Gräfenhain

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Textdaten
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Autor: Friedrich Bernhard Störzner
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Titel: Gräfenhain
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 359–360
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: SLUB Dresden und Wikimedia Commons
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[359]
151. Gräfenhain.

Zwischen Königsbrück und dem mit Schwarzwald bedeckten Keulen- oder Augustusberge liegt das schmucke Dorf Gräfenhain. Mit seinem westlichen Fuße berührt der Berg die Gräfenhainer Flur, auf der noch 1850 Tausende und Abertausende von größeren und kleineren Granitblöcken wirr durcheinanderlagen. Wir treffen auch heute noch viele dieser Gesellen bei einer Wanderung durch diese Gegend an, obgleich die Bewohner Gräfenhains seit Jahrzehnten eifrig bestrebt gewesen sind, ihre Grundstücke von jenen Felsblöcken zu säubern. Man versuchte sie wegzuwälzen und teils auf den Rainen, teils auf beiden Seiten der Feldwege, Mauern gleich, aufzuhäufen. Größere Steinblöcke wurden von Steinarbeitern gesprengt, gespalten und zu Säulen und Platten bearbeitet, die dann als gesuchtes und geschätztes Baumaterial ihre Reise in die Welt antraten. So hat sich in dieser Gegend eine schwunghafte Granitsteinindustrie entwickelt, und Hunderte von fleißigen Menschen sind in dieser Gegend in Steinbrüchen beschäftigt. – Die vielen Granitblöcke, welche die Fluren in der Umgegend des Keulenberges sonst bedeckten, erschwerten natürlich die Arbeit des Landmannes ganz bedeutend. Der Pflug stieß beim Bearbeiten des Feldes fortgesetzt auf hartnäckigen Widerstand, und nur mit Mühe und Not ermöglichte man doch noch die Erbauung des Heidekorns. Heute ist es nun bedeutend besser geworden. Eine wahre Kulturarbeit hat der Landmann durch seine zähe Ausdauer getan. Fruchttragende Felder hat er nach und nach dem sonst kargen und steinigten Erdreiche abgewonnen, aus einer früheren Wildnis eine fruchtbare Flur geschaffen, eine ehemalige Steinwüste in ein förmliches Gartenland umgewandelt. Gleiches geschah mit den Fluren der Dörfer Reichenau, Reichenbach, Lichtenau, Naundorf, Höckendorf. –

Woher aber kamen diese Tausende von Granitblöcken, die sonst die Fluren jener Dörfer deckten? Der Urheber war kein anderer als der Keulenberg, der so trotzig sein Haupt erhebt und wie im Uebermute auf jene Fluren niederschaut. Der Berg war vor Jahrtausenden ein gar unheimlicher Geselle. Damals war er um kein Haar besser als der Vesuv in Italien und der Aetna auf der Insel Sizilien. Der Keulenberg war in grauer Vorzeit ein Vulkan und zwar einer von der schlimmsten Sorte. Aufgetürmt aus dem Urgestein der Erde und kämpfend mit den Elementen, schleuderte er bei übler Laune aus dem Innern der Erde gewaltige Steinmassen empor und besäete damit in meilenweiter Runde seine Umgebung. Wochen hindurch schickte er auch glühenden Ascheregen aus und verhüllte sein Haupt, wie er es heute noch immer gern tut, wenn er die graue Nebelkappe aufgesetzt hat und den Umwohnern etwaige Witterungsänderung anzeigt. Himmelhohe Feuergarben schossen aus dem Berge empor und erhellten auf wenige Augenblicke eine wüste Landschaft, ein Steinmeer. Am meisten scheint aber die heutige Gräfenhainer Flur der Wut des unheimlichen Berges ausgesetzt gewesen zu sein, wie man aus der Unmenge jener daselbst umherliegenden Blöcke mit vollem Rechte schließen kann. – Schon längst hat der Keulenberg sich aber beruhigt, er ist zahm geworden und duldet es, daß die Menschen auf seinem Rücken umherklettern und sich daselbst tummeln. Der Kampf mit den Elementen ist schon lange zu Ende, in dem der Keulenberg seinen Platz trotzig behauptet hat. Aber noch heute beherrscht er die Königsbrücker Gegend.

[360] Wie die Sage berichtet, sollen im Mittelalter die Felder der Gräfenhainer Flur bis an die Bergkuppe gereicht haben. An dem westlichen Abhange des Berges sind auch deutliche Spuren des Ackerpfluges zu erkennen. –

Der westliche Nachbar des Augustusberges ist der Vogelberg. Auf diesem Berge soll in alten Zeiten ein Dorf gestanden haben, Hainichen genannt. In Kriegszeiten sei es dem Erdboden gleichgemacht worden. Ein Graf habe dann zur Ansiedelung den heimatslos gewordenen Bewohnern in der Niederung Land überlassen. Nach ihm sei die neue Niederlassung genannt worden. Sie habe den Namen „Gräfenhainichen“ erhalten, woraus „Gräfenhain“ wurde. –

Ganz alte Leute wollen sich noch eines unterirdischen Ganges erinnern, der durch den kleinen Keulenberg führe und einst zwei am südöstlichen und westlichen Abhange des Keulenberges gelegene Klöster verbunden habe. Das eine dieser Klöster befand sich im Besitze eines wundertätigen Marienbildes, zu dem alljährlich Tausende strömten. Nicht weit von jenem Kloster entfernt war auch eine heilkräftige Quelle, deren Wasser Wunder gewirkt haben soll. An dieses Kloster am Vogelberge soll heute die Kirche zu Höckendorf, die ursprünglich nur eine Kapelle war und zum nahen Kloster gehörte, erinnern. Vor dem Eingange zur Höckendorfer Kirche befindet sich ein umgestürzter, steinerner Weihkessel, der als ein Ueberrest jenes Klosters bezeichnet wird. Auch eine Heilquelle ist noch vorhanden. In der Nähe der Kirche zu Höckendorf rieselt aus einer Quelle Wasser hervor, das seit Jahrhunderten von den Umwohnern als ein Gesundbrunnen bezeichnet wird. Tatsache soll es sein, daß diejenigen Bewohner Höckendorfs, welche diesen Quell benützten, durch ein hohes Lebensalter sich auszeichneten. –

Zwischen dem großen Keulenberge und dem Vogelberge befindet sich eine Schlucht. In ihr war, wie die Sage erzählt, ehedem ein altheidnischer Kultus- und Begräbnisplatz. Und in Wirklichkeit sind hier früher Urnen und andere Dinge, wie Ringe aus Bronze, ausgegraben worden. Diese Sage ist jedenfalls nicht ganz grundlos, denn auf dem Keulenberge stand ja ursprünglich ein Götzenaltar, und zahlreiche Opfer wurden auf ihm den Göttern dargebracht.