San Francisco in der Phantasie und in der Wirklichkeit

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Autor: Theodor Kirchhoff
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Titel: San Francisco in der Phantasie und in der Wirklichkeit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 462–465
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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San Francisco in der Phantasie und in der Wirklichkeit.


Von Theodor Kirchhoff.


Wohl über keine Stadt auf dem Erdboden sind so viele falsche Berichte von sensationssüchtigen Schriftstellern in die Welt hinaus gesandt worden und finden die fabelhaftesten Beschreibungen so leicht ein gläubiges Publicum, wie über San Francisco. Schon der Name des Goldlandes Californien webt einen Nimbus des Außerordentlichen, des Romantisch-Halbbarbarischen um Alles und Jedes, was auf diese Stadt Bezug nimmt. Daß sich in San Francisco die Leute in rothe Hemden à la Garibaldi kleiden, daß Jedermann hier wenigstens einen geladenen Revolver im Gürtel und ein fußlanges Dolchmesser in den Stiefelschäften trägt, welche Waffen er bei der geringsten Veranlassung in Anwendung bringt, daß es Gebrauch ist, Jemanden, der vor Einem auf dem Trottoir geht und zu dem man sprechen will, durch einen freundschaftlichen Schuß durch den Hut zum Stillstehen zu bewegen, daß es in dieser Stadt zahllose öffentliche Spielhöllen giebt, in denen sich eine bestialische Rohheit breit macht, daß auf den Straßen eigentlich Niemand seines Lebens sicher und die Lynchjustiz hier eingebürgert ist, daß das Gold in San Francisco sozusagen in den Gossen liegt – alle diese und noch abenteuerlichere Vorstellungen spuken noch heute ist den Köpfen von Tausenden in Europa. Der Inhalt von zahlreichen Briefen, welche mir seit meinem Hiersein von Unbekannten aus allen Theilen der Welt zugegangen sind und die von originellen, ich will nicht sagen, kindlichen Fragen förmlich wimmeln, würde einen trefflichen Commentar zu dem oben Gesagten liefern.

In neuester Zeit hat eine in Stuttgart erscheinende Zeitschrift („Ueber Land und Meer“, Nr. 22, 1874) eine Beschreibung von San Francisco veröffentlicht, welche von Ernst Kossak nach dem Tagebuche des verstorbenen Malers Hildebrandt ausgearbeitet wurde, und die wohl von Allem, was über San Francisco geschrieben worden, die willkürlichsten Schilderungen enthält. An diese Beschreibung anknüpfend, will ich ein paar Worte zur Ehrenrettung unserer viel geschmähten Stadt in diesen Blättern laut werden lassen.

Herr Hildebrandt besuchte während seiner Reise um die Welt (wie ich vermuthe, vor etwa fünfzehn Jahren) auch die [463]

Die Gartenlaube (1874) b 463.jpg

 Handelsbörse. Montgomerystraße.    Kearnystraße.  Freimaurer-Tempel.
 Lincoln-Schule. San Francisco. Bank von Californien.
 Löschmannschaftsgebäude.       Sparvereinsgebäude.
 Nuceleus-Hôtel. Californiastraße.   Buschstraße. Landungsplatz der Dampfer.

[464] Stadt San Francisco. Ohne Angabe des Jahresdatums der Hildebrandt’schen Schilderung, ohne Bezugnahme auf die gegenwärtigen Zustände einer so rapid wie San Francisco sich entwickelnden Stadt wird nun in jenem Blatte dem deutschen Leser die genannte Beschreibung als ein Culturbild vorgeführt, welches den Anspruch auf Authenticität erheben darf – nichtsdestoweniger ist es voll von Ungenauigkeiten, Unrichtigkeiten und Uebertreibungen.

