Genua und die sardinischen Hülfstruppen

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Titel: Genua und die sardinischen Hülfstruppen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 252-255
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Genua und die sardinischen Hülfstruppen.

Ich habe Genua, die „Königin der Paläste“, in dem großen mittelländischen Meerbusen, in drei ganz verschiedenen Kostümen und Rollen gesehen, zuerst in seiner alltäglichen Pracht und Herrlichkeit, als ich im Juli vorigen Jahres mit der Eisenbahn von Turin eingelaufen war. Diese Eisenbahn ist einer der größten Triumphe seiner Art. Durch unübersteigliche Hindernisse, durch Ketten himmelhoher Gebirge, Felsen durchbohrend, Abgründe überspringend, tiefe Thäler ebnend, labyrinthische Windungen gerade streckend, verbindet sie jetzt spielend die schönsten Theile des herrlichen Piemont, die früher sich ferner lagen, als London und New-York. Sie ist das beste Monument des eisernen Regierungswillens, der ziemlich einsam gegen viele, scheinbar unbesiegbare Feinde zu kämpfen und sich zu bewähren verstand.

Anfangs fliegt der dampfbeschwingte Zug über üppiges Wald-, Wiesen- und Weideland an Heerden und malerischen Hütten und Dörfern vorbei. Aber bald zeigt sich das Land in seinem wahren Charakter: Berge, Gebirge, dunkele Wald- und Felsenschluchten steigen auf. Die Lokomotive donnert hinein und der Widerhall ihres fieberischen Athems kracht wie prasselndes Kanonenfeuer. Plötzlich wird es ägyptische Finsterniß, durch welche Lokomotive und Waggons blindlings hinstürzen, ohne sich zu fürchten. Manchmal blitzt ein grelles Licht vom Himmel in die Tiefe, verschwindet aber sofort wieder, bis die betäubenden Donner und die lichtlose Nacht in den Appenninnen plötzlich verschwinden und der Zug in ein Licht und ein Panorama herausschießt, das betäubt und trunken macht, ehe man es ordentlich sehen kann.

Der italienische Himmel blühte in seinem höchsten, reinsten Lichte. Es war um drei Uhr Nachmittags, als wir aus dem Gebirge herausdonnerten und den Palast-Halbmond Genua’s zwischen dem blendenden Meere und den ungeheuern Gebirgslagern im Rücken schimmern und sich strecken sahen. Prächtige Villa’s, hängende Gärten, Terrassen voller Statuen, dunkellaubiger Citronen, Weingärten und Springbrunnen klettern an den finstern Gebirgswellen hinauf bis zu den stacheligen Forts und Festungen, die mit unzähligen schwarzen Augen herausfordernd umherblicken, als wollten sie sagen: daß es Niemand wagt, meine Palast- und alte Handelskönigin hier unten anzutasten! – Sie beherrscht zwar nicht mehr die Oceane, aber noch tragen ihre Wogen eine respektable Flotte von Kauffahrteischiffen aller Zonen und Nationen aus und ein. Der unaussprechlich heitere, wolkenlose Himmel Italiens lacht darüber hin und spiegelt sich in tiefen, azurnen Tinten auf dem strahlenden Meere, das vor Freude zittert unter seinem unaussprechlichen, blauäugigen Lächeln.

Ueber eine deutsche Meile weit kam uns die grandiose Architektur Genua’s entgegen. Wir durchflogen eine lange Vorstadt von stattlichen Palästen, die von Gärten und Grotten, von Statuen, zwischen Orangen und Myrrthen umgeben, den wohlthuendsten Eindruck von Reichthum und Geschmack, von Bildung und Schönheit ausstrahlen. Nachdem wir so eine Weile durch Licht und Schönheit, Größe und Neuheit hindurchgeflogen waren, fing die Lokomotive an, langsamer zu athmen. Alles rückt und regt sich in den Waggons, ein schrillender Pfiff, ein Stoß und der Zug steht und öffnet seine Thore.

