Wie die Patagonier heirathen

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Wie die Patagonier heirathen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 367–368
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[367] Wie die Patagonier heirathen. Kapitain Bourne, warb, als er auf einer Reise nach Californien mit einigen Begleitern an der patagonischen Küste an’s Land stieg, um von den Eingeborenen Lebensmittel einzutauschen, von diesem wilden und hinterlistigen Volke auf verrätherische Weise gefangen zurückbehalten, um später gegen ein hohes Lösegeld an Taback, Rum und dergleichen wieder freigelassen zu werden. Seinen Begleitern gelang es noch rechtzeitig zu entrinnen, während Kapitain Bourne, dessen Schiff durch einen mittlerweile eingetretenen Sturm von der Küste hinweggetrieben ward und demzufolge seine Auslösung nicht bewirken konnte, über drei Monate in dieser furchtbaren und mit den entsetzlichsten Beschwerden und Entbehrungen verknüpften Gefangenschaft verharren mußte, aus welcher er sich endlich nur mit List und Lebensgefahr rettete.

Wir heben aus dem höchst interessanten Berichte, welchen Capitain Bourne über seine Erlebnisse und Beobachtungen unter diesem abscheulichen Volke veröffentlicht hat, das aus, was er über die Art und Weise sagt, wie dort bei dem Abschluß von Heirathen verfahren wird.

„Ich erfuhr“ – erzählt er – „daß ohne Einwilligung des Häuptlings sich keiner verheirathen durfte und daß kein Indianer, der nicht ein gewandter Jäger und ausgefeimter Dieb und folglich im Stande war, vollauf Fleisch und Fett herbeizuschaffen, für einen richtigen Mann angesehen ward, der auch wirklich eine Frau ernähren könne.

„Während es aber mit den Voraussetzungen zum Heirathen so genau genommen wird, findet bei dem Abschluß der Heirath selbst fast gar keine Feierlichkeit statt. Sobald der Häuptling seine Einwilligung gegeben, nimmt der Bräutigam die Braut ohne weitere Umstände oder Festlichkeiten mit in seine Hütte. Ein Mal jedoch war ich Zeuge einer Vermählung, die von einigen ungewöhnlichen Ceremonien begleitet war.

„Eines Abends nämlich befanden sich der Häuptling, seine vier Weiber, zwei Töchter, eine kleine Enkelin und ich in der Hütte umhergestreut und in einen Rauch von ungewöhnlicher Stärke und Dichtigkeit eingehüllt. Während die andern ganz unbefangen wie eben so viele Speckseiten umhersaßen, lag ich auf dem Leibe, mit dem Gesicht dicht am Boden und den Kopf mit einem Stück Guanacofell bedeckt – die einzige Position, in welcher es möglich war, sich einigermaßen vor dem erstickenden Rauche zu schützen. Während ich so dalag, glaubte ich draußen viele Fußtritte und ein verworrenes Murmeln zu vernehmen, als ob eine Menge Indianer mit einander sprächen. Gleich darauf ließ sich an der Vorderseite der Hütte eine heisere Stimme vernehmen, die offenbar an eine der in der Hütte befindlichen Personen gerichtet war und auf welche der Häuptling sofort antwortete. Ich erhaschte einige Worte, welche hinreichten, mich zu überzeugen, daß ich nicht der Gegenstand des Gesprächs war, sondern daß es sich vielmehr um eine Dame handelte.

„Das Gespräch ward immer lebhafter und der Gleichmuth des Häuptlings schien etwas wankend zu werden. Ich warf einen durchdringenden Blick in dem Rauch auf die weiblichen Mitglieder unseres Haushaltes, um wo möglich zu erspähen, ob eins davon besonders dabei interessirt sei. Ein einziger Blick genügte, denn ich sah, daß die eine Tochter des Häuptlings, welche, beiläufig gesagt, Wittwe mit einem Kinde war, dem Gespräch mit unverkennbarer Spannung zuhörte. Ihre Mutter saß neben ihr und hielt mit besorgter und nachdenklicher Miene das Kinn auf die Hand gestützt. Der unsichtbare Sprecher draußen war, wie sich bald zeigte, ein schon mehrmals abgewiesener Bewerber um die Tochter und jetzt mit seinen Freunden abermals gekommen, um sein Gesuch zu betreiben. Die Beredsamkeit, die er dabei aufbot, war, wenn auch nicht klassisch, doch sehr angelegentlich, wiewohl von wenig Erfolg. Der Häuptling entgegnete ihm, er sei ein armer, nichtsnutziger Gesell, der keine Pferde habe und deshalb weder sein noch sonst Jemandes Schwiegersohn werden könne.

