cafe Novo. Die barmherzigen Brüder.

Ich schlage den Weg nach dem Corso ein. Der in dem reinen Aether leuchtende Mond fällt mit hellem Lichte auf die Säulen vor mir. Dieß ist die Stunde der öffentlichen Vergnügungen. Die Cafes sind geöffnet, und füllen sich mit einer müßigen, glänzenden Masse, aber nicht etwa um Nachrichten aus fremden Ländern zu erfahren, oder über Politik zu schwatzen, sondern um Mezzo und Granata zu trinken, ein Glas Eis zu schlürfen, zu hören, welcher Kardinal gestorben ist, welcher Gottesdienst morgen seyn wird, welcher Bildhauer mit der Ausführung einer neuen Statue beauftragt ist – eine leichte, unzusammenhängende Conversation, oft geistreich, aber stets schüchtern und höchst ungefährlich.

Die in jeder Bude stehende Madonna von Silber oder Kupfer, die eleganten Draperien, die Armleuchter der Cafes, die Altäre an manchen Strassenecken, die beleuchteten Heiligenbilder in ihren Nischen – alles athmet eine Art religiös-wollüstigen Luxus, alles nimmt einen festlichen Anstrich an. Das Cafe Novo liegt vor mir. Von der Menge vorwärts geschoben trete ich ein. Es ist das schönste Cafe von Rom. Der Charakter der modernen Sitten spricht sich aus in dieser eitlen Pracht, diesem zwecklosen Luxus, diesen weiten, verschwenderisch verzierten Sälen, wo nichts für die Bequemlichkeit gethan und alles der Augenlust zum Opfer gebracht ist. Im Erdgeschosse des Palastes Ruspoli ist dieses Cafe eingerichtet. Eine ungeheure Treppe, an Größe mit der des Palastes Braschi wetteifernd, führt zu Vorzimmern, Billards, Salons, Cabinetten, Speisesälen, Empfangssälen – eine lange Reihe von Zimmern, oder vielmehr eine wahre Straße, die man durchlaufen muß, bis man endlich in ein Gemach von gigantischen Verhältnissen kommt, das eben sowohl einer Kirche als einem Cafe gleicht. Alle Leute comme il faut finden sich einmal des Tags hier ein. Der Saal öffnet sich in einen Garten, und dieser wieder in eine Straße. Zum höchsten guten Tone gehört es, diesen Garten zu besuchen. Die bunten Gruppen unter den von zahlreichen Lampen beleuchteten Orangebäumen, der auf- und abwogende Strom von Kommenden und Gehenden leihen dieser Scene einen eben so anziehenden als eigenthümlichen Ausdruck. Zahlreiche Equipagen halten den Eingang belagert, und die Garçons des Cafe eilen herbei, um die Exzellenzen und Signori der hohen Noblesse zu bedienen. Um jede Carosse sammeln sich unterthänige Freunde, Bittsteller, und alle welche dem Glück ihre Huldigungen darbringen. Der Noble-Garde, der neu ernannte Prälat, der russische Seigneur und der englische Lord, jeder bemüht sich zu zeigen, wie er den andern an Menschfreundlichkeit und wohlthätiger Gesinnung übertreffe. Mehr als Eine alta dama antwortet mit der Nachläßigkeit des guten Tons auf die ihr dargebrachten Huldigungen, und beklagt sich mit Würde über schwankende Gesundheit, über schlechte Witterung oder ähnliches großes Unglück. – Täglich einmal im Cafe Novo zu erscheinen ist unerläßliche Pflicht. Fehlt man hier, so streicht man sich selbst aus der Liste der Lebendigen, oder wenigstens derjenigen, die allein würdig sind zu leben.

