Hangen und Bangen in schwebender Pein

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Textdaten
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Autor: Bruno Beheim-Schwarzbach
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Titel: Hangen und Bangen in schwebender Pein
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 466–468
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Hangen und Bangen in schwebender Pein.


Eine javanische Erinnerung von Dr. B. Beheim-Schwarzbach.


Viele Menschen lieben es bekanntlich, ihren persönlichen Muth vorzüglich bei Gelegenheiten zu zeigen, die nicht besonders gefahrvoll sind, und dieser Muth wächst häufig in dem Grade, in welchem die Gefahr abnimmt. Ich bilde mir nicht ein, für meine Person eine Ausnahme von dieser „Regel“ zu machen, sondern gestehe gern und muthig ein, daß das Stückchen Courage, das mir anhaftet, sich am wohlsten „außer Schußweite“ fühlt. Es mag dieser Umstand der Grund sein, daß ein Jagdvergnügen als solches mich niemals sehr sympathisch berührte, während gar eine Jagd auf wilde Thiere mein Herz sicher nicht aus Passion und Ungeduld stärker klopfen macht. Wenn ich trotzdem während meines Besuches bei Herrn W., dem holländischen Controleur in der Regentschaft Koedoes (sprich Kudus) auf Java, wiederholt in der Lage war, die Büchse zu handhaben, so schreibe ich diese Thatsache theils der Langenweile zu, in welche nach der oft im Dienste abwesende Beamte zurückließ, theils der Aussicht auf „billige“ Beute. Stundenlang durchstreifte ich manches Mal die das Gehöft umgebenden Wälder, während mein inländischer Diener Odin als Büchsenlader, gewöhnlich auch noch einige andere Javaner als Beutesammler mich begleiteten. Hauptsächlich waren es wilde Pfauen, deren schönes Gefieder und unschönes Gekrächze mich zum Schusse reizten. Einst ließ ich mich auch verleiten, einen kleinen schwarzen Affen, mit welcher Art die dortige Gegend überreich bedacht ist, vom Baume zu schießen. Doch bereute ich diesen Schuß aufrichtig. Das überaus klägliche, menschenartige Geschrei des tödtlich verwundeten Thieres, das auf mich den Eindruck machte, als hätte ich ein halberwachsenes Kind getroffen, nicht weniger auch die inständigen Bitten meiner Begleiter, hielten mich ab, je wieder auf die Vorfahren kommender Menschengenerationen zu feuern. Die Malayen wie die Javaner sind der festen Ansicht, daß die Seelen der Menschen, die sich während des Lebens belohnungswerth betragen, nach dem Tode in Affenkörper überziehen, und je nachdem das menschliche Betragen gut, besser oder vorzüglich ist, wird der betreffenden Seele das Fell eines mehr oder weniger bevorzugten Affen angewiesen. – Ein Hauptjubel war es stets für meine muhamedanischen Freunde, wenn ich Gelegenheit fand, ein wildes Schwein, das unvorsichtig meiner Schießwaffe so nahe kam, daß ein Nichttreffen kaum möglich gewesen wäre, vom Leben zum Tode zu befördern. Nicht nur werden diese Thiere aus religiöser Ueberzeugung gehaßt, sondern auch deshalb, weil sie mit Recht als die Hauptverwüster der Reisfelder zu betrachten sind. Unter einem javanischen Wildschwein stelle man sich aber keinen Eber vor, wie solcher gelegentlich in Mittel-Europa – eine waidmännische Heldenthat! – erlegt wird, und dessen zubereiteter Kopf, mit einer Citrone geziert, dem Feinschmecker das Wasser im Munde zusammenlaufen macht. Das javanische Wildschwein ist klein und nur ausnahmsweise muthig.

