Haus Beetzen

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Autor: W. Heimburg
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Titel: Haus Beetzen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14–29, S. 221–227, 241–247, 262–264, 277–280, 294–298, 309–312, 325–330, 341–344, 357–362, 373–378, 389–395, 409–412, 429–435, 460–466, 479–483, 494–498
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[221]

Haus Beetzen.

Roman von W. Heimburg.

Es ist ein Abend zu Ende des Oktober, regnerisch, kalt und windig, ein Abend, der den Bäumen des Parkes und des angrenzenden Waldes den letzten mühsam festgehaltenen Schmuck vergangener Sommerlust raubt. Morgen werden die Purpurblätter des wilden Weines und das goldene Land der Birken und Buchen verweht sein und die Bäume nur noch kahle Aeste in die Luft recken, und dann wird’s nicht mehr lange dauern, so ist der November da, der trübe, todestraurige Monat, der über die Erde zieht mit nebelgrauen schleppenden Gewändern, gebückt und finster, in seinem Gefolge Mißmut und Krankheit –. Ach, wie traurig, dann hier zu sitzen im Herrenhause von Beetzen so allein – so ganz allein.

Arme Ditscha!

Sie wendet den Kopf zurück. Draußen sind allmählich die Umrisse der Bäume verschwunden in dem Regendunst und der Dämmerung, aber was thut’s? Sie kennt den Blick von dem Fenster ihres Zimmers genau, so genau wie das Zimmer selbst mit seiner altväterlichen Einrichtung, wie das ganze Haus und wie die Insassen dieses Hauses vom Onkel und von den Tanten an bis herab zur Köchin, dem bärbeißigen alten Kutscher und dem asthmatischen pensionierten Jagdhund Namens Cäsar.

Ach ja, es ist ihr alles unglaublich vertraut und bekannt hier im Hause, und alles so unglaublich regelmäßig, langweilig und öde; ein Tag wie der andere. Zuerst des Morgens gemeinschaftliche Andacht, welche Tante Anna hält; zuweilen liest sie Betrachtungen aus einem geistlichen Buche vor, zuweilen redet sie auch frei über eine Bibelstelle, die sie selbst auswählt – das ist, wenn irgend eine Person des Hauses irgend etwas gethan oder unterlassen hat, das sich mit Tante Annas strengen Ansichten nicht verträgt.

Der Onkel pflegt in solchen Fällen sein joviales Angesicht in seltsame Falten zu ziehen. Ditscha vermeidet es, ihn anzusehen, denn sie bekommt Anwandlungen zum Lachen, und die Sache ist doch so ernst und Ditscha so fromm; sie hat den reinen ehrfürchtigen Gottesglauben ihrer achtzehn Jahre. Sie kann auch die andern nicht ansehen, Onkels Frau, die Tante Bertha, nicht, die während des Betens an ihren Haushalt denkt oder an ihren ewig gleichbleibenden Kummer und regelmäßig nervös zusammenfährt, wenn Tante Anna mit hoher Stimme anhebt zu singen „Unsern Ausgang segne Gott!“ Und die Köchin nicht, die gewaltsam andächtig aussieht mit zum Himmel gerichteten Augen.

Mit „Unterthänigen guten Morgen!“ empfehlen sich dann die Leute, und die Herrschaft geht zum Frühstück. Der Onkel liest die Zeitung, Tante Bertha das Wirtschaftsbuch und Tante Anna starrt, während sie mechanisch ihr Butterbrot in den Kaffee tunkt, auf einen Fleck; kein Mensch spricht ein Wort.

Nun muß Ditscha Staub wischen, wozu Tante Bertha ihr ein Paar ausrangierter wildlederner Handschuhe vom Onkel verehrt hat, damit ihre Hände nicht leiden, denn an den Händen erkennt man die wirkliche Dame, und dann übt sie Klavier, schwere ernste Musik; Tante Anna, die ihr Unterricht [222] erteilt, verachtet alle Salonklimperei. Und endlich darf sie Tante Klementine „Guten Tag“ sagen, die im Turmgeschoß ihr Krankenzimmer hat und um diese Zeit glücklich von der Frau Hanne, ihrer Pflegerin, in den Lehnstuhl gebracht worden ist, der einen Tag wie alle Tage am Fenster steht, dem Fenster, das von allen des Herrenhauses die weiteste Aussicht hat, die die Gelähmte so liebt, die arme gelähmte sanfte Tante Klementine.

Ditscha hat ihr kaum die Hand geküßt und nach ihrem Befinden gefragt, so muß sie Tante Anna helfen, allerhand Kleidungsstücke für den Missionsverein nähen, und nun folgt der Mittag, und nach dem Mittag schlafen die Herrschaften und Ditscha kann machen, was sie will. Sie nutzte bisher ihre Zeit mit Lesen aus, das heißt, sie schlich heimlich in die Bibliothek, die bis vor zehn Jahren immer wohlversehen war, seitdem aber, seitdem das große Unglück geschah, nicht um ein einziges Buch bereichert wurde. Ditscha verlebt ihre schönsten Stunden in dem verlassenen stillen Raum, wo es nach Staub und Moder riecht, und wo sie nur lesen kann, wenn sie das Buch auf die Fensterbank legt nahe einem Spalt der immer verschlossenen Läden, der ein wenig Tageslicht durchläßt. Aber das hat sie nie gestört, sie hat gelesen, wie ein Durstiger trinkt, Reisebeschreibungen, Weltgeschichte, sentimentale Romane und Memoiren, alles, alles, bis sie eines Tages die Thüre verschlossen findet und Tante Anna am nächsten Morgen in der Andacht davon spricht, daß das Lesen weltlicher Bücher Gift sei für junge Mädchenseelen. Da weiß Ditscha, wer ihr den Weg versperrt hat zu der einzigen Zerstreuung, und nun füllt sie die freie Zeit mit Nichtsthun aus, im Sommer unter den Bäumen des Parkes, wo sie stundenlang liegen und eine halbzerbröckelte Nymphe in Rokoko-Geschmack anstarren kann, oder im Winter auf ihrer Chaiselongue, wo sie, statt besagter Nymphe, die verschnörkelte Stuckdecke ihres Zimmers betrachtet.

Was soll sie auch anderes thun? Eins freilich thut sie ausgiebig, sie sehnt sich – nach was? Nach Leben, nach Lachen, nach Arbeit, nach frischer herzerquickender Lust, wie sie der Jugend not thut, und nach jemand, der sie lieb hat, der sie ein bißchen verzieht, ein bißchen verwöhnt, dem sie alles sagen darf, was ihr durch die einsame junge Seele klingt! Sie weiß es selbst nicht, wie sehr sie sich sehnt, und schilt sich undankbar, wenn ihr die Thränen plötzlich aus den Augen stürzen wie eben jetzt. Ja, sie ist undankbar, sie hat’s doch so gut! Sie wird nun gleich zum Fünfuhrthee gehen und darf Tante Anna wieder helfen, Missionsstrümpfe stricken, oder sie darf Onkel sein Lieblingsstück vorspielen, das einzige weltliche, das Tante Anna gestattet hat, ein Potpourri, aus allerhand preußischen Märschen und patriotischen Liedern zusammengesetzt, es fängt an mit dem berühmten: „So leben wir, so leben wir“ und schließt mit: „Heil dir im Siegeskranz“. Und sie darf den Leitartikel der „Kreuzzeitung“ mit anhören; sie darf, wenn der Herr Pastor und der Herr Oberförster zur Whistpartie kommen, mit den Gattinnen der beiden Herren und den Tanten plaudern oder vielmehr – plaudern hören, und da erfährt sie ja alles, was auf zehn Meilen in der Runde vorgeht. Und abends bei Tische frischt der Onkel ein paar alte längstbekannte Anekdoten auf, worüber Tante Bertha lächelt und Tante Anna die Augen verdreht, und dann darf sie Onkel die Pfeife und den brennenden Fidibus bringen und das heiße Wasser zum Rum gießen, denn der Onkel trinkt jeden Abend verschiedene Grogs. Beim dritten Glas pflegt Tante Anna zu verschwinden, denn dann kommt er ins kritisierende Stadium. So sehr er sich auch morgens bei der Andacht vor der gestrengen Schwester fürchtet, mit zwei Glas Grog im Magen ist er imstande, ihr zu trotzen. Er pflegt nach ihrem Abgang zu lachen und sich die Hände zu reiben vor lauter Gemütlichkeit und Wohlbehagen, seine Haltung wird nachlässiger und er sagt zu Ditscha: „Ist noch heiß’ Wasser da?“

Natürlich! Es ist immer noch heiß’ Wasser da. Und sie schenkt ihm auch das vierte Glas noch ein, und dann schickt Tante Bertha sie fort, denn wenn Ditscha das vierte Glas kredenzt, klopft er sie immer auf die Wangen und nennt sie eine „verdammt hübsche Hexe!“ und Tante Bertha ruft laut: „Gute Nacht, Ditscha, träume süß und verschlaf’ die Zeit nicht!“ Dann geht sie, um sich zu Bette zu legen.

So ist der Tag vorüber, und morgen kommt es wieder so und übermorgen wieder und genau so fort, wie nun schon seit drei Jahren, seitdem ihre Gouvernante entlassen und sie vom Pastor Besser konfirmiert wurde, und wie es weiter bleiben wird – großer Gott, wie lange noch!

Sie reckt ihre schlanke Gestalt, die an eine junge Birke gemahnt, und gähnt, indem sie noch rasch die letzten Thränen abwischt. Es ist doch unrecht vom Papa, daß er sie so verbannt – er, in seiner Stellung. Es ist unrecht von Gott, daß er ihr die Mutter so früh nahm, daß sie nicht im Vaterhause aufwachsen durfte, und daß er dem Papa die unselige überflüssige Idee eingab, wieder zu heiraten, jetzt, wo sie ihm den Haushalt hätte führen können. Eine junge Frau hatte er genommen, nicht viel älter als Ditscha, und sie – sie war nun natürlich überflüssig beim Papa, und Tante Bertha, die keine Kinder hat, streckte auch sogleich die Hand nach ihr aus, um sie hier festzuhalten als Pflegetochter – natürlich! Eine Mutter, ohne die geringste Ahnung, was Ditscha gebraucht für ihr junges Dasein, eine Frau, die immer nur von Wirtschaft, von Sparsamkeit und von dem großen Unglück ihres Lebens spricht und gar nicht sieht, daß Ditscha verweinte Augen hat und blasse Farbe.

Und Onkel? Gar kein bißchen Verständnis hat er für sie. Heute früh hat sie ihn flehentlich gebeten, er solle ihr erlauben, eine Kleinkinderschule im Dorfe anzulegen, sie will die Kinder unterrichten und beaufsichtigen, sie wird sie so lieb haben, die blonden blauäugigen kleinen Würmer, die ohne Aufsicht in den Häusern umherkrabbeln, während die Mütter ihrer Arbeit nachgehen; sie fiebert ordentlich vor Eifer, als sie dem alten Herrn ihren Wunsch vorträgt: „Onkel, ach bitte, bitte, ich habe so große Lust dazu! Ich möchte so gern etwas nützen in der Welt!“

Und was hat er geantwortet? Gefragt hat er sie, ob sie nicht recht gescheit wäre. Wie sie denn auf diese Idee käme, sie, die das gar nicht nötig habe. Wenn ein solches Institut wie eine Kleinkinderbewahranstalt – früher habe man von dergleichen nichts gewußt – Bedürfnis geworden sei – nun gut, dann werde er seine Hilfe gewiß nicht versagen, aber dann solle eine geeignete Person zur Aufsicht angestellt werden. Sie, Ditscha, wolle doch sicher nicht einem armen Wesen, das darauf angewiesen sei, sein Brot zu verdienen, hindernd in den Weg treten, indem sie eine Stelle ausfülle – und kurz und gut – „Nein!“ Und nochmal „Nein!“

„Ditscha!“ schallt es jetzt durch den Korridor, „Ditscha–a–a–a!“

Wenn sie sich doch den dummen Namen abgewöhnen wollten! Aber sie wird natürlich „Ditscha“ bleiben in alle Ewigkeit, „Ditscha“, wie ihre polnische Kinderfrau sie genannt und was gar kein Name ist, sondern soviel wie „Kind“ heißt. – Sie bleibt stehen mit gerunzelter Braue, sie heißt Sophie, Sophie und nicht – –

„Ditscha–a–a!“ klingt es noch einmal sehr energisch – das ist Tante Anna!

Sie schreckt zusammen, streicht nerwös mit der Handfläche über den dunklen Scheitel und eilt die breite Treppe hinunter, auf die der letzte Tagesschein noch durch das hohe, mit alten Glasmalereien gezierte Flurfenster fällt.

„Ach, bitte, entschul–.“ Weiter kommt sie nicht in ihrer Rede. Sie bleibt erschreckt und verlegen stehen, denn da sitzt – ein ungewohnter Anblick – beim Scheine der Moderateurlampe ein Fremder am Kaffeetisch zwischen Onkel und Tante und wendet, wie alle übrigen, den Kopf nach ihr, indem er aufspringt und sich verbeugt.

„Herr von Perthien – meine Nichte Sophie von Kronen! Wissen Sie – von meinem jüngeren Bruder die Tochter, dem Oberst von den Dragonern in Mühlen,“ sagt der Onkel.

Ditscha hat das liebliche blasse Gesicht geneigt, und nun sitzt sie da und wagt nicht aufzusehen. Es ist der erste junge Mann, dem sie sich in solcher Weise gegenüber befindet, dieser Herr von Perthien.

„Herr von Perthien ist als Volontär eingetreten, drüben auf der königlichen Domäne Uechte beim Amtsrat Calwerwisch und hat natürlich nicht verfehlen wollen, dem alten Freunde seines Papas ‚Guten Tag!‘ zu sagen.“

Im ganzen ist die Unterhaltung sehr einsilbig, denn Herr von Perthien vermag sich nicht in die Missionsangelegenheiten hineinzudenken, die Tante Anna angeregt hat, und Onkel Joachim ist genötigt, von Wirtschaft, Raps- und Rübenbau und schließlich von Forst- und Jagdverhältnissen der hiesigen Gegend zu sprechen und dem „kleinen“ Perthien zuguterletzt zu sagen, daß er seine Böcke gern selbst schießt, ein einsamer Pirschgang sei das einzige Vergnügen, das er noch habe auf der Welt. Und dabei zwinkert er mit den Augen zu seiner Frau hinüber, die sehr blaß und bedrückt aussieht.

[223] „Da war nämlich ein junger Herr beim Amtsrat Calwerwisch –“ erklärt sie, um etwas zu sagen.

„Der mir das Geschäft abnehmen wollte,“ ergänzt der Onkel.

„Aber Joachim,“ fällt Tante Anna sittlich entrüstet ein, „das wäre ja Wilddieberei gewesen!“

„So ungefähr!“

„Ohne Zweifel!“ giebt Herr von Perthien ernsthaft zu.

Tante Bertha bittet den Gast, der keine Miene macht, sich zu entfernen, zum Abendessen zu bleiben; er nimmt an mit tiefer Verbeugung und einem Blick auf Ditscha. Nach Tische muß sie Klavier spielen; Onkel Joachim hat zwar einen Versuch gemacht zur Konversation, indem er fragt, ob das väterliche Gut des Herrn von Perthien jetzt verpachtet sei, greift dann aber, ohne eine Antwort abzuwarten, mechanisch zur Zeitung, und Tante denkt, daß ihr einziger heiß betrauerter Sohn jetzt ein ebenso stattlicher junger Mann sein könnte, wenn er nicht – lieber Gott – –

Herr von Perthien ist an den Flügel getreten und betrachtet das junge Mädchen, das mit vieler Empfindung eine Beethovensche Sonate spielt. „Lieben Sie so ernste Musik?“ fragt er, als sie schließt.

Sie nickt, sie kennt gar keine andere.

„Tanzen Sie gern?“

„Sophie tanzt nie!“ ruft Tante Anna streng aus der Sofaecke.

„Warum nicht?“

„Eh! Mit wem soll sie denn tanzen?“ wirft Onkel Joachim ablenkend ein – er ist noch beim ersten Glas. „Die Bälle in Bützow sind nicht verlockend; ein paar Gymnasiasten, ein paar Referendare, dazu eine Million Mädchen und überhaupt – – wissen Sie – wir, meine Frau und ich – nicht wahr, Alte –?“

„Darin liegt überhaupt nicht das Glück,“ unterbricht ihn Tante Anna rasch.

Die Hausfrau hat ihren Mann angesehen, und ein ernstes Nicken bestätigt seine Meinung. „Ja, mein Alter – überhaupt wir – wir beide – –“

Er schneuzt sich sehr geräuschvoll und lange. „He, Ditscha,“ ruft er dann, „hast Du noch heiß’ Wasser?“

Sie kommt mit dem blitzblanken Kesselchen, Tante Anna erhebt sich würdevoll bei diesem Signal und verläßt mit einem „Gute Nacht, Ihr Lieben, Adieu, Herr von Perthien!“ das Zimmer mit dem Anstand einer tragischen Bühnenheldin, die „glanzvoll“ abzugehen hat. Herr von Perthien setzt sich an das Klavier und beginnt einen Walzer zu spielen, die „schöne blaue Donau“ von Strauß.

Ditscha steht hinter dem Sessel ihres Oheims und lauscht mit roten Wangen und glänzenden Augen den prickelnden Tönen. Wie das lockt, wie das wiegt, wie er spielen kann!

Der hübsche Mensch mit dem kecken Gesicht scheint selbst mitzutanzen, und nun hebt er den Blick und sieht sie an, ein Blick, in dem alles Mögliche liegt, brennende Lebenslust und Mitleid, Mitleid mit ihr – armes Mädchen, wo ist deine Jugend?

Sie fühlt, wie sie errötet, und schlägt die Augen nieder; ein zorniges Gefühl überkommt sie – was weiß er von ihr, von ihrem Leben?

Tante Bertha hat den Strickstrumpf sinken lassen und starrt ins Leere mit gerunzelter Stirn, der Onkel trommelt auf dem Tische, es zuckt ihm im Gesicht, als er Ditscha ansieht.

„He, Ditscha,“ fragt er, „Dir zappeln wohl die Füßchen? Möchtest auch ’mal tanzen, wie? – Na, Alte, denn suche doch ’mal Deine Künste hervor, spiele ’mal den beiden einen Schottischen.“

Aber Tante Bertha legt, statt aller Antwort, ihr Strickzeug auf den Tisch und schreitet eilig der Thüre zu, im Gehen krampfhaft nach dem Tuch in ihrer Tasche suchend.

Onkel Joachim sieht ihr nach, nickt ein paarmal mit dem Kopfe, steht dann auf und sagt mit einem grimmigen Lächeln: „Na, da will ich ’mal sehen, ob’s noch zu einem Schottischen langt. – Allons, mein Herr, engagieren Sie Ihre Dame!“

Und gleich darauf sitzt er am Klavier und seine harten steifen Finger hacken auf den Tasten wie auf einem Holzklotz herum, und zu gleicher Zeit pfeift er mit ernsthaft wunderlichem Gesichtsausdruck die Melodie zu dem Tanz. Ditscha aber weiß nicht, wie ihr geschehen, als sie, von dem Arm des jungen Mannes umfaßt, im Zimmer umherwirbelt, atemlos, lächelnd – rechts herum – links herum – gradeaus – rückwärts –. Sie bemerkt auch nicht, wie die Thür aufgeht und eine kleine runde dicke Frauengestalt eintritt, die völlig versteinert stehen bleibt, eine Rheinweinflasche unter den Arm geklemmt des bequemeren Tragens wegen, eine Schale mit Obst und Kuchen, Dessertteller und Gläser auf einem Präsentierbrett in beiden Händen.

Ditscha und ihr Tänzer halten eben ein, der Spieler am Klavier klatscht „Bravo!“ und die Dienerin ersehend, erhebt er sich, stürzt auf sie zu und entreißt ihr die Flasche.

„He! Du! Rheinwein muß kühl stehen, nennst Du das kühl stehen, wenn Du sie ans Herz drückst, alte Schachtel?“ Und er lacht, daß es durch das ganze Zimmer dröhnt.

Die Alte erwidert nichts; sie stellt mit undurchdringlichem Gesicht das Präsentierbrett auf den Tisch und entfernt sich. Dann tritt die Hausfrau wieder ein; sie hat rote Augenränder, als habe sie geweint. Onkel Joachim fliegt bei dem Anblick wieder ein Zucken über das Gesicht. Er geht zum Klavier und schmettert den Deckel zu. „’s ist genug davon,“ sagt er und zieht den jungen Mann zum Tisch. Ditscha sitzt neben der Tante, noch heiß vom Tanze.

Arme kleine Ditscha! Es ist das erste und letzte Mal in ihrem Leben, daß sie getanzt hat.

Der Wein fließt in die Gläser, und der Hausherr stößt mit dem Gaste an, auf seinen Vater, auf vergangene Jugendzeit – aber es kommt kein Gespräch mehr in Fluß. Herrn von Perthien ist es fast unheimlich geworden unter diesen merkwürdigen Menschen, die zwischen Lachen und Weinen schwanken. Das Mädchen sitzt da wie ein verschüchtertes Vögelchen.

„Dittchen,“ schreit der alte Herr, „hast Du noch heiß’ Wasser?“ Er hat den Rheinwein verschmäht und den Grog ausgetrunken.

Ditscha gießt zum viertenmal ein; Tante Bertha sieht es ruhig mit an und sagt dann nur: „Ditscha!“

Sie versteht, kommt herüber und küßt der alten Dame die Hand zur „guten Nacht!“ – Onkel giebt ihr einen schallenden Kuß auf die Stirn und schreit: „Sieh’ ’mal, Berthchen, wie der Hexe die roten Bäckchen kleiden!“

Ditscha wird noch röter, grüßt zu Herrn von Perthien hinüber und ist im nächsten Augenblick aus dem Zimmer verschwunden.

Dem jungen Manne kommt es nach ihrem Fortgehen vor, als sei es finster in dem Raume geworden. Die beiden Leute vor ihm scheinen das Sprechen verlernt zu haben. Er erhebt sich endlich und bedankt sich für freundliche Aufnahme. Von Wiederkommen spricht keiner seiner Wirte. Aber er will wiederkommen. Er fragt mit einem Handkuß die Hausfrau, ob er sich erlauben dürfe, in einiger Zeit sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen.

Tante Bertha erwidert nichts.

Der Hausherr räuspert sich. „Ja, sehen Sie, lieber Perthien, wir sind alte Leute, bei uns giebt’s keinerlei Geselligkeit – hm – Wenn nicht zu langweilig für Sie – werden wir uns gewiß freuen – gelegentlich einmal – aber – hm – versprechen Sie sich nicht zuviel von unserem Hause und grüßen Sie Ihren Vater. Werden schreiben sollen, wie Sie mich gefunden? Sagen Sie ihm – alt, einsam, sehr einsam, und hier, hier besonders.“ Er zeigt auf sein Herz. „Nicht wahr, Berthchen, hier?“

Dann schneuzt und räuspert er sich, tupft mit seinem Foulard gegen die Lippen unter dem melierten Bart und spricht nichts mehr, ebenso wie Frau Bertha, die nur stumm das Haupt neigt und das Gestammel des jungen Mannes: „es sei ihm gewesen in diesen Räumen, als wäre er heim gekommen“, gar nicht beachtet.




Hanne steht indessen in der Turmwohnung vor ihrem Fräulein Klementine. Sie ist ganz rot vor Aerger und redet in ihrem wunderlichen Gemisch von Hoch- und Plattdeutsch ununterbrochen, während über das vergeistigte feine Leidensgesicht der Kranken ein trübes Lächeln fliegt.

„Da hab’ ich vorhin, gnä Fröln, weil der Friedrich nicht gleich bei der Hand war und weil ich ja doch einmal nach oben ging, Wein und Kuchen man bloß so aus Gefälligkeit in die Wohnstuw gebracht, aber ich wollt’, ich hätt’s gelassen, denn man muß sich nur ärgern und bekommt Nackensläg’ vor seine Gutmütigkeit – – Hüppt da unser Fröln Ditscha mit einem fremden jungen Herrn herum, als wär’ sie narrsch geworden, un der gnä Herr speelt und fläutet da noch ordentlich zu. ’ne Sünd’ und ’ne Schand’ is, wie das Kind hier behandelt wird! Sie ziehen ihr, mit Verlöf zu sagen, durch alle Zäume; Fräulein Anna quält sie tot mit ihre Missionsgeschichten und der gnä’ Herr machen [226] unpassende Redensarten in ihrer Gegenwart –. Unsereinem schadt das nicht, aber so ein Kind, das muß ja ganz dwatsch werden. Und die gnä' Frau hört und sieht von alledem nichts nich, weil daß sie immer nur die Vergangenheit in Kopp hat. Wenn nu das Malheur es will, daß so ein Windhund – denn das ist einer, ich kenn’ mich aus mit den jungen Herrens, ja wahrhaftig, gnä’ Fröln, ein Windhund ist er, ich hab’s an seinen Blicken gesehen, mit denen er auf Fröln Sophie gestarrt hat – wenn der ins Haus kommt und wird dann gleich noch mit dem besten Rheinwein traktiert, der sonst nur zu Geburtstags heraufgeholt wird, was soll er da man denken? Dreist wird er, und unserm Fröln Dummheiten vorschwatzen wird er, und die wird’s glauben, jawohl, sag’ ich, glauben, aus purer Langeweile wird sie’s thun, denn, Gott sei’s geklagt, sie weiß selber nicht, wozu sie ihr junges Leben hat.“

„Hanne! Hanne!“ mahnte Fräulein Klementine, die älteste der vier Geschwister von Kronen.

„Ich sag’s wohl zu ehrlich, gnä Fröln, was ich mein’?“

„Hanne, Du sollst Dir das Kritisieren abgewöhnen – das kommt Dir nicht zu.“

„Wat? Das Kritisieren soll ich mich abgewöhnen? Nee, das thu’ ich nicht, denn das ist meine Pflicht. Und Sie sehen’s auch, gnä Fröln, und ich seh’s. Ist das ein Leben für so ein junges Mäten? Keine Jugendlust und keine Jugendmüh’? Wo so die Adern voll sind von Leben und die Seele voll von Verlangen, was zu sein, was zu erleben, was zu nützen in der Welt, in ’n Glaskasten setzen, absperren wie in ’n Kloster, Missionsstrümpfe stricken und die Rosen nur von weitem blühen sehen? Ist das recht? Unsereiner hat’s ja gelernt, im alten Staub Atem holen so pöh a pöh, aber so ne Lunge von achtzehn Jahr – –“

„Beruhige Dich nur, Hanne. Sieh, weder Du noch ich ändern ’was daran, und Gott allein weiß, wie er Ditschas Leben gestalten will.“

Hanne hat während ihres Scheltens umher geräumt und ist in das angrenzende Schlafzimmer gegangen. „Ja, ja,“ murmelt sie, „da hat’s gnä’ Fröln wieder ’mal recht, wir beide ändern’s nicht.“ Aber laut gab sie nicht klein bei, sondern rief zurück: „Der Herr Bruder hätt’ auch nicht wieder freien brauchen, oder ’ne Aeltere konnt’ er nehmen, die zu ihm paßt; dann hätt’ das Fröln Sophie zu ihm hingekonnt. Aber so, wo die Stiefmutter selbst noch ein Kind ist! Wie, wenn da nun noch Gören kommen, gar Jungs? Dann wischt sik Fröln Ditscha gefälligst den Mund und mit Beetzen erben ist’s nix nicht, und sie kann dann auch so herumsitzen wie gnä’ Fröln Klementine und Fröln Anna hier sitzen beim Herrn Bruder.“

„Und sitzen wir denn nicht gut?“ fragte die Kranke sanft, und der leidende Zug in ihrem Gesicht vertiefte sich noch. „Hanne, Hanne, schweig’ heute abend, denn Du läufst von Unzufriedenheit über wie die Dachrinne draußen vom Regen.“

„Nicht um meinetwegen,“ brummt die kleine dicke Person, indem sie zurückkommt, und dann hebt sie ihr „Fräulein“ aus dem Stuhl und trägt sie auf treuen Armen in das Schlafzimmer. „Min god gnä Fröln Tine,“ sagt sie zärtlich, „nu mött’n ’s aber weddr en bätken swarer werden, Sie sind ja as ’n Swanenduhn so leicht. Hüt heff ick vom Pachter wunnerschöne Eier halt und ein Paar junge Duwen; et’n mött’n Se, et’n, gnä’ Fröln, denn kik’n Se, wenn Se von der Erde gehen, denn wet ick nich, wat ut Fröln Ditscha wärn sall.“ Und dabei fällt eine Thräne aus ihren Augen auf die Hand der Kranken.

Und die erwidert leise und fröhlich: „Dumme Hanne, ich denk’ gar nicht ans Sterben, so lang Du bei mir bist, ist’s gar nicht möglich, Du läßt den knöchernen Mann gar nicht heran zu mir.“

„O du lever Gott, gnä’ Fröln, ich stürbe mit, denn Sie sind de Sünn int’ Hus, vor Ditscha und vor mi! Dagegen sind Fröln Anna ihre großmächtigen Wohlthaten as ’n blassen Maanschin, und, gnä’ Fröln, morgen behalten Sie das Fröln Ditscha ’n bät’n bei sich, denn der Windhund muß ihr aus ’m Kopf, nicht wahr?“

Und Fräulein Klementine lächelt und verspricht alles. Sie liegt noch lange wach und denkt an Ditscha – die Hanne hat so recht – arme Ditscha! Was soll aus ihr werden bei diesem tiefen leidenschaftlichen Charakter? – Einzelne kleine Züge aus des Mädchens Leben treten in ihre Erinnerung, und immer spricht sich in ihnen ein ideales Streben aus, eine Opferfreudigkeit sondergleichen, das Bestreben zu lieben mit der ganzen großen überquellenden Fülle ihres Herzens, das leidenschaftliche Verlangen, wieder geliebt zu werden.

Als kleines mageres Dingchen von fünf Jahren kommt sie von der Dorfstraße herein, verstaubt, zerzaust, ohne Hut, mit wirrem Haar, und die Thränen haben schmutzige Rinnen auf dem heißen Gesichtchen hinterlassen, in ihren Armen hält sie einen kleinen mißhandelten Hund, den sie nun in ihren Puppenwagen bettet, den sie streichelt und füttert, und den sie flehentlich bittet, nicht zu sterben – ach bitte, nicht sterben! Sie gebärdet sich so außer sich, daß man sie gewaltsam von dem wimmernden Tier trennen muß, um es entfernen und töten zu lassen. Sie ringt die Hände und schreit stundenlang, thränenlos, man holt den Arzt, man schenkt ihr Püppchen, man sagt ihr endlich, der Hund sei tot, da hält sie mit Schreien inne.

„Thut ihm noch etwas weh?“

„Nein, nein, Ditscha!“

„Er hätte mich gewiß lieb gehabt, wenn er gesund geworden wäre,“ sagt sie und schreit abermals.

Eines Tages, sie ist nun fünfzehn Jahre alt, setzt sie das Haus in Erstaunen durch die seltsame Gesellschaft, mit der sie heimkommt, ein zerlumptes Weib, das ein Kind auf den Armen trägt, eine Landstreicherin schlimmster Sorte, die irgendwo auf den Schub gebracht worden ist. Ditscha verlangt kurz und bündig Aufnahme für sie, da das Kind Diphtheritis habe. Alles gerät in Aufregung, Onkel Jochen wettert und flucht, Tante Anna reißt sie ans Fenster und sieht ihr in den Hals und Tante Bertha befiehlt, die Frau zu entfernen und nach dem Gertraudenhaus zu bringen, einem uralten Steinbau, des Dorfes Spital, das irgend ein Ahn erbaut hat, und das sich noch immer der reichlichen Unterstützung von seiten der Herrschaft erfreut.

Aber Ditscha hat eine andere Auffassung, sie zittert und wird blaß. „Das ist nicht christlich!“ stößt sie hervor, – „wenn Ihr Euch fürchtet, so mag sie in meinem Zimmer wohnen, ich werde das Kind pflegen.“

„Nein! Denn abgesehen von allem andern ist die Krankheit ansteckend!“ schreit Onkel Jochen.

„Wenn alle so denken wollten!“ sagt sie mit sprühenden Augen. Aber sie ist machtlos und die Frau wandert ins Krankenhaus; Tante Bertha packt vor Ditschas Augen einen Korb mit Kleidungsstücken und Nahrungsmitteln – es rührt sie nicht. Abends wird sie vermißt, man sucht und findet sie im Spital, wo sie das Kind wartet, während die Frau angeblich in die Stadtapotheke gegangen ist. Hanne, die das junge Mädchen mit Gewalt fortholen will, richtet nichts aus; sie habe einmal versprochen, das Kind zu pflegen, bis die Mutter wiederkomme. Es bleibt Hanne nichts übrig, als mitzuwarten. Wer aber nicht zurückkehrt, überhaupt nicht, ist die Landstreicherin; sie weiß das elende Wurm in guten Händen und ist froh, der Last ledig zu sein.

Erst infolge des direkten Befehles von seiten des Arztes verläßt Ditscha das Kind, nachdem sie das Versprechen erhalten hat, falls es gesunde, wolle Onkel Jochen für dasselbe sorgen, und sie dürfe es erziehen.

Natürlich stirbt das Wurm und Ditschas Verzweiflung ist groß. Wieder gipfeln ihre Klagen in dem Ausruf: „Es hätte mich gewiß ein bißchen lieb gehabt!“

Arme Ditscha! Sie fühlt, was ihr fehlt – der Besitz eines ganzen Menschenherzens. Sie sind hier ja samt und sonders Herzenskrüppel, nicht mehr fähig, alles zu geben, und eine Natur wie Ditscha braucht volle warme Sonne, nicht kalte jammervolle Reste.

„Arme Ditscha,“ flüstert Klementine, „was wird aus Dir?“

Könnte sie nur mehr thun – aber wie lange wird sie noch leben? Ja, sie will ihr helfen, gewiß, aber ihr fehlt der Mut, das junge Geschöpf, dessen Augen so sehnsuchtsvoll und fragend durch das Fenster schweifen, neben sich zu halten in der stillen Krankenstube. Klementine ist so bescheiden geworden, sie spielt die letzte Rolle in dem Haushalt, dem wunderlichen originellen Haushalt auf Beetzen. Ihr versagt die Kraft, das Kind heraufzuziehen in die reiche Welt ihrer Gedanken und Interessen; sie hat’s gewollt, aber sie ist erlahmt nach den ersten Versuchen, Ditscha für ihre Lieblingsbeschäftigung zu interessieren. Die Kranke lebt und webt in den Wundern der Schöpfung, und vor allem ist es der Sternenhimmel, der sie anzieht. In ihrem einsamen entsagungsreichen [227] Leben saugt sie aus der Unendlichkeit den Trost, dessen sie bedarf; sie lernt, sich dieser Unermeßlichkeit gegenüber als ein Nichts, als ein Atom fühlen, desen Leben ein Stäubchen ist in der Schöpfung, ein Nichts und doch ein Etwas, ein Etwas, das staunen und anbeten kann, das dankbar und erschüttert die Wunder zu erfassen sucht, die uns die Wisenschaft mehr und mehr enthüllt, eine Wissenschaft, die sie verfolgt mit allen ihr gebliebenen Kräften.

Vor dem Fenster ihrer Wohnstube, in dem kleinen offenen Altan, ist ein vorzügliches Fernrohr angebracht, auf ihrem Büchertische liegen Berichte über die neuesten Entdeckungen, und Karoline Herschels Porträt hängt inmitten rießger Himmelskarten an der Wand.

Aber ach, was kümmern ein achtzehnjähriges Mädchenherz die kalten Sterne da droben? Ditscha hat geduldig angehört, was ihre Tante Klementine vom Mars erzählt, sie hat auch gehorsam den schönen Weltkörper durch das Fernglas betrachtet, aber Tante Klementine muß sich hinterher gestehen, daß der Planet – Erde genannt – mit seinen für Ditscha noch unerforschten Wundern dem Mädchen unendlich mehr Interesse bietet als der rötlich blitzende Stern da droben.

Ja, ja, Klementine hat die Zeit nicht vergessen, wo es auch bei ihr so der Fall war. Arme Ditscha, wie soll deine Zukunft werden? — „Herr, der Du die Sterne lenkst, erbarme Dich auch über das junge sehnende Menschenherz und leite es auf die rechte Bahn!“ betete die Kranke.

[241] Ditscha schläft nicht diese Nacht.

Hans von Perthien reitet gedankenvoll auf der finsteren Chaussee; Herr von Kronen hat ihm einen Knecht mitgegeben bis über den Bruch hinaus, damit er, der hier Weg und Steg nicht kennt, wenigstens erst die Chaussee erreicht, ohne sich zu verirren. Glücklich auf der Landstraße angelangt, sieht er von fern Lichter schimmern und erfährt, daß dort Bützow liegt, und daß er an der Kreisstadt ziemlich dicht vorbeireiten muß, um nach Uechte zu gelangen; er beschließt – die Nacht ist nun einmal angebrochen – einen Schoppen im Gasthof „Zur Stadt Hamburg“ zu trinken, denn nach den paar Gläsern Rheinwein und dem Kuchen ist ihm etwas weichlich zu mute.

Er giebt dem Knecht eine Cigarre, reitet der Stadt zu und, nachdem er sich in den dunklen Straßen erkundigt hat, direkt vor den Gasthof, in welchem die Honoratioren verkehren. Er muß irgend etwas Näheres über die von Kronens erfahren; Ditschas lieblich trauriges Gesicht hat ihm gefallen, aber natürlich, wenn nicht auch Klingendes dahinter steckt, wird er sich hüten! Reich heiraten muß er, sonst kann er das Gut nicht halten, sein Alter reißt immer ein Loch auf, um das andere damit zu verstopfen. Schnöde Zeit für einen angehenden Landwirt, Privatschulden obenein und allerhand kostspielige Passionen dazu; diese verdammten Schulden in Halle, sie verbittern ihm das Leben nicht schlecht.

In der räuchrigen niedrigen Gaststube mit den Petroleumlampen unter der Balkendecke sitzt eine ganze Anzahl Herren, zumeist „Bierphilister“, sagt er sich. Nebenan wird Billard gespielt. Die hochblonde Kellnerin mit sommersprossigem Gesicht und blendend weißer Schürze, die Bier an seinen einsamen Tisch bringt, erzählt ihm, daß die Herren dort drüben vom Gericht und ein paar Volontäre aus Uechte seien.

„Reeden und Timpe“ – denkt er – „das wäre möglich“, und richtig, als er eintritt, erblickt er sie als Zuschauer am Billard.

„Perthien – so spät noch?“ fragen sie.

„Von Beetzen,“ antwortet er. Er läßt sich vorstellen und wiederholt nochmal: „Von Beetzen!“

„Abgeblitzt, natürlich?“ fragt ein Referendar. „Sehr bedauert – Karte abgegeben?“

„I! Gott bewahre!“ erwidert er gedehnt.

„Eingedrungen in die Beetzener Hallen?“ rufen Zwei zugleich verwundert.

„Allerdings!“

„Da müßen Sie ein Zauberwort besitzen, um diese Schwelle zu überschreiten.“

„Wie haben Sie es denn angefangen, den alten Höhlenbären zu zähmen?“

„Wie geht es der schönen Sophie?“ – So fragt man durcheinander.

[242] „Ich habe gar nichts angefangen. mein Vater und Kronen sind Jugendfreunde, das ist alles.“ Er überhört die Frage nach Ditscha.

„Ein urkomisches Gestell, der Joachim von Kronen,“ meint einer.

„Lächerlich stolz! Was nicht von den Montmorencys abstammt, existiert nicht für ihn,“ bestätigt ein anderer.

„Sonst ein ganz fideles altes Haus, der tolle Jochen.“

„Ach ja, wenn er genug intus hat.“

„Er ist so wunderlich geworden seit dem Tode seines Jungen,“ nimmt ein älterer Gymnasiallehrer das Wort. „Stellen Sie sich vor, meine Herren, der Einzige, der Erbe, ertrinkt am Weihnachtsabend – es war schrecklich!“

„Haben Sie es miterlebt?“ wird er gefragt.

„Ja!“ antwortet er einfach, „ich war zu jener Zeit Hauslehrer auf Beetzen. Es ist kein Geheimnis, wollen Sie es hören, Herr von Perthien?“

Die beiden Herren setzen sich weit entfernt von den Spielenden in eine Fensternische, die Kellnerin bringt ihnen frisch schäumende Seidel und der blondbärtige kleine Doktor Rietner erzählt:

„Ich setze voraus, daß Sie mit allen Familienverhältnissen der Kronens vertraut sind?“

„Durchaus nicht,“ antwortet der junge Mann. „Mein Vater ist vor etwa dreißig Jahren mit Herrn von Kronen bekannt gewesen, damals lagen noch die Dragoner hier in Bützow, und beide Herren haben zu jener Zeit gemeinschaftlich ihr Jahr abgedient. Mein Vater ist oft auf Beetzen gewesen, spricht noch heute von dem für damalige Zeiten glänzenden Hause und ich erinnere mich, daß er von dem Baron als ‚dem tollen Jochen‘ zu sprechen pflegte.

„Ganz recht, der tolle Jochen, so hieß er früher,“ lächelte der Doktor.

„Später sind die Beziehungen der beiden Herren,“ fuhr Perthien fort, „wohl ganz eingeschlafen, und erst jetzt, als mein Vater mir empfahl, ich solle einen praktischen Kursus auf Uechte durchmachen, erinnerte er sich, daß dort Beetzen in der Nähe liegt, und äußerte den Wunsch, daß ich Herrn von Kronen aufsuchen möge.“

„Nun, Sie sind bald unterrichtet von den Verhältnissen,“ nahm der Doktor das Wort. Die Gattin des tollen Kronen war ein Fräulein von Zweifelden, ein gutes einfaches Geschöpf, ziemlich hübsch, sehr wirtschaftlich erzogen und reich, vor allen Dingen aber von gutem alten Adel. Nach zwei Jahren hatten sie einen Sohn. Natürlich große Freude! Die zwei Schwestern des tollen Jochen, Fräulein Anna und Fräulein Klementine, die unverheiratet geblieben sind, sowie der jüngere Bruder, der Vater des jungen Mädchens, das jetzt auf Beetzen lebt – damals war er noch Fähnrich – standen Pate, und aus dem tollen Jochen wurde, angesichts des Sohnes und künftigen Erben, ordentlich ein zahmer Jochen. Die junge Frau, die während der ersten Jahre ihrer Ehe allerlei Grund zur Unzufriedenheit mit ihrem Gatten hatte, konnte sich nicht mehr beklagen. Er kehrte sämtliche Tugenden eines braven Hausvaters hervor und auf Beetzen war ein Leben wie im Himmel, wenn man so sagen darf.

Als der Junge, der zum Unterschied von seinem Vater ‚Achim‘ gerufen wurde, zehn Jahre alt war, kam ich ins Haus. War auch meine goldenste Zeit, Herr von Perthien, denn was Gemütlicheres wie das Leben in dem alten Herrenhause können Sie sich nicht vorstellen. Der tolle Jochen immer vergnügt und zufrieden, seine Frau immer für das leibliche Wohl ihrer Umgebung besorgt, seine Schwestern einen nicht übertrieben geistigen aber doch anregenden Hauch hineintragend, besonders die Aeltere, die Klementine, die dann nachher – doch davon später! Eine allerliebste Geselligkeit, einfach, gesund, fidele Erntefeste, Sommerpicknicks, kleine Sylvesterscherze – wirklich, es war nett. Und damals trank er noch nicht Grog und – – na, das ging so weiter, bis der Bursche sechzehn Jahre alt war. Kein übermäßig begabtes Kind, aber wie seine Umgebung einfach, gesund und voll überfließenden Wissensdurstes für alles, was seinen künftigen Beruf anbetraf. Dabei schlank wie eine Tanne, mit braunem Kraushaar, und allem Sport fanatisch ergeben. Der Junge saß zu Pferde – einfach prachtvoll! Des Vaters verklärtes Gesicht, wenn er mit ihm vom Hofe ritt, war gar nicht zu beschreiben. – –

Da kommt dies verhängnisvolle Weihnachten! Das Haus war voller Besuch, unter andern der Bruder mit seiner eben angetrauten jungen Frau – er war damals Rittmeister – noch ein paar Vettern auf Urlaub und Consinen, wie’s so auf dem Lande ist. Der Junge sollte ein neues englisches Pferd zum Geschenk erhalten, und man hatte ihn fortgeschickt, damit er es nicht sähe, wenn es auf den Hof gebracht würde; es stand bei dem Händler Grundmann hier im Stalle und war direkt aus England über Hamburg gekommen.

