Geschichte des Harzer Bergbaues

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Autor: Wilhelm Bornhardt
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Titel: Geschichte des Harzer Bergbaues
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Erscheinungsdatum: 1927
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Quelle: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Schaltjahr 1928, S. 33–43
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Geschichte des Harzer Bergbaues.
Von Berghauptmann Dr. e. h. W. Bornhardt.


     Über die erste Aufnahme des Oberharzer Bergbaues fehlen wie beim Rammelsberge sichere Nachrichten. Bedenkt man, daß die am Rammelsberge schon vom 10. Jahrhundert an erzielten Erfolge zu Schürfversuchen in den benachbarten Harzbergen anregen mußten, so liegt die Vermutung nahe, daß die nach Goslar gerufenen fränkischen Bergleute frühzeitig auch in den Oberharz vorgedrungen sind. Sie werden dann in den Gängen, die dort vielfach an den Talhängen zu Tage ausstreichen, verhältnismäßig leicht fündig geworden sein. Als spätester Zeitpunkt für die Aufnahme des Bergbaues wird das Ende des 12. Jahrhunderts anzunehmen sein, die Zeit, von der auch die Überlieferung berichtet, daß sich die bei der Zerstörung der Goslarer Gruben durch Heinrich den Löwen im Jahre 1180 beschäftigungslos gewordenen Bergleute sowohl nach dem Erzgebirge als nach dem Oberharz gewandt hätten. Auch die Gründung des an der Stelle des heutigen Zellerfelder Brauhauses gelegenen, dem heiligen Mathias geweihten Klosters Cella wird mit dem Regewerden des Bergbaues in Zusammenhang zu bringen sein. Das Gründungsjahr des Klosters ist nicht bekannt; urkundlich wird das Kloster zuerst im Jahre 1208 anläßlich der Bestätigung des vom Goslarer Domstift gewählten Abtes Alexander durch den Erzbischof von Mainz erwähnt. Das Kloster ist im Vorlande des Harzes reich begütert gewesen, und seine Äbte haben nach urkundlichen Nachrichten ein besonderes Ansehen genossen. Es wäre schwer verständlich, wie ein Kloster von solcher Art in der rauhen Waldeinöde des Oberharzes hätte entstehen sollen, wenn es nicht an dem einzigen Erwerbszweige, für den dort die natürlichen Bedingungen gegeben waren, dem Bergbau, von vornherein einen Rückhalt gehabt hätte. Auf das Vorhandensein von Grubenbetrieben von einiger Bedeutung im Oberharz weist auch die Vorschrift in den 1271 erlassenen jura et libertas silvanorum hin, wonach eines der drei von Goslar aus jährlich zu hegenden Berggerichte „to sende Mathiesen to der Czella“, d.i. beim Kloster Cella, abgehalten werden soll.

     Der Bergbau hat sich in seiner ersten Betriebsperiode schon über alle wichtigeren heute bekannten Gangzüge bei Clausthal, Zellerfeld, Wildemann und Grund ausgedehnt. Das wird durch die Spuren erwiesen, die bei seiner späteren Wiederaufnahme in Gestalt von Halden und Pingen vielerwärts aufgefunden worden sind. Er ist dabei aber nur in Tiefen von einigen 20 Metern eingedrungen. Beim Eintreten von Schwierigkeiten, besonders solchen durch Wasser, scheint er immer schnell wieder aufgegeben worden zu sein, ohne daß mit dem Herantreiben tieferer Stollen Versuche gemacht worden wären. Die Konzentration von Erzen nahe unter dem Ausgehenden, die im Oberharz ähnlich wie beim Rammelsberge angenommen werden muß, wird mit Anlaß gegeben haben, daß Erfolge mehr durch Schürfungen an der Oberfläche als durch Niedergehen in die Tiefe gesucht worden sind.

     Feste Siedelungen von größerem Umfange scheinen im Oberharz in die er Periode noch nicht entstanden zu sein. Bemerkenswert ist nur die Erwähnung einer bci Clausthal gelegenen, den Herren von Dörreveld gehörenden Burg oder Schanze, nach der der „Burgstädter Gangzug“ bei Clausthal noch heute seinen Namen trägt.

     Der Bergbau ist um die Mitte des 14. Jahrhunderts wieder auflässig geworden. Als Ursache seines Erliegens wird neben der Unsicherheit der Zeit der „schwarze Tod“ genannt, der von 1347–1349 ganz Europa verheert und dabei nach glaubwürdigen Nachrichten auch den Oberharz entvölkert hat. Das Kloster Cella ist von den Nöten der Zeit auch in Mitleidenschaft gezogen worden. Es ist in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts allmählich verödet und im Jahre 1431, nachdem es schon länger verlassen war, durch päpstliche Anordnung aufgehoben worden.

     Die Wiederaufnahme des Bergbaues hat erst im 16. Jahrhundert und zwar in drei politisch getrennten Gebieten stattgefunden. Diese Gebiete sind

1. der den Wolfenbütteler Herzögen gehörige Harzanteil, der das nordwestliche Gebiet mit den heutigen Bergstädten Zellerfeld, Grund, Wildemann und Lautenthal umfaßt,

2. der zwischen Zellerfeld und dem Bruchberge gelegene Grubenhagener Anteil mit den heutigen Bergstädten Clausthal und Altenau und

3. der Lauterberger Anteil mit der heutigen Bergstadt St. Andreasberg.