Es sei mir hier vergönnt, eine Art Treibjagd auf wilde Schweine zu schildern, welche der javanische Fürst (Wedono), welcher dem Bezirke des Controleurs W. mit vorstand, veranstaltete – ja, dem fremden Reisenden zu Ehren veranstaltete, wie man mir schmeichelte. Diese Ehre war herzlich billig, weil alljährlich ein derartiger Feldzug zum Schutze für die Reisfelder vorbereitet wird, gleichviel ob ein „fremder Reisender“ anwesend ist oder nicht. Der Wedono holte uns, das heißt meinen Wirth und dessen Gast, eines Morgens mit eigenen Reitpferden und mit einem Ehrengefolge berittener Javaner zu der Jagd ab. Schon am Abende vorher waren gegen tausend javanische Kulis meilenweit im Kreise postirt worden, welche mit Sonnenaufgang ihren Lärm begannen und sich mit diesem allmählich einer Vertiefung näherten, welche, durch einen hohen Palissadenzaun eingehoft, den Schweinen wohl das Hineinlaufen, nicht aber das Hinauslaufen gestattete. In der Mitte der Einzäunung war ein Brettergerüst, eine Art Plattform, errichtet, welches wir zwei Europäer, der Wedono und eine Anzahl Unterfürsten, an welchen das aristokratische Java so reich ist, mittelst einer Leiter erklommen. Von dort aus erlegten wir die wilden Schweine, welche, von dem Lärme der Treiber versorgt und eingeengt, in die Einzäunung getrieben waren und sich zu unseren Füßen vergebens nach einem Auswege abmühten. Und nun muß ich erröthend gestehen, daß ich mich an dem Abmetzeln der Thiere mitbetheiligte. Kein Schuß wurde gethan, und dennoch lagen nach Verlauf von zwei Stunden vierundachtzig Schweine zerstückt, verstümmelt, theils todt, theils sterbend in ihrem Blute. Die Arbeit wurde mit Bambusspeeren vollbracht, welche, zugespitzt, ein scharf durchdringendes Wurfgeschoß bildeten. Viele Hundert solcher Speere waren für uns auf die Plattform gelegt worden; in voller Sicherheit der eigenen Person richteten wir damit die Thiere auf das Unbarmherzigste zu. Besonders eifrig zeigten sich dabei die Javaner, die im Jagdeifer jauchzten und sprangen, während Herr W. und ich unsere Thätigkeit darauf beschränkten, den Schwerverwundeten das Sterben zu erleichtern. Die Thatsache, daß die Thiere wirklich einen großen Gemeinschaden für die Früchte der Felder bilden, war für mich der einzige versöhnende Gedanke bei dieser Schlächterei.

Den in der Umgegend wohnenden Chinesen war die Jagd nicht minder willkommen wie den Javanern selbst. Während diese aber das Schweinefleisch verachten, betrachten es jene als eine der größten Delicatessen und sandten auch uns Tags nach der Jagd wunderlich geformte Ferkelpasteten, deren Gewürz mir jedoch das Verspeisen verleidete.

Doch genug von dem Kleinwild.

Nach der Siesta eines nicht allzu schwülen Nachmittags war ich mit Odin nach einem benachbarten Dorfe (Kampong) geritten, in dessen Nähe sich, nach Aussage des Dorfhäuptlings, ein Schwarm jener Geschlechtsart von Fledermäusen aufhalten sollte, die ihrer Größe wegen den Namen „fliegende Hunde“ erhalten haben. Zu Tausenden hängen sie sich beim Anbruche des Tages mit ihren Füßen an die Baumzweige, das Laub rings vollkommen bedeckend und zerstörend, und erst gegen Abend verlassen sie diese wunderliche Stellung, um in Masse ihren Nahrungsstreifzug, meistens dem Meere zu, anzutreten, oder besser anzufliegen. Der kommende Morgen findet sie gewöhnlich an derselben Stelle und in derselben Position, die sie des Abends aufgegeben haben.

Im Dorfe angelangt, nahm ich, da der Häuptling leider abwesend war, einen Führer, der uns die mit der lebendigen Frucht behafteten Bäume zeigen sollte. Aber sei es, daß der Javaner, gegen seine Meinung, nicht richtig orientirt war, sei es, daß die fliegenden Hunde ihren Platz thatsächlich verändert hatten, kurz, es gelang uns nicht, das Gesuchte zu entdecken, obgleich wir tief in das Gebüsch drangen und dieses nach verschiedenen Seiten durchstrichen. Wir waren gegen zwei Stunden unterwegs gewesen, hatten, wenn auch nicht den Zweck erreicht, doch vieles für mich Interessante in der herrlich üppigen Tropenwaldung, die ich nicht mit dem Begriffe eines „Urwaldes“ verwechselt wissen möchte, gesehen, und schon gedachte ich den Rückweg nach dem Kampong anzutreten, als unser Führer mit dem Aufschrei: „Ein Tiger, ein Tiger!“ sich blitzschnell umwandte und davonlief – mein Diener Odin ihm nach, mich zurücklassend.