Ich weiß nicht mehr, wie es zuging, daß ich ihn nicht begleitete, die Gnädige hatte sich wohl meine Hilfe bei den Vorbereitungen erbeten; ich weiß nur noch, daß ein festliches Treiben im ganzen Hause herrschte, daß es schneite und fror, daß es überall nach Kuchen roch und die Herrschaften nicht wußten, wie sie ihre Zeit bis zur Bescherung verbringen sollten, und daß Fräulein Klementine endlich vorschlug, man solle einen Gang über die Wiesen thun bis hinunter zu dem Strom. – Ich sah sie vom Fenster aus fortgehen, Fräulein Klementine voran. Sie war noch eine hübsche stattliche Dame damals und des Jungen ganzer Charme. Man sagte, sie trüge eine unglückliche Liebe im Herzen, hätte sich in ihrer Jugend in einen jungen Professor von der Berliner Sternwarte verliebt gehabt, den sie in irgend einem Badeort kennengelernt, na – eine Kronen und ein Professor! Der tolle Jochen hätt’s natürlich nie zugegeben und – sie entsagte und ist keinem lästig gefallen mit ihrem Kummer.

Also, ich sehe sie fortgehen und Fräulein Klementine ruft mir hinauf, sie wolle Achim suchen.“

Der untersetzte Mann hört einen Augenblick auf zu erzählen, er atmet tief, winkt, fährt mit den Fingern in die schwarze Krawatte, als drücke es ihn an der Kehle, dann fährt er heiser fort:

Sie haben ihn auch gefunden. Er ist Schlittschuh gelaufen auf dem Strom, das heißt so zwischen den Buhnen, und die Gesellschaft ist vom Deich hinuntergestiegen und Fräulein Klementine hat sich aufs Eis gewagt, um ihren Goldjungen, wie sie ihren Neffen zu nennen pflegte, aus nächster Nähe zu bewundern. Er ruft ihr etwas zu, das sie nicht versteht, und sie geht weiter in der Meinung, er habe gesagt: ‚Nur immer dreist, Tante Klementine!‘ Da fühlt sie das Eis unter ihren Füße wanken, fühlt, wie es bricht und wie sie einsinkt. Sie schreit und verliert die Besinnung, und als sie wieder zu sich kommt, da – findet sie sich gerettet, aber der Junge – der Junge ist unter die Scholle, unter das Eis – – fort – tot.

Ich habe schon viel erlebt, Herr von Perthien, habe die Düppeler Schanzen mit erstürmt, aber – so ’was – nein, nein – ich kann auch nicht weiter davon sprechen, denn wenn ich hundert Jahre alt werde, vergesse ich nicht des tollen Kronen wahnsinnige Wut, nicht sein schreckliches Lachen und nicht die darauf folgende Reaktion, die ihn fast zum Idioten machte – von der Frau lassen Sie mich schweigen. – –

Deshalb scheint die Sonne nicht mehr in Beetzen, deshalb gedeiht da keine Geselligkeit, und deshalb vertrauert das schöne Mädchen dort seine Jugend. Deshalb ist die Frau nur noch das Gespenst der Vergangenheit, ist des Mannes Humor so grammig, deshalb der Grog, der viele Grog. – Ueber dem Hause steht kein Stern mehr; der Pächter macht, was er will, und Jochen von Kronen ist’s egal, denn sein Erbe ist tot – –.“

„Und die unglückliche Schwester?“ fragt Perthien.

„Gelähmt seit dem Tage – durch die Kälte des Wassers oder das grausige Erwachen? Ich weiß es nicht.“

„Und wie kommt das junge Mädchen nach Beetzen?“

„Dem starb die Mutter bei der Geburt, und der Vater hat das Kind der Frau Bertha gebracht, in der Meinung, er könne sie dadurch von ihrem Schmerz ablenken. Sie hat’s ja auch genommen; es hat Essen und Trinken und Kleidung erhalten und weiß, sie ist eine von Kronen und die mutmaßliche Erbin der ganzen Geschichte, aber –“ er zuckte die Achselu – „die Sonne fehlt, die Sonne. Und wenn ich das Geschöpfchen sehe neben der Tante Anna oder Bertha mit seinem blassen Gesicht und den traurigen fragenden Augen – – Herr Gott! Meine Mädels sind arme, arme Dinger, aber lachen können sie und frisch hineinschauen in das Leben auch!“

Herr von Perthien ist nachdenklich geworden. Wie, wenn er die verzauberte Prinzessin erlösen könnte?

„Ich will jedenfalls öfter ’mal nachsehen da,“ äußert er.

„Geben Sie sich keine Mühe,“ sagt der andere und steht auf, „das zweite Mal ist niemand für Sie zu Hause.“

[243] „Oho!“ antwortet Perthien mit dem ganzen Selbstvertrauen seiner vierundzwanzig Jahre.

„Na, viel Glück, mein Herr!“

„Ich danke Ihnen, Herr Doktor.“

Während Hans von Perthien mit den Kollegen Reeden und Timpe schweigsam nach Hause reitet, hat er einen Plan fertig gemacht. Beetzen und Ditscha und Ditscha und Beetzen müssen erobert werden – beide! Eins allein kann ihm ja nichts nützen. Und dann wird doch endlich ’mal der Alte zufrieden sein, dem er bis jetzt noch nichts hat zu Dank machen können, und die Halsabschneider in Halle werden es ebenfalls sein. Ditscha soll’s auch nicht bereuen; er will sie auf alle erreichbaren Tanzfeste führen, denn hier ist das Mädel vor Langerweile krank. Tante Bertha und der tolle Jochen sollen an ihm einen Schwiegersohn haben comme il faut, und die fatale Tante mit ihren Missionsstrümpfen, die kann man ja schließlich hinausgraulen.

Todmüde langte er mit seinen beiden Gefährten auf Uechte an, und diese Müdigkeit verhinderte ihn für heute an ein weiteres Ausdenken des Schlachtplanes – aber siegen will er, siegen!




Als Hans von Perthien das nächstemal wieder nach Beetzen kommt, hat er Pech. Zu der Zeit um Weihnacht herum, in der das Unglück geschehen, herrscht in Beetzen Jahr für Jahr dieselbe trostlose Stimmung. Er wird nicht angenommen. Frau von Kronen hat überhaupt erklärt, es sei über ihre Kräfte gegangen, den so hübschen schlanken Jungen in ihrem Zimmer zu sehen, denn sie habe bei seinem Anblick mit Schmerzen ihres Verlorenen gedenken müssen; und Joachim von Kronen hat ihr recht gegeben und ist von einer furchtbaren Laune, einer Laune, die selbst Tante Anna mit ihren Morgenandachten nicht zu besiegen vermag, obgleich sie viel von Demut spricht und von der Pflicht, sein Kreuz geduldig zu tragen.

Tante Anna hat auch Ursache, unzufrieden mit Ditscha zu sein. Das junge Mädchen ist nach jenem Besuche ein paar Tage mit roten Wangen und glänzenden Augen umhergegangen, aber von dem Augenblick an, da in ihrer Gegenwart dem Friedrich gesagt wurde, wenn Besuche kämen – ausgenommen natürlich der Herr Pastor oder Oberförster – seien die Herrschaften nicht anwesend, erlosch Farbe und Lust wieder in dem lieben Gesicht, sie fröstelte, saß still da, that zwar alles, was sie thun mußte, aber mit sichtlicher Unlust.

Hanne fand das ganz natürlich, „denn, gnä’ Fröln Klementine, dat ist so: Wenn einer partout nicht hören und sehen soll, dann muß man ihm die Watte aus den Ohren und die Binde von den Augen nicht auf einen Augenblick nehmen, um sie sofort wieder vorzuthun, sonst ist’s ’ne pure Grausamkeit, und wenn das, was Fröln Ditscha gesehen und gehört hat, auch man von unterster Qualität gewesen ist, sie hält’s doch vor sehr schön, weil sie nie nichts hat, es zu vergleichen, und da kann’s kommen, daß sie ’nen Holzappel vor eine Königsreinette taxiert.“

Hanne macht während dieser Weisheitsreden den Kaffeetisch zurecht am Fenster, neben dem ihr Fräulein im Krankenstuhl sitzt. Es ist ein trauliches Zimmer, dieses halbrunde Turmgemach mit seinen dem Anfang des Jahrhunderts entstammenden Möbeln. Im säulengeschmückten, mit einer Urne gekrönten Kachelofen glimmt der Torf, und sein roter Schein strahlt zurück von dem silbernen Kesselchen, unter dem die bläuliche Spiritusflamme brennt. Trotzdem es erst drei Uhr ist, dämmert es schon stark; der Himmel draußen ist niedrig und wolkenverhangen und die entlaubten Bäume des Parkes gewähren einen trostlosen Anblick. Ein Glück, daß jenseit der nassen Rasenfläche das Grün der Koniferen die Grabkapelle verbirgt, es wäre sonst ein trübseliger Anblick gewesen; die weite Ferne, die am Horizont der dunkle Saum des Waldes abschließt, die Türme von Bützow, die man sonst sehen kann, und das Herrenhaus von Uechte verschwimmen heute in Dunst und Nebel.

Vor der Kranken stehen ein paar hellrosafarbene Rosen, die letzten des Jahres. So lang es Rosen giebt, sendet Joachim von Kronen seiner unglücklichen Schwester täglich welche hinauf; er läßt es überhaupt an keiner Aufmerksamkeit fehlen; was ihr Freude bereiten kann, geschieht. Die teuersten astronomischen Werke, die weichsten Teppiche, der komplizierteste amerikanische Krankenstuhl, alles, alles schenkt er ihr, aber – sehen will er sie nicht. Einmal nur im Jahre, am Morgen des Sylvester, pflegt er in ihr Zimmer zu treten, barsch, polternd, kurz. „Na, wie geht’s? Gratuliere – wünsche gute Besserung – fehlt es Dir an irgend etwas?“ Dabei sieht er an ihr vorüber, und sie streichelt seine Hand, und ihre Blicke voll Mitleid und Jammer hängen an seinem zuckenden Gesicht.

„Nichts, Joachim, nichts fehlt mir; ich danke Dir herzlich für alles, was Du für mich thust.“

Dann geht er wieder, räuspernd, schnaubend, und für den Rest des Tages ist er krank, und Fräulein Klementine auch.

Sie wendet jetzt den Kopf. „Hast Du auch Fräulein Sophie gesagt, Hanne, daß ich sie um drei Uhr erwarte?“

„Ja woll, gnä’ Fröln, und da ist sie auch schon,“ lautet die Antwort.

Unter den Thürvorhängen erscheint Ditscha. „Ich komme wohl spät, liebe Tante Tine,“ entschuldigt sie sich, „ich war eingeschlafen auf meinem Sofa und mußte doch auch noch den Brief an Papa fertig schreiben.“

„Wovon bist Du denn so müde, kleines Murmeltier?“ fragt Tante Tine und streichelt über das herrliche braune Haar.

„Ach, ich weiß nicht, Tanting; ich bin immer müde,“ antwortet sie apathisch und schmiegt sich in einen der tiefen Lehnstühle.

„Was hast Du denn heute tagsüber angefangen?“

„Nichts Besonderes. Geübt, Staub gewischt – – Tante Anna näht weiße Kittelchen für Indien und da hab’ ich vorgeheftet; dann hat Tante Bertha Krammetsvögelkonserven für den Winter in Blechbüchsen gelegt, und da ließ sie mich in die Küche kommen zum Kosten, sie wollte wissen, ob genug Wacholder daran sei, und weil ich Ja! sagte, meinte sie ‚Dummes Zeug!‘ und Rieke mußte noch ein Paar Körner stoßen. Und bei Tisch hat Onkel Jochen mit Tante Anna gestritten über Missionsfragen und hat gesagt, sie solle sich zunächst um unsere Dorfkinder bekümmern, die seien schlimmer als die Wilden. Und dann wollte ich eigentlich spazieren gehen, aber da kam Papas Brief und ein Brief von Lieschen Lindenberg –“ Jetzt zuckte es um ihren Mund wie verhaltenes Weinen.

„Und was schreibt Dein Papa?“

„Es geht ihm gut,“ sagt Ditscha und schluckt die Thränen hinunter, „er war in Berlin, aber, denke Dir“ – sie muß wieder schlucken „er schreibt, mit meinem Kommen zu Weihnachten würde es dieses Jahr nichts werden. Warum nicht? – Das würde mir Tante Bertha seiner Zeit mitteilen.“

Ein Ausdruck tiefsten seelischen Wehes lagert sich bei diesem Bericht über Ditschas Züge.

„Ei, aufgeschoben ist nicht aufgehoben, Kind,“ tröstet die alte Dame.

„Das schreibt Papa auch.“

„Und Deine Freundin Lieschen, was läßt sie hören?“

Das kummervolle Gesicht wird nicht heller. „Denke Dir, Tante – sie bittet zwar, ich soll nicht davon sprechen, aber Dir, Du bist ja so verschwiegen, kann ich’s sagen – sie ist heimlich verlobt! Der ganze Brief ist kritzlig und kratzlig geschrieben und von Thränen halb verwischt, und zuguterletzt schreibt sie: ‚Entschuldige die Schrift, aber Fritz steht hinter mir und küßt mich und daher‘ – dann ein Klex, und von einer Männerhand noch: ‚Die Freundin seines lieben Lieschens grüßt Ihr glücklicher – („glücklich“ dreimal unterstrichen) – Fritz Hennecke.‘“

„Nu kik mal,“ sagt Hanne verwundert, „und so jung noch? Veel to jung, die Fröln Liesing!“

„Und denke Dir, Tante,“ fährt Ditscha fort, „er hat sich in sie verliebt, weil sie so schön malt, schreibt Lieschen. Er ist nämlich auch Maler. Es ist doch herrlich,“ setzt sie leise hinzu, „wenn man ein Talent besitzt, Tante Tine – ich hab’ auch gar keines, gar keines.“

„Unsinn, gnä’ Fröln,“ ruft Hanne, die eben die Tassen gefüllt hat und ihrem Fräulein Sahne hinzugießt, „das können Sie auch haben, wenn Sie’s man bloß wollen! So ’ne Talente, die kann man sich angewöhnen. Oll Kurzleb, wo Schriwer is bei Herrn Landrat in Bützow, dem sein ältester Jung’ ist auch Maler, da hat sogar was von in die Zeitung gestanden von seine Bilders, die er in Berlin ausgestellt hat, und ich weiß doch noch, wie die selige Kurzlebn zu mich gesagt hat dazumalen: ,S’ist ein Elend mit uns’ Otto, er beschmiert allens voll. Die Stühlens und Tischens und Gott weiß was allens. Er hat sich das nur so angewöhnt’, sagt sie, ,und da hilft nun kein Prügeln nich.‘ Sehen [246] Sie, Fröln Sophiechen, Sie sollen sich auch ’mal so was angewöhnen, und wenn’s bloß is, daß Sie allein ein Vergnügen davon haben, denn um zu verkaufen, da brauchen Sie nicht zu lehren, indem daß Sie ’mal was zu leben haben.“

Ditscha lächelt und die Augen stehen ihr voll Wasser. Sie nickt Hanne zu, die eben hinausgeht mit einem nochmaligen: „Versuchen S’ man mal!“ und rührt in ihrer Tasse.

„Würdest Du wohl,“ beginnt Tante Klementine, um sie auf andere Gedanken zu bringen, „würdest Du mir wohl ein paar Seiten vorlesen, Ditscha?“

„Natürlich, Tante! Die Fortsetzung von neulich?“

„Ach nein – ich möchte – hättest Du nicht Lust, mit mir ein Paar Klassiker – – ich habe solange nicht darin geblättert, und Du kennst sie wohl kaum?“

„Nur aus der Litteraturstunde, Tante Tine – die Bibliothek ist ja immer verschlossen jetzt, wie Du weißt.“

„Aber Du hast Lust? Zum Beispiel – – ei, lesen wir auf gut Glück – geh’ an das Bücherspind und greife etwas heraus!“

Gehorsam kommt Ditscha diesem Wunsche nach.

„Faust?“ fragt die alte Dame, zweifelnd das Buch betrachtend, das ihr die Nichte reicht, „aber Du bist ja alt genug. Kannst Du noch sehen? Sonst klingle ich für die Lampe.“

Aber Ditscha hockt sich ans Bogenfenster, der Tante gegenüber, und liest:

„Habe nun, ach! Philosophie –“

Tante Tine horcht auf, als das Mädchen mit zitternder benommener Stimme vorträgt:

„Ach, könnt’ ich doch auf Bergeshöh’n
In deinem lieben Lichte geh’n,
Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben!
000000000
Weh! Steck’ ich in dem Kerker noch?
Verfluchtes dumpfes Mauerloch!
000000000
Urväter Hausrat drein gestopft –
Das ist deine Welt! das heißt eine Welt!

Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang in deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklärter Schmerz
Dir alle Lebensregung hemmt?
Statt der lebendigen Natur,
Da Gott die Menschen schuf hinein,
Umgiebt in Rauch und Moder nur
Dich Tiergeripp und Totenbein.“

Ditscha hört plötzlich auf zu lesen, senkt den Kopf auf das Buch und fängt laut an zu weinen. „Ach, Tante Tine, Tante Tine!“

Die Tante empfindet einen lebhaften Schrecken. „Aber, Ditscha, Kind, Sophiechen!“ ruft sie und denkt dabei: Um Gottes willen – das Kind fühlt jetzt klar, was es entbehrt, es sehnt sich!

Und laut bittet sie: „Was hast Du, mein altes Herz?“

Ditscha ist aufgesprungen. „Ach, Tante, ich will nachher wiederkommen, bitte, entschuldige mich einen Augenblick, ich will nur ’mal durch den Park laufen, ich ersticke hier im Zimmer – bitte – bitte –“

Und schon ist sie hinausgeflüchtet, hat ihr Tuch vom Stuhl gerissen im Vorzimmer und läuft nun die Treppe hinunter in fliegender Hast und durch die Halle ins Freie.

Aufschluchzend eilt sie in einen Seitenpfad hinein, immer weiter, weiter, an der Gärtnerwohnung vorüber und aus dem Park hinaus, als beengten sie auch diese Mauern noch. Auf dem nassen zerfahrenen Feldweg, zwischen Parkmauer und Waldsaum geht sie dahin. Ach, wie so öde ist die winterliche Welt, wie starr und kalt, kein lebendes Wesen weit und breit; über ihr die stummen Wolken, neben ihr der stumme Wald, und dort das stille finstere Herrenhaus in seinem schweigenden Park. Kein Licht blitzt aus den Fenstern, natürlich, sie sitzen da noch im Dämmern, sie haben nichts, das sie sehen möchten im freundlichen Lampenschimmer, und Gram und Leid macht sich gern im Finstern an sein Opfer. Tante Bertha sitzt in der Sofaecke, und Onkel Jochen wandert im Zimmer auf und ab, und keines spricht ein Wort, denn der Verlorne geht um, der Ertrunkene, und fragt sie: Wie könnt Ihr nur noch leben ohne mich? Wie könnt Ihr nur das Dasein ertragen? Was ist denn alles andere, das Ihr noch besitzt? Nichts – ohne mich! Ein schönes Gut, ein trautes Haus, Eure gegenseitige Neigung – nichts! Und was habt Ihr da an meiner Statt? Ein fremdes Mädchen – was kann sie Euch sein? – Nichts! Sie ist da, nun gut, sie ist da! Füttert sie meinetwegen groß – verdrängen wird sie mich nicht, bin ich doch da, ich, die Hauptperson – bin ich gleich tot! Ersetzen kann mich nichts!

Ditscha ist in verzweifelter Stimmung. Nur ein Menschenherz, dem ich etwas sein darf! Aber mich will keiner, keiner! schreit es in ihr. Papa vermißt mich nicht, Liesing habe ich nun auch verloren, und Tante Tine? Na, Tante Tine ließ sich aus Mitleid herab und ist froh, wenn das verträumte dumme Mädel wieder das Zimmer verläßt. – –

Ach, wenn sie wenigstens arbeiten könnte, sich müde arbeiten wie eine Tagelöhnerfrau, um dann im Schlaf Vergessenheit zu finden, Vergessenheit ihres unnützen, überflüssigen Daseins.

Aber – Arbeit giebt es für sie auch nicht.

Sie ist die Rasenböschung nach dem Wäldchen hinaufgestiegen, dort steht eine roh aus Birkenstämmen gezimmerte Bank, triefend von der Nässe des Herbstnebels und mit welkem Laube bestreut. Im Westen haben sich die schwarzen Wolken etwas gelichtet, ein trüber gelblicher Schein liegt über der Landschaft – Ditscha starrt hinein, bis ihr die Augen wehthun.

Auf einmal hört sie das Stampfen und Schnauben eines Pferdes, in geringer Entfernung von ihr kommt ein Reiter auf dem Feldweg daher, ein Reiter, der just das Tier anhält und, von ihr abgewendet, nach dem Herrenhause hinüber späht.

Das Herz droht ihr still zu stehen – trotz der tiefen Dämmerung erkennt sie ihn, es ist Hans von Perthien. Ihre Blicke hängen ganz starr an ihm, sie kauert sich auf der Bank zusammen und hat nur den einen Wunsch, er möge sie nicht sehen. Warum? weiß sie selbst nicht.

Plötzlich wendet er den Kopf und sieht scharf zu ihr hinüber. Ein paar Minuten vergehen, während sie keinen Blick voneinander lassen, dann hat auch er sie erkannt, springt vom Pferde und, dasselbe nach sich ziehend, erklettert er die Böschung.

„Mein gnädiges Fräulein, das nenne ich aber Glück!“ Seine Stimme klingt so froh und harmlos, daß sie eine ganze Schar unheimlicher Geister von Ditscha verjagt. „Was um alles in der Welt thun Sie hier, zu dieser Stunde?“ fragt er weiter. „Ich bilde mir ein, Sie sitzen da im Beetzener Salon am Klavier und phantasieren über Beethoven, und nun muß ich Sie hier treffen? Wissen Sie auch, daß ich einmal wieder so – Sie finden es sicher unbegreiflich – so unbescheiden war, mich bei Ihrem Herrn Onkel, vielmehr der Frau Tante, melden zu lassen? Natürlich wieder mit dem nämlichen Erfolg – die Herrschaften empfangen nicht.“

Er hat sich neben Ditscha gesetzt und ihre zitternde Hand geküßt. Das Pferd steht geduldig zur Seite; der alte Verwaltergaul scheint solche Situationen zu kennen.

„In dieser Zeit um Weihnacht nimmt Tante niemand an,“ stottert sie.

„O, und ich hatte mich auf eine Wiederholung des neulichen Nachmittags wie ein Kind gefreut.“

Ditscha bleibt stumm.

„Wird es immer so sein?“ fährt er fort.

„Ja!“ sagt sie trostlos.

„Und das ertragen Sie?“

„Wie Sie sehen.“ Es klingt ebenso trostlos.

„Ich möchte das Nest an allen vier Ecken anzünden!“ lacht er.

„Thun Sie das doch, ich habe nichts dagegen,“ antwortet sie trotzig.

Er horcht auf; die Stimmung ist gut!

„An allen vier Ecken,“ wiederholt er, „und dann – dann würde ich mich in die Glut stürzen, um Sie zu retten.“

Ditscha zuckt die Achseln. Dumme Phrase! denkt sie.

„So geht es nicht!“ sagt er sich. „Ich wollte,“ fährt er fort, „Sie könnten meine Mama einmal besuchen, so ein liebes herziges Mutting ist sie, und wie sie Sonnenschein liebt und Jugend und Frohsinn. Ihr einziger Kummer ist, daß sie keine Tochter hat, ein Töchterlein, das sie in rosige Tüllkleider stecken und auf den Ball führen, mit dem sie wieder jung werden kann!“

„Ich würde nicht zu ihr passen,“ erklärt sie, fast gegen ihren Willen schroff, „ich möchte nicht auf Bälle gehen, ich möchte nur – ich möchte –.“ Sie schweigt, weil sie fühlt, daß ihr ein Schluchzen in der Kehle aufsteigt.

„Ich habe nicht das Recht, nach Ihrem Kummer zu fragen,“ murmelt er.

[247] „Ich habe durchaus keinen Kummer!“ stößt sie unter Thränen hervor.

„Wenn Sie nun einen Bruder hätten, Fräulein von Kronen – denken Sie doch, Sie hätten einen und er säße – er sitzt hier neben Ihnen, würden Sie sich dem gegenüber auch nicht aussprechen?“

„Dann würde ich ihm sagen: ‚Mein guter Junge, Du kannst mir auch nicht helfen!‘“ ruft sie aufspringend.

„Ditscha!“ flüstert er dreist und hält die Falten ihres Kleides, „Ditscha, gehen Sie nicht fort, ich weiß nicht, wann ich Sie wiedersehe! Darf ich Ihnen etwas erzählen? Seit neulich, Ditscha – ich bin ein wilder Schlingel gewesen, aber seit neulich – ach, Ditscha – –“ Er ist vor ihr niedergesunken auf die nasse Erde und preßt ihr Kleid gegen seine Augen. „Sie könnten mir helfen!“ murmelt er.

Sie ist zitternd auf die Bank zurückgesunken, das Tuch ist ihr vom Kopf geglitten und der Herbstnebel legt sich schwer und naß auf ihr Haar. Sie sieht nichts mehr, sie hört nur seine gestammelten Worte: wild und schlecht war er, aber sie kann helfen, ihn gut machen, denn mit ihrem Anblick ist ihm eine bessere, eine heiligere Welt aufgegangen! Ob sie denn nicht glaubt an eine Liehe auf den ersten Blick? Allabendlich ist er hier auf dem Waldwege gewesen und hat stundenlang zu ihren Fenstern hinübergesehen – ob sie es nie geahnt hat? – Ob sie ihm helfen will, ein guter Mensch zu werden? Auf den Knieen wird er ihr danken lebenslang und – will sie es nicht, dann, dann komme, was da wolle!

Dieser ganze Sturm überfällt sie so unvorbereitet, trifft ihre dürstende Seele wie erquickender Tau. Sie kann einem Menschen etwas sein? Sie kann jemand helfen, den rechten Weg zu finden? Ein Schauer rieselt über ihren Körper, sie faltet die Hände und fragt: „Ich? Ich? O, was kann ich denn thun?“

„Mir die Hoffnung lassen, Sie zu sehen! Durch die Duldung meiner Neigung mir helfen, die Ihre zu erringen! Mir zu erlauben bei allem, was ich thue, an Sie zu denken, mich ein wenig, ein wenig, Ditscha, liebe Ditscha, lieb zu haben!“

Sie kann ihr Herz klopfen hören, so schlägt es in der Brust. Ein Chaos widersprechender Stimmen wirbelt in ihrer Seele, einen Augenblick nur, dann ist sie entschlossen.

„Ditscha, liebe mich!“ bittet er.

„Ja!“ sagt sie kindlich, „ich will Sie liebhaben.“

Dich! Ditscha – Dich!“

„Ich will Dich liebhaben,“ wiederholt sie feierlich, obgleich sie nicht weiß, wie sie es anfangen soll, „aber Du mußt auch wirklich gut werden,“ setzt sie hinzu.

„O, so gut!“ flüstert er und sitzt neben ihr auf der Bank, „so gut! Ich bin es schon jetzt – neben Dir kann man nicht anders sein als gut!“ Und er will sie stürmisch in die Arme schließen.

Da springt sie auf. „Nein! Nein!“ wehrt sie.

„Aber, Ditscha!“ Er ist ganz betroffen. „Du hast mich nicht lieb –!“

„Doch – ich will – ich werde – aber Sie – – Du mußt zuerst mit Onkel reden.“

„Ja, natürlich!“ sagt er rasch, „ich werde zu ihm gehen – morgen – natürlich –“

„Ich werde ihn vorbereiten,“ erklärt Ditscha und will noch einen Schritt zurück, denn er hat nach ihrer Hand gegriffen und preßt die zitternde an seine Lippen und Augen. „Ditscha, Sophie von Kronen – meine Braut!“ flüstert er leidenschaftlich und versucht abermals, sie an sich zu ziehen.

Da ist sie zur Seite entwichen und gleitet wie ein Schatten die Böschung hinunter.

„Ditscha!“ ruft er, aber schon hat die Dunkelheit sie verschlungen. Er tastet vergebens auf und ab und murmelt eine Verwünschung, und derweil ist sie den Weg zurückgelaufen den sie gekommen, und steht nun innerhalb des Parkes an einen Baum gelehnt und schluchzt zum Herzbrechen.

Was hat sie gethan! Was hat sie gethan? Wie will sie es anfangen, ihn liebzuhaben? Sie kennt ihn kaum, ja, sie fühlt, daß er ihr namenlos gleichgültig ist. – Sie hat es sich anders vorgestellt, Braut zu werden – Braut!

Was soll sie nun beginnen? Droben wartet Tante Tine, und wenn sie nicht bald kommt, wird Hanne sie suchen, und dazu ist gleich Abendbrotszeit! Ob sie noch vorher mit dem Onkel spricht? Oder ob sie das dritte Glas Grog abwartet nach Tische? Das letztere scheint ihr das Gescheiteste zu sein, und sie geht langsam ins Haus, die Treppe hinauf und klopft an Fräulein Klementinens Thür.

[262] Ditschas langes Ausbleiben ist niemand aufgefallen. Die Kranke hebt die heißgelesenen Augen vom Buch, als das junge Mädchen in die Thüre tritt, und fragt: „Schon zurück, Ditscha?“

„Ja, Tante Tine!“ Und sie hockt sich vor den Ofen, weil sie einen Frostschauer nach dem andern fühlt.

„Tante Anna suchte Dich vorhin; sie wollte Dir sagen, daß die Morgenschuhe, die Du gestickt hast, ein junger Prediger zu Weihnacht bekommt, der im Januar nach Indien abreist.“

Ach, Ditscha ist’s so egal in diesem Augenblick, wer diese Morgenschuhe anzieht. Aber sie nimmt das Bänkchen und trägt es zu Tante Tines Platz und hockt sich darauf und legt ihren Kopf an die Lehne des Krankenstuhles, der durch den Druck auf eine Feder in ein Ruhebett umgewandelt ist.

Alle Umschweife sind ihr zuwider, sie hat die Soldatennatur ihres Vaters, aber eine diplomatische Ader besitzt sie nicht. Sie ist wahr bis zum Verletzem gegen andere Menschen, gegen sich selbst am meisten.

„Tante Tine,“ fragt sie, „glaubst Du, daß ich imstande bin, einen Menschen – einen Mann – glücklich zu machen?“

Tante Tine horcht bestürzt auf. „Ja,“ sagt sie, „gewiß – wenn Du ihn liebst, wenn Du ihn glücklich machen willst.“

„Ja, ich will!“

„Ditscha?“ ruft die Kranke, rot vor Erschrecken.

„Ich habe mich eben verlobt, Tante Tine,“ sagt sie so ruhig, als ob sie erzählt, sie habe eben Staub gewischt, oder dergleichen. „Du glaubst es wohl nicht, Tante? Doch, es ist wahr, ich weiß, ich kann einen Menschen gut und glücklich machen – –. Ist das nicht eine Aufgabe, des Lebens wert?“

„Wer? Wer?“ stößt die alte Dame hervor.

„Du kennst ihn nicht, Tante – Hans von Perthien. Er ist auf Uechte beim alten Calwerwisch, um die Wirtschaft zu lernen. Sein Vater und Onkel Jochen waren Jugendfreunde – Du sagst nichts, Tante?“

„Nein – ich – was soll ich sagen – was kann ich sagen? Sprich mit Deinem Onkel, Deinem Vater und – – Gott erspar’ Dir alle Täuschung, die ein so übereilter Schritt mit sich bringt.“

Ditscha erhebt sich, sie fühlt, daß sie hier nicht verstanden wird. „Ich werde gleich mit Onkel sprechen – warum soll ich eine Täuschung erleben? Ich bin doch so dankbar, daß jemand nach mir Verlangen hat.“

„Ditscha, würdest Du auch so rasch Ja! gesagt haben, wenn Dein Vater Dir heute früh nicht geschrieben, daß Du vorderhand noch nicht zu ihm kommen kannst, oder wenn Du die Verlobungsanzeige von Liesing nicht bekommen hättest?“

„Es ist möglich, Tante, daß der Brief Papas beigetragen hat, meinen Entschluß zu bestimmen – ja, ich glaube es sogar. Für Papa bin ich nichts, also der Grund, auf ihn Rücksicht zu nehmen, fällt weg, er wird sich freuen, wenn ich, so zu sagen, untergebracht bin.“

„Und Onkel Jochen und Tante Bertha?“

„Nun?“ fragt Ditscha zurück.

„Ditscha, undankbares Kind!“

„Undankbar? Aber, Tante Klementine, ich bin ja das Einzige, was sie hindert, sich ihrer Trauer voll hinzugeben. Ich bin nicht undankbar, ich will es gewiß nicht sein! Du verstehst nicht, Tante, wie wir verkehren, Du siehst uns nicht zusammen.“

„Nein ich sehe Euch nicht zusammen, ich denke mir nur, wenn Jochen es auch nicht so zeigen kann, er hat Dich doch gern.“

Ditschas Lippen kräuseln sich, sie will mehr, als daß einer sie ein bißchen gern hat. Sie weiß es auch besser: wenn sie gegangen ist, so schlägt die Flut des alltäglichen Lebens, des Trübsinns über die winzige Lücke zusammen, die sie gelassen, so regungslos und glatt fließt es weiter wie vorher – nein, man wird sie nicht vermissen. „Du irrst Dich, Tante,“ sagt sie kurz, küßt ihr die Hand und geht, Onkel Joachim zu suchen.

Er ist um diese Zeit in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch zu finden, über dem das lebensgroße Bild des verstorbenen Lieblings hängt, ringsumher Geweihe, das ganze Zimmer ist mit Geweihen förmlich tapeziert, selbst der Kronleuchter besteht aus Stangen, selbst die Uhr, das Rauchtischchen, der Kleiderhaken.

Der Onkel raucht – es ist eine Luft zum Schneiden in dem Raum – und sitzt über einen Brief gebeugt, den er liest. Er merkt gar nicht, daß Ditscha eingetreten ist, erst Cäsar, der sich an sie drängt und einen kurzen Blaff thut, macht ihn aufmerksam.

„Du bist’s, Sophie?“

„Ja, Onkel, ich möchte mit Dir etwas besprechen – hast Du Zeit?“

„Hast wohl auch einen Brief von Deinem Vater, Kind?“

„Ja, aber deshalb komme ich nicht, Onkel Joachim.“

„So? Was ist es sonst – schieß los!“

„Morgen wirst Du Besuch bekommen, Onkel Jochen.“

„I, Gott bewahre! – Na, Friedrich weiß Bescheid.“

„Ich wollte Dich bitten, Onkel Joachim, einmal zu gunsten dieses Besuches eine Ausnahme zu machen, ihn nicht abweisen zu lassen. Er will Dich um –“ Sie stottert und bricht ab, so erstaunt und befremdet blickt Onkel Jochen sie an unter den buschigen Brauen hervor. „Es ist etwas Wichtiges,“ vollendet sie leise.

„Was ist’s denn – Schockschwerenot?“ fragt er nervös, „und was hast Du so feierlich und heimlich zu thun?“

„Herr von Perthien – –“ stammelt sie.

Er fährt empor, ein pfeifender Laut entfährt seinen Lippen. „Alle Wetter! Es thut mir leid, so es thut mir sehr leid, liebes Kind, aber ich wüßte wirklich nicht, was mir der genannte Herr Wichtiges zu sagen hätte,“ erklärt er kurz und kalt und thut ein paar mächtige Züge aus der Pfeife.

„Aber ich weiß es, Onkel, – er wünscht Dir mitzuteilen, daß wir uns verlobt haben. Sei nicht böse, Onkel, ich mag Dich nicht belästigen, er hat mein Jawort schon!“

„So! Nun vorläufig hast Du über dieses Ja noch nicht zu verfügen, und ebensowenig ich. Deshalb bitte ich Dich, vor der Hand Dich noch nicht als verlobt zu betrachten; Dein Vater hat die Entscheidung, mag sich Herr von Perthien an ihn wenden. Sagt Klaus Ja! so kann ich Dich nicht hindern, in Dein Unglück zu rennen, hinge es von meinem Urteil ab, so sagte ich Nein! Hast Du verstanden – Nein!“ wiederholt er schreiend, indem er auf den Tisch schlägt, daß die Lampe klirrt und Tante Bertha schreckensbleich aus dem Nebenzimmer gestürzt kommt, wo sie im Dunkeln gesessen, und hinter ihr Tante Anna.

„Jochen, Du bist immer so heftig,“ ermahnt die letztere. „Was hast Du nur?“

„Was ich habe? Da werde der Teufel nicht heftig! Ein dummes Mädel habe ich da – teilt mir eben mit, sie habe sich verlobt – fait accompli, und wir werden damit überrascht – heutige Jugend! Vertrauen zu der Erfahrung älterer Leute – Ehrfurcht – giebt’s nicht mehr! – Bertha, na, Du weißt’s ja noch, als wir uns verlobten, da ging ich zu Deinem Vater und –“

„Hans hat versucht, zu Euch zu kommen und auf dem hergebrachten Wege um mich zu werben, aber Ihr habt ihm den Eintritt in Euer Haus nicht gestattet,“ sagt Ditscha.

Tante Bertha faßt sich an die Kehle, als müßte sie ersticken. „Aber Ditscha! Ditscha!“ ist alles, was sie hervorbringt.

Tante Anna aber schreit auf: „Hans nennt sie ihn schon! Jochen, ich bitte Dich, das ist ja, weiß Gott, als treffen sich Hans und Grete auf dem Tanzboden, und andern Tages sind sie einig! Kind, thörichtes Kind, weißt Du, was in der Bibel steht? ‚Heiraten ist gut, aber nicht heiraten ist besser!‘“

„In der Bibel steht allerlei,“ donnert Onkel Jochen, „da steht auch: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei‘, aber es kommt darauf an, mit wem man sich zusammenthun will! – Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe,“ fährt er fort, „ich empfange Herrn von Perthien nicht. Wenn dieser angenehme Jüngling denkt, weil ich als junger Kerl lustig war mit seinem Vater, hat er das Recht, hier wie ein Wolf in die Hürde zu brechen, so irrt er sich. – Geh’ auf Dein Zimmer, Ditscha, und denke nach über Deine Thorheit! An Deinen Vater werde ich schreiben, und an den freundlichen Herrn von Perthien auch.“

Ditscha steht da inmitten des Zimmers in ihrem schlichten dunkelgrünen Tuchkleidchen, schlank und hoch aufgerichtet; das feine Köpfchen schwebt auf den bläulichen Rauchwolken, als habe [263] es verborgene Engelsflügel. Sie hält die Augen gesenkt, ein herber Zug liegt um den Mund. Sie weiß genau, hätte der polternde Mann dort sie bei der Hand genommen, hätte er zu ihr gesprochen: „Ditscha, Kind, liebst Du ihn denn wirklich? Hab’ ’mal Vertrauen zu Onkel Jochen – gelt, Ditscha, es ist Einbildung von Dir –,“ sie hätte aufschreiend den Kopf an seiner Brust geborgen und geschluchzt: „Onkel, ich weiß es nicht – ich glaube, Du hast recht, ich liebe ihn nicht, ich – es ist die pure Verzweiflung von mir – hilf mir, habt mich ein wenig lieb –.“

So aber empörte sich jeder Nerv in ihr. Gekränkt bis ins innerste Herz, trotzig, geht sie hinaus, und bei jeder Stufe, die sie emporschreitet, wiederholt sie sich: „Ich liebe ihn – Hans, ich liebe Dich – ich helfe Dir, ich bleibe Dir treu!“

Und dasselbe schreibt sie ihm, mit der Bitte, sich keinen Unannehmlichkeiten auszusetzen und ja nicht zu kommen, da Onkel Jochen der Angelegenheit völlig abgeneigt sei. „Aber ich bleibe Dir treu, und morgen nachmittag gehe ich am Feldweg spazieren, wenn Du etwa zufällig – –“ Sie hört auf, das Blut schießt ihr siedend in die Wangen. – „Ein Rendezvous! – Sophie von Kronen – ein Stelldichein!“ Sie streicht es wieder aus, legt den Kopf auf die Platte des Tisches und grübelt. Dann schreibt sie den Brief noch einmal ab – den Schluß läßt sie fort. Sophie von Kronen trifft ihren Geliebten nicht heimlich, er muß sich begnügen mit der Versicherung ihrer Treue.

Ein Liebesbrief ist’s gerade nicht, dazu fehlt jede Innigkeit, jedes wärmere Gefühl, aber es steht doch da, daß sie ihr gegebenes Wort halten will, daß sie hofft, nein – daß sie bestimmt weiß, ihr Vater werde seine Einwilligung nicht versagen.

Hanne bringt dem jungen Mädchen endlich das Abendessen in ihr Zimmer. Hanne ist natürlich eingeweiht. Ditscha hat aber auch noch an ihren Vater geschrieben und sitzt nun am Tisch und stickt an einer Weihnachtsarbeit für irgend jemand. Sie ist jetzt ganz und gar ruhig und sie lächelt sogar, als Hanne ihr das Abendessen aufträgt und dabei stumme Seitenblicke auf sie richtet.

„Das ist ja, als hätte ich ein Verbrechen begangen, Hanne?“ sagt sie. „Habe ich denn gestohlen, oder –“

„Ja, das mein’ ich auch, Fröln Ditscha, as wenn Sie säben Jahr’ alt wären, wo sie nicht mit am Tisch essen durften, wenn Sie unartig gewesen waren, und daß Sie heraus möchten aus dies Hus, dat kann ich auch nachfühlen. Aber es hätt’ jawohl noch ’ne Thür gegeben, warum rennen Sie denn glik mit den Kopp durch die Wand, Fröln Ditscha?“

Ditscha sieht sie finster an.

„Nehmen Se’s mir nicht übel, Fröln Sophiechen, aber –“

„Ach Hanne, quäle Du mich nicht auch,“ ruft das Mädchen, „hast Du Dir etwa dreinreden lassen, als Du Deinen Seligen nahmst?“

„Um Gotteswillen!“ wehrt Hanne, „aber das war auch ein Minsch – so ein, veel to god, veel to god vör mi und vör düsse olle Welt.“

„Na ja!“

„Ick weit all! Jeden Narr’n gefällt sin Kapp’, Fröln Ditscha. Aber wer ’nen groten Sprung don will, de möt toerst rückwerts gähn, das heißt, he öberlegt sik en beten und huppt nicht mit beide Padden und ohne Besinnung öwer den Graben, und das haben Sie gethan. Gott gew Sei Glück dorbi.“

Ditscha bleibt allein, allein an ihrem Verlobungsabend; kein freundliches glückverheißendes Wort, keine liebevolle Zurede! Sie fühlt nichts als Kälte und Einsamkeit. Und plötzlich breitet sie die Arme aus. „Wenn ich eine Mutter hätte,“ jammert sie laut, „die würde mir sagen, was ich thun soll, sie würde mich liebhaben!“ Aber sie hat eben keine Mutter, hat sie nie gekannt. Sie weiß gar nicht, wie wohl es thut, so ein Mutterkuß, kennt nicht das grenzenlose Vertrauen, das Gefühl von Geborgensein an der Mutter Seite. Sie hat nur einen Vater, der ihr heute schreibt, daß sie Weihnacht nicht kommen dürfe – aus irgend einem geringfügigen Grunde, den er nicht einmal angiebt. O, und Ditscha hat seit dem letzten halben Jahre nur noch von diesem Weihnachtsbesuch geträumt, Tag und Nacht; hat sich gesehnt nach dem Papa mit allen Fasern ihres liebebedürftigen Herzens – und sie darf nicht kommen!

