Erinnerungen aus dem Schleswig-Holsteinischen Kriege/Nr. 2. Der Lurbaß

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Autor: A. Baudissin
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Titel: Erinnerungen aus dem Schleswig-Holsteinischen Kriege/Nr. 2. Der Lurbaß
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 568–571
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[568]
Erinnerungen aus dem Schleswig-Holsteinschen Kriege.
Von Graf A. Baudissin.
Nr. 2.
Der Lurbaß.

Ich lag mit einer Compagnie des dritten Jägercorps auf Friedrichshof, wo der Commandeur der Avantgarde, General von Gerhardt, sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Der General war ein liebenswürdiger Vorgesetzter; er suchte die Gesellschaft der jungen Officiere, brachte ganze Abende plaudernd und erzählend unter ihnen zu, und erfreute sich deswegen einer großen Popularität. Zu seinen vielen Eigenthümlichkeiten gehörte auch die, daß er Morgens nach dem Frühstück den Dohnenstieg besuchte, um die Krammetsvögel auszunehmen, welche sich über Nacht gefangen hatten. Ich stand bei dem General gut angeschrieben, und als ich mich daher eines Morgens mit der ersten Compagnie des dritten Jägercorps zum Dienste meldete, sagte er: „Lassen Sie es gut sein – ich will gerade Vögel ausnehmen. Sie können mitgehen – der Lorenz hat einen Korb, bitten Sie den Lorenz, Ihnen denselben zu geben. Nach der nebligen Nacht müssen viele Vögel in den Dohnen hängen.“

Lorenz gab begreiflich den Korb her, und ich wanderte mit dem Commandeur der Avantgarde nach dem Tannenholze, um Weindrosseln auszunehmen. „Da hängt einer!“ rief der General, der jeden Platz kannte, wo eine Dohne hing. „Da ist wieder einer – zwei! Sehen Sie nicht? da hängen zwei in einer Schlinge.“ Der alte Herr war ganz entzückt über den reichen Fang. Fast in jeder Dohne hing ein Vogel, so daß unser Korb halbvoll war, als wir die erste Hälfte des Dohnenstiegs ausgenommen hatten.

„Warten Sie nur, bis wir auf den Hügel kommen,“ sagte der General; „ich wette Ihnen eine Flasche Champagner, daß wir in jeder Schlinge einen Vogel treffen. Hier unten in der Ebene habe ich nie viele gesehen, aber oben hängt es brechend voll.“

Wir erreichten die Höhe und betraten den Dohnenstieg. Die ersten Dohnen waren leer – leer – Alles leer – wo eine Dohne hing, war die Schlinge in Unordnung, die Beere abgerissen – die Vögel waren ausgenommen. Kaum hatte ich die schwarze Ahnung ausgesprochen, als der General zwischen den jungen Tannen eine Uniform zu entdecken glaubte. „Kommen Sie doch ’mal her, mein Geliebter,“ rief er wuthschnaubend. Ein Jäger meiner Compagnie kam etwas verlegen aus dem Dickicht und stellte sich vor dem General in Positur.

„Was machen Sie hier?“ fragte der General.

Der Jäger sah mich bittend an, ich nickte ihm verstohlen zu, und da er sah, daß ich ihm mit einem blauen Auge durchhelfen würde, gestand er seine Schandthat.

„Wie viele Vögel haben Sie ausgenommen?“

„Ich weiß nicht, Herr General!“

„Sie wissen nicht? Können Sie zählen?“

„Zu Befehl, Herr General!“

„Dann zählen Sie mir sie vor!“

„Die Vögel liegen da in meinem Tornister,“ stotterte der Jäger.

„Holen Sie ihn her! – Der Kerl soll die Angst kriegen. Mir die Vögel ausnehmen und in den Tornister packen! Himmelsacrament und kein Ende!“

[569] Der Jäger brachte den Tornister, öffnete ihn vorsichtig – er war voll von Krammetsvogeln.