Sicherlich wäre auch ich im ersten Impuls des Schreckens mitgelaufen, hätte ich den Ausruf richtig begriffen. Meine mangelhafte Bekanntschaft mit der javanischen Sprache verhinderte dies. Wohl merkte ich, daß den Beiden etwas Besonderes aufgefallen sein mußte, hatte aber nicht den Glauben an eine directe Gefahr, denn ich konnte nicht annehmen, daß mich mein erprobter (allerdings nur beim Kofferpacken und nicht in Gefahren erprobter) Diener allein zurücklassen würde. In der Meinung, daß die Javaner irgend ein seltenes Insect für meine Botanisirtrommel verfolgten (wie ich Solches einige Male vorher angeordnet hatte) und in Bälde zurückkehren würden, lehnte ich mich wartend an einen Baum. Ich befand mich auf einem nur spärlich bewachsenen Platze, dessen Größe wohl gegen sechszig Schritte im Durchmesser betrug und der von einem dichten Gebüsche umgeben war, in welchem die beiden braunen Gestalten rasch verschwunden waren. Seitwärts von mir flogen krächzend, kleine Kreise ziehend, eine Anzahl schwarzer Vögel dicht über den Spitzen der Bäume; ihr Anblick erinnerte mich unwillkürlich an die aaswitternden Feldkrähen der Heimath.

Plötzlich schreckte mich ein halblautes metallisch klingendes [467] Brüllen, das sich wie ein Gähnen dehnte und in geringer Entfernung von mir erschallte, elastisch empor. Mit einem Schlage erklärte ich mir das Benehmen der Javaner und das Mißliche meiner Lage. Den Ersteren jetzt noch nachzulaufen, war doppelt unthunlich, und demnach zwang mich die Gefahr zu einem schnellen Entschlusse. Auf dem freien Platze durfte ich nicht bleiben, – mich im Gebüsche verstecken, hieße meinen Körper möglicher Weise in den Weg des Tigers legen, – den Kampf mit einer Bestie aufnehmen, von welcher behauptet wird, daß sie Menschensteaks mit demselben Wohlbehagen verzehre wie der Mensch saftige Beefsteaks, schien mir durchaus precär, – so kletterte ich denn, einer Inspiration folgend, möglichst eilig auf den Baum, unter dessen Zweigen ich gestanden hatte. Der Baum, blätterreich und mit breiten Aesten versehen, gewährte einen leidlich guten Sitz, zu welchem ich meine Doppelbüchse mit hinaufgezogen hatte, deren erster Lauf schon vorher entladen, während der andere noch schußfähig war. Munition hatte ich keine bei mir, denn diese war in Begleitung eines einläufigen Gewehres mit meinem „Oberbüchsenlader“ entflohen.

Ich mochte mit stark erregten Pulsen wenige Minuten auf dem Baume gesessen haben, Minuten, die aber genügten, ein Heer von Besorgnissen, Vermuthungen und Plänen durch meinen Kopf ziehen zu lassen, als ein Knistern von trockenen Reisern meinen Blick nach einer Seite des Platzes lenkte, aus welcher gleich darauf mit phlegmatischen Schritten, scheinbar faul oder ermüdet, ein mächtiger Tiger trat, dessen Größe und dessen gestreiftes Fell ihn als einen „Königstiger“ kennzeichneten. Nicht weit über seinem Kopfe flogen die oben erwähnten Vögel umher, ohne daß dadurch das stolze Thier irgendwie belästigt zu werden schien. Die Vögel, durch deren Gebahren der Javaner die Anwesenheit des Tigers zuerst bemerkt hatte, verfolgen, wie ich später hörte, diesen oft stundenlang, um Gelegenheit zu haben, sich an den Ueberresten der Mahlzeit zu laben, welche er verzehrt. Ich bekam die linke Seite der prachtvollen Gestalt voll zu Gesicht. Mein Muth schwoll bedeutend, als ich mich der Thatsache erinnerte, daß ein bengalischer Königstiger keine Bäume erklettert, sondern diese Manipulation den ihm untergeordneten Racen der gefleckten kleineren Tiger, Panther, Jaguars u. dgl., höchstens noch einem erschreckten Menschenkinde überläßt.

