Erlebnisse im Norden

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Titel: Erlebnisse im Norden
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aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 97-99
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Erlebnisse im Norden.
(Auf Island, Jan Mayen und Spitzbergen.)

Lord Dufferin, der reiche, lustige Irländer, hat blos zu seinem Vergnügen in einer ganz kleinen Yacht eine Spazierfahrt nach Island, Jan Mayen und Spitzbergen unternommen, eine Reise, vor welcher die Flotte des Prinzen Napoleon mit einem mächtigen, brillianten Dampfschiffe zurückfuhr, so daß der irische Lord in seinem kleinen kühnen Segler, von dem Napoleonischen Dampfer bis an die eigentlichen arktischen Wasser geschleppt, allein weiter in Nacht und Eis und erhabenste Scenen arktischen Naturlebens hinunterkämpfte, Jan Mayen und selbst Spitzbergen erreichte, glücklich zurückkam und der Welt in einem brillant ausgestalteten und illustrirten Buche[1] erzählte was er erlebt und gesehen.

Das Buch hat kurz hintereinander vier Auflagen erlebt, obgleich es keine großen Geheimnisse und Entdeckungen enthält. Worin liegt der Reiz? In der Kühnheit des Unternehmens wohl weniger, denn an muthigen Thaten zu Wasser ist das Leben und die und Literatur Englands nicht arm; gewiß aber in Island, Jan Mayen und Spitzbergen selbst in der arktischen, menschenleeren, blos naturgewaltigen Scenerie, den Quellen einer riesigen Götter- und Sagenwelt, den Bildern die in Farben und Formen, Massenhaftigkeit und Kraft oft an das Leben der Natur vor der Schöpfung erinnern an die vormenschliche Zeit der Einbildung. Sie befriedigen zugleich eine just von den Edelsten und Besten der Menschen am stärksten gefühlte Sehnsucht der Flucht und Erlösung aus unserer menschenwimmelnden unter verschuldeten kleinen und unverschuldeten größeren socialen und politischen Uebeln sich abquälenden Civilisation, die das Schönste nicht selten kainsstempelt, statt es zu adeln, feige Kriecherei decorirt und die Stirn des freien Mannes brandmarkt. Auch sieht man oft, wie den Wald vor Bäumen, den Menschen vor Menschen nicht. Wenigstens muß er viel Geld, mächtige Verwandte, hohe Titel, Sterne an der Brust und Zeus-Blitze der Gewalt in der Hand haben, wenn er „angesehen“ sein will. Je weniger der einfache, edle Mensch beachtet wird, desto mehr verdichtet sich die Ehrfurcht und Furcht um den Einzelnen. In Frankreich genießt blos ein Mensch Preß- und Redefreiheit. Eine einzige Neujahrs-Gratulation von ihm, nicht so höflich, als man erwartet, – und die ganze politische deutsche und englische Presse schrie angstkreischend auf, wie ein altes, krankes Weib. Die Elektrizität der europäischen Telegraphen zitterte schlaflos Tag und Nacht und sah blauer aus vor Schreck, als je. Jeder Mensch mit Werthpapieren, für welche Mächtige Staaten garantiren, fühlte sich plötzlich um so und so viel Viertel- und Achtelprocent ärmer. Nicht ein braves Manneswort im Namen mächtiger Nationen wurde geschrieben gedruckt und gelesen,

Aus solcher Civilisation und Politik sehnt sich das edele, gequälte Menschenherz oft heraus, Wohin? In die Einsamkeit, in die Arme der Natur, der gewaltigen, die in ihren furchtbarsten Tragödien sich noch streng an ewige, unverbrüchliche Gesetze hält.

„Sie ordnet regelnd jegliche Gestalt,
Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.“

Da wir nicht so reich sind, in eigenem Schiffe vor diesem [98] erschreckten Neujahre (dessen Beglückwünschung einem einzigen Pariser Abenteurer 80,000 Pfund brachte: „des Pudels Kern, ihr hohen Politiker!“) nach Spitzbergen zu fliehen, wo das Jahr nur aus einem Tage und einer Nacht besteht, wollen wir uns Dufferin’s Yacht zu Nutze machen und uns wenigstens Island, Jan Mayen und den einzigen Lebenden auf Spitzbergen – ein Menschengerippe im offenen Sarge – einmal von ferne ansehen und arktischen Wind um die Nase wehen lassen.