„Zählen – ein bei ein,“ befahl der General.

„Een, twee, dree, veer, fif –“

„Hockdeutsch zählen! bleiben Sie mir mit Ihren „Fifen“ weg! Hochdeutsch!“

„Ich kann nicht, Herr General!“

„Sie sprechen doch Hochdeutsch, da werden Sie doch auch zählen können.“

„Nein, Herr General.“

„Nun, denn man immer zu mit Ihren Fifen!“

„Söß, söben, ocht, negen, tein –“ hier blickte der Jäger mich ängstlich an; ich gab ihm aber durch alle möglichen Zeichen zu verstehen, daß er sich nicht fürchten solle; und er hub wieder an zu zählen und hörte nicht eher auf, bis er „Söben und dörtig“, siebenunddreißig Krammetsvögel ausgepackt hatte.

„Was glauben Sie, wird jetzt geschehen?“ fragte der General; „ich möchte blos wissen, ob Sie eine Idee von dem haben, was heute mit Ihnen passirt? Nun, was denken Sie wohl?“

„Ich weiß nicht,“ sagte der Jäger.

„Ein Jahr Festungsarrest ist das Allerwenigste, vielleicht fünf Jahre Zuchthaus! Ich will Ihnen was sagen, Jäger, – wie heißen Sie?“

„Matthias Johannsen, Herr General.“

„Also, Jäger Johannsen, Sie sind ein Lurbaß, ein ganz niederträchtiger Lurbaß! Jetzt nehmen Sie die Krammetsvögel und bringen sie dem Lorenz, und dann melden Sie sich beim Wachtcommandanten in Arrest. Ich will Euch lehren, meinen Dohnenstieg respectiren! Also, daß Sie es wissen, Sie sind ein Lurbaß!

Wissen Sie, was Sie sind?“

„Ein Lurbaß, Herr General.“

„Ja, und ein ganz gehöriger Lurbaß sind Sie! Jetzt marsch fort! Sie Millionen-Lurbaß! Das einzige Vergnügen, das man hat, wird Einem von den eigenen Leuten gestört; ich thue den Leuten zu Liebe, was ich kann, und zum Dank dafür nimmt mir der Lurbaß meine Vögel aus. Ist der Kerl von Ihrer Compagnie?“

„Zu Befehl, Herr General.“

„Scheint eine saubere Compagnie zu sein! Gefällt mir nicht! Müssen Ihre Leute besser anhalten! Taugt der Kerl etwas? dient er schon lange?“

„Er ist ein braver Soldat, Herr General – und trotzdem steht er in der zweiten Classe und hat die schleswig-holsteinsche Cocarde ablegen müssen.“

„Ein braver Soldat, und Krammetsvögel steh– ausnehmen!

Ein braver Soldat und doch keine Cocarde? Wie reimt sich das zusammen?“

„Wenn Sie es erlauben, werde ich Ihnen erzählen, durch welchen Umstand er die Cocarde einbüßte. Der Mann jammert mich, und ich möchte ein gutes Wort für ihn einlegen, damit Sie ihm verzeihen, Herr General.“

„Ihr Schleswig-Holsteiner haltet zusammen wie Pech!“ knurrte der General. „Schießen Sie los und erzählen Sie mir, was diesen Tugendhelden in die zweite Classe gebracht hat.“

„Er war mit vielen anderen Soldaten auf einem Tanzboden. Ein Unterofficier, der des Guten zu viel gethan, zog gegen einen Soldaten den Säbel. Die Anderen fielen über ihn her, nahmen ihm den Säbel ab und brachten ihn aus dem Saal. Am folgenden Tage zeigte der Unterofficier Matthias Johannsen als denjenigen an, der sich gegen seinen Vorgesetzten thätlich vergangen habe – und das Kriegsgericht verurtheilte ihn zu einmonatlichem Arrest und Verlust der Cocarde. Seit dieser Zeit ist der Jäger Johannsen tiefsinnig und begeht bisweilen Thorheiten wie die heutige, gleichsam, als wolle er sich absichtlich ins Unglück stürzen.“

Der General kaute am Schnurrbart. „Also sonst ein braver Kerl?“ fragte er, mich scharf anblickend.