Sie meint plötzlich die Stimme von Hans Perthien zu hören: „Ditscha, liebe mich, rette mich, hilf mir gut werden!“

Sie will, sie will ihn lieben – aus Verzweiflung, aus Liebe nicht.



 „Lieber Jochen!
Ditschas Glück liegt mir natürlicherweise sehr am Herzen, leider kenne ich sie so wenig, den Erwählten aber gar nicht, und so muß ich Dich bitten – da ich im allgemeinen dafür bin, in Herzensangelegenheiten nicht mitzusprechen, sondern jedem die Wahl zu überlassen – wenn der junge Mann ein Gentleman ist und auch sonst die Verhältnisse passen, den beiden meine Einwilligung zu übermitteln.

Ich sage: wenn die Verhältnisse passen. Ich kenne Familie von Perthien nicht; Erkundigungen sind oft unzuverlässig, man hört nie das, was man hören sollte – Du weißt ja ohngefähr.

Ditscha erhält zwanzigtausend Thaler Vermögen und eine standesgemäße Aussteuer; eventuell auch noch mehr, wenn ich keinen Sohn haben sollte. Vielleicht erfüllt aber Gott unsere Bitte, schon um Euretwillen. Ich werde sehen, hinzukommen, sobald sich die Sache entschieden. Den Besuch Perthiens habe ich abgelehnt, er paßt jetzt nicht in unsere Verhältnisse. Comprenez?
Mit herzlichem Gruß 
Dein Bruder Klaus von Kronen.“     

Diesem Brief ist eine Depesche gefolgt mit dem lakonischen Bescheid: „Eben Deinen Brief erhalten mit Auskunft über P. Antrag ablehnen. Klaus v. Kronen.“     

„Aha!“ sagt Onkel Jochen, und er nimmt sofort einen wappengeschmückten Briefbogen und schreibt:

 „Sehr geehrter Herr von Perthien!
Im Auftrage meines Bruders, des Oberst Klaus von Kronen, bin ich genötigt, Ihnen mitzuteilen, daß er auf die Ehre, Sie als Schwiegersohn umarmen zu können, leider verzichten muß.

Gestatten Sie mir, die Gründe für diese Weigerung zu verschweigen. Hauptsächlich dürfte sie zurückzuführen sein auf meiner Nichte große Jugend und Lebensunkenntnis, wie auch Sie, geehrter Herr, mir noch als zu jung und zu wenig geeignet erscheinen, einer Familie vorzustehen.
Mit vorzüglichster Hochachtung     
ganz ergebenst 
Joachim von Kronen.“ 

So! Er schließt mit einem fabelhaften Schnörkel, streut Sand darauf, blauen goldig glänzenden Sand, tippt dann auf die Klingel und befiehlt dem eintretenden Friedrich, Fräulein Sophie zu melden, er habe mit ihr zu sprechen.

Ditscha tritt gleich darauf ein. Es ist abends, vor Tische, und draußen flockt der erste Schnee.

„Hier lies, Ditscha, wir meinen es gut.“ Er reicht ihr das Telegramm.

„Was hattest Du Papa geschrieben, Onkel Jochen?“ fragt sie, nachdem sie gelesen.

„Du hast ein Recht darauf, es zu wissen. Setze Dich!“

„Danke!“

„Wie Du willst. – Ich habe ihm geschrieben, daß Hans von Perthien ein junger leichtsinniger Dachs ist, dem ein Weib zuzuführen ebenfalls Leichtsinn sein würde. Hans von Perthien hat sich in Halle durch seine tollen Streiche zwar einen Namen gemacht, seinen Eltern aber nichts als Kummer; er hat auch eine recht hübsche Summe Schulden auf dem Halse, und da sein Vater absolut nicht in der Lage ist, dieselben zu bezahlen, so weiß man nicht recht, wie es mit ihm werden soll.“

Sie steht ganz unbeweglich.

„Ist Dir’s nicht genug?“ fragt der Onkel ärgerlich.

„O, dieses alles wußte ich ja, Onkel.“

„So! Und trotzdem?“

„Er hat mir das alles selbst erzählt, er hat mir aber auch gesagt, er würde ein anderer Mensch, er würde es bestimmt, wenn ich ihm helfen wollte.“

„Natürlich!“ stimmt der alte Herr ironisch zu, „so sagen sie immer, diese Herren. Aber es geht wirklich nicht, daß Du ihm hilfst, er muß aus eigner Kraft ein anderer werden, oder so bleiben – je nachdem; Du bist zu gut dafür und deshalb geht dieser Brief hier an ihn ab.“

„Aber wenn ich nun – wenn ich damit nicht einverstanden bin?“ ruft sie flammend.

„Du wirst es sein, Ditscha.“

„Nie – nie, Onkel – ich nehme mein Wort nicht zurück.“

„Er ist hoffentlich so viel Kavalier, daß er sich nicht weiter um ein Mädchen bemüht, dessen Vater ihn zurückwies.“

Sie antwortet nicht, sie sieht starr auf einen Punkt.

[264] „Du wirst Dich also vernünftig benehmen, Ditscha, nicht wahr?“ beginnt er von neuem. „Sei üherzeugt, wir wollen nur Dein Bestes.“ Aber es klingt barsch und ungeduldig. Und wie sie ohne ein Wort zu sagen hinausgeht, fängt er an zu pfeifen. „Ah, bah!“ sagt er dann, „sie wird sich schon geben, was soll sie denn auch machen? Sich das Leben nehmen? Na, na – i Gott bewahre, hat ja ihre fünf Sinne – hm – sonst ganz vernünftig, die Deern – na – na – –“

Ditscha scheint seine Hoffnung zu bewahrheiten, sie fehlt auch nicht abends, noch andern Tags bei Tische, sie spricht zwar nicht viel, aber sie antwortet artig. Blaß sieht sie aus, blaß zum Erbarmen. Na, es wird überwunden werden!

Onkel und Tante legen sich beruhigt zum Mittagsschlaf, Tante Anna schläft, Tante Tine schläft, nur Hanne sitzt am Fenster und stopft Strümpfe.

„Nee, so wat,“ sagt sie, „da gait uns lütt Fröln, un sünst dämmert sie doch auch um düsse Tid auf ihr Sofa.“

Ditscha wandert langsam durch die Hauptallee, biegt dann nach links ein, wo die Gärtnerwohnung sich befindet, und entschwindet den Augen der alten Frau. Sie öffnet nach kurzem Zögern die Hausthür und tritt in das Gärtnerhaus. Dort ist nur oll Mutter Buschen um diese Tageszeit zu finden, sie besorgt die kleine Wirtschaft, der Mann und die Gehilfen sind im Park und Obstgarten mit dem Verschneiden der Bäume und Sträucher beschäftigt.

Ditscha will fragen, ob Karl Busch, der zwölfjährige Junge, vor drei Tagen den Brief an Herrn von Perthien richtig abgegeben hat. Sie ist ohne Nachricht von ihm geblieben. Nach kurzem Klopfen öffnet sie die Stubenthür und verweilt stumm auf der Schwelle, denn da sitzt eine junge Dame in sehr elegantem Negligé in der Sofaecke und liest. Nun hat sie Ditscha erblickt und springt auf.

„O je! Das gnädige Fräulein Sophie!“ ruft sie – „gnädiges Fräulein kennen mich wohl nicht mehr?“

„Du bist’s, Grete?“ fragt Ditscha sehr gedehnt und kalt. „Wo kommst Du her?“

„Aus Berlin, gnädig Fräulein – wollt’ nur ’mal die Eltern besuchen.“

„So? Geht’s Dir gut dort?“

„O danke – sehr gut – das heißt, man muß sich so durchschlagen, es wird aber schon ’mal besser werden; man wird ja doch auch einmal ein Glück haben.“

In diesem Augenblick tritt Mutter Buschen ein, eine welke, unter schwerer Arbeitslast früh gealterte Frau. Sie wirft einen Umhang vom nächsten Stuhl, daß der kostbare Schmelzbesatz daran nur so klappert, macht eine böse Bemerkung über Unordnung und Unhöflichkeit zu ihrer Tochter, wischt einen Stuhl mit der Schürze ab und bittet „gnä’ Fröln“ Platz zu nehmen. „Grete, kiek’ nah den Kaffee,“ befiehlt sie, und die kleine üppige Blondine in dem blauen mit weißen Spitzen überreich garnierten Morgenkleide, das zu dieser einfachen Stube in höchst wunderlichem Gegensatz steht, geht hinaus, lächelnd, mit hocherhobenem Stumpfnäschen.

Ditscha ist ihr sprachlos mit den Augen gefolgt. Mutter Buschen sieht ihr halb stolz, halb ärgerlich nach und geht dann an den Glasschrank, den sie mit vieler Umständlichkeit aufschließt.

„Da ist ein Brief vor gnä’ Fröln,“ sagt sie, „Karl sollt’ ihn gnä’ Fröln geben, wenn Sie im Parke spazieren gahn; gestern abends hat ihn ein junger Herr gebracht.“

Dunkel erglühend greift Ditscha nach dem Schreiben. Die einfache Frau sieht sie an mit Augen, in denen sich tiefer Respekt mit Zweifel und Mißtrauen streitet. „O, gnä’ Fröln!“ murmelt sie.

„Was denn Mutter Buschen?“

„O, die Welt wird immer wunderlicher, ick verstah ihr nu bald nich mehr,“ und die alte Frau nimmt das Buch, in dem ihre Tochter gelesen, und die Sammetmantille und legt beides auf einen Stuhl im Winkel und deckt es mit einem Stück des Wochenblattes zu. „O, ich mein’ man so, gnä’ Fröln.“

Ditscha fühlt ihre Wangen brennen; sie weiß, die Frau wundert sich über ihre Korrespondenz, aber sie darf sich nicht anklagen, indem sie sich entschuldigt.

„Wollen sich gnä’ Fröln nicht setzen?“

„Danke, Mutter Buschen, nur so lange, bis ich gelesen.“

Grete Busch tritt eben wieder mit dem Vesperbrot ein, Ditscha spürt den Duft von geringwertigem Kaffee, vermischt mit Patschuli. Unwillkürlich nimmt ihr Gesicht einen hochmütigen Ausdruck an; sie steckt das Schreiben ungelesen ein und wendet sich zum Gehen.

Die hochfrisirte, stark gepuderte Grete lächelt ironisch, als der Brief in Ditschas Tasche verschwindet. Mutter Buschen fühlt, sie muß irgend etwas sagen. „Ja, das ist so, gnä’ Fröln, Kinner gehn ihre eigenen Straßen, und die Grete heirat’ ja nu auch bald.“

„So?“ – Ditscha kann sich nicht entschließen, freundlicher auszusehen; das aufgedonnerte Geschöpf mit dem frechen Lächeln ist ihr unsagbar zuwider. Was ist aus dem lieben blauäugigen kleinen Mädchen geworden, das sie einst gekannt, das einst, frisch gewaschen und gekämmt von Hanne, zum Spielen mit der kleinen Baroneß Ditscha ins Herrenhaus geholt wurde. – „So?“ sagt sie kühl, „ich gratuliere.“

„Ja, und was der Bräutigam is,“ fährt die Mutter fort, „der hat ja woll ’ne ganz gute Stellung – nich, Grete? Aber unsereins kennt sich nich aus mit die neumodischen Titels; ich weiß nich, was das vor einer is, ein spanischer Reitschulstallmeister – nich, Grete? Hat mit Pferde zu thun! Aber wie? Das versteh’ ich nich. Und was Grete ist, die sagt, nu muß sie auch reiten lehren, wobei mich das Grausen ankommt, denn es ist nix Paßliches vor ein Mädchen auf unserm Stand, und sie kann da ja doch auch Malhör bei haben!“

Und Mutter Buschen schüttelt den Kopf mit trostlosem Blick auf die lächelnde Tochter.

Ditscha verabschiedet sich mit einem: „Frau Busch, es steht ja alles in Gottes Hand! – Adieu, Grete, adieu, Mutter Busch! – Vielleicht kann Karl noch einmal für mich einen Gang thun?“

Oll Mutter Busch sieht sie wieder so eigentümlich an. „Wenn’t sin möt, gnä’ Fröln Sophie!“

Ditscha zuckt zusammen und bemerkt, wie Grete den Mund verzieht. Sie wirft den Kopf zurück und geht aus der Stube, die alte Frau folgt ihr. „O, gnä’ Fröln, dragen Se mi nix nach, gnä’ Fröln, ick hew Se doch von lütt up kennt, und wann ick ock man blot de Gärtnersfru bin, ick hew Se so leef as min eigen Deern.“

„Dann bekümmern Sie sich auch nur um Ihre eignen Sachen,“ sagt Ditscha mit blitzenden Augen. „So lange ich denken kann, hat mir einer von Ihren Jungen kleine Wege gethan – was kommt Ihnen bei, Frau Busch?“

„O, gnä’ Fröln,“ bittet die Alte und führt den blauen Schürzenzipfel an die Augen, „vergeben’s mi! Se hebb’n recht! Min Deern – ja ’s ist wahr, dodschrieen künn ick mi, wenn ick ehr ansieh. Aber se is doch man en gewöhnlich Mäken, und uter dat min Mann und ick uns darum kibbeln, kraiht da kein Hund un kein Hahn nah –. Aber so’n Fröln wie Sie, gnä’ Fröln –“

Ditscha wird jetzt bleich und dreht der alten ungeschickten Frau, die sich erdreisten will, ihr Verhaltungsmaßregeln zu geben, heftig den Rücken zu und verläßt das Haus.

„Gnä’ Fröln!“ schallt es hinter ihr her. „Karl kann ja, gnä’ Fröln – alles, wat Se wulln – Se brukens blot to seggen.“

Aber Ditscha antwortet nicht. Mit einem Gefühl des Ekels geht sie durch den Park. Neben der zerbrochenen Nymphe im einsamsten Teil des Gartens bleibt sie stehen und liest. Er schreibt ruhig, liebevoll, er fühlt, daß solch ein Glück nicht leicht zu erringen ist; er will sich’s verdienen und dankt ihr, daß sie warten wird, hofft auf gute Nachricht vom Papa. „Darf ich Dich nicht einmal sehen? Kommst Du nicht zu unserer Bank während der Dämmerung?“ fragt er. Thue es – bitte, gieb mir diesen Liebesbeweis – es ist so nötig, damit ich mich aufrecht erhalte. Bis in den Tod Dein Hans.

P. S. Morgen um vier Uhr werde ich dort sein.“

Er hat die Nachricht, die verneinende vom Onkel im Auftrag Papas, noch nicht, natürlich nicht – Onkel schrieb heute, und dieser Brief ist von gestern, sagt sich Ditscha.

Sie wird hingehen zu der Bank und wird ihm sagen, daß sie auf jeden Fall ihr gegebenes Wort zu halten gedenkt, daß er aber nicht gebunden sein soll, er, der so viel Aussichten auf ein anderes Glück. Will ihm sagen, daß sie sich nicht schreiben können – Beetzen hat keine Post, und sie hat keinen Boten – also stillschweigend warten. Das ist alles, was sie thun kann – wenn er damit einverstanden ist.

Sie kehrt um und geht am Gärtnerhause vorüber der Parkpforte zu. Es ist schon ziemlich dunkel, aber sie erkennt noch, wie Grete Busch ihr weißes Gesicht an die Scheibe drückt und sie anstarrt. Mag die denken, was sie will, Ditscha thut nichts Unrechtes.

Neben der Bank, auf der heute leichter großflockiger Schnee liegt, lehnt eine Gestalt, das Pferd ist auf dem Fahrweg geblieben, es steht mit schlagenden Flanken und tief gesenktem Kopf da, als sei es halb zu Tode gehetzt worden.

[277] Jetzt regt sich die Gestalt neben der Bank und stürzt Ditscha entgegen. „Ditscha, meine Ditscha, welch’ ein Wiedersehen!“ stammelt Hans. Trotz der Kälte glüht er, den Hut hat er zurückgeschoben, und sein Atem keucht.

„Sag’s nur gleich,“ sagt er heiser, „Du willst mich verlassen, Du willst thun, was Dein Vater und der Alte drüben beschlossen – warum solltest Du denn auch nicht folgen? ’s sind ja Deine Vormünder, die Dir das sagen, und ich bin ein armer Kerl, der Dir weiter nichts bieten kann als seine Liebe und seinen ehrlichen Namen. Sag’ mir’s! Aber bei Gott, wenn Du mich verläßt, ich schieße mir eine Kugel vor den Kopf!“

Ditscha ist wie betäubt von dieser Raserei „Du weißt schon?“ stammelt sie.

„Eben unterwegs traf ich den Kerl mit dem Schreiben,“ stößt er hervor. „Was für ein Recht haben die Menschen, uns zu trennen? Was that ich Deinem Vater, daß er so ungerecht gegen mich ist? Aber natürlich, beeinflußt von dem – dem – von Deinem Onkel, und Du auch, sag’s nur gleich, mach’s kurz – –.“

„Ich habe das nicht sagen wollen,“ stottert sie und windet sich in seinen Armen.

Er hält sie um so fester. „Nicht, Ditscha, meine Engelsditscha? O, wenn Du mir treu bleibst, dann – dann müssen ja die Alten schließlich klein beigeben. Du bleibst mir treu, Du hältst aus bei mir, nicht, Ditscha?“ „Ja!“ sagt sie und macht sich endlich los.

„Ditscha,“ flüstert er an ihrem Ohr, „ich hätte mich auch – bei Gott – ich kann nicht leben ohne Dich!“

„O sag’ das nicht!“ spricht sie herzklopfend, „sag’ das nicht – – wenn’s nicht wahr wäre! Belüge mich nicht!“

„Es ist wahr!“ antwortet er laut.

„Es ist wahr?“ wiederholt sie. „Aber Du wirst warten müssen, vielleicht lange Zeit, ehe sich die geringste Besserung zeigt für unsere Aussichten; Du wirst keinen Brief von mir bekommen, Du wirst mich nicht sehen –“

„Oho!“ sagt er drohend.

„Ja – wie denn, Hans? Wo denn?“

„Es muß sich ein Ausweg finden,“ erklärt er.

„Es findet sich keiner,“ betont sie.

„Wir können uns doch treffen, wie jetzt, Ditscha?“

„Nein!“ antwortet sie kurz und wirft den Kopf zurück.

„Du liebst mich nicht, Sophie!“

Sie denkt nach, ob sie ihm das „Nein!“ so schroff hätte sagen können, wenn sie ihn wirklich liebte. „Doch!“ beharrt sie unsicher, „es ist unmöglich, ich darf Dich nicht sehen, Hans.“

[278] „Du liebst mich nicht, Ditscha – es ist das beste, wir trennen uns – bekümmere Dich nicht mehr um mich! Es kommt ja in der Welt auf einen mehr oder weniger nicht an, der an solcher Geschichte zu Grunde geht, und Du kannst dann recht ruhig leben, weil Du nicht einen Schritt vom Pfade der sogenannten Wohlerzogenheit abwichest. – – Leb’ wohl – Du bist ein schönes kluges Mädchen, aber ein Herz hast Du nicht!“

Er ruft das letztere schon vom Pferde herunter, reißt das Tier herum und stürmt davon. Er ist ein guter Schauspieler, Hans von Perthien, und Ditscha gegenüber wird ihm die Rolle nicht einmal schwer. Sie ist ein himmlisches Mädel, wenn auch ein Eiszapfen und – alle Wetter, Beetzen doch am Ende auch nicht zu verachten; der tolle Kronen hat seit Jahren nichts verbraucht, und seine Frau ist eine Geborene von Zweifelden, das muß gefleckt haben! Wenn, um Gotteswillen, er, Hans, doch Mittel und Wege fände, diese Geschichte zu erzwingen!

Ditscha geht mit gesenktem Kopfe zurück; auf dem todeseinsamen dunklen Wege begegnet ihr plötzlich eine weibliche Gestalt in Mantel und Spitzentuch, die höflich zur Seite tritt.

„Fürchten sich denn gnä’ Fräulein nicht?“ fragt Grete Busch.

Betroffen schaut Ditscha sie an. – Grete muß Perthien noch gesehen, muß sie beide zusammen gesehen haben, ein Wunder, daß er sie nicht überritt bei seinem tollen Jagen! Hat sie die beiden belauschen wollen?

„Ich fürchte mich nicht, guten Abend,“ sagt Ditscha.

„Gnä’ Fräulein werden nämlich gesucht,“ berichtet Grete Busch weiter und geht neben ihr. „Der gnädige Herr Baron waren selbst vor unserer Thür. Da hab’ ich ihm gesagt, Fräulein Ditscha seien nach dem Erbbegräbnis zu gegangen – er wollte just zum Park hinaus.“

„Hätten Sie ihn doch gelassen, Grete Busch,“ antwortet Ditscha hochmüthig, „ich würde mich gefreut haben, wäre er mir entgegengekommen.“

Grete beißt sich auf die Lippen; sie hat einen Pik auf dieses vornehme Mädchen, das doch ganz gewiß nicht um ein Haar besser ist als sie, die sehr leicht beschwingte kokette Grete Busch, die nächstens einen spanischen Reitschulstallmeister heiratet, wie oll Mutter Busch sich ausdrückt, was annähernd der Wahrheit entspricht, nur mit der Variante, daß der Verlobte bloß Reitknecht ist im Cirkus Bandini und die Manege mit aufharkt zwischen zwei Piecen, und daß er allerdings ernstlich bestrebt ist, eine höhere Carriere einzuschlagen. Grete Busch, die zuweilen bei großen Aufzügen im Cirkus mit figuriert, lernte ihn da kennen, und mit Hilfe ihres kleinen Vermögens, das sie von dem Alten zu erpressen gekommen ist, will das Paar irgendwo ein Reitinstitut gründen. Grete findet diesen Beruf sehr vornehm, und „vormehm werden“ ist von jeher das einzige gewesen, worüber ihr thörichter Kopf ernstlich nachzudenken vermag.

Ditscha ist trotz alledem zu gutmütig, sich von dem Mädchen, mit dem sie als Kind gespielt, kurz zu verabschieden. So gehen sie nebeneinander bis an die Gärtnerwohnung, wo Grete scheinbar demütig „Guten Abend!“ wünscht, um gleich hinterher ein Paar bitterböser Augen zu machen.

Ditscha ahnt gar nicht, was für eine Feindin sie da eben verläßt. Sie kommt müde und verstört ins Haus zurück und weiß nicht, wie sie ihre Gedanken zur Ruhe hringen soll. Nichts ist ihr so schrecklich, als jemand wehe zu thun –. Wenn sie nur das eine wüßte, ob er sie wirklich so liebt!

Gedankenvoll sitzt sie bei Tische, mechanisch ißt sie und antwortet sie.

„Was hast Du in Nässe und Schnee so spät bei der Kapelle umherzulaufen?“ poltert Onkel Jochen.

„Ich war nicht bei der Kapelle, Onkel.“

„Aber der aufgedonnerte Zieraffe vom Gärtner hat mir’s doch gesagt!“

„Dann hat sie sich – dann hat sie Dich belogen, Onkel; ich war draußen auf dem Waldwege an der Birkenbank.“

„Verrückte Einfälle! Bertha, ich sage Dir“ – seine Gedanken sind schon wieder bei der Gärtnerstochter – „sieh Dir das Frauenzimmer an, was ist’s jetzt für ’ne Welt! Die Buschens sind doch brave Leute, und da haben sie nun so einen Kakadu ausgebrütet! Wenn ich Vater Busch wäre, ich nähme die Reitpeitsche und haute sie, bis die Lappen herunterflögen!“

Tante Bertha nickt, sie hat auch schon davon gehört. „Jochen, wir beide verstehen die Welt nicht mehr,“ erklärt sie, „wir kommen zu wenig hinaus. die alte Einfachheit sitzt vielleicht nur noch in unserem Winkel hier.“

„Zum Teufel,“ räsonniert er, „was thun wir noch hier, Berthachen!“ Und er schneuzt sich.

„Der Teufel, ja, Jochen, der Teufel!“ seufzt Tante Anna, „Du hast recht, Jochen, der Teufel hat die Grete Busch beim Kragen!“




Ditscha ist krank. Sie liegt auf ihrem Sofa, hat fieberheiße Wangen und fährt zusammen, sobald die Thür geht. Sie ist mit sich ins reine gekommen, sie hätte Hans nicht fortlassen dürfen, ihn, der sie so gebeten hatte, ihm Halt und Stütze zu sein. Wenn er sich nun totschießt aus Verzweiflung – wie soll sie das ertragen?

Sie hat wunderliche drei Tage verlebt; niemand kümmert sich um sie, oder liegt das an ihr? Sie hat doch sicher geglaubt, der Papa würde ihr ein gutes väterliches Wort schreiben – nichts! Der Papa hat freilich geschrieben, aber an Onkel Jochen, und zwar, daß er der Ansicht sei, Ditscha gegenüber die ganze Sache als eine Bagatelle zu behandeln und gar nicht davon zu reden. Junge Mädchen seien immer sehr geneigt, solche Ereignisse als riesig wichtig zu nehmen, nun gar Ditscha! Onkel Jochen ist völlig damit einverstanden und hat Tante Bertha instruiert und Tante Anna, und letztere hat den Befehl nach oben vermittelt an Tante Klementine und an Hanne. So kommt es, daß Ditschas Liebesangelegenheit wie von der Luft aufgesogen scheint.

Sie grübelt und grübelt und ist elend dabei geworden. Heute abend kommen Pfarrers und Oberförsters; sie kann sich zwar kaum aufrecht halten vor Kopfweh, aber sie beschließt, hinunterzugehen, denn es wäre ja möglich, daß man von ihm spricht. Die Oberförfterin ist die Tante ihrer besten Freundin Liesing, das junge Mädchen war einen Sommer lang im Forsthause und Ditscha hat sich mit der ganzen Wucht ihrer Empfindung auf diese Freundschaft geworfen. Als die kleine blonde Liese wieder zu ihrer Mutter ging, war Ditscha krank vor Kummer. Sie hat immer gehofft, Liesing würde wiederkommen, aber sie kam nicht, sie war im Gesellschaftsstrudel ihres Berliner Kreises untergetaucht, hat immer weniger Zeit gefunden zum Schreiben und nun – nun ist sie verlobt, nun ist’s aus! Sie fragt gar nicht erst die rundliche hübsche Frau: „Frau Oberförsterin, wie geht es Liesing?“ Die Sache ist abgemacht.

Bei Tische kommt die Rede auf die dörfliche Chronique scandaleuse. Buschens Grete wird abfällig beurteilt; die Schulzenfrau hat Zwillinge bekommen. Tante Anna sagt, sie wolle das Wappen an dem Kronenschen Kirchenstuhl frisch vergolden lassen, wozu Jochen von Kronen bemerkt, daß er sich das verbitte. Tante Bertha sefzt: „Wozu denn, Anna? Für Jochen und mich ist’s ja gut genug so!“

Frau Pfarrer, die sehr lebhaft ist und sich brennend für alles interessiert, was in der Stadt vorgeht, fragt die Oberförsterin nach dem Winterball des Bützower Kasinos. Die beiden Damen haben die Gewohnheit, sich mit dem Familiennamen anzureden, dem sie immer ein „chen“ anhängen.

„Ja freilich, Weberchen, war ich da!“

„War’s hübsch?“

„Ein schauderhaftes Gedränge, ganz hübsche Toiletten, aber an Tänzern fehlt es ja immer, und wenn nun gar noch –“

„Ja,“ sagt der Oberförster, „’s ist ein Skandal! Eine ganze Reihe hübscher kleiner Deerns, die alle keinen Tänzer haben – und dann steht da noch so ein blasierter Jüngling in den Thüren herum und sieht sich das erbarmungslos mit an.“

„Also, soweit sind wir nun in Bützow auch schon,“ bemerkt Jochen. „Weiß Gott, Berthachen, so was hätte unser Jung –“ er schluckt die Bemerkung hinunter.

„Ich habe dem Herrchen auch gründlich den Staar gestochen,“ erklärt der Oberförster, „und ihn gefragt, ob er zu enge Stiefeln habe.“

„Wer war’s denn?“

„Na, einer vom Domänenrat Calwerwisch, sein jüngster Stoppelhopfer, ein hübscher schneidiger Bengel, der da mit ein Paar Augen in das Vergnügen hineinguckte, als wollt’ er all die lütten Mädels vergiften.“

[279] „Ach ja,“ seufzt die Pastorin, „o die heutige Jugend! Weber, Du selbst hast Dich gefreut, wenn wir tanzten, weißt noch?“

„Statt dessen wird heute gespielt und getrunken,“ erklärt der Oberförster, „und zum Schluß des Balles saß der tanzfaule Kerl, geladen wie eine Haubitze, in der Gaststube und wußte nicht mehr, was er redete, konnte kaum noch die Zunge heben.“

Ditscha ist es, als stehe ihr das Herz still.

„Na, die beiden andern haben ihn dann mit Hilfe des Hausknechts in die Kutsche geladen, und der alte Calwerwisch mag nicht schlecht geschimpft haben.“

„Wie heißt denn der Gentleman?“ fragt Onkel Jochen laut.

„Ich weiß nicht,“ ist die Antwort. „Timpe war’s nicht und Reeden auch nicht, und drei hat Calwerwisch ja man; der neuste war’s.“

Aus Ditschas Gesicht ist alle Farbe gewichen. Das ist das Resultat ihrer neulichen Unterredung mit Hans, die Verzweiflung treibt ihn zu solchen Ausschreitungen, und wenn er zu Grunde geht, hat sie die Schuld. Sie kommt sich in diesem Augenblick vor wie das pflichtvergessenste Geschöpf in Gottes weiter Welt.

Nach Tische gelingt es ihr, ein paar Minuten auf ihr Zimmer zu entkommen und dort schreibt sie in fliegender Eile einen Brief an ihn, und später als der Onkel das vierte Glas hat und sie entlassen wird, läuft sie in den finstern Park hinaus zum Gärtnerhause. Es ist ungefähr neun Uhr, ein schneidender kalter Wind empfängt sie, aber die Wolken haben sich zerteilt und der angehende Mond hängt hinter dem kahlen Geäst der Bäume wie ein großer düsterroter Ballon. Buschens Hausthüre ist noch unverschlossen. Ditscha tritt rasch ein und klopft an die Stubenthüre.

„Herein!“ ruft eine Stimme.

Als Ditscha über die Schwelle kommt, erblickt sie Grete Busch, die vor der Kommode, zwischen den Fenstern, dem Spiegel gegenübersitzt und sich frisiert. „Ach, gnä’ Fräulein,“ sagt sie und erhebt sich.

„Guten Abend! Ist Dein Karlbruder da?“

„Nein, gnä’ Fräulein, der ist mit den Eltern auf meiner Base Hochzeit in Uechte – soll er was?“ Sie hantiert bei diesen Worten eilig und rasch mit einer heißen Brennscheere, und Ditscha sieht an den umherliegenden Garderobestücken, daß Grete Busch im Begriffe ist, Staatstoilette zu machen. Das Mädchen steht da in gesticktem Frisierjäckchen mit blauen Bandschleifen – so besitzt Ditscha keine – und ebenso gesticktem Unterrock an den Füßen kleine Lackschuhe und seidene Strümpfe.

„Ich will noch hin,“ sagt sie, „hatte man bloß keinen Platz mehr in Pachter Jonas’ Kutsche, hätt’ mich alles zerdrückt. – Da wart’ ich nu, bis er das zweite Mal fährt. Ist ja egal, ob ich ’ne Stunde später komme.“

Ditscha kämpft mit sich. Soll sie das Absenden des Briefes bis morgen aufschieben? Aber da ist der Junge sicher müde und verschlafen und bis morgen – wer weiß, was bis morgen geschieht! Sie überwindet sich, sie thut ja nichts Unrechtes.

„Da Du doch einmal nach Uechte kommst – würdest Du mir einen Gefallen thun?“ beginnt sie zögernd.

„Allemal!“ erklärt Grete und bindet einen Schleier über ihren hochgetürmten Lockenbau.

„Gieb Deinem Bruder Karl diesen Brief, er weiß schon –“

„Ich kann ihn doch auch besorgen? Wissen Sie, gnä’ Fräulein, so’n Jung ist manchmal nicht mehr ganz nüchtern und verliert so ’was. Nebenbei sollt’s mich wundern, wenn die Herrn Volontärs nicht auch bei der Hochzeit wären, mein Ohm ist ja Meier auf der Domäne.“

Ditscha giebt ihr den Brief; es ist ihr merkwürdig unheimlich zu Mut dabei und sie hätte ihn am liebsten sofort zurückgenommen, als sie das pfiffige Gesicht sieht, das ganz verklärt ist von einer eigentümlichen Freude. Ditscha hat ’mal ein Bild gesehen, das Bild eines Mädchens mit einem Flämmchen auf dem Haupte, das am Rande eines dunklen Weihers steht und mit dem nämlichen Ausdruck des Gesichtes auf einen Menschen blickt, der mit den Fluten ringt. „Irrlicht!“ stand darunter; zu wunderlich, daß ihr dies heute einfällt!

Draußen fährt jetzt ein Wagen vor und Grete bittet um Entschuldigung, aber sie müsse sich eilen. Sie wirft ganz ungeniert ihr Jäckchen ab und streift ein hellgrünes, mit Spitzen besetztes Kaschmirkleid über, Fächer und Handschuhe liegen auf dem Tische.

Eine herausfordernd elegante Toilette, denkt Ditscha und starrt auf ein Paar Similibrillanten, die in Gretes Ohren funkeln. „Gute Nacht, Grete,“ sagt sie dann kurz, „bestelle es richtig – ich danke Dir auch.“

„Gute Nacht, gnä’ Fräulein –. Gnä’ Fräulein, ach sagen Sie doch nichts an gnä Fräulein Anna von meinem Staat. Sie war gestern abend hier und so böse, ich sei ’was hoffärtig geworden.“ Dabei wieder dieses Lächeln, das ohngefähr bedeutet: „Ich thue nur so, ich weiß schon allein, daß Du nichts verrätst.“

Ditscha verläßt ohne zu antworten das Haus. Jetzt hat sie den Wind im Rücken, der Mond ist voll aufgestiegen und tageshell liegt der Garten.

Ihr ist unbeschreiblich weh und angst zu Mute, geradezu kleinmütig. Wenn er nun nichts wieder von Dir wissen will? fragt sie sich. Er hätte recht! So ein kleinlich engherziges Geschöpf, das sich fürchtet, ein paar gesellschaftliche Schranken zu übersteigen, und einen Menschen zu Grunde gehen läßt deshalb!

Im Turmgeschoß ist noch Licht, Tante Klementine wird da mit Hannes Hilfe den Mond ein wenig aufs Korn genommen haben; im Stockwerk darunter, wo Tante Anna residiert, ist’s ebenfalls erleuchtet. Ditscha schlüpft ins Haus und läuft die Treppe hinan. Es ist eine breite, mit der Raumverschwendung früherer Zeiten angelegte Treppe, die von der rechten Seite des riesigen Flurs nach oben führt. Die ebenfalls altmodische Dimensionen aufweisende Lampe unter der Balkendecke der Halle verbreitet, da nur eine Flamme angezündet ist, ein sehr schwaches Licht.

Auf dem breiten Absatz der Treppe nahe der tiefen Fensternische, in der Ditscha so gern gespielt hat mit ihren Puppen – es ist wie ein winziges Stübchen, zu dem ein paar Stufen führen – bleibt sie stehen und schaut zurück.

Eine Thür ist gegangen, die Wohnstubenthür; Onkel Jochen und Tante Bertha suchen ihr Schlafzimmer auf, das jenseit des Flurs nach dem Gutshofe hinaus liegt. Es ist zehn Uhr vorüber. Ditscha duckt sich unwillkürlich, sie möchte nicht gesehen werden und sinkt plötzlich auf die nächste Stufe nieder und ihre Augen heften sich völlig entsetzt auf die Personen, die da langsam durch die Halle gehen.

Onkel Jochen! Um Gotteswillen – Onkel Jochen? Wie er schwankt! – Tante Bertha stützt ihn – Ditscha erkennt das hochgerötete Antlitz des alten Herrn, aus dem die Augen so seltsam stier blicken, und den stillen bekümmerten Zug der Tante ganz genau.

„Berthachen,“ lallt er, ganz unbeholfene unsichere Tritte machend und seinen Foulard schwenkend, „das ist – das ist ja alles nur dummes Zeug – und wenn ich Dir sage, mir schadet der Grog nicht – so – so schadet er mir nicht –“

„Ja, ja, Alter – aber es war wirklich kein Rum mehr in der Flasche,“ spricht sie sanft, fast zärtlich, und steuert ihn der Schlafstube zu.

„Berthachen – wenn der Achim bei uns geblieben wär’ – er – er hätte mir noch Rum geholt – Du kannst’s glauben – aber weil er nicht da ist – ach du verdammter Bengel – – was braucht’ er – – aufs Eis – zu laufen – Mutter – was braucht’ er – –“

„Jochen, da ist die Stufe – komm nur,“ unterbricht sie ihn.

Er aber bleibt stehen. „Und wenn wir ihn wenigstens gefunden hätten – wenn er da läge in der Ka – Kapelle, dann legte ich mich auch hinein!“ schreit er schluchzend, „aber – so – habe ich keine Lust – hinein – hörst Du? Ich habe keine Lust – ich will nicht – Berthachen – wenn wir ihn nur wenigstens – gefunden –.“

Tante Bertha hat den Wankenden glücklich über die Schwelle geschoben, die Thür schließt sich hinter ihnen, und Ditscha sitzt noch immer zitternd da mit einem nie gekannten Gefühl von Ekel und Mitleid. Als sie hinter sich etwas rascheln hört, fährt sie mit einem schwachen Schrei empor.

„Hanne,“ stottert sie dann, „o Hanne, was war das mit Onkel?“

Die kleine Frau mit dem runden Apfelgesicht und den immer in Thränen schwimmenden Augen schüttelt den Kopf. „O, nichts nich, gnä’ Fröln, ’s ist man bloß seine Art, sich um den Junker to grämen.“

[280] „Mein Gott!“ ruft das blasse Mädchen. „Er betrinkt sich aus Gram?“

„Fröln Ditscha, he ist de Erste nich,“ bemerkt Hanne.

„Ja! ja!“ stammelt sie und legt die Hand an die Stirn, die schwankende Gestalt, die lallende Stimme – wie furchtbar, welches Elend, welch menschenunwürdiger Zustand! – Und er, er hat sich auch betrunken auf dem Bützower Balle, und sie ist schuld daran!

„Se möten nich so dorüm barmen, Fröln Ditscha,“ tröstet Hanne, „he is doch en gooden, en sehr gooden Herrn, is ja auch nich immer so wie hüt abend – blot so um Wihnachten herüm, wenn de ollen Erinnerungens kommen, denn äwernimmt em dat und he will Vergeten drinken ut sin ollen Grog, und Gott wird’s ihm nicht vor ’n volle Sünd anreken – dat is min Meinung. Nu aber gahn Sei slapn, gnä’ Fröln.“

Ditscha geht in ihr Zimmer, das Herz voll Entsetzen und doch völlig bestärkt in ihrem Entschlnß, Hans von Perthien vor Aehnlichem zu bewahren. Sie will alles thun, daß er nicht so wird – sie muß es thun, es ist ihre Pflicht. Er soll gerettet werden!




Am anderen Morgen traut Ditscha ihren Augen kaum, als bei der Frühandacht zwischen Hanne und dem jungen Stubenmädchen – Grete Busch sitzt. Grete Busch mit glattem Scheitel, in einfachem schwarzwollenen Kleide und Kattunschürze. Sie sieht blaß aus, hält die Hände gefaltet im Schoß und den Blick gesenkt.

Tante Anna hat zu ihrer Morgenbesprechung den Spruch gewählt: Erster Brief Petri 3, 3 und 4: „Ihr Schmuck soll nicht aufwendig sein mit Haarflechten und Goldumhängen oder Kleideranlegen, sondern der verborgene Mensch des Herzens unverrückt mit sanftem und stillem Geist, das ist köstlich vor Gott.“ Und hieran knüpft sie eine Betrachtung, die zu einer donnernden Strafpredigt sich steigert, des Inhalts, daß die Leute, die ihres Standes und Herkommens vergessen, absolut nicht für den Eintritt in die Seligkeit geeignet sind, daß einzig und allein Demut not thue, und daß, wenn eine Gärtnerstochter sich gebärden wolle wie eine Baronin, noch niemals etwas Gutes daraus entstanden sei, weder hier zeitlich, noch droben ewiglich.

Grete wird ein klein wenig rot, hebt aber den Blick nicht. Die Dienstleute schauen alle auf sie hin, Tante Bertha hat augenscheinlich gar nicht zugehört und Onkel Jochen nickt fast unmerklich seiner Schwester zu, als wolle er sagen, diesmal hast du ausnahmsweise recht!

Er sieht schrecklich bleich aus, Onkel Jochen, nur die Nase ist gerötet und die Augenränder; er leidet physisch und moralisch unter der Nachwirkung des gestrigen Abends.

Nach der Andacht küßt Grete auffallend unterthänig Tante Annas Hand, knixt noch ein paarmal vor der Herrschaft und geht dann mit den anderen aus dem Zimmer. Ditscha hilft Tante Bertha, wie alle Tage, die Nippsachen vom Staube reinigen und sieht sie währenddem von der Seite an. Tante Bertha ist nicht anders wie sonst, sie putzt und reibt die kleinen Meißener Rokokofigürchen mit so trauriger Miene und so viel Hingebung wie immer, und Ditscha überlegt, ob das Seelengröße oder die Macht der Gewohnheit ist, was sie so ruhig sein läßt.

Bevor sich Ditscha ans Klavier setzt, geht sie noch einmal in ihr Zimmer hinauf und erschrickt nicht wenig, als sich vom Stuhl in der Nähe der Thür eine Gestalt erhebt – Grete Busch.

„Entschuldigen, gnä’ Fräulein, ich komme mit der Antwort von Herrn von Perthien. Ich wußte nicht anders mich ins Schloß zu schmuggeln, als daß ich in die Andacht kam, gnä’ Fräulein Anna hatte mir g’rad’ vor ein paar Tagen gesagt, wenn’s mich einmal drängt, Gottes Wort zu hören, sollte ich nur in die Andacht kommen.“

Ditscha ist dunkelrot geworden vor Empörung über diese leichtsinnige, gottvergessene Rede und das übermütige Kichern des Mädchens.

„Wo ist der Brief?“ fragt sie kurz und tritt auf die andere Seite des Zimmers.

„Ein Brief? Ja, wie soll denn Herr von Perthien bei nachtschlafender Zeit einen Brief schreiben, noch dazu auf dem Tanzboden, wo alle Tische voll von Leuten sitzen und mit Bier begossen sind? Er hat nur so einen Zettel aus dem Notitzbuch gerissen und mit Bleistift darauf gekritzelt – da ist’s!“

Ein winziges Bapier liegt nun in Ditschas Hand, zusammengefaltet wie eine Pulverkapsel aus der Apotheke, unversiegelt und jedenfalls von Grete gelesen.

„Ich danke Dir,“ sagt sie, und aus ihrer Börse ein Geldstück nehmend, will sie es Grete in die Hand drücken.

„Dank’ schön!“ wehrt diese und macht eine Faust, „ich nehme nichts, hab’s aus Gefälligkeit gethan – soll ich auf Antwort warten?“

Ditscha schüttelt den Kopf und dreht ihr den Rücken zu, indem sie sich irgend etwas zu schaffen macht an einem Strauß getrockneter Gräser, den sie im Sommer gepflückt hat und der nun in einer braunen Majolikavase das Wandbort ziert.

