Gefangene Germaninnen

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Titel: Gefangene Germaninnen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 83,84
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1897) b 072.jpg

Gefangene Germaninnen.
Nach einer Originalzeichnung von F. Leeke

[83] Gefangene Germaninnen. (Zu dem Bilde S.72 und 73.) Wehe den Besiegten! Grausenerregend gellt der Ruf durch den Gau Germaniens, der, inmitten stiller Berge gelegen, jahrelang der Segnungen des Friedens sich erfreut hat. Nun hat sich jäh das Schicksal gewendet. Unvermutet waren in denselben römische Legionen eingebrochen und die Schar der Krieger, die sich dem Feinde entgegenwarf, wurde trotz her tapfersten Gegenwehr von der Uebermacht aufgerieben. Auf der Walstatt liegen die Helden, und die Sieger durchziehen raubend und sengend das Land. In ihre Hände ist auch eine Schar germanischer Frauen und Jungfrauen gefallen. Man hat sie in ein halbzerstörtes Blockhaus geführt und hier sollen sie warten, bis über ihr Schicksal entschieden [84] wird. Wehe den Besiegten! Wer wüßte nicht, daß Rom den Nacken der Bezwungenen ohne Erbarmen zu beugen pflegt! So hat sich namenlose Verzweiflung der Herzen der unglücklichen Germaninnen bemächtigt. Sie haben alles, alles verloren! Ihre Gatten und Brüder sind gefallen, in Flammen ist ihr Heim aufgegangen - sie sind der Willkür der Sieger preisgegeben, und schon naht der römische Feldherr, um sie als Siegesbeute unter seine Krieger zu verteilen. In diesem furchtbaren Augenblick, in welchem alle Familienbande zerrissen werden, die Mutter von der Tochter und die Schwester von der Schwester getrennt werden soll, rafft sich die Königstochter empor und harrt mit ungebeugtem Stolz dem Schicksalsspruch entgegen. Voll hehrer Frauenwürde überragt sie ihre Genossinnen und gebietet Achtung dem Sieger. Mit verschränkten Armen schaut der Feldherr auf die durch die Größe des Unglücks verklärte Gestalt. Er hat einen neuen Kampf zu bestehen. Diese Frauen sind nicht wehrlos; sie heischen Mitleid von dem Gewaltigen, und nur ein roher Barbar könnte Freude an einer weiteren Demütigung der schon so Tiefgebeugten empfinden. Die Entscheidung lesen wir aus den Zügen des Feldherrn heraus. Das Unglück wird ihn entwaffnen, er wird von der rohen Kriegssitte abweichen, wird Großmut üben und seinem frischem Lorbeerkranz ein neues Reis hinzufügen.