„Ein sehr braver Mann.“

„Soll die Cocarde wieder haben!“

„Und wegen der Vögel, die er ausgehoben?“

„Der verdammte Lurbaß! Siebenunddreißig Vögel hat er ausgenommen und nicht einmal die Dohnen wieder gerichtet. Bestraft muß er werden, geben Sie ihm zwölf Stunden Arrest – und, damit er die Vögel nickt umsonst ausgenommen hat, soll er mir sie rupfen, alle Siebenunddreißig. Sagen Sie aber Ihren Leuten, daß ich mir ausbitte – Wer Teufel kommt da an? Ist das nicht der Pape?“

„Ja wohl, Herr General, es ist der Lieutenant Pape, und wie mir scheint, hat er Eile!“

Pape sprengte im Galopp heran, sprang vom Pferde und übergab dem General einen Befehl des Generalkommandos.

Während der alte Herr las, flüsterte er mir zu: „Morgen früh um vier Uhr marschiren wir nach Missunde. Diesmal setzt es etwas. Fünfzehntausend Mann und acht Batterien haben Marschordre.“

Der General winkte dem Adjutanten und gab mir durch ein freundliches Kopfnicken zu verstehen, daß ich gehen könne. Ich begab mich zu meinen Leuten und erzählte ihnen, was ich eben vernommen hatte. Den Lurbaß nahm ich extra vor und sagte ihm, daß er morgen seine Cocarde wieder haben solle; er möge nur vermeiden, dem General zu begegnen, und die unglücklichen Drosseln rupfen.

Die Jäger nahmen die Nachricht, daß es morgen zum Gefechte kommen würde, mit der Ruhe und Besonnenheit auf, welche den Deutschen, besonders den Norddeutschen, so eigenthümlich ist. Statt Hurrah zu rufen und sich zu betrinken, packten sie ihre Tornister aus und behielten nur das Nothwendigste zurück. Wer seine Bandage verloren hatte, ersetzte sie durch eine neue; die alten Zündhütchen wurden vorsichtig abgenommen und gegen frische vertauscht. Manche schrieben nach Hause, andere horchten der Terrainschilderung aufmerksam zu, die ein Unterofficier von der Gegend um Missunde entwarf.

Die Dänen hatten ein Lager aufgeschlagen bei Kochendorf, einem Kirchdorfe zwischen Eckernförde und der Schlei. Das Lager war, wie wir durch Spione wußten, durch einen Laufgraben gedeckt und durch mehrere Batterien verstärkt. Die Zahl der Feinde wurde auf 6–8000 angegeben. Die Rückzugslinie der Dänen ging über das Dorf Cosel nach Missunde, wo ein starker Brückenkopf die an dieser Stelle sehr schmale Meeresbucht, welche unter dem Namen Schlei bekannt ist, vollständig beherrschte. Zudem hatten die Dänen vor Eckernförde Kriegsschiffe liegen, und das nördliche Ufer der Schlei, Missunde gegenüber, mit Batterien bespickt. Die Knicke und Wälle waren rings umher niedergerissen, die Distancen sorgfältig gemessen, sodaß die dänische Artillerie ein schrecklickes Feuer auf die Angreifenden richten konnte. Um aber der deutschen Artillerie das Auffahren zu erschweren, waren die Wege durchstochen und unpassirbar gemacht.

Die Jäger hörten diesen Mittheilungen mit gespannter Aufmerksamkeit zu und bemerkten sehr richtig, daß es nothwendig sein werde, nicht viel Federlesens zu machen, sondern mit dem Bajonnet darauf loszugehen.