Unter einem Wirrwar zudringlicher Cicerone’s wähle ich mir den ältesten und würdigsten aus und lasse mich geduldig führen, aber nicht eher, bis ich „Genua im Kleinen“, den „Auszug Genua’s“, den „Palazzo del Principe“, gerade dem Eisenbahnhofe gegenüber, mit vollen Zügen bewundert habe. Ueber diesen feenhaften Colonnaden, auf diesen Terrassen, die über das Meer hinausragen, zwischen den Meisterwerken Pierino del Vaga’s wandelte und waltete vor drei Jahrhunderten Andrea Doria, der gewaltige Doge, welcher selbst Rom erstürmte, und stürzte die Verschwörung des Fiesko in’s Meer. – Dann geht es über eine Piazza, wo das Meer schöner noch, als vorher, herauflächelt, Straßen hinab zwischen Marmorpalästen hindurch an ungeheueren Kirchen vorbei, durch deren offene Thüren Wachskerzengeruch dringt und deren Licht die erhabenen Schiffe und goldenen Decken schwach und phantastisch erleuchtet, in eine hohe, lange, enge, dunkele Straße hinein, die kaum zwei Menschen an einander vorbei läßt und doch von Menschen und Eseln, von feilen Blumen und Früchten, Juwelierläden, Conditoreien, Priestern und Soldaten, von graziösen, weißschleierigen Damen und malerisch angeputzten Bauermädchen wimmelt, durch noch engere Windungen hindurch in einen großen Hof mit Arcaden und schwarzen und weißen Marmortreppen, hinauf in eine freskogemalte Halle, von der ein Kellner mich in ein Zimmer führt. Ich war im Gasthofe, wo es sehr lebendig und lustig, recht gesprächig und anständig zuging.

Den folgenden Tag kam mir die „Stadt der Paläste“ noch imposanter und schöner vor. Sie trug eine so alte, stattliche und doch so modern lebendige Physiognomie. Die Größe und der Glanz der Vergangenheit ist noch nicht verwittert, die Marmor-Architekturen glänzen noch, die Statuen schimmern noch weiß aus dem quelligen, saftigen Grün, und zugleich zeigt sich das gegenwärtige Geschlect äußerst rührig und thätig, um an allen Arbeiten, Produkten und Genüssen der jetzigen Kultur Theil zu nehmen. Keine Ruinen, kein Verfall. Noch geht es hoch und glänzend her hinter den Marmorwänden in freskogemalten Hallen; auf den Straßen wimmelt es von dichter Bevölkerung und blendend schönen Damen, die wegen ihres geschmackvollen Putzes, ihrer vornehmen Blässe und ihres graziösen Ganges in wallenden Kleidern mit dem langen, transparenten „pezzoto“ weit und breit berühmt sind, obgleich sie in Gesichtsbilung den feingemeißelten Toskanerinnen und runden, blitzäugigen Schönen Roms nachstehen sollen. Ich zog vor, den Abend im Freien zu genießen und bereuete es nicht. Auf die vereinsamte Aquasola stieg der Mond im hellsten Glanze hernieder und gab den prächtigen, architektonischen Formen, Bäumen und Statuen umher neue Reize. Aus dem Hintergrunde sahen die Gebirge mit riesigen, geisterhaften Gesichtern herab. Umherwandelnd [253] zwischen den klaren, mondscheinversilberten Umrissen dieser Schönheit kam ich gegen Mitternacht in einen erleuchteten Concert-Garten, die Concordia, wo die vornehmen Damen nach der Oper unter Bäumen kühle Nacht und warme Liebe genießen, scherzen und lachen, als gäbe es kein Leid und keinen Haß in der Welt. Und wie zauberisch duften die blühenden Orangen dazwischen und wie verführerisch lächeln die gewissenlosen, nackten Statuen heidnische Lebenslust! Das ist Italien, Italien in seiner Schönheit und Poesie. Das häßliche, das historisch verdammte Italien mit seinen ausgebrannten Kratern der Geschichte werden wir leider auch kennen lernen.

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Sardinische Truppen auf der cornischen Straße zwischen Nizza und Genua.

