Gutachten über die Wahlfähigkeit eines Landtagsdeputirten

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Autor: Johann Gottfried Pahl
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Titel: Gutachten über die Wahlfähigkeit eines Landtagsdeputirten
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Erscheinungsdatum: 1797
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Erscheinungsort: o. O.
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Quelle: UB München 0001/8 Hist. 4016(2 bzw. 0001/8 Hist. 5154 und Djvu auf Commons
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Wohlgemeyntes,
in Vernunft und Schrift bestgegründetes,
jedoch unmaaßgebliches
Gutachten,
über die
Wahlfähigkeit eines Landtagsdeputirten
in
Wirtemberg;
auf ausdrükliches Verlangen der ehrsamen Amtsversammlung zu Ypsilon,
salvo meliori, gestellt,
aus Liebe zur Wahrheit an den Tag gegeben,
und
den sämtlichen wirtembergischen Ortsmagistraten
devotest dedicirt
von
Sebastian Käsbohrer,
p. t. Schulmeister in Ganslosen.
Gedrukt am ersten April
1797.
Auch ein Text zu einer Landtagspredigt.

Βλεπετε οὖν πως ἀκριβως περιπατειτε μη ὡς ἂσοφοι, ἀλλ’ ὡς σοφοι ἐξαγοραζομενοι τον καιρον, ὅτι – ἄι ἥμεραι πονηραί εἰσι.

Paulus.
Wenn die Katze einmal Schmeer gefressen hat, so frißt sie es öfter! – so wirst du, mein liebes, ehrenwerthes vaterländisches Publikum! bey dir selbst denken, wenn du mich abermal in der Mitte deiner politisch-literarischen Sprecher und respective Schreyer auftretten, und mich, ein neues Opusculum in der Hand, mit einem langen Kratzfusse, ganz freundlich und demüthiglich vor deinen Schranken erscheinen siehst. Erst, werden vielleicht die hochweisen Herrn und Frauen auf der vordern Bank, so gut als die extraklugen Sansküloten in der Ofenecke, einander in die Ohren raunen, – erst hat uns dieser naseweise Schulmonarche mit seiner abgeschmakten Adelsapologie gebrandschazt, und ob er gleich von seinem Nachbar Jeremies gar weidlich darob gezüchtiget worden, so läßt er doch das Brandschatzen nicht bleiben, und stümpert nun gar in eine neue Materie hinein, die doch von dem Herrn Magister Märklin von Stuttgardt, von dem Herrn Hofrathe Heßler von Vaihingen, dem Herrn Kanzleyadvokat Rümmelin zu Ludwigsburg, dem Herrn Landschaftsconsulent Kerner, dem Herrn Amtsschreiber Bolley zu Waiblingen, und andern nicht minder gewichtigen Anonymis und Pseudonymis, so gründlich behandelt, und so ganz abgethan ist, daß man überall nicht absehen kann, was ein ärmlicher Dorfschulmeister noch zu den Diskussionen dieser hochgelehrten Herrn sollte hinzuzusetzen wissen, – fährt der alte Sünder in diesem Verhältnisse fort zu schriftstellern, so wird er bald ein so gewaltiger Autor vor dem Herrn, als unser seelige Herr Etatsrath von Moser; und wenn dann am Schlusse des Jahrhunderts eine neue Ausgabe von dem gelehrten Wirtemberg erscheint, so wird sein Artikel in demselben eben so viel Raum einnehmen, als in der anizt kursirenden Ausgabe der Artikel Balthasar Haug.

Doch richtet nicht vor der Zeit, meine lieben Leser! – Freylich ist es noch nicht gar lange, daß ich den festen Entschluß gefaßt habe, nicht mehr öffentlich zu sprechen, und eher die Alb und den Schwarzwald einstürzen zu lassen, als meine Feder wieder zu ergreifen. Die Ursache dieses Entschlusses ist euch allen bekannt, und mein Hans Willibald Panzhaaf hat euch von dem jämmerlichen Zustande, in den ich durch die Thränen des wirtembergischen Jeremias versezt worden bin, ein so rührendes Gemählde insinuirt, daß euch nichts begreiflicher seyn kann, als die Entstehung jenes Entschlusses. Allein die Umstände haben sich unterdessen geändert, und ich komme in meiner philosophischen Bekehrung dem Durchbruche immer näher, so daß ich anfange, an den Punkt zu gelangen, auf dem man im Stande ist, alle Urtheile der Welt zu verachten. Hierinn bestärkt mich nichts mehr, als die vielen Beyspiele von demselben Sinne, die selbst unsre vaterländische historia litteraria suppeditirt. Wer nicht gegen Realund Verbal-Injurien eine eherne Stirne hat, der darf nichts schreiben, sagt ein Schriftsteller von Profession, und hätte z. E. unser Herr Prälat Roos zu Anhausen auf das Geschwäze der Leute zu Berlin und Jena achten wollen, so wäre er nicht über die Fußstapfen des Glaubens Abrahä hinausgekommen.

Indessen mögen dieser und andere Herrn zur Fortsezung des schriftstellerischen Gewerbes Gründe haben, welche sie wollen; derjenige der mich bestimmt, ist wenigstens so rein, so ächt, und so uneigennüzig, daß mir, mein Werk falle auch aus, wie es wolle, doch der Beifall der strengsten moralischen Rigoristen nicht entgehen kann, in dem bekanntlich, nach ihrem Urtheile unsre Handlungen nicht durch ihre Materie, sondern immer nur durch ihre Form geheiliget werden. Mag der eine aus Ruhmsucht, der andere aus Hunger, der dritte aus langer Weile, der vierte aus Glaubenseifer, der fünfte aus Geniedrang schreiben, – ich schreibe aus Patriotismus, und aus herzlicher, redlicher Anhänglichkeit an mein liebes Vaterland, und an die dadurch das löbliche Herkommen in demselben bestätigte Verfassung. Freilich begreift der gröste Theil unsrer Landsleute eine solche Gesinnung nicht; am wenigsten aber unsre alten und jungen demokratischen Springinsfelde, welche alles tadeln, alles verachten, alles umkehren, alle Kirchthürmer auf die Spize stellen, alle Ströme die Berge hinaufleiten, und ihre Uhren nicht mehr nach der Sonne, sondern die Sonne nach ihren Uhren richten wollen. Mögen sie’s so ferner machen! Unser einer lachet ihrer und ihrer Thorheit, und Sebastian Käsbohrer blikt freudig und kühn umher, auf alle grossen und kleinen Staaten in Deutschland und Europa, sucht ein Wirtemberg und findet keines, sieht überall Zerrüttung und Unordnung und nur in seiner Gränze Friede, steigt hinauf in das Dachfenster seines Hauses, und vergnügt in seinem Gott, kräht er sein fröhliches ipse fecit ins Thal hinab:

Kommt, Buben! kommt mit mir, und preißt,
Das Land, wo Milch und Honig fleußt,
Das Wirtemberger Land! – etc. etc.

