Erlebnisse in Mexico

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Titel: Erlebnisse in Mexico
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aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 376–378
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Erlebnisse in Mexico.

Auf dem Hochplateau der alten Hauptstadt Mexico gedeihen nur noch Maulesel, ihre Treiber und Fremde, besonders Deutsche, Deutsche, das unermüdlichste, siegreich eroberndste aller Völker, das bereits in alle Breiten- und Längengrade der Erde waffenlos, aber mit den allein erobernden Waffen des Fleißes, der Geschicklichkeit und Ausdauer, der erfinderischen Noth, des Stehens und Gehens auf den Füßen eigenster und doch elastisch in fremde Zustände sich hineinfindender Cultur eingedrungen ist, sich dort behauptet, ausbreitet und immer bedeutsamer geltend und für die Weltcultur nützlich zu machen weiß. Doch wir wollen den Mund nicht zu voll nehmen, zumal, da es hier einem bankerotten, deutschen Kaufmann in Mexico gilt. Nach einem ehrenvollen Heldenkampfe mit der faulen, intriguanten spanischen und Bastard-Bevölkerung fiel er. Er glaubte sich nicht wieder erheben zu können und beschloß deshalb, seinem Leben selbst ein Ende zu machen, ein Act, der unter der feigen, Andere mordenden Bevölkerung Mexico’s nie vorkommen soll. Aber er wollte in den Tod gehen, ohne den angehörigen Lebenden die Schande eines Selbstmordes zu vererben. So sann er und fand endlich ein Mittel, unter dem Scheine eines tragischen Todes seinem Leben ein Ende zu machen.

Ueber dem Krater des von A. v. Humboldt geschilderten Vulcans Popocatepetl hängt stets eine giftige, beizende Wolke bläulichen Schwefeldampfes, der stets aus dem Abgrunde des Schlundes genährt wird. Jede Annäherung an den Rand des Kraters droht mit Erstickungstod. Eine persönliche Versenkung in den Krater hinein erschien unserm lebensmüden Landsmanne deshalb ein sicheres Mittel, die sonst so geliebte Bürde des Lebens los zu werden. Das wußte er. Er verbreitete unter seinen Freunden die Nachricht, daß er sich einmal erholen, eine Gebirgsreise machen und die Schwefelkappe des Popocatepetl einmal näher untersuchen wolle.

So reiste er ab zum Selbstmord.

An den verschiedenen Abhängen des schluchtenreichen Vulcankegels kleben mehrere Indianerdörfer. Aus einem der höchsten nahm er sich zwei Führer mit und die nöthigen Stricke und Balken. Mit diesen stieg er an den Rand des Kraters und befahl ihnen, zwei Balken quer am Krater überzulegen, die Stricke zu befestigen und ihn daran hinunterzulassen, da er wünsche, das Innere des Abgrundes zu untersuchen. Vergebens redeten sie ihm ab, da dies sicherer Tod sei. Er sagte ihnen blos, daß sie seine Befehle ausführen, ihn hinunter lassen und warten sollten, bis er mit einem an seinem Arme befestigten Seile das Zeichen zum Hinaufziehen geben werde. Hierauf schloß er die Augen, hielt den Athem an und glitt an dem Seile hinunter. Um alle seine Sinne stach und brannte und brauste es, das Hirn im Kopfe drohte zu springen und der gewaltsam angehaltene Athem durchrieselte ihn mit den Vorboten des Erstickungstodes aus Mangel an athembarer Luft. Aber er hielt noch aus und fuhr fort, hinunterzusteigen, bis plötzlich, wie durch ein Wunder, ihn eine reine, erquickend geathmete Luft aufnahm und sofort auch ein fester Boden. Er öffnete die Augen und sah sich in einer andern Welt, in einem Ungeheuern goldgelb-krystallenen Wunderdome voll der abenteuerlichsten Arabesken und Figuren, angeglitzert von unzähligen blauen Flammen, die wie Geister dieser vulcanischen Kirche aus Winkeln, Spitzen, Säulensimsen und Mauerlöchern hervorflackerten oder in den malerischsten Zuckungen an den Colonnaden und Wänden einporzuckten, sich bald verkleinernd, bald zu grimmigen, schlanken Riesen aufschießend. [377] Die goldenen Säulen und Colonnaden, oft ungeheuern Garben gleichend, glänzten wie polirt hinter den blauen Flammen.

