Für die armen Eisenbahnarbeiter

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Textdaten
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Autor: D.
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Titel: Für die armen Eisenbahnarbeiter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 689–690
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Für die armen Eisenbahnarbeiter.

Angesichts des ungeheuren Aufschwungs, welchen in den letzten Jahren der Eisenbahnbau in Deutschland gewonnen hat, und des immer drohenderen Ernstes, welchen die Arbeiterfrage annimmt, erscheint es als eine Aufgabe, die das Interesse aller Kreise, auch Derer, die zunächst nicht dabei betheiligt sind, in Anspruch nehmen sollte, sich mit der Lage Derer eingehend zu beschäftigen, durch deren Schweiß und Arbeit die segensreichen Werke des Verkehrs hergestellt werden. Man hat sich fast daran gewöhnt, die Arbeiter an den Eisenbahnen als die Parias ihrer Kaste zu betrachten, weil Jeder dazu taugt, der nur zwei gesunde kräftige Arme als Betriebscapital aufzuweisen hat; man wendet sich mit vornehmer Scheu und Verachtung ab von der Rohheit und Verwilderung, die in jenen Kreisen oft sich kund giebt, oder nimmt sie hin mit Achselzucken als unabänderliche Thatsachen. Wollte man aber die materielle Lage dieser Leute zum Gegenstande besonderer Fürsorge machen, so würden nicht nur die Arbeiter selbst, sondern auch die Arbeitgeber, ferner die Gemeinden, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen bei Bahnbauten oft in Bezug auf die öffentliche Sicherheit schwer geschädigt werden, und endlich der Staat, der am Gemeinwohl aller seiner Glieder interessirt ist, bald die segensreichen Folgen davon verspüren. Dadurch, daß die schwere Arbeit des Erdekarrens, des Steinbrechens etc. verhältnißmäßig theuer bezahlt wird, ist man dieser Verpflichtung nicht etwa überhoben, denn trotz des hohen Lohnes bleibt der Eisenbahnarbeiter meistens arm. Bei der großen körperlichen Anstrengung müssen jene Leute einen bedeutenden Theil ihres Verdienstes auf ihre Beköstigung verwenden, diese aber besonders da, wo ihre Arbeitsstelle weit von bewohnten Ortschaften abliegt, einzig und allein von gewissen speculativen Privatunternehmern beziehen, die nicht an der Mäßigkeit, sondern an dem möglichst großen Verbrauch des Arbeiters ein Interesse haben, und durch Gewährung von Credit denselben nur zu leicht zu größeren Ausgaben verleiten. So soll es zum Beispiel eine gar nicht ungewöhnliche Praxis sein, daß gewissenlose Schachtmeister mit solchen Schankwirten gemeinsames Spiel treiben, und dem Arbeiter, der um Vorschuß bittet, denselben nur in Gestalt von Marken geben, für die der Arbeiter nichts als Speisen und Getränke bei einem bestimmten Wirte erhalten kann, welcher wieder dem Schachtmeister für diese Gefälligkeit einen nicht geringen Rabatt bewilligt.

Noch wichtiger als die Kostfrage, welche sich leichter regeln läßt, ist für die Eisenbahnarbeiter die Wohnungsfrage. Denn es ist geradezu jammervoll, wie elend sich die Arbeiter in einsamen Gegenden oder kleinen Dörfern, die natürlich für solche Massen zuströmender Bevölkerung nicht genügendes Unterkommen aufzuweisen haben, oft behelfen müssen. Es ist vorgekommen, zum Beispiel in Ostpreußen, daß Männer, Frauen und halberwachsene Burschen im bunten Gemisch in elenden Bretterbuden oder gar in Erdhöhlen ihr kümmerliches Nachtlager und Obdach gesucht haben, und solche Löcher wurden erst dann Gegenstand der polizeilichen Aufmerksamkeit, als sie zu Brutstätten des Typhus und der Cholera wurden. Um die sittlichen Nachtheile, die aus solchem engen Beisammensein vieler Menschen verschiedenen Alters und Geschlechts unausbleiblich entstehen müssen, hatte man sich bis dahin nicht gekümmert.

