Gegen das Nichtuntersuchen und das Nichtuntersuchtseinwollen der Patienten

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Gegen das Nichtuntersuchen und das Nichtuntersuchtseinwollen der Patienten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 399-400
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[399]
Aerztliche Strafpredigten.
Nr. IV.
Gegen daß Nichtuntersuchen und das Nichtuntersuchtseinwollen der Patienten.

„Nein! ich lobe mir einen homöopathischen Arzt, der ist doch sauber und appetitlich, fühlt mir höchstens nach dem Pulse und besieht allenfalls meine Zunge, Sie greifen aber gleich überall hin und Alles an und wollen sogar nach Allem sehen.“ So sprach eine Dame zu mir, und glaubte mich recht tüchtig abgetrumpft zu haben, während sie mir doch gar nichts Schmeichelhafteres sagen konnte. – Denn, das merke sich der Leser, nur der ist ein wirklich wissenschaftlich gebildeter und gewissenhafter Arzt, welcher nicht nur die Kranken selbst, sondern auch die Stoffe, welche dieselben von sich geben, genau untersucht. Hierzu ist ihm aber die Hülfe der physikalischen und chemischen Untersuchungsmethode (das Besichtigen, Befühlen, Beklopfen und Behorchen), so wie das Mikroskop ganz unentbehrlich. – Der Patient, welcher sich der nöthigen ärztlichen Untersuchung nicht unterwirft, ist ein thörichter, gewissenloser Mensch, dem sein Leben und seine Gesundheit nichts gilt. Dieser Vorwurf trifft am meisten Frauen, besonders aus höheren Ständen, die aus ganz unangebrachter Prüderie oder sogen. Schamhaftigkeit dem Arzte im Zimmer kaum den verhüllten Körper zu beklopfen und zu behorchen erlauben, während sie sich doch gar nicht geniren, auf Bällen vor den Augen Vieler zum großen Theile unverhüllt zu erscheinen. Wie viele Jahre leiden nicht manche, der Untersuchung sich widersetzende Frauen, trotz ihrer öfteren, kostspieligen und doch ganz erfolglosen Badereisen und Curen, bei gewissen Krankheiten ganz entsetzlich und werden aller Lebensfreuden und Hoffnungen verlustig, ja lassen nicht selten den Keim des Todes in sich allmählich aufkommen, obschon sie bei genauer Untersuchung und richtiger örtlicher Behandlung in einigen Wochen vollständig geheilt sein könnten.

Schmach und Schande über solche Aerzte, welche des leidigen Gewinnes und der Bequemlichkeit wegen oder überhaupt aus irgend welchen Rücksichten Patienten, besonders aber Patientinnen (was immer für eines Standes) ununtersucht, auf gut Glück hin behandeln. Meine tiefste Verachtung aber hiermit den Aerzten, welche Kranken, ohne sie je gesehen zu haben, brieflich ärztlichen Rath ertheilen. Leider gibt es selbst unter den promovirten Heilkünstlern solche gewissenlose, der öffentlichen Verachtung werthe Wichte, die schon auf die blos vom Patienten bemerkbaren, niemals zur Erkennung des Uebels hinreichenden Krankheitserscheinnngen hin par distance Curen unternehmen. Ich begreife nicht, wie in Staaten mit gesundheitspolizeilichen Einrichtungen derartige subtile Todtschläger, die nebenbei sehr oft mit ihrer Charlatanerie den Armen ihr sauer erworbenes Geld aus der Tasche stehlen, geduldet, ja hier und da sogar begünstigt werden können. Denn daß es zur Zeit noch solche unvernünftige Menschen geben sollte, welche behaupten könnten, zur richtigen Behandlung einer Krankheit sei eine durch genaue Untersuchung des Kranken erlangte Kenntniß vom Sitze und von der Beschaffenheit des Uebels entbehrlich, das mag ich zur Ehre des Menschenverstandes nimmer glauben. Geben sich doch sogar manche der aus dem Heilen ein Geschäft machenden, ganz unwissenschaftlichen Laienblödsinnsmediciner, nämlich Homöopathen, geradezu ihrem homöopathischen Principe zum Hohne, den Anschein, als ob sie gerade so wie die wissenschaftlich gebildeten Aerzte ihre Kranken untersuchten. Ich sage, sie geben sich den Anschein, denn könnten sie wirklich untersuchen, dann wären sie keine Homöopathen, weil sie die Homöopathie verachten müßten.

