Etwas von den deutschen Hilfsvereinen in der Schweiz

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Textdaten
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Autor: F. E.
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Titel: Etwas von den deutschen Hilfsvereinen in der Schweiz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 832–834
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[832]
Etwas von den deutschen Hülfsvereinen in der Schweiz.
Heiteres und Ernstes von einem Comitémitgliede.

„Ich werde in den gelesensten deutschen Zeitungen veröffentlichen, wie man hier arme, hülfsbedürftige Landsleute behandelt; ich werde Sie vor dem ganzen Vaterlande an den Pranger stellen.“ So hat uns schon seit Jahren mancher arbeitsscheue Stromer, mancher internationale Tagedieb gedroht, dessen Durste wir nicht nach Wunsch zu Hülfe kamen und der zwar dem Vaterlande längst abgeschworen hat, die gespendeten deutschen Markstücke aber nicht weniger willkommen heißt, als die Frankenstücke. Allein immer noch lassen diese Drohungen auf Verwirklichung warten, immer noch sind wir nicht an den Schandpfahl gestellt, und weil die Herren uns denn doch gar zu lange warten lassen, so wollen wir selbst ihnen einen Theil der Mühe abnehmen und uns in dem allergelesensten deutschen Blatte selbst der Oeffentlichkeit preisgeben. Schade nur, daß wir nicht mit der culturhistorischen Feder Riehl’s schreiben können, oder daß wir nicht Socialpolitiker sind, um unsere langjährigen Erfahrungen praktisch zu verwerten! Wir wollen darum nur einfach wiedergeben, was wir seit einer Reihe von Jahren erfahren haben und fast täglich noch erfahren, indem wir es dem Leser überlassen, weitgehende Schlüsse daraus zu ziehen.

Die deutschen Hülfsvereine in der Schweiz haben im Allgemeinen denselben Zweck: Unterstützung ansässiger und durchreisender hilfsbedürftiger Landsleute; einzelne Vereine verbinden mit diesem human-patriotischen Zwecke zugleich den gesellschaftlichen, eine innigere Verbindung der an demselben Orte oder in demselben Cantone ansässigen Deutschen herzustellen. Landsleuten zu gewährende Unterstützungen werden in besonderen Vorstands-(Comité-)Sitzungen behandelt; zur Abfertigung der Durchreisenden aber sind tägliche regelmäßige Bureaustunden bestimmt, welche abwechselnd von den Comitémitgliedern übernommen werden und überall auf eine Vormittagsstunde verlegt sind, damit Diejenigen, welche von den Vereinen befördert werden, ihre Reise am gleichen Tage antreten oder fortsetzen können. Diese Unterstützungsbureaux werden täglich von einer größeren oder kleineren Anzahl von „Reisenden“ frequentirt, am stärksten wohl dasjenige in der Bundesstadt, weil diese als der Sitz der Gesandtschaften allerlei Pilger anzieht. Denn unser Herrgott hat gar mancherlei Kostgänger, und unzählig sind die Mittel und Finten, durch welche dieselben sich einen Weg zum Herzen des functionirenden Ausschußmitgliedes und zur Casse des Vereins zu bahnen suchen. Gesunde, arbeits- und marschfähige Reisende erhalten in der Regel keine Unterstützung (Ausnahmsfälle sind indeß immer noch [833] häufig genug), und ebenso werden auch keine sogenannten „Geschenke“ verabreicht. Kein Wunder also, wenn alle möglichen und unmöglichen Krankheiten simulirt und alle nur denkbaren Vorwände fingirt werden, um die Bittenden als unterstützungsbedürftig und -würdig erscheinen zu lassen. Kein Wunder aber auch, wenn sich die Vereine mit allen Vorsichtsmaßregeln wappnen und, wo der Fall nicht augenscheinlich ist oder wo das confiscirte Aeußere einer Bassermann’schen Gestalt oder problematischen Existenz Zweifel an der Würdigkeit auftauchen lassen, etwas polizeilich verfahren, ehe sie in den Säckel greifen und die oft sauer verdienten Beiträge von Vereinsmitgliedern an einen stets durstigen Stromer wegwerfen.