„Adieu, gnä’ Fräulein!“

„Adieu!“

Sobald sich die Thür hinter dem Mädchen geschlossen hat, reißt Ditscha das Papier auf. Kaum lesbar steht da:

„Ich danke Dir. Morgen, gegen Abend, an der bewußten Stelle. Ich muß Dich sehen. H. v. P.“ 

Sie fühlt ein starkes Unbehagen, aber sie muß hingehen, sie muß, sie will und darf nicht an sich denken.

Gegen Abend regnet es fürchterlich. Ditscha sitzt am Fenster und späht hinaus, die Wege des Parks gleichen kleinen Flüssen. Im Hause ist es totenstill wie immer, die Uhr des Turmes hat schon ihre fünf schrillen Klänge in die Dunkelheit hinaus gesandt. Ditscha legt den Regenmantel und das Filzhütchen wieder ab – es ist ja doch keine Möglichkeit, daß er dort wartet auf sie, bei dem Wetter! Dann nimmt sie zögernd die Hülle wieder um. Sie darf nicht fehlen; es kann ihr ja auch nicht schaden, wenn sie ein wenig naß wird, sie hat feste Lederstiefelchen. – Und wenn sie jemand trifft auf dem Gang durchs Haus? Er muß sie für verrückt halten, muß sie hindern, in das Wetter hinauszugehen.

Aber sie gelangt ungesehen die Treppe hinunter und huscht an der Dielenuhr vorüber, die, ohne sich zu verwundern, ihren Pendel weiter schwingt. Ach, was hat sie schon alles gesehen, diese Uhr! Gespenstisch einsam ist dieses Haus. – Ditscha hebt den Drücker, öffnet nur ganz wenig den schweren Thürflügel und schlüpft hinaus. Der Regen sprüht ihr ins Gesicht, sie achtet seiner nicht, sie eilt durch die Wege; ihre Füße plätschern im Wasser, sie fürchtet nicht die Nässe. Am Gärtnerhause, am Zaun, der den kleinen Garten umfriedigt, in dem Mutter Busch ihre Geißblattlaube steht, vertritt ihr eine Gestalt den Weg.

„Pst! gnä’ Fräulein!“

Es ist Grete Busch, die ein Tuch übergeworfen hat und hinter ihr hereilt.

„Gnä’ Fräulein, kommen Sie doch – Herr von Perthien ist drinnen.“

„Wo?“ fragt Ditscha, sichtlich betroffen.

„In unserer guten Stube. Sie können sich doch bei dem Wetter nicht hier draußen sprechen, Sie würden ja pitschenaß, gnä’ Fräulein.“

Ditscha steht unschlüssig da.

„Kommen Sie doch nur, gnä’ Fräulein, es sieht Sie ja niemand! Vater ist im Gewächshaus und Mutter liegt im Bette, sie hat sich gestern abend erkältet.“ Und Grete schiebt ihren Arm unter den Ditschas. „Hier herüber, gnä’ Fräulein, da ist g’rad’ die Pfütze vor der Thür – etwas mehr rechts – so – so –“

Und Ditscha geht durch das Vorgärtchen und tritt in das Haus. Als sich die Thüre hinter ihr schließt, deren Schelle Grete sorglich festhält, macht sie jäh eine Bewegung zur Umkehr. Die ganze Wucht dieses Schrittes, der finstere Schatten kommenden Unglücks überfällt sie so machtvoll und deutlich, als enthülle ihr der Blitz eine dunkle Gegend, als sei sie hellseherisch geworden. Aber im nämlichen Augenblick fühlt sie sich festgehalten und umschlungen.

„Ditscha, mein Leben, meine Retterin, mein Glück!“

Sie stößt ihn zurück und sieht sich um, Grete ist verschwunden. Mit zwei Sprüngen ist Ditscha an der Hausthür, um davonzulaufen – da steht er neben ihr.

„Geh’ nur,“ sagt er traurig, „ich halte Dich nicht – ich wußte ja, wie es kommen wird.“

Sie legt einen Augenblick die Hand an die Stirn, dann wendet sie sich um und reicht ihm die Hand. „Verzeih’,“ bittet sie leise.

[294] In der guten Stube der Mutter Busch brennt eine Lampe. Ditscha sitzt auf dem Sofa, Hans geht im Zimmer auf und ab, keines spricht ein Wort. Sie wagt nicht, die Augen aufzuschlagen, sie hat weiter keine Gedanken, als daß sie etwas thut, was sie nicht darf und das sie doch thun muß.

Er kommt endlich herüber und kniet vor ihr nieder. „Ditscha, ich danke Dir, ich weiß, wie schwer Dir diese Heimlichkeit wird, aber verlaß mich nicht! Du ahnest nicht, was ich in diesen Tagen gelitten habe.“

„Wirklich?“ fragt sie.

„Ich habe nichts vornehmen können, nicht arbeiten, nicht ruhen, immer in dem einen Gedanken, sie liebt dich nicht – sie liebt dich nicht! Ach, ich hätte Lethe trinken mögen, um Dich zu vergessen, oder, da der edle Stoff leider nicht mehr verzapft wird auf dieser jämmerlichen Welt – Wein, Wein!“

Sie faltet plötzlich die Hände. „O, thue das nicht,“ bittet sie kindlich, „thue nur das nicht, es ist ja fürchterlich, und – ich bin so verzweifelt gewesen, als ich erfuhr, daß Du in Bützow so –“

Er lächelt, als er aber in ihr Gesicht blickt, versteht er sie und wird ernst und düster. „Wenn der gute Engel sein Antlitz fortwendet –“ murmelt er.

„Was soll nun werden?“ fragt sie nach einer langen Pause, während welcher er ihre beiden Hände abwechselnd an die Lippen drückt.

„Ich weiß es nicht,“ antwortet er, „alles hängt von Dir ab. – Wenn Du mir gut bleibst, wenn ich Dich sehen darf zuweilen, Deine Hand küssen darf, dann will ich so brav, so fleißig, so zufrieden sein, Ditscha!“

„Um Gotteswillen – wo soll ich Dich sehen? Ich kann doch nicht wie eine Baunerndirne Dich abends auf der Straße treffen!“

„Nein, das kannst Du nicht, und es wird auch Winter.“

„Onkel erlaubt nicht, daß Du kommst – ach, und jetzt um Weihnacht herum erst gar nicht. Unser Haus ist wie ein Grab, mich schaudert’s, wenn ich daran denke, daß es wieder Weihnacht wird.“

„Ich sage Dir, Ditscha, ich muß Dich sehen!“ ruft er heftig.

Sie zuckt die Schultern unmerklich und blickt ihn ratlos an.

Hier würde es doch gehen, Ditscha?“ „Hier? Nein – nein! Diese Grete Busch betrachtet mich mit so wunderlichen Augen. – Ich kann sie nicht leiden, ich glaube, sie muß schlecht sein. – Bitte, nicht hier!“

„Aber sie ist nun einmal eingeweiht!“ ruft er aus.

„Und wer that das?“ fragt sie heftig.

Du, mein Närrchen, mein liebes! Oder glaubst Du, diese Grete ist auf den Kopf gefallen? Wenn ein schönes Mädchen ihr einen Brief an einen jungen Herrn übergiebt, da soll sie wohl denken, es handelt sich um – ja, um was denn gleich – um ein Stickmuster oder dergleichen?“

Ditscha senkt den Kopf und beißt sich auf die Lippen.

„O, Du liebst mich nicht, Ditscha, zwinge Dich nicht!“ seufzt er und stellt sich an den Thonofen, in dem ein bißchen Torf glimmt. „Weißt Du, solche Geschichte ist schlechterdings nicht möglich durchzuführen ohne eine Helferin. Sie ist ein fideles Haus, diese Grete. – Und was sie sich denkt? Gar nicht viel, eben nur, daß wir zwei Menschen sind, die sich liebhaben, die nicht zusammenkommen sollen und nicht voneinander lassen können, und wenn sie noch was denkt, so ist’s: ‚Arme Seelen, ich will Euch helfen, damit Ihr nicht untergeht in Sehnsucht und Verzweiflung‘; und das thäten wir ja, Ditscha – das heißt ich, von Dir weiß ich’s ja nicht, glaube es fast nicht – aber ich – Teufel, mir ist das Leben keinen Pfifferling wert ohne Dich!“

„Bitte, sage das nicht.“

„Ich sage es aber doch!“ stößt er hervor und wirft die Reitpeitsche auf den Tisch, „ich sage es doch, denn es ist die Wahrheit; und verläßt Du mich – na – Du weißt ja –“

Ditscha denkt an Onkel Joachim, an den trunkenen Onkel Joachim. „Hier, hier also – ich werde kommen – aber –“

„Kein Aber!“ Und er kniet wiederum nieder und gebärdet sich wie närrisch vor Glück und Dankbarkeit, während dem Mädchen ein paar große Tropfen aus den Augen laufen und ihre Hände auf seinem Kopfe ruhen, eine Situation, so matronenhaft wie möglich, als ob eine Mutter ihren scheidenden Sohn segnet.

„Darf ich’s meiner Mutter schreiben?“ fragt er. Und wie sein bildhübsches Gesicht zu ihr aufschaut mit den kecken blitzenden Augen, nickt sie.

„Thue es und grüße sie von mir, Hans!“

Dann erhebt sie sich und sucht nach ihrem Mantel. Den üblichen Abschiedsküssen zu entfliehen, gelingt ihr nicht. Sie verläßt vor ihm das Haus, er hat’s übernommen, Grete zu verständigen.

Grete lacht, als er ihr auseinandersetzt, daß seine Braut und er sich hier treffen wollen. „O je,“ sagt sie, „das gnädige Fräulein – na ja – ’s ist überall dasselbe, ein Mensch ist wie der andere, immer die gleiche Geschichte, na – mir kann’s recht sein.“

„Werden Sie nicht unbescheiden, mein Kind,“ sagt er gönnerhaft und nachlässig, „es ist nicht immer dasselbe, wenn sich’s auch gleich ansieht.“ Er hat seine Mütze aufgestülpt, nickt ihr nochmal zu und verläßt die Stube. Ihr spöttisches Kichern schallt hinter ihm her, und als er sich umwendet, sieht er, wie sie ihm eine Nase macht.

„Tolle Person!“ spricht er vor sich hin, ohne sich weiter darum zu kümmern.




Im Herrenhause geht alles seinen alten Gang. Die Tage werden kurz, die Abende endlos, draußen bleibt’s beim naßkalten Wetter.

„Grüne Weihnacht!“ murmelt Onkel Jochen, „’s könnte immer grüne Weihnacht sein, dann wär’ niemals Eis gefroren und – dann – ja dann –“

Tante Klementine beobachtet Ditscha so viel sie kann, und Hanne muß spionieren. „Sie scheint sich die Unglücksaffaire endgültig aus dem Kopfe geschlagen zu haben,“ ist das Resultat dieser Beobachtungen.

Ditscha ist stiller und träumerischer als je, nur manchmal hat sie Momente, wo sie wie von innerer Unruhe förmlich umher gejagt zu werden scheint. Tante Klementine hat unsägliches Mitleid mit dem Kinde, das in dieser Atmosphäre von Gram und Wärmelosigkeit leben muß. Sie beschließt, ihr auf eigne Faust und ganz heimlich eine kleine Weihnachtsfeier zu bereiten, denn, wenn auch ein Weihnachtsbaum nicht ins Haus kommen soll, hier oben bei ihr darf er gewiß erstrahlen.

„Hanne, Du läßt mir ein hübsches Bäumchen aus der Schonung holen und besorgst Lichter,“ befiehlt sie, „denn in diesem Jahre ist’s doppelt trübselig für unser Kind. Hanne, ich meine doch, es wäre viel weniger schwer für Ditscha, diese traurige Weihnacht zu ertragen, wenn ihr jemand die Wahrheit sagte. Ich verstehe die dumme Prüderie nicht, Hanne,“ fügt sie hinzu, „ich bin überzeugt, wenn Ditscha wüßte, daß sie ein Geschwisterchen haben soll, es würde sie mit größter Freude erfüllen.“

„Ja, natürlich, gnä’ Fröln,“ pflichtet Hanne bei, „aber wenn’s der Herr Papa nu’ mal partout nicht will, daß sie’s wissen soll?“

Ach, wie recht hatte Tante Klementine! Was hätten sie verhindern können, wenn diesem einsamen jungen Geschöpf gesagt worden wäre: „Es wird etwas da sein um Weihnacht, das Du lieben darfst von ganzer Seele, mit der ganzen großen Liebesfähigkeit Deines Herzens. Nicht aus irgend einem nichtigen Grunde wirst Du fern gehalten vom Vaterhause.“ – Wie oft hat Tante Klementine bereut, nicht Ditschas Hand genommen zu haben, um ihr zu sagen: „Freu’ Dich, Ditscha, in diesem Jahre wird Dir ein Bruder geboren oder eine Schwester.“

Tante Klementine hofft so viel, so außerordentlich viel von diesem kleinen Künftigen. Erstens hofft sie, daß es ein Junge sei. Jochens wegen und Beetzens wegen, ein Erbe, ein Ersatz. Joachim mit seinem kinderguten Herzen würde ja für einen kleinen Baron Kronen doch ein wärmeres Interesse haben, wenn er auch den Liebling seines Herzens nie vergessen könnte. Und dann hofft sie für Ditscha und für das ganze alte Haus; sie ersehnt das Kleine, wie die nächtliche Erde die Sonne ersehnt, denn es soll Licht und Wärme bringen und neues Leben. Vorläufig freilich hat die Nachricht von der Erwartung eines Erben bei Jochen [295] und seiner Frau scheinbar eine noch tiefere Trauer verursacht, sie hatten mit seltsam blassen Gesichtern dagesessen, als ob sie’s nicht überleben würden, den Thron von Beetzen anders besetzt zu sehen als von ihrem Sohne. Es wäre in diesen Novembertagen den beiden Trauernden das Liebste gewesen, ein Abgrund thäte sich auf und verschlänge ganz Beetzen und sie dazu und ihre ewig wehen Herzen.

Niemand merkt etwas von Ditschas Liebe. Erstlich hätten sie es samt und sonders für ganz unmöglich gehalten, daß eine Tochter des Hauses von Kronen heimliche Zusammenkünfte habe mit dem Manne, der ihr versagt sein sollte nach weisesten Familienbeschlüssen, und zweitens – nochmals derselbe Grund: die Sache ist abgemacht. So lange das Geschlecht derer von Kronen besteht, hat nie ein Fräulein dieses Hauses anders gefreit als mit vollster Billigung sämtlicher Familienmitglieder, immer ist’s eine passende Partie gewesen, immer waren es geregelte Verhältnisse, in die sie eintrat, nach üblicher streng bemessener Verlobungszeit unter den Augen der Mutter, als eine gemessene würdige Braut zum Altar schreitend, um auf irgend einem Edelsitz eine tüchtige, hochansehnliche, tadellose Hausfrau zu werden.

Man achtet also nicht mehr als gewöhnlich auf Ditscha – die Sache ist abgethan! Sie merken es auch nicht, daß das schöne Mädchen still und stiller wird. Sie zieht sich vor jedem Scherz Jochens, der beim dritten Glase Grog nach wie vor erfolgt, blutrot und verletzt zurück, und weder dem Onkel noch der Tante fällt das auf, denn Jochen von Kronens Lustigkeit ist ja nur ein Aufflackern, das mit dem vierten Glase bereits erlischt, um dem alten Elend zu weichen. Tante Klementine sieht ein wenig schärfer, aber auch nicht genug, nur das sieht sie, daß die Stimmung des Mädchens wechselt, daß sie von der tiefsten Niedergeschlagenheit zur schrecklichsten nervösen Gereiztheit sich steigern kann, daß sie entweder gar nicht spricht oder lange Reden hält von Pflicht, von Liebe, von Selbstlosigkeit – Dinge, die die kranke Dame nicht versteht, und die sie mit dem Hinweis auf irgend etwas Alltägliches herabzustimmen sucht.

Arme Ditscha! Sie kann’s nicht mehr ertragen, wie’s jetzt ist, sie, der Lüge und Heimlichkeit so schrecklich sind, daß es ihr wie ein Gang zum Schafott erscheint, wenn sie zur Gärtnerwohnung hinüber schleicht, um dort Hans von Perthien zu sehen, Hans, der sie immer mit demselben Vorwurf empfängt, daß sie ihn nicht liebe, der sich in den bittersten Ausdrücken beklagt über die jammervolle Heimlichthuerei, und der stets damit endet, sie anzuflehen, daß sie ihm treu bleibe, ihn rette, und jedesmal sein Ehrenwort darauf giebt, er werde sich, wenn sie ihn verließe, in den Strudel stürzen, wo er am tiefsten, und daß es ihm bei Gott! gleich sei, wenn man ihn eines Morgens aus der Gosse auflese!

Mitunter spricht er auch von seiner Mutter und wie lieb es sein wird, wenn sie dann beide auf Wandersleben wohnen und Ditscha der alten Dame die Schlüssel abnimmt und spricht: Jetzt ruhe Dich aus, ich sorge für Dich! – „Nicht wahr, das soll ein Leben werden in richtiger treuer Pflichterfüllung, Ditscha? Denn, siehst Du, Arbeit und Treue zu seinem Beruf, das ist das Wahre.“

Er hat jetzt herausgefunden, daß Ditscha das Leben ernst nimmt, daß sie krank ist aus Sehnsucht nach Aufopferung und Liebe, ernster wahrer Liebe. Tändelei, Liebelei und Koketterie sind ihr völlig fremd.

Sie leidet Höllenqualen bei diesen Zusammenkünften. Sie sitzt auf dem Sofa, die Hände zusammengepreßt, bei jedem Geräusch erschreckend, das schöne kindliche, doch ernste Gesicht überflutet bald eine tiefe Röte, bald eine fahle Blässe, sie ist hundertmal daran, zu rufen: „Ich ertrag’s nicht länger – gieb mir mein Wort zurück!“ Dann sieht sie wieder Onkel Jochen vor sich, schwankend, lallend, und dann schweigt sie. Grete Busch kommt gewöhnlich mit ihrer Arbeit und setzt sich zu dem jungen Paar an den Tisch; der Karlbruder ist auf Wache gestellt, falls Mutter rufen oder Vater sie suchen sollte. – Ditscha wünscht Gretes Gegenwart, obgleich sie ihr unsagbar unsympathisch ist, und Hans von Perthien hat erst recht nichts einzuwenden, denn der „tugendhafte kleine Eiszapfen“, der beim Kommen und Gehen ihm kaum einen Kuß gestattet, der seine überaus strengen Ansichten so bestimmt und kurz verficht, überhaupt so unbräutlich wie möglich sich gebärdet, macht die Situation zu einer ziemlich ledernen, wie er meint.

Grete bringt etwas Humor hinein. Sie erzählt von ihrem Berliner Leben, soviel sie es für gut findet, und bisweilen pfeift sie die Melodie irgend eines Couplets, zu dem Hans die Worte kennt und sich dann totlachen will, wobei Ditscha ihn erstaunt ansieht und Grete unentwegt weiter pfeift mit einer Verve, als wenn sie ein Berliner Gassenjunge wäre. Ehe die Abschiedsstunde schlägt, entfernt sich Grete diskret und Hans von Perthien hat noch Gelegenheit, Ditscha zu versichern, wie sehr er sie liebt und daß er ohne sie verloren ist.

Mutter Busch liegt noch immer krank. Sie ahnt nicht, was da in ihrer guten Stube vor sich geht, Vater Busch merkt’s auch nicht, er döst so vor sich hin und betritt überhaupt den Raum nie. Die Hoffahrt seiner Frau, eine gute Stube zu besitzen, hat ihn immer empört. Er hätte das Zimmer lieber zur Schlafstube gehabt, die nun oben liegt. „Na aber, de Wiwer don’t nich anners, un ein Glasschrank mit’n paar vergoldete Tassen geiht jümm över de Gemütlichkeit.“

Nun kommt die Zeit, wo die alte Gärtnersfrau wieder aufstehen soll, und Grete ist selbst unsicher, ob die Mutter nichts merken wird, und ob sie, wenn sie etwas merkt, auch stillschweigt. „Sie wäre imstande und ginge geradeswegs zum Herrn Baron,“ erklärte Grete eines Tages, „Mutter ist so snurrig in so etwas!“ – Grete weiß aus eigener Erfahrung, wie „snurrig“ Mutter Buschens Ansichten „in so ’was“ sind, und daß die brave ehrliche Frau lieber sterben würde, als dem gnädigen Fräulein Ditscha Gelegenheit geben, ihren Schatz hinter dem Rücken des Herrn Onkels in ihrem, Mutter Buschens, Haus zu empfangen, Fräulein Ditscha, die ihr Liebling und ihr Stolz ist, und die die alte Frau den Sonnenschein von Beetzen nennt.

Die drei jungen Menschenkinder sind wieder in der „guten Stube“ versammelt, als Grete im Flüsterton diese Andeutungen macht. Es ist der sechzehnte Dezember herangekommen und Ditscha ist in der Zeit mager und elend geworden, denn sie weint die Nächte hindurch und schwankt zwischen Selbstverachtung und Opferfreudigkeit.

„Und überhaupt,“ fährt Grete fort, „es muß nun doch ’mal anders werden, gnä’ Fräulein Sophie. Ich heirat’ gleich nach Neujahr und dann geh’ ich nach Berlin, und Mutter, ich hab’s schon gesagt, gnä’ Fräulein, Mutter erlaubt’s nicht, daß sich gnä’ Fräulein hier Rendezvous geben, sie ist so snurrig.“

Ditscha, die auf dem Sofa sitzt, hebt die Augen nicht vom Boden und ist sehr blaß. Hans von Perthien steht am Ofen und Grete setzt sich nach einem „Ist’s erlaubt?“ an den Tisch vor die Petroleumlampe und stickt emsig an einem Rückenkissen weiter; sie kann dabei sprechen, denn sie füllt nur aus, der Pferdekopf mit wallender Mähne ist bereits fertig in grau und weißen Perlen. Dieses geschmackvolle Stück soll das Sofa in Gretes künftigem Heim schmücken und vorläufig als Weihnachtsgeschenk für ihren Alfred dienen.

„Ditscha, wie soll das werden?“ singt Hans von Perthien sein altes Lied, „ich ertrag’s nicht, wenn ich Dich nicht sehe.“

„Ich wüßt’, was ich thät’,“ erklärt Grete, „ich heiratete heimlich – nachher, da ist nichts mehr dran zu ändern, da müssen die Herrschaften zufrieden sein.“ Grete hat blühende Schilderungen von heimlichen Trauungen in ihren Colportageromanen gelesen, besitzt aber keine Ahnung, ob so etwas wirklich möglich ist. Ditscha ist so unerfahren, sie weiß überhaupt gar nichts von Recht und Gesetz als das, was man so gewöhnlich erfährt, sie hat wohl schon von heimlichen Trauungen gehört, aber sie schüttelt den Kopf.

Hans von Perthien beißt sich auf die Lippen. Grete hat da etwas ausgesprochen, das er schon längst vorschlagen wollte und sich dennoch scheute, es zu thun vor Ditschas reinen Kinderaugen. Daß eine heimliche Trauung völlig unmöglich ist hier zu Lande, das weiß er ja, aber – wenn er Ditscha bereden könnte, mit ihm zu fliehen, dann würden Papa und Onkel Kronen doch schließlich sehr bald die Trauung folgen lassen, und – Hans von Perthien ringt wie ein Ertrinkender mit seinen Gläubigern, und außerdem, er ist wahr und wahrhaftig vernarrt in das schöne Geschöpf, und mit ihr und ihrem Erbteil kann er auf Wandersleben, da droben am Harz, residieren wie ein kleiner Fürst. Es ist obendrein so hundemäßig langweilig in der Welt, und wenn ’mal wirklich etwas Romantisches passiert, so ist’s eine Wohlthat für eben diese Welt. Möglicherweise wird die Geschichte einen großartigen Lärm absetzen und alle üblichen Register werden aufgezogen werden – Vaterfluch – Enterbung, Verachtung Ditschas und ihres Erkornen, aber nein, sie werden still sein, ganz still.

[296] Grete stichelt unbeirrt weiter. Ditscha sieht sich im Geist auf Wandersleben – ja, wenn’s so sein könnte! Das Herrenhaus kennt sie genau aus Hansens Beschreibung, es liegt im schattigen Garten und von seiner Terrasse aus sieht man die blauen Harzberge. Und auf dieser Terrasse sitzt Mama Perthien mit dem Strickzeug, Mama Perthien, der Hans so ähnlich sein soll; daneben im Lehnstuhl Papa Perthien, und beide lächeln, denn die Last des Lebens ist von ihren Schultern genommen, und Ditscha schenkt ihnen Kaffee ein und meint, Hans, ihr Mann, muß gleich zurückkommen vom Felde, und Papa Perthien streichelt Ditschas Hand und sagt: „Daß der wilde Bursche so ein prächtiger, braver, tüchtiger Mann geworden ist, das danken wir Dir, Töchterchen!“ – –O, wie schön, wie schön könnt’ es so sein!

„Es ist Zeit,“ sagt Grete endlich, „im Herrenhause schlägt’s sechs Uhr vom Turm.“

Ditscha fährt empor – Grete ist aufgesprungen und hinausgegangen.

„Adieu, Hans!“ flüstert Ditscha.

„Adieu! – Und vom Wiedersehen sprichst Du kein Wort, Ditscha?“

„Ich weiß keinen Rat, Hans.“

In diesem Augenblick fliegt die Thür auf, Grete springt mit ein paar katzenartigen Sätzen ins Zimmer und verlöscht die Lampe. „Das gnädige Fräulein Anna!“ flüstert sie – dann ist sie wieder fort und Ditscha hört, wie Grete die Thür verschließt und den Schlüssel abzieht, und nun das harte Organ der gestrengen, um das Wohl und Wehe der Gutsangehörigen so besorgten Tante Anna.

„Guten Abend, mein lieber Vater Busch, wie geht’s mit Ihrer Frau? Was macht die Grete? Pflegt sie ihr oll Mutter gut, lieber Busch?“

Oll Vater Busch stammelt ’was von Ehr’ und Freud’, „ob gnä’ Fröln nich unterthänigst ’n bit’n einkommen wulln.“ Und dabei drückt er auf die Klinke der guten Stube.

Ditscha ist ans Fenster geflüchtet und dort auf einen Stuhl gesunken; ihre Hände aus Angst und Entsetzen gegen das Gesicht pressend, zittert sie vor der nächsten Minute. Hans von Perthien ist mitten im Zimmer stehen geblieben und stößt einen leisen Fluch aus. Aber sie kennen beide nicht die Verschlagenheit ihrer Beschützerin.

„O, Vater,“ sagt Grete, „was machst Du da? Ist denn nicht offen? Laß mich hin – nee, wahrhaftig – zugeschlossen, und der Schlüssel nicht in! Ach Gott, gnä’ Fräulein, jetzt besinn’ ich mich, ich hab’ ihn schon gestern verlegt. – O, wenn gnä’ Fräulein möchten auf einen Augenblick ins Wohnzimmer treten, ich such’ gleich – –“

„Mädchen, die ihre Gedanken beisammen haben, verlegen nie Schlüssel,“ sagt Tante Anna streng. „Laß das Gesuche jetzt und komm in die Wohnstube, ich will etwas mit Dir reden wegen Deiner Mutter, und Sie, Vater Busch, kommen auch mit, ich habe da ein neues Mittel, das soll Mutter probieren.“

Das Letzte klingt schon undeutlich. sie sind in die Wohnstube getreten und die Thür hat sich hinter Vater Buschs schlürfenden Tritten geschlossen.

Ditschas überreizte Nerven veranlassen jetzt ein krampfhaftes Weinen. „Ich ertrag’s nicht! Ich ertrag’s nicht!“ stößt sie hervor, „ich will hinaus, ich will fort, ich ersticke hier! Mach’ die Thür auf!“

„Sei vernünftig, Ditscha,“ sagt er ruhig und hält ihre Hände fest am Drücker, an dem sie heftig zu rütteln versucht, „ich ertrage es auch nicht länger, aber momentan kann ich nichts thun. Um Gotteswillen, laß die Thür!“

Sie läßt los und schleicht zum Fenster zurück; er nimmt seinen Platz am Ofen wieder ein. „Ditscha,“' fragt er, „Ditscha, wir wollen ein Ende machen; es ist Deiner und meiner unwürdig – wir wollen heiraten ohne den Segen Deiner Verwandten!“

Sie hört jetzt auf zu weinen. „O, das ist so schwer,“ stottert sie.

„Ja gewiß! Aber schwerer noch ist’s, wenn sie uns unglücklich machen, indem sie uns trennen. – Oder glaubst Du noch, daß sie es je zugeben werden?“ schaltet er ein.

„Nein!“ flüstert sie.

[297] „Nun, dann müssen wir uns selbst helfen. Ich werde mir überlegen, wie es am besten einzurichten ist,“ fährt er fort, „es wird ein paar Tage Vorbereitungen brauchen, aber dann habe Mut, Ditscha, Du siehst selbst ein, daß es nicht so weiter geht. Entweder wir trennen uns jetzt und Du denkst nicht mehr über mich nach – oder wir vereinigen uns für immer, Sophie! – Ich will nicht drängen, mein liebes Herz – überleg’ Dir’s – ich für mein Teil bin fest. Gieb mir brieflich Antwort! – In solche Situationen, wie heute, darfst Du nicht wieder kommen.“

Er hat sich jetzt herüber getastet und schließt sie einen Moment in die Arme und küßt sie. Dann öffnet er geräuschlos das Fenster, hakt den Laden auf und schwingt sich gewandt hinaus. „Ditscha, mein alles, überlege!“ flüstert er noch einmal, während er den Laden von außen behutsam wieder anlegt.

Dann ist’s still um sie, furchtbar still, dunkel und einsam. Sie könnte schreien wie ein furchtsames Kind. Aber er hat den Ton getroffen, der ihr imponiert – heute abend liebt ihn Ditscha, oder – glaubt ihn zu lieben und ist entschlossen, sich seinen Entschließungen zu fügen, sein zu werden.

Nach einer halben Stunde verläßt Fräulein Anna das Zimmer nebenan. Auf dem Flur hält sie Grete noch eine Rede; Ditscha versteht jedes Wort:

„Ich freue mich, daß Du Dich bestrebst, in Deinem Aeußern zu Deiner alten Einfachheit zurückzukehren. In Dein Inneres kann ich nicht sehen – möchte es auch dort besser geworden sein! Aeußeres wie Inneres stehen immer im Zusammenhang, und Gott sieht das Herz. Sei Deinem Mann eine einfache sparsame Frau, das ist beglückender für ihn, als wenn er einen aufgedonnerten Zieraffen bekommt, und statt Rückenkissen mit Perlen, nähe ihm ein andermal ein ordentliches Hemd. Und gieb Mutter pünktlich die Tropfen und red’ ihr ein bißchen gütlich zu, sie soll Geduld haben – Geduld ist eine unserer christlichsten Tugenden – Gute Nacht!“

„Gute Nacht, gnä’ Fräulein!“ ruft Grete und ihre Schritte fliegen zurück zu Ditschas Thür; leise, leise steckt sie den Schlüssel ins Schloß und öffnet.

„Jetzt können Sie hinaus,“ flüstert sie kichernd, „Tante Anna ist fort und Vater sitzt ganz dösig im Lehnstuhl, so hat sie geredet.“

Sie streicht ein Zündhölzchen an und Ditscha sieht in dem zuckenden Schein ihre mutwilligen lachenden Augen. Es ist eine Situation nach Gretens Herzen, wie in einem tollen Lustspiel. Aber Ditscha geht so blaß und ernst an ihr vorüber, daß sie ihr Spitzbubenvergnügen etwas mäßigt.

„Gute Nacht, gnä’ Fräulein,“ sagt sie ernsthaft, „nur leise, daß Vater nicht kommt.“

Ditscha eilt heim.



Weihnacht ist für Tante Anna die Zeit, wo sie sich ganz in ihrem Element fühlt. Sie vertritt hier völlig den Bruder und die Schwägerin, die sich überhaupt nicht sehen lassen am Heiligen Abend und an den darauf folgenden Tagen.

Ja, Tante Anna ist die Seele des Hauses um diese Zeit. Ihre große starke Gestalt im schwarzen Kleide, über das sie eine mächtige weiße Schürze gebunden hat, auf dem noch immer blonden Haar ein schwarzes Spitzenhäubchen, Tante Berthas Schlüsselkorb am Arm, so schreitet sie würdevoll treppauf, treppab, ordnet die Gaben auf dem Tische und bereitet sich vor, am Abend vor dem Fest eines der Weihnachtsevangelien den Leuten vorzulesen, die sich in ihren Feiertagskleidern versammelt haben und der Rangordnung nach aufgestellt sind. Friedrich oben an, dann der noch ältere stattliche Kutscher nebst Frau, Hanne, die Köchin, und abwärts bis zum Aufwaschmädchen; ferner: Vater und Mutter Busch, seine Gehilfen und eine Menge Dorfkinder, die nur mit Müh’ und Not ihre Seligkeit verbergen können und ihr „Vom Himmel hoch da komm’ ich her –“ jubelnd hell singen, wenn es Tante Anna anstimmt. Was wissen sie von dem starren Schmerz, der sich in diesem Hause verbirgt!

Tante Anna aber vergißt nie zum Schluß zu sagen: „Und gedenkt auch derer, denen der heutige Tag ein schwerer ist, die keine Freude zu empfinden vermögen, weil Gott in seinem [298] unerforschlichen Ratschluß ihnen an diesem Freudenfeste nahm, statt gab. Betet für Eure Herrschaft, daß Gott sie trösten und ihnen den Frieden spenden möge, der höher ist als alle Vernnuft, als alle irdische Glückseligkeit. Und nun gehet hin und feiert das Fest mit Euren Lieben, die Gott Euch lange erhalten möge, feiert es nach Christenweise im Hause Gottes, der mit Euch sei jetzt und immerdar. Amen!“

So hat sie auch heute wieder gesprochen neben dem Gabentische, und über ihre vollen Wangen rinnen ein paar Thränen herab. Ditscha steht neben ihr; furchtbar blaß, die Hände gefaltet, scheint sie nichts von allem verstanden zu haben, denn als jetzt die Kinder den Schlußgesang anheben, erschrickt sie und ihre Augen kehren wie aus weiter Ferne zurück.

Hanne, die neben sie getreten ist, flüstert ihr zu: „Möchten nach Tisch zu gnä’ Fröln Klementine kommen, Fröln Ditscha!“

Sie nickt und starrt auf das Gewimmel, das sich jetzt um den Gabentisch drängt, und sie giebt ihre Hand in eine harte Rechte nach der andern, sie fühlt zitternde und kalte Hände und kleine heiße Kinderpatschen und hört immer wieder: „O, dank ock veelmal, und wünsch’ gesunde Fierdag!“

Endlich ist der letzte gegangen, das Küchenmädchen fegt die Krümel zusammen und richtet den Tisch zum Essen her, denn den Weihnachtskarpfen verzehren die Leute heute auch schon – morgen darf nichts Festliches sein im ganzen Hause.

Ditscha geht mit Tante Anna noch ins Dorf zu verschiedenen Kranken und Armen, Friedrich und der Kutscher mit ein paar Körben hinterher, auch bei Pastors wird das übliche Weihnachtspräsent abgeladen und ein kurzer Schwatz gemacht, dann wenden sie sich wieder dem Parke zu.

Im Gärtnerhause ist die gute Stube erleuchtet; Ditscha weiß, daß dort der Bräutigam eingekehrt ist, der „spanische Reitschulstallmeister“, wie Mutter Busch ihn nennt. Tante Anna geht ungeniert durch den Vorgarten und späht durchs Fenster. „’s ist die Möglichkeit,“ sagt sie zurückkommend zu Ditscha, die auf dem Wege stehen geblieben ist, „ordentlich den Tisch haben sie gedeckt mit Servietten und Gläsern, und der Künftige sitzt auf dem Sofa neben der aufgeputzten Deern, und die Alten auf Stühlen! – Manchmal denk’ ich, es muß eine neue Sündflut kommen.“

Ditscha nimmt schon unten in der Halle des Schlosses Hut und Mantel ab, schleudert beides hastig auf einen Stuhl, wirft einen Blick nach der Uhr und verschwindet in dem dämmerigen Korridor, auf den die Zimmer von Onkel und Tante münden, als deren letztes Onkel Jochens Arbeitsstube.

„Ditscha, wo willst Du hin?“ ruft Tante Anna von der Treppe her, aber das Mädchen antwortet nicht, nach einem kurzen energischen Pochen drückt sie die Klinke und tritt ein.

Onkel Jochen sitzt wie sonst vor dem Schreibtisch, aber die Pfeife, die er zwischen den Lippen hält, ist kalt, die Zeitung gar nicht auseinander gefaltet worden. Er hat die Hände auf der Tischplatte gefaltet und die Augen auf das Bild seines Sohnes geheftet, das ihn vorstellt im Sammetkittelchen, auf einem Pony reitend, ein hübscher lächelnder Junge. Als das Mädchen zu ihm tritt, wendet er den Kopf, und sie erschrickt vor dem trostlosen Ausdruck seiner Augen.

„Willst Du etwas?“ fragt er zerstreut, ohne sich zu wundern, daß sie ihn um diese Zeit aufsucht.

„Nur eine Frage, lieber Onkel Joachim.“

„Bitte!“ antwortet er.

Eine glühende Röte fliegt über ihr schmal gewordenes Gesicht, unwillkürlich falten sich ihre zitternden Hände und mit fast heiserer Stimme fragt sie: „Würdet Ihr – Du und Papa – niemals Eure Ansicht ändern über meine Neigung zu Hans von Perthien?“

„Nein!“ klingt es ruhig zurück.

„Niemals? – Auch wenn –“

„Nein, mein Kind! Es thut mir leid, daß Du noch einmal darauf zurückkommst – ich habe geglaubt, Du seiest fertig mit dieser Sache.“

Sie antwortet nicht, sie hat die Arme sinken lassen und sieht starr auf einen Punkt.

„Er hat wohl wieder angefragt, hat wohl gar zu schreiben sich unterstanden?“ erkundigt er sich und folgt mit seinen Blicken den ihrigen. Sie ruhen auf einem alten vergilbten Kupferstich, Romeo und Julia auf dem Balkon. Seit vierzig Jahren hängt das Bild da, schon zu Lebzeiten seines Vaters, Joachim weiß es kaum noch – jetzt erweckt’s ihm plötzlich ein unbehagliches Gefühl.

„So antworte doch!“ ruft er ungeduldig.

Ihr Blick wendet sich langsam zurück nach ihm. „Wie sagtest Du?“ stottert sie.

„Ob er an Dich geschrieben hat, frage ich.“

„Nein!“

„Na, wie kommst Du denn auf den alten Kohl?“ schreit er in seiner derben Art. „Niemals, hörst Du, niemals ist daran zu denken – die Gründe kennst Du.“

Sie sieht ihn groß an, nickt ein paarmal und geht still der Thüre zu.

„Ditscha!“ ruft er.

Sie wendet sich um.

„Plag’ Dich und uns doch nicht mit der dummen Geschichte! Dein Glück sieht anders aus, alte Deern, und wenn ich barsch bin, nimm’s nicht übel – siehst Du – jetzt – na, weißt’s ja. – – Gute Nacht, mein Kind!“

Die Stimme ist ihm erloschen; er winkt ihr hastig, zu gehen, und sie thut es.

Ein letzter Versuch zur Beruhigung für ihr banges unentschlossenes Herz! Es wäre ihr lieber gewesen, der Onkel Jochen hätte getobt und sie schlecht behandelt; seine von emporquellenden Thränen gebrochene Stimme quält sie furchtbar.

[309] Tante Anna und Ditscha speisen allein in dem großen Eßzimmer, dessen zur halben Höhe getäfelte Wände das Wappen derer von Kronen in Holzschnitzerei zeigen, umgeben von frommen Engelsköpfchen. In den Ecken des Gemaches liegen tiefe Schatten, kaum hier und da blitzt eine Messingplatte oder ein Glasgefäß auf, mit denen der Sims besetzt ist, der sich oberhalb der Holztäfelung hinzieht. Die Plätze des Hausherrn und Tante Berthas sind leer, Friedrich serviert den Karpfen so geräuschlos als möglich.

Ditscha genießt fast nichts. Sie blickt im Zimmer umher und denkt, daß sie zum letztenmal in dem traulichen Raum beim Lampenschimmer sitzt, wohlgeborgen und warm, während draußen der Wintersturm an den Läden rüttelt, und wie es sein wird, wenn sie hier alle um den Tisch versammelt sind – ohne sie. Ob sie ihr fluchen oder verzeihen werden? Und ob sie jemals wieder über die Schwelle dieses Hauses treten darf? Es ist ihr ja doch, so gut es konnte, eine Heimat gewesen.

Tante Anna speist mit bestem Appetit. „Du gehst doch morgen in die Christmesse, Ditscha?“ beginnt sie.

Ditscha nickt.

„Du weißt, morgen bleibe ich bei meinen Geschwistern, jemand von der Herrschaft sollte aber auf alle Fälle in unserem Kirchenstuhl sein.“

Und als das junge Mädchen nicht antwortet, spricht sie weiter. „Es wäre besser, Joachim gäbe sein Murren gegen Gottes Willen auf und machte Frieden mit ihm – aber noch ist er weit entfernt davon!“ Tante Anna seufzt. „Nun gehst Du wohl zu Klementine?“ fährt sie fort.

Ditscha nickt abermals.

„Grüße sie; ich habe noch zu schreiben – gute Nacht, Ditscha! Oben wirst Du übrigens etwas finden von mir, möchte es Dir Freude machen!“

„Ich danke Dir, Tante,“ sagt Ditscha, die Serviette zusammenfaltend. Zum letztenmal! denkt sie dabei.

Droben im Turmgeschoß steht Hanne im kleinen Vorzimmer auf der Lauer, und als sie Ditschas Schritte hört, ruft sie, die Thüre öffnend: „Einen Augenblick warten Se hier, gnä’ Fröln Ditscha! Wann Fröln Klementine lüten, dann kommen Se in!“ Damit schießt die kleine Frau durch die knapp geöffnete Thür in das Wohnzimmer, aus dem einen Moment lang ein heller Glanz bricht.

Ditscha steht geduldig da und wartet. Auch hier nimmt sie Abschied, von alten Schränken und lauschigen Winkeln, in denen sie mit ihren Puppen gespielt, von dem Bogenfenster mit seinem Blick in die weite, weite Welt. Sie tritt näher und späht hinaus – zum letztenmal! Ganz in der Ferne bewegen sich Lichter, das ist der Bahnzug, der nach Hamburg eilt. – – Ach, morgen!

Der Ton eines Glöckchens schreckt sie empor, Hanne reißt die Thür auf. Ganz fein und silbern klingt Tantens Spieldose Ditscha entgegen. „Stille Nacht, heilige Nacht!“ Und wie sie in [310] den Rahmen der Thür tritt, flammen dort neben dem Krankenlager die dreißig Lichter einer kleinen grünen Tanne so weihnachtlich und zaubergleich zu ihr herüber, und der unerwartete Anblick – Ditscha hat nie ein Weihnachtsbäumchen gehabt – erschüttert sie so, daß sie auf den nächsten Stuhl sinkt, die Hände vor das Gesicht schlägt und weint, zum Herzbrechen. Sie weiß, wie sehr Tante Klementine sich hat überwinden müssen, um dies zu thun, und weshalb sie es gethan. – Aber das ist ja nun alles zu spät!

„Komm, Ditscha,“ sagt die Kranke weich.

Sie schwankt hinüber und legt den Kopf auf die Kissen neben Tante Klementines Haupt.

