Geisterhumbug in Paris

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Textdaten
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Autor: F. B.
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Titel: Geisterhumbug in Paris
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 670-671
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[670] Geisterhumbug in Paris. Auch in diesem Jahre erbarmte sich der Himmel der in dem modernen Babylon sich langweilenden Sterblichen und sandte den in ihrer Noth nach Neuem und Aufregendem, wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm, haschenden Parisern die Gebrüder Davenport, die amerikanischen Geisterbeschwörer, Medien oder wie sie sich sonst nennen mögen. Paris ist gerettet, der ersehnte Stoff zur Unterhaltung ist gefunden. „Haben Sie die Gebrüder Davenport gesehen? Was halten Sie von ihnen? Sind es nur geschickte Taschenspieler oder sollte wirklich etwas Wahres an ihrer Geisterlehre sein?“ so fragt man sich nun seit fast drei Wochen an allen Punkten der Stadt. Wer auf diese Weise in einer Stadt, die sich gern die erste Stadt der Welt nennt, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken im Stande ist, verdient wohl, daß man sich etwas ausführlicher mit ihm beschäftigt.

Die vor einer Reibe von Jahren in Europa spukenden Tischrücker und Geisterklopfer haben bekanntlich in dem gastlichen Amerika eine Zufluchtsstätte gesunden. In einem Lande, wo das Lächerliche sich dreist neben dem Erhabenen zeigt, wo Barnum, der Wundermann, Washington’s Amme für Geld sehen läßt und bei ähnlicher Industrie Reichthümer über Reichthümer erwirbt, da kommt es auf ein paar Excentricitäten mehr oder weniger nicht an. Wir konnten also die Geisterklopfer und Medien unbeachtet lassen, so lange sie ihre Thätigkeit auf ihr neues Vaterland beschränkten. Jetzt aber, da uns Amerika zwei junge und eifrige Apostel herübersendet, um uns von Neuem mit der hier ganz in Vergessenheit gerathenen Geisterklopferei zu beglücken, jetzt ändert sich die Sache.

Charakteristisch ist, daß weder die Brüder Davenport, noch andere sogenannte Medien sich genau über die Art und Weise ihres Verkehrs mit der Geisterwelt aussprechen. „Unsere Lehre ist neu und noch höchst unvollkommen. Wir tappen selbst im Dunkeln. Wir wissen nichts, wir fühlen nur außer uns gewisse uns unbekannte und unerklärliche Kräfte, die wir zu gewissen Zeiten durch unser bloßes Wollen uns unterthänig machen.“ So ungefähr sind die geheimnißvollen Auslassungen dieser neuen Sectirer, die dann der gläubige Chor der Getreuen zu einem trefflichen, vollständig ausgearbeiteten System ergänzt. Man spricht von den Geistern der Abgeschiedenen, man citirt Moses oder Mohammed, um eine Unterhaltung mit ihnen anzuknüpfen, und es fehlt nur noch, daß man die Geister mit eigenen Sinnen sieht und fühlt, um über ihr Dasein und ihre gefällige Bereitwilligkeit außer allem Zweifel zu sein. Die Gebrüder Davenport erklären sich, wie gesagt, in dieser Beziehung selbst vollkommen unwissend und beantworten alle darüber an sie gerichteten Fragen nur mit den Worten: „Kommt und seht.“ Die Vorstellungen, welche zuerst in einem Privatcirkel vor einem den besten Kreisen der Gesellschaft angehörigen kleinen Publicum stattfanden, begannen vor ungefähr drei Wochen in einem der eleganten Landhäuser der Rue de la Pompe in Passy, unweit Paris. Ein sehr achtbarer, vollkommenen Glauben verdienender Augenzeuge berichtet über eine dieser ersten Sitzungen das Folgende:

„Einer erhaltenen Einladung zufolge begab ich mich Montag Abend, begleitet von meinem Freunde O., in das Landhaus des Herrn D., des gastfreundlichen Wirthes der Brüder Davenport. Man führte uns in das zur Vorstellung bestimmte Zimmer und ließ uns unserm Wunsche gemäß allein, um uns, die wir als Skeptiker vom reinsten Wasser bekannt waren, [671] die nöthige Zeit zu lassen, Alles, was sich an Instrumenten und sonstigen Gegenständen im Zimmer befand, nach unserem Gefallen zu untersuchen. Wir bemerkten zwei Guitarren, eine Violine, ein Tambourin, drei ziemlich große Glocken, zwei Stangen Siegellack, zwei Bogen weißes Papier und einen Bleistift, nicht im Geringsten von allen gleichnamigen Gegenständen in der Welt unterschieden, außerdem einen aller besondern Kennzeichen entbehrenden Pappbecher, mehrere durchaus untadelhafte, höchst solide Stricke und endlich einen aus leichtem Holz gearbeiteten Schrank ohne Auszüge und innere Abtheilungen, der, etwa vierzehn Zoll über dem Fußboden auf x förmigen Untersätzen ruhend, weder mit der Decke noch den Wänden in Verbindung stand. An der Vorderseite des etwa fünf und einen halben Fuß hohen, sechs und einen halben Fuß breiten und zwei Fuß tiefen Schrankes öffnen sich drei Thüren, zwei derselben sind gefüllt, die mittlere ist mit einer rautenförmigen Oeffnung versehen. Im Innern des Schrankes sind drei zu Sitzbänken dienende, in gleichmäßigen Entfernungen durchlöcherte Bretchen angebracht, von denen sich eins im Hintergrunde, zwei zu beiden Seiten befinden. Um dreiviertel auf zehn Uhr sahen wir die Frau Gräfin K., den Grafen C. und mehrere andere allgemein bekannte, ehrenwerthe Persönlichkeiten eintreten; wenige Minuten später erschienen die Brüder Davenport, zwei braungelockte, ein wenig magere, eher kleine als große junge Leute, von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, begleitet von ihrem Landsmann und Schwager Fay, und um zehn Uhr begann die Sitzung.

Die beiden Brüder stiegen zunächst in den beschriebenen Schrank und setzten sich, einander gegenüber, auf die an den Seiten angebrachten Bretchen. O., der sich einer besondern Fertigkeit im Knotenbinden zu erfreuen glaubte, übernahm es, den einen der Brüder anzubinden, während ich mich bemühte, die gleiche Operation in recht gründlicher Weise mit dem andern vorzunehmen. Wir banden ihnen zuerst die Hände kreuzweise hinter den Rücken, zogen dann die Stricke vier bis fünf Mal durch die in die Bretchen gebohrten Löcher und um ihre Beine herum und beschlossen diese Procedur mit einer Reihe äußerst stramm angezogener Knoten. Man löschte nun die Lichter aus und ließ blos eine Lampe brennen, deren durch einen rosafarbenen Papierschirm gedämpfte Flamme den Saal nur matt erleuchtete. Ich stieg jetzt meinerseits in den Schrank und nahm zwischen den beiden Brüdern auf dem Bretchen im Hintergrunde Platz, Herr Fay band mir die Hände auf die Schenkel meiner beiden Nachbarn und setzte mir auseinander, daß ich auf diese Weise am besten beobachten könnte, ob die letzteren die geringste Bewegung zu machen versuchten. In diesem Augenblick wurde der oben erwähnte Pappbecher mit pfeilschneller Bewegung in die Mitte des Saals geschleudert, die drei Schrankthüren schlossen sich und ich befand mich in der tiefsten Finsterniß. Warum sollte ich nicht gestehen, daß mein Herz lauter als gewöhnlich schlug, als sich, unmittelbar nach dem Schließen der Thüren, ein ohrzerreißender Lärm im Innern des Schrankes hören ließ? Man klimpert auf den Guitarren, man kratzt auf der Geige, die Glocken klingen und die Schellentrommel rasselt dazwischen. Eine unsichtbare Hand zwickt mich am Schnurrbatt, eine andere Hand reißt mir in aller Geschwindigkeit meine Halsbinde ab. Die Guitarren fangen jetzt an, um meinen Kopf herumzutanzen und mich mit solcher Heftigkeit zu schlagen, daß ich den einen der Brüder, die beiläufig kein Wort Französisch sprechen, ganz deutlich ausrufen höre: „gently, gently!“ (sachte, sachte). Das Tambourin, als ob es mir auch seine Gegenwart beweisen wollte, steigt mir auf die Kniee, klettert mir an der Brust empor und bleibt schließlich auf meinem Kopfe sitzen, und eine der Glocken drängt sich mir zwischen Weste und Hemd an den Leib. Man öffnet die Thüren, die Lichter werden wieder angezündet, das Tambouriu sitzt auf meinem Kopfe, meine Halsbinde liegt zu meinen Füßen, die Glocke steckt in meiner Weste, und die Brüder Davenport sind nach wie vor angebunden. Meine Hände sind noch immer an ihre Schenkel geschnürt, die sich, wie ich versichere, nicht ein einzigen Mal bewegt haben. Die beiden Brüder werden losgebunden und zeigen lächelnd ihre von dem allzustarken Anziehen der Stricke übel zugerichteten, mit Blut unterlaufenen Handgelenke. Da einer der Anwesenden den Wunsch geäußert hatte, an meiner Stelle in den Schrank zu treten, so wurden die Brüdcr von Neuem angebunden, mit dem Unterschiede aber, daß man ihnen diesmal die Handflächen mit Mehl bestreute. Die beschriebenen Erscheinungen wiederholten sich sämmtlich, ohne daß auch nur ein Korn von dem Mehl verschüttet worden wäre. Durch die in der mittlern Schrankthür angebrachte rautenförmige Oeffnung sahen wir zu wiederholten Malen nackte Arme und bleiche, riesiggroße Hände zum Vorschein kommen.