In diesen römisch-christlichen Patriotismus werde ich mich aber auch, gleich als in einen starken, fingersdiken, wohl ins Wasser geschlagenen, und auf den Naaten mit Wachstuch besezten Reutmantel, einhüllen, wenn dieser mein zweyter schriftstellerischer Versuch dasselbe Schiksal, wie der erste haben, und von Leuten, die seinen Sinn nicht fassen, wüthend beschnarcht, oder von irgend einem armen Teufel beweint werden sollte. Ich sehe auch wirklich dieses Schiksal schon wieder im Geiste voraus, ohne eben den Wahrsager-Geist des Mädchens von Philippi empfangen zu haben, weil ich auch hier aus meinem Systeme argumentiren, und so wie immer, auf mein primum principium bauen werde, daß in Staatssachen der Vernunft so wenig eine Stimme zukomme, als in Sachen des Glaubens, und daß hier alles, theils durch das wohlhergebrachte Herkommen, theils durch die Willkühr des Regenten bestimmt werden müsse. Mag denn Alt und Jung wider mich schreyen, mag die ganze Brut, die in Cotta’s Schule gezügelt worden, sich wider mich empören, ich werde in meiner redlichen Einfalt schweigen, und mich herzlich an ihren grimmigen Gesichtern ergözen. Machen sie es aber zu arg, dann soll sich mein Willibald, mit seiner Peitsche, gegen sie erheben, und sie so lange geiseln, bis ihr Geiserfluß versiegt, wie mein Weinfaß, nach dem Besuche der blauen Herrn aus der Bande des Monsieur Laroche.

Doch es ist Zeit, daß ich zur Sache komme, ob ich gleich unserm feinen Weltreformatoren noch manches ernstliche Wort in generali an das Herz zu legen hätte. Aber ich breche ab, indem ich die langen Vorreden nicht liebe, und dabey besorge, ich möchte, wenn ich den Strom meines Eifers nicht hemmte, in den Fehler meines hochwürdigen Ehrenpastors fallen, der sich nicht selten in dem Eingange seiner Predigten so sehr vertieft, daß er das Thema und die Abtheilungen oft, nach seinem eigenen Ausdrucke, unter der Zunge erstiken muß. Also ohne weitere Prolegomena ad rem!

Wenn man von der Festung Hohen-Neufen eine gerade Linie heraufzieht, bis auf die Spitze des Obelisks, der zwischen dem Kloster Lorch, und jener dikkatholischen Reichsstadt, welche längst als die Stappelstadt der falschen Münzer berüchtigt ist, auf der linken Seite der Landstrasse errichtet steht, und dann diese Linie längst der Rems hinunter verlängert, bis an ihre Mündung, so entsteht ein ziemlich gleichseitiges Dreyeck, dessen Basis der Neckar beschreibt. Ungefähr in der Mitte dieser Fläche, unter gleichem Meridian mit dem Wohnsitze der Hummelsbegraber, liegt ein kleines Landstädtchen, angefüllt von einem derben Schlage braver, guter, altdeutscher Wirtemberger, die sich, schlecht und recht, von ihren Weinbergen, Bohnenländern, und Welschkornäkern nähren, und bey der gewissenhaften Wachsamkeit ihres Herrn Specials, von dem verfluchten Gifte der Aufklärung so wenig wissen, als die Esquimaux von Tobias Maiers Mondstafeln, oder mancher unsrer hochnasigen Kanzleyherrn von den Abentheuern Eberhards des Greiners; – und der Name des Städtchen heißt Ypsilon. „Ypsilon? der Schulmeister von Ganslosen ist ein Narr und ein Lügner!“ – höre ich hier meine höchst- und hochzuverehrenden Leser ausrufen, indem sie ein wirtembergisches Ypsilon weder in Röders Geographie, noch auf der Maierischen Charte finden, noch bey ihrem landeskundigen Stadtboten erfragen können. Doch, Geduld! meine Herrn, ich gestehe meine kleine Nothlüge. Ypsilon ist ein nomen fictitium, – und der Erfolg wird euch lehren, warum ich zu diesem kleinen schriftstellerischen Handwerksvortheile meine Zuflucht genommen habe. Nur so viel einstweilen provisorisch, daß es nicht aus Furcht vor unsrer Censur geschah. Denn thäte diese ihre Schuldigkeit, so ließ man unsre wirtembergischen Paine’s, Brissots, und Condorcets ihr Wesen nicht so ungehindert treiben, und machte sie nicht noch oben drein – was Gott geklagt sey – zu Geheimenräthen!

In diesem Städtchen lebt ohne Amt und Titel, von dem Ertrage seiner Güter und Kapitalien, ein gewisser Herr Theophil Gmelin, der ehemals im theologischen Stifte zu Tübingen die Gottesgelahrtheit studirt, und wie es bey uns die löbliche Gewohnheit ist, die Meisterschaft erlangt, aber auf seinen Vikariaten ein Loch durch den Kirchenrok gebohrt, zur wohlverdienten Strafe seiner Fleischeslust die priesterliche Weihe und das Magisterium verloren, und sich dann nolens volens wieder in den Pfuhl der Profanen zurücke geworfen hat. Dieser Herr Gmelin ist ein Mann von einer erschröklich grossen Gelehrsamkeit, aber eben so verkehrt als gelehrt, – ein Socinianer, ein Atheist, ein Semlerianer, ein Kantianer, ein Neologe in allen Stücken, und in Absicht auf seine politische Meinungen, dem aufrührischen Adolph von Knigge, und dem gebrandmarkten Schildwächter Rebmann so ähnlich, als – ein Dreckkäfer dem andern.

Gegen über von seinem Hause wohnt der erste Bürgermeister des Orts, Herr Sigmund Wurstsak, ein alter ehrlicher Graukopf, von Metier ein Bauer und Brandweinbrenner, der sich seiner Tage nie viel um den Schaden Josephs gekümmert, sein Wesen stille und friedlich getrieben, sich in allem an den Herrn Oberamtmann submissest angeschlossen, und auf dem Rathhause nie sonderliche Wunder gethan hat; übrigens ein guter, braver Mann, und so sanft und mitleidig, daß er es nie über sein Herz bringen konnte, auch nur eine Floh, zu knicken, hätte sie gleich noch so unverschämt auf der Kehrseite seiner glänzenden Hosen gegrubelt.

Theophil Gmelin und Sigmund Wurstsak waren immer gute und einträchtigliche Nachbarsleute, und dienten und halfen einander bey jeder Gelegenheit. Aber seit ungefähr 3 Jahren, ward dies gottgefällige friedliche Benehmen plözlich unterbrochen. Der Burgermeister wurde Wittwer, und – da die Alten, wie man weiß, oft noch einen viel lüsternern Gaumen haben, als die Jünglinge, – so heirathete er eine derbe, rasche Predigerstochter aus der Reichsstadt Reutlingen, und brachte auf diese Weise eine französische Haube weiter in die kleine Stadt. So gleich gab es Spahe und Irrungen über die Maaßen, zwischen der neuen Madame Wurstsak, und der Frau Exmagisterinn, und da die Weiber die Herzen der Männer leiten, wie die Wasserbäche, so hatte auch die Eintracht der beyden Herrn ein baldiges Ende.

