Furtwängler

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Textdaten
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Autor: Paul Bekker
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Titel: Furtwängler
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 167 (28.05.1934), S. 4
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Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Quelle: Commons
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Furtwängler


Man wird häufig gefragt: wie eigentlich ist der bedingungslose Umfall Furtwänglers zu erklären?

Die Gleichschaltung kleiner Leute ergibt sich vielfach aus Nahrungssorgen und bitterer Lebensnot. Furtwängler aber hätte überall in der Welt leben und arbeiten können. Man sage nicht, er wollte seinen heimischen Wirkungskreis und die dort tätigen Menschen durch sein Bleiben schützen, also „do his best“. Das ist sophistische Sentimentalität, mit der jede Untreue gerechtfertigt werden kann. Es ist auch unwesentlich, dass er ein paar ihm persönlich unentbehrliche jüdische Mitarbeiter gehalten hat. Wesentlich ist nur die Tatsache, dass Furtwänglers Kapitulation ein wichtiger Nazi-Erfolg war, sachlich, künstlerisch und – damals – auch moralisch. Gleichzeitig war sie ein niederträchtiger Schlag gegen das bisherige Regime. Furtwängler hat es sich nicht nehmen lassen, diesen Schlag persönlich zu führen. Er hat durch den Briefwechsel mit Göbbels seinen früheren, 14 Jahre hindurch ihm nahestehenden Auftraggebern öffentlich den Eselstritt versetzt.

Da ist nichts zu vertuschen oder zu beschönigen – das ist das Schulbeispiel einer Fahnenflucht. Man kann über den Vorgang selbst nicht diskutieren. Man kann nur fragen: warum?

Antwort: zunächst aus Eitelkeit und Machtbedürfnis.

Furtwängler ist eine Primadonna, obwohl er stets behauptet hat, es nicht zu sein. Gefeiertwerden ist ihm Lebensbedürfnis. Er gewinnt den Glauben an sich selbst erst aus dem Glauben, den andere ihm entgegenbringen. Wie er stets die Beziehung zur Kritik von sich aus gesucht und gepflegt, wie er auf jede auch nur leise zupfende Bemerkung jederzeit sofort reagiert hat, so lebt er weiter in gespannter Beobachtung jenes Meinungsspiegels, der sich Oeffentlichkeit nennt. Es ist ihm Daseinsbedürfnis, getragen, bedingungslos verehrt zu werden, aber auch: freiweg gebieten zu können. Er liebt nicht den Kampf, wenigstens nicht den direkten. Er muss jeder Entscheidung überhoben sein, die in sein eigenes Menschentum hineingreift, es vor Konflikte, äussere Misshelligkeiten stellen, das Aufgeben liebgewordener Gewohnheiten fördern würde.

Die Erfüllung aller dieser Wünsche legte der kleine Mephisto Göbbels mit der lauten Mikrophonstimme dem grossen Furtwängler mit dem schüchternen Organ vor die Füsse. Er verlangte als Gegenleistung nur eine Blutunterschrift. Die lästigen jüdischen Konkurrenten waren ausser Landes. Dass die daheimgebliebenen Arier wenig wert waren, wusste Göbbels ebenso wie Furtwängler. Er hätte ein Held sein müssen, wollte er die Unterschrift verweigern. Er hätte ein Charakter sein müssen, derartige Geschenke nicht anzunehmen. Toscanini war ein solcher Charakter. Furtwängler war eine Primadonna.

Das ist indessen nicht alles. Der Fall führt tiefer, in psychologische, eigentlich kulturpsychologische Gebiete. Furtwängler ist als Musiker eine retrospektiv gerichtete Natur. Er hat es oft mit moderner Musik versucht. Aber sie bietet ihm nicht das, was er braucht: Wagner, Brahms, Beethoven – Musik also, die man effektvoll dirigieren kann. Seine Erscheinung erhält ihren Daseinssinn erst aus dieser älteren Kunst, die neuere gewährt ihr nicht die nötigen Entfaltungsmöglichkeiten. So wird sein Denken rückwärts gewendet, so wird er zu einem letzten Interpreten bourgeoisen Typs. Anlehnungsbedürftig, der Gegenwart gegenüber irritiert, sucht er einen Stützpunkt, an dem er sich vor sich selbst rechtfertigen, sich auch ausserhalb der Kunst aufrichten kann. Er findet seinen Halt in einer Lehre, die Zukünftiges aus Vergangenem verspricht. So vollzieht sich an diesem Spätling bürgerlicher Kunst das nämliche, das sich an Tausenden ähnlich gearteter Menschen in Deutschland vollzogen hat. Aus Schwäche ebenso der Urteilskraft wie des Charakters fallen sie dem Nationalsozialismus in die Fänge, weil er ihnen eine autoritative Stütze zu geben scheint und damit ihre eigene, aus Ratlosigkeit retrospektive Geisteshaltung rechtfertigt. Tragik der geistigen Ermüdung einer nur aus der Vergangenheit lebenden Kultur.