Unser Landsmann staunte und besann sich. Diese goldene Wunderwelt und schon sterben? Zwar wußte er, daß nicht Alles Gold sei, was glänzt, ahnte aber, daß aus diesem Schwefeldome viel reelles Geld geschlagen werden könne. Der Selbstmörder fühlte sich plötzlich wieder speculativer Kaufmann und zuckte sehr energisch an der Leine, die ihn noch allein an die Oberwelt über den Schwefelwolken fesselte. Er hatte nicht daran gedacht, daß er noch einmal diesen Strang ziehen werde, aber jetzt zog er mit neu aufgeflammter Lebenslust. Der heitere mexicanische Himmel lachte einige Male lockend herab durch gelegentliche Risse in den tödtlichen Kraterwolken. Hinauf, hinauf! Wieder leben und mit Schwefel handeln! Ja, ja und sei’s auch nur mit Schwefelhölzchen. Nur leben! leben!

Er befand sich in einer unerschöpflichen Mine von Schwefel-Krystallen und Schwefelblume. Der speculative Kaufmann war erwacht und erkannte mit einem Blick den ungeheueren Reichthum, der sich hier ihm bot. Ein unbegrenzter Horizont von Hoffnung erweiterte sein Herz und während seine Augen sich mit Thränen füllten in Dankbarkeit gegen einen erbarmenden Gott, dem das erschütterte Herz gern unerhörte Ereignisse zuschreibt, fühlte er sich sicher und kräftig emporgezogen, körperlich und geistig.

Er bemerkte dabei, daß blos um den Mund des Kraters oben sich giftige Schwefeldämpfe sammeln und unten durch stets zuströmende Luft, welche die ewigen Flammen unten herbeiziehen, sich eine athembare Luft halte. Die von ihm entdeckte Schwefelmine war sein. Er ging sofort an’s Werk, wurde bald ein reicher Mann, als welcher er nach Deutschland zurückkehrte, nachdem er den Schatz vortheilhaft verkauft hatte, und kann jetzt, wenn er will, Zeugniß ablegen von der Wahrheit dieses Versuches sich selbst zu begraben und der gelungenen Auferstehung.

Die Schwefelwerke des Kraters werden bis heutzutage bearbeitet und erscheinen immer noch unerschöpflich. Am Rande des Vulcans oben sind noch heute die zwei Querbalken zu sehen, an welchen unser Held sich hinunterließ.

Diese Geschichte finden wir in dem eben erschienenen englischen Werke des Herrn G. F. von Tempsky, eines Deutschen, der nach dreijährigem Aufenthalte in Californien eine abenteuerliche Reise durch Mexico, Guatemala und San Salvador machte und sie unter dem Titel: „Mitla“ etc. in London erscheinen ließ.

Hier lernen wir Mexico kennen, wo eben wieder einmal Revolution gewesen und zwar zum Siege der Kirchen-Partei, die sich aber eben so wenig halten, wie die unterliegende sie aushalten kann, so daß beide Parteien um fremde, amerikanische Hülfe der Vereinigten Staaten intriguiren. Diese Hülfe kann denn wohl auch nicht lange ausbleiben, d. h. Mexico muß unter einer Regierung von außerhalb Schutz gegen sich selbst, gegen seine ewig kochende und gährende Corruption, gegen die faule, verfallene Cultur, gegen Rauben, Stehlen und Laster aller Art und aller möglichen spanischen und indianischen Mischracen und Bastarde suchen. Ob es in Amerika Schutz dagegen finden wird, ist eine andere Frage.