Eine jede von diesen beyden Frauen wollte mehr seyn, und mehr gelten, als die andere, und da erhub sich zwischen ihnen eine Eifersucht, die oft bis zu den unanständigsten Thätlichkeiten ausbrach. Jede wollte die artigste und die geschmakvollste, jede die schönste und die liebenswürdigste seyn; und doch waren sie beyde so häßlich, daß man sich bey ihrem Anblicke der Vermuthung nicht erwehren konnte, ob nicht hier die Natur ein Paar Fratzengesichter aus Hausleutners Gallerie der Nationen haben kopiren wollen? – „Sie ist“ sprach die Wurstsakinn bey sich selbst, eine elende Exmagisterinne, vor der kein Knabe die Kappe lüpft, und noch oben drein eine verächtliche Hure, die vor der Kopulazion Hochzeit gemacht hat; und ich, ob ich mir wohl auch ehemals manchen lustigen Tag, und manches lustigere Nächtchen, mir den Herren von Tübingen gemacht habe, ich will den sehen, der mich mit ihr vergleiche.“ Die Madame Theophil aber erwiederte: „Das Weib eines studirten Mannes steht lange noch neben keine armselige Bürgermeisterinn, die, sie mag sich auch parfumiren, wie sie will, noch immer nach dem Brandweinhafen stinkt, oder nach dem Stallkothe, den sie von den Schuhen ihres Herrn Gemahls gewaschen hat.“ – Es war keine Hochzeit, keine Leiche, kein Kindbettschmaus, wo nicht die beyden Weiber einander nekten, oder an einander aufstanden, wie die erzürnten Hähne; und manche Suppe wurde verbrannt, manches flächsene Hembd wurde von dem glühenden Begelstahle braun, weil die Köpfe immer entweder von der vertrakten Exmagisterinn, oder von der fatalen Brandweinbrennerin voll waren.

Es hätte für die leztre kaum ein grösserer Triumf bereitet werden können, als die Ankündigung des allgemeinen Landtages. Denn nun lag sie ihrem Alten Tag und Nacht in den Ohren, daß er alles anwenden sollte um zum Deputirten erwählt zu werden; und ihr Sieg über die Madame Gmelin schien ihr auf ewig entschieden, wenn es ihr gelänge, als Volksrepräsentantin, wie die Neuern zu sprechen belieben, aufzutreten. Es zeigte sich auch sogleich ein sehr günstiger Umstand für ihre Hoffnungen. Sie hatte ehemals mit dem Oberamtmann, als dieser noch zu Tübingen zu Hofackers Füssen saß, Bekanntschaft gemacht, und da diese Herrn alle Wahlen der Amtsversammlungen leiten, wie der Müllerpursche seinen Esel, so knüpfte sie die alte Bekanntschaft aufs Neue an, machte dem gestrengen Herrn öftere nikodemische Besuche, körnte ihn mit dem gewöhnlichen Köder der des weiblichen Geschlechtes an, und erhielt praestita taxa – sein Wort. Aber das Schlimmste – dem alten, ehrenfesten Sigmund graute vor dem Landtage. „Laß mich, liebes Weib! sprach er, ich tauge nicht unter die Herren in Stuttgardt hinein. Welthändel kümmern mich überhaupt nicht mehr; und dann mag ich wohl ein guter Bürgermeister zu Ypsilon seyn; aber zum Landtage bin ich der Mann, wahrlich! nicht. Da giebt es wohl viel zu schreiben, und du weißt, wie mir die Hand zittert, wenn ich die Feder ergreife!“ – „Du alter Narr, erwiederte das Weib, daß du deine Ehre so mit Füssen von dir stossen willst! Auf dem Landtage schreibt man nicht, da spricht man nur. Und wenn du auch nichts zu sprechen wissen solltest, so ist die Ehre doch dieselbe. Und kommt das Votiren an dich, so darfst du ja immer nur sagen: ich halte es mit meinem Vormann, oder mit dem Herrn Hofrath Stockmaier, oder mit dem Herrn Prälaten von Murrhard, und dann ist die Sache richtig. Kurz und gut, ich ruhe nicht, du mußt“ – und der Alte mußte.

Aber wie die Frau Sigmundinn aufschaute, nicht anders als hätte ihr ihr carum caput eine süsse Schäferstunde mit dem Herrn Oberamtmann verdorben, – als das Gericht die Neuigkeit vor ihre Ohren brachte, daß der Vetter Gmelin jeden Stein bewege, um von Stadt und Amt in den Landtag gewählt zu werden. Sie sprühte Feuer und Flammen, sie schimpfte zum Fenster hinaus, daß die Leute auf der Gasse stehen blieben, so oft sie an der Frau Exmagisterinn vorübergieng, rüttelte sie gar undelikat das Hintertheil ihres Rockes, sie lief von Haus zu Hause, um quovis modo Stimmen zu erkaufen, zu erbetteln, und zu erliebeln, sie bestürmte den Oberamtmann unaufhörlich, und war spröde und gefällig, je nachdem es die Umstände erheischten, sie studirte Tag und Nacht im Gesetze, um selbst zu sehen, was in causa quaestionis Rechtens sey, sie protestirte und exzipirte überall gegen den verhaßten Nebenbuhler, und – sie konnte es mit alle dem nicht hindern, daß er sich nicht eine Parthey gemacht hätte, die bedeutend genug war, um ihre Hoffnung durch Furcht zu temperiren.

Gmelin hatte besonders die Stimme des grossen Haufens, die ihn freylich nicht unmittelbar zu seinem Zweck führen konnte, aber doch so laut ertönte, daß die Wähler nicht alle Rüksicht auf dieselbe vernachlässigen durften. „Der Wurstsack ist ein Pinsel, – das ganze Amt wird durch ihn lächerlich, – aber Gmelin hat Gelehrsamkeit und Verstand, – er wird uns Ehre machen, – er ist der einzige Mann für diese Stelle!“ – solche und noch viel verfänglichere Reden fielen in den Strassen, in den Schenken, auf dem Rathhause, und so gar in des Bürgermeisters Brandweinstube. Aber in diesem Falle war die Stimme des Volkes nicht Gottes Stimme, sondern ein albernes Traum- und Rauschgeschwätze. Denn das ist überall die Weise der Aufklärer und Demokraten. Sie schmeicheln dem Pöbel, spielen ihm zu Gefallen jede Rolle so meisterhaft als Haller und Weberling, betrügen ihn durch die Tugendlarve, mit der sie umher wandeln, thun ihm freundlich und gefällig, und machen ihn dadurch zum Werkzeuge ihres Stolzes und ihres Eigennutzes, oder zu einem Hebel, womit sie alles Gute, was da besteht, lüpfen und über den Haufen werfen.

Endlich trat die Amtsversammlung zusammen. Die Ypsilaner sahen dem Resultate ihrer Berathschlagungen mit derselben ungeduldigen Erwartung entgegen, mit der izt das ganze lesende Wirtembergische Publikum auf die dramatisirte Geschichte des Herzogs Ulrich gespannt ist, welche der Herr Hofschauspieler Aresto, sonst Burchardi genannt, angekündigt hat. Man wählte, und siehe! Gmelin und Wurstsack erhielten – paria, und jede Parthey verharrte so eigensinnig bey ihrer Meynung, daß der ganze Handel stockstille stehen blieb, wie zween Wägen in einer Hohlgasse, wo die Axe des einen, der Axe des andern entgegen strebt. Man wurde hitzig, man schimpfte, man griff nach den Stöcken, und es fehlte nicht viel, man hätte eine Scene aus dem Nationalkonvent, aus der Periode der Girandisten- und Jakobinerkämpfe wiederholt. Der Oberamtmann schlug hundert Auskunftsmittel vor. Es war alles vergeblich. Wurstsack bat seine nächsten Nachbarn mit Thränen, um ihre Stimme. „Ihr verdient sie nicht! Ihr solltet euch schämen, so gierig nach einem Amte zu ringen, dem ihr nicht gewachsen seyd!“ erwiederten sie grimmigen Blickes. Die Narren! Sie wußten nicht, daß dem guten Graukopfe sein böses Weib, frühe, als sie ihm den Mantel anzog, rotunde erklärt hatte: Kommst du nicht als Landtagsdeputirter zurück, so sollst du von nun an nicht mehr wissen, daß du ein Weib hast!