Früh am 12. September 185(1 marschirten wir von Friedrichshof ab. Es war ein herrlicher Herbstmorgen; unsere Straße führte uns durch prangende Wälder und reiche Dörfer und Felder – das schöne deutsche Land war wohl eines Kampfes werth. Die Bewohner der Dörfer kamen uns mit Erfrischungen aller Arten entgegen; manche Mutter erkannte ihren Sohn und drückte ihm weinend einen Kuß aus das bärtige Gesicht. Das zweite Jägercorps hatte die Spitze; es traf schon vor Kochendorf auf den Feind, warf ihn aber überall mit dem Bajonnet zurück. Als wir uns Kochendorf näherten, rückten das erste Bataillon und das dritte Jägercorps in die Gefechtslinie. Es war ein Wetteifer unter den Bataillonen, welches zuerst an den Feind kommen sollte. Das zweite Jägercorps, geführt von dem tapferen Hauptmann von Ganzer, ließ uns lange nicht in’s Gefecht kommen. Der kleine Hauptmann schwenkte seinen Säbel und stürzte sich, von dem herrlichen Corps gefolgt, auf die Dänen. Eine Position nach der anderen, ein Haus, ein Zaun, eine Waldlistère nach der anderen wurde mit dem Bajonnet genommen, und wenn der begeisterte Führer nach der Erstürmung einer Position „Schlagt an! Feuer!“ rief – beantworteten unsere Leute sein Commando mit einem lauten Hurrah. – Wir hatten noch keinen Schuß gethan und glaubten schon, daß das zweite Jägercorps die ganze Arbeit allein thun würde; aber es kam anders.

Vor uns stand das Lager der Dänen – eine vollständige Stadt aus Stroh und Latten gebaut; aus den Laufgräben blitzten die Bajonnete, die Kanonen drohten Tod und Verderben. Hauptmann von Ganzer drängte die Dänen nördlich nach der Schlei zu, wir – d. h. das erste Bataillon und dritte Jägercorps – griffen mit Sturm das Lager an. Kaum waren wir aus freiem Terrain, als die Kanonen uns begrüßten. Zweiunddreißig Geschütze beschossen uns mit Voll- und Hohlkugeln – noch höre ich den klatschenden [570] Schlag in meinen Ohren, mit welchem eine Vollkugel in das erste Bataillon einschlug und zehn oder zwölf Mann niederriß. – „Schließt Euch!“ rief der Major von Behrens – unstreitig einer der tüchtigsten Officiere unserer Armee – „Vorwärts, erstes Bataillon!“

„Schwärmen!“ rief mein Commandeur, der heldenmüthige Major von Eickstedt. – „Schnell avanciren!“ Im Nu rissen die Jäger die Büchsen von der Schulter und flogen über das Feld.

Ein schreckliches Feuer empfing uns, und laß Dir sagen, lieber Leser, Alles ist zu ertragen in der Schlacht, nur nicht ein wohlgezieltes Kanonenfeuer, das mit furchtbarer Consequenz eine Vollkugel nach der andern daherschickt. Mir ist es in solchen Stunden, wenn ich den weißen Rauch aufsteigen sah. immer gewesen, als ob die Kugel mir direct in’s Gesicht fliegen müsse. Die Dinger sausen Einem um die Ohren und wühlen die Erde neben Einem auf!

- - Brrr! – Wir lagen auf der Erde, krochen vorsichtig weiter, schossen und luden im Liegen, und krochen wieder vorwärts.

Kartätschen sausten daher – Granaten platzten über und neben uns – wir krochen näher. Die Dänen im Laufgraben feuerten ihre Donnerbüchsen ab, die mit zwei Rehposten mit einer Bleiplatte geladen waren – die Jäger lachten über „Hannemann“ und rückten immer näher.

