Gegenüber dem Jülichs-Platz

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Autor: unbekannt
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Titel: „Gegenüber dem Jülichs-Platz“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 295–297
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Eau de Cologne bzw. Kölnisch Wasser
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„Gegenüber dem Jülichs-Platz“.


Eigenschaften des Kölnischen Wassers. – Der Erfinder desselben und sein Stammbaum. – Absatz. – „Das Schlagwasser“. – Nachahmer und falsche Farina’s. – Der Name Farina als Handelsartikel. – Zahl der Kölnisch-Wasser-Fabriken. – Die Klosterfrau. – „Gegenüber“, „an“ und „bei“ dem Jülichsplatze. – Concurrentenkniffe.


Unter den unzähligen Gegenständen, welche zum Toilettetisch der feineren Welt gehören, nimmt das Kölnische Wasser (Eau de Cologne), zusammengesetzt aus den gewürzhaftesten, geistigsten Riechstoffen, welche die Pflanzenwelt erzeugt, den vornehmsten Rang ein. Während alle anderen Odeurs unter demselben Geschicke seufzen, welches von der Unbeständigkeit des schönen Geschlechts seinen Ursprung ableitet, weiß das Kölnische Wasser sich in der Gunst der Damen mit einer Beständigkeit zu behaupten, die den Neid eines verschmähten Liebhabers zu erwecken wohl im Stande ist. Worin liegt das Geheimniß dieser Erscheinung? Einzig und allein in jener Fülle guter Eigenschaften, welche sich in ihm gleichsam wie in einem Brennpunkte vereinigen, so daß man kühn behaupten darf: was der Diamant unter den Edelsteinen, das ist das Kölnische Wasser unter den Wohlgerüchen. Es hat zwar anscheinend etwas Triviales, wenn wir demselben eine echte Künstlernatur zuschreiben, und dennoch paßt dieser Vergleich gar trefflich; denn wie der Künstler die verschiedensten Stufen der Entwickelung und Abklärung durchmachen muß, bis er zur schlichten Einfalt der Natur zurückkehrt, gerade so ergeht es diesem Erzeugnisse einer noch in den Schleier des Geheimnisses gehüllten Destillirkunst: die mannigfaltigsten Düfte, welche die Blüthenkelche in ihrem Schooße bergen, nimmt es in sich auf, keinem dem Vorzug gebend, alle zu einem Strauße vereinigend, dessen Gesammtwirkung, jede vielleicht schädliche Einzelwirkung aufhebend, die Lebensgeister erfrischt und erquickt, und zwar leicht, rasch, feenhaft, denn kaum hat man seine Wohlthat empfunden, und jede Spur seines Daseins ist entflohen. Diese rasche Verflüchtigung, ohne einen bestimmten Geruch zurückzulassen, ist das charakteristische Merkmal der Echtheit des Kölnischen Wassers, während bei den unechten Sorten dieser oder jener Bestandtheil der Mischung so vorherrscht, daß seine Atome sich noch längere Zeit bemerklich machen. Von dem wirklich echten Wasser wird denn auch nur eine einzige Sorte verkauft, während die nachgemachten Fabrikate unter verschiedenen Qualitätsbezeichnungen in den Handel kommen.

Aber nicht allein seine Annehmlichkeit ist es, welche die große Gunst erklärt, in die sich das Kölnische Wasser hineingelebt hat, es besitzt auch neben denjenigen Eigenschaften, welche es zum erkorenen Liebling der feineren Welt machen, solidere, von Jedermann geschätzte. Es erfüllt eben so gern seine galante Mission auf dem Toilettetisch, wie seine humane am Krankenbette. Läßt man die kostbare Flüssigkeit in siedendem Wasser abdampfen, so reinigt sie den uns umgebenden Luftkreis von schädlichen Beimischungen, ohne daß, wie es bei anderen ähnlichen Mitteln der Fall ist, die Lungen durch verderbliche Gasarten vergiftet werden. Außer der Abdampfung in siedendem Wasser wird neuerdings auch noch eine sehr praktische Vorrichtung in Anwendung gebracht, welche in einem Fläschchen besteht, aus dessen Hals mittels eines luftgefüllten Guttaperchaschlauches und kleiner gläserner Röhrchen die aromatische Flüssigkeit herausgepumpt wird, welche sich als ein ganz feiner Staubregen verbreitet und die Atmosphäre würzig und wohlthuend für die Athmungsorgane macht; eine für Krankenstuben nicht genug zu empfehlende kleine Maschinerie. Und nun endlich in den eigentlichen Pflanzstätten der Ohnmachten und sonstigen Nerven-Affectionen, in den feineren Damen-Cirkeln, in denen oft vor einem einzigen unvorsichtig hingehauchten Worte die weiblichen Lebensgeister die Flucht ergreifen – was würde man in diesen wohl anfangen, wenn das Kölnische Wasser nicht sofort als Lebenswecker in die Schranken träte?