„Weine nicht, Kind,“ spricht diese fröhlich, „Du glaubst gar nicht, wie wenig Grund Du gerade zum Weinen hast! Schau Dir an, was unter dem Bäumchen liegt, und freue Dich!“

Ditscha fährt empor. „Ich habe allerdings gar keinen Grund zu weinen,“ sagt sie mit zuckender Lippe. „Ich habe ja alles, was mein Herz begehren darf, ich sitze im wohldurchwärmten Zimmer, habe vorhin gut zu Abend gespeist, und hier brennt ein Baum für mich und unter ihm liegen Geschenke; ich werde im weichen Bette schlafen und – – genau so gut hat es Frau Oberförster ihr Lieblingsdachs auch, nur daß statt der Marzipankringel Würstchen an den Zweigen hängen.“ Sie lacht jetzt schrill und tupft sich hastig mit dem Taschentuch gegen die Augen, springt auf und tritt an den Tisch.

Hanne hat einen roten Kopf vor Aerger. Die heutigen Menschen sind ’was verrückt, denkt sie, und nach einem Blick auf die blaßgewordene Kranke sagt sie scheltend: „Und Bäuker zum Lesen kriegt wahrscheinlich das Viehstück auch, und Schmucksachen und Geld und was da allens noch liegt. Nich’ wahr – das allens kriegt der Tackel ebenso!“

Aber die Kranke winkt ihr. – Sie hat dasselbe unbefriedigte Sehnen gehabt, dasselbe heiße junge Herz; sie kennt die Qual der Unthätigkeit, des Wartens auf eine Zukunft.

Ditscha achtet schon längst nicht mehr auf die hübschen Geschenke; sie sieht zu Boden und preßt die Lippen zusammen, um ein nervöses Schluchzen zurückzudrängen. Nach einem Weilchen gelingt es ihr; sie kommt herüber und kniet wieder vor dem Stuhl der alten Dame. „Ich danke Dir für alles, Tante,“ sagt sie leise, „und bitte, trage mir nicht nach, wenn ich Dich kränkte. Ich weiß, ich bin so unartig, so bitter jetzt gewesen – vergieb mir!“

Und Tante Klementine streichelt ihr die Wange und das braune Haar. Dann schweigen beide und sehen, wie die Lichter leise knisternd herabbrennen. Und Hanne holt einen Korb und packt die Geschenke ein. Es ist auch etwas vom Onkel und von Tante Bertha dabei, ein altes Schmuckstück der Großmutter Kronen; die hat das Diamantanhängsel an einer Schnur um den Hals getragen, als die Stadt Bützow auf dem Rathause zu Ehren der schönen jungen Königin Luise ein Fest gab, zu dem auch der Adel der Umgegend mit Einladungen beehrt worden war; jetzt ist’s als Brosche gefaßt. Papa hat Geld geschickt; die Börse reicht Hanne Ditscha hin, und sie steckt sie gleichgültig ein.

Als es zehn Uhr schlägt, erhebt sie sich. „Adieu, Tante Klementine – denk’ freundlich an mich!“

„Du bist ein sonderbares Kind, Ditscha,“ antwortet sie. „Und hör’, Mäuschen, weine nicht so viel morgen, wo Du allein bleiben mußt; sieh zu, daß Du den Tag leidlich vernünftig hinbringst.“

Das Mädchen nickt. Sie weiß, daß sie morgen niemand sehen wird von der Familie, die, jedes für sich, ihr Totenfest feiert. Ach, es ist alles wie geschaffen für das, was sie vorhat. Sie wendet sich noch einmal um an der Schwelle und sieht die Kranke an mit einem langen Blick, dann ist auch das überstanden.

Hanne trägt ihr die Geschenke hinunter, und in Ditschas Stube setzt sie den Korb auf den Tisch und sagt: „Wull de leeve Gott, Fröln Ditscha, Sie hätten ’nen gooden rechtschaffnen Mann und ’nen Hushalt, so grot, dat Se garnich op ’nen Stuhl to sitten kämen. Wet’n Se wat? Se sind so äverspönig ut lange Wil un ut nicks annern, un in der Art sind de vörnehmen Frölns slimmer dran as Unsereins, wat darto kein Tid hat, weil man sin paar Groschen verdeinen mutt, um to lewen. Na, nicks vör ungood, gnä’ Fröln, Se können ja nu mal de Welt nich anners macken.“

Sie hat eine Lampe angezündet, noch eine Weile mit in die Seiten gestemmten Armen dagestanden und auf Antwort gewartet. Als Ditscha aber stumm bleibt, seufzt sie, schüttelt den Kopf und geht mit der Beteuerung, daß dies zur Weihnachtszeit das schrecklichste Haus sei auf dem ganzen weiten Erdenrund.

Hinter ihr schließt Ditscha die Thür ab; denn was sie jetzt thut, darf niemand sehen. Sie schreibt, sie zerreißt Briefe, sie zieht Schubladen auf und öffnet Schränke. – Um ihren kleinen Schreibtisch herum beginnt es unordentlich auszusehen; im Ofen brennt Papier und verbreitet einen scharfen brenzligen Geruch; des Mädchens Gesicht glüht purpurrot. Als sie endlich fertig ist, schlägt es drei Uhr morgens und erschöpft wirft sie sich aufs Bett, wo sie in tiefem bleiernen Schlaf liegt, bis der Tag dämmert, der Unglückstag für sie, der Anfang von dem tiefsten Leid ihres Lebens.




Der Heilige Abend bricht an; im Hause ist kein Laut, kein Ton hörbar, kein hastiges fröhliches Treiben, keine jubelnde Kinderstimme, kein Kuchenduft. Kein Wagen bringt Gäste, kein Postbote geheimnisvolle Pakete. Die Dienstboten schleichen förmlich auf den Zehen umher, die Herrschaft befindet sich im Wohnzimmer und ist für heute unsichtbar. In einem der vorderen Räume, dem sogenannten Empfangssaal, hat Tante Anna Platz genommen auf einem Sessel, den sie zum Kachelofen gerollt; sie trägt ein schwarzes Kleid und hat ein schwarz gebundenes Buch mit Goldschnitt auf den Knien liegen. Sie ist der festen Ueberzeugung, daß an diesem Tage einmal etwas Schreckliches passieren wird, bildet sich ein, ihr Bruder Joachim werde den Verstand verlieren oder einen Schlaganfall bekommen, und hält es für ihre Pflicht, sich nicht aus seiner Nähe zu entfernen.

Wie Tante Klementine diesen Tag verbringt, weiß niemand außer Hanne, denn auch das Turmgeschoß ist verriegelt.

Wäre das, was Ditscha vorhat, ein gutes Werk, so hätte man meinen können, die Engel im Himmel ebneten ihr die Wege.

Nichts störte sie, nichts hinderte sie, niemand fragte nach ihr, sie kann mit völliger Bequemlichkeit in ihr Unglück rennen.

Um sechs Uhr abends kommt sie die Treppe herunter in die Halle. Sie ist im Pelzmützchen und Mantel und hat den kleinen Fußsack als Täschchen am Arm, wie sie ihn stets mit in die Kirche nimmt. Totenstill ist’s um sie, nur das Rauschen ihres Kleides hört sie und das Ticken der alten Uhr. – „Wo – hin? Wo – hin?“ klingt es dem jungen Geschöpf in die Ohren, als sie vorüberschreitet. Sie glaubt auch ein Seufzen zu hören, das schauerlich durch den halbdunklen Flur weht – vielleicht der Schutzgeist des Hauses? Mit scheuen Blicken sieht sie sich um, aber nichts – nichts, was sie hält.

Noch einmal schaut sie rückwärts, dann mit einem energischen Ruck öffnet sie die Thür. Der Sturm reißt sie ihr aus der Hand, um sie schmetternd zuzuschlagen, der Hall schlittert durch das ganze Gebäude, gewaltig und laut. Ditscha erschrickt; mit so einem Donnerschlag mag das Thor des Paradieses zugefallen sein, als Gott die Menschen hinauswies auf immer, so krachend, so vernichtend und unaufschließbar für sie.

Onkel Joachim, der ruhelos im Zimmer umherwandcrt, hat es gehört, Tante Bertha auch, aber sie nehmen keine Notiz weiter davon. Die Frau mit den rotgeweinten Augen sagt nur: „Horch, der Sturm, Jochen!“

Er nickt und wandert weiter. „Damals,“ sagt er endlich, „damals war auch so ein Sturmabend, Bertha.“

„Ja, und die schöne junge Eiche wurde umgeknickt, Jochen.“

Seine Eiche, Berthachen – ich hatte sie gepflanzt an dem Tage, wo er geboren wurde –“

Sie seufzt, ohne ihn anzusehen.

„Wär’ besser, wir hätten den Tag nicht erlebt, Bertha –“

„Ach, Jochen – und es war doch so schön!“

„Ja, wie ich in Dein Zimmer kam und hörte sein Stimmchen – hatte eine Lunge wie ein Posaunenbläser und sah so rot und quabbelich aus – – ich hab’ nie gemeint, daß einem Menschen so zu Mute sein kann, Bertha, so wunderbar – so – na, ich weiß nicht, wie? Und nun – alles hin, alles hin!“

Die Frau auf dem Sofa leidet furchtbar in solchen Stunden, vielleicht mehr als der Mann; aber sie versucht doch noch, ihn zu trösten. „Joachim, ich denke immer, es ist ihm vielleicht viel Leid erspart worden. Wer weiß denn, was er hätte alles durchkämpfen müssen, wär’ er leben geblieben! Er war so zartfühlend, so leicht verletzlich – denk’ nur ’mal an eine unglückliche Heirat! Der Jung’ wär’ an einer Frau, die nicht zu ihm paßt, einfach zu Grunde [311] gegangen – oder an irgend etwas anderm Schweren, so etwas, wo wir beide da gestanden hätten in Jammer und Herzeleid, ohne helfen zu können, so etwas, wo wir hätten sagen müssen: ‚Wär’ er doch lieber nie geboren!‘ Denk’ nur, Joachim.“

„Ach was, Kind, das glaubst Du ja selber nicht, das hat Dir damals der Pastor einreden wollen! Ich hab’s gehört und hab’ mich darüber geärgert. Das ist ein jammervoller Trost, für alte Waschweiber und dergleichen! Damals hast Du auch nichts davon hören wollen. – Ich seh’ Dich noch, wie Du in Verzweiflung ihm winktest, er solle zu sprechen aufhören. Du saßest ja da und horchtest immer hinaus, meintest immer, die Leute würden den armen Jungen doch noch bringen, wenigstens seinen Körper. – ‚Er ist ja nicht tot, Herr Pastor!‘ hast Du gewimmert, ‚es kann ja nicht sein, nehmen Sie mir nicht alle Hoffnung!‘ Herr Gott, ich sehe alles noch vor mir, bis ins Kleinste! Du hattest ein kornblumblaues Kleid an und eine rote Kragenschleife, und die Haare hingen Dir wirr übers Gesicht, weil die beiden armen Hände immer wieder hineinfuhren, und so kreideweiß und so verzerrt warst Du, und dazu all die Leute in der Stube, die Verwalter, der Doktor, der Pastor und die Nachbarn. Der alte Graf Berkow, sein Pate, und der Karkower und die beiden Schlüchterns und der alte Calwerwisch – –“

„Und Du standest da am Ofen, als hättest Du den Starrkrampf, Jochen.“

„Ja, ich meinte immer, es sei ein Traum, und ich sagte zu Friedrich: ‚Kerl, rüttle mich ’mal, daß ich aufwache!‘“

„Jochen, wenn ich doch lieber gestorben wäre!“

„Oder ich! Du hättest den Jungen besser noch erzogen, wie ich es gekonnt.“

„Ach, Jochen, der erzog sich allein, er war so verständig – so gut –“

„Ja, ja, das war er,“ und der Mann bricht in leises jammervolles Weinen aus.

„Komm, Jochen, komm, trink’ Deinen Grog,“ bittet sie.

„Nein, heute nicht! Nein, ich kann nicht!“ Er setzt sich wie erschöpft neben sie in das Sofa und legt den Kopf an ihre Schulter. „Ja, Alte, was thun wir eigentlich noch hier?“ schluchzt er.

So sitzen sie beide, in dem Schmerz um den Verlorenen wühlend. Das Pfeifen des Sturmes draußen hat nachgelassen und die Heilige Nacht sinkt herab auf die in Andacht erschauernde Erde, in alle Häuser und Hütten dringt der Gottesfriede, nur in dieses nicht, und bitterlich weint der Mann. Und sie, die stille, früh ergraute Frau, hält ihn umfaßt, und auch ihre Thränen rannen leise über die Wangen.

Tante Anna draußen auf ihrem Weihnachtsposten nickt ein, so still, so totenstill ist es um sie her; dann wacht sie auf von einem bellen einzelnen Glockenton. Sie hat wohl lange geschlafen? Das Buch ist ihr vom Schoß geglitten, die Kerze vor dem Spiegel fast heruntergebrannt – Eins schon? Sie sieht nach – ein Uhr, richtig! Fröstelnd schmiegt sie sich tiefer in den Stuhl, dann fährt sie empor – es ist doch kein Traum gewesen! – Die Glocke – die Glocke der Hofthür wird abermals heftig gezogen.

Tante Anna springt auf – es ist ein Zeichen, das lange nicht vernommen wurde in diesem Hause. Sie ergreift das Licht und stürzt in den Flur. Friedrich poltert eben die Treppe herauf, noch in den Kleidern, denn die Leute sitzen noch beim Punsch beisammen, und läuft zur Thür.

Ein Telegraphenbote kommt herein, über der Uniform einen dicken roten Shawl, den er wahrscheinlich eben von seiner Frau zu Weihnacht bekommen hat, die Beinkleider aufgekrempelt, einen Stock in der Hand und rot vor Kälte.

„Ein Telegramm für Herrn Baron – sechzehn Groschen!“ sagt er mit einem gewissen Schmunzeln, das glauben läßt, er ahne etwas von dem Inhalt.

Tante Anna heißt ihn warten, eilt an die Wohnstubenthür und pocht, als gelte es, Tote zu erwecken. „Jochen! Bertha!“ ruft sie, „ein Telegramm!“

Darauf kommt der schwere Tritt des Bruders herüber. Er öffnet die Thür, und nun stehen sie zu Dritt und zittern dem Inhalt der Depesche entgegen.

Joachim von Kronen hat das Papier aufgerissen, über sein Geßcht fliegt ein wunderliches Zucken. „Ein Sohn!“ sagt er leise.

Tante Bertha faltet die Hände, ihre Lippen hängen an dem Antlitz ihres Mannes.

„Ein Sohn! Klaus hat einen Sohn!“ schreit Tante Anna auf, „Jochen – Bertha – einen Sohn! O, lieber Gott, welch ein Weihnachtsgeschenk!“

Jochen von Kronen faßt sich zuerst. „Und heute!“ sagt er, „Berthachen – heute!“

„Es ist – es ist wunderbar, Joachim!“

Tante Anna ist zur Klingel geeilt, und als Friedrich eintritt, ruft sie ihm entgegen: „Dem Herrn Oberst ist ein Sohn geboren, Friedrich!“

Der Alte nickt schmunzelnd, wirft indes einen scheuen Blick auf seine Herrschaft, der Baron aber reicht ihm mit zitternder Hand ein Geldstück – „Für den Boten!“

Tante Anna läuft jetzt aus der Stube, sie hat etwas von Ditscha und Klementine gerufen, ihre hohe freudige Stimme schallt durch das ganze Haus. – Die Lampen sollen im Empfangszimmer angezündet werden, befiehlt sie, die Leute sollen alle nach oben kommen, der Herr Baron habe ihnen etwas zu sagen: und nun stürzt sie die Treppe hinauf, um Ditscha zu wecken und Klementine.

Mann und Frau sind allein geblieben; seine Thränen sind versiegt. „Ein Erbe für Beetzen!“ sagt er leise. Sie aber, sie schluchzt jetzt ganz rückhaltslos, bitterlich, in diesem Augenblick rüttelt der Schmerz sie heftiger als je.

„Berthachen,“ murmelt er, „aber Berthachen!“

Im Hause ist es lebendig, ist’s Weihnacht geworden mit einem Male. Hanne hat Fräulein Klementine, die schlaflos auf ihrem Stuhle liegt, die Freudenkunde zugerufen, und die Lippen der Kranken flüstern ein Dankgebet. Friedrich hat sämtliche Lampen im Empfangszimmer angebrannt, die Dienerschaft versammelt sich da mit erregten Gesichtern, denn sie wissen alle, was geschehen ist, und auch sie bewegt die frohe Kunde, besonders die Alten. Der Baron spricht mit jedem ein paar freundliche Worte, die gnädige Frau nickt nur aus verweinten Augen. Tante Anna, Ditscha und Hanne fehlen noch.

Plötzlich stürzt letztere schreckensbleich herein. „Herr Baron, gnä’ Frau Baronin – uns’ Fröln Ditscha – o Gott – o Gott – nee!“ – Sie faßt sich an die Kehle, als ersticke sie von dem, was sie sagen will. – „Kommen Sie doch man bloß rasch nach oben!“ stößt sie endlich hervor.

Tante Bertha, die denken muß, das Kind sei krank geworden, eilt aus dem Zimmer, so rasch sie kann, der Baron folgt ihr. Die Thüre von Ditschas Stube steht weit auf, drinnen brennt ein Licht auf dem Tische. Tante Anna sitzt davor auf einem Stuhl, fassungslos, zitternd, ein Blatt Papier in der herabhängenden Hand.

„Was ist’s!“ ruft Joachim barsch. Er wird immer zornig, wenn er erschrickt.

„Schließt die Thür!“ verlangt Tante Anna.

Hanne macht die Thüre zu. Joachim entreißt seiner Schwester das Blatt, ärgerlich über ihr Gebahren, liest es, sieht im Zimmer umher, als suche er jemand, und liest wieder.

„Barmherzigkeit!“ schreit Tante Bertha, die ihn starr angesehen hat, „sie ist fort, Joachim, sie ist fort, Jochen – sie ist – –“

„Fort!“ sagt Tante Anna, „fort mit ihm –“

„Mit wem? mit –?“

„Der Schurke!“ stöhnt Joachim.

„Hans von Perthien?“ stammelt Frau von Kronen.

„Verzeiht mir, daß ich selbständig handle, lieber Onkel, liebe Tanten!“ liest er mit halblauter bebender Stimme, „ich werde Hans von Perthiens Frau gegen Euren Willen. In Helgoland werden wir getraut. Wenn Ihr mir verzeihen könnt, so thut es,

ich begehe ja keine Sünde, erfülle nur meine Pflicht, indem ich ein gegebenes Wort halte.
Sophie von Kronen.“ 

„Wann ist sie fort?“ fragt Joachim, als ob die beiden Frauen es wissen müßten.

„Hanne hat sie sicher zuletzt gesehen!“

Hanne wird hereingeholt. Sie kann keine Auskunft geben, sie weiß nur, Fräulein Sophie hat in die Kirche gehen wollen heute abend. Um vier Uhr, als Hanne ihr den Thee gebracht, war sie noch da.

„Sie wird mit dem Abendzug von Bützow fort sein,“ sagt Jochen von Kronen nach einer schwülen Pause. „Und jetzt habt [312] Ihr vor allem zu schweigen über die Geschichte, es gilt die Zukunft des Mädels,“ setzt er hinzu.

Er überlegt einen Moment. „Fräulein Ditscha hat Sehnsucht gehabt nach ihrem Papa und ist heimlich nach Berlin gereist“ – schärft er Hanne ein, „und Fräulein Anna und ich, wir reisen mit dem nächsten Zuge hinterher – verstanden? Wir reisen hinterher, weil wir unsern Glückwunsch zur Geburt des Jungen selbst bringen wollen. Geh’ hinunter und erzähle das – wehe dem, der etwas anderes glaubt.“

Herr von Kronen ist plötzlich der thatkräftige zielbewußte Mann früherer Tage. „Um drei Uhr fünfundvierzig geht ein Zug nach Hamburg,“ fährt er fort. „Friedrich soll mir in die Reisekleider helfen, Anna, mach’ Dich fertig, Du begleitest mich, ich muß versuchen das ehrvergessen Geschöpf noch vom Rande des Abgrundes zurückzureißen.“

„In eine Besserungsanstalt müßte man sie bringen,“ bemerkt Tante Anna, die Röte des Zorns auf den Wangen.

„Wäre sie mein, ich schösse sie über den Haufen,“ knirscht Joachim, indem er das Zimmer verläßt. Tante Bertha eilt ihm nach, sie wagt kaum, etwas Besänftigendes zu sagen, sie ist selbst so außer sich, so empört über des Mädchens Flucht, daß sie nervös zittert. „Herr Gott, was muß man alles erleben!“

In stummer Eile werden die Vorbereitungen zur Abreise getroffen. „Wo, um Gotteswillen, wollt Ihr sie denn in Hamburg suchen, Joachim?“ fragt Frau Bertha endlich.

„In irgend einem Hotel am Hafen, wo sonst?“ antwortet er, auf die Polizei werde ich gehen. Sie denken doch nicht, daß wir ihnen so bald nachsetzen, wie wollen sie denn überhaupt um Weihnacht nach Helgoland kommen? Ist gar keine regelmäßige Verbindung! Ich werde den Vogel schon erwischen, und Gnade Gott dem Schurken, wenn er mir unter die Hände gerät – die Hundepeitsche nehme ich mit!“

Tante Anna kommt in ihrem Pelz und mit dem Ausdruck tief gekränkter weiblicher Würde. „Daß ich je so eine Reise machen muß, hätte ich auch nicht geglaubt,“ seufzt sie. „Gott prüft uns schwer! Kaum schickt er einen Sonnenstrahl, so folgt schon die Wolke hinterher, und was für eine Wolke!“

„Halte Deine Reden ein andermal, Schwester, und komm, der Wagen ist da,“ unterbricht sie Joachim. „Adieu, Bertha – Gott weiß, wie wir wiederkommen!“

In wenig Minuten hört die noch immer wie betäubt dastehende Frau das Knirschen der Räder auf dem Kies des Parks, im schärfsten Trabe entfernt sich der Wagen.

Frau Bertha und Klementine sehen sich fast nie; erstere kann es so wenig wie ihr Mann überwinden, daß diese die unschuldige Ursache zu des Sohnes Tode war. Heute, in ihrer grenzenlosen Angst und Verwirrung, steigt sie die Treppe empor und tritt in die Schlafstube der kranken Schwägerin.

Klementine von Kronen sitzt aufrecht im Bette mit fieberheißen Wangen und gerungenen Händen. Sie sieht der Eintretenden entgegen, als sei sie ein Gespenst.

„Entschuldige, Klementine,“ sagt die zitternde Frau, „ich weiß nicht wohin vor Angst, ist es nicht fürchterlich? Wie konnte sie uns das anthun?“

„Erwachst Du endlich ’mal aus Deiner Trauer?“ grollt es zurück. „Hättest Dich früher dazu halten, früher die schlafenden Augen aufmachen sollen, dann wär’ ein großes Unglück weniger geschehen.“

„Ums Himmelswillen, was kann ich dafür, Klementine?“

Frau von Kronen ist ganz fassungslos auf den Stuhl zu Füßen des Lagers gesunken und starrt ihre Schwägerin an, als sei diese wahnsinnig geworden.

„Ihr allein könnt dafür, Du und Joachim!“ ruft die Kranke schneidend. „Dem Toten habt Ihr gelebt und der Lebendigen vergessen! Sie hat sich nach Liebe gesehnt und hat keine gefunden bei Euch, und da hat sie das erste beste, das sie dafür hielt, in ihr Herz geschlossen. – Ich habe gezittert für sie schon lange Zeit, aber was konnt’ ich thun, die Kranke, Gelähmte? Wenn mein Bruder Klaus sein Kind fordert und Ihr könnt es ihm nicht geben, so tragt Ihr die Schuld. Gott hat Euch viel genommen – ja! Aber Ihr trotzt mit ihm – alles, was er Euch gegeben hat an Lieblichem und Schönem, um Eure Wunde zu lindern, das habt Ihr mißachtet, habt es höchstens geduldet. Verzeih’, daß ich gerad’ heute so mit Dir spreche, aber – wer weiß, wann ich Dich wiedersehe, und – auf der Seele brannte es mir schon lange.“

Schwer atmend sinkt sie zurück. Frau von Kronen hat unter ihren anklagenden Worten den Kopf gesenkt, wie schneidige Schwerter sind sie ihr in die Seele gedrungen. „Dem Toten habt Ihr gelebt und der Lebendigen vergessen!“ Wie furchtbar wahr das ist, und wie weh der Blitz der Erkenntnis thut. „Klementine,“ stammelt sie, „Du weißt nicht, wie einer Mutter zu Mute ist, die ihr Einziges hingeben mußte!“

„An wen gabst Du es? An den Tod!“ ruft die Kranke laut. „Du weißt, es ist geborgen, gerettet vor allem Schmutz, vor aller Gemeinheit des Lebens – das Kind, an dem Du hättest Mutterstelle vertreten sollen, hast Du an das Leben verloren und weißt Du, an was für ein Leben? Weißt Du, welchem Verhängnis sie entgegen geht? Weißt Du, wie tief sie sinken kann? Ob es nicht so tief ist, daß sie sich nie wieder emporzuheben vermag? Und wenn Ihr sie wiederbekommt, vielleicht noch gerettet, noch rein an Leib und Seele, glaubst Du nicht, daß selbst dieser beabsichtigte Fehltritt ein ewiger Schandfleck für sie bleiben wird? Glaubst Du, daß ihre Seele sich je wieder von dem Drucke freimacht, den ihr diese unselige Erinnerung auferlegen muß?“

„Klementine, um Gotteswillen! Ach, wäre es doch erst morgen!“ jammert die gefolterte Frau. „Klementine, sprich nicht weiter, ich kann’s nicht hören heute – erbarme Dich!“

„Es hat auch keinen Zweck mehr,“ sagt die Kranke gleichgültig, preßt ihr Taschentuch vor den Mund und bleibt stumm.

Welch ein Tag! Ein Tag, an dem ein neuer, glückverheißender kleiner Stern aufdämmerte und ein heller, blitzender von seiner Höhe herabsinkt!

Wie wird es werden?

[325] Ditscha ist pünktlich um fünf Uhr von Bützow aus mit dem Hamburger Personenzug abgefahren; wie es verabredet ist, soll sie an der Kreuzungsstation, wo sie den Zug wechseln muß, auf Hans von Perthien warten, der nachts mit dem Zwölfuhrzug nachkommen will. Grete begleitet das junge Paar bis Helgoland; sie soll bei der Trauung zugegen sein und findet das höchst romantisch. Sie hat nur die eine Bedingung gemacht, daß sie spätestens am Tage vor Sylvester abends wieder abreisen kann, denn ihre eigene Hochzeit findet am zweiten Januar statt; man hat es ihr natürlich zugestanden – man braucht sie dann nicht mehr.

[326] Hans von Perthien ist bereits um elf Uhr auf dem Bahnhof in Bützow. Er hat dem Herrn Domänenrat natürlich vorgelogen, daß er um diese Zeit mit dem Magdeburger Zug reise. Die Stunde des Wartens dort wird er ja überstehen; zusammenzureisen mit Ditscha zu so früher Tageszeit, wäre nicht ratsam gewesen. Auch mußte er noch den „Bescherungsschwindel“ in Uechte mit erleben, eine „tolle Geschichte“, weil nicht mehr und nicht weniger als dreizehn Enkelkinder des domänenrätlichen Ehepaares dabei sind, zu denen vier verheiratete Töchter nebst Schwiegersöhnen gehören. Natürlich war bei der Feierlichkeit sämtlicher üblicher „Klimbim“, als Singen, Weihnachtsmannbeten und kolossale Aufregung, ausgiebig vertreten. Er hat eine sehr schöne Meerschaumspitze mit Bernsteinmundstück und Cigarren bekommen, ein immerhin ganz acceptables Präsent, meint er, während er sich im völlig leeren Wartezimmer herumdrücken muß, in welchem es nach sauerm Bier riecht und kalt und ungemütlich ist.

Er hat sich ein Glas Punsch bringen lassen und mit der Kellnerin ein Gespräch angeknüpft. Das, was er vorhat, regt ihn nicht im mindesten auf, die Beetzener würden schon sorgen, daß die Geschichte glatt abgeht, bis Helgoland braucht man wahrscheinlich gar nicht erst zu gondeln. Morgen wird man Ditscha vermissen, ihren Brief finden, schleunigst hinterherreisen, und dann steht nach drei bis vier Tagen die Verlobungsanzeige in der „Kreuzzeitung“.

Er fragt das verdrießliche strohblonde Geschöpf, was sie zu Weihnacht bekommen habe, und was es Neues giebt. Aber sie ist nicht besonders aufgelegt und verschwindet nach ein paar einsilbigen Antworten wieder in das hinter dem Büffett befindliche Zimmer. Die Petroleumlampe qualmt, der Ofen raucht, es ist nicht mehr zum Aushalten.

Hans von Perthien beschließt, draußen auf und ab zu gehen. Er steht ein Weilchen vor dem erleuchteten Fenster des Telegraphenbureaus still. Bützow hat Nachtdienst; das Gut eines bekannten Staatsmannes liegt dort in der Nähe, und dieser ist dafür eingetreten.

Der Apparat spielt, der bedeutungsvolle Papierstreifen wickelt sich ab unter den Händen des jungen Beamten. Wem mögen die Zeichen gelten? Was haben sie zu bedeuten? – Plötzlich ruft der Mann nach dem Hintergrund des Zimmers gewendet. „Ein Eilbote – dringend – nach Beetzen!“

Der stellvertretende Inspektor, der im Nebenzimmer auf dem Sofa geschlafen hat, kommt herein. Der Bote steht schon da mit nichts weniger als erfreutem Gesicht. „Anderthalb Stunden in der Winternacht, Schwerenot!“ murmelt er. Hans von Perthien kann sogar dieses Murmeln verstehen, denn die Luftscheibe des Fensters ist halb geöffnet.

Jetzt sagt der Beamte lachend. „Man zu, Claussen, da setzt’s ein fettes Trinkgeld ab, das ist ’was Gutes. Oder meinen Sie nicht, daß Sie sich auch freuten, wenn Sie so’n Stammschloß hätten wie Beetzen und es wäre endlich ein Erbe da?“

Hans von Perthien steht wie angedonnert. Er sieht, wie die Depesche ausgefertigt, wie sie dem Boten übergeben wird und wie dieser das Zimmer verläßt. Er lehnt wie betäubt an dem Gebäude, hat den Hut abgenommen und fährt sich über die Stirn.

Was war denn das? Beetzen – ein Erbe? Ditscha sollte nicht – – alle Hagel! Gewißheit – Gewißheit um jeden Preis! Aber wo sie erfahren?

Da kommt ihm der Zufall wieder zu Hilfe. Der Inspektor und der Telegraphenbeamte unterhalten sich über den Fall weiter, und der erstere, der ein jovialer Herr ist, meint: „Na, da sinkt die hübsche Baroneß Kronen bedeutend im Preise. Hätt’ mancher gern die Kleine gehabt, wenn – Beetzen daran hängt. Wird auch nicht allzu freudig überrascht sein, ein Brüderl zu Weihnacht zu kriegen.“ Dann lachen sie beide.

„Se könn’ jetzt das Billet bekommen, Herr, de Schalter is apen,“ sagt plötzlich zu ihm der Mann, dem er vorhin seinen Koffer übergeben hat.

„Schön! Wann geht der Zug?“

„In eine Viertelstünn.“

„Nach Magdeburg?“

„Nee! Ich denk’, Se wölln na Hamborg, Herr?“

„Nach Hamburg? Blech! Nach Magdeburg will ich!“

„Ja, dann hev ick dat falsch verstahn. Nach Magdeborg, da geiht nu aberst lang kein, oder Se mötn jetzt mit’n Gütertog fahren, da is ’n Wagen drütter Klass’ an.“

„Nun denn, hinein zum Teufel in den Güterzug!“ sagt Hans von Perthien. „Holen Sie mir ein Billet und besorgen Sie den Koffer. Wann kommt denn dieser Zug?“

„In tein Minuten, Herr.“

„Schön,“ sägt Hans von Perthien. Und nach zehn Minuten sitzt er in dem völlig leeren Personenwagen des Güterzuges und zündet sich eine Cigarre an. „Ei, du Donnerwetter,“ sagt er halblaut, „das hat gerad’ noch geklappt! I der Deibel, wie leicht man doch hätt’ reinfallen können! Ditscha ohne Beetzen?“ – – Er pfeift vor sich hin – „Scheußlich, nun sitzt sie da in dem öden Bahnhof und wartet – armes kleines Mädchen! Kann ihr aber nicht helfen, muß wieder heim, werde ihr schreiben von Berlin aus – oder auch nicht – und dem Calwerwisch auch, der mich nun ebenfalls loswird. Ein herziges Käferl ist sie, aber – hungern mit ihr? Der Deibel! Glück muß ein junger Mann haben.“ Und er nimmt die Cigarre, bläst etwas Rauch aus, führt ihn mit der Hand zur Nase und nickt befriedigt – „nicht übles Kraut, das!“

Ditscha sitzt indes geduldig im Wartesaal der Kreuzungssation, neben ihr Grete.

Vor Grete, die in einem eleganten Wintermantel, Pelzboa und Federhut prangt, stehen die Reste eines Abendessens; sie trinkt eben noch den letzten Schluck Bier aus, setzt das Seidel klappernd auf den Tisch und sagt: „Nun noch zehn Minuten, dann kommt ‚Er‘! – Was ist so’n Warten doch langweilig, noch dazu Weihnachten; es tröstet mich nur, daß noch mehr Leut’ unterwegs sind, die den Christbaum verpassen.“

„Du wärst lieber daheim geblieben, Grete? – Es thut mir so leid,“ antwortet Ditscha matt, die den Schleier nicht zurückgenmmen und sich mit dem Rücken nach dem Gasleuchter gesetzt hat.

„O je! Keine Spur, gnä’ Fräulein; nee – so ’was!“

„Aber Dein Bräutigam?“

„Der amüsiert sich schon derweil in Bützow. Die Eltern denken, wir sind beide bei seiner Tante in Magdeburg, die uns ’mal ’was vermachen will – ’s ist zum Totlachen! Na, wenn sie dies wüßten, die Alten – o je! – Ueberhaupt, gnä’ Fräulein, das müssen Sie mir aber versprechen, wie’s auch kommt, daß Sie mich nicht verraten bei der Herrschaft, sonst ist für meine Eltern das letzte Brot auf Beetzen gebacken – nicht wahr, gnä’ Fräulein?“

Ditscha seufzt. „Gewiß nicht, Grete!“

„Einsteigen nach Lüneburg, Harburg, Hamburg!“ schreit der schlaftrunkene Portier.

Ditscha fährt empor und greift nach ihrer Tasche, aber sie fühlt, wie sie wankt, und stützt sich zitternd auf einen Stuhl.

Grete spricht ihr Mut zu und ergreift die halb Ohnmächtige beim Arm, um sie hinaus zu führen. Der Zug braust eben herein. Grete mustert alle Coupés, eine Menge Leute steigt aus, um den Hamburger Zug zu erreichen; Unmassen von Gepäck liegen plötzlich auf dem Perron.

„Jenseit des Gebäudes Abfahrt nach Hamburg!“ schreit ein Beamter, Grete hat Ditscha stehen lassen und schiebt sich suchend durch die Menge, Hans von Perthien ist nicht da! Sie schreit Ditscha etwas zu und läuft nach dem Hamburger Zug – er kann ja geglaubt haben, sie sind schon darin. Ditscha folgt ihr, mit einem wahnsinnigen Herzklopfen und einem Gefühl, als müsse sich die Erde vor ihr aufthun, wenn sie seiner ansichtig werde, und doch sehnt sie sich in diesem Augenblick nach ihm, als ob sie ihn wirklich liebe – sie weiß ja, die Brücke hinter ihr ist abgebrochen, sie hat nur noch ihn auf der ganzen weiten Welt.

Grete kommt atemlos ihr entgegen. „Was sollen wir thun – er ist nicht gekommen!“

„Nicht mit ge – –“

„Nein, gnä’ Fräulein – hat jedenfalls den Zug verpaßt. Eilen Sie sich doch ein bißchen, die Coupés werden schon geschlossen.“

„Ich fahre nicht ohne ihn,“ erklärt Ditscha und wendet sich dem Hause zu.

„Aber – du große Güte – wie – was? Er ist doch gewiß im nächsten Zuge!“

„Ich gehe nicht ohne ihn nach Hamburg, wir warten hier,“ sagt Ditscha, und sie wendet sich an einen Beamten. „Wann kommt der nächste Zug von Bützow?“

„Vier Uhr fünfzig,“ antwortet der Mann, und Ditscha geht gelassen nach dem Wartesaal zurück, gefolgt von der mißvergnügt dreinblickenden Grete. Als ob man den unpünktlichen Herrn Bräutigam – schöner Bräutigam, ihrer dürfte sich das nicht erlauben – nicht auch mit aller Bequemlichkeit in einem Hamburger Hotel [327] erwarten könnte, anstatt auf diesem schrecklichen Bahnhof mit seinem verräucherten Wartesaal in der Weihnachtsnacht!

Grete sieht die blasse Ditscha gar nicht an, legt sich ins Sofa zurück und schließt die Augen. Hinter dem Schenktisch nickt die verschlafene Büffettdame. Der Regulator über dem Sofa schwingt so leise seinen großen Messingperpendikel, als sei er eine Gespensteruhr, das Gas ist heruntergeschraubt und zischt leise, und Ditscha zermartert ihr Gehirn, wie es möglich gewesen, daß er nicht kam. Sie denkt, ob er einen Unfall gehabt hat, und malt sich eine Scene aus auf der nächtlichen Chaussee, einen zerbrochenen Wagen, einen hinausgeschleuderten Menschen, ein gestürztes Pferd. Oder, er hat sich nicht sogleich in Uechte frei machen können von der Weihnachtsfeier – natürlich!

Als sie gestern von ihm Abschied nahm, da war sein flüsterndes Wort: „Wir trennen uns heut’ zum letztenmal, Ditscha.“ – – Und sie ist ganz beruhigt. Man kommt ein paar Stunden später nach Hamburg, was schadet’s? Und sie denkt weiter – wann werden sie meinen Brief finden in Beetzen? Und wer? Und wie wird das sein? – Sie stellt sich alles vor, die mögliche günstige und die schlechte Aufnahme. Sie hätten es sich und ihr ersparen können, sie wäre gewiß auch lieber in der Beetzener Kirche getraut worden, im Beisein der Familie, als nun so allein in Helgoland. – Hin und wieder treffen ihre Augen die Uhr – „mein Gott, wie langsam die Zeit geht, und wie totmüde ich bin!“

Auf einmal schreckt sie auf – sie hat geschlafen. „Einsteigen nach Lüneburg, Harburg, Hamburg!“ Grete taumelt ebenfalls empor, noch völlig schlaftrunken stürzen sie beide nach dem Perron.

Der Zug fährt langsam an ihnen vorüber, sie mustern mit den Blicken die erleuchteten Coupés – warum erscheint er nicht am Fenster? Auf einmal schreit Grete auf. „Jesus, gnä’ Fräulein, der Herr Baron – der Herr Onkel und Fräulein Anna! Barmherzigkeit, sie sind uns nachgekommen – gnä' Fräulein – verraten Sie mich nicht!“

Und ehe die betäubte Ditscha weiß, wie ihr geschieht, ist Grete von ihrer Seite verschwunden, und sie steht allein unter einer flackernden Laterne, neben sich das Gepäck und nicht fähig, sich zu rühren, und sieht Onkel Jochen und sieht Tante Anna. Die beiden kommen eilig, ihrer nicht achtend, direkt auf sie zu, um sich nach der andern Seite des Bahnhofs zu begeben.

Ditscha fühlt, wie die Kraft, sich aufrecht zu erhalten, sie zu verlassen droht. Sie umfaßt den Kandelaber, und in diesem Augenblick wird sie von Tante Anna bemerkt.

„Jochen!“ schreit diese, „Jochen!“ Er ist schon weiter geschritten und wendet sich nun. Da sieht er in den Armen seiner Schwester die Gesuchte, blaß wie der Tod, mit halb geschlossenen Augen, und im nächsten Augenblick steht er bei ihr und faßt sie an den Schultern, und der Zorn übermannt ihn.

„Wo hast Du den Schurken?“ fragt er, „sag’s, wo ist er, auf der Stelle sag’s!“

Ditscha ist zu sich gekommen und macht sich empört von ihm los. „Ich weiß von keinem Schurken,“ antwortet sie und blickt fest in die rotunterlaufenen Augen ihres Onkels.

„Jochen!“ mahnt Tante Anna leise, „um Gotteswillen, nur hier keine Scene!“

„Ich frage Dich zum letztenmal,“ flüstert der aufgeregte Mann drohend, „wo hat sich Dein Liebster hingeflüchtet – Wahrheit – Wahrheit allein kann Dich noch retten!“

„Ich weiß es nicht – ich nicht.“

„War er nicht hier?“

„Nein, ich erwarte ihn erst.“

„So! Es wird sich finden, ob Du wahr sprichst – Anna, Du bleibst bei ihr, ich will suchen!“

Er stürzt vor den noch dastehenden Hamburger Zug und schaut in alle Coupés, er fragt die Schaffner, ob ein Herr – so und so habe er ausgesehen – eingestiegen sei. Aber der Zug ist fast ganz leer, die paar Insassen gleichen nicht Herrn von Perthien.

Er kommt atemlos zrück. „Es wird sich finden,“ droht er. „Und jetzt geht hier auf und ab, ich will Billets lösen nach Berlin. – Ihr betretet nicht den Wartesaal, es könnte ja doch jemand dort sein, der uns kennt und sich etwas wundern dürfte, daß Joachim von Kronen genötigt ist, seine Nichte in der Christnacht auf einem Bahnhof aufzulesen.“

Ditscha wankt neben Tante Anna her, aber sie kommt nicht weit, die Füße versagen ihr bald den Dienst. Sie stehen da nebeneinander an einer windigen finstern Stelle des Bahnhofgartens unter einer Akazie, an deren Stamm Ditscha sich lehnt; Tante Anna bebt vor Frost und tritt von einem Fuß auf den andern. Ditscha merkt nichts von Kälte, sie fühlt nur eins, daß sie verraten, beschimpft, vernichtet ist. Tante Anna hat eine Flut von Vorwürfen auf den Lippen, aber sie ist so aufgeregt, daß sie kaum zusammenhängend sprechen kann.

Sie stößt nur hervor: „Und Du – Du willst eine Kronen sein? Du willst zu uns gehören? Herabgewürdigt hast Du uns alle – alle. Was dachtest Du Dir eigentlich dabei? Hast Du denn keinen Funken von Religion und Moral?“

Als sie endlich im Coupé erster Klasse sitzen – Onkel Joachim hat dem Schaffner ein Trinkgeld gegeben, damit sie allein bleiben – schreit er Ditscha wieder an. „Heraus mit der Sprache, wo ist der Kerl?“

Ditscha zuckt die Achseln, sprechen kann sie nicht. Ihr Gesicht ist kalkweiß, die blauen Ringe unter den Augen ziehen sich bis auf die Wangen herab.

„Ich sage Dir – sprich!“ tobt der zornige Mann. „Wo ist er? Wer war Dein Helfershelfer? – Reinen Wein, wenn ich Dich, Deinen Ruf retten soll – reinen Wein!“

„Daß wir so etwas erleben müssen, Jochen,“ schluchzt Tante Anna, als Ditscha mit starren Augen an dem Onkel vorbeisieht, „daß eine aus unserem Hause heimlich mit einem Mann durchgeht! –“

„Durchgeht?“ donnert Jochen von Kronen, „der Lumpenkerl hat sie sitzen lassen! – Du siehst’s ja, er hat sich bedankt für so eine – eine –“

Ditscha greift mit den Händen an ihre Schläfen, ihre Blicke irren verzweiflungsvoll umher, und plötzlich springt sie auf, reißt das Fenster hernieder und beugt den Oberkörper weit hinaus, um die Thür zu öffnen – sie will sich hinausstürzen, sie will sterben, sie kann nicht weiter leben – sie –.