     Die beiden letzten Anteile wurden nach dem Aussterben der mit der Grafschaft Lauterberg belehnten Grafen von Hohnstein 1593 in der Hand der Grubenhagener Herzöge vereinigt. Als

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Harz-Berg-Kalender 1928 S.34 Die freien Bergstädte Clausthal und Zellerfeld im Jahre 1606.png


Die freien Bergstädte Clausthal und Zellerfeld im Jahre 1606
(Nach Zacharias Koch)

[35] bald darauf, 1596, auch die Grubenhagener Linie ausstarb, ergriff Herzog Heinrich Julius von Wolfenbüttel von dem Erbe Besitz und brachte damit den ganzen Ober- und Unterharzer Bergbau in eine Sand. Die Vereinigung endete aber schon im Jahre 1617 wieder, da Heinrich Julius’ Sohn Friedrich Ulrich auf Grund eines reichsgerichtlichen Erkenntnisses das Grubenhagener Gebiet an die näher berechtigte Celle-Hannoversche Linie abtreten mußte. Diese hat Das Gebiet dann bis zur Vereinigung Hannovers mit Preußen behauptet.

     Der Wolfenbütteler Anteil des Oberharzes teilte 1634 beim Tode Friedrich Ulrichs das schon erwähnte Schicksal der Unterharzer Gruben und Hütten, die zusammen mit den Eisenwerken von Gittelde und der Saline Juliushall zum Gemeinschaftsbesitz des Welfenhauses erklärt wurden. Zur Verwaltung dieses Besitzes wurde in Zellerfeld ein „Communion-Bergamt“ errichtet, neben dem in Clausthal ein Bergamt zur Verwaltung des „einseitigen“ Grubenhagener Gebietes bestand. Häufige Irrungen, die sich aus dem Nebeneinanderwirken der beiden Bergämter innerhalb des eine natürliche Einheit bildenden Oberharzes ergaben, führen 1788 zu einem Abkommen, nach dem die Bergstädte Zellerfeld, Wildemann, Lautenthal und Grund mit ihrem Bergbau aus dem Gemeinschaftsbesitz ausgeschieden und der Hannoverschen Linie zugeteilt wurden, die seitdem über den ganzen Oberharzer Bergbau gebot.

     Das Hauptverdienst um die Wiederbelebung des Oberharzer Bergbaues nach seiner Auflassung im 14. Jahrhundert hatte Herzog Heinrich der Jüngere von Wolfenbüttel. Er fand am Iberge bei Grund, als er dort 1522 nach dem Tode seiner Großmutter, der Herzogin Elisabeth, die Herrschaft übernahm, schon einen wohlgepflegten Eisenerzbergbau vor, neben dem eine mit Pfarrkirche versehene Siedelung „im Grunde“, das heutige Grund, bestand. Er dehnte den Bergbau unter Verfolgung der Spuren, die der „Alte Mann“ in Gastalt von Halden und Pingen hinterlassen hatte, bald auf die Bleierzgänge von Zellerfeld und Wildemann aus. Während er anfangs auf eigene Rechnung baute und dazu kundige Bergleute aus Sachsen und Tirol kommen ließ, entschloß er sich nach wenigen Jahren, den Bergbau nach sächsischem Vorbilde für die private Betätigung freizugeben, wobei er sich durch geeignete Bedingungen jedoch einen Anteil am Gewinn sicherte. Im Jahre 1524 erließ er zu dem Zwecke eine Bergordnung für Grund „und andere ubmliegende Gebirge“, in der die Bergverwaltung geordnet wurde. 1532 folgte der Erlaß einer „Bergfreiheit“, in der den Gewerken weitgehende Vergünstigungen, wie freies Wohnen und Markthalten, Brauen, Backen und Schlachten, Freiheit von Abgaben und anderen Beschwerungen und freies Holz und Wasser zugesichert wurden. Auch die Kosten der Wasserlosung der Gruben wurden großenteils vom Herzog übernommen. Als Gegenleistung behielt er sich die Entrichtung des Zehnten von der Erzförderung und das Vorkaufsrecht auf die erzeugten Metalle vor.

     Sein Vorgehen hatte die günstigsten Wirkungen. Von allen Seiten, hauptsächlich vom Erzgebirge, strömten Bergleute und Handwerker nach dem Oberharz, und baulustige Gewerken, fürstliche und adlige Personen und reiche Kaufleute von Magdeburg, Braunschweig, Lüneburg und Hamburg, stellten sich in großer Zahl ein. Die Funde bauwürdiger Erze mehrten sich. Die Siedelung bei dem verlassenen Kloster „auf dem Zellerfelde“ nahm so schnell zu, daß sie den Schwesterort Grund bald überholte und schon 1535 Stadtgerechtsame erhielt. Bald entwickelte sich auch Wildemann, wo 1529 noch kein Wohnhaus stand, 1534 aber schon der erste Richter ernannt wurde. Lautenthal folgte in der Entwicklung zur Bergstadt einige Jahrzehnte später.

     Herzog Heinrich wandte in Erkenntnis des Hindernisses, das die Alten hauptsächlich vom Eindringen in die Tiefe abgehalten hatte, der Lösung der Grubenwasser seine besondere Fürsorge zu. So seßte er 1524 den Dreizehnlachterstollen unterhalb Wildemann und 1548 den Frankenscharnstollen unterhalb Zellerfeld an und ließ 1535 im Schachte der Grube Wilder Mann eine „Heinzenkunst“ hängen.

