Erste Abhandlung (Über das tugendhafte Leben)

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Textdaten
Autor: Isaak von Ninive
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Titel: Erste Abhandlung
Untertitel:
aus: Über das tugendhafte Leben, Bibliothek der Kirchenväter, Band 38, S. 291-300.
Herausgeber:
Auflage: 1
Entstehungsdatum: 7. Jh.
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Jos. Koesel’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Kempten
Übersetzer: Gustav Bickell
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
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Kurzbeschreibung:
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[291]

Erste Abhandlung.

Über die Entsagung und den Ordensstand.

Die Furcht Gottes ist der Anfang der Tugend; denn sie wird die Frucht des Glaubens genannt. Sie wird dann im Herzen eingepflanzt, wenn wir dem Geiste Ruhe vor den Anziehungen der Welt verschaffen, um seine herumirrenden Bewegungen auf die durch die Betrachtung der zukünftigen Güter bewirkten Vorstellungen zu beschränken.

Wenn die Grundlage der Tugend errichtet wird, so geht keine der ihr eigenen Erscheinungsarten derjenigen voraus, daß sich das Ich durch Flucht vor dem äusseren [292] Treiben in sich zusammenfaßt und bei dem Worte des Lichtes verharrt, welches der Psalmist[1] im heiligen Geiste eine gerade Leitung auf den heiligen Wegen nennt.

Selten, vielleicht überhaupt nicht, findet sich ein Mensch, der Ehren ertragen könnte; und Dieses behaupten wir von dem Menschen als solchem wegen seiner leichten Geneigtheit zu Veränderungen, selbst wenn er in seinem Wandel einem Engel gliche.

Der Anfang des Weges zum Leben besteht darin, daß man den Verstand mit den göttlichen Worten beschäftigt und sich in der Armuth übt. Die Begießung aus jenen verleiht uns Kraft, daß wir in dieser zur Vollendung gelangen können. Wenn dann auch umgekehrt das in der Beobachtung dieser erlangte Wachsthum zu einem besseren Verständnisse jener anleitet, so führt die von beiden Seiten gegenseitig geleistete Hilfe schnell zur Aufrichtung des ganzen Gebäudes.

Niemand kann sich zu Gott nahen, wenn er sich nicht von der Welt entfernt. Mit dieser Entfernung meine ich aber nicht das Verlassen des Leibes, sondern seiner Sorgen.

Die Tugend besteht darin, daß der Mensch in seinem Geiste von der Welt entleert werde. So lange sich die Sinne um die äusseren Dinge kümmern, kann das Herz von den Vorstellungen derselben nicht zur Ruhe kommen. Die Leidenschaften des Leibes schwinden nicht, und die sündhaften Gedanken hören nicht auf, ausser in der Einöde und Einsamkeit. Denn so lange die Seele nicht im Glauben an Gott volle Genüge findet, indem sie die Empfindung seiner Kraft erlangt, heilt sie weder die Schwäche der Sinne, noch vermag sie kräftig die sichtbare Materie niederzutreten, welche gleich einem Zaune das Innerliche und Übersinnliche umschließt.

Die Vernunft ist die Ursache der Freiheit, und die Frucht Beider ist die Neigung. Ohne die erste ist die zweite nicht [293] möglich; und wo die zweite fehlt, da ist die dritte wie mit Zügeln festgehalten.

Wenn die Gnade im Menschen mächtig wirkt, so verachtet er die Todesfurcht aus Liebe zur Gerechtigkeit und findet in sich viele Beweggründe dafür, daß es sich gebühre, um der Furcht Gottes willen Leiden zu ertragen. Diejenigen Dinge dagegen, welche als schädlich, nämlich für den Leib, angesehen werden, aber nur zufällig die Natur berühren und ihr nur durch äusserliche Verbindung mit derselben Schmerz bereiten, hat er schon im Vergleich mit der zukünftigen Hoffnung als ein Nichts erkannt. Auch ist er im Geiste fest davon überzeugt, daß es unmöglich sei, die Wahrheit zu erkennen, ohne die Bewährung durch Leiden auf sich zu nehmen. Daß sich Gott der Menschen mit großer Sorgfalt annimmt, und daß sie nicht dem Zufall überlassen sind, insbesondere Diejenigen, welche Ihn suchen und um seinetwillen Leid erdulden, sieht er so deutlich, als ob er mit dem Finger darauf zeigen könnte.