Mexico’s physische Oberfläche besteht aus den erhabensten und großartigsten Gebilden von Felsen und ungeheueren Schluchten, Thälern und üppigen Paradiesen, aber moralisch und social, politisch und kirchlich ist es die gigantischste Bühne aller Arten von Verderbniß, der Nemesis aus der spanischen Civilisation, die ehemals statt der „anglosächsischen“ verbreitet ward. Was bei diesen Civilisationsverbreitungen mit Pulver und Blei, mit Kriegsschiffen und Kanonen, Bombardements und „Annexationen“ herauskommt, sehen wir auch in der neuen anglosächsischen Auflage in Indien, China etc. Wenn man in die Welt gehen und alle Heiden lehren und bekehren will, muß man’s wie die Pioniere aller dieser Missionen, die deutschen Schneidergesellen, machen, welche den Heiden überall die ersten Hosen der Civilisation anmessen und mit ihren kleinen Nadeln sich größere Verdienste um diese Weltcultur erwerben, als alle Bayonnette und Kanonen Großbritanniens.

Wie es in Mexico aussehen mag, dafür blos einige Beispiele und Bilder aus Herrn v. Tempsky’s Werke.

Sie kamen eines Tages in das kleine Paradies von Santa Lucia. „Santa“ heißt heilig, Santa Lucia aber ist Herberge und Asyl aller möglichen Spitzbuben und Räuber von Profession, die nur von den wüthenden Comanche-Indianern an Grausamkeit übertroffen werden. Letztere machen denn auch nicht selten tollkühne Einfälle in Städte und Dörfer. Bei einem derselben wurden mehrere von ihnen getödtet, Andere gefangen. Der Alcalde oder Bürgermeister von Santa Lucia ließ letztere nach Durango für den Criminal-Gerichtshof transportiren. Die Soldaten wurden aber unterwegs ihrer Gefangenen müde, hingen dieselben an Bäumen auf und kehrten friedlich in das „kleine Paradies“ zurück.

Die Soldaten Mexico’s werden überhaupt als feiges, grausames, stehlendes und liederliches Lumpengesindel der ekelhaftesten Art geschildert. Auf dem Wege fanden unsere Reisenden überall erhabene und üppige Natur und verfallene, ruinirte Cultur mit Brand- und Mordscenen aller Art dazwischen, verbrannte Säulenstumpfe, schwarze Wände, künstliche Einöden, verstümmelte Leichname und Gräber. In einer dieser ausgebrannten Stätten wollten sie übernachten, und hier folgt eine Mondscheinscene:

„Die Dunkelheit senkte sich langsam auf unsern Weg. Der Mond stieg auf und beleuchtete unsere rauhe, durchschluchtete Bahn. Auf einmal hält mein Freund an und zeigt auf einen Gegenstand niedergekauert auf dem Wege. Wir geben unsern Nachfolgern ein Zeichen, sich ganz still zu verhalten, spannen unsere Büchsen und schleichen uns von Baum zu Baum leise heran. Die Gestalt ist eine menschliche, nackende, also ein Indianer, der mit dem Ohre auf dem Boden lauscht, wahrscheinlich Vorposten einer größeren Bande. Es wäre also Unsinn gewesen, auf ihn zu schießen. Ich ziehe mein großes Messer, messe vorsichtig meinen Sprung und habe ihn mit einem Griffe bei der Kehle, während ich mein Messer in seine Brust stoße. Da fühl’ ich zu meinem Schrecken an der kalten Steifheit des Halses, daß mir die Hand des Todes zuvorgekommen. Der Mond bricht aus den Wolken hervor und glitzert auf den kopfhautlosen Schädel eines mit Wunden bedeckten Leichnams. Schaudernd gehen wir weiter und zählen bald einen Leichnam nach dem andern, im Ganzen neunundzwanzig. In einem derselben erkannten wir einen Juristen von Mazatlan, der uns eingeladen hatte, uns seiner Reisegesellschaft anzuschließen. Die ganze Gesellschaft lag jetzt hier in verstümmelten Leichen.“