Wie man nun bei einem berühmt gewordenen Menschen gern nach seiner Herkunft und seinen Lebensschicksalen zu forschen pflegt, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist, so wünscht man auch über den Ursprung einer Erfindung Aufklärung, welche von einem so großen Erfolge begleitet ist.

Wir befinden uns in der Lage, auf authentische Forschungen gestützt, den Wissensdurst des geneigten Lesers und die leider schon zu lang unbefriedigt gebliebene Neugierde der geneigten Leserin so vollständig zu befriedigen, daß es in unserer denkmalsüchtigen Zeit nicht unwahrscheinlich wäre, es bildete sich, durch unsere warmberedten Worte angefeuert, ein Damen-Comité, um dem Erfinder jenes weltberühmten Odeurs ein Denkmal zu setzen. Wir hätten zunächst also die Frage zu beantworten, wer als der eigentliche Erfinder anzusehen ist oder doch das Recht der Anciennetät in Bezug auf die Erfindung nach den vorhandenen Documenten zu beanspruchen hat.

Die Archive der Stadt Köln, in früheren Jahrhunderten bei weitem nicht mit der Gewissenhaftigkeit geführt, welche auf subtile Streitfragen kommender Zeiten gebührende Rücksicht nimmt, geben erst im Jahre 1709 zuverlässige Kunde über den Familiennamen, mit welchem die Berühmtheit des Kölnischen Wassers unzertrennlich verbunden zu sein scheint. In jenem Jahre lebte nämlich in Köln gegenüber dem Jülichs-Platz der als Bürger aufgenommene Italiener Johann Maria Farina, geboren 1685 zu Santa Maria Maggiore im Thale Vigezza, District Domo d’Ossola, handelte mit Kurzwaaren, Kunstsachen, Seidenwaaren und Parfümerieen, verfertigte und verkaufte auch „Kölnisches Wasser“ und machte bald diesen Handelszweig, der, wie notorisch erwiesen ist, durch ihn zuerst bekannt wurde, zu seinem Hauptgeschäfte. Man kann also wohl nicht anders annehmen, als daß er auch der Erfinder des berühmten Arcanums gewesen ist.

Gleichzeitig mit dem oben angeführten Johann Maria Farina finden wir in den Archiven der Stadt Köln einen daselbst eingewanderten und als Bürger aufgenommenen Paul Feminis, in der kleinen Sporergasse wohnend, verzeichnet, welcher sich, jedoch erst später, als Johann Maria Farina, gleichfalls mit dem Verkauf von Kölnischem Wasser befaßte, so daß, wenn auch die Frage nach dem eigentlichen Erfinder angezweifelt werden kann, weil ihre endgültige Feststellung eben nur eine, obschon sehr sichere, Wahrscheinlichkeit hat, Johann Maria Farina doch als der erste Verbreiter des „echten“ Kölnischen Wassers bezeichnet werden kann. Wie sehr aber schon zur damaligen Zeit der Glaube an die Echtheit des neuen Handelsartikels in dem Namen „Farina“ Wurzel geschlagen hat, beweist der Umstand, daß wir die Firma Paul Feminis erlöschen und die Nachkommen dieses Namens eifrig bestrebt sehen, ihre Waare unter dem schon berühmt gewordenen Namen „Farina“ auf den Markt zu bringen. Auf diese Weise sind bedeutende Kölnisch-Wasser-Firmen entstanden, die noch heute eifrige Concurrenten desjenigen Geschäftes sind, welches sich mit Recht als das älteste in dieser Branche bezeichnet und die Firma trägt: „Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz“.