San Francisco ist nach jener glaubwürdigen Schilderung eine Stadt von einer halben Million Einwohner (nach dem Census von 1870 zählte San Francisco damals 149,473 Einwohner). Die Bezeichnung unserer Stadt mit Zisko (wie nach Hildebrandt San Francisco hier schlechtweg genannt wird), sowie die Straßennamen, z. B. die „Goldminen-“, die „Silberminen-“ etc. Straße, hören wir San Franciscaner mit Erstaunen jetzt zum ersten Male. Also diese Stadt Zisko wird von einer halben Million von Tagedieben, Bummlern, Gaunern bewohnt; sie ist die ultima Thule der europäischen Vagabondage; Bettler schwärmen in den Straßen, und Niemand ist dort seines Lebens sicher; die Bauart der Stadt ist ein Sammelsurium von architektonischen Ungeheuerlichkeiten; die Straßen sind entweder gar nicht gepflastert oder haben Knüppeldämme, wie sie in den Dörfern der preußischen Niederung üblich sind; malerische Schluchten (?) reichen an die Bai hinunter – in der That ein recht anmuthiger Platz!

In diesem Stil wird unser unglückliches Zisko anderthalb Columnen lang behandelt, so daß Jemand, der, wie Schreiber dieser Zeilen, beinahe zwölf Jahre lang ab und zu hier gewohnt hat, seine Adoptivheimath gar nicht wieder erkennt. Selbst in den wilden Zeiten von 1849 bis 1852 bot San Francisco nicht einmal annähernd ein solches Bild, wie Tausende von Deutschen, die seit dem ersten Aufbau der Stadt hier ansässig sind, bezeugen können. Sogar das hiesige Klima wird ganz falsch geschildert. Wenn Herr Hildebrandt z. B. den Abend in San Francisco (zu welcher Zeit die Luft hier meistens rauh, windig und neblig ist) preist, „von den sanften Athemzügen des entschlummernden stillen Oceans“ redet, und meint, „daß es einer der höchsten irdischen Genüsse sei, diese aromatische Seeluft einzuathmen“, so ist das für einen San Franciscaner einfach komisch. In welcher Gesellschaft sich überhaupt Herr Hildebrandt hier bewegt hat, das mögen die Götter wissen! Ich bin nicht im Stande gewesen, nur einen einzigen Deutschen zu finden, der diesen berühmten Weltumsegler hier kennen gelernt hätte. Das Bild in Folio („eine Straße in San Francisco“), welches jener charakteristischen Studie beigefügt ist, würde just so gut auf Timbuctu oder Buxtehude wie auf San Francisco passen. Die alterthümlichen Gebäude, die Schnapsfässer inmitten der Straße, und namentlich die nie dagewesenen Dampf-Straßenwaggons, die wie alte Theekessel aussehen, sind außerordentlich naturgetreu.

Das Bild und die ganze Schilderung sind Sensationsartikel erster Classe, und dieselben könnten, da sie hier am ersten April erschienen, am besten als ein Aprilscherz gelten. Wie es möglich gewesen ist, daß ein geachtetes großes deutsches Journal sich so dupiren lassen konnte, eine solche Schilderung als baare Wahrheit und noch dazu mit einer schmeichelhaften Notiz auf den „liebenswürdigen“ Verfasser wiederzugeben, und zwar, wie gesagt, ohne Jahresdatum, scheint in der That unbegreiflich. Wenn ich sage, daß jene Veröffentlichung von den hiesigen Deutschen, die einen so großen Procentsatz der Bevölkerung dieser Stadt bilden, mit bitterem Ingrimme gelesen worden ist, so habe ich mich sehr gelinde ausgedrückt. Eine solche entstellende Beschreibung unserer Adoptivheimath in dem oben genannten deutschen Blatte lesen zu müssen, erregte hier die allgemeinste Entrüstung, und ich handle gewiß im Sinne meiner hiesigen Landsleute, wenn ich dieser ihrer Meinung durch die Gartenlaube weitmöglichste Verbreitung gebe.

