Fingerzeige für Bergreisende

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Textdaten
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Autor: V.
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Titel: Fingerzeige für Bergreisende
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 453–455
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Fingerzeige für Bergreisende.


Wenn jener zartfühlende Seneschall in Boieldieu’s Oper „Johann von Paris“ verurtheilt gewesen wäre, seine Fahrt in einem vollgestopften Eisenbahn-Waggon oder in einem baierischen Stellwagen zurückzulegen, dann hätte er gewiß nie gesungen: Ha, welche Lust gewährt das Reisen! Seitdem die Dampfkraft das Massenreisen zur Mode gemacht hat, ist ein großer Theil, namentlich der idyllischen Annehmlich- und Liebenswürdigkeiten des Besuchs moderner Land- und Völkerschaften verschwunden auf Nimmerwiederkehr. Das erfuhr ich so recht, als die Sehnsucht nach der Reise-Zwangspause von 1870 mich 1871 wieder nach Tirol zog. Die Eisenbahnfahrt durch Baiern mit seinen bierfreundlichen Conducteuren bis zu der Reisewüstenoase der Starnbergerseefahrt und darnach die Stellwagenmarter in’s Gebirg werde ich selbst meinem ärgsten Feinde niemals zu gönnen wagen. Der Stellwagen übertraf wirklich Alles. Ich mußte in der That bei dem sehr nahe liegenden Vergleiche meines gequetschten Daseins mit dem Schicksale der Heringe in ihrer Tonne unbedingt den letzteren den Vorzug geben, denn die Heringe sind einmal flacheren Körperbaues und dann bietet überhaupt ihre Leibesbeschaffenheit keinen zu großen Unterschied im Allgemeinen dar. Nun hatte mir aber das Mißgeschick im Stellwagen zwei sehr, sehr Dicke zu Nachbarn gegeben, und ich dankte meinem Schöpfer in erster und dem Kutscher in zweiter Linie, als nach vierstündigem Rumpeln in Murnau angehalten und Mittag gemacht wurde.

Murnau ist ein überaus reinliches und freundliches Städtchen in reizender Lage. Die Alpen und Schneeberge rücken immer näher und gern hätte ich noch länger im Anschauen der herrlichen Natur geschwelgt, aber da steckte auch schon der Kutscher wieder nach genommener Mahlzeit seinen silbernen Löffel als Schmuck in die landesübliche kleine Seitentasche seiner prallen Lederhose und trieb die Passagiere zum Einsteigen an. Immer großartiger wird die Landschaft, durch die unser Weg führt, aber leider ist der Naturgenuß auf solch einer Fahrt nichts weniger als ungetrübt.

Nach einigen Stunden complicirter Stellwagenleiden Ankunft in Partenkirchen. Das Martervehikel hält vor der Post und Alles steigt so rasch als möglich zum Wagen hinaus, um sich in der von allen Reiseschriftstellern hochgepriesenen „Post“ ein Unterkommen zu sichern. Der dicke Herr Postmeister versichert jedoch Allen voll mitleidiger Seelenruhe, daß längst alle Zimmer „besetzt“ und überdies auf wer weiß wie lange noch vorausbestellt sind.

Der körperlich wie geistig gedrückte Zustand meiner Stellwagenleidensgefährten wurde dadurch nicht gemildert. Glücklicherweise fanden wir nach langem Umherlaufen und Suchen aber doch noch Alle Unterkommen in einigen anderen Gasthäusern und Privatwohnungen.

Die Umgegend von Partenkirchen gewährt großen Reiz und reiche Abwechslung für jeden Naturfreund. Die prächtigen Ausflüge, der herrliche Blick auf die nahen Eisberge, unter denen die mächtige Zugspitze vor allem unser Interesse immer wieder fesselt, machen Partenkirchen zu einem der lohnendsten Aufenthaltspunkte, wenn der Ort nicht eben von Fremden, wie so oft, bis hinauf zu den Schornsteinen überfüllt ist.