Joachim von Kronen hat sie im selbigen Augenblick um den Leib gefaßt, sie zurückgerissen und auf den Sitz geschleudert. Die Thür ist offen, der kalte Wind und einzelne Schneeflocken dringen in das Coupé.

Sein Gesicht ist erdfahl geworden; seine Augen sehen mit wahnsinniger Angst auf das blasse, leblose Antlitz des jungen Mädchens. „Ditscha! Ditscha!“ ruft er, „sei doch vernünftig! Kannst Dir doch denken, daß ich rasend bin, über Deine Dummheit. – Wach’ doch auf, Ditscha – wach’ doch auf!“

Aber das Mädchen hört nicht, sie ist ohnmächtig geworden.




Jahre sind dahingeschwunden.

Im Schloßgarten von Beetzen blühen die Linden. Auf der Terrasse des Herrenhauses sitzt Ditscha, neben ihr steht der Tisch, auf dem die unberührte wappengeschmückte Tasse des Hausherrn wartet, auch ein Kindertäßchen ist da und ihre eigene; frische Semmeln, Butter und Honig vervollständigen das Vesperbrot.

Ein paar Wespen summen darüber. Es ist sehr warm und am tiefblauen Himmel türmen sich weiße silberglänzende Wolken empor, ein echter Sommernachmittag. Auf dem Kiesweg ziehen sich frische Räderspuren hin. Die Thüre nach dem Speisesaal steht offen und man hört die große Standuhr drinnen schlagen – halb vier.

Ditscha läßt ihre Arbeit ruhen, legt die Hände in den Schoß, den Kopf zurück und schließt die Augen. Eine halbe Stunde noch, ehe Onkel Jochen und der Kleine erscheinen werden. Sie ist in tiefer Trauer; Ditscha ist überhaupt all’ die Jahre her, und es sind ihrer sechs, nicht aus der Trauer herausgekommen. Sie denkt eben darüber nach, als sich die helle Stickerei in dem Sonnenstrahl, der langsam zu ihr herübergeglitten ist, förmlich blendend von dem tiefen Schwarz ihres Gewandes abhebt.

Zuerst, gleich damals, als sie die große Thorheit ihres Lebens beging, starb Tante Klementine. – Ueber Ditschas Antlitz, das sich wenig verändert hat bis auf einen wehen Zug um den Mund, der ihm etwas Stilles, Ernstes giebt, fliegt bei dieser Erinnerung eine leichte Blässe. Sie gesteht sich ehrlich, daß sie schuld ist an dem raschen Tod der Kranken, obgleich man es ihr hat ausreden wollen. O, Ditscha hat furchtbare Zeiten erlebt, sie kann nicht darüber nachdenken, ohne das ganze Elend, den ganzen Schimpf der damaligen Lage immer wieder zu empfinden. Onkel Joachim hat seit jenem Augenblick im Coupé zwar niemals wieder ein Wort mit ihr über das Begebnis geredet, hat ihrem Vater keine [330] Mitteilung gemacht und Tante Anna energisch untersagt, je auch nur das Unbedeutendste darüber zu reden, zu wem es auch sei. Man hatte sie halbtot an die Wiege ihres neugebornen Brüderchens geschleppt und war dann, andern Tages mit ihr wieder abgereist nach Beetzen, Der einzige Eindruck, den das Kind auf sie gemacht, war das Gefühl, daß sie nun erst recht überflüssig sei auf dieser Welt.

Als sie in Beetzen wieder angelangt war, hatte ihr Grete Busch einen Brief von Hans zugesteckt. Sie nahm ihn, riß ihn vor Gretes Augen in hundert kleine Stückchen und ließ diese von ihrer Handfläche fliegen, grüßte Grete hochmütig und wendete ihr den Rücken, ohne ein Wort zu sprechen, Grete, die auf viel Geld und auf ein Hochzeitsgeschenk für alle ihre Mühe gerechnet hatte, in sehr erbitterter Stimmung zurücklassend.

Tante Bertha betrachtete Ditscha mit aus Verwunderung und Entsetzen gemischten Blicken; Hanne war tödlich verlegen und wußte lange Zeit nicht, wie sie sich benehmen sollte. Einzig Tante Klementine, vor deren Bett das Mädchen kniete in stummem Jammer, weinte über sie. „O, Du mein armes Kind, mein armes Kind!“ Aber die Teilnahme der armen Kranken öffnete ihr auch die Augen über die Tragweite ihrer Verirrung. Und aussprechen konnte Ditscha sich auch bei ihr nicht; es war ihr, als sie den Versuch dazu machen wollte, als müßte ein einziger Schrei über ihre Lippen kommen, ein greller Schrei der Verzweiflung, der ihr selbst und anderen das Herz krank gemacht hätte.

Erst als Klementine ausgekämpft, als Ditscha am Sarge stand und Hanne sie kopfschüttelnd allein ließ mit der Toten, erst da fand sie, niederknieend und die Stirn gegen das Eichenholz des Sarges pressend, Thränen und Worte herzzerreißender Klagen und Fragen, eine Beichte, die ihr das Herz nicht erleichterte, sondern nur noch bitterer machte. Ihre Jugend – ist vorbei, vorüber! Sie hoffte nichts mehr, sie fühlte nichts mehr – sie lebte weiter in dem stillen Beetzen, ohne etwas zu vermissen, in starrer Abgeschiedenheit, ohne Sonne und Licht.

Dann kam der große herrliche Krieg. Ditscha atmete auf; sie bat auf den Knieen, man solle sie mitziehen lassen nach Frankreich als Krankenpflegerin – umsonst! Tante Anna trat ihren Posten als Vorsteherin eines großen Spitals nahe der deutschen Grenze an; Ditscha blieb bei Onkel und Tante, strickte Strümpfe und nähte Hemden, für die Soldaten im Felde, las geduldig Onkel Joachim die „Kreuzzeitung“ vor von A bis Z und verfolgte auf der Karte das Vordringen des siegreichen Heeres. Ihre Stiefmutter mit dem kleinen Joachim von Kronen kam damals ins Haus, ein nervöses seufzendes ungeduldiges zierliches Frauchen, das jeden Tag ein bis zwei Thränenscenen aufführte, sehr viel Romane las und ihrem prächtigen Buben etwas von seinem armen, armen Papa erzählte, der nie wiederkomme, ganz gewiß nicht wiederkomme, und der Onkel Bredow auch nicht. Dann ging das Weinen und Jammern von neuem an, und das geängstigte, damals dreijährige Kind schrie mit, als ob es am Spieße stäke. Ditscha stand dabei mit ihrem blassen Gesicht und wußte nicht, was sie dazu sagen sollte.

Frau Cilly von Kronen hatte in der Hauptsache recht gehabt: An einem entsetzlich heißen Sommertage traf die Kunde von dem Tode ihres Mannes ein; er war bei Mars-la-Tour gefallen.

Ditscha war nun ganz Waise, aber an sie dachte niemand. All’ und jede Teilnahme konzentrierte sich auf die junge Witwe und den kleinen Sohn. Selbst Tante Bertha rüttelte sich aus ihrer starren Zurückhaltung empor, die sie gegen den kleinen Burschen zu beobachten pflegte, und schloß weinend das Kind in die Arme, Onkel Joachim saß bei dem sich verzweifelnd gebärdenden, jungen Weibe stundenlang, und endlich machte er sich auf, um die Leiche des Bruders zu holen. Als er in Begleitung des verwundeten Adjutanten seines gefallenen Bruders mit dessen sterblichen Ueberresten zurückkehrte, hatte sich Frau Cilly so weit gefaßt, daß sie Herrn von Bredow empfangen konnte. Die Witwenhaube auf dem lichtblonden Haar, ganz in schwarzen schleppenden Krepp gehüllt, aus dem ihr Kindergesicht zart wie eine Apfelblüte hervorsah, erwartete sie ihn im Empfangszimmer. Ditscha, den Kleinen auf dem Arme, stand hinter ihrem Sessel.

Herr von Bredow trug den Arm in der Binde, ein schöner hochgewachsener Mann, in dessen jugendlichem Gesicht es zuckte wie von mühsam verhaltener Aufregung, als er der Witwe seines Kommandeurs die Hand küßte. Er machte Ditscha seine ritterlichste Verbeugung und strich dem Kleinen über den Blondkopf.

„Ach, Ditscha, bitte, darf ich Dir Herrn von Bredow vorstellen? – Herr von Bredow, dies ist die Tochter meines armen verstorbenen Mannes.“

Herr von Bredow hatte sich tief verbeugt und sich dann vor Frau Cilly, die jetzt das Kind auf dem Schöße hielt, niedergelassen auf einem kleinen Taburett; es sah fast aus, als kniee er vor ihr. Und nun kam der Bericht von seines Obersten Tode und seinen letzten Grüßen. Sie hatten „meiner Frau, meiner armen kleinen Frau“ gegolten und „dem süßen Jungen“. Cilly waren bitterliche Thränen über das weiße Gesichtchen gelaufen; Ditscha stand, die Arme schlaff herabhängend, die Hände die Falten ihres Kleides gekrallt, da und wartete auf den letzten Gruß ihres Vaters. Aber Herr von Bredow sagte nichts dergleichen; Frau Cilly sprach schon längst mit leiser Stimme von der Verwundung des Berichterstatters. Da wandte sich – Ditscha zum Gehen, ein eiskaltes, bitteres Gefühl im Herzen.

Nicht ’mal in der Sterbestunde hatte er ihrer gedacht!

Der Begräbnistag stand heute wieder so deutlich vor ihr. Alle hatten geweint, nur sie nicht: nicht bei der ergreifenden Rede des Predigers, nicht bei den verzweifelten Schmerzausbrüchen der jungen Witwe und den spärlichen Thränen, die in Onkel Jochens silbergrauen Bart rieselten; nicht, als sich die Pforte der Kapelle hinter Klaus von Kronens sterblichen Ueberresten schloß, und nicht bei den tröstenden Worten des zahlreichen Trauergefolges. Zu, dieser trüben Feier hatte sich der ganze Adel der Nachbarschaft vollzählig auf dem alten Beetzen eingefunden, und wenn Joachim von Kronen je geglaubt hatte, man habe ihn gestrichen aus der Zahl der Lebenden, so hatte er sich geirrt. Alle waren sie da, alle.

Ditscha weinte auch hier nicht; erst als sie allein war in der Nacht, da rüttelte es sie in wildem Schmerz; aber es war nicht Trauer, was sie bewegte, es war das vereinsamte gekränkte Herz, das mit dem Toten haderte, weil er sie nicht besser geliebt, weil es nicht so um ihn trauern konnte, wie es gewollt und gesollt!

[341] Frau Cilly blieb auf Beetzen und brachte, als die Zeit ihren Schmerz gemildert, Leben ins Haus, zu Frau Berthas Betrübnis, die zu kränkeln begonnen hatte und öfter denn je verweinte Augen zeigte. Vor dem kleinen Joachim, der gerade wie ihr verstorbener Einziger zum Unterschied von seinem Onkel „Achim“ gerufen wurde, flüchtete sie in die entferntesten Winkel ihrer eignen Gemächer, wenn er durch die Korridore des stillen Hauses tobte mit seiner Bonne und den Hunden. Je mehr der Knabe sich entwickelte, je mehr er die herkömmliche stattliche braune Art der Kronen zeigte, um so ängstlicher mied sie ihn. Sie siechte so hin an dem Schmerz um den Verlorenen.

Onkel Joachim wuchs der frische Junge, den seine Mutter weidlich verzog, nach und nach tief ins Herz hinein, aber vor seiner armen Frau wagte er keine Liebkosungen. Ganz heimlich verkehrten die beiden Jochen zärtlich miteinander; heimlich schlichen sie in den Pferdestall, und da hob der Alte den Jungen, wie er es vor Jahren mit dem Sohne gethan, auf den Rücken eines Gaules und freute sich, wenn der Wicht mit hellem Jauchzen droben saß. Und heimlich hatte der Onkel aus seinem Bücherschrank den Baukasten des ertrunkenen Sohnes hervorgesucht und ihn dem Neffen auf den Teppich seiner Arbeitsstube ausgeschüttet, während er in der Sofaecke dabeisaß und wie verzaubert dem nämlichen Spiel zusah, das der Vorbesitzer des Kastens getrieben. Genau solche wackelnde Pyramiden baute der kleine Kerl in seinem schwarzen Sammetkittelchen, zum Verwundern ähnlich fand Jochen ihn dem Entrissenen in all seinem kindhaften Thun.

Hierbei überraschte ihn einst Tante Bertha. Sie stand plötzlich in der offenen Thür, starrte auf das Kind, starrte auf ihren Mann, wandte sich um und ging. Von diesem Tage an lag sie viel und fieberte beständig. Der Arzt kam nicht mehr aus dem [342] Hause, und gegen Weihnacht hin, gerade als Frau Cilly begonnen hatte, wieder aufzuleben, und von einem Nachbargut zum andern fuhr, ihre Besuche zu machen, und die ersten Kisten ihres Kleiderlieferanten aus der Residenz eingetroffen waren mit Gesellschaftstoiletten, da schloß Tante Bertha ihre müden Augen für immer.

Ach ja, es ist anders geworden im Beetzener Herrenhause, ganz anders, aber einsam und kalt blieb es für Ditscha noch immer.

Vorhin ist Frau Cilly in eleganter Halbtrauer nach Westerwohl zum Grafen Mangelsdorf gefahren, man will da eine Croquetpartie spielen. Ditscha ist mit eingeladen, hat aber abgesagt. Onkel Joachim schläft noch, klein Joachim treibt sich irgendwo umher im Park mit seiner Bonne.

Ditscha erwacht aus ihrer Träumerei durch das rasche Anfahren eines Wagens vor der Freitreppe. Sie erhebt sich und blickt aus dem mit Kletterrosen umwundenen Säulengang hinunter zu dem Gefährt. Ein stattlicher Mann in tadellosem Besuchsanzug springt aus dem Korbwagen und giebt dem hinzueilenden Friedrich seine Karte, der sie Ditscha überreicht. Sie läßt den Gast bitten, näher zu treten, und verfügt sich zu Onkel Joachim, um ihn in das Empfangszimmer zu holen.

Unterwegs sieht sie die Karte an.

 Kurt Rothe
Lieutenant der Reserve im 4. Garderegiment zu Fuß.
 Rittergutsbesitzer auf Dombeck.

Ah, richtig, Dombeck ist ja verkauft; an einen Bürgerlichen verkauft der alte Grafensitz, und der neue Eigentümer macht nachbarschaftliche Besuche.

„Wie sieht denn der Jüngling aus, Ditscha?“ fragt Onkel Jochen und betrachtet seine rotgeschlafene Wange im Spiegel, indem er mit der Taschenbürste seine spärlichen weiß gewordenen Haare ordnet. „Weißt nicht? Auch gut – ich sehe ihn mir gleich selbst an. Alter Mann schon – was? Irgend einer, der bei Armeelieferungen reich geworden ist und das Geld hat, Dombeck zu bezahlen – na – ich komme gleich, komme gleich!“

Ditscha geht und muß noch denken, wie alt Onkel Jochen seit dem Tode seiner Frau doch geworden. Es ist ihr noch nie so aufgefallen wie eben jetzt; und noch mit diesem Gedanken beschäftigt, betritt sie das kühle, etwas verdunkelte Empfangszimmer und steht einem großen Manne gegenüber mit blondem Vollbart und Haar, dessen helle intelligente Augen sie mit dem Ausdruck unverhohlener Bewunderung betrachten. Es ist einen Augenblick, als wollten sich da zwei Menschen auf den Grund der Seele sehen.

Ditscha fühlt, wie sie rot wird. Sie fordert ihn auf, Platz zu nehmen, indem sie sagt, daß der Onkel sofort erscheinen werde. Sie hat so zurückgezogen gelebt, und sie wünscht in diesem Augenblick, die quecksilberne Gewandtheit Frau Cillys zu haben, um ein Gespräch in Fluß zu bringen. Es fällt ihr aber weiter nichts ein als: „Wie gefällt’s Ihnen in Dombeck?“

„Ich hoffe, es soll mir noch sehr gut gefallen; jetzt bin ich noch nicht eingewöhnt, meine Gnädige. Es ist ein schönes Gut, aber es gehört viel Arbeit hinein. Schloß und Park sind mir fast zu herrschaftlich, fast zu groß, und vorläufig habe ich noch Sehnsucht nach dem gemütlichen Häusel meiner väterlichen Besitzung.“

„Wo steht das ‚Häusel‘?“ fragt Ditscha und ein seltenes Lächeln fliegt um ihren Mund.

„In Schlesien,“ sagt er und lächelt auch. „Mein älterer Bruder sitzt darin mit seiner Familie und unserm alten Mutterle – sie ist da halt nicht wegzubringen.“

„Und warum auch?“ fragt Ditscha.

„Weil ich sie gern hier gehabt hätte. Oder, meinen Sie, gnädige Frau –“

„Fräulein –“ verbessert Ditscha.

„Gnädiges Fräulein – Pardon – es sei für einen verzogenen, verwöhnten Menschen wie ich bin, angenehm, nichts wie leere Zimmer um sich zu haben?“

„Sie kommt gewiß bald auf Besuch,“ tröstet Ditscha und lächelt wieder. Und in diesem Augenblick tritt Onkel Joachim ein, und Ditscha überläßt die Herren einander.

Onkel Joachim schickt nach einem Weilchen Friedrich und läßt sagen, daß Herr Rothe den Thee mit der Familie nehmen werde.

Ditscha beordert ein frisches Gedeck und schiebt selbst einen Korbsessel herzu. Der kleine Joachim in einem blauen Matrosenanzug erscheint, und just als Friedrich die silberne Kanne bringt, betreten die Herren die Terrasse. Ditscha schickt das Kind zur Begrüßung entgegen und fragt, ob es erlaubt sei, daß es da bleibe, um seine Milch zu trinken.

„Aber, ich bitte darum,“ ist die artige Antwort; und Onkel Joachim erzählt in aller Eile, daß das arme Kerlchen den Vater im Kriege verloren habe.

Die Herren verschmähen das Gebäck und rauchen. Onkel Joachim interessiert sich lebhaft dafür, in welchem Zustande sein Gast Dombeck gefunden habe, und ist erfreut, daß derselbe mit sehr großer Zurückhaltung über den Vorbesitzer spricht. Er weiß ja, daß Dombeck total verloddert ist, hört’s aber nicht gern, wenn sein alter Freund, Graf Amfeldt, getadelt wird.

Taktvoll! denkt er, wirklich taktvoll! als der junge Mann die Waldkultur sogar lobt. – Dann werden die Jucker vor dem Wagen bewundert.

„Ein Paar richtige Katzen,“ sagt Onkel Jochen, „aber das Zeug läuft wie der Deubel.“

„Ich habe sie selbst geholt aus Ungarn,“ erzählt Kurt Rothe.

Nun kommt das Gespräch auf Reisen. Ueberall ist der Gast gewesen. Ditscha lauscht mit gesenktem Kopf.

„Wo waren Sie denn während des Feldzuges?“ fragt der Hausherr.

„Vor Paris und in Orleans, Herr von Kronen.“

„Und nun wird Friedensarbeit gethan?“ nickt der alte Herr.

„Gott geb’s – auf lange!“ stimmt sein Gast bei. „Ihr Enkel? Herr Baron?“ fragt er dann, auf den Kleinen deutend, der herzu geschlichen ist und sich an seines Onkels Knie lehnt.

„Nein – ich habe keine Kinder mehr – ich –“

Ditscha sieht zu Herrn Rothe hinüber mit einem bittenden Blick und legt den Finger leicht auf die Lippen. „Es ist mein kleiner Bruder,“ sagt sie laut.

Ein Weilchen wird noch hin und her geredet, dann empfiehlt sich der Besuch. Joachim begleitet ihn die Treppe hinunter; Ditscha steht an der umrankten Säule und blickt dem Wagen nach, bis er hinter dem Boskett verschwindet. Der Kleine ist seinem Onkel entgegengesprungen, und der hat ihn an der Hand gefaßt; beide gehen durch den Park auf den vom Abendsonnenschein vergoldeten Wegen.

Ditscha fährt sich mit der Hand über die Stirn. Es ist ihr so eigen, so freundlich zu Mute. Ob es die warme, tiefe Männerstimme war, oder seine milde ernste Art? Oder ist es der stille köstliche Sommerabend? Sie weiß es nicht, aber sie kann es nicht hindern, daß ihre Gedanken in das einsame Dombecker Schloß einkehren. Sie kennt es; es liegt gerade dort, wo die ‚krumme Beetze‘ in den Strom mündet, ist von alten köstlichen Bäumen umgeben und hat noch Wall und Gräben wie zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der es merkwürdigerweise verschonte; und sie kennt die Gänge und Säle und Zimmer.

Ja, einsam mag’s da sein!

Abends bei Tische – Onkel Jochen und sie speisen allein – sagt der alte Herr plötzlich: „Ditscha, den mußt Du Dir genauer ansehen, wenn er Dir einmal wieder in den Weg läuft, der hat das Eiserne Kreuz erster Klasse! Ich sah es vorhin in der Rangliste – was meinst Du dazu?“

Ditscha wundert sich eigentlich nicht darüber und sieht so aus, als würde sie sich eher wundern, wenn er es nicht hätte; sie schweigt also.

„Cilly scheint sich jetzt das Spätnachhausekommen anzugewöhnen,“ spricht Onkel Jochen weiter.

„Ich denke mir, daß die Herrschaften zum Abendessen an Westerwohl geladen sind, Onkel?“

„Soll sich mehr um den Jungen kümmern,“ fügt er brummig hinzu, „ich glaube, sie sieht ihn den ganzen Tag nicht. Des Morgens schläft sie bis zehn Uhr –“

„Aber Hanne versorgt ihn sehr gut, Onkel –“

„Ach was, das ist der Mutter Angelegenheit! Freilich,“ setzt er hinzu, „Hanne erzieht ihn besser, als Cilly es thun würde, die ihn wie einen Schoßhund behandelt. Muß ein Präceptor heran, ein Präceptor, wenn’s kein Unglück werden soll.“

Abends um zehn Uhr kommt Frau Cilly. Sie tritt in die Stube, wo Ditscha mit dem Onkel sitzt. Onkel trinkt Sommers den Grog kalt, mit etwas Citronensaft darin. Er ist beim dritten Glase, und als die junge Frau in ihrem weißen gestickten Kleide, [343] das mit schwarzen Sammetschleifen geziert ist, umher flattert und ihn ‚Schwagerchen‘, ‚Onkelchen‘, ‚Großpapachen‘ in einem Atem nennt, ihm eine Rose an die Nase wirft und von seinem Grog kostet, um eine allerliebste kleine Fratze zu schneiden, da lacht er aus voller Kehle.

„War wohl recht lustig – wie?“ erkundigt er sich.

„Ganz famos, ganz reizend, Onkelchen! Und wenn der dumme alte Franz da nicht geradezu ostentativ vor der Freitreppe gehalten hätte und ich nicht wüßte, wie sehr besorgt Du um Deine Pferde bist, Jochen, so wär’ ich noch ein bißchen dort geblieben, denn erstens war da ein alter Bekannter von mir anwesend, und zweitens ein ganz neuer. Da kam nämlich der jetzige Besitzer von Dombeck vorgefahren – spät genug, wir wollten eben zu Tische gehen – und, das weißt Du, Joachim, wer Dombeck kaufen kann, der spielt schon immer eine Rolle.“

„Haha! Das hättest Du bei uns auch haben können! Du, der hat Thee mit Ditscha und mir getrunken,“ lacht der alte Herr.

„Ach, wirklich? Na, ich kann Dir sagen, er hielt sich dort zwar nicht lange auf, aber doch lange genug, um von der ganzen anwesenden Damenwelt interessant gefunden zu werden.“

„Ditscha, hast Du noch heiß’ Was – – wollt’ sagen Eis?“ fragt Onkel Joachim dazwischen.

Hanne, die jetzt eingetreten ist, schmettert ihm ein „Jawohl, Herr Baron!“ entgegen und winkt den Damen zu. Frau Cilly lacht laut auf, macht Onkel Joachim einen regelrechten Hofknix, hält ihm die kinderkleine Hand zum Kuß an den Mund und ist zur Thür hinaus wie ein Wirbelwind. „Gute Nacht, Onkel Joachim!“ sagt Ditscha ernst, und Hanne macht das bekannte vierte Glas; dann geht auch sie und sendet Friedrich, damit er den Herrn in sein Schlafzimmer geleite, „denn, Gott sei’s geklagt, die Gnädige kann’s nu’ nicht mehr – sie nicht.“

„Und das muß wahr sein,“ beginnt Hanne in Ditschas Zimmer, „dat is gar nich’, als wär’ se ’ne Wittfru, das läßt Ihnen veel eher so, und mich freut’s man, dat Se ihr nich ‚Mama‘ näumen, Fröln Ditscha.“

„Gute Hanne,“ antwortet Ditscha, „ich hab’s gethan, weil es der Vater wünschte, aber sie hat es sich verbeten, und so ist’s besser – sie ist so alt wie ich, vierundzwanzig Jahre.“

„Veeruntwintig Jahr’,“ meint Hanne nachdenkend. „Vor ’ne Wittfru is’ zu jung, und vor en Mäk’n – na – grad’ noch so. – O Gott, Fröln Ditscha, wenn Sie doch aufhören wollten, sick to grämen um de oll Kinnergeschicht!“

Ditscha ist blaß geworden, hat Hanne mit einem hochmütigen Blick gestreift und sich umgewandt. Die alte Frau steht verlegen da und macht sich innerlich Vorwürfe; wie konnte sie auch daran tippen! Am liebsten ohrfeigte sie sich. Sie setzt zum Sprechen an, stottert; sie will Ditscha die üblichen kleinen Hilfen bei der Toilette leisten, aber das junge Mädchen ist plötzlich in sein Schlafzimmer verschwunden und hat die Thür hinter sich zugemacht.

Hanne geht, sich selbst verwünschend, hinaus.

In Ditschas Seele stürmt und tobt es wie nie. Einen Moment hatte sie es vergessen, einen, nun ist’s wieder da, was ihr das Leben verbittert, das Bewußtsein des Makels, der ihr Dasein vergiftet, der gekränkte Stolz, die brennende Scham. Die Angst ist da, die schreckliche Angst, weil es jemand giebt, der ihr Geheimnis kennt, in dessen Hand sie geliefert ist, der, wenn es ihm paßt, hintreten kann und sagen: „Von wem sprechen Sie denn? Von Sophie von Kronen? Ach – na – das ist auch eine nette Geschichte, hat ja mit dem liederlichen Perthien durchbrennen wollen, aber – schon unterwegs – da hat sie der Onkel noch glücklich erwischt.“

Ditscha stöhnt auf, ihre Gedanken irren zu der Vermittlerin der heimlichen Liebeskomödie, zu Grete Busch. Sie weiß nicht, wo sie sie suchen soll, hat nie wieder von ihr gehört, noch sie gesehen, seitdem sie den letzten Brief von Hans von Perthien vor ihren Augen zerriß. Sie weiß nur, daß sie geheiratet hat und ihrem Manne gefolgt ist; Beetzen hat sie nie wieder betreten. Vater Busch ist tot, oll Mutter Busch ist fortgezogen aus dem Häuschen wieder in die Stadt, nach Bützow, woher vor dreißig Jahren ihr Mann sie geholt. Neue Gärtnersleute wohnen am Eingange des Parkes, und doch kann Ditscha Grete Busch nicht vergessen, kann nie an dem Häuschen vorübergehen, ohne einen Stich ins Herz zu bekommen. Und heute, jetzt, überkommt sie der Gedanke an das leichtsinnige Mädchen stärker als je – warum? –

Vor ihren Augen steht wieder Dombeck, das alte Dombeck im Grün der Linden. Wie sagte doch Tante Klementine in ihrem Jammer, als Ditscha ihr nach der Katastrophe zuerst wieder vor die Augen trat? „Es bleibt an Dir hängen, Kind, immer und ewig; es bleibt an Dir, und wenn keine Seele außer Dir in der Welt davon wüßte. … Und Gott verhüte, Ditscha, daß Dir je der Mann begegne, den zu lieben Dir bestimmt ist – dann ist das Elend fertig!“

Und seither war Ditschas Gebet gewesen: „Lieber Gott, wende dies Elend von mir ab – schicke mir niemals diesen Einen, den ich lieben muß! Ich selbst, ich weiß und fühle mich rein – ich habe geirrt, aber ich verirrte mich nicht.“

Bis jetzt hat Gott ihr Gebet erhört, bis jetzt. Er wird sie auch ferner bewahren, muß sie bewahren! Und sie faltet die Hände und bittet ganz kindlich darum, daß niemals jener Mann – –

Und mitten drin bricht sie ab und schaut mit starren Augen vor sich hin, lange, lange Zeit, und als sie sich endlich besinnt, da vergißt sie, zu Ende zu beten.




Das ist ein merkwürdiger Sommer auf Beetzen, so ungewohnt lebhaft. Von Gesellschaften ist keine Rede, natürlich nicht; ein halbes Jahr nach dem Tode der Hausfrau giebt man keine Gesellschaft, das gesteht Frau Cilly von Kronen selbst zu, aber hie und da ein zwangloser Besuch, den sie in ihren Zimmern empfängt, die durch den großen Flur von denen des Onkels getrennt im linken Flügel des Herrnhauses liegen, das ist doch wahrhaftig nicht pietätlos zu nennen!

Und so rollen täglich Wagen vor die Freitreppe, im Park sieht man helle Kleider auf den Rasenplätzen, durch die Luft fliegen bunte Reifen, und das harte Klappern des Croquethammers tönt bis zu Ditscha herüber, die neben dem Onkel auf der Terrasse sitzt, ganz versteckt von den Blüten der Kletterrosen. Einmal, ein einziges Mal hat sie versucht, auf energisches Verlangen der jungen Witwe, sich zwischen die vergnügte Gesellschaft zu mengen, aber sie ist sich vorgekommen wie ein verschüchterter Spatz unter Singvögeln, scheu, beklommen, linkisch, und sie hat sich weggestohlen, sobald sie vermochte. Beim Onkel war es am besten – was sollte sie denn unter den Glücklichen? – –

Und dann war ihr jemand gefolgt, jemand, der lachend gesagt hatte, daß er sich mit seinem angeschossenen Beine nicht ganz tauglich fühle zu einem Spiel, bei dem es auf körperliche Gewandtheit allein ankomme, und ob wohl der Herr Baron und das gnädige Fräulein es gestatten wollten, daß er sich ein bisserl zu ihnen setze, um auszuruhen.

Während er sich bei ihnen niederläßt und mit dem alten Herrn spricht, überkommt sie der Gedanke an ihr altes Gebet „Schicke mir keinen, den ich lieben muß – Herr Gott im Himmel, sei barmherzig!“ Warum es ihr gerade jetzt in den Sinn kommt, weiß sie nicht recht.

Und so ist das oft gewesen in den letzten Augustwochen und auch heute an dem blauen, warmen Septembertage – wie wird es sich ferner gestalten?

Onkel Jochen brummt, weil die Cilly schon wieder einmal Gäste hat, man könne sich in seinem eigenen Garten nicht mehr ungeniert bewegen! „Ein wahres Glück, Ditscha, daß Tante Anna endlich geruht hat, wieder in Beetzen zu erscheinen,“ setzt er hinzu. „Als Anstandsdame ist sie höchst nötig, wo jetzt die ganze ‚goldene Jugend‘ der Nachbarschaft bei Cilly verkehrt – und sie ist wie geschaffen dazu. Wer kommt denn heute wieder alles?“

„Cilly erzählte nur vom Croquetkränzchen und von den Ehrengästen, Onkel,“ antwortet Ditscha.

„So! So! – Der Dombecker ist ja wohl auch Ehrengast?“

Ditscha nickt, und langsam steigt eine rosige Glut in ihrem Antlitz empor, die vom Onkel nicht bemerkt wird.

Unter den Linden, in der Nähe des großen kurzgeschornen Rasenplatzes sind die Kaffeetische hergerichtet. Eine Gesellschaft von ungefähr zwölf Personen hat sich dort versammelt; das Lachen und Plaudern hört man bis hier herüber. Cillys Jungfer und ein Groom, den die junge Frau in ein wunderliches Kostüm mit phantastischer Verschnürung und weißen weiten Hemdärmeln – sie nennt es „ungarisch“ – gesteckt hat, machen die Bedienung. Cilly selbst, im gelblichweißen Flanellkleide, dessen kurzer Rock die niedlichsten Füße in hochhackigen Lackstiefeln sehen läßt, sitzt auf [344] einer Bank zwischen Rittmeister von Bredow, der eigens von Berlin herübergekommen ist – auch er ist Ehrengast – und dem Grafen Mangelsdorf, dessen junge Frau sich himmlisch amüsiert über die Art und Weise, wie Cilly sich mit ihm neckt. Die anmutige Wirtin überzählt eben die Häupter der Gesellschaft, lauter Jugend. Tante Anna bemuttert die jungen Damen, sie thront wie die personifizierte Etikette, im Schwarzseidenen, das Eiserne Kreuz an die linke Schulter geheftet, am obern Ende der Tafel und häkelt.

„Ums Himmelswillen,“ ruft Cilly, „wer fehlt denn, wir sind ja nur elf?“

„Bronnow!“ ruft die blonde Gräfin Mangelsdorf.

„Richtig, Bronnow! Ob er noch kommt?“

Die beiden Fräulein von Schlüchtern werfen sich einen Blick zu, die Gräfin hat ihn natürlich längst vermißt!

„Abgeschrieben hat er nicht,“ sagt Cilly, „hoffentlich kommt er noch. Es wäre dumm, wenn er fehlte, gerade heute.“

Das Rollen eines Wagens läßt alle Blicke neugierig nach dem Fahrweg spähen, jenseit des Rasenplatzes.

„Er ist’s nicht!“ ruft Frau Cilly, „es sind die Dombecker Pferde!“

So genau kennen Sie die Dombecker Pferde?“ fragt Herr von Bredow sarkastisch.

„Was man so oft sieht?“ erwidert sie, und in ihren blauen Augen blitzt es auf. Sie bemerkt, wie er eine verdrießliche Miene macht, und ist innerlich sehr beglückt über dieses kleine Zeichen einer eifersüchtigen heißen Liebe. „Ich wüßte nicht, daß mehr als ein bis zwei Tage zwischen seinen Besuchen liegen,“ fährt sie kaltblütig fort, „und ich bin überzeugt, wenn er die Gäule allein laufen ließe, sie kämen richtig auf Beetzen an. Uebrigens bezweifle ich, daß Herr Lieutenant Rothe den fehlenden Mann ersetzen wird; er liebt nicht große Gesellschaft, und wenn er sich anstandshalber auch ein paar Minuten zeigt, so –“

Geht er nur so rasch, um desto eher morgen oder übermorgen wiederzukommen, wo er gewiß ist, daß er Ihre Gesellschaft nicht mit zwölf Andern zu teilen braucht,“ vollendet der Rittmeister und erhebt sich.

Meine Gesellschaft?“ fragt sie und zieht die langen weichen Handschuhe über, inbem sie ihn mit einem reizenden Schelmengesicht anblinzelt. „Meine Gesellschaft?“

Ein zweiter Wagen bringt den ersehnten Bronnow, der jubelnd empfangen wird. Mit ihm kommt Kurt Rothe. Cilly hat recht, er dankt für die Beteiligung am Spiel, bittet, seinetwegen den Beginn der interessanten Partie ja nicht zu verzögern, setzt sich einen Augenblick zu Tante Anna, die ihn vom Standpunkte einer Stiftsdame von Kronen herab leutselig liebenswürdig behandelt und sich von ihm erzählen läßt, in welchem Lazarett er verpflegt wurde, welcher Art seine Verwundung war und ob man die Kugel sogleich gefunden habe.

„Verzeihung, meine Gnädige, meine Mutter sitzt bei Ihrem Herrn Bruder und Fräulein Nichte auf der Veranda, ich möchte einmal nach ihr schauen.“ Eine tiefe Verbeugung, und dahin geht er – zu Joachim und Ditscha.

Tante Anna starrt ihm völlig verblüfft nach. Was soll das heißen? Bringt seine Mutter her? Wozu denn das? Es sieht empörend familiär aus!

Auf der Terrasse sitzt indessen eine alte Frau neben Ditscha, eine alte Frau mit so lieben freundlichen Augen und so silberweißem Scheitel, daß es von ihr ausgeht wie purer Sonnenschein. Und dieser Schein dringt tief in ein verbittertes einsames junges Herz, so daß es ihm ist, als werde es Frühling drinnen, als habe es dennoch – dennoch ein Glück – –.

Das „Mutterle“ ist gekommen, und der große stattliche Mann sieht förmlich gerührt die zierliche alte Frau an, die so gemütlich und anspruchslos zu reden versteht und selbst Joachim von Kronens anfängliches Befremden über diese Zuführung besiegt. Sie hat diesen und jenen Standesherrn gekannt, der mit Joachim seiner Zeit im Herrenhause saß, und das hat er ja immer gesagt: wenn er kein Märker wär’, möcht’ er ein Schlesier sein. – Auf einmal kommt’s zufällig heraus, daß die alte Dame eine Geborene von Schneeblatt ist, und da soll doch gleich dieser und jener – seine Großmutter mütterlicherseits war auch eine Schneeblatt!

„Eine Freiin von Schneeblatt, aus dem Hause Rawinsk?“

„Richtig, Herr Baron.“

„Ja, zum Donnerwetter, dann sind wir ja so’n bißchen verwandt?“

Und nun muß Friedrich den „Gothaischen Kalender“ bringen, und es geht eine furchtbare Familienerörterung los, währenddem Kurt Rothe etwas näher zu Ditscha herangerückt ist und ihre zitternden Hände betrachtet, die sich auffallend hastig mit einer Stickerei beschäftigen – schlanke, schöne, charaktervolle Hände.

Sie schweigen beide. Als nach kurzer Zeit die alte Dame vom Aufbrechen spricht, stimmt er zu, und da der Baron meint, er wolle der gnädigen Frau den Baum zeigen, den die Großmutter, Geborene von Schneeblatt, gepflanzt zum Andenken an irgend ein Familienereignis, so läßt man den Wagen vorausfahren und geht, mit Vermeidung des Croquetplatzes, durch die schattigen, sonnendurchblitzten Wege, auf denen eben die allerersten gelben Blättchen liegen; das alte Paar voran, Ditscha neben Rothe.

[357] Ditschas Augen folgen beharrlich der ihr voranschreitenden alten Frau, wie zierlich das „Mutterle“ dahingeht in dem einfachen Kleide aus schwarzer Seide und dem ein wenig altmodischen Umhängchen aus dem nämlichen kostbaren Stoff. – Durch die schwarzen Spitzen des Hutes schimmert das silberne Haar und am Arm hängt ihr der Pompadour längst vergangener Mode.

Rothe bemerkt ihre freundlichen Blicke und lächelt darüber. „Jetzt ist’s heimatlich auf Dombeck,“ sagt er, „und, gnädiges Fräulein, jetzt könnten Sie – nein, jetzt müssen Sie sogar einmal herüberkommen. Ich weiß, der Baron macht keine Besuche – ich weiß es,“ schneidet er ihre Erwiderung ab, „aber Sie können’s doch auch allein? Jetzt, wo meine Mutter bei mir ist, da dürfen Sie jedes Bedenken schwinden lassen, auch der peinlichste Sittenrichter wird’s nicht wagen – –“

Sie sieht ihn groß und erschreckt an, er versteht diesen Blick falsch. „Ich begreife ja vollkommen,“ fährt er fort, „ich bin wirklich ein entschiedener Gegner der modernen Emancipation von der guten alten Sitte und finde, daß heute ebenso wie in vergangenen Zeiten oder in ferner Zukunft die Frau nie um eines Haares Breite über die Linie gehen darf, die ihr die Etikette vorschreibt. Wäre meine junge Schwester bei mir zum Besuch, ich würde die Bitte nicht stellen, aber mein Mutterle, das vollkommen die Stelle einer Hausfrau vertritt, bei der dürfen Sie sich doch melden lassen – gelt?“

„Ich bin nicht pedantisch,“ murmelt sie, um doch etwas zu sagen.

„O, in einem gewissen Punkt sollen und müssen Sie es sein,“ sagt er ernst. „Sie können sich ruhig meiner Ansicht anschließen, ich bin als der intoleranteste Mensch in dieser Hinsicht bekannt.“

„Wenn’s Onkel erlaubt,“ sagt sie mit abgewendetem Gesicht.

Er hält sie für prüde, und sie möchte weinen über sich. Dort, gerade vor ihr, lugt das Gärtnerhaus aus dem Grün der Bäume, in das sie so oft heimlich gegangen. – Eine lähmende Scham kommt über sie, sie möchte am liebsten schreien: Was würden Sie sagen, wenn Sie wüßten! – –

Sie ist ein paar Schritte zurückgeblieben, wie um Atem zu schöpfen. Als er sich umschaut, sieht er sie so blaß und verändert, daß er fragt, ob sie krank sei. Sie schüttelt stumm den Kopf.

Der Baron und die alte Dame sind links eingebogen und stehen nun schon vor dem Baum, den die Großmutter einst gepflanzt. Es ist nicht viel da zu sehen. Ditscha wird die Linde, ein keineswegs sehr stattliches Exemplar, dem eine Sandsteinbank zu Füßen steht, erst heute interessant.

Man geht dem Ausgang des Parkes zu; Kurt Rothe plaudert weiter. Er hat ein Bibliothekzimmer eingerichtet und fragt, ob Ditscha gern liest, und was sie gern lese.

„Man hat mich immer sehr knapp gehalten mit geistiger Nahrung, Tante Anna hat die Bibliothek zugeschlossen, als sie vor Jahren bemerkte, daß ich mir zuweilen dort Lektüre holte, bis jetzt ist sie nicht wieder geöffnet. Onkel Joachim liest außer seinen Zeitungen gar nichts und ist wie alle im Hause der Meinung, daß Lesen mehr schadet als nützt,“ sagt sie und lacht, während ihr die Thränen in den Augen stehen.

[358] Allmächtiger, welch eine Pedanterie! Es kommt doch darauf an, was man liest, und vor allem, wie man liest, ruft er flammend, ohne ihre Bemerkung zu beachten. „Es ist ja eine ungeheure Grausamkeit, Fräulein von Kronen – –“

Dann bricht er ab, er will ihr nicht weh thun, ihr nicht die Armut ihres Lebens noch deutlicher zeigen, jetzt nicht, wo er ihren Durst nicht löschen kann, den Durst, der aus jedem Zuge ihres ernsten Gesichtes, aus ihren fragenden traurigen Augen so deutlich redet. So gehen sie schweigend an der Geißblattlaube der Gärtnerwohnung vorüber. Ditscha streift das Haus mit keinem einzigen Blick, die Erinnerung betäubt sie heute förmlich. Sie giebt Rothe am Parkthor eine eiskalte zitternde Hand und duldet es in halber Bewußtlosigkeit, daß die alte Frau sie zärtlich in die Arme zieht und küßt.

„Auf Wiedersehen!“ sagen Mutter und Sohn, und sie spricht mechanisch nach: „Auf Wiedersehen!“




Es ist nach Tische. Ditscha hat allein mit Onkel Joachim gespeist, der kleine Achim, der vermutlich mit Himbeereis überfüttert wurde und infolgedessen unartig war, mußte fortgeführt werden von seiner Bonne, sein Schluchzen und Schreien, daß er bös sei mit Mama, weil sie die Onkel und Tanten, die zu Besuch bei ihr sind, viel lieber habe als ihn, klingt noch jetzt in Ditschas Ohr. Der Onkel macht ein grimmiges Gesicht, und Ditscha liest ihm, wie sonst, im Wohnzimmer die Zeitung vor.

Er hört offenbar nur zerstreut zu, und nun biegt er mit seinem Pfeifenrohr das Zeitungsblatt herunter, in welchem das junge Mädchen liest.

