Es blüht ein Baum, wo der Weg sich trennt

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Autor: Paul Thiemich
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Titel: Es blüht ein Baum, wo der Weg sich trennt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 462
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[461]
Die Gartenlaube (1868) b 461.jpg

Auf der letzten Bank im Gotteshaus.
Nach dem Originalgemälde von Carl Hübner in Düsseldorf für die Gartenlaube auf Holz gezeichnet von J. Hübner.

[462]
Es blüht ein Baum, wo der Weg sich trennt.
(Mit Abbildung. S. S. 461.)

Es blüht’ ein Baum, wo der Weg sich trennt,
      Als sie gingen zur Rechten und Linken.
Die Thräne heiß auf der Wange brennt,
      Und die Hände noch Abschied winken.

Er zog hinaus, fern über das Meer,
      Einen Heerd, eine Heimath zu gründen.
„Dann giebt’s, du Geliebte, kein Trennen mehr,
      Wenn wir drüben uns wiederfinden.“

„Und wann er mir schreibt, und wenn er auch ruft,
      So geh’ ich ihm nach in die Weite.
Ich lasse ihn nimmer, und auch in der Gruft
      Leg’ ich stille mich ihm zur Seite.“

Es blüht kein Baum, wo der Weg sich trennt,
      Die Blätter fielen hernieder.
Auf blasser Wange die Thräne brennt.
      Wann sind’ ich den Liebsten wieder?“




In dem Gotteshaus auf der letzten Bank,
      Da saß sie und betete leise:
„O Mariens Sohn, wie so lang, so lang,
      Eh’ er schreibt, daß ich zu ihm reise!“

Da horch’! Was lieset der Priester nun
      Von dem Blatt mit zitterndem Munde?
„Auswandererschiff! … und sie Alle ruh’n
      Nun still auf dem stillen Grunde.“

Mein Freund, mein Bruder, mein Gatte, mein Sohn
      Laut schluchzen die Bräute, die Frauen.
Ach, lägen auch wir auf der Bahre schon,
      Im Himmel uns wieder zu schauen!

Auf der letzten Bank in dem Gotteshaus
      Da saß sie zusammengebrochen.
Sie wankte still, ohne Klage hinaus,
      Hat nicht von dem Todten gesprochen.

Nun wandelt sie stumm, mit bleichem Gesicht,
      Ruhlos durch des Dorfes Gehege.
Sie ist so sanft; es fürchten sie nicht
      Die spielenden Kinder am Wege.

Die Zeit verweht, sie merkt es wohl kaum.
      Sie schenken ihr Kleid und Speise.
Sie lächelt nie, doch wie im Traum
      Spricht sie zuweilen leise:

„Es blüht’ ein Baum, wo der Weg sich trennt,
      Als wir gingen zur Rechten und Linken –
Keine Thräne mehr auf der Wange brennt
      Seit dem letzten Abschiedswinken.“

Paul Thiemich.