Fütterung der Raubtiere

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Peter Panter
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Titel: Fütterung der Raubtiere
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. Jahrgang 26, Nummer 1, Seite 30-31
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1. Januar 1920
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Die Weltbühne. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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Fütterung der Raubtiere

Der Panter erhob sich gähnend von seinem dürftigen Lager. Er hatte in der Nacht nicht gut geschlafen –: die Wärter hatten einen Mordsskandal gemacht, mitten in der Nacht, als sogar die Pelzbewohner in ihrer unablässigen Wanderung innehielten (einer hatte sich ein Bein gebrochen, und die vielen Krankenbesuche hatten ein großes Gelaufe verursacht) – mitten in der Nacht hatten sie durch heftiges Geschrei und Gläserklingen das gefangene Raubtier daran erinnert, daß irgendetwas los sein mußte. Er sah gelangweilt auf den großen Wandkalender: richtig –! Prost Neujahr … Huch ja – er gähnte erschröcklich.

Nun würde also wieder ein neues Jahr beginnen, und wie alle Jahr würde auch dieses Mal der schwarze Bändiger mit der Hetzpeitsche mittags um zwölf Uhr vor ihn hintreten und, ihn mit seinen kleinen Aeuglein anfunkelnd, sprechen: „Fleißig, fleißig, Herr Student –!“ Und er würde arbeiten müssen … Leicht hat das so ein Panter nicht.

Aber was war das –? Da trappte es, und Schritte näherten sich, und in Begleitung des Bändigers und der vielen Wärter trat ein kleiner, dicker Mann in Gehrock und Zylinder furchtlos in die geöffnete Käfigtür … Der Panter war satt, satt bis zum Ueberlaufen. Sollte er -? Nein, lieber nicht. Man hätte erst die Brille von dem da ausspucken müssen …

Da verbeugte sich der kleine Mann und sagte, mit einer wackligen, hohen Stimme: „Ich bin der Veterinär und Panterdoktor Balthasar Hauptvogel. Ich will Sie untersuchen.“ „Bitte“ sagte der Panter. Und der untersuchte.

Und was dann kam, war so überraschend, so freundlich und feierlich zugleich, daß ich doch [31] nicht verfehlen möchte, es hier mitzuteilen – zu Nutz und Frommen der versammelten Rundschau-Gemeinde.

Er sagte nämlich, zu den Wärtern gewendet: „Dieser Panter muß gut gepflegt werden. Er ist nicht allzu fett, Geben Sie ihm mehr zu essen!“ „Aber was denn?“ fragten die Wärter. Und der Doktor sprach also:

„Geben Sie dem Tier schieres Fleisch zu fressen. Geben Sie ihm Otto Ernst zu fressen.“ (Hier schüttelte sich der Panter.) „Geben Sie ihm Edschmid.“ (Hier knurrte er.) „Geben Sie ihm weibliche Stars, die keine sind; geben Sie ihm Films, die so tun als ob, und geben Sie ihm Sacharintänzerinnen, die im Flor ihrer Gaze vergessen machen, daß auch über dem Nabel Werte liegen; geben Sie ihm die Bindelbands —" (der Panter öffnete weit den zähnebesetzten Rachen) „– geben Sie ihm die Kino-Kultur einer Stadt, die vor der großen Zeit grade angefangen hatte, eine richtige zu bekommen; geben Sie ihm gekränkte Vollbärte, beleidigte Verleger und junge Autoren, die so lange [3] zuckersüß schmecken, wie man sie lobt – mit einem Wort: geben Sie ihm drei Viertel der jungdeutschen Literatur. Geben Sie ihm zu fressen! Geben Sie ihm!“

Der Panter schnurrte. Manna gleich fielen diese himmlischen Worte in sein tierisches Gemüt. Er ringelte seinen Schweif zu einem ungeheuern Paragraphen, setzte die Vorderbeine fest auf den Boden und zog den Körper ganz weit nach hinten. Fast sah es aus wie ein Ansatz zum Sprung …

Der vierbeinige Doktor stülpte sich den Zylinder wieder auf. „Guten Tag, Panter!“ sagte er. „Und ein fröhliches neues Jahr!“ Knurr – machte der Panter.

Die Gittertür schloß sich. Die Herren begaben sich zum Katerfrühstück, der Bändiger, wie immer, lebhaft gestikulierend und dem Panter noch einen Blick zuwerfend, der Liebliches verhieß …

Der Panter war allein. Er sah zärtlich auf den Wandkalender. Hunger hatte er. Bekam er das alles zu essen –: dann konnte es ein vergnügtes Jahr werden!

Peter Panter