Ohne auf das Hildebrandt-Kossak’sche Schriftstück weiter einzugehen, will ich jetzt versuchen, die Stadt San Francisco mit einigen kurzen Federstrichen so zu schildern, wie dieselbe in Wirklichkeit aussieht. Der Leser möge sich dann selbst ein Urtheil darüber bilden, ob dieser Platz Jemandem, der Ansprüche auf ein gesittetes Leben macht, als Aufenthaltsort empfohlen werden darf oder nicht.

Die Stadt San Francisco, deren Einwohnerzahl zur Zeit (1874) auf bereits zweihunderttausend Seelen geschätzt wird, steht, so weit mir bekannt geworden ist, was materiellen Aufschwung anbelangt, nur hinter Chicago und Melbourne zurück. Ihre günstige Weltlage, an dem einzigen größeren sicheren Hafen an einer Tausende von Meilen langen Küste und auf der directen Verbindungslinie zwischen Ostasien, Nordamerika und Europa wird durch einen Blick auf die Karte sofort klar, und die zahlreichen und productenreichen Thäler Californiens finden hier ihren natürlichen Ausweg auf die Weltmärkte.

Der prächtige Hafen bildet ein großartiges, lebendiges Bild. Eine ganze Flotte von Dampfern vermittelt den Verkehr mit China, Japan, Australien, den Inseln der Südsee, Panama, Mexico, den californischen Küstenstädten, Oregon und British Columbia. An der Grenze des Occidents liegend, seine goldene Pforte den Völkern Ostasiens weit öffnend, bildet San Francisco, dessen Bevölkerung etwa zur Hälfte aus Fremdgeborenen, zur Hälfte aus Amerikanern besteht, mit seinem Völkergemisch einen höchst interessanten Beobachtungsort für den Ethnologen, wo die uralte stagnirende Civilisation des Reichs der Mitte mit dem frisch pulsirenden europäisch-amerikanischen Leben in enge Berührung tritt.

Die Stadt San Francisco liegt bekanntlich auf einer Halbinsel zwischen dem stillen Ocean und der großen San Francisco-Bai, welche letztere ihre Verbindung mit dem Meere durch das weltbekannte „goldene Thor“ (golden gate) findet. Die an den Hafen grenzenden Straßen bilden, mit Ausnahme des Chinesenviertels, den bei Weitem unansehnlichsten Stadtteil, so daß San Francisco, vom Wasser aus betrachtet, ein keineswegs malerisches Bild giebt.

Das Aussehen der inneren Stadt dagegen ist im Allgemeinen ein sauberes und modernes. Die Straßen sind geradlinig angelegt, und die hauptsächlichsten derselben haben breite Asphalttrottoirs, während die kleineren aus Holzbohlen angelegte Gehwege aufweisen. Das Pflaster dagegen läßt viel zu wünschen übrig. Das früher hier niedergelegte sogenannte „Nicholson-Holzpflaster“ hat sich als nicht praktisch bewährt, und man experimentirt gegenwärtig mit neuem Pflasterungsmaterial. Durch fast alle Straßen der Stadt laufen oft mehrgleisige Schienenwege, welche von eleganten durch Pferde gezogenen Waggons (nicht von Dampf-Waggons à la H.) befahren werden. Fuhrwerke aller Art und Pferde sind in San Francisco außerordentlich zahlreich und die Straßen bis spät in die Nacht von ihnen belebt.

