Für junge Frauen von jungen Frauen

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Titel: Für junge Frauen von jungen Frauen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 111

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Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[111] Für junge Frauen von jungen Frauen. I. In dem Bräutigam sieht zumeist jedes junge Mädchen das Ideal verkörpert, wovon es geträumt, seit es zu träumen versteht. Sei mir dieser gewagte Ausdruck verziehen, es giebt jedoch im Leben jeden Mädchens eine Zeit, wo dieses süße Treiben sich entwickelt und die Seele erfüllt; ein Gemisch von Unschuld, Neugierde, hinter den Vorhang zu schauen, der so rosig die Zukunft verhüllt, und einer Ahnung des eigntlichen weiblichen Berufes, das ist die Zeit des mädchenhaften Träumens, und gewiß sieht jede Frau noch mit Wonne zurück in dieses Heiligthum ihres eigenen unschuldigen Mädchenherzens und ist im Andenken daran nachsichtig gegen die heranwachsende Tochter, wenn dieser einmal die Arbeit in den Schooß sinkt und – sie träumt.

Die Verlobung, der Brautstand giebt diesen Traumgestalten eine Wirklichkeit; die Gefühle, die als lose Schmetterlinge ohne Ziel und Zweck herumflattern, haben einen Gegenstand gefunden, auf den sie sich concentriren können, die ganze Wärmec eines jungfräulichen Herzens strömt aus, den geliebten Gegenstand zu überschütten und mit dem Schönsten und Besten zu schmücken, was der herrlichste der Mädchenträume der Phantasie vorgegaukelt. Da kommt es denn häufig vor, daß der also Geschmückte nach der Hochzeit, in seiner Alltäglichkeit gesehen, viel von seinem Heiligenschein verliert, und es hat alsdann eine junge Frau die glänzendste Gelegenheit, den Grad ihrer Herzens- und Geistesbildung zu zeigen. Die naivsten Beispiele sind mir bekannt, wie junge Bräute sich ihren zukünftigen Ehemann ausgemalt haben und wie anders er ihnen nach der Hochzeit erschienen ist. Ich rede hier natürlich nur von den harlosesten Täuschungen, von denen ich einige kleine Beispiele anführen will.

Eine junge Freundin verlobte sich mit einem wohlhabenden Kaufmann, der in einer mehrere Meilen entfernten Stadt wohnte. Jede Woche kam der Herr Bräutigam zum Besuch und stets in der feinsten Toilette. Er trug die sauberste Wäsche, die schönsten hellen Glacehandschuhe, hatte einen allerliebsten Henri-quatre, und das Haar, schwarz und glänzend und immer genau in derselben Anordnung, war der besondere Gegenstand des Entzückens der achtzehnjährigen Braut; er kam stets aus seiner Wohnung im obern Stockwerke am frühen Morgcn schon schön frisirt und geputzt zum Kaffee, wo das Bräutchen am Familientische im Morgenhäubchen die Honneurs machte. Das Mittagessen wurde gleickfalls im Kreise der Familie genommen und mit musterhafter Artigkeit fand der liebe Bräutigam Alles ausgezeichnet; nur von einem Gerichte bat er ihn zu dispensiren, und dieses Gericht war – eine Nudelsuppe. Er versicherte, daß es sein ästhetissches Gefühl verletze, die prosaischen Nudeln möglichcrweise seinen wohlgewichsten Henri-quatre berühren zu sehen, und daß er lieber auf den Genuß verzichte.

„Nicht wahr, das ist doch nett von ihm?“ sagte meine junge Freundin, als sie mir von dieser liebenswürdigen Schwäche des Geliebten erzählte. Sie selbst machte es nicht anders. Nie durfte in Gegenwart des Bräutigams von der Ausstattung gesprochen werden, denn es gab doch gar zu unästhetische Dinge dabei, als da sind: Hemden, Beinkleider, Röcke, Mieder etc. Ganz erschrocken und roth bis unter das Haar versteckte sie einst, als er in’s Zimmer trat, ein zusammengewickeltes Paket, das einen angefangenen Flanellrock enthielt, und nie, so versicherte sie, würde sie ihre Ansichtn in solchen Dingen ändern.

Die Hochzeit den jungcn Paares wurde gefeiert, und unter tausend Segcnswünschen der Zurückbleibenden verließen die Neuvermählten das Elternhaus, den eigenen Heerd zu gründen. Nach einigen Monaten dam ich zum Besuche hin; meine junge Freundin war ein liebreizendes Weibchen geworden und die frobe Herzlichkeit, mit der sie mich empfing, der Ausdruck von Befriedigung in den anmuthigen Zügen zeigten mir, daß sie auch ganz glücklich sei und ihre Wahl nicht bereue.

Nachdem die ersten Begrüßungen vorüber und die Fragen der jungen Frau nach jedem noch so unbedeutenden Gegenstande in dem lieben Heimathstädtchen erledigt waren, bei denen auch der Hund, des Nachbarn Katze und der Großmutter Canarienvogel die größte Theilnahme erweckten, kam die Reihe des Fragens an mich, und ich fragte nicht aus bloßer Neugierde. Lag mir doch das Wohl dieses jungen Wesens am Herzen, da ich für sie die Gefühle einer ältern Schwester hegte. Ich war begierig, wie sie sich das Frauenleben gestalten, wie sie überhaupt sich entwickeln werde, denn sie war begabt mit Verstand und Klugheit. Da kam denn mancherlei zu Tage, was mich höchlich amüsirte, und ich will zum Troste für meine jungen Leserinnen, die sich etwa in ähnlicher Lage befinden, wie die kleine Frau, zu schildern versuchen, wie es ihr nach der Hochzeit ergangen ist.