In dem die Herrn auf diese Weise von den Wogen der Zwietracht hin und her getrieben wurden, erhub sich aus der Mitte der Amtsdeputirten ein Dorfschulze, und brachte durch einen glüklichen Vorschlag mit einem male Frieden unter sie. „Ihr habt alle, sprach er, da schöne Büchlein des Schulmeisters von Ganslosen gelesen, und ihr seyd auch wohl alle, so wie ich der Meynung daß wenige Wirtemberger so treuherzig, und so handgreiflich wahr, von Staats- und Landessachen zu raisonniren wissen, als er. Ich setze alles Vertrauen in seine Weisheit, und ists euch wie mir, so lassen wir ihn holen, legen ihm unsern Streit vor, und unterwerfen uns seiner Entscheidung. Ohne ein Auskunftsmittel dieser Art werden wir nimmermehr eins. Drum hielt ich für’s Beste, wir lassen den Knoten zerhauen!“ – Dieser Vorschlag, den ich übrigens nur um der historischen Treue willen, und nicht um meinen Schulmeistersstolze, von dem meine Appel immer so viel renommirt, ein Kompliment zu machen, wörtlich angegeben habe, fand allgemeinen, rauschenden Beyfall; es ward sogleich ein gar freundliches, von Oberamtmann und Gericht subsignirtes, Einladungsschreiben an mich verfaßt, und ein Reutender abgefertiget, um mich abzuholen. Abends um 4 Uhr stand sein Roß vor meiner Thüre.

Lächelt oder lächelt nicht, meine Herrn und Damen! wenn ich euch mit alle der Offenherzigkeit, die mir so natürlich ist, als den Adelichen ein edler Sinn, und den Stuttgardter Jungfern die Züchtigkeit, unverholen zugestehe, daß ich mich durch das Missio der ehrsamen Amtsversammlung zu Ypsilon, nicht weniger gekitzelt fühlte, als so mancher Ober- und Unteramtmann im Lande, dem von Serenissimo ein gnädigstes Belobungsdekret zugefertiget worden. Es ist auch in der That keine Unehre, für einen Mann, auf meiner Stuffe des Glückes, von einem ganzen Magistrate zu einem Schiedsrichter erkiest zu werden. Oder erklärt ihm damit ein solcher Magistrat nicht vernehmlich genug: Komm’ hilf uns zurechte; denn du bist gescheuter, als wir alle mit einander!

Auch meine Appel that ganz behaglich, und strich sich mit grosser Selbstgefälligkeit den Bart. Doch erregte sie die Bedenklichkeit, weil sie einmal gegen alles in der Welt Bedenklichkeiten erregen muß, ob die Herren in Ypsilon nicht ihren gnädigen Spaß mit mir zu treiben belieben. – Ja! spassen läßt sich Sebastian Käsbohrer von niemand, er sey auch, wer er wolle. Es kam einst unser Herzog Karl mit dem Herrn Oberforstmeister von Kirchheim, dem alten Gaisberg, welche beyde Herrn Gott selig haben wolle, in meine Schulstube herein. „Ist dieser Backel für eure Frau da, Schulmeister?“ fragte mich der Herzog mit einem schalkhaften Blicke. „Nein, Ihro Durchlaucht! für die bösen Buben!“ erwiederte ich, in dem ich ihm den Stock drohend, mit straffem Arm, unter die Nase hielt.

Ein bischen bang war es mir indessen bey dem Handel doch, wie so manchem jungen Magister, wenn er vor dem Konsistorium in Stuttgardt erscheinen, und aus seinem Sartorius, oder aus seiner hebräischen Bibel Rede und Antwort geben soll. Denn es däuchte mich, als wäre ich in dem Kapitel von der Wahlfähigkeit der Landtags-Deputirten, so ziemlich fremde, und ich konnte den Punkt, auf dem hier eigentlich das objectum litis sizt, nicht gleich so recht ausfindig machen. „Wie greifen wir den Handel an, Willibald?“ sprach ich zu meinem Provisor, in einiger Verlegenheit. – „Hm! entgegnete dieser, lassen wir das Corpus completum unsrer Landtagsschriften von dem Pfarrhause herüber kommen, lesen diejenigen durch, die das „dogma de electione“ betreffen, bringen die verschiedenen Meynungen unter das Vergrösserungsglas unsres Systems, und dann muß sich’s gleich zeigen, ob Wurstsak oder Gmelin springen soll.“ – „Hast recht, Willibald!“ sagte ich, gieng sogleich ins Pfarrhaus hinüber, und erzählte dem alten und dem jungen Herrn, den wunderlichen Casus, der mir aufgestossen war.

Da fielen die Meinungen ganz verschieden aus. Der Herr Pfarrer behauptete, nur ein Mitglied des Magistrats könne Landtags-Deputirter werden, und der Anspruch seines Herrn Exkollegen, sey nach den Gesezen und nach der Observanz nichtig. Der Herr Vikarius gab ihm das leztere zu, behauptete aber, die Geseze und die Observanz seyen hierinn unvollkommen, und dem Besten des Landes nicht gemäs, und die Vernunft verwerfe den Bürgermeister. Durch dieses pro und contra der beyden Herrn gieng mir schnell ein gewaltiges Licht auf, und sobald ich in demselben die Sache nur einmal auf dem rechten Fleke hatte, so sahe ich auch schon die Stelle, in dem Fachwerke meines Systems, in die sie hinein gehört.

Auf dem Rükwege erinnerte ich mich, daß ich, um des andern Tags frühe genug abreisen zu können, erst meinem Barte sein Recht anthun lassen müßte. Ich gieng deshalb zu dem Bader hinein, und traf allda den Schulzen und den Förster, beym Becher. Ich konnte mich nicht erwehren, auch diesen Ehrenmännern das Heil zu verkünden, das meinem Hause wiederfahren war. Der Bader trat auf die Seite der Indiferintisten, ein System über das unser Landsmann der Herr Professor Niethammer in Jena erst kürzlich eine schöne Abhandlung in sein philosophisches Journal eingerükt, und dem Herrn Stadtschreiber Krais zu Beilstein dedicirt hat. „Ist ein ewiges Gelerm mit dem Landtage, murrte er vor sich hin, indem er das Messer, auf der Lederfeile strich, und ist’s doch nicht der Mühe werth, daß man nur ein Wort darüber verliert. Was wird mit dem Landtagen herauskommen? Nichts weiter als neue Steuern und Abgaben, und wir werden, nach wie vor, die Lastthiere der Forstmeister, der Jäger, der Amtleute, der Schreiber, und der Schreibers-Schreiber bleiben!“ Die beyden andern Kammeraden lachten über den patriotischen Eifer des Meisters Putzeweg; in Ansehung des Hauptpunkts aber bedaurte der Schulze, daß die Gerichtsverwandten in der Stadt bey der Wahl der Landtagsmänner denen auf dem Amte immer den Rang ablaufen, ob sie wohl gleiche Rechte hätten, – und der Herr im grünen Roke, daß die ganze ehrwürdige Nachkommenschaft des Herrn Barons von Nimrod, gar von den Landtagen aufgeschlossen sey, indem ein so grosser Theil des öffentlichen Wehes in ihren Händen liege. Dieses Reden hin und wieder gab mir immer einen neuen Lichtblik auf meine Materie, nach dem andern. Ich begab mich nach Hause, sezte mich mit Willibalden in die Schulstube, und da studirten wir in denjenigen opusculis, die mein Kapitel betrafen, bis der Morgen graute, und wir hättens wohl noch länger getrieben, wäre nicht der Bote mit der Meldung erschienen, daß das Pferd vor dem Hause stehe. Und durch dieses Studium kamen wir der Sache gar bald auf den Grund, und sie lag so deutlich vor uns da, wie das Facit einer Multiplikation.