Ich setze meinen Weg weiter fort, und stoße auf mehrere jener sogenannten barmherzigen Brüderschaften, deren Ordenspflicht es ist, die Todten zu ihrer letzten Ruhestätte zu begleiten. Die Mitglieder dieser Brüderschaften sind meistens Adeliche, welche aus Frömmigkeit jene traurige Pflicht erfüllen. Diese Dienste werden nicht nur freiwillig und unentgeldlich geleistet, sondern auch fast immer in aufrichtigem, würdigem Sinne. Diese Brüderschaften sind arm, aber mildthätig. Trotz dem, daß ich Engländer und Protestant bin, konnte ich mich doch der reinsten Hochachtung nicht erwehren. Ich stellte in Gedanken Vergleichungen an mit unsern Armentaxen und Armensubscriptionen. Diese italienischen Verbindungen, deren Zweck menschenfreundlich, und deren Nutzen augenscheinlich ist, die ferner aus freiem Entschlusse und ohne Unterstützung von der Administration das Gute befördern, schienen mir weit mehr Werth zu haben, als jene kostspieligen Sozietäten zur Aufmunterung der Tugend, und manche andere Wohlthätigkeitsanstalten, von denen man in England so viel Aufhebens macht, und die doch bis jetzt so wenig reellen Nutzen gestiftet haben.

[167] Ich nähere mich endlich dem Hotel, das ich suche. Der Mond beleuchtet die Gipfel der Paläste, die diese Straße bilden. Kein Schweizer, kein Portier zeigt sich am Eingange des Hotels, das von einer zahlreichen Hausgenossenschaft aus allen Klassen, und darunter von Signora D. bewohnt ist. Ich trete ein, und steige eine breite Marmortreppe hinauf, auf der ein tiefes Dunkel liegt. Ohne Führer und ohne Licht tappe ich herum; beim Absatze der Treppe des ersten Stocks gewährt mir der Mond, der durch die hohen, scheibenlosen Fensterstöcke blickt, eine augenblickliche sparsame Beleuchtung. Nichts verkündigt die Existenz eines menschlichen Wesens in dieser, dem Schweigen und der Finsterniß geweihten Steinmasse. Indessen setze ich furchtlos meine Entdeckungsreise fort. In den obersten Stock des Gebäudes gelangt, suche ich vergebens nach einer Glocke; ich klopfe, ich rufe, alles lange Zeit vergebens: endlich öffnet sich ein Gatter und ich erblicke, im Schein einer einsamen Lampe, eine alte, eingefallene Sibyllen-Gestalt. Eine weibliche Stimme fragt mich, was ich wolle? Meine fremde Aussprache und der Name der Person, auf deren Empfehlung ich mich berief, unterstützen meine Bitte um Einlaß. Man öffnet mir. Im Vorzimmer saßen eingeschlafene Domestiken um eine Kohlpfanne, in deren Asche nur noch ein paar spärliche Funken glimmten. Auf einem Tische, dessen matte Vergoldung, und die eingelegte Arbeit von Ebenholz sein ehrwürdiges Alter verkündigte, rauchte eine dem Verlöschen nahe Lampe, vor einem großen elfenbeinernen Crucifix. Einige schlechte Gemählde hingen an den gelblichen Mauern. Dieser erste Eindruck würde mich schon in ziemlich üble Laune versetzt haben, wenn ich nicht, als ein vielgewandter Reisender, es mir längst zum Grundsatz gemacht hätte, nie zu rasch zu urtheilen, alles zu beobachten, und mich über nichts zu wundern.

Der Salon entsprach den Erwartungen, die schon das Vorzimmer erregt hatte. Sie glichen einander, wie eine Folio-Ausgabe einer Quart-Ausgabe desselben Werkes gleicht. Dasselbe Dunkel, dieselbe Zerrüttung. Im Hinter-Grunde, auf einem mit blauem, stark verwaschenen Zeuge überzogenen Canapee saß die Göttin des Orts. In der Mitte des Zimmers stand eine eherne Gluthpfanne, mit aufgeschichtetem grünem Holze. Von dem, mit sonderbarer Stuckaturarbeit verzierten Plafond hing eine bronzene Lampe an kupferner Kette herunter.