Wenn aber bereits die innere Leerheit überhand genommen hat, so findet man von allem eben Genannten das Gegentheil. Dann wird dir unaufhörlich von Denen, welche dir auflauern, um im Dunkeln Pfeile auf dich abzuschießen, zugeflüstert, die Erkenntniß sei besser als der Glaube, weil sie auf Untersuchung beruhe, das Vertrauen auf Gott bringe nicht immer Heil, und Gott sei nicht so besorgt für dich, als man annehme.

Der Anfang des wahren Lebens für den Menschen ist die Furcht Gottes. Wenn man sich aber der Zerstreuung durch irdische Dinge hingibt, so kann man sich auf ihr Verbleiben in der Seele nicht verlassen. Denn das Herz wird durch die Thätigkeit der Sinne von der Süßigkeit, die es in Gott findet, abgezogen, indem die innerlichen Regungen durch die Sinne, welche ihnen dienstbar sein sollten, an der Wahrnehmung ihres Objektes gehindert werden.

Die Getheiltheit des Herzens bringt Furcht über die Seele; aber der Glaube vermag den Geist sogar bei Abschneidung der Glieder stark zu erhalten.

[294] So lange die Liebe zum Leib noch in dir mächtig ist, kannst du nicht herzhaft und furchtlos werden wegen der vielen Unannehmlichkeiten, die diesem geliebten Gegenstand fortwährend in den Weg treten.

Wer nach Ehren begierig ist, dem kann es nie an Ursachen zum Kummer fehlen. Es gibt keinen Menschen, dessen Geist nicht mit der Veränderung der Dinge auch selbst eine Veränderung nach der ihnen entsprechenden Seite hin erlitte.

Während aus den Sinnen an zweiter Stelle die Empfindung entspringt, wird aus dieser hinwiederum naturgemäß die Begierde geboren, wie es in der Schrift heißt.[2] Es mögen also Diejenigen schweigen, welche sich rühmen, daß sie mitten unter Zerstreuungen ihren Geist in Frieden bewahren könnten!

Derjenige ist keusch, welcher nicht nur die sündhaften Regungen (äusserlich) von sich abwehrt, um nicht im Kampfe zu unterliegen, sondern dessen unerschütterliche Herzensreinheit auch (innerlich) das Gepräge seines Geistes läutert, damit er sich nicht schmählich in unreinen Gedanken verliere. Und während die Zartheit seines Gewissens durch die Haltung seiner sorgfältig gehüteten Augen bezeugt wird, hängt die Schamhaftigkeit wie ein Vorhang vor der verborgenen Stätte seiner Gedanken, damit seine Reinheit gleich einer keuschen Jungfrau unversehrt für Christus bewahrt werde.

Nichts ist so geeignet, unreine Gewohnheiten aus der Seele zu entfernen und störende Erinnerungen, welche verwirrende Flammen im Körper entzünden, zu zügeln, als das Versenken in die Liebe zur Lehre und das Nachdenken über die Tiefen des Verständnisses der Schriftaussprüche.

Wenn dann die Gedanken sich in Wonne tauchen, indem sie der im (göttlichen) Worte aufgespeicherten Weisheit nachgehen, so läßt die Erkenntniß durch die Kraft, welche sie von dorther einsaugt, den Leib hinter sich zurück, da sie [295] die Erde mit Allem, was darin ist, vergißt und alle Erinnerungen, welche Bilder der körperlichen Welt hervorrufen, aus der Seele tilgt.

Wie oft bleibt die in Staunen versunkene Seele sogar ohne die Thätigkeit der gewöhnlichen, sich um natürliche Dinge kümmernden Gedanken wegen der neuen Wunderdinge, die ihr aus dem Meere der Geheimnisse der Schrift entgegenkommen!