     Im Grubenhagener Gebiete wurden die ersten Aufschlüsse im Jahre 1548 gemacht. 1554 erließ Herzog Ernst dort eine Bergfreiheit, in der es heißt: „Nachdem auch diese unsere Bergwerke neu, die auch Hütten- und Puchwerke bedürftig, welche den Gewerken im Anfange zu erbauen beschwerlich; So haben wir aus sonderbahren gnädigen bedächtigen Willen eine Schmeltz-Hütte und Puchwerk auf unsere Unkosten erbauen und anrichten lassen.“ Wee danach Pochwerk und Hütte schon vor Erlaß der Bergfreiheit im Betriebe gewesen sind, so war auch die neu entstandene Ansiedelung „auf dem Clausberge, in und an den Clausthälern“ 1554 schon so beträchtlich, daß der Herzog ihr in der Bergfreiheit sogleich die Rechte einer „freyen Bergstadt“ verlieh. Altenau war 1580 noch ein geringer Bergflecken von 20 Häusern, erhielt aber einige Jahre später schon einen eigenen [36] Pfarrer. Als Bergstadt wird es 1623 zuerst erwähnt.

     Die erste urkundliche Nachricht vom heutigen St. Andreasberg, wo der „Alte Mann“ außer auf Eisen- und allenfalls Kupfererze noch nicht gebaut hatte, rührt vom Jahre 1487 her, betrifft aber nur einen bald wieder eingestellten Versuchsbau. Im Jahre 1521 erließen die Grafen von Hohnstein, veranlaßt durch einen am Beerberge gemachten reichen Silbererzfund, eine Bergfreiheit, aus der hervorgeht, daß damals noch keine feste Ansiedelung am Andreasberge bestand. Der Erlaß der Bergfreiheit hatte zusammen mit den Nachrichten über bald folgende neue Silbererzfunde den Erfolg, daß sich der Ort überraschend schnell entwickelte und nach wenigen Jahren „das Bergwerk zu St. Andreasberg gewaltig floriret und herrliche Ausbeute gegeben.“ 1537 standen 116 Gruben im Bau, und 1539 waren „Richter, Borgermester und Rad up sancti Andreasberge“ in Tätigkeit.

     Untersuchungen über die Herkunft der Bevölkerung, die sich in dem bis dahin unbesiedelten Oberharze in wenigen Jahrzehnten sammelte, haben ergeben, daß die Einwanderer überwiegend aus dem westlichen Erzgebirge stammen, nur zum kleineren Teile aus anderen Gegenden, besonders aus Thüringen. Die Einwohner haben nach dem Oberharz sowohl ihre heimischen Grubennamen als auch ihre hochdeutsche Mundart mitgebracht. Letztere hat sich seitdem inmitten des umliegenden niederdeutschen Sprachgebietes wenig verändert erhalten und ist nur in neuester Zeit durch den Einfluß von Schule und Verkehr mehr als früher in ihrem Bestande bedroht.

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     Die Technik des Bergbaues war nach seiner Wiederaufnahme zu Anfang einfachster Art. Die Städte wurden in geringen Abständen im Gangeinfallen niedergebracht und die Erze in dem Maße, wie die Schächte niederkamen, im „Strossenbau“ mit Schlägel- und Eisenarbeit gewonnen. Handhaspel und Pferdegöpel dienten mit Hanfseilen zur Förderung der Erze und zur Hebung der die Grubenwasser enthaltenden ledernen „Bulgen“. Vereinzelt wurden auch „Heinzenkünste“ von der im Rammelsberge durch Klaus von Gotha eingeführten Art verwandt.

     Mit dem Tieferwerden der Baue, das im Oberharz wegen der geringeren Mächtigkeit der Erzmittel schneller als im Rammelsberge vor sich ging, wurde die Technik vor neue Aufgaben gestellt. Die Menschen- und Tierkraft wurde bei der Förderung und Wasserhaltung mehr und mehr durch Wasserkraft ersetzt. Radkünste mit Krummzapfen, Holzgestängen und Pumpensätzen, wie sie Heinrich Eschenbach um 1560 im Rammelsberge eingebaut hatte, fanden anstelle der Bulgenförderung und der Heinzenkünste auch im Oberharz Eingang. Zur Sicherung der Aufschlagswasser in Zeiten der Trocknis wurden Sammelteiche angelegt, deren älteste schon von Herzog Heinrich dem Jüngeren herrühren. Da die Schächte oft an Stellen lagen, zu denen sich die Wasser schwer hinführen ließen, wurden vom [37] Ende des 16. Jahrhunderts ab Feldgestänge angewandt, mit denen die Bewegung der Wasserräder auf Hunderte von Metern nach den Schächten übertragen werden konnte. Die Hanfseile wurden nach einer 1568 von dem Goslarer Zehntner Christoph Sander gemachten Erfindung in den tieferen Schächten durch eiserne Ketten, sogenannte Eisenseile, ersetzt.

     Unternehmungen von weitschauender Bedeutung waren die Stollenbauten, zu denen die Taleinschnitte der Harzberge mannigfach Gelegenheit boten. Da sie bei der Festigkeit des Gesteins und dem langsamen Fortschritten der Schlägel- und Eisenarbeit große Ansprüche an die Geduld und die Kasse der Unternehmer stellten, der Regel nach auch nicht nur einzelnen sondern vielen Gruben gleichzeitig zugute kamen, ergab es ich als naturgemäß, daß sie mit den aus der Zehntabgabe und dem Vorkaufsrechte fließenden Mitteln von der Landesherrschaft ausgeführt wurden. Ein Beispiel von der Größe der Arbeiten bietet die Angabe, daß der von Heinrich dem Jüngeren 1548 angesetzte Frankenscharnstollen in 14 Jahren 2700 Meter weit durch taubes Gestein getrieben werden mußte, ehe er in dem Zellerfelter Gangzuge einkam.