„Denke Dir,“ erzählte sie mir mit größtem Ernste, „mein Mann trägt hier niemals helle Glacéhandschuhe; selbst als er mit mir die ersten Visiten machte, konnte ich ihn nicht dazu bewegen, und im Comptoir trägt er – nein, ich mag’s gar nicht erzählen – ein schwarzseidenes Oberhemd und einen häßlichen, abgetragenen Rock! Als ich ihn das erste Mal unten besuchte, [112] hätte ich ihn fast nicht erkannt; er machte auch wenig Umstände mit mir, als ich ihm mit einem Kusse einen herzlichen guten Morgen wünschte. Ohne die Feder aus der Hand zu legen, reichte er mir seine Wange und sprach: ‚Fünfundzwanzig, dreißig, siebenundvierzig – ssst!‘ Ich war ganz verblüfft und wollte mich beleidigt zurückziehen, als er eben sein Conto geschlossen hatte und mit seiner Rechnung fertig geworden war. Er erklärte mir sehr einfach, daß ich ihn nie beim Rechnen stören dürfe, weil von einem Fehler oft Wichtiges abhinge und ein Principal sich dergleichen nie dürfe zu Schulden kommen lassen. Ich verzog den Mund zum Weinen, eilte auf mein Zimmer und wollte schmollen. Ich wollte, ja, aber ich konnte nicht. Er hatte doch eigentlich Recht und er mußte es doch besser verstehen. Rasch sattelte ich um, ich wollte liebenswürdig sein und siehe, das gelang mir besser. Als er zum Essen kam, war ich heiter und bat scherzend um Entschuldigung wegen meines Verbrechens von heute früh. Er küßte mich zärtich und nannte mich sein kluges Weibchen. Aber noch etwas viel Schrecklicheres muß ich Dir miltheilen. Denke Dir nur, in jedem seiner Röcke steckt ein Taschentuch und dieses wechselt er nie, unbekümmert darum, ob die Farbe desselben mehr dem Weiß oder dem Schwarz ähnlich ist. Ich war außer mir darüber, wenn ich daran dachte, wie sauber Alles an ihm war, wenn er uns bei der Mutter besuchte. Auf meine naive Frage, wie es denn möglich sei, sich so zu verändern, gab er mir ruhig die Antwort: ‚Ich habe mich nicht verändert, nur die Verhältnisse sind anders geworden. Meine alte Haushälterin versorgte alle meine Rocktaschen stets mit reinen Taschentüchern, meine junge Frau wird das auch lernen müssen!‘ Seit der Zeit kannst Du mich jeden Tag auf der ‚Taschentücherjagd‘ finden, das heißt, ich vertausche die gebrauchten Tücher mit reinen, und obgleich er sich den Anschein giebt, es nicht zu bemerken, so macht es mir doch Vergnügen, zu wissen, daß ich damit einer seiner Gewohnheiten Rechnung trage und ihm gefällig bin.“

Die junge Frau schwieg nachdenklich, und ich war eben im Begriff, ihr zu sagen, wie sehr ich ihre Handlungsweise billige und daß sie auf dem besten Wege sei, als sie, fast wehmüthig, wieder begann: „Das Schlimmste hab’ ich Dir noch nicht erzählt, doch es muß heraus, Dir gegenüber kann ich nichts auf dem Herzen behalten! Wirst Du es glauben“ – sie stockte ein Weilchen – „sein schönes Haar, das er immer so reizend trägt“ – sie stockte wieder „ist nur zur Hälfte sein Eigenthum; oben auf dem Scheitel trägt er – eine kleine Perücke!“

Das war mir selbst überraschend bei einem so jungen Manne, und ich mochte wohl ein recht verwundertes Gesicht bei dieser Mittheilung gemacht haben, denn plötzlich schlang meine junge Freundin ihre Arme um meinen Hals und sagte mit einer wahrhaft rührenden Stimme: „Nein, nein, Du darfst desbalb nicht schlecht von ihm denken, dafür kann er nun schon gar nicht, daß er das garstige Ding tragen muß; ein Nervenfieber in der Jugend zerstörte seinen natürlichen Haarwuchs; seit jener Zeit trägt er auf den Wunsch des Arztes die Tour, die ihn“ – sie wurde wieder ganz heiter – „doch eigentlich sehr gut kleidet. Und ich habe doch einen hübschen Mann,“ sprach sie dann mit jugeudlichem Uebermuth, „und so sehr gut ist er und so fleißig, so treu, so klug und – ich liebe ihn von ganzem Herzen und möchte ihn gar nicht anders haben!“

„Und die Nudelsuppe?“ sagte ich gespannt.

„Ach, sei davon still, er ißt sie sehr gern und wollte mich nur ein wenig bestrafen meiner ästhetischen Ziererei wegen!“

Siehst du, meine liebe junge Leserin, das war ein kluges Weibchen! Ich schloß sie gerührt in meine Arme und bat den Himmel, sie ferner in seinen Schutz zu nehmen. Beruhigt reiste ich ab, nahm ich doch die sicherste Garantie für das Lebensglück meiner Freundin mit mir: die Gewißheit, daß diese Geist und Herz auf der richtigen Stelle habe und den besten Gebrauch davon machen werde, du aber, gehe hin und thue desgleichen!