Haben die Dampfmaschinen dem Handarbeiter geschadet?

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Autor: unbekannt
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Titel: Haben die Dampfmaschinen dem Handarbeiter geschadet?
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aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 331–332
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Haben die Dampfmaschinen dem Handarbeiter geschadet?

Franz Arago, einer der berühmtesten Naturforscher aller Zeiten und Länder, der zugleich auch einer der kühnsten und edelsten Volksfreunde war[1], hat jene hochwichtige Frage einer genauen Prüfung unterzogen und thatsächlich dargethan, daß die Dampfmaschinen dem Handarbeiter nicht allein durchaus nicht geschadet, sondern sogar noch genützt haben; daß sie das mächtigste, unmittelbarste und wirksamste Mittel waren, um die Arbeiter grausamen Leiden zu entziehen und sie zur Theilnahme an einer Fülle von Gütern zu berufen, welche sonst das ausschließliche Eigenthum des Reichthums hätten bleiben müssen. Einige der schlagendsten Thatsachen für diese seine Behauptung, entnehmen wir einer umfassenden Entwickelung derselben, aus seiner Gedächtnißrede auf den Einführer der Dampfmaschinen, James Watt; dieselbe befindet sich im ersten Bande der durch A. von Humboldt eingeführten sämmtlichen Schriften Arago’s, die in deutscher Originalausgabe bei Otto Wigand in Leipzig erscheinen und auf die wir ebenso alle Freunde der Naturwissenschaft, wie alle Gesinnungsgenossen aufmerksam machen.

Millionen von Arbeitern, – so beweist Arago – führen heutzutage an der Oberfläche und in den Eingeweiden der Erde unermeßliche Arbeiten aus, auf die man gänzlich verzichten müßte, wenn gewisse Maschinen aufgegeben würden. So z. B. erfordert das Wegschaffen des Wassers, welches in den Stollen der Gruben blos in Cornwell (England) hervorquillt, täglich die Kraft von 50,000 Pferden oder von 300,000 Menschen. Der Lohn für so viel Menschen würde natürlich den ganzen Gewinn der Ausbeute verzehren. Die Arbeit würde also unterbleiben, und Tausende, die jetzt dadurch beschäftigt werden, würden es nicht sein; abgesehen von dem Verluste, den das allgemeine Kapital durch das Liegenbleiben jener Reichthümer hätte; abgesehen von dem Verluste, den andere Arbeiter dadurch erleiden müßten, daß sie jene Reichthümer nicht verarbeiten könnten. Ein anderes Beispiel: Die Bedienung eines einzigen Kupferbergwerks in Cornwell erfordert eine Dampfmaschine, die mehr als 300 beständig angeschirrte Pferde leistet und verwirklicht alle 24 Stunden die Arbeit von tausend Pferden. Es bedarf nun wohl keiner Widerlegung, daß es kein Mittel giebt, mehr als 300 Pferde oder 2–3000 Menschen gleichzeitig und zweckmäßig an der engen Mündung eines Schachtes arbeiten zu lassen. Jene Maschine verbannen, hieße also auch hier wieder: die große Anzahl von Arbeitern, deren Beschäftigung sie möglich macht, in Unthätigkeil versetzen und das Kupfer und Zinn was sie heraufholt, ewig begraben halten. – Von den Arbeiten, die eine so gewaltige Kraftanstrengung erfordern, zur Prüfung verschiedener Industrieerzeugnisse übergehend: wo ist da z. B. die geschickte Spinnerin, die aus einem einzigen Pfunde roher Baumwolle, einen 53 französische Meilen langen Pfaden ziehen könnte, wie dies die berühmte Mule-Jenny Maschine vermag? Und wenn wir nun auch Alles bedenken, was gegen die Mousseline, Spitzen und Tülle, zu deren Verfertigung jene Fäden gebraucht werden, angegeben wurde: so muß man sich dafür an die Käufer, aber nicht an die armen Proletarier halten, deren Existenz auch wohl in großer Gefahr wären, wenn sie ihre Kräfte verbrauchten, um für die Damen statt des vornehmen Tülls grobe Wollenzeuge zu verfertigen. Die Berechnung der Anwendung der Maschinen statt lebender Wesen, ist seit einigen Jahren zu oft wiederholt worden, als daß man nicht schon jetzt die allgemeinen Ergebnisse, mitten unter einigen zufälligen Unregelmäßigkeiten, erkennen könnte. Diese Ergebnisse sind folgende:

Durch die Ersparniß an Tagelohn gestatten die Maschinen eine wohlfeilere Fabrication; die Wirkung der größeren Wohlfeilheit ist eine Vermehrung der Nachfrage; diese Vermehrung ist so groß, daß, trotz des unbegreiflichsten Herabgehens der Preise, der Verkaufswerth der ganzen producirten Waarenmasse jedes Jahr den Werth übertrifft, den dieselbe vor der Vervollkommnung der Dampfmaschine hatte; die Anzahl der Arbeiter, welche jeder Erwerbszweig beschäftigt, wächst mit der Einführung der Mittel einer schnelleren Fabrikation. Einen Beweis dafür aus einem andern Bereiche: man hat berechnet, daß in London vor Erfindung der Buchdruckerkunst, die ebenfalls als ein Teufelswerk verschrieen wurde, weil sie ein Paar hundert Abschreibern den Erwerb schmälerte, der Buchhandel nur zweihundert Menschen beschäftigte: heute zählt man sie nach Zwanzigtausenden. Die Baumwollenindustrie bietet noch größere Resultate: nach Erfindung dnr Arkwright’schen Walze, die die Finger der Spinnerinnen ersetzte, erhob sich die jährliche Produktion der Baumwollenmanufacturen Englands von fünfzig auf neunhundert Millionen Francs. In der einzigen Grafschaft Lancaster, liefert man jetzt jährlich für die Kattunwebereien eine Quantität Garn, welche Millionen geschickter Spinnerinnen nicht anfertigen könnten. Und obgleich in der Spinnerei Arkwright’s und Watt’s die mechanischen Hülfsmittel bis zum äußersten Grade der Vollendung getrieben sind, so sind doch jetzt 11/2 Millionen Arbeiter da beschäftigt, wo man vor jener Erfindung nur 50,000 zählte. – Im Jahre 1583 trugen in England nur Personen von hohem Range und großen Vermögen die theuern Strümpfe: seit William Lee’s Strumpfmaschine, ist unter Tausend kaum Einer, dem der außerordentlich billige Preis nicht gestattet, sich Strümpfe zu kaufen und eine unermeßliche Anzahl von Arbeitern in allen Ländern der Welt ist mit diesem Fabrikationszweige beschäftigt.

In Stockport hat die Verwendung des Dampfes statt der Kraft der Arme bei der Weberei, nicht verhindert, daß die Anzahl der Arbeiter in sehr wenigen Jahren um ein Drittel gewachsen ist.

Wir müssen auch stets das nicht zu stillende Verlangen nach Wohlbehagen bedenken, welches die Natur dem Menschen eingepflanzt hat; daß die Befriedigung einen Bedürfnisses auf der Stelle ein anderes Bedürfniß hervorruft; daß unser Begehren überall sich vermehrt, sobald die Gegenstände wohlfeiler werden, die es befriedigen können, und zwar in einer Weise, daß die schöpferische Kraft der mächtigsten Maschinen dahinter zurückbleibt.

Blicken wir nur allein auf die Kupfer- und Stahlstiche: der allergrößte Theil des Publikums entbehrte sie freiwillig, als sie theuer waren; ihr Preis verminderte sich – und Jedermann sucht sie. Sie sind ein unentbehrlicher Schmuck der besseren Bücher geworden; sie verleihen auch den mittelmäßigen eine Aussicht auf Absatz.

Man hatte den Untergang der Graveure mitleidsvoll angekündigt und nie sind sie zahlreicher, nie beschäftigter gewesen als jetzt.

Sagt man, daß die Maschinen das Anwachsen und die Verbreitung der Armuth nicht verhindert haben, so muß man das zugeben.

Wer wollte die Maschinen für ein Universalmittel ausgeben? Hat man jemals behauptet, daß sie das unerhörte Vorrecht hätten, Irrthümer und Leidenschaften fern zu halten, die Rathgeber der Fürsten auf die Wege der Mäßigung, Weisheit und Menschlichkeit zu lenken? Die Maschinen haben das Anwachsen der Armensteuer nicht erzeugt, haben es nicht erzeugen können; ja sie haben es gemildert; hier ein schlagender Beweis dafür: In der Grafschaft Lancaster, zu Manchester, Preston, Bolton, Warington, Liverpool, sind die Maschinen am Schnellsten, am Allgemeinsten eingeführt worden. Vertheilen wir nun den ganzen jährlichen Betrag der Armensteuer dort auf die Gesammtbevölkerung, so finden wir einen beinahe dreimal kleinern Betrag als durchschnittlich für alle anderen Grafschaften.