Hierzu hatte im vorigen Sommer nun freilich das Passionsspiel im nicht zu fernen Oberammergau hauptsächlich Veranlassung gegeben. Man wußte, daß in Oberammergau gute Quartiere nicht häufig waren, und Viele wählten deshalb Partenkirchen als Standquartier. Leider aber verfielen immer gleichzeitig zu Viele auf diesen gescheidten Plan, und so kam es, daß an den Tagen vor oder nach dem Passionsspiele die Wohnungsnoth in Partenkirchen kaum geringer war als in Oberammergau selbst.

Auch ich fuhr an einem langentbehrten wundervollen Sonntagsmorgen im offenen Poststellwagen hinüber nach Oberammergau, um des Abends in strömendem Regen durchnäßt und – ernüchtert zurückzukehren. Aber nicht der Umschlag des Wetters allein hatte mich so verstimmt; ich war – wie man dies von einem verdrießlichen Vergnügungsreisenden nicht anders erwarten wird – nicht so befriedigt, als ich es nach den enthusiastischen Lobeserhebungen von so vielen Seiten hätte sein müssen. Abgesehen von der oft erstaunlichen Kunst und Abrundung der Darstellung war mir bei all meiner Freisinnigkeit ein großer Theil des Ganzen doch mehr wie eine Herabwürdigung oder Caricatur des Erhabensten, was uns die Bibel erzählt und lehrt, vorgekommen. Auf dem nassen Heimwege hatte ich andern mehr begeisterten Theilnehmern gegenüber offen mein Urtheil ausgesprochen und war dadurch in Auseinandersetzungen gerathen, die mich wenigstens warm genug machten, um den kalten Regengüssen geringere Empfindlichkeit entgegen zu bringen.

Als ich am Abend desselben Tages im Gasthofe zum „Stern“ in Partenkirchen einige schlichte einheimische Sänger und Citherspieler hörte und den beliebten Schuhblatt’ltanz ausführen sah, mußte ich mir wohl sagen, daß diese ungekünstelten Productionen den Leuten viel besser zu Herz und Gesicht standen als die einem früheren, glücklich überwundenen Zeitalter angehörigen Darstellungen biblischer Begebenheiten.

Der nächste Morgen war wieder trübe und unfreundlich. Die Straße vor der Post in Partenkirchen zeigte aber trotzdem ein reges Leben, denn wie immer am Tage nach dem Passionsspiele kehrten Viele dem freundlichen Orte den Rücken, um bald durch eine womöglich noch größere Anzahl Touristen wieder ersetzt zu werden. Auch ich hatte mein Bündel geschnürt und schritt hinüber nach der Post, um mir einen Einspänner nach Lermos zu miethen. Eine solche Fuhre sollte nach „Bädecker“ vier Gulden kosten, doch war dies trotz der neuesten Auflage des Reisehandbuches jetzt schon ein völlig überwundener Standpunkt und man mußte sich eines besonderen Glückes erfreuen, wenn man jetzt eine solche Fahrgelegenheit um fünf Gulden erhielt.

Diesen letzten Preis hatte kürzlich der Postmeister von einem Engländer gefordert, der so viel Deutsch verstand, um nach Bädecker reisen zu können. „Fünf Florins –“ hatte der ökonomische Britte erstaunt gefragt – „hier in dies Buk stehen nur vier Florins; ich uerde zahlen nicht mehr!“ Als der gute Mann trotz aller Gegenreden durchaus auf seinem Kopfe und Buche bestehen wollte, sagte endlich der Postmeister ganz ruhig: „Na, wenn’s durchaus blos vier Gulden zahlen wollen, so lassen’s Ihnen doch vom Herrn Bädecker nach Lermos hinüber fahren!“

Obgleich ich mich nun wohlweislich nicht auf Bädecker berief, erhielt ich dennoch gar keinen Einspänner mehr in der Post, denn andere besser situirte Weltbürger hatten heute bereits vor mir in so großer Anzahl zwei- und vierspännig das Weite gesucht, daß gar kein Pferd mehr für meine einspännigen Ansprüche vorhanden war. Ich mußte also froh sein, als ich endlich noch ein schlechteres Privatfuhrwerk um – sechs Gulden erhielt.