     Die Rechtsform der Unternehmungen war nach den für die Einzelgebiete wiederholt neu erlassenen Bergordnungen in der Regel die von Gewerkschaften, deren Anteile aus 124 zubußpflichtigen und 6 Freikuxen bestanden. Vier der Freikuxe gehörten dem Landesherrn und je einer der Kirche und der Gemeinde. Der Betrieb der Gruben wurde von der Bergbehörde überwacht. Die Gewerken hatten sonst aber in dieser ersten, bis etwa zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges reichenden Periode noch große Selbständigkeit. Ihre wirtschaftlichen Erfolge waren auch, solange die Gruben noch geringe Tiefen hatten, durchschnittlich gut. Blieben auch viele, ja wohl die meisten Bergbauversuche ohne dauernden Erfolg, was daraus zu entnehmen ist, daß die Ausbeutegruben zu allen Zeiten nur einen geringen Teil aller betriebenen Gruben ausgemacht haben, so wurden durch einen glücklichen Erfolg doch die Kosten vieler fehlgeschlagener Unternehmungen meist reichlich ersetzt. Gute Ausbeute gaben während des 16. Jahrhunderts besonders die Gruben des Zellerfelder und Spiegelthaler Zuges, während die Gruben der Clausthaler Seite noch weniger hervortraten. Der Andreasberger Bergbau zeigte große Schwankungen, die in der nesterartigen Natur der Silbererzvorkommen begründet waren. Seine Glanzzeit fällt nach einem starken Abfall in der Mitte des 16. Jahrhunderts in die Jahre 1560–1580, wo sich zwei Gruben, St. Georg und Hülfe Gottes, aus der Zahl der übrigen, wenig bedeutenden Gruben derart heraushoben, daß sie in den beiden Jahrzehnten mehr als 200000 Speziestaler Ausbeute gaben. Nach ihrer Erschöpfung ging der Bergbau schnell wieder zurück und kam von Anfang des 17. Jahrhunderts an fast ganz zur Ruhe.

     Die Lage des Bergbaues wurde allgemein schwieriger, als die Gruben an Tiefe zunahmen. Der Verhieb war in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts schon meist unter die damaligen Stollensohlen vorgedrungen. Die Gesenkbaue waren daher nur mit großer Mühe noch trocken zu halten. Sie kamen bemerkenswerterweise oft gerade in den niederschlagsarmen Zeiten zum Ersaufen, weil dann die Aufschlagswasser für den Betrieb der Künste fehlten. Es kam hinzu, daß die leichter gewinnbaren reichen Erze aus der obersten Teufe abgebaut waren und daß es nun nicht nur schwerer fiel, neue bauwürdige Erze zu finden, sondern daß auch die Gewinnung der größeren Tiefe wegen schwieriger und teurer geworden war. Die Verhältnisse waren daher bei vielen Gruben schon kritisch geworden, als der Dreißigjährige Krieg ausbrach.

     Die verheeerenden Wirkungen des Kriegs machten sich beim Bergbau vielfach geltend, brachten ihr aber doch nicht ganz zum Erliegen. Nach dem Kriege dauerte die Unsicherheit im Lande noch lange an. Auch fehlte es an Menschen und bei den Gewerken an Geld, um die Kriegsschäden schnell zu beseitigen und dem Bergbau diejenigen Hilfen zu bringen, die er teilweise schon vor dem Kriege nötig gehabt hätte.

     Die Stellung der Gewerkschaften erfuhr unter diesen Umständen eine grundlegende Änderung. Hatten die Gewerken in der ersten Betriebsperiode die für den Betrieb erforderlichen Mittel im wesentlichen allein aufgebracht und nur untergeordnet, besonders gegen Ende der Zeit, die Hilfe der Landesherrschaft in Anspruch genommen, so kehrte sich das Verhältnis jetzt um. Sollten die der Zahl nach weit überwiegenden Zubußbetriebe vor der Einstellung bewahrt werden, so mußte ihnen der Zehnte gestundet oder erlassen, die von den Gewerken nicht mehr erlangbare Zubuße aus der Zehntkasse vorgeschossen und der Ankaufspreis der Erzeugnisse, der vordem höchstens drei Viertel des Marktpreises betragen hatte, erhöht werden. Eine weitere Art der Unterstützung von Hoffnung gebenden Gruben bestand darin, daß Ausbeutegruben und Gemeinden veranlaßt wurden, einen Teil der Zubußkuxe zu übernehmen. Herrschaftliche Zuschüsse [38] wurden dem Bergbau auch bei der Versorgung der Belegschaften mit Brotkorn aus den zur Bekämpfung von Teuerung und Hungersnot errichteten Kornmagazinen gewährt.

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     Trotz dieser Mittel geriet der Bergbau gegen Ende des 17. Jahrhunderts in immer größere wirtschaftliche Bedrängnis, so daß sein Weiterbestand, abgesehen von einzelnen besonders reichen Gruben, in Frage gestellt war. Da erwies sich eine im Jahre 1702 getroffene Maßnahme, die Errichtung einer Bergbaukasse, als besonders segensreich. Die Kasse zog ihre Einnahmen anfänglich nur aus einer mit Zustimmung der sonst steuerfreien Bergstädte eingeführten Accise auf Bier, Wein und Branntwein. Ihr wurden die Aufgaben gestellt, Versuchsarbeiten zu betreiben, Anlagen zum gemeinen Nutzen des Bergbaues zu unterstützen und Kuxe von höflichen Zubußgruben mitzubauen. Sie hätte mit den aus der Accise gewonnenen Mitteln aber nur bescheidenen Nutzen stiften können, wenn sie nicht das Glück gehabt hätte, daß sich unter ihren Zubußkuxen 30 von der Grube Dorothea bei Clausthal befanden, einer Grube, die wenige Jahre nach ihrer Aufnahme das reichste und nachhaltigste Erzmittel erschloß, das im Oberharz je vorgekommen ist. Die Grube hat zusammen mit der Nachbargrube Carolina den Guwerken in anderthalb Jahrhunderten, von 1709 bis 1863, eine bare Ausbeute von rund 20 Millionen Mark gezahlt, d.i. die knappe Hälfte der Ausbeute, die der Oberharzer Bergbau in dieser Zeit überhaupt ausgeschüttet hat. Die Bergbaukasse war durch die reichen Einnahmen aus dem Kuxenbesitz in den Stand gelebt, nicht nur den notleidenden Gruben wirksam zu helfen, sondern auch ein Vermögen anzusammeln, das schließlich eine Höhe von über 1,4 Millionen Mark erreicht hat. Die Zinsen des Vermögens haben auch nach Erschöpfung des reichen Erzmittels die Förderung vieler gemeinnütziger Zwecke noch lange möglich gemacht, bis das Kapital nach den Weltkriege der allgemeinen Entwertung zum Opfer gefallen ist.

