Haschisch-Trunkenheit

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Haschisch-Trunkenheit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 368
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[368] Haschisch-Trunkenheit. Die asiatischen Türken, besonders die Syrier, besitzen in dem Haschisch, ein von ausgetrockneten Blättern der Pflanze Cannabis Indica bereiteten Masse, das mächtigste Nerven- und Phantasie-Reizmittel. Schon die Sarazenen begeisterten sich durch Haschisch zum Kampfe gegen die Kreuzzügler. Von den Indiern als „Bang“ getrunken, ruft es eine Art Tollheit hervor, die unter den Malaien oft in „Mordläufe“ durch die Straßen ausbricht. Von den arabischen Hachachim oder Haschischessern kommt das Wort assassin: Attentäter her. Die Türken genießen den Haschisch in der milderen Form von Zuckerplätzchen, in welchen er zu den wollüstigen Phantasien und Träumen des Orients anregt, ohne so zerstörend zu wirken, wie Opium. Ein Amerikaner, der unlängst in Damaskus versuchsweise gleich für sechs Mann Haschisch aß, beschreibt die Wirkung unter anderem so: Nachdem ich Haschisch in milder Form genommen, in welcher er mich mit dem Gefühle der geistvollsten Lustigkeit und Leichtigkeit und der schärfsten Wahrnehmung für alles Lächerliche erfüllte, aß ich in Damaskus reinen Haschisch. Die Magenhöhle fing an zu brennen, jedes Gefühl von Körper und Schranke hörte auf, in Luft und Licht aufgelöst, verlor ich ganz die Vorstellung, daß ich eine beschränkte Gestalt habe. Das Blut durchlief unzählige Meilen, die Luft, die ich athmete, dehnte sich aus zu Seen klaren Aethers, und in dem zum ganzen Himmelsgewölbe ausgedehnten Kopfe wogten unergründliche blaue Tiefen und leuchtende Wolken und in ihrer Mitte die Sonne. Ich war allgegenwärtig, umfluthet von einem Lichtmeere auf welchem die reinsten lichtgebornen Farben spielten. Dann befand ich mich auf der Pyramide des Cheops, aus lauter Tabaksblättern erbaut. Ich verfiel in einen förmlichen Lachkrampf über diese neue Form der ältesten Baukunst. Nun fuhr ich in einer Barke von Perlemutter und Juwelen über Tausende von Meilen durch ächten Goldsand der Wüste ohne Anstoß und geräuschlos, umwogt von Musik, Licht und Duft, nach Regenbogen mit Edelsteinen besetzt, durch Wölbungen von Ametysten, Smaragden, Tobas und Rubinen. Die Geister des Lichts, der Farbe, des Geruchs, des Schalls und der Bewegung waren meine Sklaven: ich war Herr des Universums, Erbe der Schöpfung. Die fünf Minuten dieser Vision dehnten sich zu Jahren des Entzückens und ununterbrochener Fülle von Genüssen aus. Später kamen zauberische Landschaften in üppiger Fülle von Blüthen und Früchten. Dabei lebte ich stets zwei Wesen, das körperlich aufgelöste und mein nüchternes Ich zugleich. Ich verlor nie ganz das Bewußtsein, daß ich zugleich blos im Zimmer sitzen und an den Wirkungen des Haschich leide. Später wurde es freilich heller. Mein nüchternes Ich verwandelte sich in weiche Gallerte; ich quälte mich in den lächerlichsten Anstrengungen ab, meinen zerfließenden Körper in eine Form zu pressen. Zugleich lachte ich über meine Verzerrungen, daß mir die Augen übergingen. Jede Thräne ward zu einem Brode, die sich um den Bäcker im Bazar so aufhäuften, daß ich ausrief: Der Mensch wird ersticken, aber ich kann nicht an mich halten. Zuletzt ward ich von einer aus dem Magen glühenden Angst gepackt, daß ich Bewußtsein und Verstand auf die Dauer verlieren werde. Während ich kreischend bat, man möge mich von dem Dämon erlösen, sprang mein Freund mit einem Lachkrampfe auf und rief: „Ihr Götter, ich bin eine Locomotive!“ Und so benahm er sich auch Stunden lang seiner neuen Gestalt gemäß. Er paustete den Athem wie Dampf aus und drehte fortwährend die Arme, wie die Kurbeln an den Maschinenrudern, indem er stets im Zimmer umherlief. Nach Mitternacht stellten sich die schrecklichsten Wirkungen der sechsfachen Dosis ein. Das Blut tobte mir und quoll aus den Ohren. Ich litt in entsetzlichster Todesqual. Der letzte Rest des Willens, gegen den Wahnsinn zu kämpfen, schwand und ich warf mich voller Verzweiflung auf’s Bette. Einwohner der Stadt, die uns bewacht hatten, erzählten uns später, daß unsere Seligkeit fünf Stunden gedauert und ich sechs Mal mehr genommen, als zum Lachen gehöre. Man hat nämlich Dosen „zum Lachen“ und Dosen „zum Schlafen“. Nur durch Reisen und Bader konnte ich langsam mein zerrüttetes Nervensystem wieder herstellen. Die „Locomotive“ befindet sich auch wohl. Ein Engländer, der auch mit uns experimentirte, hatte sich von dem Augenblicke an, als er die Wirkungen spürte, fest in seinem Zimmer verschlossen und dem Diener einen Eid abgenommen, nie zu verrathen, was er für Visionen gehabt. Ganz John Bullisch. Wahrscheinlich hat er ungeheure Plum-Buddings, riesige Rostbeefs und Säcke voll Geld gesehen.“ – Dieser penetranteste, alle Tiefen den Nervenlebens und der Phantasie-Plastik aufrufende Pflanzensaft mag in den Händen des Arztes noch einer schönern Mission fähig sein, als bisher im Oriente. Vorsicht, Erfahrung und Wissenschaft können ihn zu einem Heilande gegen die schwersten, schmerzhaftesten Krankheiten erheben, in welchen oft das viel schwerere und angreifendere Opium gegeben wird.