Das Wetter war noch unfreundlich und die herrlichen Berge hatten sich dicht in langweilige Regenwolken eingehüllt. Die Reize der Landschaft zu beiden Seiten des Weges blieben mir verborgen und ich konnte meine Betrachtungen deshalb mehr dem inneren Menschen zuwenden. Hauptsächlich nahm der Magen jetzt meinen Gedankengang in Anspruch und ich freute mich schon im Voraus königlich, in Lermos endlich einmal doch gewiß Forellen zu finden. In Partenkirchen hatte ich nicht zu diesem Genuß kommen können, denn als prädestinirtem Pechvogel geschah es mir dort stets, daß eben die letzte Portion der köstlichen Fische für irgend eine langweilige englische Familie bestellt war, wenn ich mich meldete.

In Lermos angelangt, galt daher meine erste Frage noch aus [454] dem Wagen heraus den Forellen, aber auch hier hatten mir eben einige englische Damen die letzte vor dem Munde weggeschnappt.

Die brave Wirthin in der gemüthlichen Post von Lermos wußte zwar bald meinen Kummer durch anderweitigen trefflichen Imbiß zu bannen, und als sich auch nun gar noch das Wetter etwas aufhellte, so ward meine Stimmung bald besser. Und welch herrliches Bild bot sich mir hier dar! Die Zugspitze, deren gewaltige Gruppe man hier von der Partenkirchen entgegengesetzten Seite sieht, trat aus den Wolken hervor in ihrer ganzen Majestät, steil in sechstausend Fuß hohen Felswänden hier in das Thal abfallend.

War mir nach den letzten bewegten Tagen in Partenkirchen jetzt die Ruhe in dem stillen friedlichen Lermos auch höchst einladend, so litt es mich hier doch nicht lange, denn ein mir befreundeter, wohl bewährter Münchener Tourist hatte mir zu einem freundlichen Ruhepunkte Imst empfohlen.

„Wenn Sie,“ meinte er, „ein recht behagliches und angenehmes Leben in Tirol führen wollen, so versuchen Sie es nur getrost mit Imst; aus einem halben Tage, den ich dort zubringen wollte, ist eine ganze Woche geworden, denn der Stubmayer in der Post versteht es wie kein Anderer, seine Gäste gut zu bewirthen und ihnen mit trefflichem Rathe zu den schönsten Bergtouren beizustehen.“

„Also noch heute bis Imst!“ hieß meine Losung.

Der durch die vorhergegangenen Regengüsse aufgeweichte Weg veranlaßte mich, in Lermos alsbald ein einspänniges Postwäglein zu nehmen, und in der That kann es für Reisende, die nicht mit Gepäckladungen durch die Welt ziehen, gar keine angenehmere und billigere Fahrgelegenheit geben.

Der Weg von Lermos über Nassereith nach Imst über den Fernpaß gehört unbestritten zu den Glanzpunkten Tirols, und oft ließ ich den Postillon halten, um die erhabenen Eindrücke der wechselvollen prächtigen Aussichten zu genießen. Nach allen Seiten hin gewaltige schneebedeckte Bergriesen, die lieblichsten Thäler einschließend; unmittelbar am Wege einige kleine tiefgrüne Bergseen, denen dann, nachdem auf der prächtig angelegten Straße die Höhe des Passes erreicht ist, auf der andern Seite der größere, aber ebenso schön grüne Fernsteinsee folgt. Wie malerisch liegt das alte Schloß Siegmundsburg auf einer kleinen Insel inmitten dieses Sees – man mußte vor Freude laut aufjubeln in diesem Eden! Von meiner Verdrießlichkeit aber war schon längst auf dieser kurzen Fahrt der letzte Rest verloren gegangen. – Der biedere Postillon, der diesen Weg schon viele hundert Mal zurückgelegt hatte, war trotzdem noch empfänglich für die Schönheiten der Gegend, und oft genug drehte er sich nach mir herum, mich mit einem stolzen Lächeln fragend: „Gelt, Herr, das ist schön da heraußen bei uns?“

Von Nassereith aus nimmt die Gegend einen sanfteren, aber deshalb nicht weniger schönen Charakter an; das Gurglthal, in welchem jetzt der Weg hinführt, hat etwas ungemein Idyllisches, und man fühlt sich hier rasch heimisch.