Die Schriftsteller, welche diesen Gegenstand abgehandelt haben, theilen sich in zwo einander kontradiktorisch entgegengesezte Sekten. Die eine sagt: jeder Staatsbürger kann zum Landtage gewählt werden, er sey so reich als der Blezinger von Königsbronn, oder so arm, als der elendeste Waisenknabe zu Stuttgardt; die andere aber behauptet, die Wahlfähigkeit komme nur den Magistratspersonen zu, und bauet ihre Behauptung auf den ausdrüklichen Buchstaben des Gesetzes. Bey dem ersten Blike springt es schon in die Augen, wenn man anders schwarz und weiß in diesen Händeln zu unterscheiden weiß, daß die erste Sekte aus der Horde der politischen Heterodoxen und Novaturienten bestehet; die zweyte aber zählt alle Orthodoxen, alle Revoluzionsfeinde, und alle die braven Männer, welche kühn und tapfer dem Gifte der Aufklärung entgegenwirken, in ihren Reihen, und folglich auch den Schulmeister von Ganslosen, seinen Provisor Willibald Panzhaaf, und den wirtembergischen Jeremias.

Unter den erstern haben sich besonders der Herr Magister Märklin zu Stuttgardt, und der Herr Amtsschreiber Bolley zu Waiblingen, als erklärte demokratische Weltumkehrer ausgezeichnet. Wäre es nicht für jenen weit geziemender gewesen, wenn er Staatshändel den weltlichen Herrn überlassen, und sich dafür desto inniger mit dem studio biblico, dogmatico und besonders polemico, nach der Vorschrift unsrer weislich entworfenen Cynosura ecclesiastica, vermählt hätte? – Aber der immer mehr überhandnehmende Weltsinn führt die Herrn von diesem Gelichter stets weiter von der Bahn ihres Berufs ab, und wir hören dann junge Leute mit dem Magisterkäppchen, und mit Moysis Tafeln auf der Brust, von Staatsverfassung und Menschenrechten sprechen, was doch alles mit der Heiligen Schrift und mit den symbolischen Büchern so unvereinbar ist, als die ensis mit der stola des Bischofs von Würzburg. Dieser Herr Magister kann sich so gar vor lauter Reformations- und Deformationseifer nicht erwehren, unsre Gesetze ins Angesicht zu schmähen, und geradezu zu behaupten, die Landtagsdeputirten sollten von dem Volke, Mann für Mann gewählt werden, so wie z. B. manche Gemeinden ihre Hirten und ihre Nachtwächter wählen. Wie er da mit seinem ganzen Geheimnisse herausplazt? – Oder verräth er damit nicht deutlich, daß er mit einer französischen Revolution, und mit einer französischen Nationalversammlung schwanger gehet? – Denn was war die Losung zum Ausbruche des Feuers zwischen dem Rhein und den Pyrenäen? Nichts anders als die stürmischen Wahlen der Volksvertretter in Masse.

Desselben Sinnes ist auch sein sauberer Spießgeselle der Herr Amtsschreiber Bollay in Waiblingen. Er verräth seinen ganzen Kram schon durch seine Motto’s, welche nichts weniger und nichts mehr besagen, als daß ein jeder die Freyheit haben soll, zu thun und zu schreiben, was er will; und da er diese Motto’s aus den Schriften des famosen Immanuel Kant genommen hat, der so frech ist, sogar die Offenbarung zu kritisiren, und die Religion mit aller Gewalt in die Gränzen der blossen Vernunft hineinzwingen will, aber von unserm Herrn D. Storr in Tübingen dergestalt abfertiget worden, daß er seitdem auch nicht einen Laut mehr von sich gegeben hat, – so ist’s am Tage, daß er unter die Hauptzöglinge der gefährlichsten Aufklärungsschule gehört, welche ihre Mysteria in einen solchen unverständlichen Galimathias von Worten einhüllt, daß ich oft schon Tage lang über ihren Schriften saß, und am Ende doch nicht wußte, ob es gehauen oder gestochen ist. Man möchte Blut weinen, wenn man liest, wie sich dieser freche Mann nicht entblödet, das Heiligthum unsrer Gesetze anzutasten, wie er sich dreht und wendet, um seine satanischen Grundsätze recht lieblich und annehmlich darzustellen, und wie er ein so hohes Maaß von Gaben und Kenntnissen verschwendet, um in unserm lieben Wirtembergerlande einen babylonischen Thurmbau vorzubereiten.

Doch diese Herrn und ihre ganze Genossenschaft ist mit Schimpf und Schande in die Pfanne gehauen, von zween festen, tapfern Kämpen, die, durch die Bande des Geistes und der Verwandtschaft an einander gekettet, gegen sie zur Fehde ausgezogen sind, und einen vollständigen Sieg über sie erfochten haben. An dem Faden des Gesetzes durchwandeln die Herrn Kerner und Rümmelin das Labyrinth der Sophistereyen ihrer Gegner, und beweisen gründlich und augenscheinlich, „daß nach den Landeskompaktaten, nach herrschaftlichen Reskripten, und nach der Observanz“ seit den grauen Vorzeiten des Alterthums „nur magistratische Männer in den Landtag gewählt werden können, daß die Bürgermeister gewöhnlich die tauglichsten dazu seyen, daß ein Deputirter kein Gelehrter zu seyn brauche, indem ihnen die Sekretairs und Konsulenten schon die nöthigen Fingerzeige geben (oder ihnen, wenn es seyn muß, mit dem Holzschlegel winken,) können, daß salomonische Weisheit und Beredsamkeit mit Engelszungen, ohne die magistratische Würde, nichts helfen, und daß die erste Frage an einen jeden Deputirten, bey seinem Eintritte in den Landschaftssaal, die seyn soll: „Freund! hast du ein hochzeitliches Kleid an?“ – Und alle diese Sätze sind so bündig bewiesen, und dem Ludimagister von Ganslosen so ganz aus der Seele geschrieben, daß das Schiksal des Vetter Gmelins in demselben Augenblicke unabänderlich bestimmt war, in dem die Kerner-Rümmelinischen Hebemaschinen auf das Käsbohrerische Ideenmagazin zu wirken anfiengen.

Wir sassen, wie gesagt, noch über dem Corpore unsrer Landtagsschriften, als mir der Bote meldete, das Pferd stehe vor der Thüre. Ich machte mich eiligst fertig, nahm von meinen Leuten Abschied, bestieg in Gottes Namen das lastbare Thier, faßte mit der rechten Hand den Zaum und die Mähne, stäuperte mich mit der linken wohlweislich auf den Sattelknopf, klemmte die Kniee tüchtig ein, gab meiner Rosinante einen Stich, –

Und Hurre, Hurre, Hop, Hop, Hop!
Giengs fort im sausenden Galopp,

[35]

Daß Kies und Funken stoben
Und Pferd und Reuter schnoben!