Um dem täglich versuchten Mißbrauche der Vereinscassen nach Kräften vorzubeugen, tauschen die Vereine regelmäßig halbmonatlich ihre Unterstützungslisten gegen einander aus, worauf Name, Beruf, Heimath der Unterstützten, Art und Begründung der Unterstützung nebst allfälligen Randbemerkungen und Winken verzeichnet sind, und welche zugleich die Candidaten der schwarzen Liste, das heißt diejenigen Persönlichkeiten enthalten, welche aus irgend einem triftigen Grunde der Aufmerksamkeit der Vereine zur Abweisung empfohlen werden. In besonders dringenden Fällen warnen sich die Vereine gegenseitig expreß durch Correspondenzkarten oder selbst durch Telegramme vor cassengefährlichen Stromern. Jene schwarze Liste oder vielmehr jenes schwarze Buch (denn die Liste ist im Laufe der Jahre zu einem ziemlich umfangreichen Bande angewachsen), durch dessen Anlage sich namentlich der Nestor der Vereinsvorstände und die personificirte Vorsehung der Vereine, Dr. Nauwerck in Zürich, der alte Patriot von echtem Schrot und Korn, ein Verdienst erworben hat, ist eine köstliche Blumenlese von mehr als zwölfhundert Vertretern aller Länder und Ländchen Deutschlands und Oesterreichs, die aus irgend einem schwarzen Grunde sich ein Anrecht darauf erworben haben, auf dieser Ehrenliste zu paradiren. Da erscheinen in buntem Gemisch Handwerker und Gelehrte, Tagelöhner und Künstler, Kellner und Kaufleute, Civilisten und Militärpersonen, Leute mit und ohne Beruf; da figuriren Bummler und Lumpen, Gauner und Schwindler, Tagediebe und Hochstapler, Lügner und Betrüger aller Art, jung und alt, männlich und weiblich, bürgerlich und adelig; da stehen Professionsbettler und Fechtbrüder, alljährlich wiederkehrende Zugvögel auf fremde Kosten, zu Dutzenden; da kommen schockweise Betrüger an Vereinen, Meistern und Cameraden. Hier handelt Einer mit Bruchbändern, die er sich von den Hülfsvereinen hat schenken lassen, dort verkauft ein Anderer das Eisenbahnbillet, das er sich erlogen hat; Der reist mit doppelten und dreifachen Papieren, um auf zwei und drei Metiers fechten zu können; Jener läßt sich neue Schriften ausstellen, damit man die reiche Markensammlung von Vereinsstempeln in den alten nicht zu Gesicht bekomme; der Eine schwindelt mit Krankheiten, der Andere reist auf ein Bein, einen Arm oder ein Auge; ein Dritter oder Vierter macht in Wunden, die er bei Wörth oder Sedan empfangen habe. Ja, es giebt wahre Rattenkönige von Schwindlern, welche eine ganze Reihe von Namen und Geschäften in ihrer werthen Person vereinigen, und der Muth einzelner Stromer versteigt sich nicht nur zu impertinenten Schmähbriefen an die Vereinsvorstände, sondern sogar zu thätlichen Angriffen auf Comitémitglieder, welche ihrem trotzigen Begehren nicht nach Wunsch entsprechen. Zu den schwärzesten Blättern des schwarzen Buches gehören aber jene, welche die Namen von etwa hundert Schuften verzeichnen, welche Weib und Kind im Stiche ließen und dem Elende preisgaben. Selbst mit dem Heiligsten wird geschwindelt: Betschwestern und Märtyrer freier religiöser Ansichten und politischer Grundsätze hoffen auf Sympathie und beuten in schamlos heuchlerischer Weise die Vereine aus. Man sieht: Practica est multiplex, und die Herren Straubinger sind zum Theil nicht ängstlich und verlegen bei der Wahl der Mittel zu ihrem Fortkommen in der Welt.