     Zur Erhaltung des Bergbaues wirkten im 17. und 18. Jahrhundert auch wichtige technische [39] Fortichritte mit. Sie bestanden in der Einführung der Schießarbeit von 1630 an, in der erweiterten und verbesserten Anwendung der Wasserkraft bei der Förderung und Wasserhaltung und in Anlagen, durch die einerseits eine Vermehrung der Kraftwasser erzielt, andererseits den Grubenwassern eine tiefere Lösung verschafft wurde.

     Die Sammlung der Niederschläge in Teichen und ihre Ausnutzung in vielen kunstvoll übereinander angeordneten Gefällen hatte bei Beginn des 18. Jahrhunderts in allen Grubenrevieren einen Grad erreicht, der einen weiteren Ausbau nicht mehr zuließ. Sollte dem mit dem Tieferwerden der Gruben ständig wachsenden Kraftbedarf daher weiter genügt werden, so mußten den Grubenrevieren neue Aufschlagwasser von außerhalb zugeführt werden. Die Möglichkeit hierzu bot sich, indem der Wasserreichtum der am Brocken und auf dem Bruchberge weit verbreiteten und sich aus starten Niederschlägen immer wieder füllenden Hochmoore ausgenutzt wurde. Für das Clausthal-Zellerfelder Revier wurde zu dem Zwecke in den Jahren 1732 bis 1734 der Dammgraben geschaffen, ein 28 Kilometer langer Graben, der das Brockengebiet mit der Clausthaler Hochebene verbindet. Er trägt seinen Namen von dem 1000 Meter langen und bis 16 Meter hohen Damme, der zur Überwindung einer zwischen Bruchberg und Tränkeberg gelegenen Paßlenke aufgeschüttet werden mußte. Dem Andreasberger Bergbau war schon vorher, in den Jahren 1714 bis 1721, durch Anlage des 1,7 Millionen Kubikmeter fassenden Oberteiches und des ihn mit Andreasberg verbindenden 7,5 Kilometer langen Rehberger Grabens geholfen worden. Beide Anlagen gehören zu den großartigsten technischen Leistungen ihrer Zeit. Die Hilfe, die dem Bergbau durch sie gebracht worden ist, hat sich durch zwei Jahrhunderte bis zum heutigen Tage ausgewirkt. So lange die Dampftraft noch fehlte, war die großzügige Ausnutzung der Wasserkräfte das einzige Mittel, mit dem der Bergbau am Leben erhalten werden konnte. Aber auch heute zieht der Bergbau von den Anlagen noch reichen Nutzen. Mehr als die Hälfte seines Kraftbedarfs wird immer noch mit einem Mindestmaß von Kosten aus den von den Alten gesammelten und neuerdings zur Erzeugung elektrischen Stromes ausgenutzten Wasserkräften gedeckt. Die Selbstkosten der Betriebe sind dadurch so günstig beeinflußt worden, daß manches weniger reiche Erzmittel hat abgebaut werden können, das beim fehlen der billigen Wasserkräfte als unbauwürdig hätte preisgegeben werden müssen.

     Ebenso dringlich wie die erweiterte Ausnutzung der Oberflächenwasser war mit dem Tieferwerden der Gruben die Abführung der unterirdischen Wässer durch einen tieferen Stollen geworden. Die Clausthal-Zellerfelder Baue hatten Ende des 17. Jahrhunderts eine durchschnittliche Tiefe von 200 Meter, einzelne Schächte eine solche von mehr als 400 Meter erreicht. Die Baue rückten mit jedem Jahrzehnt rund 20 Meter weiter in die Tiefe. Der tiefste vorhandene Stollen war der unterhalb Wildemann angesetzte Dreizehntlachterstollen, der unter dem Burgstädter Gangzuge etwas mehr als 100 Meter Tiefe einbrachte. Wohl waren die Wasserhaltungsanlagen bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in mancher Weise vervollkommnet worden. Man hatte für ihre Ausgestaltung auch auswärtige Ratgeber herangezogen, wie der namhaften schwedischen „Mechanicus“ Christopher Polhem und den braunschweigischen Major Winterschmidt, den Erfinder der in Harz um 1750 zuerst angewandten Wassersäulenmaschine. Selbst Leibniz hatte mit geistvollen, im praktischen Betriebe aber schwer anwendbaren Ratschlägen mitgewirkt. Alle Verbesserungen hatten zur Überwindung der Zunehmenden Schwierigkeiten aber nicht ausgereicht. Man entidloß sich daher im Jahre 1775 zum Bau eines Stollens, der unterhalb der Bergstadt Grund 1777 angesetzt und nach zweiundzwanzigjährigem Betriebe im Jahre 1799 glücklich vollendet wurde. Als „Tiefer Georgsstollen“, wie er nach König Georg Ⅲ. benannt wurde, erreihte er vom Mundloch bis zu seinem Einkommen in den Clausthaler Grubenbauen am Altensegener Schachte eine Länge von 7200 Meter und unterfuhr den Burgstädter Gangzug in einer Tiefe von 250 Meter unter Tage, 135 Meter unter dem Dreizehnlachterstollen. Konnte er auch nicht alle Grubenbaue, die z. T. schon in wesentlich größere Tiefe eingedrungen waren, lösen, so brachte er dem Bergbau doch eine außerordentliche Erleichterung, die sich u. a. darin ausdrückt, daß allein auf dem Burgstädter und Rosenhöfer Zuge 15 Wasserkünste und mehrere Kunstschächte abgehen und die freiwerdenden Wasserkräfte anderen Zwecken dienstbar gemacht werden konnten.

