Fascismus in Frankreich –?

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Ignaz Wrobel
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Titel: Fascismus in Frankreich –?
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 1, Seite 7-11
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 5. Januar 1926
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Die Weltbühne. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Scan auf Commons
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[7]
Fascismus in Frankreich –? von Ignaz Wrobel

Es ist eine historisch nicht bloß erklärliche, sondern notwendige Illusion des um die Herrschaft kämpfenden und noch mehr des zur Herrschaft gelangten Bürgertums, daß sein Parlament die Zentralachse des sozialen Lebens, die treibende Macht der Weltgeschichte sei. Eine Auffassung, deren natürliche Blüte jener famose „parlamentarische Kretinismus“ ist, der über dem selbstgefälligen Redegeplätscher von ein paar hundert Abgeordneten in einer bürgerlichen Gesetzgebungskammer die weltgeschichtlichen Riesenkräfte übersieht, die draußen im Schoße der gesellschaftlichen Entwicklung, ganz unbekümmert um die parlamentarische Gesetzesmacherei, wirksam sind.

Rosa Luxemburg, 1904     

Im Parla-Parla-Parlament
Das Reden nimmt kein End!

Georg Herwegh     

Vor einem Jahr – zu Weihnachten 1924 – lief ein leichtes Zittern durch Paris: die Kommunisten kommen! Alle Welt sprach von der „cellule“, dumpfe Gerüchte gingen um, es hieß, die reichen Leute hätten bereits heimlich in Scharen die Stadt verlassen, und die Provinz war bei ihren Besuchen an der Seine etwas verwundert, das Bürgerblut nicht in Strömen auf dem Asphalt fließen zu sehen. Die kleine Panik verschwand, wie sie gekommen war. Diesmal scheint sie um ein paar Grade ernster.

In diesem Jahr spricht man vom Fascismus.

Es kann für deutsche Leser nicht stark genug betont werden:

Der französische Fascismus hat nichts, aber auch nicht das Allergeringste mit den deutschen Radaubrüdern zu tun, die in Bierkneipen und Weinlokalen, auf Rittergütern und in gemeinsamen Hotelbetten bezahlte Mordtaten ausknobeln oder in kleinen und großen Redaktionen politische Erpressungscampagnen vorbereiten, die den Gegner moralisch „erledigen“ sollen. Der französische Fascismus ist eine vorwiegend geistige Sache; daß die Ausläufer, die Versammlungsfüller, die Straßenjungen der Bewegung laut, gewalttätig und mitunter roh sind, ändert am Kern nichts. Wer ist dieser Fascismus, und was will er –!

Er ist, vor Allem, gänzlich unimperialistisch. Seine großen Gruppen sind: die ‚Action Française‘ mit Daudet und Maurras und – rechts von ihr – der von ihr abgesprengte Nationaloekonom Valois, der Mann der „Blauhemden”. Diese beiden Gruppen sind zahlenmäßig nicht sehr stark; die ‚Action Française‘ kann auf ein paar Hunderttausend, die Valois-Leute können auf etwa einige Zehntausend geschätzt werden; die ‚Jeunesses Patriotes‘ des Herrn Taittinger, Abgeordneten von Paris und Direktor der ‚Liberté‘, zählt 216 Sektionen und ist höchstens siebzigtausend Mann stark.

Die ‚Action Française‘ hält, bei allem Radikalismus der Gesinnung, ihren Augenblick nicht für gekommen und liegt mit [8] der Valois-Gruppe in einem bösen Streit, der sich neulich, bei einer Versammlung in der Salle Wagram, zu einem Handgemenge gesteigert hat. Finanziert werden diese Leute von unzufriedenen Industriellen; die Rollen, die diese Herren hier spielen, sind nicht recht durchsichtig. Eine Unterstüzung durch italienische Fascisten ist nicht beweisbar.

Diese Gruppen sind nur in Einem einig, Eines eint sie völlig, und das ist etwas Negatives. Sie verwerfen den Parlamentarismus in seiner jetzigen Form. Und hier haben sie, soweit ich das sehen kann, einen starken Zustrom im jungen Frankreich bekommen, in den verschiedenartigsten Gruppen junger Menschen, die weder Royalisten noch Anhänger des übel berüchtigten Daudet sind – die aber diesen Parlamentarismus rundweg verwerfen.