Jenseits der Hebriden und Shetlands-Inseln verlor das Meer seine bleierne Todesfarbe und dunkelte in ein tiefes Sapphir-Blau gegen den Horizont, aus welchem eines Morgens plötzlich ein blasser, goldener Schein hervorschoß, bald sich verdichtend und abblassend zu einer silbernen Pyramide von Schnee: die südöstliche Spitze von Island.

Hier landete vor 995 Jahren der erste Flüchtling Norwegens, um den andern Edeln und Freien die Stätte zu bereiten. König Harold Haarfagar hatte alle anderen skandinavischen Fürsten ermordet, verbannt und sonst ausgerottet und ging dann den Freiheiten der nobeln Nordmänner selbst an’s Leben. Die Edelsten und Trotzigsten unter ihnen zogen es vor, zwischen dem unbekannten Eise des Nordens eine neue Heimath zu suchen. Sie fanden Island und erhoben diese traurige, eisumgürtete, von grimmiger Natur geschützte neue Welt zu einem Asyl und Seminar alter, skandinavischer Freiheit und Cultur, einer Republik hoher Bildung und Gelehrsamkeit, wo das erste große Werk in germanischer Sprache („Heimskringlu“) gedruckt, eine ganze, grandiose Cultur und Literatur gedacht und gedichtet ward und alle Bewohner außerdem Lateinisch schrieben und sprachen. Das Lateinische ist noch jetzt Conversationssprache der gebildeten Isländer beiderlei Geschlechts. Isländer entdeckten zuerst Amerika zu Anfange des elften Jahrhunderts. Die Zuversicht des Columbus, der im Februar 1477 persönlich in Reikjavik, der Hauptstadt Islands, gewesen war, um von den Isländern selber zu hören, daß man von hier aus schon vor Jahrhunderten Neufundland und selbst die Küste von Massachusetts erreicht habe, beruhte also auf sehr solider Grundlage.

Endlich näherte sich die Yacht des Lord Dufferin der Insel und lief in die Bucht Faxa Fiord ein, zehn geographische Meilen breit, eingerahmt von Pyramiden und Felsenwänden und Schneethürmen, durchleuchtet von der klarsten Luft und jungfräulichsten Reinheit des Lichtes, gegen welches Schatten und Farben in den schärfsten Umrissen und Contrasten hervortreten. Die Gebirgs- und Eisformationen hoch in der klaren, keuschen Luft stehen steil, still erhaben, in den reinsten Farbentinten, hier ein vierschrötiger Riese in einem Meere flammenden Goldes, dahinter eine Formation von Spitzen im dunkelsten Purpur; über beider Schultern glitzern Eis- und Schnee-Köpfe bald bläulich, bald rosig. Der Meeresrand steigt in grünen Erhebungen auf vor den felsigen Wänden und ist dünn bestreut mit moosig-grünen Häuschen, die aussehen, als hätte sie einst das Meer angespült, wie Ueberbleibsel einer vergessenen, verschollenen Cultur.

Selbst Reikjavik, die Hauptstadt, mit noch nicht tausend Bewohnern in Holzschuppen und vorstädtischen Grashütten, ausgestreut auf spröder, öder Lava-Ebene, ohne Spur von Baum oder Busch, hat nicht einen Zug von hauptstädtischer Miene, wohl aber desto reinere eigene. Vor den Kaufmannshäusern an der Küste flattern lustige Wimpel und auf die schweigenden Straßen, deren Lavastaub nie ein Wagenrad aufwirbelt, gucken zart gepflegte Blumen und warme, freundliche Menschengesichter zwischen weißen Mousselin-Gardinen. Ein Gefühl von Eleganz und Behäbigkeit duftet um sie her, einladende Gastfreundschaft, offene, energische Herzlichkeit, die den Fremden mit Sturm erobert und ihm schon am ersten Tage mehrere neue Heimathen bietet. Man kann ihnen keinen größeren Gefallen thun, als bei ihnen zu wohnen, tüchtig zu essen und zu trinken, große Humpen aus weißen Händen goldhaariger Mädchen anzunehmen, sie möglichst oft zu leeren und mit der glücklichen, cordialen Jovialität gebildeter Männer lateinisch zu sprechen. Poculiren in tüchtiger, altdeutsch massenhafter Gründlichkeit und lateinisch dazu disputiren – scheint eine Hauptforce der Isländer zu sein. Wo man auch hinkommt, überall wird sofort ernsthaft poculirt und scherzhaft gesprochen. Zum Abschiede wird der Fremde von den lieblichsten Töchtern und der feinsten Mutter ganz derb und ungenirt auf die Lippen geküßt.

