Große Werke kleiner Meister

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Große Werke kleiner Meister
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 489–490
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[489]
Große Werke kleiner Meister.

Wenn auch nicht mehr als unerreichbare Vorbilder, so staunen wir doch immer noch als riesenmäßige Werke der kleinen Menschenkinder die Pyramiden Aegyptens an, die ewigen Denkmale Pharaonischen Despotenthums. Und doch, was sind sie im Vergleich zu den Werken mancher kleinen Wesen, welche weder von einem despotischen Willen noch durch freie Verabredung dazu getrieben werden?

„Mit vereinter Kraft“ müßte zwar die Überschrift lauten, wenn man der Göttin des Aktienwesens auf Aktien Tempel bauen würde; aber in Fleisch und Blut ist dieser weltbewegendn Grundsatz dem Volke doch noch nicht gedrungen; sonst würde manches dem Einzelnen und selbst Vereinen von Vielen Unerreichbare nicht mehr zu den frommen Wünschen zählen.

Die Natur, so verschiedentlich aufgefaßt, bald als allgemeiner großer Brotschrank – bald als Betstübchen, ist doch erst noch Wenigen ein Vorbild zu gemeinsamem Handeln. Es sei uns darum gestattet, die Natur einmal von dieser Seite unseren Lesern vorzuführen.

Wenn der hungrige Goldsucher von Californien nach dem noch goldreicheren Neuholland unter dem Glutstrahl der Aequatorsonne segelt, so geräth er etwa von dem 160. Längengrade an in ein wahres Meer kleiner Inseln. Auf der Landkarte steht hier über eine dichte Gruppe nicht viel über punktgroßer Inselchen hinweg der Name Polynesien, was „viele Inseln“ bedeutet. Der Seefahrer befindet sich hier mit seinem zerbrechlichen Fahrzeuge in einer gefährlichen Lage. Er befindet sich aber auch in einem an Wundern wie an verborgener Schönheit reichen Gebiete. Vom hohen Mastkorbe überschaut er oft mit Einem Blicke ein wahres Saatseld kleiner Inseln. Flach wie auf dem Meere schwimmende Blätter sind sie mit einem weißen Kranze der schäumenden Brandungswellen gesäumt, vor deren Anstürmen sich die Kokospalme, die Herrscherin dieser wunderbaren Eilande, vom Rande der Inseln mehr nach dem Mittelpunkte zurückzieht, zwischen sich und dem Meere einen erstorbenen Küstensaum lassend.

Bei der Beschreibung dieser Inseln stimmen alle Reisende, welche offenen Herzens für die Natur sind, in Bewunderung überein. Der reisende Naturforscher findet in ihnen einen staunenerregenden Anlaß zum Nachdenken über ihren wunderbaren Ursprung. Die mächtigste Gewalt hat sich mit fast unsichtbar kleinen Wesen verbunden, um diese Inseln aufzubauen: der Vulkanismus und die Korallenpolypen. Als Dritter im Bunde gesellt sich zu ihnen das Meer, bereitwillig diese kleinen Theilchen seines unermeßlichen Gebietes aufgebend, indem es aus seinem Schooße Sand, Schaalthiere und die festen Ueberreste allerhand anderen Gethieres hinaufspült, um den neugeborenen Boden zu erhöhen. Dann führt es auch Saamen mancherlei Art herbei, um sie in dem jungfräulichen Boden Wurzel schlagen zu lassen, vor allem die nährende Kokosnuß und die steinharten Saamen anderer Palmen. Die Vögel, die rüstigen Wanderer, bleiben dann nicht lange aus und zuletzt kommt auch der Mensch mit seinem Gefolge von Hausthieren und nimmt das stille Eiland aus der Hand des Meeres in Besitz.