Die Geschäftshäuser sind meistens aus Steinen solide aufgeführt, die Läden darin, namentlich die der sehr zahlreichen Juweliere, überaus prächtig; die Bankgebäude sind wahre Prachtbauwerke und wurden ohne Rücksicht auf den Kostenpunkt aufgeführt. Die Mauern, Säulen etc. an dem soeben an der Californiastraße in untadelhaftem Stil vollendeten drei Stockwerk hohen Gebäude der „London- und San Francisco-Bank“ bestehen ganz aus Eisen; im Innern desselben ist eine so seltene Eleganz entfaltet worden, daß sich die Räumlichkeiten eines deutschen Bank-Etablissements im Vergleich damit geradezu armselig ausnehmen würden. Die im Gebäude angebrachten Uhren sind von unserem talentvollen hiesigen deutschen Uhrmacher H. Wenzel construirt worden. Durch comprimirte Luft, die von einer Centralmaschine durch Gummischläuche nach einer beliebigen Anzahl Uhren hingeleitet wird, werden die Zeiger derselben mit einer staunenswerthen Präcision ohne Uhrwerk gleichmäßig in Bewegung gesetzt, – eine Einrichtung, welche dem Talente ihres Erfinders zur hohen Ehre gereicht.

Die Hôtels in San Francisco – das Occidentalhôtel, Lickhouse, Cosmopolitanhôtel, Grandhôtel etc. – sind den berühmten Hôtels in den östlichen Unionsstaaten vollkommen ebenbürtig. Das im Bau begriffene Palace-Hôtel wird einen Bodenraum von vierundneunzigtausendsechshundert Quadratfuß bedecken; es soll eine Höhe von sechs Stockwerken erhalten, wird im Hofraume eine Reihe von prächtigen Bazars und Arcaden haben und gegen zwei Millionen Dollars kosten. Dasselbe soll mit wahrhaft fürstlichem Luxus ausgestattet und das prächtigste Hôtel der Welt werden.

Gebäude, die hunderttausend bis eine halbe Million Dollars und mehr kosten, springen in allen Stadtteilen wie Pilze aus der Erde. Eine ganz neue Straße, die „Montgomery-Avenue“, wird gegenwärtig quer durch die Stadt gebaut, um eine bessere Verbindung zwischen den südlichen und nördlichen Stadtteilen [465] herzustellen. Die Kearny-, die California-, die Montgomery- und andere Straßen würden jeder Stadt der Welt zur Zierde gereichen. Allerdings stehen neben vielen Prachtbauten heute noch oft unansehnliche Holzhäuser, wie dies in allen amerikanischen Städten zu sehen ist (aber keine Strohhütten oder Schweineställe, wie Hildebrandt phantasirt hat), die aber allmählich entfernt und soliden Steinbauten Platz machen werden. In dem Geschäftstheile der Stadt dürfen gar keine Holzhäuser mehr aufgestellt werden. Die Privatwohnungen in den äußeren Stadttheilen sind dagegen meistens aus Holz aufgeführt, aber von außen so gemalt und cementirt, daß sie eleganten Steingebäuden täuschend ähnlich sehen. Das Innere der Wohnungen der reicheren San Franciscaner ist oft mit verschwenderischem Prunke eingerichtet. Die Stadt besitzt Wasser- und Gasleitungen wie jeder moderne Ort. Die öffentlichen Markthallen sind ein Muster von Reinlichkeit und erschließen in ihren weiten Räumen dem Besucher ein überraschendes Bild von dem Productenreichthum des gesegneten Californien.

Die hiesige Feuerwehr ist eine der besten in der Welt. Durch die ganze Stadt laufen telegraphische Feueralarm-Leitungen. Es ist eine wahre Freude, binnen wenigen Minuten nach einem vom Centralsignalthurme gegebenen Feuer-Alarm, welcher durch leicht verständliche Glockenschläge die Lage einer ausgebrochenen Feuersbrunst Jedermann in der Stadt sofort klar macht, die prächtigen Dampffeuerspritzen, mit den langen Leiterwagen und Schlauchkarren hinterdrein, nach der Richtung des Feuers durch die Straßen jagen zu sehen.