Wenn auch der Geist nur auf der Oberfläche ihrer Wasser schwimmt und nicht vermag, mit seinen Bewegungen bis auf deren tiefsten Grund einzudringen und alle in ihren Abgründen verborgenen Schätze zu schauen, so vermag doch diese Erforschung in ihrem Liebeseifer die Gedanken so mächtig durch jenen einen wunderbaren Gedanken zu fesseln, daß sie verhindert werden, zu der körperlichen Natur hinzueilen.

Daher hat auch einer der Gottesträger gesagt: „Weil das Herz schwach ist, vermag es weder die von aussen anstürmenden Leiden noch die Kämpfe von innen zu ertragen.“

Ihr wißt ja, wie schwer die vom Leibe herrührenden bösen Gedanken auf uns lasten; wenn also das Herz nicht mit der Lehre vertraut ist, kann es die Verwirrung, welche der Leib gegen es erregt, nicht überwinden.

Denn die Schamhaftigkeit und Gottesfurcht verhält sich zu der Neigung des Geistes wie ein schweres Gewicht zu einer durch jeden Windstoß alsbald bewegten Wage.

Was hier die Nichtbeschwerung der Wage ist, dem entspricht dort die übermäßige und willkürliche Herrschaft der Wahlfreiheit.

Sobald hier das Gewicht vermindert wird, verlieren dadurch die Schalen ihre Ruhe und werden leicht beweglich.[3] Ebenso bewegt sich auch die Wage des Geistes heftig nach [296] allen Seiten, wenn die Willensfreiheit durch Hinwegnahme der Furcht von der Seele das Übergewicht erlangt hat.

Es geht also die Veränderlichkeit aus der Willensfreiheit hervor, die Veränderungen des Geistes aber aus der Neigung.

Mache einen recht sorgfältigen Anfang mit deinem Laufe auf dem Wege Gottes, so wirst du in wenigen Tagen ohne Umwege an dem Thore des Himmelreiches stehen!

Beachte nicht vorzugsweise die schriftstellerische Anordnung des Gedankengangs der Lehrer bei Worten, die auf Grund eigener Erfahrung zu deiner Vervollkommnung im frommen Wandel geschrieben sind, auf daß deine Seele durch die darin niedergelegten erhabenen Gedanken weitergefördert werde! Erforsche die Absicht der Rede in allen Gegenständen, denen du in den (heiligen) Schriften begegnest, damit deine Seele tief eindringend bei den herrlichen Erkenntnissen aus den Büchern der erleuchteten Männer verweile!

Diejenigen, welche in ihrem heiligen Wandel von der Gnade zur Erleuchtung geführt werden, bemerken stets, wie gleichsam ein geistiger Lichtstrahl zwischen den Aussprüchen (der Schrift) hindurchgeht, welcher ihrem Verstande den buchstäblichen Sinn durch tief bedeutsame, zur Aufschließung der Seele dienende Auslegung deutet.

Wenn der Mensch die erhabenen Schriften in äusserlich buchstäblichem Sinne liest, so wird auch sein Herz veräusserlicht und jener heiligen Kraft entleert, welche dem Herzen die Süßigkeit der die Seele in Staunen versetzenden Gedanken zu kosten verbleiht.

Alles pflegt zu dem zu eilen, was ihm verwandt ist;[4] so wird auch die Seele, welche am (heiligen) Geiste Antheil hat, sobald sie ein Wort hört, in dem geistliche Kraft verborgen ist, mit Feuereifer zur Vernehmung desselben hingezogen.

[297] Nicht in Jedem erregt eine im Geiste gesprochene, gewaltige Kraft in sich schließende Rede Staunen. Das Wort von der Vollkommenheit verlangt ein der Erde und ihren Sorgen abgestorbenes Herz.

Der Sinn eines Menschen, dessen Geist mit der Sorge für Vergängliches beschäftigt ist, wird auch durch Berichte über die Tugend nicht dazu angetrieben, daß er sie aufzusuchen und zu erwerben verlange.