Den Ruhm, den Anfang gemacht zu haben, um solchen Uebelständen zu steuern, darf die württembergische Regierung für sich in Anspruch nehmen, welche, ohne Hoffnung auf Gewinn, lediglich um des Wohles der Arbeiter willen und eben damit im besten eigenen Interesse, bei ihren ausgedehnten Eisenbahnbauten für Wohnung und Beköstigung ihrer Arbeiter sorgte und nun durch siebenjährige Erfahrung bestätigt gefunden hat, daß diese Fürsorge nicht nur von den Arbeitern dankbar empfunden worden ist, sondern auch ihrer financiellen Seite nach gute Früchte getragen hat. Dieselbe ließ auf solchen Strecken ihrer neu zu erbauenden Bahnlinien, wo die Bevölkerung weniger dicht ist und bedeutende Erdarbeiten, Tunnel, Brücken etc. die Concentrirung einer größeren Anzahl von Arbeitern auf längere Zeit notwendig machten, auf Kosten der Bauverwaltung Wirtschafts- und Speise- Gebäude errichten und in eigener Regie betreiben, in welchen die Arbeiter einfache, aber gute und reichliche Beköstigung und dazu gesunde und reinliche Schlafstellen finden sollten. Da der Betrieb der einzelnen Wirthschaften doch nur verhältnismäßig kurze Zeit dauert, so begnügte man sich mit einfacher Bauart. Die Gebäude sind in der Regel einstöckig mit Kniestock, aus Riegelmauerwerk mit doppelter Bretterverschalung und mit Dachpappe gedeckt, haben Einrichtungen für Küche, Keller und Speisekammer, einen Speise- und Wirthschaftssaal, Büffet und Räumlichkeiten zur Aufstellung von siebenzig bis hundert Betten, zwei Zimmer für den Agenten und den Koch, zuweilen auch ein eigenes Lesezimmer. Um die Nachtheile, welche das Zusammensein so vieler Leute in einem einzigen großen Schlafsaal im Gefolge hat, zu vermeiden, werden die Schlafgelasse durch Bretterwände geschieden und mit je ein bis zwei, selten mit vier Betten belegt. Jeder hat sein besonderes Bett und zwar mit eiserner Bettstelle, eine Strohmatratze, mit Stroh gefüllte Kopfpolster, ein Unterbett, Deckbett, Kissen mit Federn, je zwei doppelte Bezüge und zwei Betttücher. Federbetten wurde der Vorzug gegeben vor den bei dem Militär eingeführten Matratzen mit Decken, weil die Kosten ziemlich gleich, Federbetten im Winter aber schützender sind. Die Kosten eines vollständigen Bettes mit eiserner Bettstelle beliefen sich uns neunundzwanzig Thaler. In den Schlafcabineten ist für jeden Mann eine verschließbare Kiste zur Aufbewahrung der Kleider angebracht. Für Ordnung und Reinlichkeit in der Schlafcabine hat der Arbeiter selbst zu sorgen.

Die Beköstigung besteht in Frühstück (Kaffee mit Zucker), einem kräftigen reichlichen Mittagsessen mit einem halben Pfund Fleisch für den Mann und einem Abendessen, letzteres abwechselnd aus Suppe oder Wurst bestehend. Außerdem bekommt Jeder ein und ein halbes Pfund gutes Brod täglich und drei Schoppen Bier, wovon ein Schoppen Mittags und zwei Schoppen Abends (oder umgekehrt) verabreicht werden. Für diese volle Beköstigung, einschließlich des Schlafgeldes, hatte der Arbeiter den äußerst mäßigen Betrag von dreißig Kreuzern (acht und einen halben Groschen) zu zahlen, welcher an den Lohntagen mittelst Abzugs verrechnet wird. Auf Verlangen erhalten die Arbeiter außer jenen drei zur Beköstigung gehörigen Schoppen Bier auch noch mehr; der Betrag dafür muß aber sofort baar bezahlt werden; ebenso Branntwein, den man im Winter, bei schlechter Witterung und bei Arbeiten im Wasser den Arbeitern nicht glaubt versagen zu dürfen. Anborgung findet unter keinen Umständen statt. Wein wird nur an das Baubeamtenpersonal und an die Unternehmer abgegeben.