„Avanciren! drittes Jägercorps, avanciren!“ blies der Hornist. – Rasch sprangen wir auf – Hurrah! – d’rauf und d'ran durch Rauch und Feuer, Kanonen- und Flintenkugeln! – Wir hatten den Laufgraben. Die Artillerie hatte ihre Stellung aufgegeben. In sausender Carriere fuhr sie ab; eine neue Position wurde gewählt, neues Verderben spieen die Kanonen. Ich sah mich um; es schien mir, als ob die Erde bebte; – da kam die vierte Sechspfünder-Batterie. Die Kanoniere schwenkten die Helme, Trompeten bliesen, Rosse schnoben – „Ha! welche Lust, Soldat zu sein!“ sangen die Leute – die Kanonen flogen daher – eine Bombe reißt zehn Pferde und sechs Mann in Stücke – im Umsehen sind die Pferde abgespannt, vorwärts fliegt die Batterie.– „Abprotzen! Batterie, Feuer!“ ertönt der Ruf des Officiers – Acht Kanonen donnern dem Feind entgegen. – Wieder eine Salve! – In der nächsten dänischen Batterie fliegt ein Pulverkarren in die Luft.– „Avanciren, erstes Bataillon! Avanciren, drittes Jägercorps!“ rufen die Hörner. Die Musikcorps spielen auf, und „Schleswig- Holstein meerumschlungen“ singen die stürmenden Krieger. Eine zweite Batterie fährt hinter uns auf, eine dritte, vierte, fünfte, sechste. Wie rasend stürzen die Pferde vorwärts, lustig schmettern die Trompeten. „Feuer! Batterie-Feuer!.“ blasen die Signale. Weißer Rauch steigt aus aus hundert Geschützen, die Erde dröhnt unter dem Donner der Schlacht. Die Dänen retiriren, ihre Batterien fahren ab über die Brücke bei Missunde, Ordonnanzen fliegen längs der Chaussee nach Schleswig. Plötzlich hören wir Gewehrfeuer in der linken Flanke. Es ist Ganzer, er treibt die fliehenden Dänen vor sich her. Einen Augenblick machen sie Halt – „d’rauf und d’ran!“ ruft der unermüdliche Verfolger – er wirft sie in die Schlei.

Wir hatten die Dänen bis an den Brückenkopf getrieben und richteten ein verheerenden Spitzkugelfeuer auf die Artillerie. Namentlich eine dänische Batterie war unsern Schützen fast ganz preisgegeben; wir schossen die Kanoniere nieder, wenn sie mit der Lunte an’s Geschütz traten. Ihr Hauptmann sprach ihnen Muth zu. Er stieg kühn auf einen Wall, kreuzte die Arme, um seinen Leuten Courage zu machen – ein Schuß knallt neben meinem Ohr – der Hauptmann schlägt die Arme auseinander und fällt todt hin. „Endlich!“ sagt eine Stimme neben mir; ich drehe mich um – es ist der Lurbaß. Sein Gesicht ist mit Blut gefärbt, sein linker Arm ist verbunden, der Roßschweif ist vom Käppi abgeschossen – und dennoch lächelt der Jäger zufrieden und sagt: „Acht Mal habe ich vorbeigeschossen auf den Hauptmann – aber jetzt hat er sein Theil!.“ – Der Hornist wankt; das Blut strömt aus seiner Seite – er drückt mir die Hand und überreicht mir das Horn. Zwei Mann tragen ihn fort. – „Kann Einer von Euch blasen?“ frage ich. – „Das kann ich,“ sagt der Lurbaß. Er hebt den verwundeten Arm und bläst „avanciren!“

Das erste Bataillon rückt geschlossen heran. Ein entsetzliches Feuer empfängt die braven Burschen. Wie Hagelkörner so dicht schlagen die Kugeln der Dänen in das Bataillon. – „Es ist Euer Tod,“ ruft ihnen ein Officier zu. – „Makt nix, Tambour schlag an!“ rufen die Soldaten, und wie ein Gewitter stürzen wir uns auf den Brückenkopf. Wir mochten fünfzehnhundert Mann sein und sollten eine Schiffbrücke stürmen, die von sechs- bis achttausend Infanteristen und acht Batterien vertheidigt wurde!