Als solches sollte ich Italien in Genua’s zweiter Rolle während meiner Anwesenheit sehen. Am 22. Juli Morgens lief eine erbleichendes Flüstern durch die Stadt. „Die Cholera, die Cholera! Sie ist hier!“ Unter den Galeerensklaven des Arsenals waren einige Fälle vorgekommen, aber sorgfältig verschwiegen worden. Sie griff jedoch mit stärkerer Wuth das dort stationirte Militär an, und verbreitete von da aus über Palast und Bettelstab, Hütte und Herrlichkeit einen panischen Schrecken, von dessen Wirkungen man sich in dem moralisch kräftigeren, reinlicheren Norden schwerlich eine Vorstellung machen kann. Der Mond schien Abends auf leere Straßen und bleiche, fliehende Gestalten. Die prächtige, lebenslustige Stadt sah wie ein zum Tode verurtheilter Verbrecher aus. Die Behörden fingen am folgenden Morgen mit Riesenkraft an, das Ungeheuer zu entwaffnen. Sie eröffneten Hospitäler, trieben Nonnen aus ihren Klöstern, um Krankenanstalten daraus zu machen, bildeten medicinische Commissionen, Apotheken zu unentgeltlicher Vertheilung von Medicin, Suppen-, Speise- und Kleiderschenkungsanstalten und Reinigungs-Compagnien, Alles zu spät. Die Schmutzhaufen und stagnirenden Mistpfützen in den engen hohen Straßen, die Verwahrlosung der Menge unter einer bildungsfeindlichen Hierarchie und conservativem Adel trieb jetzt unerbittlich seine Consequenzen. Von 120,000 Einwohnern waren in vierundzwanzig Stunden über 40,000 geflohen, zunächst alle Reicheren, deren Paläste, Geschäfte und Läden geschlossen waren, so daß für die Zurückgebliebenen aller Verkehr, aller Erwerb abgeschnitten blieb. Auf „Berge des Erbarmens“ („Monte di Pieta“, wie das Regierungsleihhaus genannt wird) wurden in den nächsten acht Tagen für [254] mehr als 300,000 Thaler Sachen versetzt, um den Aermeren Mittel zur Flucht zu verschaffen. Von nun an sah man die Straßen und Wege alle Tage mit Karavanen von Familien besäet, die mit Bündeln und Kindern auf dem Rücken, in benachbarten Dörfern dem Tode zu entgehen suchten, obgleich die Seuche dort oft noch gräßlicher wüthete.

Die Straßen, die Gärten, die Vergnügungsplätze, vor wenigen Tagen noch voll von Glanz und Freude und silbernem Gelächter, lagen jetzt erstarrt, ein Tummelplatz des Pöbels und der Unzufriedenen, welche aus ihren Verstecken und Höhlen hervor kamen, um sich in aller Bestialität zu offenbaren. Die Regierung sah sich sogar genöthigt, die Ruh- und Rücksichtslosesten für schweres Geld zu beschäftigen und sie in Todtengräberbanden, „Becchini“ zu organisiren. Noch heute schauert der Genueser zusammen, wenn er nur das Wort hört. Die Becchini heulten und tranken und herrschten mit ihren rumpelnden Todtenkarren allein durch die schweigende Stadt. Des Nachts sangen, tranken und rauchten sie und donnerten betrunken an jede Thür mit Gebrüll: „Todte ’raus! Todte ’raus!“ Wo noch kein Todter war, legte sich nun Einer nach dem Andern vor Schreck hin, um stumpf und hartnäckig gegen gebotene Hülfe an der Seuche zu sterben. Die Becchini zogen dem Todtenkarren voraus, damit dieser nicht aufgehalten werde. So warteten sie, trinkend und heulend, nicht selten auf dem Haufen der sarglosen, gesammelten Todten sitzend, auf deren Verladung und Ausfuhr. Die Leichen wurden nicht selten auf das Steinpflaster hingeschleudert, daß Knochen zerbrachen. Und wie sahen sie aus, diese Becchini! Entstellte, halb nackte Ausgeburten der Unterwelt mit fliegendem, wirrem Haar, großen, schmutzigen Bärten, braun und gelb im Gesicht, nie gesehen vorher und nur wie auf Geheiß der Seuche aus der Erde gewachsen, in der That das erwachte, Fleisch und Bein gewordene böse Gewissen großer Städte und schlechter Regierung. Letztere hat sich zwar gerade in Sardinien allein durch treues und tapferes Festhalten an freiern Institutionen, wie sie das Jahr 1848 gebar, vor allen italienischen Regierungen ausgezeichnet, aber sie konnte dadurch die Produkte langer Vernachlässigung und Kulturunterdrückung, die feindliche Priesterschaft und die Reaktion der politisch und social Bevorzugten nicht plötzlich beseitigen, so daß sie ein nicht selten in der Geschichte vorkommendes Beispiel von Freiheit und Emancipation des Volkes gegen den Willen des Volkes geben mußte und zum Theil noch muß. Gerade während der Cholera mußte sie die besten, energischsten Institutionen zum Wohle des Volkes erzwingen und vertheidigen und konnte doch Viele nicht dahin bringen, davon Gebrauch zu machen. Sie vertheilte täglich außer Medicin, Eis u. s. w. für 500 Thaler schönes, weißes Brot, sie ließ alle Kleider und Betten der Verstorbenen räuchern und säubern und gab inzwischen neue dafür; sie bot den Aermsten in den schmutzigsten Höhlen bessere Wohnungen, sie ließ Straßen, Höfe, Häuser, Stuben, Treppen fegen, anstreichen, scheuern, kurz sie that Alles, um die Massen materiell und moralisch gegen die furchtbare Seuche zu rüsten; aber man weigerte sich, die alten Schmutzhöhlen zu verlassen, man goß die gebotene Medicin den Aerzten in’s Gesicht und schlug dieselben nicht selten halb todt, weil sie meinten, die Regierung bediene sich der Cholera, der Medicin u. s. w. nur, um das Volk zu vergiften und so zu schwächen, daß es nicht wieder Revolution machen könne. –