Nach einer viertelstündigen Pause schritt man zum zweiten Theil der Sitzung, der bei vollständiger Finsterniß ausgeführt wird. Diesmal setzten sich einer der Brüder D. und ihr Schwager Fay auf mitten im Saal stehende Stühle, worauf ihnen die Hände hinter den Stuhllehnen festgebunden wurden, man besiegelte die Knoten mit dem Petschaft des Grafen C., und um keine Vorsichtsmaßregel unangewandt zu lassen, schob man jedem der Festgebundenen einen Bogen weißes Papier unter die Füße, woraug die Umrisse ihrer Stiefeln genau mit Bleistift abgezeichnet wurden. Die Umstehenden wurden nun aufgefordert, sich die Hände zu reichen, und wir bildeten eine Kette, an welche sich derjenige der Brüder D., der nicht angebunden war, anschloß. Man löschte die Lichter diesmal sämmtlich aus, und nun beginnt ein wahrer Hexensabbath. Die Guitarren, vorher leicht mit Phosphor überstrichen, fangen an gleich ungeheueren Nachtschmetterlingen durch den Saal zu fliegen. Die Glocken, die Violine, die Trommel und der Pappbecher folgcn ihrem Beispiel, tanzen, die unsinnigsten Figuren bildend, in der Luft herum, drängen und stoßen sich an einander, gegen die Wände, gegen die Decke, purzeln wieder herunter, kriechen uns an den Leibern empor, setzen sich uns auf die Köpfe und beginnen von Neuem ihre abenteuerlichen Luftpromenaden, während wir zu gleicher Zeit unsere brennend heißen Hände von eiskalten Händen ergriffen und gepreßt fühlen. Die Frau Gräfin K. hält eine Uhr in ihrer geschlossenen Hand. Eine Hand öffnet ihr die fünf Finger einen nach dem andern und entreißt ihr die Uhr, um dieselbe einer am andern Ende des Saals befindlichen Dame in die Hand zu drücken. Man fordert mich auf, meinen Rock auszuziehen, ich thue es, und gleich darauf hören wir ein Geräusch, wie das Auffliegen eines Rebhuhns. Auf ein gegebenes Zeichen wird ein Licht angezündet. Alles stürzt hastig herbei, die beiden Medien sitzen unbeweglich auf ihren Stühlen, die Hände hinter der Lehne festgeschnürt. Davenport ist mit meinem Rock bekleidet, die Siegel sind unverletzt, und die erwähnten Bleistiftgrenzen um keines Haares Breite überschritten.“