Vom Jahre 1709 an, in welchem, wie bereits erwähnt, der Gründer dieser Firma in die rheinische Metropole einwanderte, läßt sich der Stammbaum desselben bis auf den gegenwärtigen Chef des Hauses genau verfolgen, und um auch den Wissensdurst der Genealogen zu stillen, geben wir hierüber folgende authentische Mittheilungen.

Johann Maria Farina associirte sich im Jahre 1725, nachdem sein Geschäft bereits eine Ausdehnung gewonnen hatte, welche seine Kräfte überstieg, mit seinem Bruder Johann Baptist Farina, den er aus Italien hatte kommen lassen. Dieser starb jedoch schon sechs Jahre später, worauf sich Johann Maria mit dem Sohne desselben verband, welcher damals zweiundzwanzig Jahre alt war und die Vornamen seines Oheims Johann Maria führte, der zugleich sein Pathe war. Der Neffe überlebte den Oheim, welcher 1766 das Zeitliche segnete und seinem Compagnon einzig und allein seinen Handel und das Geheimniß der Bereitung des Kölnischen Wassers testamentarisch hinterließ. Johann Maria setzte das Geschäft seines Oheims bis zu seinem im Jahre 1792 erfolgten Tode fort und vererbte dasselbe auf seine drei Söhne: Johann Baptist, Johann Maria und Karl Anton Hieronymus. Im Jahre 1806 starb Johann Maria, nachdem er seinen Geschäftsantheil den beiden ihn überlebenden Brüdern vererbt hatte, und im Jahre 1830 trat Johann Baptist seinen Antheil seinem Sohne Johann Maria ab, welcher jedoch schon drei Jahre später starb, worauf die Wittwe desselben ihm als Geschäftstheilhaberin folgte. Karl Anton Hieronymus übertrug im Jahre 1841 seinen Geschäftsantheil seinem Sohne Johann Maria, dem jetzigen Chef des Hauses.

[296] Der Absatz des echten Kölnischen Wassers ist anfänglich und bis die vorzüglichen Eigenschaften desselben zu allgemeiner Anerkennung gelangt waren, ein beschränkter gewesen; derselbe wuchs indeß allmählich mit seinem Rufe. Eine höchst günstige Epoche für diesen Industriezweig führte hauptsächlich der siebenjährige Krieg herbei. Die Franzosen nämlich, welche damals die Rheinlande besetzt hatten, bedienten sich, leidenschaftlich nach allen Galanteriegegenständen haschend, sofort des Kölnischen Wassers bei der Toilette und verbreiteten seinen Ruf rasch nach Frankreich und über einen großen Theil Deutschlands. Von da ab wurden die Versendungen immer allgemeiner, erstreckten sich bald über ganz Europa und endlich nach allen Weltgegenden, so daß also auch in dieser Hinsicht jene traurigen Kriegsjahre der Stadt Köln zum Segen gereichten, denn das Kölnische Wasser bildete allmählich im Laufe der Jahre einen der bedeutendsten Handelsartikel der Stadt, wenn auch die Berichte der Handelskammer keine bestimmten Ziffern über den Verkauf angeben, weil die Fabrikanten eine erklärliche Furcht vor der Statistik haben, welche jedenfalls von der Concurrenz in der einen oder anderen Weise benutzt werden würde. Unsere westlichen Nachbarn sind bekanntlich bestrebt, im fremden Lande Alles nach ihrer Schablone umzumodeln, und so mußte sich auch das Kölnische Wasser durch sie eine Art Wiedertaufe gefallen lassen und sich nunmehr Eau de Cologne nennen, eine Bezeichnung, die jetzt eben so verbreitet, wenn nicht verbreiteter ist, als die ursprüngliche deutsche, neben welcher es wegen seiner günstigen Wirkungen bei Schlaganfällen auch noch die mehr locale Bezeichnung „Schlagwasser“ führte.