Das Meer ist ruhig und ladet uns zum Besuch einer dieser Inselchen ein. Je näher uns das schaukelnde Boot bringt, desto mehr glauben wir die schlanken Kokospalmen seien aus dem Meeresgrunde selbst herausgewachsen, denn die kräuselnde Brandung verdeckt mit ihrem schneeweißen Schaumstreifen das kaum fußhohe Land. Nach langer Fahrt um das schaumumgürtete Eiland sehen wir plötzlich eine Einfahrt sich öffnen. Die Insel ist blos ein kaum eine halbe Stunde breiter runder Landgürtel, der an einer Stelle offen ist. Wir rudern hinein und wie durch Zauberei befinden wir uns da in einer neuen Welt. Vor uns liegt der glatte Spiegel eines großen Landsees, dessen Ufer ringsum mit Palmen umsäumt ist. Heilige Stille umfängt uns; kein Wellchen kräuselt den krystallnen Spiegel, über den unser Boot lautlos dahin gleitet. Ein neues Wunder? Wir sehen um uns in seichter Tiefe einen tausendfarbigen Blumengarten den Meeresboden bedecken; denn das Meer trat ja mit uns in das Thor, und es ist kein Landsee, auf dem wir fahren. Doch wo ist der Blumenflor so plötzlich hin? Flohen die zarten Kinder dieses Thetisgartens vor dem eben recht laut auffallenden Ruderschlage unserer Bootsleute?

Esist so. Denn die Blumen sind die Millionen Korallenpolypen, welche erschreckt in die kleinen Gemächer ihrer baumartigen Gebäude zurückfuhren.

Trunken von der wunderbaren Schönheit betreten wir das Land. Unser Fuß steht auch hier auf Korallen. Die heiße Sonne und die tropischen Regengüsse haben sie zerbröckelt und daraus einen von Thieren bereiteten Boden für die Pflanzen geschaffen. Da ist kein Stein und kein Fels; alle Steine des Bodens waren einstmals die Gehäuse von Thieren, deren Stoffe das Seewasser, aus dem sie stammten, längst wieder in sich aufgenommen hat.

Wir können nicht müde werden, diesen wundervollen Schauplatz der Thätigkeit so kleiner Thiere zu untersuchen. Die Lagune, so nennt man den scheinbaren Landsee, hat eine unbedeutende Tiefe, aber das äußere Ufer, welches nach dem Meere zu liegt, fällt schnell zu ungeheuerer Tiefe hinab. So ist denn die Insel mit ihrer Lagune die breite oben ausgehöhlte Kuppe eines hohen Berges, der von des Meeres tiefunterstem Grunde heraufragt und dessen flacher Gipfelumkreis eine Oeffnung hat, so daß er nun den geöffneten Landgürtel dieser sonderbaren Insel bildet? Genau so ist es.

Aber einst lag dieser Berggipfel, ohne Zweifel ein ehemaliger Vulkan, tief unter dem Meeresspiegel. Da siedelten sich auf ihm die kleinen wunderbaren Bauleute, die Korallenpolypen an. Sie fügten seiner Höhe allmälig und unabläßig etwas hinzu. Allein sie würden sicher aufgehört haben, als sie an dem Tiefpunkte angekommen waren, bis über welchen hinaus sie sich dem Meeresspiegel nicht nähern. Sie können ja eben nur im Meerwasser gedeihen. Wie also ist es gekommen, daß sich die Koralleninsel, die sie ist, über den Meeresspiegel erhoben hat? Der Berg, dessen Kuppe sie bildet, wurde von der Macht des Vulkanismus, welcher im Innersten der Erde thront, langsam und in einem Menschenalter wohl kaum bemerkbar, in die Höhe gehoben, wie es eben so mit der norwegischen Küste der Fall ist. Noch ehe sie den Meeresspiegel ganz erreicht hatte, spülten die sturmbewegten Wogen aus dem Meeresgrunde abgebrochene Korallenstücke, Schaalthiergehäuse und andere feste Körper darüber hin und halfen das Werk der vulkanischen Thätigkeit beschleunigen. So wird vielleicht einst auch die Laguue verschwinden, entweder aus ihrer Mündung in’s Meer auslaufen, oder allmälig austrocknen. Bei vielen dieser Koralleninseln, die man Atolls nennt, ist dies auch geschehen.

Viele dieser Atolls sind also durch Beseitigung der Lagunen zuletzt vollkommene Inseln geworden. Bei anderen dagegen ist der die Lagune umschließende Landgürtel in zahlreiche kleine Inseln aufgelöst, so daß statt Einer Insel ein Kranz kleiner Inseln [490] vorhanden ist, deren untermeerischer Zusammenhang sich aber durch die kreisförmige Anordnung zu erkennen giebt.

Weit von Polynesien gegen Westen gelegen findet sich ein ähnliches Inselmeer von beschränkterer Ausdehnung; es ist das Inselmeer der Maldiven, in welchem man auf einem Flächeraum von nicht viel über 6 Grad Durchmesser Über 1200 solcher Koralleninseln oder Atolls zählt.