Vom Anfange bis zum Ende schrie der Pöbel, daß die Cholera ein Machwerk der piemontesischen Partei sei. Sie lasse des Nachts vergiftete Raketen steigen, welche dann auf die Stadt herabfielen. (Solche Raketen hatte man allerdings nicht selten gesehen, man sagt auf Veranlassung der genuesischen Reaktionäre gegen die Regierung, um dann das Gerücht auszusprengen.) Andere Reaktionäre nährten den Volksglauben, daß die Cholera eine Strafe des Himmels für die freie Verfassung, für das „Festhalten an der Revolution“, für Preßfreiheit und religiöse Toleranz sei. Wieder Andere behaupteten, sie sei eine besondere Strafe für die Waldenser-Ketzerei, eine protestantische Partei, die man dulde, und hatten schon ein förmliches Blutbad gegen dieselbe in Bereitschaft, welches nur durch energische Maßregeln der Polizei- und Militärbehörden verhindert ward. Das Beste thaten die Waldenser selbst durch Gründung von Hospitälern für Unglückliche jedes Glaubens und durch heroisches und edeles Benehmen überhaupt während der ganzen Schreckenszeit, besonders ihres Pastors, eines Flüchtlings von Neapel.

Am Schlimmsten hatten’s die Aerzte. Sie wurden öfter öffentlich auf der Straße als „Vergifter“ überfallen und gemißhandelt, besonders wenn sie Medicin umsonst boten. Nicht selten wurden sie an den Betten von Sterbenden gezwungen, die Medicin, die möglicher Weise den Tod besiegen konnte, selbst zu trinken. In einem Landdistrikte hatte der Syndicus, der etwa mit einem deutschen Landrath zu vergleichen ist, die Lehre verbreitet, daß die Regierung sich der Eisenbahn von Turin und Genua bediene, um Schlangen und Kröten in letztere Stadt zu schaffen, sie dort von Aerzten in Raketen verwandeln und des Nachts steigen zu lassen, um so das Choleragift herab zu senden und zu verbreiten.