Wie aber die Lorbeeren Philipps von Macedonien seinen Sohn nicht schlafen ließen, so erweckte auch die enorme Verbreitung und der vortheilhafte Ruf, welchen sich das echte Kölnische Wasser rasch erwarb, die kaufmännische Speculation und ließ dieselbe alsbald auf Herstellung eines ähnlichen Fabrikates sinnen. So kam es, daß viele Nachahmer, theils in Köln, theils auswärts, entstanden sind und sich die Meisten einer Firma „Farina“ bedienen, welche sie sich durch allerlei Kunstgriffe zu verschaffen gewußt, ohne je mit dem Erfinder oder dessen Nachfolgern in der mindesten Verbindung gestanden zu haben. Welche Mittel im Einzelnen hierzu angewandt worden sind, erhellt aus Folgendem.

Schon am Ende des vorigen Jahrhunderts verkaufte und übertrug ein damals in Düsseldorf wohnender Karl Franz Farina seinen Namen einem Kölner Handelsmann, der nun sofort unter dieser neuen Firma seine Waare an den Markt brachte. Kaum war dieses eine Beispiel statuirt, als auf gleiche Weise nach und nach durch denselben Farina noch sechs andere Häuser unter ähnlicher Firma mit verschiedenen Vornamen entstanden. Von nun an begann, sowohl in Köln selbst, als auch auswärts, der Mißbrauch, den Namen „Farina“ zu verkaufen und zu übertragen, in größerem Maßstabe, wozu später auch ein gewisser Johann Georg Maria Farina von Düsseldorf und neuerdings dessen Söhne wesentlich die Hand boten; ja, Viele bedienten sich sogar dieses Namens, ohne auch nur irgend einen Schein von Berechtigung dazu zu haben. Im Jahre 1819 bestanden, laut Amtsblatt der Regierung zu Köln, sechzig Fabriken von Kölnischem Wasser, die meistens unter dem Namen „Farina“ betrieben wurden, während nur drei Fabrikanten diesen Namen zum Familiennamen hatten. Nicht nur das Kölnische Wasser, sondern auch der Name „Farina“ war Gegenstand der Industrie und des Handels geworden.

Die Verfertigungsweise des echten Kölnischen Wassers in der Zusammensetzung des „Johann Maria Farina“ ist jedoch nie, weder von diesem selbst, noch von einem seiner Nachfolger anderen Personen mitgetheilt worden, als denen, die das Geschäft ererbt und fortgeführt haben, und das Vorgeben, als sei das Geheimniß der Fabrikation durch chemische Zerlegung bekannt geworden, verdient keinen Glauben, weil es feststeht, daß die Wissenschaft noch nicht dahin gelangt ist, auf analytischem Wege eine Mischung ätherischer Oele nach Qualität und Quantität zu bestimmen.

Gleichzeitig mit dem Gründer des Hauses Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz oder wenige Zeit nachher waren auch andere Mitglieder der Familie Farina – ein Name der in Italien sehr häufig vorkommt – in die Gegend von Köln gezogen und hatten sich in Maestricht und hauptsächlich in Düsseldorf niedergelassen. Von letzterem Orte siedelte zu Ende des Jahres 1750 Johann Anton Farina nach Köln über und ließ sich im Hause zur „Stadt Mailand“ nieder. Nach seinem Tode setzte sein ältester Sohn Joseph Anton das Geschäft „zur Stadt Mailand“ fort, während der jüngere, Johann Maria, die Firma „Johann Maria Farina, zur Stadt Turin“ gründete. Ein Mitglied dieses Familienzweiges, Johann Maria Farina, errichtete 1806 eine Kölnisch-Wasser-Fabrik in Paris.