Dieses Gefühl der momentanen Sicherheit machte mich übermüthig, und ohne mir genauere Rechenschaft zu geben, was ich that, legte ich den Lauf meiner Büchse fest an den Baumstamm, zielte und drückte in dem Augenblicke ab, in welchem der Tiger die gegenüberliegende Seite des Platzes erreicht hatte und in das Gebüsch dringen wollte. Ein kurzes schmetterndes Brüllen, dessen furchtbare Schärfe meinen Athem stocken machte, ein mächtiger Satz des Thieres in das Buschwerk hinein, knackendes Zertreten trockener Aeste, das Aufkreischen der erschreckten davonfliegenden Vögel, die lärmende Flucht einiger Affen, die auf den benachbarten Bäumen ihr Wesen getrieben hatten – dies Alles war das Werk einiger Secunden, und dann folgte eine unheimliche Stille, in welcher ich deutlich mein Herz gegen die Brustwand klopfen hörte. Der Pulverdampf verzog sich langsam aufwärts durch die von keinem Winde bewegten Blätter des mich tragenden Djatibaumes. Von dem Tiger war keine Spur zu sehen. Doch war es mir nach einiger Zeit, als hörte ich ein schnell vorübergehendes dumpfes Stöhnen und ein scharrendes Geräusch aus der Gegend, in welcher das Thier meinen Augen entschwunden war. Ich wußte sicher, daß meine Kugel einen festen Gegenstand, ja den Tiger selbst erreicht hatte; dennoch zweifelte ich mit dem einem Jäger eigenen „Instincte“, daß die Herzgegend der Gestalt, auf welche ich aus einer ungefähren Entfernung von fünfzig Schritt gezielt hatte, getroffen worden war.

Meine Vorsicht überwog meinen Beuteeifer bei Weitem, und hielt mich von einem Aufgeben meiner Position um so dringender ab, als ich der Meinung war, aus der Ferne ähnliche Laute zu vernehmen, wie solche mich zur Turnübung des Kletterns veranlaßt hatten. Vielleicht war dies nur ein Nachklang der erstgehörten „Musik“, eine akustische Täuschung, die mich beschäftigte. Aber sicherlich hatte ich nicht bemerkt, wie der meiner Ansicht nach verwundete Tiger, das trockene Laubwerk durchbrechend, meinen Observationsposten geflohen war. Ich glaubte ihn noch in der Nähe – und wie so oft absonderliche Begebenheiten auch absonderliche Ansichten erzeugen, so bildete ich mir ein, er lauere im nahen Verstecke auf seinen Mann.

Wenige Wochen vorher war mir erzählt worden, wie ein Tiger tagelang unter einer Kokospalme, auf welche ein Malaye vor ihm geflüchtet war, wartend gelegen hatte. Ruhig, ohne sich zu regen, die Augen ununterbrochen auf sein vermeintliches Opfer richtend und mit grausamer Ueberlegung den Moment abpassend, in welchem die Erschöpfung und der Hunger den Menschen in seine Klauen bringen mußte, wurde der Belagerer von einem Haufen Inländer verjagt, welche das verzweifelte Hülfegeschrei des Belagerten endlich herbeigeführt hatte. Warum sollte ich nun weniger begehrenswerth sein, als jener Malaye? Oder weshalb sollte der eine Tiger weniger schlaue und rachsüchtige Gedanken hegen als ein anderer? Diese Fragen traten mit um so niederschlagenderer Wirkung auf mich zu, weil die bereits begonnene Abenddämmerung mit der in den Tropen eigenthümlichen Hast in nächtliche Dunkelheit überzugehen anfing. Je mehr dies der Fall war, desto deutlicher glaubte ich die tückisch blitzenden Augen der Bestie in dem Gebüsche zu erkennen, desto häufiger wähnte ich Geräusche, wie Kratzen und Schnaufen, zu vernehmen. Es drängte sich mir die Ansicht auf, daß es für meinen Körper reichlich so vortheilhaft sei, auf einem Baume, als in dem Magen eines Raubthieres zu übernachten, ganz abgesehen davon, daß der Tiger weder als ein Walfisch, noch ich als ein Jonas debütiren konnten.

