Haifischfang im Canal von Mozambique

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Textdaten
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Autor: Ernst Lochner
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Titel: Haifischfang im Canal von Mozambique
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 200
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[200] Haifischfang im Canal von Mozambique. Bisher hatte die günstigste Brise unsere Reise beschleunigt, doch als die blauen Berge von Groß-Comoro in Sicht kamen, wurde der Wind zum leichten Säuseln und erstarb zuletzt vollkommen. Die vorher gleich Adlerfittigen ausgebreiteten Segel hingen jetzt schlaff von den breiten Raaen hernieder und die hochlaufende Dünung der See brachte bald das häßliche „Schlängeln“ des Schiffes hervor; eine taumelnde Bewegung, die durch die seitwärts anlaufenden Grundschwall des Meeres bewirkt wird, die das Schiff erst von einer Seite hebt, darunter wegläuft und es dann auf die andere niedertaumeln läßt, wobei Tauwerk und Blöcke krachend und klatschend gegen Segel und Masten anschlagen, eine jedem Seemann äußerst verhaßte Musik. Dabei gibt das eigenthümliche Zischen, das bewirkt wird, indem das Fahrzeug bald vorn, bald hinten in die Dünung einstampft, immer förmlich Notiz, daß man jetzt durchaus nicht von der Stelle kommt.

Geärgert und gelangweilt durch diesen Aufenthalt der Fahrt, stand ich hinten an der Railing (Umbrüstung) und sah träumend in die blaue Fluth. Da schoß plötzlich durch den kleinen Wasserraum, den ich eben im Auge hatte, ein flinker Lootse; ein etwa spannenlanger, blau- und rothgestreifter Fisch, der sich immer in der Nähe eines Haies aufhält, denselben fortwährend spielend umkreist, ohne von ihm je beleidigt zu werden, und der wegen dieses freundschaftlichen Verkehrs mit dem Hai sein Lootse genannt wird. Um zu sehen, ob nicht der unterm Steuerruder hin und her schießende Fisch einen seiner gewöhnlichen Gesellschafter in der Nähe habe, warf ich ein Stück Speck über Bord, und richtig, sofort kam unter dem Kiel des Schiffes der grünlichgraue Gesell mit seiner schlängelnden Schwimm-Bewegung hervor, drehte sich, um zuschnappen zu können, auf den Rücken, und klapp! war der Speck verschwunden, so daß ich die fürchterlichen Kinnladen deutlich zusammenschlagen hörte. – Gleich neben meinem Standpunkte war ein Häuschen, wo allerhand Eisengeräthschaften aufbewahrt wurden; schnell suchte ich darunter eine alte Wallfischharpune hervor, steckte sie an ein tüchtiges Ende und einen Augenblick danach saß das Eisen tief im Bauche des Schlemmers, der eine zweite Specksendung erwartet haben mochte. Durch gewaltiges Krümmen und Umsichschlagen suchte der Hai sich zu befreien, und das Wasser in seiner Umgebung war, wie ein siedender Kessel, mit weißem Schaume überzogen; doch sein Sträuben half ihm nichts.

Um Beistand rufend, brachte ich die gesammte Schiffsmannschaft in Alarm, Alles eilte herbei; an das festhängende Ende wurde ein zweites angeschoren, dies durch einen Block gesteckt und nun zogen „alle Mann,“ um den wilden Gesellen auf Deck zu bringen. „Hä kommt, hä kommt,“ schrieen schon Alle siegestrunken, da – paff! – ließ auf einmal die Last nach, der Hai hatte sich richtig losgeschlagen und war zurück in’s Meer gestürzt. Es hatte doch wohl zu lange gedauert, ehe wir vorbereitet waren, ihn in unsere Gesellschaft aufzunehmen. Ein trauriges „Ah“ entfloh Aller Munde. Doch Jan, ein alter, ausgewitterter Seemann, der von Anfang an da gewesen warr und mir beigestanden hatte, sagte bedächtig: „Ick glöv, he hat groten Hunger, wi möt mal tokiken.“ (Ich glaube, er hat großen Hunger, wir müssen ’mal zusehen.)

Ungläubig sahen die jüngern Matrosen ihr sonst nie bezweifeltes Orakel an, denn es schien ihnen nicht möglich zu sein, daß der arg zerfleischte Hai noch jetzt bei gesundem Appetite sei. Doch Jan ließ sich nicht stören, nahm einen großen, eisernen Haken, schärfte schnell die Spitze etwas an, steckte ein tüchtiges Stück Speck darauf und an einem starken Tau befestigt wurde schnell der unbeholfene Köder in das Meer hinabgeworfen. Vom Haifisch war indeß lange Zeit nichts mehr zu sehen und die jungen Skeptiker wollten schon prahlen, Recht gegen den Alten behalten zu haben, als der unerschütterliche Jan ausrief: „Stopp! hä kömmt,“ und in der That, der Hai kam wieder angeschwommen. Trotzdem sein Rücken schon so zerrissen war, daß ein großes Stück seines weißen Fleisches heraushing, schien dieser große Raubfisch dadurch wenig incommodirt zu sein und seine Beutelust blieb unverändert.

Jetzt war er beim Köder angekommen, besah ihn mit seinen kleinen, geschlitzten Augen, hob ihn mit dem schaufelförmigem gewaltigen Kopfe, wie prüfend, in die Höhe, ließ ihn wieder sinken und trieb einen Augenblick unentschlossen nebenher. Doch die Freßgier siegte, er kam wieder, drehte sich, und klapp – Köder und Haken war verschwunden, und zwar hatte der Hai mit solcher Kraft zugeschnappt, daß wir deutlich sahen, wie der Haken in Folge des Zuschlagens der Kinnladen, mit der Spitze oben durch den Kopf hindurchgedrungen war. Sofort zogen alle Mann an dem Ende, und bald lag der zweimal betrogene Fresser, wüthend um sich schlagend, auf dem Deck. Es war ein riesiges Exemplar und maß wohl gegen 10 Fuß Länge und die gewaltigen Schläge seines Schwanzes machten das Schiff so stark dröhnen, daß wir fürchteten, er werde die Seitenplanken zerschmettern. Der Koch, ein baumstarker Mann, schlug mit dem Rücken einer Axt gewaltig auf den Fisch los, ohne daß dieser die geringste Wirkung davon zu fühlen schien. Da erhob wieder der alte, erfahrene Jan seiner Stimme: „Lat em gohn“ (Laßt ihn gehen), sagte er, nahm ein armdickes, langes Stück Holz und stellte sich beobachtend vor den Rachen des Hai’s hin. Als dieser einen Augenblick mit Umsichschlagen inne hielt, stieß er ihm plötzlich die lange Stange in den Rachen, dieselbe bis zum Schwanzende hineintreibend. Der Hai, dessen Inneres Nichts als ein gewaltiger Magen, fast ohne alle Eingeweide ist, hatte also jetzt buchstäblich „einen Stock verschluckt“ und war außer Stande, durch die Kraft seines Schwanzes noch schädlich zu werden. Endlich konnte man sich ungefährdet dem in ohnmächtiger Wuth den Stock zerbeißenden Haie nähern; er wurde nun zerschnitten, das Schwanzfleisch dem Koch übergeben, der ganz leidliche Beefsteaks daraus machte, die Haut abgeschält, deren trockne, rauhe Außenseite ein gutes Polirmittel bietet, und die Wirbelsäule wählte ich mir aus, da dieselbe, gleichmäßig abgedreht, einen der schönsten Spazierstöcke liefert.

Ernst Lochner.