Im Jahre 1828 entschieden die preußischen Gerichte, daß es ungesetzlich sei, einen bloßen Namen wie eine Waare zu verkaufen. Einige der bis dahin entstandenen Pseudo-Farinas setzten nun ihren Handel unter eigenem Namen fort, Andere ließen denselben, der ohne die frühere Firma keinen Werth für sie hatte, eingehen; die Meisten aber sannen auf neue Mittel, den richterlichen Erlaß zu umgehen und sich dem todten Buchstaben des Gesetzes gegenüber sicher zu stellen. Man ging nach Italien und veranlaßte Leute mit dem Namen Farina, entweder selbst oder durch Bevollmächtigte in Köln zu erscheinen und Gesellschaftsverträge zur Gründung von Kölnisch-Wasser-Fabriken unter der Firma „Johann Maria Farina“ oder auch mit anderen Taufnamen zu vollziehen, wobei die gedachten Italiener – meist Landleute und oft sogar des Schreibens unerfahren – nichts als eben den Namen „Farina“ herzugeben hatten. Da jedoch die meisten dieser Gesellschaftsverträge durch die Art ihrer Fassung unverkennbar den Charakter von Scheinverträgen offenbarten, so ist es auch bereits vorgekommen, daß die Gerichte solche Verträge auf Anrufen der Parteien für ungültig erklärten. Die meisten derselben wurden aber schon kurz nach ihrem Abschlusse wieder aufgelöst, und in dem Auflösungsvertrage dann stipulirt, daß dem Kölner Associé die Firma verbleiben solle, der Italiener dagegen mit einer geringen Summe Geldes abzufinden sei.

Auf diese Weise nun entstanden aufs Neue eine Menge Firmen „Farina“. Aber auch außerhalb Köln, und namentlich in Staaten, deren Gesetze dem Ausländer keinen Schutz gegen solchen Mißbrauch gewähren, ist der Name „Farina“ fast mit dem „Kölnischen Wasser“ identisch geworden und wird auf jede beliebige Weise zur Täuschung der Consumenten gebraucht. Von den jetzt in Köln bestehenden achtundvierzig Kölnisch-Wasser-Fabriken handeln allein sechsunddreißig unter dem Namen Farina. Zu denjenigen Fabriken, welche unter anderen Firmen auftreten, gehört wohl in erster Reihe die Firma „Maria Clementine Martin, Klosterfrau.“ Das Gebäude, in welchem das Geschäft sich befindet, liegt dem Westportale des Domes gegenüber und gehört zu den Prachtbauten der Stadt. Es ist in spätgothischem Styl mit einigen Anklängen an das Niederländische nach dem Plane des Professors und Oberbaurathes Schmidt, früher in Mailand, jetzt in Wien, ausgeführt. Eine Filiale dieses Geschäftes befindet sich in der Nähe des Südportals der Metropolitan-Domkirche. Nach einer etwas romanhaft klingenden Erzählung soll eine Carmeliter-Nonne, Schwester Maria Clementine Martin, in den zwanziger Jahren von einer Italienerin Namens Paula Feminis das Recept zur Anfertigung des echten Kölnischen Wassers erhalten haben. Der Vater dieser Paula Feminis soll die Erfindung im Kerker gemacht, jedoch später nicht die Kraft gehabt haben, dieselbe auszuführen. Als die Klagen der Franzosen während des siebenjährigen Kriegs in den Rheinlanden über den schlechten Geruch in den Straßen Kölns (ein Uebelstand, welcher, nebenbei bemerkt, auch deutsche Nasen noch heutzutage sehr empfindlich berührt) überhand nahmen, bereitete die Nonne das Recept im Hause des damaligen Bürgermeisters Adrian von Scheven, in welchem sie wohnte, und der Bürgermeister besänftigte durch das neue Parfüm, das den feinen Nasen der Franzosen sehr behagte, den Zorn des commandirenden Generals. Es bestätigt diese Erzählung jedenfalls, daß die Franzosen es gewesen sind, welche vorzugsweise den Anstoß zu der enormen Verbreitung des Fabrikates gegeben haben.

In einem ähnlichen Prachtbau in dem gothischen Style, wie sich derselbe nach zahlreichen in Köln befindlichen Vorbildern zu einem specifisch kölnisch-gothischen entwickelt hat, wird gleichfalls eine Kölnisch-Wasser-Fabrik betrieben, und zwar unter der Firma: „Franz Maria Farina.“ Das Gebäude liegt in der Glockengasse, in der Nähe der Post und des Polizei-Präsidiums. Leider beeinträchtigt die Enge der Straße den Eindruck dieses schönen Bauwerkes.