Natürlich gibt’s auch Armuth, aber nirgends zerlumpte Noth, wie in unseren großen Städten. Die Armen leben zwischen aufgehäuften, mit Moos ausgestopften Lavablöcken und schlafen in Nestern von Seegras, obgleich sie vielleicht davon leben, auf der benachbarten grünen Insel Vedey den Eidergänsen die Daunen wegzunehmen. Sie thun dies nie eher, als bis die Gänse ihre Jungen ausgebrütet, groß gezogen und die kostbaren Nester verlassen haben. Die Alten wattiren sie mit ihren eigenen, feinsten, weichsten Unterdaunen aus, die sie sich aus der Brust reißen. – Andere Häuser bestehen aus Balkenwerk von Wallfisch-Rippen mit Fleisch und Bein von Seegras oder Moos, isländischem Moos, das viele civilisirte Menschen als Medicin gegen die Folgen ihrer Civilisation trinken.

Die Isländer sind das herzreinste, simpelste, unschuldigste, vertraulichste Völkchen von der Welt, ganz unbekannt mit Verbrechen, Diebstahl, Völlerei, Grausamkeit oder nur Inhumanität, ohne ein Gefängniß, ohne einen Galgen, ohne Soldaten, ohne Polizei, noch Repräsentanten der idealsten Patriarchenzeit: „aufrichtig und vollkommen, Uebles meidend und ohne Falsch in ihrem Herzen.“ Unser Lord spricht mit besonderem Enthusiasmus von den isländischen Damen. Schon ihre nationale Kleidung ist hübsch, wenigstens charakteristisch: schwarzseidenes Häubchen, naiv auf die eine Seite gedrückt, mit langen Troddeln an den Schultern herab, oder zum Ausgehen weißer Kopfaufsatz, der sich vom Wirbel in einem Bogen nach vorn krümmt, schwarzes Leibchen mit silbernen oder goldenen Haken zugeheftet, darüber im Winter niedliche Tuchjacke mit silbernen oder goldenen Knöpfen, um den Hals geriffelter Sammetkragen mit Silber- oder Goldschnur, um die Taille silberner oder goldener, ornamentirter Gürtel, der die unten fünffach band- oder schnurenbesetzten Röcke festhält, Aermel enganschließend, so daß die schönen Rundungen der Arme[WS 1] sichtbar bleiben, um die Achseln etwas farbiger und eingefaßter Besatz.

Durch steinerne und höckerige, meilenweit gefrorne Lavameere ohne eine Spur von Grashalm, durch endlose, graue, todte Wüste ohne Weg und Steg – allerdings blos 35 englische Meilen in gerader Linie – wand sich die berittene Gesellschaft unseres Lords mühsam bis zu dem berühmten Thingvalla, dem Sprechsaal, dem Parlamentshause der alten, freien Republik Island, eine zehn Meilen breite, rings von Felsen eingefaßte lichte, grüne Ebene, hundert Fuß tief unter der kahlen, steinernen Umgebung von unzähligen steilen, dunkeln Schluchten und Abgründen durchrissen, mit einem großen klaren See am Südende. Beinahe in der Mitte dieser tausendfach durchschluchteten Ebene erhebt sich ein ganzes, ovales Stück, 200 Fuß lang und 50 breit, ringsum von tiefen Abgründen und Spalten abgetrennt und nur an einer Stelle zugänglich. Auf diesem Stück Erde versammelte sich das Parlament der isländischen Republik und regierte Jahrhunderte in Freiheit und Frieden, während Europa unter Feudal- und Despotenfehden blutete und verwilderte. Noch jetzt sieht man die drei kleinen Hügel, auf welchen die drei Häupter der Republik dem Parlamente vorsaßen und Recht sprachen. Während der Parlamentszeit wohnten hier die Volksvertreter in Zelten, und an den Ufern des Flüßchens Oxeraa dampften lustige Eß- und Trinkbuden. Man versammelte sich im Freien und berieth das Wohl des Volks unmittelbar Angesichts des grünen Thales, der Sonne und des Himmels. Jetzt sitzen melancholische Raben auf dem „Hügel des Gesetzes“ und auf dem Grase weiden die Schafe des dänischen Predigers. Drei Jahrhunderte blühte die isländische Republik in Freiheit, literarischer und socialer Kraft und Fruchtbarkeit. Endlich veruneinigten sich die Herren des Parlaments, intriguirten gegen einander und riefen einen Staatsretter aus Norwegen herbei. Im Jahre 1261 wurde die Republik Island der norwegischen Krone zugeschrieben, etwa ein Jahrhundert später der dänischen, die bis heute noch ihren Gouverneur dort dafür besoldet, daß er den Isländern Steuern und Abgaben abnimmt.