Man könnte denken, das sei zwar tief bedauerlich, doch schliesslich bei so gegebenen Voraussetzungen konsequent. In Wahrheit ist es ein Widerspruch in sich selbst. Diese Welt, die Furtwängler nun zerstören hilft, war seine eigene Welt. Aus ihr hat er seine Kraft, die Möglichkeit des So-Werdens gezogen. Ein Musiker solcher Art konnte erwachsen nur in dem Klima der Jahrhundertwende, in der Geistesfreiheit der „liberalistischen“ Kunstgesinnung. Wer Beethoven, Wagner, Brahms interpretieren will, der muss in ihrer Denkart leben, der muss an die Persönlichkeit, an den Wert des freien Menschentums von Gottes Gnaden glauben. Kann man eine aus solchen Wurzeln erwachsene Kunst weiter verkünden, auch wenn das Firmenschild gewendet ist, für ein Amt, für einen bequemen Reisepass, für irgendwelche Güter dieser Welt?

Man kann es nicht. Mit dieser Kunst ist zutiefst etwas ganz anderes verbunden, als die Aufgabe, sie bloss zu interpretieren – nämlich die Verpflichtung, ihren Grundgedanken als Lebensgesetz zu den Menschen zu tragen. Gegen diese höchste und eigentlich erst sinngebende Verpflichtung aber verstösst, wer die Erscheinungen der grossen deutschen, unzerstörbar individuellen und freiheitlichen Kunst mit dem Nationalsozialismus in Berührung bringt. Das ganze Verhältnis des Nationalsozialismus zu Geist und Kunst ist eine Notlüge. Denn eben die tragenden Grundgedanken zweier Jahrhunderte künstlerischen Schaffens leugnet der Nationalsozialismus. Er bespeit Freiheit und Persönlichkeitswürde des Geistes und glaubt, die Welt vom alten Fritzen her einrenken zu können. Nur ist er zu feige, die Künstler der beiden letzten Jahrhunderte heute schon ebenso zu verwerfen, wie die Politiker. Er fürchtet die Frage: was habt Ihr dagegen zu setzen, wo sind die Euren?

Also leiht er sich die fehlenden Geister bei dem zum Pump immer noch brauchbaren Liberalismus aus. Die Toten können sich nicht dagegen wehren – die Lebenden kauft man.

In jeden Menschen ist eine Botschaft gelegt. Sie zu bewahren und zu verkünden, ist seine Sendung. Vergisst er ihrer, so beladet er sich mit einem Makel, den kein Ruhm, keine Ehre beseitigen kann, mögen sie dreimal um die Erde reichen. Dieser Makel wird und muss auch seine Kunst selbst anfressen und von innen her aushöhlen, bis sie nur noch eine artistische Maske ist, ein armes l’art pour l’art. Man wird dann sagen: schade! Dieser Mann war ein Berufener. Aber er hat versagt bei der entscheidenden Treue-Probe: der Treue zu sich selbst.

Gewiss, es ist schwer, anders zu handeln. Darin eben liegt die Bedeutung der letzten Prüfung, wo gross und klein, echt und unecht sich voneinander scheiden. Noch einmal muss hier Toscanini genannt werden. Er liess sich ins Gesicht schlagen, aber er blieb bei seiner Ueberzeugung. Dieser Schlag war die Legitimation seiner Grösse und Verehrenswürdigkeit. Solche Menschen mögen selten sein, immerhin – es gibt sie. Und so sehen wir hier Beispiel und Gegenbeispiel: Toscanini und Furtwängler, den einen, der seiner Sendung die Treue hielt, den anderen, der sie verleugnete, ehe noch der Hahn krähte.