Wir haben oben von der Usurpation des Namens Farina gesprochen; dabei ist jedoch die Concurrenz nicht stehen geblieben: auch der langjährig ausschließliche Zusatz „gegenüber dem Jülichs-Platz“ [297] wurde zu Täuschungen benutzt. Um das mit den Localitäten und Verhältnissen nicht vollkommen vertraute Publicum zu hintergehen und irrezuleiten, klammerte sich die Concurrenz an das Wörtchen „gegenüber“ an, und ließen sich Mehrere in der nächsten Nachbarschaft vom Jülichs-Platz nieder, um so den vollen Zusatz „gegenüber dem Jülichs-Platz“, wenn auch der Wahrheit zuwider, zu benutzen. Gerichtlich verfolgt, sahen sie sich den Gebrauch des Wortes „gegenüber“ untersagt; der Zusatz „gegenüber dem Jülichs-Platz“ wurde als ausschließliches Eigenthum der Firma „Johann Maria Farina“, welche jenen Zusatz zuerst gebraucht hat, in höchster Instanz zuerkannt. Seitdem sucht man durch andere Wörtchen, wie „an“ oder „bei dem Jülichs-Platz“ und unter Hinzufügung einer Hausnummer das Verlorene möglichst zu ersetzen. Eine zwar weiter liegende, aber wohl nicht minder auf Irreleitung abzweckende Erfindung ist es ferner, daß verschiedene Fabrikanten ihre Geschäfts-Locale an anderen öffentlichen Plätzen der Stadt etabliren, um so auf ihren Adressen und Etiketten den Zusatz: „gegenüber dem und dem Platze“ gebrauchen zu können, hinsichtlich des Eigennamens „Jülich“ auf die Vergeßlichkeit oder Unachtsamkeit der Consumenten speculirend, und dies um so mehr, als sie ihre Etiketten in Form, Papier, Schrift etc. denjenigen der Firma „Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz“ gänzlich nachbilden.

Die Einführung des allgemeinen deutschen Handels-Gesetzbuches, welches bekanntlich am 1. März 1862 in Kraft trat, hat durch die im dritten Titel „Von Handelsfirmen“ handelnden Bestimmungen, Art. 15 bis 27, dem Handel mit Firmen allerdings Einhalt gethan und auch Bestimmungen getroffen, durch welche die rechtmäßigen Inhaber bestehender Firmen geschützt sind. Nichts desto weniger werden auch diese Bestimmungen umgangen, und es entstehen nach wie vor neue Firmen „Farina“. Alle neuen Firmen jedoch, und wenn sie auch selbst den Namen „Johann Maria Farina“ tragen, müssen sich deutlich von der Firma „Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz“ unterscheiden. Dieselben Bestimmungen gelten in Oesterreich, Frankreich, Belgien und England.

Aber nicht allein die genannte Firma ist der Gegenstand unausgesetzter Nachahmungen, sondern auch deren Familienwappen, Fabriksiegel, sowie das Facsimile der Unterschrift und selbst die Abbildung des Wohnhauses, ja man hat geradezu die Firma „Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichsplatz“ auf die Etiketten gedruckt mit dem über derselben in kleinster Diamantschrift angebrachten Wörtchen „nach“. Leider hat hier unsere Handelsgesetzgebung eine bedauerliche Lücke; sie tritt zwar für den Firmen-Schutz, nicht aber für den sogenannten „Marken-Schutz“ in die Schranken. Der Unbefangene, der die Flaschen, Etiketten und Umschlagzettel, kurz, die ganze äußere Erscheinung des Fabrikats des „ältesten Destillateurs“ mit denjenigen vieler seiner Concurrenten vergleicht, wird, wenn er sie nicht beim ersten Anblicke für ganz gleichartig hält, jedenfalls über die auffallende Aehnlichkeit staunen.