Auf einem Tische, dem Zwillingsbruder von dem des Vorzimmers, lagen allerlei Marmorfragmente, Medaillen und einige Bücher im Querquart. Eine Eiskälte herrschte im Zimmer. Ein Kreis von Lehnstühlen, denen die Zeit ihre einstige Vergoldung geraubt hatte, umgab die Dame. Auf ihrem Schoose ruhte Farfaletta, ein kleiner, dicker, mit Bändern gezierter Hund, den seine Gebieterin von Zeit zu Zeit liebkoste, den aber nichts aus seinem tiefen Schlaf reißen konnte. Bei dem schwachen Schimmer der Lampe konnte ich kaum die rauchigen Malereien unterscheiden, welche die Wände und den Plafond bedeckten. Erst nachdem ich eine halbe Stunde in diesem Heiligthum mich aufgehalten, und mein Auge an seine düstere Majestät sich gewöhnt hatte, erkannte ich die plumpen Verzierungen des sechzehnten Jahrhunderts, die einst vergoldeten Rosetten, die bizarren Arabesken, die ängstlich ausgemeißelten Sculpturen, kurz die ganze leere Pracht der Zeit Caravaggio’s, vermischt mit den christlich-mythologischen Allegorien der byzantinischen Schule und Borromini’s wunderlichen Compositionen.

Die Mitglieder des ehrbaren Cirkels, in dem ich eingeführt wurde, gehörten nicht blos zu jenem mezzo ceto, von dem ich bereits früher mit Interesse gesprochen habe, sondern zu einer besondern, in großer, allgemeiner Achtung stehenden Klasse, welche in der an Alterthümern so reichen Hauptstadt der Welt das heilige Feuer der Archäologie bewahrt. Die Kunst ist in Rom Alles: sie gilt statt Freiheit, statt Patriotismus, statt Macht und statt Handel. Ihr Einfluß verleiht den mittlern, und in manchen Beziehungen selbst den untern Ständen einen Sinn für Schönheit und Anstand, der den nördlichen Völkern durchaus mangelt. Obgleich weniger beständig, weniger eingenommen für häusliches Leben und Glück, weniger streng hinsichtlich der Pflichten, welche es auflegt, und überhaupt weniger sittlich als die Bürger in den Städten des Nordens, findet man bei den Römern doch nicht jene materielle Selbstsucht, jene plumpe Mittelmäßigkeit, auf die man in London, Edinburg, Berlin etc. so häufig stößt. Hier ist mehr Solidität, einfacher, guter Hausverstand, und auch vielleicht mehr Redlichkeit; dort hingegen mehr Leben, Feuer, Gewandtheit, und stets jene leichtbewegliche Empfänglichkeit für [168] geistigen Genuß. Den gleichen gesellschaftlichen Charakter trifft man unter dem Bürgerstand von Florenz, Mailand, Neapel, aber nur in Rom ist er allgemein herrschend.

Trotz all dem darf man sich indessen nicht vorstellen, daß jene Liebe zur Antike, jener Fanatismus der Kunst heut-zu Tage zu großen oder nützlichen Entdeckungen führe. Die gelehrten Antiquare, die Hohenpriester dieses Cultus, glänzen nur durch eine Detailgelehrsamkeit. Ein umfassender Ideenkreis, die Philosophie der Kunst mangelt ihnen gänzlich. Es gibt nur Einen Visconti, nur Einen Cancellieri, die sich über diese nichtsbedeutenden mikroskopischen Beobachtungen erheben. Die tiefsten Untersuchungen, die leidenschaftlichsten Diskussionen, die mühsamsten Nachtstudien, werden auf ein Stück altrömischen Backsteines, auf einen Säulenschaft, einen Initial-Buchstaben verwendet. Jeder Gelehrte baut seine Theorie auf, wie ein Kind sein Kartenhaus, und freut sich über nichts so sehr, als wenn er das luftige Gebäude seiner Gegner mit Glanz über den Haufen werfen kann. Tausendmal wird der Plan des alten Roms entworfen, verworfen, und wieder entworfen. Gegenstände dieser Art sind es, welche die Aufmerksamkeit der neuen Römer fast ganz ausschließlich in Anspruch nehmen; dieß ist die Bahn, auf der sie sich tummeln, dieß sind ihre Strapazen, dieß ihre Eroberungen. In der tiefen Lethargie, in die sie versunken sind, kann nur eine neuaufgefundene Medaille, das Paradoxon eines Gelehrten ihre Neugierde wecken, ihre Thätigkeit in Bewegung setzen, und ihnen jenes Gefühl ihres bürgerlichen Daseyns geben, das sonst von allem was sie umgibt mehr abgestumpft als belebt wird …