Das Parlament hat zweifellos in Frankreich während der letzten Monate eine große Einbuße an Autorität und Ansehen erlitten. Man kann demgegenüber einwenden, daß der Franzose – grade, weil er Demokrat ist – dem Parlament in geistiger Hinsicht niemals eine überwiegende Rolle zugesprochen hat; es war das Gehirn des Landes oder bildete sich wenigstens ein, es zu sein – und der Leib sah ein bißchen verachtungsvoll auf dieses scheinbar überflüssige Organ herab, das nicht aß und nicht sah, nicht schmeckte und sich nicht bewegte. In ruhigen Zeiten ließ mans gelten.

Man läßt es aber heute nicht gelten, wo die Zeiten für das bedrohte Land hart geworden sind. Dieses reiche Bauernland, das nicht, wie damals Deutschland, einen betrügerischen Bankerott machen will, um seine Gläubiger zu schädigen, trägt schwer an seinen beiden Schuldenlasten: an seiner äußern und an seiner innern. Wie schwer die äußere empfunden wird, zeigt die Tatsache, daß eine ernsthafte Diskussion darüber entstehen konnte, ob man zur Abgeltung der amerikanischen Schulden die unpopulären Kolonien – etwa Martinique und Guadeloupe – an die Amerikaner abtreten solle, zeigen die immer wieder erneuten Versuche, mit Amerika zu einem Arrangement zu kommen, um die fast unerträglichen Kriegsschulden zu mildern, bei denen übrigens der Bloc National eine Nominierung in Dollars glatt hat durchgehen lassen. Das Land büßt es heute.

Die innern Schulden sehen nicht weniger ernst aus. Hier darf allerdings niemals das fast mysteriöse Vertrauen der Massen in den Begriff „Frankreich“ vergessen werden. Auch scheint mir vorläufig die oekonomische Disziplin viel größer zu sein, als sie etwa seinerzeit bei uns war, wo sich schon beim ersten Anzeichen der Katastrophe das Land in einen Haufen wüster Raffer auflöste. Davon ist hier nichts zu merken. (So sind, zum Beispiel, die Meldungen der ‚Deutschen Zeitung‘, die von „Inflationsorgien“, von „Hunger auf der Straße und Hausse auf der Börse“ berichten, glattweg erlogen. Das Blatt hat entweder in Paris einen Fälscher zum Korrespondenten oder fälscht selbst.)

Zweifellos aber ist die Situation ernst. Noch gibt es keine Lohnbewegungen größern Ausmaßes, aber langsam, langsam [9] beginnen die Lebensmittelpreise, die Eisenbahntarife nachzuklettern – und was tut nun das Parlament?

Das Parlament ist hilflos. Muß hilflos sein – denn es ist in seiner ganzen Form und Arbeitsart nicht modern. Und hier sitzt der Punkt, wo der französische, wo der europäische Fascismus sich leicht jede gewünschte Popularität erringen kann: in einer zunächst negativen Kritik. Er hat aber recht, und ich halte es nicht für klug, wenn deutsche Demokraten diesen Tatsachen „taktisch“ aus dem Wege gehn, indem sie – pscht! leise! – nicht davon sprechen. Das Ding hat den Krebs, und den heilt man nicht durch Stille. Es ist gar kein Zweifel, daß einige theoretische Ideen des Fascismus moderner sind als die Demokratie, die gegen ihr Interesse handelt, wenn sie ihre Existenz mit dem Parlamentarismus überhaupt verkoppelt.

Das französische Parlament tut Das, was alle Parlamente in verzwickten Lagen, für die sie heute nicht mehr geschaffen sind, tun: es berät. Obgleich sein Niveau in vielen Einzelfällen höher liegt als in Berlin, steht das Plenum auf derselben Stufe, und auch die größern Kommissionen können sich nicht von denen andrer Länder unterscheiden: auch hier gelten die ewigen Gesetze der Gesellschaftslehre. In dem Augenblick, wo eine wichtige Frage ins Parlament einzieht, unterliegt sie den besondern Regeln seines Spiels, nimmt die Luft an, die da herrscht, wird etwas völlig Andres … Man hat oft den Eindruck, als ob dieser ganze Apparat mit seinen Rednern, Kommissionen, Sitzungen, Leitartikeln, Wichtigmachern, Couloirschwätzereien und Abgeordneten ganz in der Luft schwebe. Der Zusammenhang mit dem Lande ist dünn. Das Parlament ist Selbstzweck geworden.