Wer der freien Entwickelung des Handels und der Industrie, wie wir, im ausgedehntesten Sinne des Wortes zugethan ist, der achtet gewiß jede ehrenhafte Concurrenz, allein die Art und Weise, wie die Concurrenz, mit wenigen löblichen Ausnahmen, in der Kölnisch-Wasser-Fabrikation auftritt und durch Lug, und Trug das Publicum täuscht, wird von keinem Ehrenmanne gebilligt werden können und steht in der Geschichte des Handels zweifelsohne einzig da.

Ein Mittel aber, und wohl das gehässigste, welches viele Concurrenten in Köln zu ihrem Nutzen und zum Nachtheile der Firma „Johann Maria Farina, gegenüber dem Jülichs-Platz“ anwenden, ist die übermäßige Bezahlung von Lohndienern, Droschkenkutschern und anderen sich dem Reisenden anbietenden Führern, welche unkundige Fremde, die sich mit „echtem“ Kölnischen Wasser versehen wollen, ihrem Hause zuführen. Nicht selten wird dem Fremden irgend ein Verkaufslocal als eine Niederlage, ja sogar als die Fabrik des ältesten Destillateurs bezeichnet. Diese anscheinend nicht unerlaubten Mittel führen nicht minder als die früher aufgezählten Lug und Trug im Gefolge, denn da dem Führer nicht selten der dritte Theil des Verkaufspreises als Provision zufällt, so ist ein solcher Erwerb, welchen man als den eines modernen Wegelagerers bezeichnen könnte, zu verlockend, als daß der Reisende nicht unter allerlei Vorspiegelungen und falschen Ortsangaben häufig irre geführt würde. Fast täglich bewährt sich diese Thatsache.

Schließlich noch einige Worte über die Bereitung der berühmten wohlriechenden Flüssigkeit.

Es ist im Grunde zwar eine sehr einfache und stets sich gleich bleibende Manipulation, welche man die Fabrikation des Kölnischen Wassers nennt, wie dies auch nicht anders sein kann bei einem Artikel, welcher seinen Hauptruhm in die Stabilität seiner vortrefflichen Eigenschaften setzt. Von einer Verbesserung der Qualität durch fortgesetzte Analysen und Versuche kann gar keine Rede sein. Man kann von verschiedenen Qualitäten nur in Bezug auf die Mischung besseren oder schlechteren Spiritus mit den feinsten oder geringeren Sorten von Essenzen sprechen, dann aber auch noch in Bezug auf das Alter des Kölnischen Wassers, denn es steht notorisch fest, daß sich dasselbe, wenn es gut verschlossen verwahrt wird, durch längeres Lagern verbessert, indem die ätherischen Oele sich immer mehr im Spiritus auflösen und enger mit demselben verbinden und der eigentliche Weinsprit sich in seinem Geruch ebenfalls durch das Alter mildert, d. h. verfeinert. In dem Hause „Johann Maria Farina, gegenüber dem Jülichs-Platz“ wird, wie schon bemerkt, nur eine einzige Sorte, aus dem besten französischen Weinsprit und den feinsten Essenzen bereitet und gerade durch jahrelanges, Lagern verbessert. Die Mischungen sind es, welche in ihren ersten Instanzen das eigentliche Geheimniß der Fabrikation bilden. Das Recept zu denselben wird denn auch mit Recht wie ein Kleinod vom seltensten Werthe unter Verschluß gehalten, und das Laboratorium, in welchem die geheimnißvollen Arbeiten der ersten Mischungen eigenhändig vom Chef des Hauses vorgenommen werden, macht auf den mit einiger Phantasie begabten Fremden, dem es gestattet ist, dieses Allerheiligste des Geschäftes zu betreten, einen eigenthümlichen, fast möchte man sagen feierlichen Eindruck.

Daß auch manche Concurrenten des „ältesten Destillateurs“ in Köln ein Fabrikat produciren, bei welchem nur ein fein unterscheidender Geruchssinn einen wesentlichen Unterschied in der Qualität herausriechen kann, geben wir gern zu. Der regelmäßige und daher wählerische Consument wird wohl wissen, welchem Fabrikanten er den Vorzug zu geben hat, während bei der großen Masse leider noch immer der Spruch gilt: „Mundus vult decipi, ergo decipiatur.“ (Die Welt will getäuscht sein, also werde sie getäuscht.)