Nach dem regelmäßigen Verlauf der Dinge muß die Lostrennung von dem Irdischen der Verbindung mit Gott vorhergehen; wenn auch zuweilen bei Einzelnen durch eine besondere Gnadenverleihung dieser jener vorhergeht, so daß gleichsam die (falsche) Liebe durch die (wahre) Liebe erdrückt wird, so verhält es sich doch umgekehrt in der Reihenfolge der gewöhnlichen Gnadenordnung, auf dem allgemeinen Heilswege.

Du aber halte die allgemeine Ordnung ein! Wenn dir die Gnade zuvorkommt, so ist das ihre Sache; wenn aber nicht, so schreite auf dem Wege, welchen Alle wandeln, stufenweise zur Ersteigung des geistlichen Thurmes!

Alles, was in der Beschaulichkeit geübt und wodurch das auf dieselbe bezügliche Gebot erfüllt wird, ist für fleischliche Augen durchaus unsichtbar; und Alles, was der Thätigkeit angehört, ist nothwendig etwas Zusammengesetztes.

Aber es gibt nur ein Gebot, wegen dessen wir zu Beidem, nämlich zur Beschaulichkeit und Thätigkeit verpflichtet sind, da es das Körperliche und Unkörperliche vollkommen mit einander verbindet.[5] Deßhalb faßt auch das erleuchtete [298] Verständniß das dadurch Gebotene auf doppelte Weise auf, wie auch das vormals durch den seligen Moyses Gebotene sowohl im einfachen als auch im mehrfachen Sinne aufzufassen war. Denn die zur Reinigung von einer früher begangenen Sünde erforderlichen Werke entfernten nicht die Erinnerung daran aus dem Bewußtsein, sondern sie nahmen dem Geiste das Schmerzliche dieser Erinnerung hinweg, damit er sie alsdann in heilsamerer Weise als zuvor an sich vorübergehen lasse.

Das Verlangen der Seele nach dem Erwerbe der Tugend überwiegt die Begierde ihres Gefährten (des Leibes) nach den sichtbaren Dingen.

Das Maaß gereicht Allem zur Zierde; ohne dasselbe verkehren sich selbst diejenigen Dinge, welche zum Nutzen bestimmt sind, in Schaden, der aus ihnen erwartete Vortheil wird zum Hinderniß und zu nichte.

Willst du durch die Aufnahme der Empfindung jener nicht in das Gebiet der Sinne fallenden Süßigkeit in deinem Geiste mit Gott verbunden sein, so halte dich an die Barmherzigkeit! Wenn sich in dir Etwas findet, was Ihm ähnlich ist, so spiegelt sich darin seine heilige Schönheit wieder. Die Gesammtheit der guten Werke, welche in der Barmherzigkeit zusammengefaßt ist, verbindet sofort ohne Zeitaufschub die Seele zur Gemeinschaft mit der einzig strahlenden Herrlichkeit der Gottheit.

Die geistliche Vereinigung ist ein unaufhörliches Eingedenksein, welches durch die Gluth der Liebe untrennbar im Herzen jubelt.

Wenn Jemand durch die beständige Beobachtung der Gebote die Kraft erhalten hat, sich ganz gefangen zu geben, zwar nicht im natürlichen, aber auch nicht im uneigentlichen Sinne, so wird dadurch dem seelischen Schauen Stoff geboten, auf welchen es sich, als auf seine Grundlage, stützen kann. Auf diese Weise wird er zu wunderbaren Dingen hingezogen durch die Verschließung der zwiefachen Wahrnehmung, der leiblichen und seelischen.

Es gibt keinen anderen Weg zu der geistlichen Liebe, [299] welche das unsichtbare Bild malt, als daß der Mensch zuerst mit der Barmherzigkeit beginne, nach dem Ausspruche unseres Herrn. Denn diese befahl er seinen Jüngern als das Fundament zu der Vollkommenheit des Vaters zu legen.[6]

Etwas Anderes ist das wirksame Wort, als bloße schöne Worte. Die Weisheit versteht es, auch ohne die Sachen selbst erfahren zu haben, ihre Worte schön auszuschmücken, die Wahrheit zu reden, ohne davon durchdrungen zu sein, und sich über die Tugend zu verbreiten, ohne jemals einen Versuch zu ihrer Ausübung unternommen zu haben. Das Wort, welches aus dem Wirken hervorgeht, ist ein zuverlässiger Schatz; aber solche müssige Weisheit ist wie ein anvertrautes Gut, welches dem Empfänger nur zur Beschämung gereicht, und wie das von einem Künstler an die Wand gemalte Wasser, welches den Durst nicht stillen kann, und wie schöne Träume, die Jemand sieht.