In Frankreich ist eine gelehrte Frau ein Gegenstand des Erstaunens, in England eine Zielscheibe des Spottes. In Rom hingegen tritt eine Frau, ohne ihrem Geschlechte untreu zu werden, oder sich auch nur im mindesten lächerlich zu machen, als Schriftstellerin auf, und hält selbst öffentliche Reden und Vorlesungen. Bekannt sind die Abbrizzi, die Vitoria-Colonna u. a.; ich selbst sah wie die Marquise M., die neue Minerva, die Academia Tiberina präsidirte, und trotz ihrer riesenhaften Gestalt, fast unterlag unter der Last der Lobeserhebungen, mit welchen der Schwarm ihrer Verehrer sie überhäufte. Eine andere edle Dame verdankt ihren Ruhm einer in einem akademischen Cirkel gehaltenen geistreichen Lobrede auf die Polygamie, deren etwas gewagte Beweise jedoch durch ihr Privatleben vor Mißdeutung geschützt waren.

Zu diesen Damen nun, die sich ganz den Wissenschaften geweiht haben, gehört auch illustrissima Signora D. Eine magere Gestalt, hellglänzende Augen, ein etwas schiefer Wuchs, eine durchdringende Physiognomie passen in dem Grade besser zu ihren abstrusen akademischen Studien, als sie weniger an die Reize ihres Geschlechtes erinnern. Aber eine gewisse Art natürlicher Gutmüthigkeit, die hinter den scharfen und geschminkten Zügen durchblickt, mildert die Härte des Ausdrucks. Dabei verleiht der feurige Blick die rasche Bewegung und edle Haltung der ganzen Gestalt einen gar eignen Charakter.

In ihrer Jugend war sie den Intriguen der großen Welt, zu der sie übrigens vermöge ihrer Geburt nie gehörte, nicht fremd geblieben; später war sie in beständigen Streit mit den damals allmächtigen französischen Behörden verwickelt; aber weder Verdrießlichkeiten noch Gefahren konnten ihre Vorurtheile oder ihre Grundsätze brechen, und nun, da sie zu Jahren gekommen war, herrschte sie in Frieden über die gelehrte Coterie, in der ich eingeführt wurde. (Wir übergehen hier die Ceremonie der feierlichen Vorstellung, und die Discussionen, die sich hierauf zwischen einem jungen Schüler des berühmten Fea und einem alten Abbé, einem heftigen Anhänger Nibby’s, erhoben.)

Der Kampf ward lebhafter; die antiquarischen Gladiatoren geriethen in immer leidenschaftlichere Erbitterung, als die Dame des Hauses sich gegen mich wandte und ziemlich laut bemerkte, daß in der alten guten Zeit dergleichen Auftritte nicht vorgefallen seyen; damals habe im Gebiete der Wissenschaft wie in dem es Glaubens Orthodoxie geherrscht, und alles sey besser gegangen. Plötzlich trat ein Waffenstillstand von einigen Minuten ein. Drei oder vier Engländer, gleich mir gerade von den Ufern der Themse kommend, benützten das augenblickliche Stillschweigen, und suchten die Unterhaltung durch geistreiche Bemerkungen über schönes und schlechtes Wetter, und ähnliche allgemein interessante Gegenstände wieder zu beleben, wobei sie die Bildung ihrer Kammerdiener und den bon ton ihrer Postillone in Contribution setzten, und eine Probe jener possierlichen Sprache zum Besten gaben, die unsern Landsleuten auf dem Continent eigen geworden ist, einem Mischmasch von englischen Phrasen in’s Französische parodirt, und von französischen Worten in’s Italienische verketzert. Von diesen Anstrengungen aber bald erschöpft, trat auf’s neue das finstere Stillschweigen der Italiener und die hochmüthige Schüchternheit meiner Landsleute ein. Vergebens suchte Signora die Unterhaltung wieder in Bewegung zu setzen, indem sie vom Coliseum, vom Vatican und von allen Herrlichkeiten Roms anfing; alle Versuche ihrer Artigkeit scheiterten an jener übelangebrachten Zurückgezogenheit. Diese Herren reiseten, um es eben wie die übrige Welt zu machen; nichts konnte ihre trockne Seele in Begeisterung setzen, nichts in ihre nüchterne Unterhaltung einen Funken von Wärme werfen. Bald sahen die Italiener, die den Fremden aus Höflichkeit Platz gemacht hatten, sich in einen Winkel des Salons gedrängt, während die Engländer, plötzlich aufmerksam auf ihre hervortretende Stellung, sich in den entgegengesetzten Winkel zurückzogen. Die Signora, ihre Tochter, die Abbé’s, die Gelehrten – alles setzte sie in Verlegenheit, und insgeheim verwünschten sie gewiß jene ärgerliche Gewohnheit gebildeter Völker, welche jedem Mitgliede einer Gesellschaft die lästige Verpflichtung auflegt, seinerseits einen Beitrag zum Gespräch und zur allgemeinen Unterhaltung zu liefern. Wie sehnten sie sich nach dem Café des Mille Colonnes, wo einem das Vergnügen schon ganz fertig entgegengebracht wird, wo man, ganz nach Gefallen, sprechen oder schweigen, beobachten oder Grillen fangen kann! Die Langeweile wurde nach und nach allgemein. Es fand sich kein Glace à l’italienne, kein Punsch à la française, kein Thee à l’anglaise, um die Melancholie zu vertreiben, und den fremden Gästen den Gebrauch ihrer Sinne wiederzugeben. Jeder ennuyrte sich über sich selbst, und war durch die gut englische Tölpelhaftigkeit sich und den andern zur Last geworden, als die Thüre des Nebenzimmers sich öffnete, und zwei Nichten der Signora D. hereintraten.