Hier haben die Fascisten, hier haben die unzufriedenen Schichten der französischen Jugend recht, und hierin sind Alle einig. Etwas Neues an die Stelle des überlebten Alten zu setzen, vermögen auch sie nicht. Der Vorschlag, „ständische Generalstaaten“ zu errichten, genügt nicht.

Der immer gut unterrichtete ‚Temps‘ hat neulich die Stimmung in der französischen Provinz geschildert, und was ich im Sommer während zweier Monate in Westfrankreich gesehen habe, stimmt mit dieser Schilderung durchaus überein. Die Provinz hat keine einheitliche Meinung, macht sich keine weiten Ideen, wenigstens zur Zeit nicht, die kleinen Lokalinteressen, die am französischen Stammtisch im ‚Café du Commerce‘ diskutiert werden, überwiegen. Aber es ist ganz deutlich zu merken, daß hier eine Möglichkeit liegt, der Boden zu einem Stimmungsumschwung. Die heute stumme Massen sind, können morgen eingreifen. Sie waren es ja auch, die im Jahre 1924 Poincaré gestürzt haben; und nicht Paris. Die Disposition ist da, und die Disposition ist namentlich in der Jugend da.

Will man heute die wahre Strömung des Landes kennen lernen, so liest und frequentiert man am besten Kreise und Zeitungen der Rechten. Denn es muß leider gesagt werden, daß im ‚Cartel des Gauches‘, wie sich diese rein parlamentarische Abstimmungsgruppe nennt, die keiner politischen Wirklichkeit [10] entspricht, nicht immer jene Kenntnis der europäischen Lage vorhanden ist, wie Freunde der Linken das wünschen mögen – und daß sich nicht selten in rechtsgerichteten Kreisen mehr Kenntnis, mehr Weitblick, mehr politisches Gefühl findet als auf der andern Seite, die, von Briand selbstverständlich immer abgesehn, mitunter ein bißchen kleinbürgerlich-provinziell wirkt. Das kann man nun nicht mit den Zitaten aus Leitartikeln und Salon-Besuchen widerlegen – das muß man erlebt haben. Und so sehr ich den gleichen deutschen Typen, die sich in parlamentarischen Kinkerlitzchen nur so wälzen, entgegengesetzt bin, so wenig wünsche ich, diese Äußerungen von dickgesäßigen Rittergutsbesitzern ausgeschlachtet zu sehn, die befriedigt ihren Topf Rotwein leeren: „Na, da ham wirs ja!“ Ihr habt gar nichts. Denn der Professor Hoetzsch ist in Deutschland keine Partei, sondern eine Ausnahme.

Wie sieht es nun in dieser rechtsgerichteten, intelligenten französischen Jugend aus –?

Aus eigner Erfahrung kann ich zunächst sagen, daß Unterhaltungen mit diesen jungen Leuten ganz, ganz anders verlaufen als in Deutschland. Die ärgsten Deutschenfresser sprechen mit einem Deutschen, und sie sprechen so, wie man in Frankreich spricht: also höflich, zuvorkommend, anständig. Niemals wird die Diskussion persönlich, niemals wird das flammende gallische Schwert gezogen. Das gibt es nicht.

Was Marcel Boucart im katholischen ‚Echo de Paris‘ unternommen hat: eine Rundfrage bei den Jungen, über die Jungen, über die Familie, über die deutsche Gefahr, über den Bolschewismus, über unsre Zeit – gibt viele Aufschlüsse. Vor Allem den, daß ein einheitlicher Wille, den man etwa den fascistischen nennen könnte, nicht vorhanden ist. Da finden sich die rührendsten und unreifsten Ansichten: die zu formende Liga gegen Deutschland, das trocken zu haltende Pulver, das gute Familienleben, an dem es mangle … nun, man muß nicht vergessen, daß der französische Klerikalismus der klerikalste ist, den man sich denken kann, an politischem Horizont und außenpolitischer Klugheit dem deutschen schon deshalb nicht gewachsen, weil er in Opposition mit ziemlich angeschossener Machtposition dem Staat gegenüber steht. Das ‚Echo de Paris‘, das hier und da auch ein bißchen munter dazwischenlügt, ist gezwungen, diese gesammelten Ratschläge „bien confus et très incomplets“ zu nennen, was noch sehr milde ist. Aber daneben steht doch vieles Andre, daneben ist eine Beteiligung zu verzeichnen, die sich offenbar wirklich auf die verschiedenartigsten Volkskreise erstreckt und die durchaus nicht katholisch riecht, wie es ja auch in Frankreich mit Ausnahme einiger Landstriche keine kirchlichen Massen gibt. Neben der völligen Einsichtslosigkeit, die das Erbrecht noch ausdehnen will, dem Staat aber alle Sorgen für die bürgerliche Familie aufhalst, neben den unheilbaren und hier seltenen Reserveoffiziersnaturen, die „Gewehr über“ exerzieren und so auf ihre Art die europäische Frage – etwa nach Art unsrer Reichswehrminister – lösen, findet sich Ernsthafteres. Und das ist die Beunruhigung der Jugend.