Die Gartenlaube (1854) b 490.jpg

Wenn solche Koralleninseln durchaus das Werk der Polypen sind, welche sich auf den Kuppen untermeerischer Berge, die der Vulkanismus zuletzt über den Meeresspiegel emporschob, ansiedelten, so ist die Betheiligung dieser kleinen räthselhaften Wesen an der Vergrößerung der festen Erdoberfläche nicht hierauf beschränkt. Fast alle steil in das Meer abfallenden Küsten südlicher Breiten finden sich von Korallenriffen bedeckt, die man Strandriffe nennt, wenn sie unmittelbar auf der Küste aufsitzen, Kanalriffe dagegen, wenn zwischen ihnen und der Küste noch ein kanalartiger Meeresstreifen bleibt.

Diese wunderbaren Bauten sind nicht erst in der gegenwärtigen Epoche des Erdlebens entstanden. Viele Marmorarten sind nichts anderes als ehemalige Korallenbänke, und der Coralrag der Juraformation ist eine Korallenbank, welche sich weit über große Gebiete Mittel-Europa’s ausdehnte, als das ruhige Jurameer es noch bedeckte, aus welchem sich allmälig jene ungeheuern Felsschichten absetzten, welche den Jura und die schwäbische Alp zusammensetzen.

Die erfinderische Natur hat für ihre Phantasie in den Formen der Polypenstöcke, wie man die Korallen nennt, einen weiten Spielraum gehabt. Zwischen centnerschweren halbkugeligen Massen der Mäandrinen, die bis in das Innerste zierlich angeordneten Colonien von Millionen kleiner Wesen, bis zu dem zarten moosartigen Polypenstock der Moosthierchen (Brvozoen) findet sich eine lange Kette der verschiedensten Formen und der Grade der Ausprägung.

Bis 1725 galten die Korallenpolypen für räthselhafte Doppelwesen, nach Innen für Steine, nach Außen für Pflanzen; und als Peyssonnel der französischen Akademie der Wissenschaften einen Aufsatz über deren thierische Natur eingereicht hatte, so glaubte der Berichterstatter, der berühmte Réaumur, aus Schonung den Namen des Urhebers dieser so ganz und gar für verkehrt gehaltenen Ansicht verschweigen zu müssen. Erst als 1740 das berühmte Buch von Abr. Trembley über einige der wenigen Süßwasserpolypen erschien, gelangte Peyssonnel’s Entdeckung zu ihrer vollen Geltung und Anerkennung. Heute enthält ihre Naturgeschichte kaum noch eine dunkle Partie.

Vielleicht kommen wir ein ander Mal auf die so wunderbare und so bedeutungsvolle Lebensweise und Organisation dieser „kleinen Meister großer Werke“ zurück. Für heute fügen wir nur noch einige Worte über die beigegebene Abbildung hinzu.

Fig. 3–5 stellt die bekannte Edelkoralle, Corallium rubrum, dar, die in dem von Italien, der südfranzösischen, spanischen und algierischen Küste eingeschlossenen Theil des Mittelmeeres gefunden wird, um aus ihrem harten und vollkommen dichten, scharlachrothen Stocke Perlen und andere Schmucksachen zu drehen. Er ist ursprünglich mit einer weichen, korkartigen weißlichen Rinde bedeckt, – welche an der unteren Hälfte der Fig. 3 entfernt ist – in welcher die blumenähnlicheu kleinen Polypen in kleinen Höhlen leben. Bei Fig. 5 sehen wir ein noch berindetes Stückchen vergrößert dargestellt mit zwei Polypen, von denen der Eine ausgestreckt, der Andere in seine Höhle zurückgezogen ist, so daß man unter der kleinen warzenartigen Erhöhung die zierliche Thierblume kaum vermuthet. Einen wesentlicheren Antheil an der Erbauung der Korallenriffe nimmt die artenreiche Gattung der Madreporen. Fig. 1 zeigt uns ein kleines Aestchen von Madrepora abrotanoides, und Fig. 2 einen ganz kleinen Theil desselben vergrößert mit den Polypen, welche nicht in einer Rinde, sondern in röhrenartigen Hervorragungen des ganz steinartigen Stockes leben.