Ein englischer Maler, der einige Meilen von Genua von Bauern skizzirend und mit einer Flasche Cognac angetroffen ward, galt sofort als Vergifter, und konnte sich vor der Wuth des gesammelten Volks blos durch Flucht in ein Haus retten, wo er sich vertheidigte, bis Polizei ankam. Hunderte und aber Hunderte, die auf Stroh in öden Höhlen starben, weigerten sich hartnäckig, sich in Hospitäler bringen zu lassen, wenn nicht sie selbst, so doch ihre Angehörigen. Von der Straße in Hospitäler Transportirte bissen noch in den letzten blauen Zügen des Sterbens Zähne und Lippen zusammen, wenn der Medicinlöffel über ihnen schwebte. Selbst das sanfte, ermahnende Wort der „barmherzigen Schwestern“, von deren Heldenthum und Aufopferung man Wunderdinge erzählt, war nicht immer im Stande, den schmutzigen Panzer des Aberglaubens und der scheußlichen geistigen Verwahrlosung zu durchbrechen oder zu öffnen. Außerdem verdarb die Geistlichkeit viel mit ihrem „olio santo“, dem heiligen Oele oder der letzten Oelung, welche mit jedem eingebrachten Kranken immer zuerst vorgenommen ward, ehe die Aerzte herankamen, damit er nicht ohne Sacrament sterbe. Nach der Oelung gaben aber die Meisten sofort alle Lebenshoffnung auf, so daß mit der innern Naturspannung auch die in jedem Menschen thätige Recreationskraft zusammen fiel, und sie starben, weil die belebende Hoffnung, der Wille erstorben war.

So starben bis zum 14. September von dem zurückgebliebenen Drittel der Bevölkerung, etwa 80,000, nicht weniger als 3600. Die Sterblichkeit, in London in demselben Grade angenommen, würde etwa 90,000 Opfer der Cholera gefordert haben. Reinlichkeit, Bildung und Freiheit ließen aber 85,000 davon am Leben und führte die Macht der Seuche auf 5000 zurück. Unter ähnlich gebildeten Massenverhältnissen würde Genua nicht so viel Hunderte verloren haben, als Tausende fielen.

Insofern kann die Cholera überall als ein Barometer der Kultur verschiedener Völker und Städte gelten. Es ist eine tausendfach erwiesene Wahrheit: „Je mehr Kultur, je mehr Wohlstand, Reinlichkeit, Einsicht, Verstandes- und Willenskraft, je mehr materielle und moralische Ventilation und Bewegung im Volke, desto mehr Lebenskraft, desto mehr Berechtigung zu dem Ausrufe: Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg! – Und umgekehrt. Stagnation, Verbot, Hemmung der materiellen und gedanklichen Circulation ist Mord, ist Tod, ist künstliche Veruntreuung des allgemeinen Lebenscapitals und der Freuden und Genüsse dieser Erde.

Im September und October fingen Vertrauen, Hoffnung und Personen an zurückzukehren, aber die Stadt trug noch lange ihren Trauerflor. Tausende waren dahin gerafft worden und die Ueberlebenden bewiesen in ihrem schleppenden Gange, ihren abgehärmten, gelben Gesichtern, was sie gelitten. Erst mit dem neuen Jahre erholte man sich, und als die Regierung mit England und Frankreich ein Bündniß geschlossen und sich verpflichtet hatte, 20,000 Mann für die Krim beizutragen, zog Genua als Hauptversammlungsort und Hafen für die Expedirung der Truppen einen neuen Adam an. Und so sah ich es in seiner dritten Rolle, als Dritten im Bunde der westlichen Civilisation gegen den Osten, einem Bündnisse, das wider Wissen und Willen doch noch am Ende von der Macht der Consequenz getrieben wird, sich wirklich an die Kultur des Westens und deren Interessen zu wenden, wenn sie nicht mit Schande und Ruin dieser Kultur aus dem verlotterten Kampfe zurückkehren will.