     Zur Kennzeichnung der Leistungen des Bergbauas im 17. und 18. Jahrhundert mögen einige Zahlen dienen: Die jährliche Silbererzeugung stieg im 17. Jahrhundert von 5000 auf mehr als 10000 Klg. und bewegte sich im 18. Jahrhundert in dessen erster Hälfte um 12000, in der zweiten um 8000 Klg. Die Bleierzeugung betrug während des Dreißigjährigen Krieges durchschnittlich 500 Tonnen, stieg bis zum Jahre [40] 1700 auf 1500 Tonnen und schwankte im 18. Jahrhundert in den Grenzen von 1000 und 2500 Tonnen. Die Kupfererzeugung, die im Oberharz immer gering war, ist für das 18. Jahrhundert auf jährlich 50 Tonnen zu schätzen. An der Silbererzeugung des 18. Jahrhunderts hatten die Clausthaler Gruben mit etwa 62 v. H., die Zellerfelder mit 28 v. H., und die Andreasberger, die nach langem Darniederliegen erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts zu neuem Leben erwacht waren, mit 10 v. H. Anteil. Gold ist im Oberharz aus eigenen Erzen nie erzeugt worden. Die Erze enthalten davon nur Spuren, erheblich weniger als die Erze des Rammelsberges.

     Die politischen Ereignisse zu Anfang des 19. Jahrhunderts brachten dem Bergbau viele Nachteile, ließen seinen Bestand aber unberührt. Schlimmer als der unter Jeromes Herrschaft betriebene Raubbau wirkte nach Wiederkehr der alten Zustände der Wettbewerb des in großen Massen plötzlich auf den Markt geworfenen spanischen Bleies ein. War der Bleipreis während der Kontinentalsperre bis auf 30 Mark je Zentner gestiegen, so ging er in den Jahren 1829 bis 1833 auf 7 Mark zurück. Viele Betriebe musten infolgedessen als unwirtschaftlich eingestellt und alle Ausgaben aufs äußerste beschränkt werden. Durch Abgabe von Bergleuten an die Forstverwaltung und Förderung der überseeischen Auswanderung suchte man der überhandnehmenden Arbeitslosigkeit zu steuern. Die Not wurde gemildert, aber nicht behoben, als sich der Bleipreis Ende der dreißiger Jahre wieder auf 12–15 Mark hob.

     Unter diesen Umständen erwies sich die Unhaltbarkeit der bei der Mehrzahl der Gruben immer noch bestehenden gewerkschaftlichen Verfassung, die aus Scheu vor der Auszahlung der erforderlichen Abfindungssummen beibehalten worden war, obwohl sie seit länger als einem Jahrhundert nur noch dem Namen nach bestand. Die Gewerken hatten auf die Verwaltung der Gruben nicht den geringsten Einfluß. Sie wurden zu Lasten der Zehntkasse immer wieder gestundet, und aus der Bergbaukasse wurden Barzuschüsse dazu gewährt. Wiederholt waren die aufgelaufenen Zehntschulden in Millionenbeträgen als nicht beitreibbar niedergeschlagen worden. Als die Zehntschuld danach in den dreißiger Jahren wieder auf die noch nicht dagewesene Höhe von fast 4½ Millionen Talern angewachsen war, wurde beschlossen, mit dem Zustande ein Ende zu machen und damit nicht nur die nachgerade unerträglich gewordenen rechnerischen Weiterungen sondern auch die Hemmnisse und Berteuerungen zu beseitigen, die sich aus der Zersplitterung des Grubenbesitzes für den Betrieb ergeben hatten. Der Beschluß wurde in den folgenden Jahrzehnten unter Anwendung weitgehender Rücksichten durchgeführt. Mit Beginn des Jahres 1864 befand sich der Oberharzer Bergbau danach geschlossen in der Hand des Staates.

     In der Zwischenzeit hatte sich der Staat schon die nötige Handlungsfreiheit verschafft, um große Pläne für den Ausbau des vereinheitlichten Grubenbesitzes durchzuführen. Die wichtigsten Pläne betrafen die Ausgestaltung der Wasserlosung für sämtliche diesseits des Bruchberges gelegenen Gruben. Dazu gehörte als Erstes die Anlage des Ernst-August-Stollens, der im Jahre 1851 am Fuße des Harzes bei Gittelde in einem Niveau von 110 Meter unter dem Tiefen Georgstollen angesetzt und nach gleichzeitigem Betriebe von 10 Punkten aus am 22. Juni 1864 mit den Zellerfelder Bauen am Schreibfederschachte durchschlägig gemacht wurde. Er hat, nach dem er auch nach Lautenthal und Bockswiese durch getrieben worden ist, eine Gesamtlänge von 26000 Meter erreicht. An zweiter Stelle wurden an dem neu geschaffenen Königin-Marien-Schachte bei Clausthal 620 Meter unter Tage zwei Wallersäulenmaschinen aufgestellt, die imstande waren, die in einem weitausgreifenden Streckensystem, der „tiefsten Wasserstrecke“, gesammelten Grubenwasser auf die Höhe des Ernst-Auguit-Stollens zu heben.