Ein recht ärgerlicher Streich, begegnete mir aber unterwegs. Die Rosinante lief wie wüthend in einem Takte fort, und ein heftiger Sturmwind pakte mich bald a priori, bald a posteriori, bald a latere. Da meine Hände schon genugsam engagirt waren, so mußte ich das Obertheil meines Leibes seinem Schiksale überlassen. Gerade auf der Remsbrücke vor Schorndorf kam ein neuer, gar unverschämter Windstoß, nahm mir Hut und Perüke hinweg, trieb beyde in das Wasser, und so verschwanden sie vor meinen Augen. Da das Pferd durchaus nicht über sich disponiren ließ, und auch den verfluchten Freyheits- und Aufklärungsteufel in Leibe zu haben schien, so trabte es unaufhaltsam durch Stadt und Dörfer fort, ohne daß es sich anhalten ließ, und ich mußte mir es gefallen lassen, daß mir überall die Buben nachfolgten, wie ehemals dem gottseeligen Elisa,

mit dem wilden Geschrey: „Seht! seht! da reitet einer ohne Hut!“

Zum Glük fieng das Thier endlich an müde zu werden, und als ich das Städtchen Ypsilon vor mir liegen sah, wurde es um sehr viel traktabler, und begann in einen ordentlichen Schritt einzulenken. Indem ich mich wegen meines bekannten Anliegens nach einer menschlichen Wohnung umsah, trat eine sehr vornehme Frau aus einem Gartenhause an der Strasse hervor, machte einen tieffen Kniks, und erkundigte sich gar holdseeliglich: ob ich nicht der Schulmeister von Ganslosen sey? Auf mein „Zu dienen, Madame!“ bat sie mich, daß ich absteigen, und ein Frühstük mit ihr geniessen möchte. „Ja, liebe Frau! erwiederte ich, da müssen Sie sich an mein Pferd addressiren.“ Sogleich rief sie ihren Taglöhner herbey, der das ungeschlachtige Thier mores zu lehren wußte. Ich ward in das Gartenhaus geführt, und vernahm hier, daß ich die Madame Wurstsack vor mir habe. Sie empfahl mir die Sache ihres Gatten aufs dringendste, und ließ mitunter auch ein paar Worte von reeller Erkenntlichkeit fallen. „Das ist alles nicht nöthig, liebe Frau! sagte ich, Gmelin muß springen, und damit punctum!“ Sie bewirthete mich aufs köstlichste, ließ einen Hut, und die Perücke des Herrn Spezials für mich herbeyholen, und so gieng ich dann durch die Hinterthüre, vollends in die Stadt, und trat im Waldhorn, linker Hand vom Thore, ab.

Am vordern Tische sassen etliche Amtsdeputirte, welche wegen des heute zu entscheidenden Haders, ex officio hereingekommen waren. Ich gab mich klüglich nicht zu kennen, nahm auf der Ofenbank vorlieb, ließ mir mein Schöpchen alten bringen, und lauschte neugierig, was die Herrn da unter einander handelten. Sie schienen alle von Gmelins Parthie zu seyn. Ein junger Substitut, ein süsser, feiner, hochfrisierter Herr, wie es noch vor 10. Jahren im ganzen Lande keinen Substituten gegeben hat, führte das praesidium unter ihnen, und orakelte gewaltig, aus dem Systeme der Demokraten, gegen mein System, von der Wahlfähigkeit, und mit aufgesperrten Mäulern sassen die Laffen da, damit ja von allem Unrath, den er fallen ließ, kein Gran verlohren gehe.

„Es ist wahr, sprach er, in hochweisem, philosophischem, selbstgefälligem Tone, daß unser ältestes Gesetz die Wahlfähigkeit nur auf Personen von Gericht und Rath einzuschränken scheint, und daß eine lange Observanz dieses Gesetz bestätiget hat. Aber da spätere Gesetze jene Beschränkung ausdrüklich übergehen, und auch manchmal von jener Observanz abgewichen worden ist, so bleibt uns zu unserer Vorschrift nichts Verbindliches über, als der Geist jenes Gesezes, daß nämlich ein ehrbarer, frommer, tapferer Mann, der in der Landschaft Sachen und Händel erfahren und berichtet ist, gewählt werden soll. Die Natur der Sache und die gesunde Vernunft erlauben es auch durchaus nicht, daß wir jene willkührliche Beschränkung noch immer respektiren sollten. Der Landtag stellt das ganze Volk vor; er ist ein Ausschuß aus der ganzen Nation, um die Beschwerden derselben dem Gnädigsten Herrn vorzulegen, und die Erhebung der Staatsbedürfnisse von dem Bürger, zu regulieren. Was ist natürlicher, als daß alle Glieder des Körpers, der hier repräsentirt wird, dasselbe Recht haben, in das Corps der Repräsentanten aufgenommen zu werden, da auch ihr Interesse und ihre Pflichten vollkommen gleich sind? – Wäre bloß von einer Repräsentation der Magistrate die Rede, so wäre jene Meynung ganz vernünftig. Aber so, da eine Repräsentation des ganzen Volkes aufgestellt werden soll, so darf auch keinem aus dem Volke, wenn er nur ein ehrlicher Mann ist, der Zutritt in dieselbe verschlossen werden, ausgenommen denjenigen, welche in dem Brode des Landesherrn stehen, um deswillen die Vermuthung gegen sich haben, daß sie leichter als andere in die Versuchung kommen könnten, das Interesse des Volkes, zum Vortheil des Herrn zu vernachlässigen. Die Wahlfähigkeit liegt also beynahe einzig in der innern Bedingung, die von dem Gesetze angegeben ist, in der Einsicht, Geschiklichkeit, und Rechtschaffenheit der Kompetenten. Und findet man denn diese nur bey unsern Bürgermeistern und Senatoren? – oder bey ihnen auch nur in einem vorzüglichen Grade? Ich verneine beydes. Diese Herrn sind entweder Handwerksleute oder Schreiber, und bey den erstern, wie bey den leztern, wie selten ist bey ihnen der philosophische Geist, die vaterländische Geschichts- und Gesetzkenntniß, die Gewandtheit in Geschäften, die Beredtsamkeit und Dreistigkeit, und der geläuterte Patriotismus, ohne die unsre Landschaft ein ewiges Jaherrnkollegium bleiben, und an dem Gängelbande eines oder einiger Usurpatoren geleitet werden wird. Aber man lasse die Wahl frey, man eröffne den Geistlichen, den Aerzten, den Professoren, den Advokaten, den Kaufleuten, den Oekonomen, den Zutritt in den Landtag, und dann wird er bald ein, durch innere Kraft und Selbstständigkeit ehrwürdiger Senat, die Grundsäule unsrer vortreflichen Verfassung, und ein unfehlbares Mittel seyn, daß wir, in Absicht auf unsre Gesetzgebung und Verwaltung, in dem Geiste unsrer Konstitution, mit der Entwiklung der philosophirenden Vernunft gleichen Schritt halten, und die öffentliche Achtung und den blühenden Wohlstand erstreben, die bis izt nur eitler Wunsch des patriotischen Wirtembergers geblieben sind. Deßhalb bin ich ganz für unsern wackern Gmelin, und stimmt der Schulmeister von Ganslosen, welches mir, vermöge seines albernen Trutzlibells, nur allzuwahrscheinlich ist, nicht für ihn, so soll er auf dem Rückwege Hals und Beine brechen!“

„Da wolle Gott vor seyn!“ dachte ich, fand aber daneben doch mein Konzept ein wenig verrükt. Denn dieser jakobinische Gorgias hatte mich durch den Strom seiner Beredtsamkeit, und durch den imposanten Nimbus seiner Worte dergestalt betäubt, daß mein System vor meinen eigenen Augen zu wanken begann, wie ein Schifflein im Sturm, und ich würde in der That, hätt’ ich ihm auf der Stelle obstat halten sollen, kein Wort haben antworten können. Zum Glük klingelte die Rathhausglocke, die Herrn begaben sich auf ihren Posten, und ich folgte ihnen nach.