„Ditscha!“

Sie sieht verwundert auf, das hat so eigentümlich geklungen. „Ditscha,“ beginnt er zögernd, „einmal muß man ja doch darüber sprechen, und seit einigen Tagen, seit ich hier so mancherlei ansehe, das mir zu denken giebt, da drängt es mich – es betrifft Deine Zukunft, Kind, wie stellst Du Dir eigentlich Dein Leben vor, wenn ich tot bin und Cilly hier ganz als Königin-Mutter residiert? Natürlich hast Du ein Anrecht auf die Beetzener Heimat, aber wirst Du Dich denn auch hier wohl fühlen? Du harmonierst so recht mit keinem, und – –“

„Onkel,“ sagt sie erschreckt, „sprich nicht vom Sterben – bitte, nicht!“

„Doch, Ditscha, doch! Sei so gut und setze mir auseinander – was würdest Du thun? Wie würdest Du Dein Leben einrichten?“

„Wenn Du es so willst, antworte ich Dir ehrlich, Onkel! Ich würde nicht hier bleiben, ich würde einen Beruf suchen, einen Lebenszweck, Arbeit, damit ich –“

„Nun möcht’ ich wissen, was Du arbeiten willst?“ unterbricht er sie. „Du kannst Dich doch nicht als Wirtschafterin vermieten? Brauchst’s doch auch nicht, hast zu leben!“

„Und wenn ich eine Million hätte, Onkel, ich muß etwas thun, ein müßiges Leben könnte ich nicht führen. Ich denke es mir z. B. so schön, einer Heimstätte für kranke Kinder vorzustehen ich – möchte Liebe ernten.“

„Unsinn! Heirate lieber!“ ruft er und trinkt seinen Grog aus. Ditscha wirft ihm einen vorwurfsvollen flehenden Blick zu. Er ist ganz verlegen geworden und räuspert sich. „Na ja,“ poltert er, „das ist meine Meinung! Und wenn Einer kommt – ein anständiger Kerl muß es natürlich sein – dann greif’ zu, wenn’s auch kein Fürst ist. Heutzutage, da verwischen sich die Unterschiede der Stände mehr und mehr, und Du –“ er stottert, thut ein paar mächtige Züge aus der Pfeife, und während sie ihn groß und kühl ansieht, endet er: „Du bist ja ein ganz vernünftiges Mädchen.“

„Ich verstehe Dich, Onkel, Du meinst – Ansprüche kann ich überhaupt nicht machen?“ vollendet sie sehr ruhig.

„Wieso denn? Wie kommst Du denn darauf?“ antwortet er und bastelt an seiner Pfeife, um sie nicht anzusehen.

„Ich habe nie mehr an eine Heirat gedacht, Onkel – Du weißt es, warum,“ sagt sie langsam.

„Ja, wovon redest Du denn eigentlich zum Kreuzelement!“ donnert er los, „spielst Du etwa auf den alten Kohl an mit dem Perthien? Da schlag doch Gott den Deubel tot, wenn das nicht ein ganz verdammtes Blech ist! Denkst Du, wenn ein Mädchen seine erste Liebe nicht gekriegt hat, das sei ein Hindernis für die zweite? Ich bitte Dich um alles in der Welt, nur keine Sentimentalitäten! Daß Du im Begriff warst, eine kolossale Dummheit zu begehen, das hast Du mit der Zeit wohl selbst einsehen gelernt, und daß Du Gott auf den Knien danken kannst alle Tage, daß er Dir besagte Dummheit ersparte, weißt Du wohl auch –. Na, und deshalb wolltest Du nun eine alte Jungfer werden? Wer kennt denn die alberne Geschichte? Doch nur wir und der ‚Windhund‘, der Gott weiß, in welchem Winkel von Amerika umherlumpt? Also sei so gütig und sieh mich nicht so traurig hoffnungslos an.“

„Onkel,“ beginnt sie. – Sie will sprechen, sie will ihm von Grete Busch erzählen, etwas, das sie schon tausendmal hat thun wollen, aber sie bekommt keinen Ton über die Lippen.

„Na,“ sagt er und rückt mit seinem Stuhl näher zu ihr hinüber und klopft auf ihre Hände, die sie im Schoß verschlungen hält. „Na, und wenn’s Dich beruhigt, dann sage ich dem Jungen, wenn er anhalten kommt: ‚Sie können sich denken, daß Sie nicht der erste sind, der um meine Nichte wirbt, ’s ist schon ’mal einer dagewesen, und den hat sie sogar ein bißchen geliebt –‘“

„Nein!“ stößt Ditscha hervor, „nicht geliebt! O nein, sage ihm das nicht, bitte, nicht!“ Und dann schlägt sie erglühend die Hände vor das Gesicht und die Thränen stürzen ihr aus den Augen und rannen durch die schlanken Finger, während Joachim von Kronen im Sessel liegt und lacht, so herzlich lacht, daß die Hunde am Ofen erschrecken und herüber kommen.

Ditscha springt auf und will aus dem Zimmer flüchten, der alte Herr hält sie fest am Kleid und zieht sie auf seine Knie. „Ich sag’s ja, Ditscha, so ein alter Tapermeyer, wie ich bin, versteht’s nicht, zarte Herzensbeziehungen zu besprechen. Du weißt doch, wie ich’s meine, Kind, hast mich verstanden? Ich kann ja auch nicht wissen, was Dir die Zukunft bringt, aber man ist so ein bißchen Wetterprophet und mir kommt’s vor, als liege ’was in der Luft. Und nun geh’ schlafen, mein Deern, und träume schön. Bist doch nicht böse auf mich? Mußt mir’s zugute halten, es ist Egoismus – ich würde ruhiger sterben, wenn ich Dich glücklich wüßte.“

Ditscha geht schluchzend aus dem Zimmer, sie weiß gar nicht, wie sie in das ihrige kommt. Hatte Onkel ihr Geheimnis erraten, ein Geheimnis, das sie sich selbst noch kaum gestanden? Oder sprach er im allgemeinen? Sie wirft sich auf ihr Bett und weint weiter. Und warum sprach Onkel heute von ihrem Fluchtversuch als von einer Bagatelle? Wo sie ihre Jugend vertrauert hatte unter der schweren drückenden Last ihrer Schuld! Wenn es keine Schuld, wenn’s wirklich nur eine Kinderei war, weshalb ließ man sie weiterachleppen an diesem Irrtum? – O, und wenn sie auch keine Ansprüche machen kann, er darf die allergrößten machen; er soll kein Weib neben sich haben, auf dem auch nur der Schein eines Makels ruht! – Ach, das ist das Elend, das Tante Klementine prophezeite!

Sie hört plötzlich auf zu weinen und streicht die wirren Haare aus der Stirn. Sie ist nicht schlecht, sie ist gut, sie ist rein und – um eines Irrtums willen verdammt man doch nicht! Wenn er kommt, wenn er das nächste Mal kommt, dann wird sie ihm ihre Geschichte erzählen, noch ehe er ein Wort von Liebe zu ihr gesprochen hat. Und dann mag er entscheiden, dann ist’s noch leicht für ihn, sich zurückzuziehen ohne daß es jemand auffällt. – –

Und sie? Ja, was dann aus ihr wird, das vermag sie nicht auszudenken!




Die Frühandacht versammelt die Familie andern Morgens wie gewöhnlich im Saal, nur Frau Cilly fehlt. Onkel Joachim ärgert sich darüber, Tante Anna entschuldigt sie mit Migräne, die der Hausherr sehr ungalant mit „Kater“ bezeichnet. Ueberhaupt, die Stimmung ist schwül, obgleich es draußen ziemlich kalt ist und der Herbstnebel in den nassen Blättern der Bäume hängt. Beim Kaffee macht Joachim von Kronen einige mißbilligende Bemerkungen über gewissenlose Mütter, die einer höchst windigen Bonne die Sorge für ihre Kinder überlassen, um sich selbst zu amüsieren und legt zugleich neben Tante Annas Tasse ein Buch, taunaß und beschmutzt, das Mademoiselle gestern im Park vergessen hat, wo sie angeblich mit dem Kleinen spielte, einen ganz tollen französischen Schmöker neuester Richtung, der selbst dem gar nicht prüden Hausherrn, der so verloren darin geblättert hat, ein Grausen einjagt.

„Cilly kann doch nicht Kindermädchen spielen?“ erklärt Tante Anna, ohne das Buch zu beachten.

Kindermädchen nicht, der Junge ist zu groß für ein derartiges Exemplar, aber verkehren kann sie mit ihm, spielen, ihn [359] belehren, mit ihm spazieren gehen, anstatt Reifen zu schlagen und in derartigen Backfischvergnügungen aufzugehen.“

„Onkel,“ bittet Ditscha, „ich würde so gern alle diese kleinen Pflichten bei Achim übernehmen – soll ich Cilly fragen, ob ich an Stelle Mademoiselles –?“

„Bekümmere Dich doch in Gottes Namen um Deine eignen Angelegenheiten!“ schreit Tante Anna ärgerlich. „Denkst Du vielleicht, das Kind soll von den Launen seiner älteren Schwester abhängen? Nette Erziehung könnte das werden!“

„Ich habe doch so furchtbar viel Zeit,“ stammelt Ditscha, „und ich wäre so glücklich –“

„Laß gut sein, Kind,“ unterbricht Onkel Joachim sie sarkastisch, „Du sollst nicht Deines Bruders Hüter sein; er hat noch eine Mutter. Für Deine ‚furchtbar viele Zeit‘ wird sich schon noch Verwendung finden.“

„Bis jetzt ist Achim noch nichts abgegangen,“ erklärt Tante Anna, während ihre Stricknadeln ein wütendes Geklapper anheben, „Du hast eine Affenliebe zu dem Jungen, lieber Jochen.“

„Ja, ich habe ihn lieb,“ bestätigt der alte Herr halblaut, „sehr lieb, den Letzten unseres Hauses, und natürlich möcht’ ich ihn zu einem ganz besonders prächtigen Menschen heranwachsen sehen. Und wenn ich etwas von Gott erflehe, so ist es, daß ich noch seine Kinder erlebe. Bin uralt dann, ich weiß – ich weiß – aber ich hab’s ausgerechnet, unmöglich ist’s nicht.“

Er zieht das Taschentuch, schnaubt sich heftig und steht auf, um in sein Zimmer zu gehen. Auf einmal kommt er zurück. „Was ich sagen wollte – der alten Dame auf Dombeck muß ein Gegenbesuch gemacht werden; ich denke, Ihr fahrt nachmittags hinüber?“

Cilly, die eben eingetreten ist, um dem „Brummbär“ den üblichen „Guten Morgen!“ zu wünschen, und allerliebst in einem weißen Negligé aussieht, ruft: „Aber mir hat sie doch keinen Besuch gemacht!“

„Mir auch nicht!“ erklärt Tante Anna mit aufeinander gepreßten Lippen.

Er sieht ganz ratlos zu Ditscha hinüber, die, glühend rot, den Kopf gesenkt hat. „Und ich mache ein für allemal keine Besuche,“ erklärt er verdrießlich, „und wenn Du, Schwester, Dich nicht dazu verstehen willst, Ditscha zu begleiten –“

„Ich finde das gänzlich überflüssig, Joachim. Ditscha kann sehr gut allein fahren; sie ist ja – schon öfter allein – – ich meine, sie ist doch nicht so unerfahren!“

„Ditscha.“ sagt Joachim von Kronen ruhig, „Deine Tante Anna hat recht, Du kannst allein fahren, bist keine von den gewöhnlichen Schneegänsen, die einen Hüterjungen brauchen. Also – zu nachmittag um vier Uhr bestell’ Dir die Schimmel und vertritt mich bei Frau Rothe.“

Ditscha zögert einen Augenblick. Ein bitteres Lächeln zieht sich um ihren Mund, die Spitze in der Anspielung ihrer Tante hat sie getroffen. So macht Tante Anna es immer; sie erfaßt jede Gelegenheit, um sie zu demütigen, zu kränken, sie zu erinnern an – ach Gott – – „Ja, Onkel,“ sagt sie endlich, erhebt sich, ergreift den Schlüsselkorb und fügt hinzu, sie werde, da sie doch einmal in das Erdgeschoß gehe, Franz selbst das Anspannen bestellen.

Als sie die Thür hinter sich zumacht, sagt Joachim: „Freundlich ist’s nicht von Dir, Anna! Cilly begleitest Du in alle Gesellschaften der Umgegend, und Cilly ist doch eine Frau.“

„Seit wann bist Du denn so schrecklich besorgt um Ditscha?“ fragt die Schwester zurück. „Ich dächte doch, Du weißt, daß sie mehr als selbständig ist.“

„Schwagerchen,“ ruft Cilly, tänzelt zu ihm hinüber und legt ihm die Rechte auf die Schulter, während sie mit der linken an seinem Bart zupft, „Schwagerchen, Du willst mir doch nicht etwa einen Schwiegersohn verschaffen? Du protegierst ja die Rothes fürchterlich!“

„Schwätz’ doch nicht solch heillosen Unsinn!“ ruft Tante Anna ärgerlich.

„Unsinn? Wieso denn?“ fragt Cilly und dreht sich auf dem Absatz herum. „Herrje, den nähme manche gern, wenn er auch nur Rothe heißt. Du bist wirklich schrecklich mittelalterlich angehaucht, Anna – hast Du denn nie gehört, daß der sogenannte Seelenadel nach den neuesten Forschungen über dem Geburtsadel steht? Das lernten wir doch schon allen Ernstes in der Pension. Nein, nein, Scherz beiseite,“ versichert sie mit drolligem Ernst, „der frische herbe Wind der neuen Zeit vertreibt die Wolken aus unserem adligen Olymp, und die Götter, denen ein Wappen auf die Flügel gestempelt ist wie den Beetzener Mastgänsen, wenn sie zu Markt geschickt werden, die nehmen auch Ungestempelte zur Ehe und umgekehrt. Gott im Himmel, es ist ja auch ein Glück! Das entre nous wird doch allmählich öde, und das kann ich Dir aus eigenster Erfahrung sagen, Jochen, den schönsten, elegantesten Mann, den ich jemals kennengelernt habe und in den ich mich Hals über Kopf sterblich verliebte, das war ein österreichischer Unterlieutenant, der Pepi Pamperl hieß, und dessen Vater war Greisler in einer ‚Weaner‘ Vorstadt.“

„Na, da werd’ ich einen etwaigen Freier von Ditscha gleich zu Dir schicken, wenn Du so tolerant bist,“ sagt der alte Herr gutmütig und macht ernstlich Miene, sich zurückzuziehen.

Als er in seinem Zimmer kaum angekommen ist, klopft es, und Tante Anna tritt herein. Sie hat einen ganz roten Kopf und ihre Stimme zittert, als sie sagt: „Es ist hoffentlich Dein Ernst nicht, Ditscha nach Dombeck fahren zu lassen!“

„Mein völliger Ernst!“

„Aber das ist ja – das kann ja der Mensch –“

„Welcher Mensch?“

„Der Rothe – als Avance auffassen, und nachher haben wir die Bescherung.“

„Wieso?“

„Na, Ditscha wird sich doch nicht verheiraten wollen? Ich meine –“

„Warum sollte sie nicht? Wenn sie sonst Lust hat?“ – Er legt die Zeitung weg und sieht die Schwester fast drohend an. „Liegt irgend etwas vor, das gegen ihre Verheiratung spricht? Wenn Du etwa auf die dumme Geschichte mit dem Perthien anspielst, so sage ich Dir, jene Kinderei hat das arme Ding hinlänglich gebüßt.“

„Sie wird in meinen Augen nicht moralischer, weil ihr das Durchbrennen mißglückte.“

Er schlägt plötzlich mit der Faust auf den Schreibtisch, daß die Tinte überfließt und alles Gerät klirrt. „Und das ist Dein Standpunkt, den Du immer so sehr als ‚christlichen‘ betonst?“ schreit er. „Würde so unser Herr gesprochen haben, Er, der selbst einer Ehebrecherin vergab? Hol’ der Teufel Deine altjüngferliche Moral, Schwester, ich finde sie sündhaft!“

Sie blinzelt nur ein wenig und ist ein paar Schritte zurückgetreten, aber sie sagt doch: „Wer würde Sophie wollen, wenn er ihre Geschichte erfährt? Und wenn Ihr sie verschweigt, so betrügt Ihr!“ Sie ist beim Schluß dieses Satzes an der Thür angelangt und öffnet dieselbe. Mit stolz erhobenem Kopf und dem Gefühl, sie habe das letzte Wort gehabt, geht sie hinaus.

Der alte Mann sitzt da, noch immer die geballte Faust auf dem Tische. „O Du arme Deern,“ murmelt er, „wie wirst Du noch büßen müssen für Dein bissel Jugendthorheit! Und – und – weiß Gott, kein Mann kann ein besser Weib finden als sie, und suchte er die ganze Welt ab.“

Indessen hat Ditscha in Küche und Speisekammer ihre Scheinpflichten gethan, das heißt, sie hat mit der Köchin über die heutigen Gerichte gesprochen, hat Hanne, die seit dem Tode der Baronin die Wirtschaft so vorzüglich führt, daß ein Oberbefehl ganz und gar überflüssig erscheint und Ditscha von der alten treuen Seele nur so meuchlings aufgedrängt worden ist, damit sie doch ‚etwas vorhat‘, in die Speisekammer geführt, wo die Einmachebüchsen in langer Reihe stehen, und hat ihr dann so beiläufig erzählt: „Ich fahre heut’ nachmittag nach Dombeck, Hanne, und dann in die Stadt; giebt’s etwas zu besorgen?“

„Se führn nach Dombeck!“ ruft die alte Frau. „Na, dat’s recht! De Annern karriolen den ganzen Dag im Land herum – dat Se nu’ ok ’mal ut kommen. – – Und, ja wenn Se wülln, gnä’ Fröln Ditscha, meine Ballerjahnsdroppen sün all, wenn Se vielleicht bei de Apteik vörbigahn –“

„Ja, liebe Hanne, gern –“

„Un bi’n Kopmann noch so’n halben Centner Zucker as ut de Bremhörder Fabrik, und bi de Putzmakersch hev ich ’ne Sündagshuw.“

Ditscha nickt. „Soll alles besorgt werden, Hanne.“ Und dann geht sie nach oben.

Nach einem Weilchen fällt Hanne noch etwas ein, was sie haben möchte aus der Stadt; sie klopft an Ditschas Zimmer und tritt ein, bleibt aber dann ganz erstaunt an der Thüre stehen, denn so etwas hat sie in diesem Raume noch nicht erblickt. Ditscha hat den Kleiderschrank fast ganz ausgeräumt; ihre Hüte, es sind deren [362] drei, liegen auf dem Tisch, und einen davon probiert sie eben vor dem Spiegel auf und macht ein ganz verzweifeltes Gesicht dazu.

„Ach Hanne, sieh doch – in alle Ewigkeit habe ich keine Besuche gemacht, und nun besitze ich kaum einen vernünftigen Hut.“

„Süh, süh!“ antwortet Hanne, „und wenn ich ’mal gesagt hab’, gnä’ Fröln, Sie sollten sich doch ’nen hübschen Kirchenhut zähmen, dann haben Sie gesagt: ‚Ach, Hanne, das verstehst Du nicht, die schwarzen Filzhüte sind die feinsten.‘“

„Ja, das ist auch wahr,“ giebt Ditscha zu. „Nun ist er aber doch verregnet, als ich neulich mit Onkel Jochen nach Britzhagen gefahren bin, und die alte Dame scheint so sehr eigen und ‚adrett‘, wie Du sagst.“

„Ach wat,“ meint Hanne ernsthaft, „olle Lüd sehen slecht; aber was der junge Heer is, der kikt aufs Smucke, der hat’s gern, wenn allens pük is.“

Ditscha dreht ihr den Rücken zu und betrachtet den unglücklichen Filzhut sehr angelegentlich.

„Ich würd’ mir da ein’ Sleuer aufstecken, gnä’ Fröln Ditscha,“ schlägt Hanne endlich vor.

„Du hast recht,“ antwortet Ditscha, „das geht.“

„Ja, und dann will ich man sagen, der Damastweber hat die Wappenhandtücher noch immer nich’ geschickt, wolln gnä’ Fröln nich’ vorfragen? Es wör’ doch möglich, daß man sie ’mal braucht, wenn auch alle Kastens vollgeproppt sind mit so’n Sachens. Na, ich will nu’ runter, die Madmoisell, das überspönige Ding, hat sich bei ihr Lesen gestern in der Käuhle Halsschmerzen geholt, und wer anders soll ihr denn die kollen Umsläg’ machen?“

Ditscha bleibt allein und schämt sich ein wenig, denn in ihrem ganzen Leben hat sie sich noch nie so angelegentlich mit ihrer Toilette beschäftigt wie heute. Ob es Hanne gemerkt hat? Zu dumm ist’s! – Sie blickt in den Spiegel und schüttelt den Kopf über sich selbst.

Gegen vier Uhr fährt der Wagen vor; Ditscha ist nicht ohne Begleitung, das Brüderchen fungiert als Ehrengarde. Der kleine Kerl hat so lange gebettelt, bis Frau Cilly ihm erlaubte, mitzufahren, denn erstlich ist Mademoiselle krank und der Junge ein Quälgeist, und dann wäre er auch bei etwaigen Besuchen sehr im Wege; also – sie ist froh, ihn los zu sein.

Ditscha in ihrer einfachen schwarzen Trauertoilette von englischem Schnitt, das angezweifelte Filzhütchen auf den schönen Flechten, Handschuhe und Stiefel tadellos, neben sich den frischen kleinen Kerl, fährt ab, begleitet von unzähligen Kußhänden und dem Lachen des alten Herrn. Die Luft ist wundervoll klar und duftend, die Heide noch rot, die Eichen sind noch grün, und Ditscha hört wie im Traume das Plaudern des Kindes. Ihr ist so wunderlich zu Mute seit gestern, so still, so friedlich und hoffnungsreich zugleich.

Onkel Jochen hat den Friedrich in großer Livree neben Franz auf den Bock kommandiert; die Pferde prangen in silberblitzendem Geschirr, und soweit ihre etwas betagten Beine es zulassen, traben sie auch ganz munter. Als der Schloßturm von Dombeck sichtbar wird, richtet Ditscha sich aus ihrer nachlässigen Stellung auf, ein starkes Herzklopfen meldet sich, sie möchte am liebsten sagen: Franz, kehren Sie um! Und sie greift nach der Hand des Kleinen, als böte der Knirps ihr Schutz. Aber sie fahren schon durch die Allee von mächtigen Eichbäumen und zwischen zwei Sandsteinpfeilern, auf denen das Moos des Alters sitzt, hindurch in den Park und halten nach wenig Minuten vor der überdeckten Anfahrt. Friedrich, der herabspringt, übergiebt einem herzueilenden Diener die Karte Ditschas, nachdem er gefragt, ob die gnädige Frau zu sprechen sei. Und während Achim sich über die riesige Dogge freut, die in der offenen Rundbogenpforte erscheint, fühlt Ditscha eine solch’ ungeheure Befangenheit, daß sie Gott anfleht, er möge die Herrschaften nicht daheim sein lassen.

Aber siehe, da kommen eilige Schritte durch das Haus, und sein Herr empfängt mit freudig strahlendem Gesicht den Besuch. Er hebt den Jungen aus dem Wagen und bietet Ditscha die Hand, und in der großen Halle kommt ihr am Fuß der Treppe schon das Mutterle entgegen, genau so freudig verklärt wie der Sohn.

„Wir haben gerad’ von Ihnen gesprochen,“ ruft sie, „o, wie nett, daß Sie den Kleinen mitbringen – und Sie lassen doch ein wenig ausspannen?“

Ditscha will danken, aber Achim ruft: „Ach ja, Ditscha, bitte, bitte!“ und steigt an der Hand der alten Dame die Treppe empor. Nach einem Weilchen sitzt man am Kaffeetisch und plaudert. Frau Rothe hält Ditschas Hand in der ihrigen und streichelt dieselbe zärtlich, und Kurt Rothe plaudert mit dem Kleinen, der sich außerordentlich für die Gewehre an den Wänden, die vielen Pferdebilder und die schönen Peitschen interessiert. Es wird gar nichts Besonderes gesprochen, am wenigsten reden die beiden jungen Menschen miteinander, und doch sind beide glücklich, nur daß keiner es von dem andern weiß.

Er ist ein kluger einfacher Mensch, der einen tüchtigen Fond von anständiger, vornehmer Gesinnung hat. Wenn es Menschen giebt, von denen man sagen kann, sie sind übertrieben ehrenhaft, so ist er einer. Er hat nie gespielt, niemals eine leichtsinnige Liebschaft gehabt, und seine Meinung von Frauen ist die allerhöchste. Er ist vollkommen der Ansicht, daß die beste Frau diejenige sei, von der am wenigsten gesprochen wird, und er ist stets unangenehm geworden, wenn einer seiner Freunde am Zechtisch gewagt hat, nach dem Befinden seiner Schwester zu fragen. Seine künftige Frau hat er sich vorgestellt als schön, klug, gut, einfach, ernst – kurz, wie Ditscha; und er ist zweiunddreißig Jahre alt geworden, ohne dieses Ideal verwirklicht zu sehen – da muß er es hier finden, hier, in seiner neuen Heimat!

Wenn er nur wüßte, ob sie ihn lieben könnte, wie er sie liebt!

Wie köstlich erscheint ihm heute sein Zimmer – man hat den Kaffee hier serviert – wie anders als sonst durch den Zauber ihrer Gegenwart! Und als jetzt der Kleine herüberkommt und sich an sie schmiegt, da hält er einen Augenblick die Hand vor die Augen, als blende ihn das Licht künftigen Glückes.

„Komm,“ bittet das Kind, „zeig’ uns den Garten, Onkel Rothe.“

Er steht auf und nimmt den Hut von einem Hirschgeweih, auf welches Zeichen zwei Teckel in die wahnsinnigste Freude geraten.

„Bleiben Sie bei mir?“ fragt das Mutterle Ditscha.

„O, gern!“

„Nein, Ditscha soll mit – bitte, bitte, Ditscha!“ fordert der kleine Tyrann, und seine Augen sind so verängstigt, daß Mutterle meint, Ditscha interessiere doch sicher der Garten auch, und ihr ein Tuch bringt zur Promenade. Und Ditscha entschuldige wohl, wenn sie oben bleibe, es sei doch sehr kühl draußen.

Die beiden jungen Menschen und das Kind gehen bald darauf durch die Wege des parkartigen Gartens. Ditscha kennt ihn schon von früher, sie war als Kind einmal in Dombeck, ein herrliches Fleckchen Erde, dessen Eichen viel berühmt sind weit und breit. Die Hunde balgen sich im herbstnassen Rasen, zum Jubel Achims, ein intensiv warmer Goldglanz bricht durch das Gezweig und überhaucht Ditschas Angesicht mit rosigem Schimmer.

Sie geht still, mit gesenktem Haupt; das Kind hat sich von ihr losgemacht und läuft ein paar Schmetterlingen nach.

„Lassen Sie ihn,“ bittet der Mann an ihrer Seite, „er kann hier im Park nicht zu Schaden kommen.“

Achims Stimmchen schallt zuletzt wie aus weiter Ferne; er jagt sich jetzt mit den Hunden.

[373] Rothe und Ditscha gehen noch immer stumm nebeneinander. „Es ist schön hier,“ sagt sie endlich und bleibt stehen auf einem kleinen Hügel, der mit einem Kiosk geschmückt ist, von dessen Fenster aus man weit hinein schaut in das Land, bis dahin, wo die Türme und Dächer von Bützow aus grünen Bäumen auftauchen.

„Aber sehr einsam,“ erwidert er ernst, neben sie tretend, „und nie habe ich die Leere schwerer empfunden als gestern, als ich von Beetzen kam, aus Ihrem trauten Kreise; und – noch schwerer werde ich sie heute empfinden, wenn Sie wieder gegangen sind, ich werde Sie überall suchen und werde Sie hier stehen sehen, so deutlich, und wenn ich neben Sie treten will, dann werden Sie zerfließen wie ein Schatten und ich – ich werde mir wie ein Narr vorkommen.“

Sie kann nicht antworten, es ist so seltsam, was er spricht.

„Wie ein Narr!“ wiederholt er noch einmal, starr an ihr vorhersehend, „der ich am Ende auch bin, weil ich so etwas zu Ihnen spreche – Sie verstehen mich nicht, können mich nicht verstehen!“

„Nein,“ flüstert sie, den Kopf senkend.

„O, Ditscha täuschen Sie sich nicht! Täuschen Sie sich in diesem Augenblick nicht,“ bittet er. „Sagen Sie nicht, daß Sie mich nicht verstehen. – Sie müssen mich verstanden haben schon immer, schon seit dem Tage, wo wir uns das erste Mal sahen. Es ist noch nicht lange her, aber doch lange genug, um sich klar zu werden – über sein Herz, Sophie! Ich will Sie ja nicht mit der großen Lebensfrage überfallen wie ein Räuber, nur darauf geben Sie mir Antwort, ob Sie mir erlauben wollen um Sie zu werben? Ob ich Ihnen nicht ganz gleichgültig bin? Denn ich liebe Sie, und das mußte ich Ihnen sagen. – – Ich wollte schreiben an Sie, heute, und an Ihren Onkel, ich wollte an Sie beide dieselbe Frage richten. Darf ich werben? Da – als ich mir den Entschluß abgerungen habe, als ich mich an den Schreibtisch setze und nicht weiß, wie ich Sie anreden soll, da kommen Sie selbst wie ein Wunder, ein holdes Wunder – Ditscha, darf ich hoffen?“

Sie sieht ihn nicht an, sie zittert am ganzen Körper. Eine Weile ist es so still zwischen ihnen, daß nur das leise Rauschen in dem Laub der hohen Eichen zu hören ist und sein tiefes schweres Atmen. Dann mit einer plötzlichen Bewegung streckt sie ihm ihre Hand hin.

„Ja!“ sagt sie.

Und als er einen Moment dasteht, als habe er das Ungeheure der Antwort noch nicht begriffen, um sie dann an seine Brust zu reißen, da stemmt sie mit angstvoller Gebärde die Arme gegen seine Brust, das blasse Entsetzen im zurückgebogenen Antlitz.

„Aber! Aber!“ stößt sie hervor. Sie will sagen: Noch ein Wort – ich will Dir erst [374] beichten – bitte, höre mich erst, doch kein Ton kommt über die zitternden Lippen.

„Aber –?“ fragt er. „Kein Aber, Ditscha! Du liebst mich – ja oder nein? – Ja? Nicht wahr? Und in der Liebe giebt es kein Aber – ach, Ditscha!“

„Der Onkel,“ stammelt sie, noch immer widerstrebend.

„Glaubst Du, der Onkel wird ‚Nein!‘ sagen, Sophie?“

Sie schüttelt das Haupt. „Sprechen Sie mit ihm,“ fleht sie.

„Er ändert nichts an der Sache,“ antwortet er und küßt ihre Hände. „Es giebt nichts in der Welt, das zwischen uns treten könnte, weder des Onkels, noch eines andern Menschen Wille – nichts! Aber, wenn Du es so willst, so sei es!“

Sie ist einen Schritt zurückgewichen, die Arme hängen ihr schlaff herunter und sie sieht ihn an mit müden todestraurigen Augen. Wird er morgen noch so denken wie jetzt, oder wird sie ihn verloren haben, nachdem Onkel ihre Thorheit erzählt? Sie selbst kann es nicht thun, kann es nicht, und wenn sie sterben sollte auf der Stelle.

Und plötzlich, wie von einer ungeheuren Angst getrieben, ihn zu verlieren, nachdem sie ihn kaum gefunden, schlägt sie die Arme um seinen Hals, und, ihren schönen Kopf an seine Wange schmiegend, flüstert sie: „O, ich habe Dich so lieb! So lieb!“ Und sie selbst küßt ihn, zaghaft, scheu, flüchtig, dann ist sie an ihm vorüber geeilt und er hört sie mit halbverschleierter Stimme rufen: „Achim! Achim!“

Er findet sie nach ein paar Minuten auf den Knieen vor dem wilden Jungen, der ihre Wangen streichelt und fragt: „Hast Du Dir sehr weh gethan, Ditscha?“ Denn er meint, ihre Thränen fließen, weil sie sich gestoßen hat.

„Nein, nein!“ sagt sie, „aber nun komm, wir müssen fort!“




Ditscha weiß gar nicht, wie sie es fertig bringt, ihre Kommissionen in Bützow auszurichten. Sie sieht sich in allerhand Läden, sie geht mit Achim in die Konditorei und läßt ihm ein Baiser geben, und als sie wieder aus der höchst primitiven Konditorstube kommt, flammen durch den Nebel des Herbstabends schon die Oellaternen, die hier zu Lande noch an langen Ketten inmitten der Straße schweben.

Ditscha hat den Wagen an die Apotheke bestellt, wo sie für Hanne die „Ballerjahnsdroppen“ kaufen will, und geht eben über den Paradeplatz, welch stolzen Namen der ungepflasterte Markt Bützows führt, der Officin zu, die, außer dem alten Backsteinbau des Rathauses, das vornehmste Gebäude dieses Platzes ist. Sie ist so in Gedanken versunken, daß sie die Dame nicht beachtet, die, ein kleines Mädchen an der Hand, an ihr vorüber geht, ihr starr ins Gesicht sieht und stehen bleibt, um ihr nachzuschauen. Dann wendet sich die Beobachterin, geht Ditscha nach und wird nahe der Apotheke von einem Reiter eingeholt, der so eilig über den Marktplatz trabt, daß er die kleine dicke Person mit dem riesigen Rembrandthut beinahe übergeritten hätte. Er achtet ihrer gar nicht weiter, giebt Friedrich, der neben dem Wagen steht, das Pferd zum Halten und sieht lächelnd durch die Scheiben in den Laden, um dann ganz unbefangen einzutreten.

Die kleine Dame mit dem Rembrandthüt hat das alles beobachtet. Sie steht jetzt an seiner Stelle und späht durch die Glasthür; sie sieht, wie Ditscha erschrickt, wie sie dann lächeln muß, so innig und glücklich, und wie der Junge ihm in die Arme springt. Der Herr kauft eine Flasche „Kölnisches Wasser“, und dann tritt Ditscha aus dem Laden heraus, geht dicht an der Dame vorüber und besteigt mit dem Kleinen den Wagen; der Herr schwingt sich auf sein Pferd, und an Ditschas Seite reitend, verläßt er den Platz und das Städtchen.

Nun geht auch die Dame in den Laden und fordert für zwanzig Pfennig Pfefferminzkuchen und dabei fragt sie wie beiläufig: „Wer waren die Herrschaften?“

„Das Fräulein von Kronen aus Beetzen mit dem kleinen Bruder.“

„Und der Herr?“

Der Provisor kennt ihn nicht, aber ein altes hustendes Weib, das neben seiner Tragkiepe auf der Bank aus dunkelm Mahagoniholz sitzt und auf eine große Medicinflasche wartet, die eben kunstgerecht mit Goldpapier zugebunden wird, sagt: „Dat is de niee Herr von Dombeck – de Lüd sprecken ja in uns’ Dorp, he geiht frigen um de junge Baroneß ut Beetzen. Na, de kann lachen, denn he het Gald as Heu!“

„Ah so!“ macht die mit dem Rembrandthut, und ihr Kind, ein kleines Mädchen von drei Jahren, ganz in hochroten Flanell gekleidet, an der Hand fassend, verläßt sie, sehr von oben herabgrüßend, die Apotheke.

In einer engen Straße, deren Gebäude vor Alter sämtlich schief stehen und deren Pflaster halsbrechend ist, tritt die Dame in ein Haus, klettert mit dem Kinde eine Hühnerleiter empor, denn viel besser ist die Treppe nicht, und öffnet die Thür eines Zimmers. Es ist sehr ärmlich aber sauber da innen, und der Glasschrank mit den vergoldeten Tassen ist auch noch da. Oll Mutter Busch sitzt am Ofen ihres Witwenstübchens und strickt, und die Eintretende ruft ihr zu: „Zieh’ ’mal das Kind aus, Mutter, ich will nur gleich ’mal ein paar Worte an meinen Mann schreiben.“

Sie wirft den Mantel ab, aber den Hut behält sie auf, holt Tintenfaß, Papier und schreibt:

 „Lieber Alfred!
Ich brauche nur noch ein wenig Zeit, dann werde ich es schon haben – sorge Dich nur nicht. Sieh doch jetzt alle Tage ’mal nach die Verlobungsanzeigen in der Kreuzzeitung, und wenn Du eine findest von hier, so schreibe gleich, ich will dann nach Beetzen und gratulieren. Ich denke auch, achthundert Thaler sind besser als fünfhundert, und ich borge gleich so viel, das Bezahlen kommt ja auf eins heraus. – Mutter ist wohl, und was die Kleine ist, so bleiben die Leute auf der Straße stehen und sagen, so ’was Süßes giebt’s nicht mehr. – Ich kann jetzt noch nicht bestimmen, wann ich retour komme. Es grüßt bis dahin
  Deine Grete.“

Sie trocknet das Geschreibsel, indem sie es über die Petroleumlampe hält, und sieht dabei entzückt das kleine Mädchen an, das, die Händchen auf die Tischplatte gelegt und auf den Zehen stehend, der Mutter Thun beobachtet.

Und in der That, ein idealschöneres Geschöpfchen als dieses giebt es nicht, mit seinem hellblonden Haar und den dunkeln mandelförmigen Augen. „O Gott, o Gott, ich freß Dich noch auf, Du süßes Balg!“ ruft Grete Busch, jetzige Frau „spanische Reitschulstallmeister“ Bröse, und sie küßt erst das Kind und klebt dann den Brief zu. „Nu bleib’ bei Großmutter, ich geh’ man bloß auf die Post; und wart’ nur, später kauf’ ich Dich die schönste Puppe in ganz Berlin mit die feinsten Kleider, und dann gehen wir in den Zoologschen, Du sötes Krabauter!“ –




Ditscha sitzt am folgenden Tage, eiskalt vor Angst und Aufregung, in ihrem Zimmer, die Hände ineinander gepreßt, und wartet – Kurt Rothe ist bei ihrem Onkel.

Er ist ganz ohne Aufsehen gekommen, zu Pferde. Ditscha hat ihn selbst so früh nicht erwartet, sie hatte aber doch so viel Zeit, den Onkel vorzubereiten und mit zitternder Stimme zu bitten, ihm alles, alles zu erzählen, was der mit einem: „Jawohl, Kind!“ versprach. Einen Augenblick ist ihr auch wieder Grete Busch durch den Sinn geschossen, aber, lieber Gott, wer weiß, wo die sein mag, unb ob sie schlecht genug wäre, auszuschwatzen, und ob sie überhaupt je wieder kommen wird, und? – – Aber sie schweigt von dieser Mitwisserin.

Wird er gehen? fragt sie sich – wird Onkel Jochen sie rufen lassen?

In Onkels Stube hat sich die Unterredung, die ungemein feierlich begann, zu einer sehr herzlichen gemütlichen entwickelt. Natürlich hat Onkel Joachim erzählt, daß seine Nichte kein Vermögen besitzt, denn zwanzigtausend Thaler heutzutage – na – wenigstens doch eine Aussteuer! Dann hat er erklärt, er würde sie furchtbar vermissen, und dabei sind ihm ein paar ehrliche Thränen aus den Augen geflossen, und endlich beteuert, ein besser Gemüt gäbe es nicht wie sie. „Ein bißchen ernst, wissen Sie – schwere Erfahrungen – Waise – unser stilles einförmiges Leben – verstehen Sie –“ Und Kurt Rothe hat darauf versichert, daß er Ditscha gar nicht anders wolle, als sie gerade sei, und daß ihn eben dieser Ernst angezogen habe.

Onkel Joachim fehlt die Pfeife, die ihm aus aller Verlegenheit zu helfen pflegt; er sitzt da und dreht die Daumen, und in seinem Hirn wälzt sich ein Chaos von Gedanken, wie er am besten erzählen kann von Ditschas Thorheit. Endlich steht er auf, klingelt [375] und bestellt eine Flasche Rheinwein, setzt sich wieder und kommt dabei zu dem Schluß: I der Deubel, wozu soll denn der das überhaupt wissen, so feierlich aufgebauscht, daß eine lächerliche, längst vergessene Kindergeschichte, wie sie alle Mädels ’mal haben – wenn auch nicht – na ja – – mag sie’s ihm selbst erzählen, wenn sie erst verheiratet ist, und zu einer Stunde, wo sie ’mal gegenseitig aufgelegt sind zu einer Beichte – Schockschwerenot! Das Ding kriegt ja einen ganz eigentümlichen Anstrich, wenn ich jetzt erzähle: Ihre Liebste war ’mal auf dem Punkt durchzubrennen! Und er schreit, des Entschlusses froh, den eintretenden Friedrich an: „Sagen Sie Fräulein Sophie, ich lasse sie bitten, zu mir zu kommen.“

Indes führt er den jungen Mann vor den Stammbaum der Kronens, der fast die ganze Wand einnimmt, und bemerkt: „Die Erste von uns, die einen Bürgerlichen freit – nehmen Sie nicht übel, daß ich das erwähne, denn ich füge hinzu, ich freue mich über die Wahl meiner Nichte, es ist mir eine Ehre.“

„Herr Baron,“ sagt der Bräutigam, „unseres großen Bismarck Mutter war auch eine Bürgerliche –“

Der alte Herr schlägt ihm lachend auf die Schulter und meint, er habe nichts dagegen, wenn ihm ebenfalls ein so glückliches Ergebnis aus adlig und bürgerlich Blut präsentiert werde.

Und dann kommt Ditscha. – Sie sieht erbarmungswürdig aus. Alles Leben liegt in ihren Augen, die mit der Bitte um Verzeihung in die ihres Verlobten blicken. Und er lächelt gerührt, sein ganzes hübsches Gesicht lächelt, und den Arm um sie schlingend, sagt er: „Ich will sie lieben und ehren, wie nur je eine Frau geliebt und geehrt worden ist, Herr Baron“ – Dann haben sie Gläser in der Hand und stoßen an auf eine glückliche Zukunft, und Joachim von Kronen laufen wieder die Thränen aus den Augen, als er Ditscha küßt. Seinen Foulard ziehend, verläßt er das Zimmer, er hat etwas gemurmelt von Cilly und Anna.

Die Beiden sind allein.

„Hast Du mich noch ebenso lieb wie gestern?“ fragt sie leise.

Aber er versteht es nicht. Er ist so überglücklich, er preßt sie an sich, er küßt sie, daß ihre Worte ersticken, die er ja nicht begreift. Und sie weint, sie glaubt mit einem Mal an die große alles überwindende selige Macht der Liebe.

Im linken Flügel schlägt die in aller Gemütsruhe von Joachim vorgetragene Verlobungsanzeige wie eine Bombe ein. Cilly hat hell aufgelacht, Tante Anna ist empört, so empört, daß sie von „Verrücktheit“ redet.

„Was soll nur aus Dir werden, Joachim, ohne das Mädchen?“ fragt sie.

„Ich werde nicht ewig leben, Schwester, und Ditscha ist doch auch nicht gerade für mich auf die Welt gekommen.“

Ob denn durchaus geheiratet sein müsse?

„Durchaus nicht, aber wenn ein paar Menschen sich lieben und zusammen passen –“

Ob denn Jochen mit dem glücklichen Bräutigam – das „glücklich“ dreifach betont – gesprochen habe.

„Zwei Stunden lang!“

Und ob denn der mit allem einverstanden sei.

„Vollständig!“ sagt er, innerlich wütend über das Benehmen seiner Schwester.

Na, das könne auch nur so einer, der durchaus in den Adel hineinheiraten wolle.

„So! Und Cilly erzählte mir, daß ihn unsere sämtlichen Komtessen genommen hätten, wenn er nur Miene gemacht hätte dazu.“

„Ja,“ gesteht die junge Frau ehrlich, „das glaube ich auch noch, aber – wie er gerade auf Sophie kommt?“

„Wie Klaus auf Dich kam!“

Sie lacht wieder und fragt plötzlich höchst interessiert, wann denn die Hochzeit sei.