Einige Fälle aus dem praktischen Leben mögen das Gesagte bekräftigen. – Ein seit Jahren Schwerhöriger mit Sausen vor den Ohren hat sein Leiden, nach der Aussage seines Arztes, in Folge von Blutandrang (Congestionen) nach dem Kopfe; es wird ihm deshalb gehörig Blut abgezapft, der Darmcanal (um vom Kopfe dahin abzuleiten) tüchtig auspurgirt und die Kost immer mehr geschmälert. Als endlich der gerade noch wie früher leidende Patient, durch die Cur bleich und mager geworden, selbst auf die Idee kommt: „jetzt habe ich ja bald gar kein Blut mehr, was nach meinem Kopfe dringen kann“, und deshalb andere ärztliche Hülfe sucht, ergibt sich bei Untersuchung des äußern Gehörganges, daß ganz hinten in demselben, dicht vor dem Trommelfelle ein Pfropf von eingetrocknetem Ohrenschmalze sitzt. Nach Entfernung desselben konnte Patient gut hören, und das Summen vor den Ohren war weg. – In einigen andern, ebenfalls leicht zu heilenden Fällen [400] trug Verstopfung der Ohrtrompete oder Vergrößerung der Mandeln Schuld an ähnlichem und ebenso einfältig behandeltem Leiden.

„Tag und Nacht werde ich von einer entsetzlich juckenden Flechte gräßlich gepeinigt, und noch haben mich weder innere noch äußere Mittel davon befreien können.“ So seufzt ein der Verzweiflung Naher und kratzt sich die Haut blutig. Und was ergibt die genaue Besichtigung des Ausschlages durch das Vergrößerungsglas? Nichts als thierische Schmarotzer (Insekten), nach deren Tödtung das Uebel sehr bald gehoben ist.

An sogen. Hämorrhoidalbeschwerden Leidende werden oft jahrelang erfolglos mit innern Mitteln malträtirt, und aus einem Bade in das andere geschickt. Nachdem so große Summen unnütz vergeudet wurden und lange Zeit das Leben getrübt worden ist, lehrt die Ocularinspection des Darmes, daß ein Geschwür oder eine Geschwulst in demselben die erschöpfenden Blutungen und unerträglichen Schmerzen veranlaßten. In kurzer Zeit erzielt hier eine örtliche Behandlung radicale Heilung.

Einem von Kurzathmigkeit und Husten geplagten Kranken räth der homöopathische Arzt, da er wegen unterlassener Untersuchung der Brust die Ursache dieser Krankheitserscheinungen (nämlich eine Lungenentzündung) nicht kennt, in die freie, frische, kühle Lust zu gehen. Das Uebel verschlimmert sich danach; und was sind die Folgen von diesem schlimmen Rathe? Ein Theil der von Entzündungsproducten verstopften Lunge wird nicht blos für’s ganze Leben unbrauchbar, in Folge von Verhärtung des verstopfenden Entzündungsproductes (was bei warmer Luft in der Regel zerfließt und dann aus der Lunge entfernt wird), sondern es erkranken auch nach und nach, wegen des gestörten Lungenblutlaufes, noch manche andere wichtige Organe, unter denen sich besonders das Herz und die Nieren befinden, so daß auf diese Weise endlich allgemeine Wassersucht entsteht und das zu Anfange heilbare Leiden zum unheilbaren wurde. Was ist nun wohl von einem solchen Heilkünstler zu halten, der nur die auch den Laien in die Augen fallenden Krankheitserscheinungen mit homöopathischen Nichtsen zu heben trachtete, aber gar keine Idee von dem eigentlichen krankhaften Vorgange im Körper unseres Patienten hatte? Sollte er diese Zeilen lesen und verstehen, so nehme er sammt allen seinen, ihre Kranken nicht untersuchenden Genossen hiermit meine tiefste Verachtung entgegen.