Der Herr Oberamtmann machte brevissimis seine Proposition. Ich nahm meinen Hut unter den linken Arm, zog die Perücke, die, da sie mir nicht kopfgerecht war, immer hinten hinunter wollte, einen halben Zoll tiefer in die Stirne herein, eröffnete zwey Knopflöcher in meiner Weste, schnitt eine gelehrte Miene, räusperte, und begann dann mit einem tiefen Bückling mein Gutachten, wie folgt:

Qui cum lege navigat, tute navigat! mit diesen Worten, meine ehrsamen lieben Herrn! welche wir am besten also verdeutschen können: es reitet sich besser auf dem frommen Pferde der Gesetze, als auf dem Besenstiele der Vernunft, – mit diesen Worten bin ich heute früh von meinem Heimwesen abgereißt, indem ich in denselbigen die ratio decidendi ausgedrukt fand, auf die es bey der mir von euch vorgelegten Frage eigentlich ankömmt. Soll Gmelin, oder soll der hier anwesende Herr Burgermeister Wurstsack zum Landtage deputirt werden? das ist der Zweifelsknoten, über den sich unter euch ein Zwiespalt entsponnen hat. Ich hoffe, durch ein einleuchtend gerechtes, wahres und klares Urtheil diesen Spalt entweder zu verstopfen, oder eure Meynungen wieder in einander hineinzufügen, daß auch nicht die kleinste Ritze mehr zwischen ihnen sichtbar seyn soll.“

Wenn ich unsern Codex aufschlage, und unsre Gesetze, welche von der Beschickung des Landtages handeln, um Rath frage, so fällt mir gleich in die Augen, daß die älteste hierüber gegebene Verordnung ausdrüklich einen von Gericht und Rath fordere, und daß diese Bedingung nicht nur nie aufgehoben, sondern auch durch neuere Rescripte, und selbst durch das neueste Ausschreiben, worinn der itzige Landtag angesagt wird, bestätiget worden. Es ist auch seit dritthalb hundert Jahren, in Wirtemberg niemand eingefallen, von diesem Gesetze abzugehen, und bey allen unsern Landtagen hat man sich in Praxi streng nach dem gerichtet, was von den lieben Alten so weislich verordnet worden. Da folglich das Gesetz und die Observanz schlechterdings auf einem aus Gericht und Rathe bestehen, so machten wir uns der sträflichsten Uebertretung schuldig, wenn wir diese gedoppelte untrügliche Norm unsres bürgerlichen Betragens aus den Augen setzen wollten. Zwar führen die Neuerer eine Menge Gründe gegen dieses Gesetz an, erklären es, wie Bahrdt und Kant die Bibel, das heißt, aus ihrem armseligen System, berufen sich auf neuere Gesetze, worinn jener Beschränkung nicht gedacht ist, und machen auch durch ein paar Beyspiele vom Gegentheile die Observanz streitig. Allein gegen das leztere bemerke ich, daß eine Schwalbe keinen Sommer mache, und gegen ihre willkührliche Exegese, berufe ich mich auf das Urtheil eines jeden Unpartheyischen, der zwey Augen hat, um das Vidimus des glorwürdigst regierenden Herzogs Ulrich zu lesen, und einen Verstand, um das Gelesene zu begreifen. Ja wenn auch unsere Gesetze hierinn, ut ajunt, eine wächserne Nase haben sollten, ein Supplement, das jene Herrn von der demokratischen Parthey allen Dingen anzuhängen wissen, so genüget uns doch schon das löbliche Herkommen, und das spricht überlaut für die Herrn aus Gericht und Rath.“

„Man muß in allem beym Alten bleiben – das ist das Symbolum des Schulmeisters von Ganslosen – und besonders in diesen lezten Zeiten unverrükt und fest darauf verharren, da uns überall die traurigsten Beyspiele lehren, wie erschreklich viel Unheil aus der itzigen Neurungssucht der gottlosen bösen Welt entspringe. Man klagt, um nur ein Beyspiel anzuführen, in unserm lieben Vaterlande über das gewaltige Einreissen freygeisterischer Meynungen, selbst unter unsrer Klerisey, und über einen überhand nehmenden Sittenverfall, diese Klagen sind gegründet, aber man darf nicht weit gehen, um die Ursachen von diesem ganzen Verderben aufzufinden. Wir haben neue biblische Summarien und ein neues Gesangbuch eingeführt; wir lassen unsre Professoren Kollegia über Kant lesen; wir haben das compendium classicum auf unsrer Universität reformirt; wir haben das Predigen während des Essens im theologischen Stift in Tübingen abgeschaft; wir haben das Format unsrer Kinderlehre geändert – und nach allen diesen Neuerungen verwundern wir uns noch über den obigen Verfall? Ein weiser Mann ist überall für’s Alte. Der Gang der ganzen Natur verdammt alle Neuerungen. So wie die Sonne vor zwey tausend Jahren am Himmel wandelte, so wandelt sie noch, und der Farre in Ganslosen besprengt die Kühe noch immer nach demselben methodus, wie sein Urgroßvater in der Arche Noäh. – Und wir flatterhafte, unbeständige, wetterwendische Wirtemberger wollen alles umschaffen, alles verwandeln, alles metamorphosiren, und oben drein sind wir noch verblendet genug, in dieser unnatürlichen Thorheit den Charakter der Weisheit aufzusuchen.“

„Die Anschläge, welche man bey Gelegenheit des neusten Landtages, oben und unten im Lande, gegen jenes Recht der Magistratspersonen gemacht hat, sind eine Folge des französischen Freyheitsschwendels, der seit einigen Jahren bey uns nicht weniger grassirt, als im vorigen Herbste die leidige Viehseuche. Man will den Landtag in eine Nationalversammlung, Stuttgardt in ein Paris, und Wirtemberg in ein Frankreich umschaffen. Das erklären unsre feinen Herrn deutlich genug, indem sie mit dürren Worten behaupten, der Herzog müsse von dem Landtage Gesetze annehmen, und die Deputirten seyen Volksrepräsentanten: da doch der Landtag lediglich kein anderes Ziel hat, als die Bestimmung der Art und Weise, wie die zur Rettung Land und Leut erforderlichen Summen von den Unterthanen zu erheben seyen. Nun aber sehen unsre Jakobineraffen ein, daß ihnen unsre Bürgermeister und Senatoren ihre Absichten in Ewigkeit vereiteln werden, machen deßhalb Anstalt sie aus ihren Rechten zu verdringen, und sich dieselben dann selbst anzumassen, und fordern eine unumschränkte Wahlfähigkeit, damit sie ans Brett kommen, und ihre grosse Reform beginnen können. – Wer Ohren hat zu hören, der höre!“

