Das Portrait (Die Gartenlaube 1854)

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Das Portrait
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 368
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[368] Das Portrait. (Eine Skizze treu aus dem Leben.) Ludwig Tieck, dessen gemüthvolle und prunklose Gastfreundschaft die berühmtesten Künstler und Gelehrten Dresdens in seinen Salon versammelte, und welcher mehrere Abende der Woche so gern die Meisterwerke Goethe’s und Shakespeare’s selbst vorlas und durch seinen gediegenen Vortrag den Anwesenden eben so geistiggenußreiche, als heitere Stunden schuf, erlitt einst durch die Neugierde und Kurzsichtigkeit seines alten Freundes, des Hofraths Bötticher, welcher nun auch schon längst heimgegangen ist, eine Kränkung, durch welche zwischen Ludwig Tieck und einem ihm lange Jahre befreundeten Schriftsteller eine Feindschaft entstand, die nie wieder zur Versöhnung führte. – Ein junger talentvoller Maler, welcher von einer Kunstreise aus Italien zurückgekehrt war, befand sich auf Tieck’s freundliche Einladung, zum ersten Male in einem der kleinen Salonzirkel, in welchem Fräulein Dorothea, Tieck’s geliebte, nun ebenfalls verstorbene Tochter die Honneurs auf so anmuthsvolle herzliche Weise zu machen verstand. Der größte Theil der anwesenden Damen gehörte den beliebtesten und berühmtesten Schauspielerinnen des königlichen Hoftheaters an, und von diesen wurde der junge Maler bestürmt, seine Reiseabenteuer zu erzählen.

„Also in den Abruzzen waren Sie auch?“ frug die eben so liebenswürdige als geistreiche Caroline Bauer. „Sind Sie da nicht calabresischen Räubern in die Hände gefallen?“

„O, zu zwei verschiedenen Malen,“ entgegnete der junge Künstler.

„Wie, unter Räuber sind Sie gerathen?“ frugen die Damen neugierig. „O bitte erzählen Sie, hat man Sie ausgeplündert, war Ihr Leben in Gefahr?“

„Das eben nicht,“ lächelte der Maler, „selbst meine Börse blieb verschont, nur mußte ich zwei Tage in den Schlupfwinkeln dieser Banditen zubringen, bis ich das Portrait ihres Hauptmanns vollendet hatte, von welchem jedes Mitglied der Bande eine Zeichnung haben wollte.“

„Und hatten Sie dazu die nöthige Fassung?“

„Warum nicht, diese Räuber behandelten mich sehr achtungsvoll und störten mich nicht im Geringsten, nur war der Hauptmann selbst ein verteufelt unruhiger Patron, dem das Stillsitzen sehr schwer ankam.“

„Aber das Portrait gelang?!“

„Meisterhaft!“ lachte der junge Maler.

„Und Sie sind noch im Besitz einer Zeichnung desselben?“

„Ja wohl; hier ist es!“

Mit diesen Worten reichte der Maler den Damen ein kleines Bild, welches das Miniaturportrait des Räuberhauptmanns vorstellte.

„Ha, wie entsetzlich! O welche Wildheit in dem Blicke dieses Tigerauges, welch’ abscheulicher Zug roher Sinnlichkeit! Nein, das ist ein Scheusal!“ so tönte es aus dem Kreise der Damen, durch deren Hände jetzt das Bildchen ging.

„Was giebt’s denn da, was habt Ihr denn da, Kinderchen?“ frug der alte Hofrath Bötticher durch diese Exclamationen der Damen neugierig gemacht, und Ludwig Tieck verlassend, mit welchem er sich unterhalten, trat er dem Maler näher. „Wem sieht dies Portrait ähnlich, Herr Hofrath?“ frug jetzt einer der Anwesenden, welcher mit Bötticher und Tieck scheinbar eng befreundet war.

„Dies Portrait hier?“ frug Bötticher zurück und blickte etwas verlegen bald auf den Frager, bald nach Ludwig Tieck; denn seiner Kurzsichtigkeit entging jeder Zug der Zeichnung desselben.

„Ja dies Portrait!“ wiederholte der Erstere und nickte dem Hofrath lächelnd zu.

„Ah, das ist unser guter alter Tieck!“ rief Bötticher, welcher von dem vorhergehenden Gespräche kein Wort gehört hatte und der festen Ueberzeugung war, daß der junge Maler denselben in Eile portraitirt und sehr gut getroffen habe.

„Ei, ei, Hofrath!“ kicherten die Damen. „Das ist stark. Einen Räuberhauptmann aus den Abruzzen mit unserm edlen Gastfreund zu vergleichen, des verzeihen wir Ihnen nie.“

Das Gelächter wurde allgemein, auch Ludwig Tieck stimmte mit ein, der Hofrath Bötticher aber warf dem Frager einen bitterbösen Blick zu und schlich sich ärgerlich über den ihm gespielten Streich fort.

Aber zwischen Tieck und dem ihm bisher anscheinend so genau befreundet gewesenen Schriftsteller, welcher Bötticher’s Kurzsichtigkeit zu einem solch fatalen Mißverständniß verleitet hatte, begann von diesem Lage an eine Feindschaft, die durch ernstere Auftritte immer heftiger wurde und zuletzt zu gegenseitigen Schmähschriften führte, in welchen sich beide Männer unter dem Mantel der Anonymität auf das Schonungsloseste geißelten.