[169] Es ward uns angekündigt, daß nun Musik gemacht werden sollte. Die Aelteste der beiden Nichten setzte sich vor das Fortepiano. Es war eine ganz ansehnliche Person, diese Nichte; ihr Amazonen-Costüm, ihre scharfen Züge, die dunkeln Augenbrauen, die breite Stirn, mit braunen unordentlich durcheinanderhängenden Locken geziert, ihre aufgeworfenen, blutrothen Lippen, mit mehr Ausdruck als Anmuth, endlich das brennende Incarnat auf dem bräunlichen Teint, die hohe Gestalt, die männlichen Formen und einige Spuren des etwas vorgeschrittenen Alters – alles nahm die Aufmerksamkeit in Anspruch, ohne sie zu befriedigen. Mit einer Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit ließ sie die Finger auf das Fortepiano fallen, die bei einer schönen Dame der Faubourg St. Germain als der höchste Grad der Affectation erschienen wäre, bei unsrer Römerin aber bloße Kunstlosigkeit war. Kaum waren die ersten Accorde des Pianos ertönt, so fing sie laut an zu lachen. Ein Abbé, der sich auf den Rücken ihres Sessels lehnt, und ihr einige Worte zuflüsterte, hatte diesen Ausbruch ihrer Fröhlichkeit veranlaßt. Man drängt sich um ihn, man will das Geheimniß seiner Unterhaltung kennen lernen, und er wiederholt mit ernsthafter, wichtiger Miene ein fades Compliment. Er hatte sie zu einer Improvisation aufgefordert. Viva! viva! schrien die Italiener; viva! wiederholten mit etwas schwächerem Tone die Engländer in ihrem Winkel. Die Improvisatrice läßt sich ohne viel Mühe überreden. Aber welcher Gegenstand soll gewählt werden? Einer der Antiquare schlägt den Tempel des Pollux vor, ein anderer das Pantheon; die Engländer Alfieri, Dante, Rienzi; aber die klassische Gelehrsamkeit der Damen wies diese großen Namen der neuern Jahrhunderte hartnäckig zurück. Signora D. wünschte, daß die Wahl auf den König Evander fiele, damit etwas über das Etruskische zu sagen wäre. Endlich vereinigte man sich über das Capitol. Der Gegenstand war schön. Ich hoffte, die Improvisatrice werde in poetischer Begeisterung dieses alte Heiligthum des römischen Ruhmes vor uns aufsteigen lassen, und seine unsterblichen Annalen vor unserem Blick entrollen. Wie sehr wurde ich getäuscht! ich hatte nicht gewußt, daß die italienische Improvisation ein kindisches Spiel geworden war, ein bloßes Gedächtnißwerk, die Kunst in pathetischen Phrasen zu sprechen, fern von Geist, Imagination und Poesie. „Mit was soll ich das Capitol vergleichen?“ frage die Improvisatrice. „Mit einem Phönix, mit dem Ozean, mit einem Adler, einem Lorbeerbaum, einem Ey, einer Krone“ antworteten die Antiquare. „Mit einer Taube,“ rief ein anderer. Una colomba! wiederholte entzückt die ganze Versammlung. Tiefe Stille tritt ein. Il Campidoglio è com’ una colomba beginnt Signora, und geht nun in langsamem Rhytmus die verschiedenen Vergleichungspunkte durch, wie die Flügel des Capitols ale aperte e ferme seyen, gleich denen der Taube etc. Die dilettanti, den Kopf bald gegen die rechte, bald gegen die linke Schulter geneigt, waren hingerissen über all diese Herrlichkeiten, die mich im höchsten Grade langweilten. Bei jeder Pause machten sie ihrer Begeisterung Luft: „Einzig! Welches Talent! Göttlich! Welche Stimme!“ Die Engländer waren etwas gemäßigter und unbestimmter in ihrem Beifall, und selbst die Tante begnügte sich blos zu sagen: „Es ist ein gutes Kind, unsere Emilie.“