Mit Sicherheit war vorauszusehen, daß mein über das Ausbleiben seines Gastes besorgter Wirth am frühen Morgen nach den etwaigen Ueberresten meiner Gebeine ausschauen und mich erlösen würde. Ich suchte mir den bequemsten Ast zum Nachtlager aus, schlang die seidene Schärpe, welche meine Inexpressibles zu umarmen pflegte, theils um meinen Körper, theils um den Baumstamm selbst, um ein durch etwaiges Einschlafen verursachtes Hinunterfallen zu verhüten, und fügte mich dann mit der besten Miene von der Welt in das Unvermeidliche. Man erlasse mir den Versuch, durch eingehende Beschreibung diese Nacht nochmals zu durchleben. Es genüge die Bemerkung, daß ich nicht schlief, daß ich unzählige Male meine Stellung zu wechseln und durch stetes Blätterkauen meinen trockenen Gaumen zu erfrischen suchte, daß ich oftmals erschreckt wurde durch unerklärliche Laute über mir und unter mir, daß mein Kampf mit Insecten, besonders mit Ameisen, keinen Waffenstillstand zuließ, und daß die Lebensvorsätze, welche in jenen langen Stunden in mir keimten, für die Zukunft im Allgemeinen, für die nächstkommenden Tage im Besonderen nichts zu wünschen übrig ließen. Weder die durch das letzte Erdbeben verursachten Trümmer von Djokdjokarta, noch der berühmte Harem des Sultans jenes Platzes, weder die köstlichen Mangostanfrüchte von Mitteljava, noch die Ruinen von Borobodor sollten im Stande sein, mich weiter nach dem Inneren der Insel zu locken, nahm ich mir vor. Eher an den Küstenplätzen die Gefahr des gelben Fiebers an sich vorüberziehen lassen, als in dem Binnenlande eine sichere Beute der Raubthiere werden!

Kaum begann das erste Morgendämmern den Himmel aufzuhellen, so hörte ich in der Entfernung Schüsse und Rufe, die, meinem Baume sich nähernd, bald von mir erfolgreich beantwortet wurden. Kurze Zeit darauf sah ich einen Schwarm Javaner, in ihrer Mitte Freund W., auf dem Platze versammelt, mich mit freudigem Zurufe begrüßend. Da sich bei dieser lauten Affaire der Tiger durchaus nicht bemerkbar machte, so ließ ich mich, nicht ohne Mühe, zur Erde nieder, um sofort einige Minuten lang meine steifen Glieder auf dem Boden auszustrecken.

Ich war nicht getäuscht worden in der Annahme, daß sich der Tiger während der Nacht in meiner Nähe aufgehalten hatte, denn man fand ihn wirklich – todt. Meine Kugel hatte zwar das Herz verfehlt, aber, durch einen mir wohlwollenden Zufall gelenkt und gleichsam zur Verhöhnung meines Schützentalents, den Kopf dicht hinter dem Ohre so glücklich durchbohrt, daß der Tod beinahe augenblicklich eingetreten sein mußte. Da ich bei allem Glücke den Hauptschaden in diesem für meine Knochen so denkwürdigen Abenteuer davongetragen hatte, so ließ naturgemäß der Spott nicht auf sich warten. Herr W. meinte, ich sollte nur Muhamed danken, daß die fliegenden Hunde mein Nachtquartier nicht auch zu dem ihrigen gemacht hätten, denn dann wäre ich den Vampyren rettungslos verfallen gewesen. Die [468] beiden javanischen Hasenfüße vertheidigten ihr gestriges Davonlaufen mit der ernsthaften Bemerkung, daß sie sicher geglaubt hätten, der Tiger würde mir nichts anhaben, weil ich eine holländische Beamtenmütze mit goldbordirtem Streifen (die des Herrn W.) auf dem Kopfe trug, welches gesetzliche Abzeichen ja von allen Bewohnern Javas respectirt würde.

Das prachtvolle Fell des Königstigers maß von der Kopfspitze bis zum Schwanze über neun Fuß und befindet sich zur Zeit in dem Hause meiner Eltern, während das Kopfskelet dem Museum der Academy of natural science in der Hauptstadt von Minnesota einverleibt worden ist. Die Regierungsprämie von fünfzig Gulden, die in Java Jedem zusteht, der einen Tiger tödtet, ließ ich den Bewohnern des Dorfes übermitteln, in dessen Bezirk das Thier erlegt worden war.

Jener Schuß vom Baume war der letzte, den ich bis zu dieser Stunde begangen habe.