Bewunderungswürdig ist die Schnelligkeit, mit welcher unter diesen Herren die Kunde sich verbreitet, an welchem Tage ein „grünes“ Comitémitglied das Bureau versieht. Die meisten neugewählten Vorstandsmitglieder pflegen nämlich vor lauter Patriotismus und Humanität allzu optimistisch den Aussagen [834] und Vorspiegelungen des Bummelvolkes Glauben zu schenken und die Mahnungen ihrer älteren, erfahreneren Collegen: „Landgraf, werde hart!“ als einen Ausfluß allzu düsterer Weltanschauung zu belächeln, bis sie, hundertmal belogen und beschwindelt, ja, wie oben gesagt, thätlich angegriffen, nach und nach hartgesotten werden. Und dazu bietet sich ihnen gewöhnlich reichliche Gelegenheit; denn an jenen Tagen, an welchen sie amtiren, wird, als ob es sich die Landläufer nach allen Richtungen der Windrose hin telegraphirt hätten, sofort das Bureau stärker frequentirt, als an den übrigen, wo ein „Knauser“, ein „Filz“, ein „schlechter Patriot“ die Casse hütet.

Man könnte nach obiger Schilderung zu der Annahme versucht sein, als ob die Thätigkeit der Hülfsvereine auf dem Passantenbureau vorzugsweise eine negative, abweisende wäre, zumal wenn wir noch hinzufügen, daß außer den im schwarzen Buche Verzeichneten noch zahlreiche andere arbeits- und marschfähige „Reisende“ abgewiesen werden müssen, damit den wirklich Hülfsbedürftigen geholfen werden könne. Allein man wird eines Bessern belehrt werden, wenn man bedenkt, daß laut dem dreizehnten Centralberichte der deutschen Hülfsvereine in der Schweiz für 1876 in diesem Jahre 2986 Personen mit etwa 23,000 Mark unterstützt wurden, von welcher Summe wohl der dritte Theil auf durchreisende Landsleute verwendet wurde. Man sieht also, daß eine beträchtliche Anzahl von Reisenden nicht vergebens bei den Hülfsvereinen anklopft, eine Zahl, die mit jedem Jahre wächst. Denn es ist unleugbar, daß der moralische und mit ihm natürlich zugleich der finanzielle Zustand der sogenannten reisenden Arbeiterclasse sich von Jahr zu Jahr verschlimmert, daß Arbeitsscheu, Bummelei, Genußsucht weiter und weiter um sich greifen und daß alljährlich mehr und mehr Personen der Wohlthätigkeit anheimfallen.

Allzu reichliche Freiheiten in Gesetzgebung und Polizeiwesen, übereifrige Humanität in öffentlichen und privaten Verhältnissen, die besten Absichten von Staaten, Gemeinden und Privaten haben im Schooße der Arbeiterclasse schlimme Früchte gezeitigt, unter welchen Staat und Gemeinde und Wohlthätigkeitsanstalten schwer leiden, am schwersten aber die arbeitende Classe selbst. Durch die an sich sehr lobenswerte Vereinfachung des Paßwesens ist manche nützliche Einrichtung und sind namentlich die so praktischen Wander- und Arbeitsbücher fast ganz in Abgang gekommen; eine einfache Paßkarte, ein Militärdienstbüchlein, selbst ein auf bestimmte kurze Frist ausgestellter provisorischer Ausweis genügt, um Jahre lang im In- und Auslande zu reisen und – herumzulungern. Und diese provisorischen Pässe werden von manchen Consuln in ihrer Gefälligkeit und Milde auf die nichtigsten Aussagen über den wirklichen oder angeblichen Verlust der alten Papiere ausgestellt. Sagte mir doch ein Stromer, der mir einen provisorischen Paß vorzeigte, auf meine Frage, was aus dem Wanderbuche geworden sei, ganz dreist, eine Lawine habe ihm dasselbe, als er aus dem Urnerloche hervorgetreten sei, aus den Händen gerissen und ihn selbst ohne Schaden gelassen! Ein Handwerksreisender mit einem geregelten Wanderbuche und mit Zeugnissen von Meistern, bei denen er gearbeitet, ist bei uns eine seltene Erscheinung, wird aber gerade deshalb, wenn ihm die Existenzmittel ausgegangen sind, bereitwillige Unterstützung finden. Leider wird der wachsende Hang zur Stromerei gefördert durch wohlgemeinte, aber oft übel angebrachte Gemeindespenden, wie sie mancherorts in Deutschland und der Schweiz noch üblich sind. So werden einzelne Gegenden der Ostschweiz, die Ufer des Zürchersees, die March im Canton Schwyz zu einem vielbesuchten Eldorado für Bummler, und selbst die Unterstützungen der deutschen Consulate und Hülfsvereine kommen dem Vagantenthume zu Hülfe und ermöglichen z. B. die beliebte Rundreise aus Deutschland über Tirol, Venedig, Mailand, Turin und Genf zurück auf deutschen Boden.

