Musik ohne Heimat

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Autor: Paul Bekker
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Titel: Musik ohne Heimat
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 174 (04.06.1934), S. 4
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Quelle: Commons
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Musik ohne Heimat


Manchmal, wenn einem die deutschen Musikdinge so garnicht gefallen wollen, wird man argwöhnisch gegen sich selbst. Sollte es nicht doch an einer falschen Betrachtungsart liegen, dass alles so schlecht erscheint? Spielt nicht vielleicht eine menschlich begreifliche, aber sachlich entstellende Verbitterung oder irgendeine Voreingenommenheit parteilicher Art in das Urteil hinein? Sind wir etwa zu alt, um umzulernen oder um überhaupt das grundsätzlich Neue zu erfassen? Müssen wir uns nicht vor dem Fehler der Gegenseite hüten: zu meinen, dass wir allein das Patent für das richtige Deutschtum haben?

Es ist echt deutsch, dass man so fragt. Immer wieder will man „objektiv“, will man „gerecht“ sein, obschon die Gegenseite von der Torheit dieser Denkart profitiert. Sei es trotzdem. Es kommt nicht auf den Erfolg, es kommt auf die Wahrheit an. Dieses Deutschland war doch ein grosses, mächtiges, schönes Land – mit all seinen Torheiten, Aergerlichkeiten und Unzulänglichkeiten noch immer bewunderns- und liebenswert. Und das alles soll auf absehbare Zeit verschüttet sein, wenn nicht überhaupt vorbei – und die deutschen Musikanten machen die Begräbnismusik dazu?

Wir haben schon mehrfach die völlige politische Knechtung gehabt, die brutale Niederknüppelung der Gesinnungsfreiheit. Es ist nicht nötig, weit zurückzugehen in der Geschichte, um Beispiele hierfür zu finden, der Ablauf des 19. Jahrhunderts zeigt sie drastisch genug. Aber gerade in diesen Fällen war die Kunst stets die heimliche Zufluchtsstelle, Musik insbesondere. Dichtung und Schriftstellerei standen noch unter der Fuchtel, waren zu greifen. Musik aber liess sich nicht fassen. Sie schloss alles in sich ein, was Empörung rief und auf Umsturz drängte. Es gibt ein schönes Wort von Schumann, das sagt, wenn der russische Zar ahnte, welch ein Aufruhrwille in jeder Chopinschen Komposition steckt, er würde diese Musik verbieten. Und was für ein Rebell war Wagner – nicht nur als demokratischer Barrikadenkämpfer und Schriftsteller, sondern viel gründlicher aus seiner Musik heraus! Sie eigentlich machte die Geister aufsässig. So war Musik das Sammelbecken all der umstürzlerischen Elemente und, wenn auch unmittelbar nicht wirksam, doch eine der Quellen, aus denen der Widerstand Kraft sog und stark wurde.

Wo sind diese Widerstände heute?

Das ist das Niederdrückende: sie sind nicht da. Soweit äusseres Vorhandensein entsprechender Kräfte festzustellen ist, machen sie mit. Sie haben sich selbst preisgegeben.

Hier liegt das eigentlich Rätselhafte der heutigen Situation, liegt der Grund für das, was sie so unzweideutig schlecht macht: im Fehlen der geistigen Widersetzlichkeit gerade auf den Gebieten, die der politischen Faust nicht erreichbar sind, namentlich also der Musik. Wo ist heut im Deutschland eine Zeitung, eine Zeitschrift, ein einzelner, stehe er noch so hoch, der schlechte Musik schlecht nennen darf, wenn sie das Zeichen des Hakenkreuzes trägt, oder der ein nicht parteiamtlich gestempeltes Gutes als gut zu bezeichnen wagte? Es gibt kein gut und kein schlecht ausserhalb des Sinnes der Partei, das eben ist der Kern der Lehre, und auch die Musik gilt nur als Magd des Parteistatuts. Blech und Blödheit triumphieren, ein unsäglicher Dunst von Banalität und Unvermögen brodelt empor. Selten hat das bittere Wort gerade für die Kunst – und nicht nur für sie – mehr Geltung gehabt als heut:

Ich sah des Ruhmes heilige Kränze
auf der gemeinen Stirn entweiht.