Die meisten Wirthschafts-Gebäude enthalten hundert Bettstellen. Die zugelassenen Arbeiter müssen in der Regel die [690] ganze Verköstigung und die Schlafstelle in dem Gebäude nehmen, doch werden an Arbeiter, welche Abends zu ihren Familien nach Hause gehen, auch einzelne Mittagsportionen zu zehn Kreuzer (drei Groschen) verabreicht, und bei besonders abgelegenen Baustellen in Bretterbuden Bier und Brod an sämmtliche Arbeiter verkauft, um die Verschwendung von Arbeitszeit zu vermeiden. Die Theilnahme an diesen Einrichtungen und der Austritt ist ganz dem Belieben der Arbeiter überlassen. Unfreiwilliger Ausschluß erfolgt nur bei schlechter Aufführung, dann aber ohne Nachsicht. Es besteht eine „Menage-Ordnung“, welche Reinlichkeit und anständiges Verhalten zur Bedingung der Theilnahme an den Wohlthaten dieser Einrichtungen macht. Unter Anderem bestimmt dieselbe, daß Getränke nur bis zehn Uhr Abends abgegeben und die Wirthschaftsräume und Hauseingänge um diese Zeit geschlossen werden. Um den Arbeitern auch Gelegenheit zur Lecture zu geben und hierdurch bildend auf sie zu wirken, wird jeder Wirtschaft eine kleine Sammlung von Büchern unterhaltenden und belehrenden Inhalts zugewiesen.

Jeder Wirthschaft ist ein Agent vorgesetzt, gewöhnlich ein dazu commandirter Unterofficier, der mit dem Betriebe der Militärwirtschaften vertraut ist. Derselbe hat die Vorräte an den Koch (der ebenfalls Militärkoch ist) abzugeben und unter Controle des Bauamtes die gesammte Rechnung zu führen; außerdem sind ein bis zwei Gehülfen des Kochs im Tagelohne angestellt. Neben freier Kost und Wohnung erhält der Agent täglich einen Gulden (siebenzehn Groschen) und der Koch achtundvierzig Kreuzer (dreizehn Groschen). Alle vier Wochen ist der Bauverwaltung Rechnung abzulegen und der Ueberschuß an die Hauptcasse abzuführen.

Die finanziellen Ergebnisse sind nicht ungünstig zu nennen. Die Bau- und Einrichtungskosten von zwölf solchen Wirtschaften verzinsten sich 1868–1869 mit 7,26 Procent und, da die Bauverwaltung im Hinblick auf die mannigfachen sonstigen Vorteile dieser Institute auf Erstattung der Verwaltungskosten verzichtete, sogar mit 14,94 Procent, offenbar ein überaus erfreuliches Resultat, zumal wenn die Güte und Reichlichkeit der Mahlzeiten in Anschlag gebracht wird, die in sehr teurer Zeit den Arbeitern für einen sehr geringen Preis geboten werden konnten, während von allen Privaten für eine weit geringere Beköstigung und eine ganz ärmliche Schlafstelle ein viel höherer Betrag angerechnet wird.

Einzelne Wirthschaften wurden nach Beendigung der Bauten versetzt, andere als provisorische Stationsgebäude, Magazine etc. benutzt. Der Verkehr in diesen Instituten war an einzelnen Orten ein so bedeutender, daß die vorhandenen Mittel zur Befriedigung des Bedarfs nicht ausreichten. Nur zwei Wirthschaften haben den Erwartungen zeitweilig nicht ganz entsprochen. Schließlich ist nicht zu übersehen, daß das Inventar an Betten etc. auch bei gänzlicher Auflösung des Unternehmens immerhin sich noch verwerthen läßt, wodurch also die Einrichtungskosten teilweise wieder ersetzt würden. Aber selbst dann, wenn der Betrieb solcher Institute den Verwaltungen Opfer an Geld und Mühe auferlegte, würden dieselben andererseits bei Weitem aufgewogen von den Vortheilen, die in verschiedener Hinsicht durch diese Einrichtung erzielt werden. Durch dieselben wird die Herbeiziehung einer größern Anzahl ständiger und solider Arbeiter ermöglicht, die mit frischer Kraft, nicht schon ermüdet durch weite Wege, zur Arbeit kommen; der Bau wird dadurch rascher gefördert, das Baucapital schneller nutzbar gemacht. Die Arbeiter aber wissen solche Einrichtungen, wo sie vor offenbarer Ausbeutung durch die Privatunternehmer bewahrt sind, wohl zu schätzen und arbeiten selbst bei geringerem Lohne an den Plätzen, wo solche Wirthschaften sich befinden. Während Privatwirthschaften in Folge der Unmäßigkeit oft der Schauplatz der rohesten Excesse der Eisenbahnarbeiter sind, ist in jenen Instituten keine irgend erhebliche Ausschreitung vorgekommen; der Verbrauch geistiger Getränke ist ein sehr mäßiger gewesen, und mancher Arbeiter hat durch die gebotene Gelegenheit gelernt, in seinen Freistunden sich mit einem guten Buche zu unterhalten und zu bilden. Außerdem ist es als ein unverkennbares Zeichen des guten Einflusses dieser Einrichtung anzusehen, daß von den Theilnehmern derselben in zwei Jahren den Agenten gegen zehntausend Gulden an Ersparnissen übergeben wurden, um dieselben theils aufzubewahren, theils in Sparcassen anzulegen, theils zur Anschaffung von Kleidern und Wäsche zu verwenden. Die Agenten aber sind angewiesen, auch die kleinsten Ersparnisse anzunehmen, sowie überhaupt im Wege freundlicher, theilnehmender Aufmunterung die Arbeiter auf Ordnung, Reinlichkeit und anständiges Benehmen hinzuführen und den Sinn für Mäßigkeit und Sparsamkeit bei denselben zu fördern.