Einen unerfreulichen Gegensatz zu den eben geschilderten Stadttheilen bildet das hiesige Chinesenviertel. In allen Straßen sieht man die bezopften Asiaten in Menge auf- und abwandern, aber nur im engern Chinesenquartier vermag man sie in ihrer charakteristischen nationalen Gesammtheit zu erblicken. Dasselbe bildet mit seinen wunderlichen asiatischen Bestandtheilen, den Tempeln und Theatern, den Spiel- und Opiumhöhlen, den unbeschreiblichen Kellerwohnungen, wo die bezopften Himmlischen wie Schweine zusammengepfercht wohnen, den Läden voll von tatarischem Krimskram und der in den Straßen sich drängenden ausländischen Bevölkerung für den Fremden das Interessanteste in San Francisco. Aber wir San Franciscaner, welche diese unsaubere Chinesenwirthschaft tagtäglich vor Augen haben, interessiren uns wenig für den tatarischen Firlefanz und empfinden um so mehr die Ungerechtigkeit der Bundesregierung, welche einem moralisch ganz verkommenen Volke die unbeschränkte Freiheit giebt, sich wie die Hornissen bei uns einzunisten und wie eine Pestbeule unsere blühende Goldstadt gleichsam zu vergiften, einem Volke, das in allen seinen Sitten und Gebräuchen unseren Anschauungen zuwider lebt und handelt, das sich mit dem Wohl und Wehe dieses Landes gar nicht identificirt, einem Volke, das nur hierher kommt, um „Geld zu machen“, und dessen Lüderlichkeit und Unsauberkeit unsere Jugend verdirbt. *

Daß es außer den räuberähnlichen Wohnungen der Chinesen hier in San Francisco noch eine Menge von verrufenen Localen giebt, wird gewiß Jeder begreiflich finden. Aber welche große Seestadt hat dergleichen nicht in Hülle und Fülle aufzuweisen? Ein ordentlicher Mensch kommt mit dem wüsten Leben in solchen Spelunken nicht in Berührung. Im Allgemeinen sind die Bewohner dieser Stadt ordnungsliebende Menschen, welche ihren Geschäften mit großem Fleiße nachgehen. Schon in der entfernten Weltlage dieses Platzes ist die Ursache zu finden, daß, namentlich in früheren Jahren, meistens unternehmende Männer hierher strömten. Wer heute mit der Idee nach San Francisco kommt, dort eine einfältige Nomadenbevölkerung zu finden, unter der er leicht seinen Geist leuchten lassen kann, irrt sich gewaltig. Wie ich bereits in meinem in der Gartenlaube (Nr. 9, 1873) veröffentlichten „offenen Antwortschreiben“ gesagt habe, ist es nichts Seltenes, hier einen deutschen Handlungsdiener oder Halbgelehrten, der die San Franciscaner „über den Löffel barbiren“ wollte, als Schüsselwascher in einem Restaurant oder als Kellner und Stiefelputzer wieder zu finden, in welcher Stellung er Studien über Hildebrandt’sche Aufzeichnungen machen kann. Die Reichthümer San Francisco’s sind keine ererbten, sondern meistens im Schweiße des Angesichts und durch Thatkraft des Geistes sauer verdient. Daß Minenspeculationen und gewagte Unternehmungen unter einer so thatlustigen Bevölkerung, wie die hiesige, gang und gäbe sind, liegt in der Natur des Menschen und der Verhältnisse. Hat doch sogar das ruhige Deutschland seine „Gründer“ und andere Speculanten ähnlicher Farbe in Menge.