Die achtzehnpfündige Batterie des Hauptmanns Christiansen und vier Bataillone kamen nicht in’s Gefecht. Ein furchtbarer Kampf entspann sich am Brückenkopf; die Leute schlugen sich wie Verzweifelte. Wir hofften sicher auf Hülfe von unsern Brüdern - statt dessen hörten wir aber das Signal: „Zurück!“ –Zurück? Fünfzehnhundert Mann im Kampfe mit Sechstausend, im Bajonnetkampfe – und zurück? – Wer erbarmt sich der Verwundeten, die uns flehend zurufen: „Nehmt uns mit!“? –

Wir mußten zurück, das steile Ufer im furchtbaren Feuer ersteigen, den Andrang des Feindes, das Kanonenfeuer der nachsetzenden Batterien aushalten. Als wir die Höhe erreichten, waren unsere Kanonen abgefahren, unsere Bataillone in vollem Rückmarsch. Wir formirten eine Tirailleurkette und Wichen langsam zurück, bis wir Kochendorf erreichten. Da lag der Hauptmann Schmidt neben Hauptmann Domeyer und dreißig bis vierzig Jägern in einer Schenke, Schmitt war in den Leib, Domeyer durch den Hals geschossen. Die Leute waren alle Schwerverwundete. Manche waren schon todt, manche lagen im letzten Todeskampfe. Schmidt’s Rechte ruhte in der Hand seines Flügelmannes, der in den Kopf geschossen war. Als ich eintrat, weinte Schmidt und sagte: „Trauern Sie nicht um mich – um den da thut mir’s leid!“ Wir waren kaum im Stande, unsere verwundeten Cameraden zu retten, so hart drängten die siegreichen Dänen nach, und noch immer ließ Willisen, der in seinen Proclamationen gesagt hatte, daß er den Krieg kenne, keine Position zu unserem Schutze nehmen.

Erst spät am Abend erreichten wir das dänische Lager. Es war künstlich und mit Geschmack gebaut. Die Officiershütten hatten Lehnstühle, aus Stroh geflochten, Blumen waren gepflanzt, Kränze hingen über den Thüren. Ingrimmig über unser nutzloses Kämpfen zündeten wir das Lager an. Es war ein furchtbar schöner Anblick! Kein Lüftchen bewegte sich; Ruhe und Frieden herrschten ringsum; da, plötzlich steigt eine Flamme empor, erst klein und unbedeutend, doch schnell sich weiter fressend zum Ungeheuer heranwachsend. Die Bataillone marschirten langsam und feierlich durch die Säulen von Rauch; die züngelnden Flammen schlugen über ihnen zusammen, Millionen Funken hinaussendend in die dunkle Nacht. Scheu bebten die Rosse zurück vor dem Flammenmeer.

Die blanken Helme der Reiter funkelten im grellen Widerscheine des Lichts, schauerlich ertönten die Lieder der Soldaten inmitten der entsetzlichen Verwüstung.

Der Anblick des brennenden Lagers erzürnte die dänischen Seeleute vor Eckernförde. Mit einer der dänischen Nation würdigen Tapferkeit warfen sie von den Schiffen Bomben in die Mühle von Eckernförde, in das Holzlager des Kaufmanns Lange. Der Verräther hatte seine Tochter dem tapfern Hauptmann Jungmann, welcher bei der Vernichtung der Flotte im April 1849 unsterblichen Ruhm erwarb, zur Gattin gegeben – Grund genug für das dänische Volk, den Vater zu verfolgen. Sie bombardirten die friedliche Stadt, vernichteten die bedeutenden Holzvorräthe und zerstörten die Windmühle. Kein Wunder! Es lag kein deutscher Fürst mit Nassauern und Schleswig-Holsteinern in der Nähe, der ihnen zum zweiten Male eine Probe deutschen Muths und deutscher Kraft hätte geben können. Aber die stolze dänische Flotte mußte ihren Heldenmuth beweisen, die verlorenen Lorbeeren wieder gewinnen – Eckernförde wurde bombardirt von den dänischen Helden! - -