Zur Erreichung des letzteren Zweckes aber ist außerdem noch den Bauämtern besonders empfohlen, die Ansammlung von Ersparnissen zu begünstigen, und um noch mehr zur Absendung derselben in die Heimath zu ermuntern, übernimmt die Baucasse für Inländer wie Ausländer die Portokosten. Zuverlässige Personen vermitteln die Versendung gegen eine keine Vergütung aus der Baucasse, und es sind 1868/1869 durch ihre Bemühung von 4448 Sparern 117,569 Gulden 25 Kreuzer versendet worden, wofür die Bauverwaltung an Porto 1536 Gulden 44 Kreuzer verausgabte. Als besonders sparsame Arbeiter zeichneten sich vor den Deutschen die Italiener aus, welche auch anderwärts in Bezug auf Fleiß, Mäßigkeit und Sparsamkeit den besten Ruf genießen und darum sehr gesucht sind.

Erwähnt mag noch werden, daß zur weiteren Förderung des Wohles der Eisenbahnarbeiter, wie anderwärts, so auch in Württemberg Krankencassen eingerichtet sind, an welchen jeder Arbeiter teilnehmen muß, und aus welchen er gegen einen Beitrag von einem halben Groschen auf jeden Lohntaler im Erkrankungsfalle freie ärztliche Hülfe, Arznei und Verpflegungsgeld bis zu neunzig Tagen erhält. Bei Auflösung dieser Cassen nach Vollendung der Baustrecke werden die disponibeln Mittel in der Regel den Familien verunglückter Arbeiter zugewendet, und es konnten schon Unterstützungen bis zu hundertsiebzig Thalern gewährt werden.

Von den soeben geschilderten Einrichtungen hat zunächst die preußische Regierung die Anregung zu gleichen Versuchen empfangen und beim Baue der soeben vollendeten Strecke der königlichen Ostbahn, Schneidemühl-Dirschau, in der Nähe der Brahebrücke bei Rittel Wirthschaften in der oben beschriebenen Weise einrichten lassen, in welchen von einem Wirthschaftsmeister früh Kaffee oder Mehlsuppe für einen halben Groschen, Mittags eine kräftige Mahlzeit für zwei und einen halben Groschen, ohne Fleisch für einen Groschen, und Abends eine Suppe für einen Groschen geliefert wird. Die günstigen Erfahrungen, die auch hier gemacht wurden, haben Veranlassung gegeben, allen Eisenbahndirectionen die gleichen Einrichtungen zu empfehlen. Aber noch ist dies nur als ein Anfang zu betrachten, da die so wichtige Frage des nächtlichen Unterkommens hier noch nicht berücksichtigt worden ist. Wohl aber wäre zu wünschen, daß allerwärts die Fürsorge der Bauunternehmer, wie der bauenden Actiengesellschaften bei Strecken, welche teils durch wenig, teils durch allzu dicht bevölkerte Gegenden führen, dem Beispiele der württembergischen Regierung folgend, das Wohl ihrer Arbeiter durch Einrichtung billiger Kost,- und gesunder Schlafstätten förderte. Denn das Capital, auf solche Zwecke verwandt, trägt mindestens indirect die besten Zinsen.

D.