Indessen hätte man ohne Schmeichelei, wenn auch nicht dem poetischen Talent der guten Emilie, doch ihrer Stimme, ihrem Gesange, große Lobsprüche machen können. Dieser, ich möchte sagen, nationale Vorzug war bei ihr besonders hervortretend. Welcher Italiener wäre so arm oder so verlassen von der Natur, daß nicht sein ganzes Wesen musikalisch wäre? Die Stimme, in der Conversation oft kreischend, wird im Gesange weich, biegsam, feierlich; Gesang scheint das eigenthümliche Idiom dieses Volks, die natürliche Sprache seiner Empfindungen, der volle, belegte Ausdruck von Freude und Leid. In unserem Norden ist der Gesang eine Anstrengung, das seltene künstliche Produkt der Uebung und Geschicklichkeit, eine Blume des Treibhauses. Das schöne Italien aber, auf dessen Haupt so viele Kronen sich zusammendrängten, und das nun von allem Ruhm so vieler Jahrhunderte entkleidet dasteht, hat nur Eines sich gerettet: die Musik, jenes Gefühl der Harmonie, jene, ich möchte sagen, melodische Organisation. Dieß, nebst seinem glücklichen Himmel, und der Erinnerung des Ruhms, ist der einzige Ueberrest von der reichen Erbschaft der Vorzeit.

Mitten unter dem, der Improvisatrice gezollten rauschenden Beifall hatte ich mich etwas zurückgezogen, und sah nun erst mit Befremden, daß die jüngere Schwester Emiliens unbemerkt in einer Ecke des Saals im Finstern saß. Sie hatte den Ausdruck von stiller Trauer, unbestimmter Unruhe, als ob ein schmerzlich süßer Traum ihr ganzes Wesen befangen hielte. Ihre Tante bemerkte meine Aufmerksamkeit auf sie, und sagte: è inamorata la poverina (die arme Kleine ist verliebt.) Sie sagte dieß ohne alle Affektation oder Verlegenheit, in einem ganz einfachen und natürlichen Tone, und trat dann wieder zu ihrem [170] gelehrten Clubb zurück. Das liebliche Mädchen saß in dem dunkelsten Winkel des Zimmers auf einem Sopha. Ihre Stellung hatte den ganzen Reiz schmerzlicher Hingebung, die in den Meisterwerken der Antike so bewundernswürdig ist. Eine Hand hielt das traurig gesenkte Köpfchen, während die andere nachlässig auf den Knien lag. Die zarte Weiblichkeit, die zierliche Gestalt, der sanfte sehnsüchtige Ausdruck stand in lebhaftem Contraste mit den männlichen Zügen und Formen ihrer ältern Schwester. Die schwarzen Haare legten sich wie ein breites dunkles Band um die glänzend weiße Stirn. Ihre halbgeschlossenen Augen schienen die Sehnsucht auszudrücken, dieser beengenden Welt zu entfliehen, und ihre Augenlieder hoben sich langsam, wenn sie sich wider Willen gezwungen sah, augenblicklich Theil an der Unterhaltung zu nehmen. In allen ihren Zügen lag ein so stiller Schmerz, eine Melancholie ohne alle Affektation, daß ich, von unwillkürlicher Achtung und von der tiefsten Theilnahme ergriffen, kaum mit ihr zu sprechen wagte, sondern mich leis und schweigend neben sie setzte. Sie redete mich zuerst an, in sanftem traurigen Tone, aber mit unbeschreiblicher Grazie und schöner Wahl des Ausdrucks. Ganz hingerissen von dem Interesse das sie mir einflößte, antwortete ich, ohne daß ich im Augenblicke mehr wußte, was sie gefragt hatte. Meine Verlegenheit und meine fremde, ungeschickte Aussprache lockte ein leichtes Lächeln auf ihre blassen Lippen. – –