     Andere Neuerungen waren die Einführung der vom Oberbergrat Albert im Jahre 1834 erfundenen, aus Eisendraht geflochtenen Schachtseile als Ersatz für die bis dahin verwandten Hanfseile und eisernen Ketten und der Einbau der von dem Bergmeister Dörell im Jahre 1833 erfundenen Fahrkunst in vielen der tiefen und bisher nur mit übermäßigem Kraftaufwande befahrbaren Schächte.

     Der Oberharzer Bergbau befand sich, nachdem ihm diese und manche andere Vervollkommnung im Betriebe und in der Verwaltung zuteil geworden waren, bei seinem Übergange auf den Preußischen Staat in blühendem und entwicklungsfähigem Zustande. Er konnte auch trotz der Nöte, mit denen die gewerkschaftlichen Unternehmungen zwei Jahrhunderte hindurch zu kämpfen gehabt hatten, auf eine wirtschaftlich gesunde Vergangenheit zurückbliden. Waren jene Nöte in der Hauptsache doch darin begründet gewesen, daß der Staat die Gewerkschaften mit Zehnten, Vorkaufsrecht und Freikuxen in einer für sie untragbaren Weise belastet hatte. Das Verhältnis war in Wirklichkeit so gewesen, daß [41] der Staat bei den Zubußgruben oft auch dann noch einen Vorteil für sich übrig behalten hatte, wenn er den Gewerkschaften nach Gewährung aller üblichen Vergünstigungen zum Schlusse die Zehntschuld erlassen hatte, und daß auf der anderen Seite viele der Zubußgruben Überschüsse geliefert oder sich doch freigebaut haben würden, wenn sie über den von der Landesherrschaft in Anspruch genommenen übergroßen Ertragsanteil für sich hätten verfügen können. Eine Schätzung der Barerträge, die der Bergbau von seiner Wiederaufnahme im 16. Jahrhundert bis zum Ende der gewerkschaftlichen Zeit im Jahre 1863 geliefert hat, hat folgendes ergeben: Netto-Einnahme der Gewerken nach Abzug der Zubußen 50–60 Millionen Mark; Nettogewinn der landesherrlichen Bergwerkskassen nach Abzug der auf die Förderung des Bergbaues und die Unterstützung der Gewerken verwandten Mittel 40 bis 50 Milionen Mark; danach Netto-Ertrag des Bergbaues überhaupt rund 100 Millionen Mark. Von diesem Ertrage entfällt mehr als die Hälfte auf das 18. Jahrhundert als die Zeit, in der die Gruben Dorothea und Caroline ihren Hauptlegen ausgeschüttet haben.

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     Von 1866 ab hat sich der Preußische Staat bemüht, den Oberharzer Bergbau als getreuer Haushalter zu verwalten. Er hat ihn dazu, entsprechend den Fortschritten der Technik, mannichfach umgestalten müssen. Zur Senkung der Selbstkosten war es namentlich nötig, die Betriebe zu konzentrieren. Dabei sind viele kleine Anlagen, Schächte und Pochwerke, die zur Förderung und Aufbereitung der Erze dienten, verschwunden und durch einige wertige Hauptanlagen ersetzt worden. Das Landschaftsbild weist daher heute von bergmännischen Anlagen viel weniger auf, als dies in alter Zeit der Fall gewesen ist, ohne das deshalb auf einen Rückgang der Leistungen des Bergbaues geschlossen werden dürfte. Schmerzlich war die Notwendigkeit, zwei alte Bergwerksbetriebe, die von Schulenberg und von St. Andreasberg, stillzulegen. In Schulenberg vertaubten die Gangmittel nach der Tiefe vollständig. In Andreasberg erfüllten sich mehr und mehr die Befürchtungen, die die hannoversche Regierung wegen Verarmung der Gänge nach der Tiefe schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts gehegt hatte und die sie in den fünfziger und sechziger Jahren veranlaßt hatten, die Belegschaft von 800 auf 250 Mann zu vermindern. Vom Jahre 1878 ab forderte der Betrieb mit Ausnahme zweier Jahre ständig Zuschuß, so daß bis 1910 ein Gesamtzuschuß von rund 2 Mill. Mark aufgelaufen war. Da die mit großem Geldaufwand unermüdlich unternommenen Versuchsarbeiten [42] keine Hoffnung auf Besserung gaben, blieb zuletzt nichts übrig, als den Betrieb, der auch früher immer nur zeitweise größeren Gewinn geliefert und sich sonst in langen Zwischenzeiten eben erhalten hatte, dessen reiche Silbererznester aber von Zeit zu Zeit immer wieder freudige Bewunderung erregt und die Sammlungen der ganzen Welt mit prächtigen Mineralstufen versorgt hatten, dauernd zu Schließen.

     Auch die Hüttenbetriebe bedurften einer zeitgmäßen Erneuerung. Es gelang die beiden Hütten von Altenau und St. Andreasberg, die mit Oberharzer Erzen immer nur schwach hatten beliefert werden können, dadurch noch ein halbes Jahrhundert am Leben zu erhalten, daß ihnen reiche ausländische Erze zur Verarbeitung zugeführt wurden. Als diese Erze aber nicht mehr mit Vorteil käuflich waren, mußten beide Hütten ihren Betrieb aufgeben, und werden die Oberharzer Erze seitdem allein von der Frankenscharnhütte als Rohhütte und der Lautenthaler Hütte als Entsilberungs- und Raffinierhütte zugute gemacht.