Zur Zeit der Cholera sind, sogar unter den Augen ganz ehrenwerther Aerzte, eine Menge Menschen durch Gift (besonders durch Arsenik und Kupfer) hingemordet und mit dem Todtenscheine als an der Cholera Gestorbene begraben worden. Die meisten Giftmorde fallen stets in eine Cholerazeit, weil diese Krankheit fast ganz dieselben Symptome wie die (Arsenik- und Kupfer-) Vergiftung mit sich führt. Nur eine genaue Untersuchung des Entleerten kann hier die Vergiftung von der Krankheit unterscheiden und die Heilung (durch Gegengifte) ermöglichen.

„Eben macht mein Mann das Testament, denn der Brand ist ihm in den Leib getreten.“ Mit diesen Worten empfängt den Arzt die Frau eines schwer kranken Mannes, der schon seit Wochen an hartnäckiger, allen Abführmitteln Trotz bietender Leibesverstopfung, an bedeutender Auftreibung des Bauches und Leibschmerzen behandelt wurde. Und woher dieses Leiden? Ein verschluckter Knochen hatte die Verstopfung des Darmes veranlaßt; nach Entfernung dieses Hindernisses und des angehäuften Darminhaltes vernichtete der Geheilte das Testament.

Bei kleinen Kindern mit sogenannten Hirnkrämpfen wird von solchen Aerzten, die nicht genau untersuchen oder nicht zu untersuchen verstehen, sofort gegen Hirn- oder Hirnhautentzündung mit Calomel und Blutegeln an den Kopf losoperirt und, – da in sehr vielen Fällen jene Krämpfe gar nicht von einem Leiden im Kopfe, sondern von Krankheiten dieses oder jenes Brust- oder Unterleibsorganes herrühren, und nur durch Ueberstrahlung (Reflex) der Nervenreizung vermittelt sind, – gar oft nicht unbedeutend geschadet. Ja geradezu gemordet werden solche kranke Kinder durch die genannten Mittel, wenn Blutarmuth des Gehirns die Ursache jener Krämpfe ist.

Einem jungen Manne soll wegen eines Zungenkrebses nach dem Beschlusse mehrerer Herren Doctoren die Zunge abgeschnitten werden, da führt der Zufall einen jungen rationellen Arzt herbei, der die Zungengeschwulst genau untersucht und in Folge der richtigen Erkennung und Heilung des specifischen Uebels (mittels Jod-Quecksilbers), dem Kranken die Zunge und wahrscheinlich auch das Leben rettete. Hätte das ein Homöopath mit seinem Nichts auch gekonnt? Nimmermehr!

Wie viele von Uebelkeit oder Brechen befallene Menschen schon an eingeklemmten Bruchschäden deshalb gestorben sind, weil der Arzt den schmerzenden Leib gar nicht oder zu spät und ungenau untersuchte, schäme ich mich als Arzt den Laien einzugestehen. Stände es aber in meiner Macht, dann würde jeder Arzt, der durch eine solche Nachlässigkeit oder Unwissenheit Schuld am tödtlichen Verlaufe einer Brucheinklemmung trüge, als Mörder bestraft. Dies ginge auch den Homöopathen so, welche in solchen Fällen anstatt rechtzeitiger chirurgischer Hülfe ihren lächerlichen Hokuspokus in Anwendung brächten.

Welche Nachtheile für die Gesundheit, ja für das Leben, eine ungenaue oder unterlassene Untersuchung bei Frauenkrankheiten nach sich zieht, läßt sich hier nicht weiter auseinander setzen. Verächtlich sind mir die Aerzte, welche ohne genaue Kenntniß des Leidens einer Patientin diese oder jene Cur (besonders gern Franzensbad) anrathen; für prüde Närrinnen erkläre ich aber die Patientinnen, welche sich der ärztlichen Untersuchung nicht unterziehen wollen.

Aus diesen wenigen Fällen, denen ich aber noch eine große Menge anderer anreihen könnte, wird hoffentlich der verständige Leser ersehen, daß das Erste und Wichtigste bei Behandlung einer Krankheit „eine genaue Untersuchung des kranken Körpers von Seiten des Arztes“ sein muß. Da nun, um eine solche Untersuchung anstellen zu können, jahrelanges Studium und Uebung durchaus nothwendig ist, so liegt es wohl auf der Hand, daß nicht jede alte Frau oder jeder mit lebensmagnetischem Hauche curirender Bummler Arzt sein kann. Verstanden?
Bock.