Völker, welche sich nicht unter sich vertragen, sich einander die Freiheit nicht gönnen, wegen Popularität und Einfluß eines Andern neidisch werden, rufen immer früher oder später einen „Staatsretter von außen“ herbei, oder eifersüchteln so lange, bis Einer von ihnen alle Andern zusammenhaut und zum Despoten wird. Island ist von den Folgen dieser Krankheit, an der alle freien Völker zu Grunde gingen, blos deshalb im Aergsten verschont geblieben, weil die Bevölkerung dünn, von eigener alter Civilisation getragen, gutherzig und durch Eis und Ferne vor dänischer Bedrückung geschützt [99] war, und heitere Luft, gesundes Klima, abschreckend für Fremde, moralische und physische Gesundheit sichern. Aber Thingvalla wird ewig ein schönes Symbol freier, schöner Bildung und Cultur in der Geschichte der Menschheit bleiben.

Die berühmten heißen Geiser-Springquellen, schon oft beschrieben, übergehen wir hier, und folgen dem kühnen Schiffer sofort zu dem arktischen Felsenriesen in furchtbarer wallender Nebel-Gewandung: Jan Mayen, jenseits des arktischen Cirkels und des 70sten Grades. Ueber dem unendlichen eisknirschenden Meere thun die in verschiedenen Farben und Formen wallenden und wogenden Nebeln sich plötzlich auf, um aus 7000 Fuß Höhe am klaren Himmel einen ungeheuern, in die wogenden Nebelmassen herableuchtenden Schneekopf zu enthüllen, die Spitze des Beerenberges auf dem eis- und nebelumschlossenen vulkanischen Felsstück, der Insel Jan Mayen. Die Nebel schlossen sich wieder, braun, dann grau, dann weiß, sich zu transparentem Blau verdünnend und die furchtbar-erhabene Gestalt der Insel im halb durchsichtigen Schleier enthüllend. Der Beerenberg erscheint im violetten Nebelgewande, das sich binnen wenig Minuten mit dem dunkelsten Purpur färbt, während der Himmel oben wieder blau aufleuchtet, um jetzt den 6,870 Fuß hoch aus dem dunkeln, eisstückglimmernden Meere aufsteigenden Berg ganz zu zeigen, umgürtet von einer Zone bergigen Dampfes mit sieben Gletschern zu seinen Füßen, gefrornen Niagarafällen, in Umfang, Färbung und Wirkung Alles übertreffend, was je die kühnste Phantasie aus Erdformationen zusammendichten mag. Man denke sich den größten Fluß an den Stufen, Kanten und Schichten des Berges hinabstürzend, über jedes Hinderniß hinwegtobend, in tausenderlei Wirbel und Gegenwellen zerklüftet, donnernd, brausend, tosend von Schicht zu Schicht, von Kamm zu Kamm in zitternden Katarakten von Gischt, Staub und Dampf, und so in einem Augenblicke in Eis gefesselt, so plötzlich, daß selbst Gischt und Dampf in den wunderbarsten ätherischen Formen und Farben zur Unbeweglichkeit eines Sculpturwerks erstarrten – und dies Alles in unabsehbarer Ausdehnung und kolossalster phantastischster Formation – so haben wir vielleicht eine schwache, dämmernde Vorstellung von der furchtbaren massenhaften Wirklichkeit dieses selten von fern gesehenen, in der Regel dicht nebelverhüllten arktischen Wunders.

Lord Dufferin landete mit Kühnheit und Ausdauer auf Jan Mayen, einem 16 Ellen breiten Rande von Küste. Alles Andere war Eis, basaltisches Säulenwerk bis 1000 Fuß hoch, Eisensand, Augit, Pyroxen, dicht bevölkert mit vertraulich guckenden und furchtlos sitzenbleibenden Seevögeln aller Art. Einige flogen um die nie gesehenen Menschen so dicht herum, daß man ihre Flügel berühren konnte. Ein alter Scheerenschnabel setzte sich dicht vor den Lord hin und ließ sich, selber neugierig und erstaunt mit scharfen Augen musternd, über zehn Minuten lang betrachten, ohne ein Bein oder nur eine Wimper zu rühren.