In der Abenddämmerung erreichte ich mein Ziel, den Marktflecken Imst. Von Nassereith anlangend, empfängt man von dem Flecken keinen günstigen Eindruck; doch gewinnt man alsbald die Ueberzeugung, daß Imst in früherer Zeit einen weit bedeutenderen Rang als jetzt eingenommen haben mag. Man passirt Gassen mit Häusern von viel soliderer Bauart, als wir sie hier zu sehen gewohnt sind; doch viele stehen ganz oder theilweise leer und gehen ihrem Verfalle entgegen. Im Mittelalter blühte hier der Bergbau, und auch als Handelsplatz war Imst bedeutend; aber beide Hülfsquellen sind fast versiecht, bis ihnen vielleicht ein neu belebendes Element zugeführt wird.

Meine Fahrt war zu Ende. Vor einem schloßartigen alterthümlichen Gebäude hielt mein Einspänner.

„Das ist also die Post?“ frug ich verwundert.

„Zu dienen, mein Herr,“ ließ sich ein großer wohlbeleibter Mann vernehmen, der grüßend an den Wagen herantrat. Es war der Postmeister Stubmayer, und ihm richtete ich sogleich die mündlichen Empfehlungen meines Münchener Freundes aus. Aber es hätte derselben wohl kaum bedurft, um mir hier einen guten Empfang zu bereiten.

In dem großen interessanten Gebäude, das früher ein Edelsitz gewesen war, gab es Raum genug für eine Menge Tirolfahrer, und ich war so glücklich, ein Zimmer zu erhalten, das eine wahrhaft prachtvolle Aussicht nach dem Innthale und auf die Berge hinüber bis zu den Oetzthalgletschern bot. Lange Zeit labte ich mich an dem herrlichen Naturbilde, und bald überkam mich das Gefühl innigster Behaglichkeit.

Als endlich der Magen seine gewichtigen Rechte geltend machte und mich hinab zum Gastzimmer trieb, fand ich auch hier gleichgesinnte fröhliche Gefährten. Auch die ersehnten Forellen wurden mir hier nicht von englischen Usurpatoren verkümmert.

Nur kurze Zeit wollte ich in Imst bleiben, aber immer wieder wurde ein Tag zugegeben, und daran war nicht blos der behagliche Aufenthalt in dem alten Edelhofe schuld. Der freundliche Wirth wußte für jeden Tag einen neuen Ausflug in die herrliche Umgebung vorzuschlagen, und so trefflich wie der Postmeister Stubmayer weiß wohl selten Jemand Bescheid zu geben über die eingehendsten Verhältnisse der näheren und ferneren Umgegend. Der erfahrene und dabei so bescheidene Mann genießt aber auch bei den Tirolreisenden wohlverdienten Ruf, und unter seiner erprobten Anleitung muß hier auch der noch wenig Erfahrene bald zum praktischen Touristen werden.