Während des März schon fingen die Truppen an, sich in Genua zu sammeln, kräftige, stämmige Söhne der Gebirge von Savoyen, bäuerische Kinder der fruchtbaren Thäler von den achtzehn Betten des Po und seiner Nebenflüsse, lebhafte kleine Kerle von der französischen Grenze mit einem seltsamen Mischdialect von Italienisch und Französisch, womit sie bei ihren Liebeserklärungen, die sie überall ohne Complimente anzubringen suchten, unauslöschliches [255] Gekicher und Gelächter erregten, gelbe, graue und blaue Truppen mit ungemein viel theatralisch geputzten Offizieren. Die Einzüge, die Einquartierungen, die Exercitien, die Manoeuvres und Paraden, die schmetternde Regimentsmusik, das Wirbeln der Trommeln, das schwere Gepolter der Kanonen zwischen den Marmorpalästen, das Liefern, Kaufen, Verladen und Packen auf den Schiffen, die Ankunft der englischen, kolossalen Kriegsdampfer, welche die 17,500 Mann Soldaten, 1000 Offiziere, 3000 Pferde und 146 Wagen und Kutschen mit entsprechenden Vorräthen von Munition und Lebensmitteln aufnehmen sollten, die Wallfahrten nach diesen Dampfern, das lustige Umherklettern von Damen und Herren, Kindern und Greisen in diesen labyrinthischen Wasserpalästen, das Wimmeln von Booten, Gondeln und Kähnen zwischen diesem Wirrwar und diesen schwimmenden Giganten mit wehenden Schleiern, flatternden Federbüschen, blitzenden Epaulettes und Waffen – das gab eine buntscheckige Fülle von Scenen, Freuden und Aufregungen, von Lust- und Trauerspiel, das sich bis Ende April fortwährend steigerte und beim successiven Absegeln der 25 englischen Dampfer und mehrerer kleiner Segelschiffe einen Grad von Ausdehnung und Reichthum erreichte, wofür ein breiter Pinsel mit mehr Raum und Talent gehört, als uns zugemessen sein mag.

Der Wein und der Kuchen, der in den glänzenden Salons der englischen Kriegsschiffe von blassen, schönen Damen verzehrt, das Italienisch und das Englisch, das dabei von beiden Seiten in höchster Galanterie geradebrecht ward, die erotische Gracie und Lebhaftigkeit der Genueserinnen und der Elite von Turin, Alba, Cherasko, Alessandria, Dego, Voltri, Rocco und anderer ferner und benachbarter Städte, gegenüber der steifen Unbeholfenheit der enchantirten englischen Marineoffiziere – gäbe in einer guten Auswahl vortreffliche Genrebilder. Für den tragischen Theil würden die leidenschaftlichen, herzzerreißenden Abschiede der Mütter, Frauen, Bräute und Geliebten von ihren Söhnen, Gatten und Auserkornen sorgen. Ich habe Scenen gesehen, die unwillkürlich zum herzlichsten Mitweinen führten, herrliche, blühende, göttliche Gestalten, die dem abgestoßenen Boote mit zarter Hand lächelnd noch einige Male nachwinkten und dann ohnmächtig oder convulsivisch zusammen sanken oder in herzzerreißendes Jammergeschrei ausbrachen, zuweilen, ohne daß sich eine mitleidige Seele in dem Gedränge um sie bekümmerte, so daß man unwillkürlich schließen mußte: Du bleibst allein zurück mit deinem unsäglichen Schmerz und wirst dich abgrämen und einst die Todtenlisten studiren, bis der Name deines geliebten Sohnes oder Auserkornen dir in die Augen und wie ein Dolch in’s Herz fährt. Ach, wie viele Tausende solcher Dochstöße hat der Krieg schon in England, Frankreich, Rußland, der Türkei, Kleinasien und Aegypten, auf den schönsten Theilen der Erde in schuldlose Herzen geschleudert. Alles um die „vier Punkte?“

Die Sardinier, die Genueser schienen im Allgemeinen nichts von den vier Punkten zu wissen, wenigstens nichts zu halten. Die Theilnahme an dem Kriege war nur in sofern populär, als man hoffte, es müßte dabei etwas herauskommen, neues Leben, neuer Glanz auf dem Meere für den alten Ruhm der Republik Genua. Die Genueser betrachten sich immer noch gern als etwas Apartes für sich, als „gewesene“ meerbeherrschende Republikaner, doch ist der König und seine Regierung durch sein energisches, consequentes Benehmen, durch die einsame, aber furchtlose Vertheidigung der neuen Institutionen seines herrlichen Landes, das an Größe Preußen nichts nachgiebt, jetzt beliebter geworden. Und General Alphonso della Marmora, der Chef der ganzen Hülfs-Armee, hat das seltene Glück, als rechte Hand des Königs und als Freund des Volks zugleich in allgemeiner hoher Achtung zu stehen.