Hier liegt mehr und anderes vor, als Knechtung durch Despotie. Hier ist das viel Schlimmere[:] das Versagen. So taucht die Frage auf: ist diese deutsche Musik überhaupt noch einer Regeneration fähig? Steht sie nicht mit all ihren trübseligen Geisteskapitulanten am Ende ihrer Kräfte und ihres Daseins?

Man könnte denken, es sei so, und doch wäre es falsch. Gewiss: das moralische Harakiri der heutigen Generation ist erschütternd. Die Geschichte indessen arbeitet in grösseren Zeitspannen, als wir im allgemeinen denken, und auch die deutsche Musik ist schon mehr als einmal total verelendet gewesen. Aber je mehr wir die Möglichkeit einer neuen Erhebung als denkbar annehmen, umso deutlicher müssen wir uns bewusst werden, dass das, was sich heut in Deutschland auf dem Gebiet der Musik begibt, wirklich nicht einen Gran Kunst im Sinne von Schöpfertum und Geistbekundung enthält. Es ist schlecht, schlechter, am schlechtesten, und es ist weder Hochmut, noch falsches Ressentiment, noch Voreingenommenheit, dies immer wieder mit zweifelsfreier Bestimmtheit zu sagen. Unterlassen wir es, glauben wir still vorbeigehen oder diskret schweigen zu sollen, so machen wir uns selbst zu mitschuldigen Teilhabern.

Denn hier handelt es sich nicht um Gegensätze ästhetischer Anschauungen und Geschmacksrichtungen. Es handelt sich um die Feststellung, dass eine Kunst sich selbst prostituiert, wenn sie sich offen unter die Aegide einer Armseligkeit wie Göbbels stellt. War nicht Metternich ein Heros gegen dieses Format? Werden nicht spätere Generationen staunend stehen und immer wieder fragen: wie war es möglich, dass Menschen künstlerischer Prägung so etwas je über die äussere Geltung hinaus ernst nehmen, dass sie es durch ihre Stützung legitimieren konnten? Wo hatten sie ihre Augen und Ohren, ihren Geschmack und ihre Vernunft? Nichts von alledem können sie besessen haben, wenn sie diesem Popanz jemals glaubten und folgten, wenn sie nicht sahen, dass hier, wie kaum je sonst, Trug gegen Wahrheit, Jahrmarktszauber gegen Natur steht.

Das ist festzuhalten, immer und unverbrüchlich. Hüten wir uns vor der Verwaschenheit einer falschen Objektivität. Aufgabe des Künstlers, des seherischen Menschen und gar des Musikers, der oberhalb der realen Erscheinungen steht, ist und bleibt es, Unechtes von Echtem zu scheiden, durch den Spuk hindurch das Wesen der Dinge zu fassen. Diese Aufgabe ist neu zu erkennen, in all ihrer Unbedingtheit, denn in der Kunst gibt es keine Kompromisse. Nichts verkehrter, als sagen, man dürfe mit Künstlern nicht so streng ins Gericht gehen. Im Gegenteil, strenger noch als mit anderen, denn sie tragen die grössere Verantwortung vor dem Geist. Die Bewusstseinshelle des Einzelnen spielt da keine Rolle, um was es geht, weiss jeder. Was heut noch im Lande des Horst Wessel-Liedes künstlerisch zu produzieren versucht, muss kaputt[1] gehen. Nicht etwa, weil man die jüdischen Musiker vertrieben hat, sondern weil jegliches Schöpfertum im Antisemitismus vergiftet wird, wie die Pflanze, die dauernd verdorbene Luft atmet. Musik braucht saubere Luft, kann nur in ihr gedeihen.

Gewiss, es wird lange dauern, bis die Reinigung wieder vollzogen ist. Bis dahin steht die deutsche Musik vor einem grossen Vakuum. Heimatlos in der Heimat, heimatlos in der Fremde, ist sie ein armes Landstreicherwesen, für das diese Welt keinen Platz hat. Mag sie sich umso fester in sich sammeln und wahrhaft neu formen. Der Augenblick muss kommen, wo das, was jetzt noch als öffentlicher Musikbetrieb in Deutschland herumgespenstert, von seinen eigenen Würmern gefressen ist. Das wird der Augenblick sein, in dem es wieder eine deutsche Musik geben und diese deutsche Musik wieder eine Heimat haben wird.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: kaput