„Der Freier draußen ließ sich indessen nicht so leicht abweisen, sondern begann seine Bewerbung mit neuem Eifer, indem er versicherte, daß sein Mangel an Pferden seinen Grund in dem Mangel an Gelegenheit, aber nicht in dem Mangel an gutem Willen habe. Dabei rühmte er sich, ein so gewandter Dieb und Jäger zu sein, wie nur je einer einen Lasso geschwungen habe und versicherte, daß es seiner Frau niemals an Fett mangeln solle. Der unerbittliche Häuptling gerieth hierüber in bedeutende Aufregung, sagte ihm, er sei ein armer Teufel und möge sich nur seiner Wege packen, denn er wolle nichts mehr davon hören.

„Der Freier wendete sich nun an die Schöne selbst, bat sie, seinem Gesuch Gehör zu schenken und versicherte auch ihr nochmals mit besonderem Nachdruck, daß es ihr, wenn sie ihn mit ihrer Hand beglückte, niemals an Fett fehlen solle. Dieses letzte Argument schien einen unwiderstehlichen Eindruck auf sie zu machen und sie bat ihren Vater, seine Einwilligung nicht länger zu versagen. Dieser aber, welcher diese Appellation von seiner Entscheidung an eine untergeordnete Instanz sehr übel zu vermerken schien, gerieth in die größte Wuth und ergoß sich in einen Strom von Schmähungen.

„Hier mischte sich die Mutter ein und bat ihn, gegen die jungen Leute freundlicher und nachgiebiger zu sein. Dabei gab sie sogar zu verstehen, daß er dem jungen Manne vielleicht Unrecht gethan habe und daß dieser es auch noch bis zum Pferdebesitzer, ja vielleicht sogar bis zum Häuptling bringen könne. Bis jetzt hatte der Alte sich nach seiner Art immer noch gemäßigt, aber dies war zu viel. Seine Wuth kannte nun keine Grenzen mehr. Er sprang auf, packte die Wiege mit sammt dem darinliegenden Kinde seiner Tochter, schleuderte sie heftig zur Thür hinaus, und die übrigen seiner Tochter angehörigen Habseligkeiten flogen eine nach der andern rasch hinterdrein. Hierauf befahl er ihr, sich augenblicklich ebenfalls zu packen, mit welchem Segen sie sich lächelnd entfernte, ihre umhergestreuten Sachen zusammenlas und dann in Begleitung ihrer Mutter so wie ihres Freiers und seiner Freunde verschwand.

„Der Häuptling setzte sich auf sein Lager von Roßhäuten, schlug die Beine unter und machte ein ziemlich mürrisches Gesicht. Es dauerte nicht lange, so kam die Braut mit ihrer Mutter wieder und nun begann der zweite Aufzug. Der Häuptling erkannte sie nicht sobald, als ein immer stärker werdender grunzender Ton einen neuen Ausbruch verkündete, bis plötzlich seine Wuth sich auf das Haupt seines Weibes entlud. Sie bei [368] dem Haare packend, schleuderte er sie heftig auf den Boden und schlug dann mit geballten Fäusten auf sie los, daß ich glaubte, er müsse ihr jedes Glied am ganzen Leibe zerbrochen haben. Die Tochter hatte sich mittlerweile wieder geflüchtet und nachdem die Mutter ihre Prügel weg hatte, stand sie auf und murmelte etwas, was dem alten grimmigen Hausherrn wieder nicht gefiel und wofür er ihr noch eine furchtbare Ohrfeige versetzte, so daß sie bis an das andere Ende der Hütte taumelte.

„Dieses letzte Argument war entscheidend und sie hielt nun ihren großen Mund. Es trat vollkommenes Schweigen ein und wir legten uns, ohne daß weiter ein Wort gewechselt ward, zur Ruhe nieder. Mir kam es vor, als wenn während der Nacht den alten Heiden das Gewissen plagte, denn sein Schlaf war ein sehr unruhiger. Zeitig am nächsten Morgen begab er sich nach der Wohnung des neuverheiratheten Paares und hatte mit demselben eine lange Unterredung, in deren Folge sehr schnell ein besseres Einverständniß herbeigeführt ward, denn noch im Laufe desselben Tages kehrten die jungen Leute mit Sack und Pack in die Hütte des alten Häuptlings zurück, um hier ihren dauernden Aufenthalt zu nehmen.“