Wenn nun bald wieder die Wanderlust Tausende nach Tirols schönen Bergen zieht, so möchte ich denen, die nicht gern in überfüllten Modestationen, wie Berchtesgaden Partenkirchen, Reichenhall, Kitzbichel etc., ihren Aufenthalt nehmen wollen, von ganzem Herzen Imst empfehlen, das bis jetzt von den Touristen noch nicht so arg belagert ist. Auch für einen längeren Aufenthalt bietet die Umgebung reiche Abwechslung, und überdies ist das Leben in Imst weit ungezwungener und ganz beträchtlich billiger als in den oben angeführten Plätzen. Sollte die Post oder geeignete Privathäuser des Ortes aber wirklich keinen Raum mehr bieten, so gewährt das nahe Brennbichel (wo König Friedrich August von Sachsen am 9. August 1854 bei einem Sturz aus dem Wagen seinen Tod fand) in dem wohlrenommirten Gasthaus leicht Unterkunft. Für längeren Aufenthalt möchte auch das eine halbe Stunde vor Imst auf dem Berge thronende romantische Schloß Starkenberg (jetzt Brauerei) mit seinen hübschen Anlagen große Reize und Annehmlichkeiten bieten.

Von reizenden nahen und fernen Ausflügen von Imst könnte ich eine lange Reihe anführen, doch wird der Wanderlustige dieselben besser und ausführlicher am Orte selbst erfahren. Zur Genüge bekannt dürfte übrigens wohl noch sein, daß die großartige Tour in das berühmte Oetzthal mit seiner Gletscherwelt am besten von Imst aus unternommen wird, und hier bekommen an Bequemlichkeit Gewöhnte auch gute, frische Maulthiere.

Die schönen und glücklichen Tage, die ich im vergangenen Jahre in Imst verlebte, haben mich veranlaßt, Anderen zu Nutz und Frommen diese wenigen Fingerzeige zu geben. Es waren nicht nur die wenig angenehmen Erfahrungen der vorhergegangenen Tage, die mir gerade Imst in rosigerem Lichte erscheinen ließen. Ich suche die mir liebgewordene Stätte gewiß bald wieder auf. Dem freundlichen und aufopfernden Postmeister Stubmayer aber drücke ich im Geiste dankbar die Hand für seine wohlgemeinten und trefflichen Touristenwinke. Ich freue mich schon, nach des Tages lohnenden Wanderungen wieder des Abends bei ihm sitzen und seinen interessanten Berichten lauschen zu können.

Im Allgemeinen darf man überhaupt darauf rechnen, namentlich in den kleineren Orten Tirols, das beste Unterkommen in den Postgasthäusern zu finden. Ueberdies sind die Herren Postmeister oder Posthalter auch gewöhnlich freundliche und zuvorkommende Rathgeber für die Reisenden. Mit Vergnügen erinnere ich mich noch des Aufenthaltes in dem bescheidenen Häuschen des Postmeisters Baldauf in St. Valentin auf der Haide. Eine traurige Haidegegend darf man sich bei diesem Ortsnamen nicht etwa vorstellen, denn vor dem Posthause liegt unmittelbar der fischreiche Mittensee mit seinem höchst romantischen Ufer und weiter nach Süden erhebt sich in großartiger Pracht die Gletscherkette des Ortler. Mit berechtigtem Selbstbewußtsein zeigt uns der freundliche Baldauf seine musterhafte Bienenzucht. Der hiesige Honig dürfte dem besten aus der Schweiz den Rang streitig machen. – Auch des guten Postmeisters Flora in Mals möchte ich gedenken. Flora war einst Schüler des berühmten Beda Weber in der benachbarten Benedictinerabtei Marienberg, und man kann von dem gebildeten Postmeister nicht nur interessante Nachrichten über seinen [455] einstigen Lehrer, sondern auch die umfassendste Auskunft über Land und Leute seiner Heimath hören.

Vermißt der verwöhntere Reisende vielleicht auch in Tirol die freilich oft sehr theueren Bequemlichkeiten der Schweizer Hôtels, so hat dagegen das Reisen in Tirol desto mehr Gemüthliches und Ansprechendes für den weniger Anspruchsvollen. Da ich aber zu dieser letzteren Menschenclasse gehöre, so gebe ich dem Tiroler Lande den Vorzug, und ich denke, daß ich auch viele Gesinnungsgenossen habe, die sich gleich mir immer wieder nach dem herrlichen Tirol hingezogen fühlen.

V.