Ich wollte noch eine Schilderung meines Ausflugs nach Nizza, in die kosmopolitische Lebensverlängerungsanstalt der Lungenkranken gehen, unterlasse es aber aus Fülle von Weg. Ja, der Weg am Meere hin von Genua ist allein ein Heldengedicht der Natur. Haben Sie schon von der cornischen Straße zwischen Genua und Nizza gehört? Ich schicke Ihnen ein Stück davon mit, wie ich es in einem genuesischen Journale fand, das die Gelegenheit der Truppenmärsche wahrnahm, um eine der trotzigsten Parthien dieser Felsenstraße dicht am Meere in dieser Bekleidung zu vergegenwärtigen. Oft führt ein schmaler Weg in die Felsen gehauen 6 bis 800 Fuß in gerader, steiler Höhe am unbegrenzten Meere hin, das unten donnert und weit in die Höhe schäumt, ohne daß sich diese starren Massen rühren. Zuweilen führt sie gerade ziemlich steil bergauf, zuweilen in Windungen, zuweilen durch Thore, die durch Felsen gehauen wurden. Man muß diese Meeres- und Felsen-Poesie sehen, um sie nur zu glauben. Deshalb überlasse ich sie ihrer eigenen Größe, um noch ein Wort von dem lebendigen Felsen zu sagen, der die sardinischen Hülfstruppen commandiren wird.

Alphonso della Marmora ist der militärische Fels für die bis dahin einsame und angefeindete liberale Verfassung Sardiniens und jedenfalls der populärste Mann in der Armee. Er sieht wie ein hoher Dreißiger aus, schlank und gedrungen zugleich, kalt und fest in seinem länglichen, scharf profilten Gesichte. Er nahm energischen Antheil an den Unabhängigkeitskämpfen von 1848 und 49. Als Artillerie-Major zeichnete er sich besonders bei der Belagerung von Pesch aus. Zum Lieutenant-General ernannt, commandirte er die Armee an den Grenzen von Toskana, welche die Oesterreicher bei Plaisance im Schach halten mußte. Später rettete er Genua gegen einen Angriff der Insurgenten (nach der Niederlage bei Novare, worüber man in einer Geschichte der neuen italienischen Revolutionskriege nachschlagen kann). Er nahm am 10. April 1849 Genua. Im Jahre 1852 wurde er ein Hauptmitglied des Ministeriums. Als Minister gewann er durch strenge Festhaltung an gegebenen Versprechungen und durch fortgesetzte Einfachheit, Strenge und Nüchternheit seiner Lebensweise die Massen auch in Genua für den König und seine Politik.

Jetzt ist ihm die wichtigste Mission seines Lebens geworden. Kenner seines Charakters und seiner strategischen Talente behaupten, er übertreffe alle bisherige commandirende Krim-Herrlichkeit bei Weitem, so daß er, wenn’s nicht zu spät, eine große Leere im Lager der Alliirten ausfüllen wird.

Die sardinischen Hülfstruppen unter Marmora sind in drei Divisionen getheilt, die eine commandirt von Alexander della Marmora (berühmt durch die von ihm organisirten „Bersagliers“, die an die französischen Chasseurs von Vincennes erinnern), die andere von Durando, die dritte von Trotti. Die beiden letzten Generäle sind rühmlich bekannt aus dem letzten Kriege gegen Oesterreich.

Die sardinischen Hülfstruppen sind tüchtig und geübt, und ihre Führer bewährte Feldherren in der Blüthe ihrer Jahre, die nicht, wie die englischen, an Alter, Geburt, Gicht und „Routine“ leiden, so daß man annehmen darf, die Hülfstruppen könnten zur Hauptarmee der „westlichen Civilisation“ werden, um so eher, als sie „Köpfe“ mitbringen, abgesehen vom Kaiser Napoleon, der bald nach ihnen auf dem Kriegsschauplatze eintreffen soll, nur daß er noch keine großen Erfahrungen aus offenen Schlachten mitbringt, da die Siege in den Straßen von Paris nicht in das Gebiet der eigentlichen Kriegswissenschaft gehören.