Soweit der, wie gesagt, durchaus glaubwürdige Augenzeuge. Soll man nun glauben, daß die Gebrüder Davenport im Besitze übernatürlicher Kräfte sind? Gewiß nicht, aber man kann nicht umhin, die wirklich erstaunliche Gewandtheit dieser kecken Taschenspieler zu bewundern. Die bisher nur in engern Kreisen erörterte Geisterfrage fing an, nach Erzählungen, wie die angeführte, die öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, und wer weiß, wie viele leicht erregliche Naturen dem ihnen angeborenen Hang zum Wunderbaren zum Opfer geworden wären, wenn nicht inzwischen die bekannte komische Scene im hiesigen Saal Herz, von der die Zeitungen bereits mannigfach berichtet haben, das amerikanische Brüderpaar um ein gut Theil ihrer entstehenden Berühmtheit gebracht und es als das dargestellt hätte, was es ist – Humbugler, zu deutsch Schwindler. Die im Saal Herz erwartete Vorstellung sollte öffentlich und diesmal nicht kostenfrei sein. Das Pariser Publicum, im Allgemeinen mehr neugierig als gläubig, hatte sich trotz der hohen Eintrittspreise sehr zahlreich eingefunden, seine Neugier sollte aber nur theilweise befriedigt werden. Ehe nämlich die Brüder D. ihre übernatürlichen Künste produciren konnten, drängten sich einige wenig zurückhaltende Zuschauer zur Besichtigung des geheimnißvollen Schrankes vor, und einer der eifrigsten, welcher nach kurzer Untersuchung an einem der oben beschriebenen Bretchen eine verborgene Feder entdeckte oder entdeckt zu haben glaubte – denn die Thatsache ist nicht genügend aufgeklärt – rief, sich an die versammelte Gesellschaft wendend, mit Stentorstimme: „Meine Herren, man will uns auf’s Schmählichste mystificiren.“ Der Zauber war nun gelöst, das Publicum erhob sich lachend und pfeifend, erhielt auf Einschreiten der Polizei das gezahlte Eintrittsgeld wieder und ging nach Hause. Seit der Zeit hat man nun in öffentlichen Blättern und in mündlichen Unterhaltungen viel über die „entlarvten Gaukler“ gewitzelt, und schon deswegen ist ein durchgreifender Erfolg dieser im Dunkeln arbeitenden Prestidigitateurs kaum noch zu befürchten; denn wer die Lacher nicht auf seiner Seite hat, kann in Paris auf keinen großen Anhang rechnen. Das letzte Wort ist aber in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen. Die Brüder D. betrachten sich durchaus nicht als geschlagen, und es fehlt nicht an Narren und Neugierigen, die ihren angeblich übernatürlichen, bis jetzt aber jedenfalls als vollständig nutzlos erwiesenen Experimenten beiwohnen. Die Vorstellungen haben bis heute ungehindert fortgedauert, doch wurden, wie die Blätter auch schon mitgetheilt haben, um eine Wiederholung der obigen Auftritte zu vermeiden, nur sechzig auf bestimmte Namen lautende Billets zu je dreißig Franken ausgegeben, und während ich dieses schreibe, wird eine zweite, vollständig öffentliche Sitzung, Eintrittsgeld zehn und fünfzehn Franken, angekündigt. Sie sehen, wenn die Brüder Davenport uns die Segnungen ihrer Geisterlehre theilen lassen wollen, so geht ihr Eifer nicht weit genug, ihr eigenes Interesse darüber zu vergessen.

F. B.