Das gesellschaftliche Leben kann in einer großen kosmopolitischen See- und Handelsstadt, wie San Francisco, natürlich nur ein außerordentlich mannigfaltiges sein. Selbstverständlich fehlt es hier nicht an Theatern und Concertsälen; daß aber die Aufführung von classischen Dramen und classischer Musik in San Francisco stets die vollsten Häuser macht, möchte manchem Auswärtigen neu sein. Die Deutschen haben hier ihre zum Theil prächtig eingerichteten Clublocale, die Amerikaner und andere Nationalitäten ebenso. Es giebt in dieser Stadt wissenschaftliche und gesellige Vereine aller Art, Bibliotheken, Logen, Gesang- und Turnvereine etc. in Menge. Im Frühling und Sommer ziehen die deutschen Gesellschaften und Militärcompagnien allsonntäglich mit klingendem Spiele und wehenden Bannern durch die Hauptstraßen nach den großen Dampffähren, welche die Verbindung zwischen San Francisco und den jenseits der Bai liegenden Landstädten Oakland, Alameda, Saucelito etc. vermitteln (betrug der Personenverkehr zwischen den beiden Ufern der Bai doch im vergangenen Jahre zwei Millionen Köpfe!), um dort im Freien Pickenicks abzuhalten oder sich sonst nach vaterländischer Sitte zu amüsiren, und Tausende von allen Nationalitäten besuchen den Woodward’s Garten, das berühmte Cliffhaus, die reizendsten Parks an der südlichen Pacificbahn und andere Vergnügungsorte.

Im Allgemeinen sind die San Franciscaner ein lebenslustiges Volk, aber selten kommt es hier bei öffentlichen Festlichkeiten zu Reibereien oder gar blutigen Schlägereien zwischen den verschiedenen Nationalitäten, Excessen, welche leider in New-York und anderen östlichen Städten der Union nichts Seltenes sind. Was die Sicherheit des Lebens und des Eigenthums anbetrifft, so kann sich wahrlich Niemand hier über gefahrdrohende Zustände beklagen. Die Schießaffairen, welche hier öfters vorkommen, finden fast ausschließlich unter schlechten Subjecten statt; ich wüßte auch nicht Einen von meinen sehr zahlreichen Bekannten zu nennen, dem je auf solche Weise ein Unheil widerfahren sei. Die Polizei unserer Stadt ist vorzüglich und macht den Spitzbuben „die Hölle heiß“. Es ist eine große Seltenheit, daß in San Francisco ein Verbrecher unbestraft entkommt. Oeffentliche Spielhöllen giebt es in Californien schon lange nicht mehr, dagegen deutsche Bierhäuser, wo man gemüthlich ein Glas schäumenden Gerstensaft trinken kann, in Hülle und Fülle.

Die Gastfreundschaft in San Francisco ist nicht minder wie die Freigebigkeit seiner Bewohner sprüchwörtlich geworden. Ich brauche in Bezug darauf nur an die großartigen Leistungen der hiesigen Deutschen während des letzten deutsch-französischen Krieges, welche Trost und Segen in Tausende von Wohnungen bedürftiger Landsleute gebracht haben, so wie an den Empfang der „Hertha“ zu erinnern. Was den gesellschaftlichen Umgang anbelangt, so kann sich hier Jeder leicht einen ihm zusagenden Kreis von Bekannten wählen; ein gebildeter Mann findet überall in dieser Stadt in Familien Zutritt und ist, auch uneingeladen, stets ein willkommener Gast. Nichts spricht mehr für die Annehmlichkeit des hiesigen Lebens als die große Anhänglichkeit der europäischen Bewohner San Francisco’s an diese ihre neue Heimath. Mir gefällt es in San Francisco mit seinem herrlichen, wenn auch etwas windigen Klima und unter seinen Bewohnern mit den offenen, warmen Herzen (trotz Hildebrandt!) ausgezeichnet, und ich bin wohlzufrieden damit, daß mich das Schicksal auf diese gastliche Scholle an der Schwelle des „goldenen Thores“, an die dem Vaterlande freilich so ferne Küste des Stillen Meeres geworfen hat.

San Francisco, am 10. April 1874.


* Wer sich für die Chinesen besonders interessirt, den verweise ich auf einen von mir im „Globus“ (Band XXIV, 1873, Nr. 15, 16 u. 17 veröffentlichten Aufsatz „Die Chinesen in San Francisco“, worin ich unsere asiatischen Freunde eingehend behandelt habe.

Der Verfasser.