Sie kamen später in die große Stadt Durango mit echt mexicanischer Civilisation, einer Plaça Toros, Stiergefechttheater, wo jeden Sonntag Ochsen dramatisch zerstochen werden und für welche Crethi und Plethi ihr letztes Hemd versetzen, vielen Caballeros mit kühnen Reitkünsten, Musik, Leidenschaft, Guitarren, hinter Fächern blitzenden, kokettirenden Augen und scharfen Messern, spanischer Etikette und mexicanischer Unmoralität, die, wenn auch professionell getrieben, nicht von der guten Gesellschaft ausschließt. – In diese Civilisation und in diese Straßen reiten öfter Comanche-Indianer mit langen Lanzen hinein, stechen todt, wen sie erreichen können, und nehmen nur Frauen und Mädchen, die ihnen gefallen, lebendig mit sich fort.

Alte, echte mexikanische Race und Ruinen der hohen Cultur, welche an die Zeiten Montezuma’s erinnert und von den allerchristlichsten Spaniern in das jetzige, stets kochende Höllennest Mexico verwandelt ward (was man Verbreitung des Evangeliums und der Civilisation nennt), findet man noch rein in Mitla und Tehuantepec. „Hier zog ein Schwarm allerliebster indianischer (altmexicanischer) Mädchen unsere Aufmerksamkeit an. Sie boten uns kleine Götzenbilder von Thon oder Sandstein an, die früher als Ornamente in den jetzt nur noch als Ruinen vorhandenen Häusern und Tempeln Alt Mexico’s gedient haben sollen. Die Bevölkerung ist hier noch rein altmexicanisch. Eine kleine, sehr delicate Race. Ihre Frauen und Mädchen sind ungemein schön und graciös, üppig entwickelt und noch schöner durch ihre malerische Bekleidung. Ihre Züge sind regelmäßig, fein ausgemeißelt, sehr hervortretend und ausdrucksvoll. Kohlschwarzes, feinseidenes Haar rahmt ihre leicht gebräunten Gesichter ein, auf welchen in der Jugend ein warmes Erröthen duftet, das den Glanz ihrer dunkeln Augen erhöht, dieser Augen, die unter scharf markirten Brauen und zwischen langen, horizontalen Wimpern leuchten. Sie sind gutherzig, leidenschaftlich, vertrauungsvoll, großmüthig und naiv in ihrer leicht weichenden Sittlichkeit.“

Was hat nun wohl Mexico gewonnen durch diese mit Bluthunden, Geldgier und Grausamkeit aller Art ausgerottete Race und das siegreiche, christliche Spanien mit dem jetzigen Siege der „Kirchen-Partei“? Beide Parteien suchen in den Vereinigten Staaten Schutz und Hülfe gegen einander und gegen dieses ganze Mexico, wie es durch Spanien geworden.

Aber mit der jetzigen „anglo-sächsischen“ Civilisationsverbreitung [378] ist’s etwas Anderes, nicht wahr? O ja, China wurde durch den „Opiumkrieg“ der Civilisation geöffnet, während welches sich anständige chinesische Familien nach Gützlaffs Augenzeugniß vieltausendweise selbst ermordeten, nur um nicht in die Hände der „rothborstigen Barbaren“ zu fallen. Nach hundertjähriger Civilisation in Indien wurden 1800 Engländer mit Frauen und Kindern abgeschlachtet, und die Soldaten fallen wie die Fliegen. In Amerika zerreißen sich die Südstaaten und die nördlichen gegenseitig Geister und Leiber, Cultur, Ehre und Anstand, nur wegen der Frage, ob die stets neu hinzukommenden Staaten Sclaven- oder freie Staaten werden sollen. Und siehe, es werden immer Sclavenstaaten. Vielleicht brechen auch England und Amerika noch einmal wegen dieser Civilisations-Verbreitung gegen einander los. Dabei kommt kein Weltfriede, keine Menschheits-Cultur heraus. Diese wird nur von den Deutschen, die einzeln mit Kraft, Willen, Geschicklichkeit, Fleiß, Talent, Kunst und Wissenschaft in alle Welt gehen und produciren, statt zu schlachten, wirklich und wahrhaft verbreitet und rund um die Erde verwirklicht werden.