Weiter hinunter nach dem geheimnißvollen Nordpole bis zu der letzten bekannten Spur festen Landes, Spitzbergen.

Nach langem Kampfe mit Eisfluthen dämmern endlich bläuliche Spitzen am ätherischen Horizonte auf, die Eisalpen von Spitzbergen, 60 Meilen fern, bald sich nähernd, bald zurückweichend, wie Trugbilder, je nach Veränderungen in der Atmosphäre. Nebel in allen Farben, Eiswüsten, fest und wandelnd, stellen sich Wochen lang entgegen, und drohen schrecklichen Untergang, aber Lord Dufferin harrt aus und trotzt so lange, bis ihnen gelingt, zu landen, an einem Augustmorgen, mitten im Sommer zu landen in eisiger, unendlicher Todtenstille mit riesigen Schichten ewigen Schnees, umgeben von unabsehbaren Labyrinthen von Eisgebirgszügen, aus denen Spitzen in allen möglichen Farben und Formationen hervorragen. An messerscharfen Eisbergkanten hängen gefrorne Thränen von Gletschern. Die unendliche Todtenstille wird manchmal von herabdonnernden Gletschern unterbrochen.

Man suchte Tage lang nach Spuren irgend eines Lebens, fand aber endlich nur, halb aus schwarzem Moose hervorragend, einen halb verwitterten, offenen Sarg mit einem noch vollständig erhaltenen, weißgebleichten Menschengerippe darin. Oberhalb des Sarges war ein rohes Holzkreuz halb gesunken, und zeigte an, daß hier Commandeur Van der Schelling, gestorben 2. Juni 1758, seine Ruhestätte gefunden.

Schnee und Eis und Regen und Wind hatten ihn abgenagt. In andern Theilen Spitzbergens fand man geschlossene Särge, worin Todte drei Jahrhunderte geschlummert, ohne daß sich ein Zug verändert. Mit warmem Wasser von der Eiskruste befreit lagen sie noch da, wie eben eingeschlafen.

Mitten im Sommer friert der Thau des Thales in der Luft zu fallenden Eiszapfen. Im Winter donnert es häufig von zerspringenden Felsen. In den wärmsten Hütten fällt der Athem als Schnee nieder. Wäsche aus kochendem Wasser genommen, gefriert sofort steif wie ein Holzbret im wärmsten Zimmer. Wie mag’s dann draußen und oben auf den Eisbergen sein? Aber im Sommer lebt’s auch hier. Es wächst Moos in tiefen Thälern, Eisbären, Eiderenten, Seehunde, Seevögel, Seelöwen u. s. w. besuchen Spitzbergens Thäler im Sommer. Wo und wie bringen sie den Winter zu? Menschen, die man mehrmals hier ließ, ausgestattet mit Feuermaterial, Lebensmitteln und dreifach wattirten Hütten, um von ihnen zu erfahren, wie der Winter auf Spitzbergen sei, wurden das Jahr darauf stets in Eis verwandelt gefunden.

Spitzbergen ist die äußerste, Menschen bekannte Grenze gegen das mehr als Europa große Polarmeer, in dessen um Mitternacht leuchtende, geheimnißvolle Unendlichkeit schon Mancher mit Grauen und Hoffnungen blickte, aus welchem warme Winde einladend heraufwehten auf ewige Eismassen. Wird es künftigem Muthe gelingen, die grimmig verschlossenen Pole unserer Erde zu erreichen und zu sehen, ob das oft nur geahnte Paradies eines Nordpol-Landes mit seinen Millionen von glücklichen Menschen und furchtlosen Thieren, Flüchtlingen aus unserer „Civilssation“, das nie genossene Glück der Freiheit und des Friedens biete? Sehr fraglich. Der Norden ist zu kalt, der Aequator zu heiß für die weltgeschichtliche Arbeit um Freiheit und Frieden, die sich stets in gemäßigter Zone, etwa zwischen dem 40sten und 50ten Breitengrade, hielt. Freiheit und Frieden sind hier, unter uns und durch uns, unsere natürliche Bestimmung, unsere Pflicht, unser Wesen, das Princip unseres Lebens.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Armee

  1. „Letters from High Latitudes“ u. s. w. By Lord Dufferia. London: John Murray. Berlin: Asher & Co.