Was soll man aber dazu sagen, daß krüppelhafte, arbeitsunfähige Personen von einzelnen Gemeindebehörden Deutschlands mit förmlichen Bettelbriefen ausgestattet und in die Fremde geschickt werden, um das deutsche Proletariat im Auslande noch zu vermehren? Rückweisung an der Grenze und Heimbeförderung auf Kosten der betreffenden Gemeindevorstände wäre wohl die wirksamste Cur für Behörden, welche ihre Unterstützungsbedürftigen durch Abschiebung auf die wohlfeilste Art loszuwerden suchen.

Ein ergiebiges Feld für ihre Thätigkeit finden die Hülfsvereine in der oft entsetzlichen Armuth und dem bleichen Elende deutscher Arbeiterfamilien in der Schweiz. Erkrankt Vater oder Mutter, oder wird die Arbeitskraft der Eltern durch Krankheiten der Kinder in Anspruch genommen und dem Erwerbe entzogen, so sind die seltenen und geringen Ersparnisse bald aufgezehrt, die nöthigsten Hausgeräthe verpfändet oder verkauft, und es bleibt neben der vielbewährten Wohlthätigkeit schweizerischer Anstalten und Privaten als einziger Rettungsanker der Hülfsverein der Landsleute, der freilich nach Kräften die Noth zu lindern sucht, aber nicht immer so ausgiebig und nachdrücklich helfen kann, wie er selbst es wünscht. Und doch verwendeten die deutschen Hülfsvereine in der Schweiz im Jahre 1876 auf Krankenpflege, auf Linderung von Familiennoth und auf Verpflegung von Wittwen und Waisen gegen 15,000 Mark. Am bedauernswerthesten ist das Loos solcher Wittwen deutscher Männer, welche geborene Schweizerinnen sind und es natürlich nicht über sich gewinnen können, ihr Vaterland zu verlassen, um der Heimath des Mannes, wo ihnen Sprache, Volk, Sitten und Gebräuche, kurz Alles fremd ist, zur Last zu fallen. Welches Loos würde die Arme zumal in einer Dorfgemeinde erwarten! Zwar steuern einzelne Gemeinden und Kreisverbände in dankenswerther Weise zum Unterhalte solcher Wittwen und ihrer Waisen bei, aber es könnte hierin ungleich mehr geschehen, nicht zur Erleichterung der Hülfsvereine, sondern zur Verbesserung des Looses der unglücklichen Verwaisten. Die jüngste Erfahrungen lassen uns hoffen, daß die deutschen Gemeinden, welche verarmte Angehörige in der Fremde haben, ihr Herz dem Elende derselben mehr und mehr öffnen werden. Solche Gaben aus der Heimath ermuthigen Alle, die am patriotischen Liebeswerke der Hülfsvereine mitwirken, und kräftigen bei Glücklichen und Unglücklichen die Liebe zum theuren Vaterlande, das seiner Kinder auch in der Ferne nicht vergißt.

F. E.