Zwei Tage nach dieser „Recognoscirung“, wie Se. Excellenz den Angriff auf Missunte nannte, bei welchem wir mehrere Hundert Todte und Verwundete und eben so viele Gefangene verloren, befahl der General von Gerhardt mir, die Jäger-Compagnie antreten zu lassen.

„Lassen Sie einen Kreis formiren!“

Die Compagnie schwenkte links und rechts – der Kreis war gebildet.

„Lassen Sie den Jäger Matthias Johannsen vortreten.“

„Matthias Johannsen!“

„Hier!“

„Vortreten!“

Von zwei Cameraden geführt, trat er vor den General. Sein linker Arm hing in der Binde, oberhalb des Knie’s trug er eine Bandage. Ein Streifschuß hatte seine Brust getroffen. [571] Der General reichte ihn, die Hand und sagte: „Sie tragen keine Cocarde?“

Das blasse Gesicht des Soldaten färbte sich purpurn.

„Nehmen Sie meine Cocarde – erweisen Sie mir die Ehre! Ich bin stolz darauf, sie Ihnen geben zu dürfen, stolz, wenn Sie sie nehmen.“

„Achtung! – Schultert das Gewehr! – Präsentirt das Gewehr! – Ihre Cameraden präsentiren vor Ihnen – das ist eine Ehre – denn Ihre Cameraden sind brave Männer – aber Sie sind der bravste!“

Ein Strom von Thränen drang aus den Augen des verwundeten Kriegers – kein Auge blieb thränenleer.

„Achtung! – Schultert das Gewehr!“

„Leute, ich habe Euerem Cameraden Unrecht gethan, habe ihn einen Lurbaß genannt. Er ist kein Lurbaß, sondern stehende Ordonnanz bei dem Commando der Avantgarde und nicht mehr in der zweiten Classe, sondern in der ersten Classe des Soldatenstandes. Nicht wahr, Jäger?“

„Ja, Herr General!“

„Oeffnet den Kreis! – Rechts und Links um! Marsch! Halt!“

Der General faßte Johannsen unterm Arm und zog ihn ins Zimmer, wo ein gedeckter Frühstückstisch bereit stand. Die Officiere des Stabes tranken das Wohl des ehrlichen schleswig-holsteinischen Bauerjungen, der glühend vor freudiger Aufregung dem Wiederhersteller seiner Ehre die Hand reichte. - -



Zehn Jahre später begegnete mir auf einer einsamen Wanderung am Missourifluß ein zum Skelet zusammengefallener Mensch. Er schleppte sich mühsam weiter in der brennenden Sonnenhitze, in dem giftigen Boden des Waldes. Bestürzt über sein geisterhaftes Aussehen bot ich dem Kranken meine Hülfe an – es war Matthias Johannsen! Ob er mich erkannte? – ich weiß es nicht. Dankend nahm er meine Hülfe an. Ich erquickte ihn durch einen frischen Trunk und eilte nach der nächsten Farm, um einen Wagen zu holen. Als ich zurückkehrte, war der Kranke geheilt! Er lag neben einer umgestürzten Eiche, die Hände über die Brust geschlagen; – auf dem zerrissenen Hemde saß die schleswig-holsteinische Cocarde!

Ich habe ihn begraben in fremder Erde und das Gewehr präsentirt, als der Sarg in die Gruft gesenkt wurde. Wohl ihm!

– sein Herz hat ausgeblutet. Sein Leib ruht in freier Erde!