     Die seit 1800 erzielten Betriebsleistungen ergeben sich aus folgenden Zahlen: Die Silbererzeugung erhielt sich bis 1866 auf etwa der Durchichnittshöhe des 18. Jahrhundert, d. h. auf rund 10000 Klg. im Jahre. Wenn sie in den folgenden Jahrzehnten auf die drei- und vierfache Höhe gestiegen ist, so ist das auf die Verarbeitung silberreicher Auslandserze zurückzuführen. Nach dem Kriege sind aus den Oberharzer Erzen allein wieder etwa 16000 Klg. Silber im Jahre erschmolzen worden. Die Bleierzeugung stieg von durchschnittlich 1800 Tonnen im 18. Jahrhundert auf 4500 Tonnen in der Zeit bis 1866 und auf 9000 Tonnen in den folgenden Jahrzehnten. Das ist die Höhe, die sie auch nach dem Kriege heute noch etwa behauptet. Seit 1870 spielt neben der Blei- und Silbererzeugung die Gewinnung der von den Zinkhütten früher zurückgewiesenen Zinkblende eine Rolle. Ihr Absaz hat in den Jahren nach dem Kriege bei einer mittleren Jahresmenge von 14000 Tonnen etwa ein Viertel der Gesamteinnahme erbracht.

Der Reinertrag des Oberharzes hat in der Zeit nach 1866 unter dem Einflusse wechselnder Metallpreise stark geschwankt und ist vorübergehend sogar in Verlust umgeschlagen. Im Durchschnitt hat er sich aber doch auf fast 1 Million Mark im Jahre belaufen. Seit einer Reihe von Jahren wird er durch die glänzenden Anbrüche silberreicher Bleierze der Grube Hülfe Gottes bei Grund günstig beeinflußt. Seine künftige Höhe wird in erster Linie von der schwer vorauszusehenden Entwicklung der Metallpreise abhängen.

     Die Regellosigkeit der Gangvorkommen läßt eine Berechnung der Erzvorräte, wie sie beim Lager- und Flözbergbau möglich ist, nicht zu. Sie gestattet daher aud nicht, die Zeit anzugeben, für die der Fortbestand des Oberharzer Bergbaues noch als gesichert anzusehen ist. Nur mehr gefühlsmäßig kann man sagen, daß ein Bergbau, der in seiner jetzigen Betriebsperiode seit 400 Jahren ununterbrochen im Gange gewesen ist, der heute noch viele gute Anbrüche aufweist und neben den schon im Bau befindlichen Gängen auch manche andere besitzt, die in der Tiefe noch der Untersuchung harren, nicht in kurzer Zeit zu Ende gehen kann. Mögen die umfangreichen Versuchsarbeiten, die der Gangbergmann jederzeit betreiben muß und die heute in besonders großem Maße betrieben werden, um neue Gangmittel an Stelle der der Erschöpfung entgegengehenden zu erschließen, künftig reichen Erfolg haben, und möge dann auch unter der neuen Form, unter der der Staat seit einigen Jahren die Oberharzer Verwaltung führen läßt, unter der „Preußischen Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft, Zweigniederlassung Oberharzer Berg- und Hüttenwerke“, dem Oberharzer Bergbau noch eine lange glückliche Zeit beschieden sein!

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     Die vorstehende Abhandlung und die Abbildung auf S. 34 entnehmen wir mit gütiger Erlanbnis des Verlages Appelhans & Co., Braunsweig dem z. Zt. in Einzellieferungen erscheinenden schönen Werte von Görges-Spehr „Vaterländische Geschichten und Denkwürdigkeiten der Lande Braunschweig und Hannover. Ein Volksbuch. Unter Mitwirkung vieler Fachleute herausgegeben von F. Fuhse 3. Aufl.“, das wir an anderer Stelle eingehend besprechen.

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Die Abbildungen.


auf Seite 36, 38, 41, 43 sind Ausschnitte aus dem im Archiv des Oberbergamts aufbewahrten Riß: „Eigendliche Vorstell: undt Abbildung des F. B. Lü: Altlöblich undt Gott sey Danck reichlich gesegneten Clausthalischen Bergwercks Fürstenthums Grubenhagen, wie solches ietziger zeit unter der erden, in gruben, Stöllen, Wasserläufen, Örther und Strecken, so wol am tage, in Teichen, Rathstuben und Künsten etc: vor augen zusehen Uf des Durchleuchtigsten Fürsten u. Herrn, Herrn Christian Ludwigs, Hertzogen zu Br. undt Lüneburg, meines gnädigsten Fürsten und Delinyrten Bergwercks eintzigen grundes undt Landes Herrn gnädigsten befehl unterthänigst inyentiret, abgerissen undt beschrieben im Quarthal Crucis Anno 1661, Durch höchstged: S: F: Durchl: unterthänigst getreuen diener undt Markscheider Adam Illing.“

     Das Bild auf Seite 36 zeigt in der Ecke rechts oben die letzten Häuser der „Sorge“ und einige Gaipel und Schächte des Rosenhofer Gangzuges.

     Das Bild auf Seite 38 enthält die einzige vorhandene Darstellung der Burgstätte, nach der der Burgstädter Gangzug benannt ist. Es zeigt ferner, wie Radstuben und Feldgestänge neben den kegelförmigen Gaipeln der Landschaft ein eigenartiges Gepräge gaben. In der unteren Ecke rechts das noch vorhandene Eleonorer Zechenhaus.

     Das Bild auf Seite 41 stellt die Gegend dar, wo sich jetzt die Altenauer und Andreasberger Chaussee treffen.

     Das Bild auf Seite 43 zeigt einen Teil der Bergstadt Clausthal. In der Mitte der Marktplatz mit Kirche, Fürstl. Bergamt und Rathaus. Weiter oben die Gottesackerkirche.

L.