Wer aber aus der Erfahrung seiner eigenen Arbeit über die Tugenden redet, der führt sein Wort den Zuhörern gleichsam aus dem Erwerbe seines Tugendlaufes zu und säet seine Lehre wie aus dem Besitzthume seiner Seele in die Ohren der Hörer und thut seinen Mund mit Zuversicht auf unter seinen geistlichen Söhnen, gleichwie der greise Jakob[7] zu dem keuschen Joseph sprach: „Ich habe dir einen vorzüglicheren Antheil vor deinen Brüdern gegeben, welchen ich genommen habe aus der Hand der Amorrhäer mit meinem Schwerte und meinem Bogen.“

Jeder Mensch also, dessen Wandel befleckt ist, liebt dieses zeitliche Leben. Gleich nach einem Solchem kommt Der, welcher Mangel an Einsicht hat. Mit Recht hat Jemand gesagt: „Die Furcht vor dem Tode beängstigt den verächtlichen Mann; wem aber seine Seele ein gutes Zeugniß gibt, der verlangt nach ihm, als nach seinem (wahren) Leben.“ Du darfst Denjenigen nicht als einen wahrhaft Weisen betrachten, [300] dessen Geist wegen des zeitlichen Lebens der Furcht unterworfen ist.

Alle Güter und Übel, die den Leib betreffen, mußt du durchaus nur wie Träume ansehen. Denn du wirst ja nicht nur durch den Tod von ihnen befreit, sondern sehr häufig verlassen sie dich und entfernen sich schon vor dem Tode. Was aber zu dem gehört, woran deine Seele Antheil hat, das betrachte als dein ewiges Besitzthum; denn es geht auch mit dir in die zukünftige Welt hinüber. Wenn es etwas Gutes ist, so freue dich und preise Gott in deinem Gemüthe; wenn es aber etwas Böses ist, so trauere, seufze und suche ihm zu entfliehen, so lange du noch im Leibe weilst!

Sei überzeugt, daß dir zu jedem guten Werke, welches in dir bewußt oder unbewußt gewirkt worden ist, die Taufe und der Glaube als Mittel gedient haben, durch die du zu guten Werken in Jesu Christo berufen bist, welchem mit seinem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Ehre, Preis und Anbetung, jetzt und immer und in die Ewigkeit der Ewigkeiten. Amen!

(Aus Cod. add. Mus. Brit. 14633, fol. 2–4. Vgl. die Leipziger Ausgabe der griechischen Uebersetzung S. 1–11.)


  1. Vgl. Psalm 118, 105.
  2. Vgl. Jak. 1, 14–15.
  3. Um das Bild richtig zu verstehen, muß man beachten, daß es sich nicht auf das Verhältniß der Wagschalen zu einander bezieht, sondern nur auf die Bewegung der ganzen Wage durch Windstöße, welche durch Auflegung eines schweren Gewichtes verhindert wird.
  4. Vgl. Jes. Sir. 13, 19-20.
  5. Den folgenden Satz hat die griechische Übersetzung nach ihrer Gewohnheit wegen seiner Schwierigkeit ganz übergangen. Der Sinn scheint zu sein: Das thätige und das beschauliche Leben sind nur zwei verschiedene Erscheinungsformen derselben uns vom göttlichen Gesetz gebotenen Vollkommenheit. Eine ähnliche zwiefache Erfüllung des Gebotes bestand schon im mosaischen Gesetze, wo z. B. die Beobachtung der Reinigungsceremonien dem thätigen, die dadurch bewirkte Reue und Sündenvergebung aber dem beschaulichen Leben entsprach.
  6. Vgl. Luk. 6, 36; Matth. 5, 48.
  7. Genes. 48, 22.