„Einen Beweis für meinen Satz, gibt uns selbst unsre heilige Geschichte. Als der Mann nach dem Herzen Gottes sich auf den Thron über Juda und Israel gesezt hatte, so veranstaltete er auch einen Landtag, zur Befestigung seiner Regierung, berief aber nur die Aeltesten, das heißt, die Herrn von Gericht und Rath, dazu, und es gieng alles gut. Hingegen sein Enkel Rhehabeam ließ in demselben Falle Krethi und Plethi zusammen laufen, und siehe! der Janhagel kündete dem König den Gehorsam auf, und Salomons Reich zerspaltete sich. – Wer das lieset, der merke darauf!“

„Ueberhaupt sehe ich nicht, wie ein Mann, der weiter nichts als purer, puter Unterthan ist, sich das Recht anmassen will, in irgend einer Staatsverhandlung zu stimmen. Die ganze Menschenmasse in jedem Staate, besteht aus zwo Klassen, aus der regierenden und der gehorchenden. Die erstre, die regierende, hat ihre Macht von dem Fürsten, in dessen Person alle Staatsgewalt koncentrirt ist, und ob sie gleich nur stellvertretend handelt, und nur ein von der Willkühr des höchsten Oberhauptes abhängiges Recht besizt, so muß in ihr doch die Person des Fürsten respektirt werden: hingegen die leztre, die gehorchende Klasse, ist im Staate eine blosse Null, sie ist in der Hand der erstern eine Maschine ohne Selbstständigkeit und Persönlichkeit, sie hat keinen eigenen Willen, und muß sich in allen Fällen nur passiv verhalten. Diese Grundsäze sind ganz unbedingt wahr, und weicht man manchesmal in praxi von ihnen ab, so geschiehet es blos aus allerhöchster Milde, die aber meistens viel Böses erzeugt, so wie überhaupt die milden Regierungen weit mehr Tadel verdienen als die strengen. Wenn nun aber ein Fürst einen Landtag ausschreibt, um sich mit seinen Unterthanen über irgend eine Finanzoperation zu berathen, versteht es sich da nicht von selbst, daß blos Leute aus der regierenden Klasse gemeint seyn können, indem ja die andern durchaus weiter nichts als Maschinen sind? Ruft sie der Fürst zu seinem Dienste auf, dann verändert sich die Sache; erkühnen sie sich aber, sich selbst in Bewegung zu sezen, dann sind sie in dem Zustande des Aufruhrs, und es ist Zeit, mit Kanonen und Bajoneten zu kommen.“

Zwar wollen unsre Welt- und Landesumkehrer, die eben so, wie der literarische Exdiktator Friedrich Nikolai in Berlin, nach Kozebues Ausdruk, alles allein wissen, und alles besser wissen, und alles am besten wissen, – in ihrem stolzen Weisheitsdünkel behaupten, unsre Senatoren und Bürgermeister seyen gröstentheils die Leute nicht, welche philosophischen Geist und Landeskenntniß genug haben, um auf unsern Landtagen mit Ehren sprechen zu können. Was die Landeskenntniß anbelangt, so fehlt es freylich besonders bey den meisten Herrn von der Feder gewaltig, und es sind bis izt in ihrem ehrenwerthen Kollegium nur wenige Männer wie ein Weisser erschienen, – und sie wissen gröstentheils so wenig gründliches von unsrer Geschichte und Verfassung, als von der Geschichte und Verfassung des hochberühmten Kaiserthums Monomotapa. Doch das hat nichts zu bedeuten. Denn für was hätten wir unsre Advokaten, und Konsulenten, und Sekretairs in der Landschaft, wenn die Assessoren selbst Kenntnisse und Gelehrsamkeit besässen? Jene Herrn sind eigentlich die Informatoren der Deputirten, welche ihnen sagen sollen, was nach der Geschichte und den Gesetzen Rechtens ist, und diesen bleibt es dann vorbehalten, ihnen, so bald sich ihr Gutachten mit ihrem natürlichen Sensus communis konjungirt hat, das Amen nachzurufen. Zu diesem Nachruf gehört aber weder Genie noch Erudition! – Hingegen philosophischen Geist, den unsre Demokraten so eifrig anempfehlen, brauchen wir gar nicht. Denn dieser saubere Genius macht das Gerade krumm, das Schlechte höckericht, das Herkömmliche zur Thorheit, und das Gesezlichautorisirte zum Gespötte. – Vor ihm behüte uns lieber Herre Gott!“

„Ja ich möchte erst sehen, was wir für Leute in unsre Landschaft hinein bekamen, wenn die Wahlen, wie man es izt haben will, nach französischer Art und Kunst organisirt werden. Unser Landtag würde dann so bunt und kraus, als die Nationalkonvention in dem neuen Babel. Mein Gott! da sässen Pfaffen, und Komödianten, und Schulmeister, und Friseurs, und Salpetersieder, und Abdeker, und Exmagister, und, weiß der Himmel, wer sonst noch, unter und neben einander, und die Weisheit stünde zur Seite, und deutete, mit trübem Blicke, in das confusum chaos hinein, und spräche: siehe, Israel! das sind deine Götter!“

„Wollen wir also, meine lieben Herren! beym Alten bleiben, und um kein Jota abweichen von dem Buchstaben des Gesezes, und von dem Wegzeiger der Observanz. Und wiche auch jedermann davon ab, so wird doch der Schulmeister von Ganslosen dabey verharren, und immer und ewig behaupten, und darauf leben und sterben, daß die Landtagsstelle von Ypsilon, von Gott und Rechts wegen niemand gebühre, als dem ehrnhaften Herrn Bürgermeister Sigmund Wurstsak!

Ein lauter Jubel schallte durch den ganzen Saal. Die Macht meiner Rede hatte beyde Partheyen vereiniget. Jedermann drang sich hinzu, dem Alten Glük zu wünschen. Todesbleich stand er da, der gute Graukopf. Dumm und ehrlich glotzte er mich an, ergrief mit thränenden Augen meine Hand, und stammelte sein: Schönen Dank, Herr Käsbohrer!

Die Versammlung zerstreute sich, und auch ich gieng, fröhlich über den glüklichen Streich, den ich unsern Deutschfranzosen gespielt hatte, meine Strasse. – Plötzlich fühlte ich mich im Nacken gepakt, und eine derbe Maulschelle plazte auf mein Angesicht.

„Wehrt euch, Schulmeister! das ist die vertrackte Exmagisterinn!“ rief die Madame Sigmund aus dem nächsten Fenster.

Ich hielt das rasende Weib mit straffem Arm fest. Aber unversehens hatte sie sich losgeschnellt, riß mir die Perücke vom Kopfe, und fieng an sie zu zerfetzen.

„Um Gottes willen nicht, liebe Frau! rief ich in jämmerlichem Tone, sie gehört dem Herrn Spezial!“

Ich schlug meine Augen auf, und siehe, meine Appel, im blossen Hemd, hatte mich um den Hals gefaßt.

„Rette doch die Perücke, Appel!“ schrye ich überlaut.

„Ums Himmels willen, Sebastian! bist du rasend?“ sagte sie.

Ich rieb mir die Augen. Ich sahe um mich her. Alles war verschwunden. Ich lag im Bette. Ich hatte geschlafen. Das Ganze war ein – Traum.

Was es einem doch nicht für wunderliche Sachen träumen kann! –