[11] Diese jungen Leute fühlen, daß im Staat etwas nicht in Ordnung ist, und sie suchen. Mit ihnen sucht eine ganze Literatur. Es darf nicht vergessen werden, daß so, genau so, die große französische Revolution vorbereitet worden ist, und wenn es überhaupt etwas in Europa gibt, was die Anwendung der Sowjet-Grundsätze noch verhindern kann – ich glaube es nicht –, so liegt der Keim hier, Das klassische Land des Parlamentarismus sucht nach einer neuen Form, ohne Grundsätze aufgeben zu wollen, die ihm in Fleisch und Blut sind: die Grundsätze der individuellen Freiheit, Die Parlamente? Was haben alle Parlamente vor dem Kriegsausbruch getan? Hat man sie gefragt? Sie durften Ja rufen – und sie haben gerufen, Das wird hier gefühlt.

Ob es so zu Reformen kommen oder Neues gefunden werden wird? Tatsächlich sind moderne Massen eminent unpolitisch, und der neue Typus des jungen Franzosen ist bei allem Familiensinn, bei aller Kleinlichkeit, die ihm mitunter anhaften, smart oder will es sein, läuft ins Cinéma, tanzt … Die „politische Konstellation“ ist ihm so gleichgültig, wie sie es in Wirklichkeit ist. Denn die Reden der Parlamentarier sind viel unbeträchtlicher, als uns Leute, die von der Deutung dieses Schwatzes leben, glauben machen wollen.

Der französische Fascismus hat eine Möglichkeit, eine einzige. Das ist die wirtschaftliche Katastrophe des Landes.

Die kann ihn emporreißen. Die kann ihm plötzlich breite, strömende Massen in die Arme treiben, Unzufriedene, Aufgescheuchte, Hungernde … Aber es gibt keine Hungernden in Frankreich; Frankreich ist ein Bauernland und ernährt sich selbst. Und die paar Vorstädte der Industrie-Zentren allein werden es nicht schaffen, heute nicht schaffen, weil die Voraussetzungen zu einer solchen Umwälzung nicht gegeben sind. Sie können eines Tages gegeben sein.

Der französische Fascismus hat keine Führer – darauf weisen die Berufsparlamentarier lächelnd hin. Nun, ihre eignen sind nicht gar so groß, daß sie sich mit denen brüsten könnten, wenn auch der Vorwurf, die Führer der Rechtsopposition bestünden aus Leuten, die im Palais-Bourbon zu kurz gekommen seien, nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Aber schafft nicht eine Bewegung Männer –? Vor Allem dann, wenn diese Zukünftigen nicht dumme Jungen und verabschiedete Offiziere sind? Das ist die Frage.

Gelingt es Frankreich, seine finanziellen Schwierigkeiten zu beschwören, so wird weitergewurstelt. Gelingt es nicht, so besteht hier eine lose, aber doch schon angedeutete Form, in die sich der lenkbare Strom der Massen eines Tages ergießen kann. Jede Vermutung darüber halte ich für verfrüht.

Will aber die Demokratie aller Länder überhaupt in die Zukunft einrücken, so möge sie aus dieser zweifellos vorhandenen französischen antiparlamentarischen Bewegung, schlimmer: der Bewegung, die das Parlament gleichgültig läßt, eine Lehre ziehen. Diese:

Das Parlament in seiner gegenwärtigen Form ist ein Anachronismus.