Niemals ist der Grundsatz bestritten worden, daß die Bevölkerung bei allgemeinem Wohlstande wächst und rasch sich vermindert in Zeiten des Elends. Nun hat sich die Bevölkerung des maschinenreichen Englands in den letzten dreißig Jahren durchschnittlich um 50 Prozent vermehrt und die sehr industriellen Städte Nottingham und Birmingham boten eine noch um 25 und 40 Prozent beträchtlichere Vermehrung dar. Manchester und Glasgow endlich, die im ganzen britischen Reiche in Bezug auf die Anzahl, Größe und Wichtigkeit der angewandten Maschinen die erste Stelle einnehmen, sahen in dem Zeiträume von dreißig Jahren ihre Bevölkerung um 150 und 160 Prozent sich vermehren.

Das war drei- oder viermal mehr als in Ackerbau treibenden Grafschaften und den Städten ohne Fabriken. Es ist nicht zu [332] leugnen, daß bei erster Einführung von Maschinen, in dem Augenblick wo sie die Handarbeiten zu ersetzen beginnen, gewisse Klassen von Arbeitern unter dieser Veränderung leiden. Ihr ehrenwerther, ihr mühsamer Erwerb ist fast plötzlich vernichtet. Selbst Diejenigen, welche in dem alten Verfahren am Geschicktesten waren, besitzen oft nicht die Eigenschaften, welche das neue Verfahren erfordert. Es ist selten, daß sie auf der Stelle dazu gelangen, sich wieder in andere Arten von Arbeiten hineinzufinden. Soll man daraus nun auch nicht folgern, daß die Welt stehen bleiben müsse, so soll doch die Welt nicht taub sein für die traurigen Ursachen des Fortschritts.

Die Staatsgewalt verfehlt selten, neue Erfindungen, auf welche sie immer ihr Auge gerichtet hatte, mit Steuern zu belegen; die ersten derselben sollten nun dazu dienen, um besondere Werkstätten zu eröffnen, wo plötzlich brotlos gewordene Arbeiter während einiger Zeit eine ihren Kräften und ihrer Einsicht angemessene Beschäftigung finden. Dieses Verfahren ist bisweilen mit Erfolg eingeschlagen worden; es bliebe also übrig, selbiges allgemeiner einzuführen. Die Menschlichkeit macht es zur Pflicht, eine gesunde Staatsweisheit räth es an; nöthigenfalls könnten auch schreckliche Ereignisse, deren Andenken die Geschichte aufbewahrt hat, dies Verfahren von Seiten der Vorsicht empfehlen.

Gemachten Einwürfen, daß die Fortschritte der Mechanik die arbeitende Klasse in gänzliche Unthätigkeit versetzen, sind ganz entgegengesetzte Schwierigkeiten gefolgt. Indem die Maschinen in den Fabriken alle schwere Arbeit beseitigen, gestatten dieselben, dort Kinder beiderlei Geschlechts in großer Anzahl zu beschäftigen. Habsüchtige Fabrikanten und Aeltern mißbrauchen oft diesen Umstand. Die Arbeitszeit überschreitet oft das vernünftige Maß. Gegen eine tägliche Lockspeise von acht bis zehn Centimes, giebt man Seelen, denen einige Stunden Unterricht viel genützt hätten, einer ewigen Verdummung preis; man verurtheilt zu schmerzlicher Verkrüppelung Organe, zu deren Entwickelung die freie Luft und die wohlthätige Wirkung der Sonnenstrahlen nothwendig gewesen wären.


  1. Wir können hier nicht unterlassen, auf die bedeutungsvolle Thatsache hinzuweisen, daß die meisten Pfleger der wichtigsten, nützlichsten und freiesten aller Wissenschaften: der Naturwissenschaft, Fortschrittsmänner waren, die es immer mehr wurden, je weiter und tiefer ihre Wissenschaft sich ausbildete.