Geteiltes Leid

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Textdaten
Autor: Rudolf Lavant
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Titel: Geteiltes Leid
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aus: Der Wahre Jacob
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1915
Verlag: J. H. W. Dietz
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Scan
Kurzbeschreibung:
Der Wahre Jacob, Nr. 746, Seite 8604
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Geteiltes Leid.
Von Rudolf Lavant.

„Was mag denn wohl mit unserm Pfarrer sein?
So schreckhaft bleich und düster ist er heute.“
So ging ein scheues Flüstern durch die Reihn
Der großen Bauern und der kleinen Leute.

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Und in der Tat, die Übung seiner Pflicht

In seines kleinen, schlichten Kirchleins Hallen ―
Leicht wie gewohnt schien sie ihm heute nicht,
Sie schien ihm seltsam hart und schwer zu fallen.

Nur schleppend spann er seine Predigt fort,

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Als ob er mühsam einer Stockung wehre;

Apathisch war und tonlos klang das Wort,
Als ob sich schon das Schiff der Kirche leere.
Und doch gebietet eisern ihm die Pflicht,
Nun aus dem Lager unsrer jungen Helden,

15
Und wenn dabei vor Weh die Stimme bricht,

Den Tod des eignen Lieblingssohns zu melden.

Der älteste liegt krank im Hospital
Und leidet schwer an einer Schulterwunde,
Doch schreibt man heim nun aus dem Krankensaal,

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Daß er in absehbarer Zeit gesunde.

Jetzt, wo er fiebernd froher Kunde harrt,
Wird aus den Schützengräben ihm geschrieben,
„Der mittelste, der Liebling aller, ward
Durchs Herz geschossen und ist tot geblieben.“

25
Und aus dem letzten Winkel kam ein Klang,

Und die ihn hörten, lauschten ihm beklommen,
Weil zwingend er zum tiefsten Herzen drang:
„Ich hatte drei ― man hat sie mir genommen!“
Ein altes Weiblein schwankt dahin im Schwarm,

30
Da tritt der Pfarrer tröstend ihr zur Seite,

Legt sanft in seinen starken ihren Arm
Und gibt zum Hüttchen stumm ihr das Geleite.