Man erhob sich um Abschied zu nehmen, als sich noch einmal die Töne des Fortepiano hören ließen. Ich benützte diese Gelegenheit, und bat die liebliche inamorata sich an’s Instrument zu setzen. Einer der jungen Gelehrten vereinigte sich mit mir, und bat sie zu singen quella canzone che le andava più al genio, indem er überzeugt sey, daß eine solche Bitte den zärtlichen Seelen, die von Musik, Poesie und Liebe leben, gewiß nie unangenehm seyn könne. Das reitzende Kind erhob sich langsam, warf einen Blick auf seine Tante, als ob es von ihr im Voraus Verzeihung erbitten wollte, und setzte sich dann mit niedergeschlagenen Augen vor das Piano. Dann schlug sie die schönen Augen auf, ließ aber, so wie im Moment allgemeine Stille eingetreten war, ihren Blick wieder auf das Instrument fallen, und begann mit einem leichten Tremolo begleitet von jenem einfachen bekannten Liede: O Roma, O Roma! Non sei più com’ era prima. Vergebens würde man in einer andern Sprache den tiefen ergreifenden Ausdruck, die schwellende Melodie dieses Volksgesanges wiederzugeben suchen. In der Klage über das Unglück Roms schien die Sängerin zugleich ihr eigenes Schicksal zu beweinen, und erhöhte so den rührenden Ausdruck des Liedes durch den Schmerz, von dem sie selbst durchdrungen war. –

Unser Zirkel bestand meist aus Leuten, welche im allgemeinen glauben, daß die Dinge, wie sie einmal sind, nicht leicht anders seyn können, und daß es folglich gut so ist, wie es ist. Welchen Römer aber möchte es geben, dessen Seele nicht von Zeit zu Zeit ein tiefer Schmerz beschliche, wenn er des einstigen Ruhms der ewigen Stadt gedenkt? So lag auch in diesem Augenblick auf allen Gesichtern der Ausdruck bittrer Melancholie, der letzte Zug des italienischen Patriotismus. Der Abbé murmelte einige Worte von Carthago, von den Mauern Ilions, dann aber überwältigte ihn die innere Bewegung des Augenblicks, er schlug die Arme übereinander, heftete den Blick auf den Boden, und schwieg …

Ich kehrte nach Hause zurück. Tiefe Stille lag auf Romulus Stadt; über ihr aber glänzten dieselben Sterne, die einst auf Cäsar und Brutus niederblickten.

  1. Die prachtvollen Salons von Almack in London sind jedes Jahr blos von der hohen englischen Aristokratie gemiethet. Es werden daselbst Bälle und Concerte gegeben, bei welchen alles vereint ist, was die vornehme Welt Schönes und Glänzendes darbietet. Der Bürgerliche, selbst der Adelige vom zweiten Range findet hier keinen Zutritt.
  2. Der englische Reisende hätte hier doch wohl auch einige Verbesserungen in der Gesundheits-Polizei und andere nützliche Anstalten anführen können, welche das neuere Rom dem Cardinal Consalvi verdankt.
  3. Gozzi vor allen, der in Deutschland doch wohl überschätzt worden seyn möchte, wenn auch sein eigenthümlicher Humor mehr Anerkennung verdient, als ihm im Allgemeinen in seinem Vaterlande geworden ist.