„Vermutlich bald.“

„Ich gehe nächsten Monat in mein Stift,“ erklärt Tante Anna.

Onkel Joachim überhört es. „Das Brautpaar wird sich Euch zeigen wollen –.“

„Ich habe Migräne heute,“ antwortet sie und erhebt sich.

„Du kannst doch nicht immerfort Migräne haben, bis Du ins Stift reist?“ ruft Cilly lachend. Aber Tante Anna schreitet mit stolz erhobenem Haupt aus dem Zimmer.

„Nun, dann wird wohl Onkel Jochen Ehrendame spielen müssen,“ sagt er, „ein Grund mehr, die Hochzeit zu beschleunigen. Kommst Du zu Tisch, Cilly?“

„Aber, Goldjöching, ich bin ja heute bei Schlüchterns zum Karpfenessen! Du weißt doch, die fischen heute den See und machen mit der Beute ihre ganze gesellschaftlichen Pflichten ab.“

„Nun dann viel Pläsir!“

Onkel Jochen speist diesen Mittag allein mit dem kleinen Jochen.

Ditscha fährt nach Dombeck, um sich der alten Dame als Braut vorzustellen. Sie ist ganz allein, denn ihr Bräutigam reitet voraus, und außerdem wäre es gegen die Etikette, wollte sie mit ihm fahren, sie hat keinen, der die sogenannten Anstandspflichten übernimmt. Tante Anna sieht sie einsteigen und fortrollen und sieht sie allein wiederkommen, fühlt aber kein Mitleid. Ditscha ist ja schon einmal allein gefahren, ein großes Gehabe mit ihr würde nur Komödie sein!

Ditscha empfindet diese Behandlung tief, das Herz ist ihr sehr schwer, als sie abends ihr stilles Zimmer betritt. Und wie Hanne erscheint mit einem Sträußchen von Monatsrosen, Veilchen und Myrten und treuherzig verschämt gratuliert, da schlägt sie in leidenschaftlicher Aufregung die Arme um die alte treue Person und weint zum Herzbrechen.

Das ist Ditschas zweiter Verlobungstag!




Die alte Frau Rothe schreibt einige Tage später in ihrem behaglichen Zimmer auf dem Dombecker Schlosse an ihre jüngste, kürzlich verheiratete Tochter, deren Mann Offizier in den Reichslanden ist.

„Ich kann mir schon denken, wie neugierig Ihr seid, liebe Kinder, Näheres über Kurts Verlobung zu hören, und ich begreife vollkommen Dein Staunen, meine kleine Bertha, über seinen raschen Entschluß. Du kennst ja wie niemand sonst außer mir den großen Maßstab, den er an die Charaktereigenschaften einer Frau legt, besonders groß an diejenigen, die er an seiner künftigen Gattin beansprucht. Nun soll ich Dir schreiben, wie es geschehen ist, und vor allem, welchen Eindruck ich von seiner Braut gehabt habe! Er war vom erstenmal, wo er sie erblickte, hingerissen von ihr, trotzdem hat er mit Zweifeln gekämpft – wird sie die Rechte sein? Er schrieb an mich, bat mich, zu kommen, und ich konnte nur seine Wahl loben, als ich das schöne Mädchen kennenlernte. Aber ich gestehe Dir, daß auch mich Zweifel packte, und zwar: ob er von ihrer Familie das Jawort erhalten werde. Ob sie, die Tochter eines der ältesten schloßgesessenen Geschlechter der Mark, sich als einfache bürgerliche Gutsbesitzersfrau wohl fühlen werde. Es ist ja nur der Name, Kind, denn in allem übrigen kann es unser prächtiger Junge mit jedem Fürsten aufnehmen – na, Du verstehst mich, mein Herz!

Er teilte meine Befürchtungen, aber siehe da, eines Tages – nun vor einer Woche – sind sie heimlich Brautleute, und vierundzwanzig Stunden später erteilt der Onkel, der als riesig stolz bekannte Joachim von Kronen, in herzlichster Weise seinen Segen und noch denselben Nachmittag kommt Sophie zu mir nach Dombeck, von Kurt angemeldet, um, wie sie sagt, sich den Mutterkuß zu holen. Sie kam sonderbarerweise ganz allein! Sie schien glücklich, ja, aber still und zum Weinen geneigt; sie sagte auch etwas zur Entschuldigung – Jochen von Kronen gehe nirgends hin, seitdem er seinen Sohn auf so schreckliche Weise verloren, Tante Anna habe Migräne und die junge Frau sei irgendwo eingeladen. Gott verzeih mir! Ich hatte ein dumpfes Gefühl von Zurücksetzung, aber Kurt merkte nichts oder wollte nichts merken, und doch ist er sonst so empfindlich in dieser Hinsicht.

Kurt ist jetzt täglich drüben in Beetzen, auch ich bin mit ihm hinübergefahren. Der alte Herr ist von gleichbleibender Freundlichkeit, er scheint Ditscha sehr zu lieben. Ich gab bei den beiden Damen meine Karte ab, bevor wir zu Tisch gingen. Es war ein merkwürdiges Diner; von der Verlobung sprach niemand! Ich dachte, Joachim von Kronen würde auf das Glück des jungen Paares anstoßen – keine Spur! Die junge Frau war nett und heiter, die Tante mehr als zurückhaltend, sie verließ noch vor dem Dessert die Tafel.

Nach Tische wurde die Hochzeit von Joachim von Kronen auf den zweiten Januar festgesetzt, um Weihnacht wolle er nicht gern allein sein, sagte er, und Sophie küßte ihm dankbar die Hand. [376] Sie hat etwas merkwürdig Demütiges, etwas, das zu ihrer stolzen Erscheinung gar nicht paßt; auch Kurt gegenüber giebt sie sich so, aber lieb und gut ist das Mädel, sie wird Dir gefallen.

Ich erwarte sie heute wieder bei mir, sie will über ihre Aussteuer mit mir sprechen, weil sie doch keine Mutter hat, wie sie traurig sagt. Die Hochzeit soll sehr still und klein sein, die Kronens haben noch Trauer. Kurt ist damit einverstanden, er meint, man könne später nachfeiern mit Euch allen, wenn Sophie seine Frau geworden. Das denk’ ich auch –.

Eben höre ich einen Wagen vorfahren, sie kommt!“

Ditscha tritt gleich darauf in das Zimmer der alten Dame. Sie ist doch sehr glücklich, man sieht es an dem Glanz ihrer Augen, und sie schmiegt sich mit einer Zärtlichkeit an die liebenswürdige alte Frau, als müsse sie nachholen an Liebe, was sie alle die langen Jahre entbehrt hat.

Kurt trifft sie nicht daheim, er ist auf der Jagd. Sie weiß es und hat sich vorgenommen, mit der Mutter alle möglichen Dinge zu besprechen, die sich auf Ausstattung und Einrichtung beziehen.

Während sie beim Thee sitzen, erzählt Ditscha, daß Onkel ihr ein wundervolles Präsent gemacht habe an Leinen und Damast. Hanne habe es ausgesucht, die Truhen auf Beetzen sind ja so voll davon. Und außerdem habe Onkel ihr zwölftausend Mark geschenkt – es solle seine Hochzeitsgabe sein – zu Möbeln für Ditschas Zimmer. „Aber die Möbel, die wollen wir doch zusammen aussuchen, Kurt und ich – Mutterle – und deshalb müssen wir nach Berlin,“ fügt sie hinzu.

„Aber, Ihr närrischen Kinder, Ihr könnt doch nicht allein nach Berlin,“ sagt Frau Rothe, „und ich alte wacklige Person – ich bin nicht imstande, zu reisen.“

Ditschas Gesicht überfliegt ein Schatten. „Cilly wäre mitgefahren,“ bemerkt sie, „aber Onkel will es nicht, er meint, die ist gar nicht bei der Sache, sie sei keine passende Begleitung. Und Tante Anna lehnt es ab, ich möchte auch nicht mit ihr – ach, Herzensmutter, geht es wirklich nicht?“

„Töchterle, ich will’s versuchen,“ tröstet die alte Dame freundlich, der das arme Kind leid thut – wie geringschätzig wird sie doch behandelt – „aber dann wartet, bis ich überhaupt heimreise, bis zum ersten Advent – ja?“

„Natürlich,“ sagt Ditscha fröhlich, „und man kann recht überlegen bis dahin.“

Sie gehen später durch alle Zimmer, und Ditscha bestimmt, zu welchem Zweck sie dienen sollen und dann schleicht sie sich allein in Kurts Stube und setzt sich voll Andacht auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und streicht wie liebkosend über das Holz, das seine Hand berührt hat, küßt seinen Federhalter und legt eine letzte blasse Rose, die ihr im Gürtel steckt, auf das Löschpapier der Mappe und schreibt daneben mit winzigen Buchstaben mit Blaustift, der ihr zur Hand liegt: „Es grüßt Dich Deine glückliche Ditscha!“

Als sie heimfährt, lehnt sie im Wagen mit einem großen Glücksgefühl im Herzen, gesteigert durch die Güte des Onkels, durch die Liebe der alten Frau, durch das Bewußtsein, einer schönen Zukunft entgegen zu gehen. So hat sie sich noch nie gefühlt; wenn sie Stimme hätte, möchte sie singen, irgend etwas Uebermütiges, einen Jodler oder Jauchzer, wie ihn der Aelpler hinunter schickt ins Thal. Irgend etwas muß sie auch ausführen, aber was denn nur? Etwas Gutes, damit Gott die volle Seligkeit ihres Herzens erkenne. Sie beschließt, der lahmen Margret, der dürftigen Schneiderin, heimlich die Nähmaschine zu bezahlen, die sie sich auf Abzahlung angeschafft hat; die erste Rate ist noch kaum von ihr geleistet, und Ditscha freut sich, wie das blasse Geschöpf sich wundern wird, wenn Kaufmann Gerlach in Bützow das Geld von ihr nicht mehr will, das sie, wer weiß wann? bringen mag. Hundert Mark kann Ditscha gut und gern von dem Ausstattungsgelde nehmen, was schadet es?

Onkel Jochen steht am Fenster, als sie zurückkehrt; neben ihm preßt sich das rosige Gesicht des Kleinen an die Scheiben, sie nickt und winkt ihnen zu. Wie sie sich freuen! Ach, jene beiden werden sie schwer vermissen, und das ist auch ein süßes Gefühl, das sie ebenfalls erst jetzt kennenlernt. Sie eilt rasch die Stufen der Freitreppe hinan und will ebenso rasch in die Zimmer des Onkels, da ruft Hanne, über das Geländer gebeugt.

„Gnä’ Fröln – Fröln Ditscha, in de Lüdstuw is wen, der mit Se sprecken will.“ Und als Ditscha erstaunt aufhorcht, sagt sie. „Ja, Sie werden sick wunnern, gnä’ Fröln, ’s ist Grete Busch, oder wie sie nu heißt, Fru Bröse.“

„Grete Busch?“ wiederholt Ditscha langsam.

„Ja, sie wart’ all an die drei Stundens und hat mich die Ohren vollgeklöhnt, wie slecht sie des nu geht. Sie is bei ihr oll Mutter mit’n Kind, und das annere hat ihr Mann ja woll,“ berichtet Hanne, indem sie die Stufen vollends herunter kommt.

„Dann schicke sie hinaus,“ sagt Ditscha und geht die Treppe empor nach ihrem Zimmer. Es ist ihr zu Mute, als sei jählings aller Sonnenschein gewichen, der eben noch so strahlend auf der Welt gelegen. Sie nimmt Hut und Mantel ab und steht mit aufeinandergepreßten Lippen in der Mitte des Zinnners, als es klopft.

„Herein!“ ruft sie. Eine kleine korpulente Frau schiebt sich durch die Thür, ziemlich ärmlich gekleidet. Kein Rembrandthut, kein Plüschpaletot, alles sehr simpel und unmodern, wenn auch damenhaft; ein einfacher Filzhut mit Schleifen von Band, das sehr oft aufgebügelt sein mag, ein Plaid um die Schultern – prachtvolle Verkleidung; nur das Gesicht, das verschwommene dreiste Gesicht ist echt und zeigt die Farbe einer Person, die die Nächte durchwacht und täglich Schminke und Puder gebraucht. Die schlaffen verlebten Züge deuten auf ungeordnete Lebensweise; geradezu schrecklich frivol, obgleich die Augen sich bemühen, recht demütig und bescheiden zu blicken.

„Kennen gnä’ Fräulein mich noch?“ beginnt sie.

„Ich würde Sie kaum wieder erkannt haben,“ antwortet Ditscha. „Was wünschen Sie von mir?“

„O, gnä’ Fräulein, warum sagen Sie denn ‚Sie‘ zu mir, das thut aber weh!“

„Was wünschen Sie?“ fragt Ditscha noch einmal.

„Allererst hab’ ich Sehnsucht gehabt, gnä’ Fräulein wieder zu sehen; es ist kein Tag und keine Nacht vergangen, in denen ich nicht an Ihnen gedacht hab’, und wie ich las, daß das gnädige Fräulein sich verlobt haben – mein Mann“ – hier thut Grete einen tiefen Seufzer – „schickte mir die Zeitungsnummer mit der Verlobungsanzeige aus Berlin, und da hab’ ich zu meiner alten Mutter gesagt. da muß ich hingehen und gnä’ Fräulein grattelieren, was ich hiermit bestens thue, auch von Muttern, und hab’ gedacht, ich könnt’ gleich ’mal fragen, ob gnä’ Fräulein vielleicht Arbeit für mich hätten. Bei so einer großen Aussteuer giebt’s doch allerlei. Gnä’ Fräulein, ich thu’ recht schön bitten“ – hier sucht Grete nach dem Taschentuch und verzieht das Gesicht zum Weinen – „denn es geht mir recht bitterlich slecht, gnä’ Fräulein.“

Ditscha ist eine so von Grund aus wahrhafte Natur, daß ihr das Schluchzen der Frau nicht einen Augenblick unecht erscheint. „Das thut mir sehr leid,“ sagt sie, „ich will mit Hanne sprechen – es wird sich schon etwas finden, Sie können vielleicht Handtücher besäumen?“

„O gern, gern, gnä’ Fräulein, alles, was Sie haben, damit ich nur nicht ganz und gar Muttern zur Last falle mit dem Gör.“

„Wie viel Kinder haben Sie denn?“

„Zwei – aber das ist schon zu viel, wenn der Mann nichts verdient.“

„Und wie kommt das?“

„O Gott! O Gott!“ beginnt Grete. „Er hat ja so’n großes Malheur gehabt mit zwei Pferde kurz hintereinander; das eine ist auf der Straße gestürzt und hat müssen gestochen werden auf dem Fleck, und mit das zweite im Cir – – wollt’ sagen, in die Manege, und beide soll er bezahlen, weil der Herr sagt, er ist da schuld an. Gnä’ Fräulein, was kann er denn dafür, wenn ihm ein Junge das Pferd mit Knallerbsen wirft, und was kann er dafür, daß das andere ein stätsches Vieh war und den Hals nicht hergeben will, und er es prügeln muß und es sich dann mit ihm überschlägt und auf der Stelle tot bleibt? Das erste ist bezahlt, so viel Geld hatten wir uns ja gespart – dreitausend Mark, gnä’ Fräulein, hat das Vieh gekost, und das andere siebzehnhundert Mark. Das kann er aber nun nicht leisten, und da hat uns der Herr die Sachen pfänden lassen und hat meinem Mann ein schlecht Zeugnis gegeben, und nu gerad’, wo wir dachten, wir könnten uns selbständig machen –“

„Das bedauere ich sehr,“ sagt Ditscha.

„Und nu sucht er nach einer neuen Stelle,“ fährt Grete fort, „und ich bin mit der Kleinen bei Mutter derweil; den Jungen hat er behalten, ich kann doch der alten Frau nicht gleich zwei Gören [378] aufpacken! O, gnä’ Fräulein, wenn Sie mir doch mit Arbeit helfen könnten!“

„Ich glaube, das versprechen zu dürfen,“ antwortet Ditscha und klingelt, „gedulden Sie sich einen Augenblick.“ Der eintretenden Jungfer befiehlt sie, Hanne zu schicken, und als die resolute kleine Frau eintritt, teilt ihr Ditscha das Anliegen der Frau Bröse mit.

„So–o–o?“ fragt Hanne gedehnt. „Könnt Se denn wat? Monogrammes sticken, un so? Wissen Sie, wer nich fine Arbeit versteiht und man bloß so’n büschen prünen kann, da kriegt kein Stück nich von de Beetzener Utstür in de Hand.“

Grete zählt ihre Kunstfertigkeiten auf, sie kann Hohlsäumen und Weißsticken und präsentiert ein zu diesem Zweck mitgebrachtes Mustertuch, und diesmal wenigstens lügt sie nicht.

„Na, da kommen Sie mit, will’s ’mal versöken mit Ihnen,“ sagt Hanne, „und Ihnen ein paar Dutzend Salvjetten mitgeben.“

Grete verbeugt sich vor Ditscha und geht.

Ditscha fühlt trotz ihres Widerwillens Mitleid mit der Frau, sie hat so bescheiden gebeten und keine Andeutung gemacht an frühere Zeiten. Sie ruft ihr nach: „Wenn Sie vielleicht ein paar Mark gebrauchen, Grete –“

„O, ums Himmelswillen, gnä’ Fräulein, nein, ich danke!“ antwortet sie, und ihr gelbliches Gesicht wird wirklich rot – Ditscha hält es für Scham und entschuldigt sich, und Grete und Hanne verschwinden.

In der Wäschekammer jammert Grete über den schweren Pack, und daß es doch so enge ist im Stübchen von der Mutter, und wie es denn wäre, wenn sie hier nähen thät? Und ob Hanne nicht gnädig Fräulein vorschlagen will, wenn ihre Arbeit zur Zufriedenheit sei, daß sie, Grete, hier in der Nähstube sitzen könnt’ und arbeiten? Eine Schlafstelle fände sich ja auch wohl für sie und das Gör? –

Hanne, die Grete Busch nie hat leiden können, brummt: „Na, dato kann ick nix seggen. Hier is ’n Dutzend Salvietten, daran werden Se sich woll nich dod sleppen, un wenn se fertig sind, dann kriegen Se wedder ’was.“

Ditscha ist beim Abendessen stiller und zerstreuter als seit langer Zeit, so daß der alte Herr sie fragt, ob es einen Liebeszank gegeben habe. Sie verneint lächelnd, in der Nacht aber kommen die alten Erinnerungen furchtbar deutlich, daß sie kein Auge zuthut und ganz elend aussieht am andern Morgen.

[389] Die Tage gehen hin, Rothe kommt täglich und täglich. Ditscha erkennt die treue starke Liebe seines Herzens mehr und mehr; es ist eine heiße Leidenschaft mit der ehrfürchtigsten Anbetung verbunden, so ritterlich, so zart und – so leicht verletzlich. Er ist schon verstimmt, wenn der derbe Onkel Ditscha neckend fragt: „Wieviel Küsse waren es heute? Hast Du gezählt? Fällt keiner mehr ab für den alten Onkel?“ Und kann nicht begreifen, daß Ditscha sich nicht beleidigt fühlt dadurch.

„Aber Kurt, der alte Mann ist wie mein Vater!“

„Ich liebe nicht,“ sagt er, „daß über solche Dinge, die mir heilig sind, Witze gemacht werden.“

„Aber Kurt – die Küsse –“

„Sind mir heilige Küsse,“ beharrt er, „wie Du mir heilig bist und unser Verhältnis es ist.“

„Du Idealist, Du lieber!“ sagt sie innig.

„Um Gotteswillen, Ditscha, Du lächelst? Thue es nicht, es berührt mich peinlich – in solchen Dingen verstehe ich keinen Scherz. – Und Du doch auch nicht, nicht wahr, Ditscha?“ fährt [390] er fort, „Du würdest nie über ein frivoles Wort lächeln können, nie! – oder einen unstatthaften Blick lächelnd ertragen? Siehst Du, Sophie, darin bin ich – nicht normal. Ich würde zum Beispiel nie eifersüchtig werden. Othelloscenen brauchst Du also nicht zu fürchten, aber ich würde Dich nicht mehr verstehen, würde irre werden an Dir und Dich schließlich nicht mehr achten können, und das, Liebste, wäre schlimmer, als Dich tot wissen.“

Dann küßt er sie und streichelt wie eine Mutter über das seidige Haar. „Ach Du mein Herz, meine Königin, wozu sage ich Dir das, Du Beste, Reinste von allen!“

Das sind Momente, wo ihr vor Angst das Herz zerspringen will, wo sie vor ihn niedersinken möchte und fragen: Ja, weißt du denn nicht? Hat dir Onkel nicht gesagt, daß ich schon einen andern geküßt? Aber immer bleibt sie stumm. Ach, und dieser andere neben ihm! Wie konnte sie nur – was dachte sie nur damals? Erst allmählich beruhigt sie sich nach solchen Scenen wieder und vermag sich dem Glücksgefühl hinzugeben.

Und die Tage verstreichen in Arbeit und Erwartung.

Grete Busch stickt daheim fleißig und wandert den weiten Weg mit den fertigen Sachen hin nach Beetzen, und Ditscha bezahlt sie aus Mitleid immer reichlich, denn Grete trägt jedesmal eine sorgenvolle Miene zur Schau, noch einmal so hoch wie andere Nähterinnen, und Grete stickt wirklich gut. Selbst Hanne söhnt sich aus mit dem „verschrobenen Dirt“, wie sie die leichtsinnige Gärtnerstochter von ehedem nennt. Und eines schönen Tages – es ist nun November geworden – kommt die alte Frau in die Wohnstube, wo Onkel Jochen, Ditscha und Rothe in der Dämmerung sitzen und sagt:

„Gnä’ Fröln, es ist eigentlich gar keine dumme Idee nich’, wenn wir die Grete gleich hier behielten. Sie verläuft sich viel Zeit, und man kann sie doch die großen Stücken auch nicht gut mitgeben in die kleine Stube von oll Mutter Buschen: sie verschmiert einem ja nur die Tischtücher in dem Finkennäpfchen. Wenn Herr Baron nichts dagegen hätten, daß sie hier loschiert mit ihrer kleinen Deern, könnt’ sie ja in der einfenstrigen Stube, in der ich früher ’mal geschlafen habe, neben die Bettkammer wohnen?“

„Meinetwegen, Du alte Schraube,“ sagt der Baron, der von seiner Zeitung aufsieht, „und mach’ keinen s’on Schnack darum. – Was Ihr braucht – braucht Ihr.“

„Na, da kann ihr morgen früh der Milchwagen mitbringen,“ sagt Hanne, „ich will’s den Pächter wissen lassen.“ Damit geht sie.

Ditscha überfällt ein unheimliches Gefühl dabei, aber was soll sie thun? Wäre doch diese Zeit erst vorüber, brauchte sie erst diese Person nicht mehr zu sehen, deren bloßer Anblick sie erniedrigt! Mein Gott, welcher Dämon hatte damals Macht über sie gehabt! Könnte sie die Erinnerung auslöschen, die sie mit Grete Busch verknüpft, könnte sie ungeschehen machen diese häßliche Episode, Jahre ihres Lebens gäbe sie darum.

Sie hört jetzt, wie Onkel Joachim leise etwas zu Rothe sagt, und wie der antwortet: „Ihre Toleranz begreife ich nicht ganz, Herr Baron.“ Es klingt sehr kühl, fast verletzend, dann erhebt er sich und tritt zu Ditscha ans Fenster und zieht sie an sich. Es ist stark dämmerig, auf Park und Rasenplätzen schimmert der erste leicht silberglänzende Schnee.

„Vielleicht wird Schlittenbahn,“ sagt er, „dann fahren wir mit Achim zum Weihnachtsmann, Sophie, ich versprach es dem kleinen Kerlchen schon lange.“

„Kurt,“ kommt es statt der Antwort von ihren Lippen, „hast Du mich sehr lieb?“

„Ja, mein Herz!“

„Mit allen meinen Fehlern!“

„Mit allen! Nur habe ich bis jetzt noch keine an Dir entdecken können!“

„Aber, wenn Du sie finden wirst?“

„Ich vergebe sie Dir alle – alle – denn Du kannst keinen haben, der nicht liebenswürdig wäre,“ ist seine freundliche Antwort.

Sie nimmt rasch seine Hand und drückt sie an ihre Wange.




Grete ist seit acht Tagen im Hause und hat ihr Kind mitgebracht, ein kleines Mädchen, so schön, wie Murillo seine Engelsgestalten zu malen pflegte. Die Mutter lehnt jedes Lob bescheiden ab, verhält sich still in der Nähstube und stichelt den ganzen Tag; das Kind aber trippelt überall umher, Cilly ist begeistert von demselben und Achim spielt mit ihm auf dem großen Teppich in der Kinderstube. Cilly amüsiert sich in diesen stillen Novembertagen mit der kleinen Ella wie mit einer Puppe. Sie näht ihr sogar Kleider, und eines Tages erscheint das Kind im Zimmer seiner Mutter in einem blaßblauen seidenen „Kate Greenaway“-Kostüm, das Cilly aus einem alten Ballkleide zurechtgebastelt hat.

„O, Du mein süßes Gör,“ schreit Grete entzückt, „als ’ne Prinzeß so schmuck bist Du! Wart’ man, Deine Mama kauft Dir noch viel schönere Kleidchens, wart’ man noch ein büschen.“ Zu Hanne aber sagt sie eine Stunde später vorwurfsvoll: „Sie verwöhnen das Kind hier, so’n armes Gör, das noch weiter nichts auf dem Leib gehabt hat wie Barchent!“

Eines Tages, es ist in der vierten Nachmittagsstunde, bekommt Grete einen Brief. Sie stickt gerade an dem Monogramm eines köstlichen Tischtuches, hört aber auf, als sie den Brief gelesen, und beginnt, sich die Augen zu reiben, zu schluchzen, und eine halbe Stunde später klopft sie mit geröteten, geschwollenen Lidern an Ditschas Thüre. Das junge Mädchen arbeitet an einem Teppich für ihren Bräutigam, den sie ihm zu Weihnacht schenken will, denn dieses Weihnachtsfest soll ja das erste wirklich schöne für sie werden.

„O Gott, o Gott, gnä’ Fräulein, so’n Kummer – so’n Unglück!“ schluchzt Grete.

„Was ist geschehen?“ fragt Ditscha erschreckt.

„O, mein armer Mann! Nu’ wollen sie ihn ja auch von die neue Stelle wegjagen, wenn er nicht bezahlt, und sein ganz büschen Gehalt haben sie ihm auch einbehalten und nu’ weiß ich ja gar nicht, was werden soll, wenn ich nich’ Geld schaffe! – O Gott, o Gott, gnä’ Fräulein, erbarmen Sie sich doch un’ leihen Sie mir die paar hundert Thalers – ich will Sie auf den Knieen dafür danken –“

Ditscha sieht sie verwundert an. „Aber – ich kann doch nicht – –“


„O, gnä’ Fräulein, so wahr ich hier stehe – in einem halben Jahr haben Sie das Geld zurück.“ Und die Frau schluchzt und jammert erbärmlich.

Ditscha besitzt noch das Ausstattungsgeld vom Onkel, denn da sich niemand fand, der sie nach Berlin begleiten konnte zum Einkaufen – das Mutterle ist ganz plötzlich abgereist, weil ein Enkelchen erkrankte, und Tante Anna residiert im Stift Eichenhagen – hatte das junge Paar beschlossen, die Einrichtung auf der Hochzeitsreise zu besorgen.

„Er nimmt sich’s Leben – er nimmt sich’s Leben!“ schluchzt Grete – meisterhaft macht sie es.

„Wieviel brauchen Sie?“

„O Gott, o Gott – es ist ja zu schrecklich, und ich sag’s auch nur, weil wir es ehrlich wiederbezahlen werden, gnä’ Fräulein – achthundert Thalers – –“

Ditscha erschrickt. Darf sie das, ohne Onkel zu fragen? „Ich werde mit dem Herrn Baron reden,“ sagt sie.

Da stürzt ihr Grete zu Füße. „O, nur nich’, nur das nich, gnä’ Fräulein, lieber stürz’ ich mich mit die Ella ins Wasser – o, nur nich’!“

Ditscha macht ihr Kleid aus der Hand Gretes los, geht in das Schlafzimmer und kehrt nach ein paar Minuten mit einer Handvoll Kassenscheine zurück.

Grete schreit vor Glückseligkeit auf, will Ditscha die Hände küssen und bedankt sich überschwenglich unter strömenden Thränen und schluchzt, sie habe es ja immer gewußt, das gnä’ Fräulein sei gut, und das gnä’ Fräulein habe sie nicht vergessen, und gnä’ Fräulein wisse doch auch ganz gewiß, daß Grete Busch verschwiegen ist wie das Grab und daß sie nie und nie und nimmer, zu keiner Sterbensseele jemals ein Wort von damals gesagt habe – – –

Ditscha stützt sich plötzlich auf den Rand des Tisches und ist leichenblaß geworden. Die Katze hat angefangen mit der Maus zu spielen!

„Und die Menschen und ja so slecht,“ fährt Grete fort, und wenn da einer ’von hörte, Sie hätte stundenlang Rendezvous in unserer guten Stube gehabt, da nähm’ ja kein Hund ein Stück Brot von Ihnen, gnä’ Fräulein. – Und nu’ grad’ jetzt, wo Sie verlobt sind, mit so’n schmucken Herrn – aber die Herrens, gnä’ Fräulein, die sind in so ’was so snurrig –. O, liebes gnä’ Fräulein, ich dank’ auch vielemal, und wie ein Grab bin ich – so schweigsam wie ein Grab –“

Ditscha starrt ihr nach, als habe sie einen grausen Spuk gesehen, als habe ein Blitz ihr den Abgrund enthüllt, an dessen Rande [391] sie gewandelt. Und plötzlich schlägt sie die Hände vor das Gesicht und ein Schütteln geht durch ihren Körper. „Mein Gott,“ sagt sie laut, „wie furchtbar strafst Du mich!“ Und dann sitzt sie und schaut auf einen Fleck, bis es dämmerig geworden, ja endlich dunkel, und sie schreckt erst empor, als es an ihre Thür klopft und das Stubenmädchen meldet, Herr Rothe sei soeben gekommen.

„Dörte – ich – kann nicht hinuntergehen – ich habe so heftiges Kopfweh,“ sagt sie, „ich lasse um Entschuldigung bitten.“

Sie sinkt wieder zurück in den Stuhl. Nur niemand sehen jetzt, niemand, am allerwenigsten ihn.

Dann hört sie auf der Treppe und im Korridor etwas schlürfende Tritte und gleich darauf einen Schlag gegen die Thür, und herein tritt der Onkel. Ditscha kann ihn nicht erkennen, sie weiß aber, daß er es ist.

„Na, da brate mir einer – – weshalb sitzt Du so im Dunkeln, Kind? Wo bist Du denn? Mach’ doch, um aller Barmherzigkeit willen, Licht – bist Du denn so krank? Und wo steckst Du denn? Wenn ich Dir Dein Tackeltüg und Deine Plünnen vom Tisch reiße, kann ich nichts dafür,“ redet er in die Dunkelheit hinein.

Ditscha zündet Licht an und wendet sich dem alten Herrn zu.

„Du siehst wirklich krank aus! Alle Wetter, Ditscha, was hast Du denn?“ fragt er. „Du stichelst zu viel! Daß Ihr Weiberzeug Euch immer vor der Hochzeit krank machen müßt mit Eurer Wäsche und sonstigem Zeugs. Kannst Du denn nicht hinunter kommen, nur einen Augenblick, damit Rothe sieht, daß Du noch lebst? Er ist ganz wie vor den Kopf geschlagen. – Nun, geht es nicht? Na, komm doch nur!“

„Onkel,“ sagt sie plötzlich entschlossen und tritt vor den alten Herrn mit blassem, zuckendem Gesicht, „Onkel, ich habe Dich schon immer fragen wollen –“

„Du bist ja ganz heiser, Deern, laß Dir von Hanne ’mal in den Hals gucken – hast Du Hitze?“

Sie wehrt seine Hand ab, die den Puls suchen will. „Ich habe Dich schon immer fragen wollen, Onkel,“ wiederholt sie, „hast Du eigentlich an unserem Verlobungstage die Geschichte von mir und Hans Perthien Kurt erzählt, wie Du versprachst?“

Er wird sehr verlegen. „Fang’ doch von dem alten Blech nicht immer wieder an!“ schnarrt er ärgerlich.

„Also, Du hast es nicht gethan?“ forscht sie.

„Zum Donnerwetter – nein!“ schreit er zornig. „Wozu denn auch? Kannst’s ihm erzählen, wenn Ihr ’mal silberne Hochzeit macht!“

Sie antwortet nicht. – Er geht heftig in der Stube auf und ab, sodaß das Licht flackert, hustet, räuspert sich, will sprechen und unterläßt es und fragt endlich: „Na, wirst Du hinunterkommen, oder nicht – Ditscha?“

„Ja, in einer Viertelstunde bin ich unten.“

„Na also – und hör’ endlich auf von der dämlichen Geschichte! Wenn man so etwas feierlich erzählt, so sieht’s ja aus wie ein Drama, und es war doch nur eine Posse, ein lächerliches Nichts. – Komme bald, er denkt sonst, Du liegst im Sterben.“ Und er geht.

„Eine Viertelstunde“ hat sie gesagt – an diese Viertelstunde aber wird sie denken, so lange sie lebt. Sie will ihn noch einmal sehen heute, noch einmal haben, ehe sie ihm das Geständnis macht, ihn vor eine Entscheidung stellt. – Ganz wie sonst soll es sein, denn morgen wird sie ihm schreiben, alles, auch das von Grete Busch, rückhaltlos, nichts beschönigend, wird ihn bitten, er soll bestimmen – Tod oder Leben, denn so kann es nicht weiter gehen. Mit einem Gefühl im Herzen, begiebt sie sich hinaus, wie es Jephthas Tochter ähnlich bewegt haben mag, als man ihr noch drei Tage ihres jungen Lebens gönnte, bevor sie sterben mußte.

Er kommt ihr schon an der Schwelle des Zimmers entgegen, ängstlich und besorgt sie anschauend. „O, Ditscha, werde nicht krank,“ bittet er, „jetzt nicht, wo ich noch nicht das Recht habe, Dich zu pflegen!“

Sie sieht ihn groß an. Wird er morgen auch dies Recht noch wollen?

Achim ist da, er spielt Domino mit dem Onkel Jochen. Der kleine Mann, der das Spiel noch nicht erfaßt, macht die wunderlichsten Schnitzer, und Onkels Lachen schallt jeden Augenblick durchs Zimmer. Ditscha und ihr Bräutigam sitzen im Erkerfenster auf der altertümlichen Holzbank, Hand in Hand wie alle Tage ihrer Verlobungszeit. Er plaudert und fragt und bedauert sie ihres Kopfwehs wegen, und sie solle nur ja nicht, ja nicht sprechen, und zum Essen werde er auch nicht bleiben. Er komme dafür morgen eine Stunde zeitiger.

„Bitte, bleib,“ sagt sie flehend, „es ist mir wirklich schon besser.“

Er thut es ja nur zu gern.

„Mir hat geträumt,“ erzählt sie dann weiter, „Du liebtest mich nicht mehr.“

„O, Du thörichte Ditscha!“

„Ich habe – ich hatte im Traum etwas gethan, früher, ehe ich Dich kannte – ich glaube es war etwas Schreckliches – das erzählte ich Dir, und da ließest Du meine Hände los und wandtest Dich ab –“

„Was hattest Du denn angestellt, Ditscherle,“ sagt er gutmütig, in seinen schlesischen Dialekt verfallend.

„Rate!“

„Gestohlen?“

„Nein, Kurt.“

„Neugierig gewesen?“

Sie schüttelt den Kopf.

„Onkel Jochen geärgert, oder Hanne?“

„Nein!“

„Oder in Deinem Innern geklagt: Ach Gott, nun ist die schöne freie Mädchenzeit bald vorbei, und ich höre die Ketten schon klirren, die unlösbaren Ketten, die mich an den häßlichen alten philiströsen Kurt fesseln sollen?“

„Nein!“

„Dann weiß ich nichts, Liebchen,“ gesteht er.

„Es giebt doch noch etwas! Mir träumte, ich erzählte Dir, daß ich einen andern Mann einmal früher zu lieben glaubte.“

Er läßt sie thatsächlich los, hastig, daß es beinah’ aussieht, als stoße er sie zurück.

„Ach, siehst Du!“ sagt sie leise.

Eine ganze Weile bleibt es still zwischen ihnen; endlich faßt er ihre Hand und zieht sie an die Lippen. „Verzeihe mir,“ bittet er, „was kannst Du dafür, wenn Du so dumm träumst, denn weiter willst Du doch damit nichts sagen, nicht wahr?“

„Ich weiß nicht – natürlich nicht –“ stammelt sie und fühlt, wie ein Zittern durch ihren Körper läuft, und sie atmet auf, als Cilly herein tänzelt, die seit ewiger Zeit schrecklich häuslich geworden ist und dafür Unmengen von Briefen schreibt.

Sie verkündet, daß sie in ein paar Tagen ihre Weihnachtsbesorgungen in Berlin machen werde, wozu der große Jochen etwas Unverständliches brummt und der kleine zu betteln anfängt: „Darf ich nicht mit, Mama? Ja, darf ich mit?“

„I Gott bewahre, wo soll ich Dich denn lassen? Besuche muß ich doch auch machen!“

„Bringe mich doch so lange zu Onkel Bredow,“ schlägt er vor.

Cilly wird sehr rot und fordert ihn energisch auf, sie mit solchen Dummheiten zu verschonen, verspricht ihm aber dafür, etwas Wunderschönes mitzubringen.

Dann meldet Friedrich, daß serviert sei, und man geht zu Tische. Cilly ist lustig, und Onkel Jochen läßt sich von ihr aufheitern. Rothe ist verstimmt, und Ditscha sitzt da wie ein Automat. Man spricht von Weihnacht; das Kind giebt keine Ruhe, seitdem es gehört, daß Mama den Knecht Ruprecht in Berlin sehen wird. Onkel verspricht, einen kleinen Schlitten beim Christkind für ihn zu bestellen.

„Vergiß nicht, Onkel Kurt!“

„Nein, mein Junge.“

„Onkel, was schenkst Du der Ditscha? Sag’ mir’s leise,“ bittet er. Und das Kerlchen steht auf und neigt sein Gesicht gegen das Ohr des Mannes, der ihm etwas zuflüstert.

„Ah!“ staunt er, „aber da kann sich Ditscha freuen – das ganze Schloß?“

„Nun hast Du es aber schon verraten, Bösewicht,“ sagt Rothe scheinbar ernst, und halblaut setzt er hinzu: „Ja, denk’ Dir, das ganze Schloß mit allem, was darin ist, und mich selbst dazu!“

Ditscha kann ihre Thränen kaum zurückhalten. – „Und sich selbst dazu!“

„Laß mich Dich bis ans Parkthor begleiten!“ bittet sie, als er nach Tische aufbricht.

„Aber – Ditscha!“

„Ach bitte, bitte! Die Luft wird meinem Kopfe gut thun.“

Er wickelt sie auf dem Flur in den Pelzmantel, schickt den Wagen voraus und beide wandeln langsam durch die Wege. [394] Es ist ein windstiller klarer Frostabend, und die Sterne funkeln am dunkelblauen Himmel. Am Gärtnerhause vorüber bis zur Einfahrt geht sie mit, und dort giebt sie ihm beide Hände und sagt: „Verzeih’, wenn ich Dir weh’ that, ich wollte es nicht, denn ich habe Dich sehr lieb.“

Dann hat sie sich rasch gewendet, ohne ihm den Mund zum Kuß zu bieten, und ihn kopfschüttelnd und verwirrt stehen gelassen. – Droben in ihrem Zimmer setzt sie sich zum Schreiben. Zwanzig und mehr Bogen zerreißt sie und längst ist Mitternacht vorüber, bis es ihr gelungen ist, den schrecklichen Brief zu verfassen:

 „Lieber Kurt!
Ehe wir uns verlobten, habe ich Onkel gebeten, Dir etwas aus meinem Leben zu erzählen, das Du notwendig wissen mußt, bevor Du Dein Geschick an das meine knüpfst. Aber Onkel hat Dir nichts gesagt, wie ich jetzt erst erfahre und fast immer schon geahnt habe. Laß es mich denn jetzt thun, ehe es zu spät ist – –

Ich war schon einmal verlobt mit einem Manne, der weder meinem Vater noch meinem Onkel als der rechte für mich erschien. Sie verweigerten ihre Zustimmung, und wir beschlossen deshalb – zu fliehen. Onkel hat mich wenig Stunden nach meiner Entfernung aus Beetzen wieder – eingefangen. Er hat mich vor einem Unglück bewahrt – um mich vielleicht noch unglücklicher werden zu lassen – –.

Ich weiß nicht, ob Du mich nun noch lieben kannst. Jedenfalls bin ich Dir Wahrheit schuldig. Aber wenn Du das Mädchen nicht mehr lieben kannst und achten, das bereit war, etwas Unwürdiges zu thun für einen Mann, den sie nicht einmal liebte, so versage ihr wenigstens nicht Dein Mitleid.

Es giebt ein paar Menschen, die um diese Angelegenheit wissen und von denen Diskretion nicht zu erwarten ist, denn sie sind ungebildet und habsüchtig – Grete Busch, die Tochter unseres früheren Gärtners, und ihr Mann, ein gewisser Bröse. Auch dies, was selbst Onkel nicht weiß, teile ich Dir mit. – Ich wage auch nicht, zu hoffen, daß Du mir verzeihst, denn ich weiß, wie Du denkst, und Du denkst mit Recht so. Jahre meines Lebens gäbe ich, wäre dieser Schritt unterblieben, und könnten Thränen etwas wegwaschen, es wäre alles ungeschehen. Sophie von Kronen.“ 

Sie couvertiert den Brief; am andern Morgen soll Franz ihn hinübertragen. Völlig erschöpft wirft sie sich auf ihr Lager und wünscht, ein Morgen möchte gar nicht kommen.

Drunten hat Cilly auch geschrieben, auf rosa Papier, zwölf Seiten lang, an Herrn von Bredow, und eine Stelle lautet:

„Gott sei Dank, daß die Zeit der Komödie und sogenannten Anstandsfrist nun bald vorüber ist. Ich finde – drei Jahre Witwe zu sein, ist doch wirklich alles, was die peinlichste Etikette von mir verlangen kann, besonders, wenn man die Verhältnisse berücksichtigt, die ja, Gottlob! keinem bekannt sind außer Dir und mir!

Wir beide, die sich lieben seit der Zeit, als Du Lieutenant warst und ich Backfisch, und die keinen Dreier hatten, um sich heiraten zu können! – Und dann, ehe ich mich recht besinne, bin ich die Frau Deines Kommandeurs geworden.

Daß Dich der gute Klaus auch gerade zum Adjutanten aussuchen mußte!

Und Dich alle Tage sehen und Dich immer lieber haben müssen und doch gefesselt sein – – wahrhaftig, Du ahnst nicht, wie mir das Herz jedesmal klopfte, wenn Dein Klingeln erscholl – ich kannte sie genau, die Art Deines Klingelns. – Ach, mein Herzensschatz, es war eine Situation, zum Verrücktwerden geschaffen. Wenn nicht der Himmel ein Einsehen gehabt und die Franzosen rabiat gemacht hätte, wie wär’s dann geworden? Ich mag nicht darüber nachdenken. –

Weißt Du noch, wie Du mir ‚Lebewohl!‘ sagtest in dem kleinen blauen Zimmer? Ich konnte das Weinen nicht lassen, und Du sahst so blaß aus, und da lagen wir uns plötzlich in den Armen, und ich war noch mitten im Schluchzen und Beben, da trat Klaus ein und glaubte in seiner Gutmütigkeit, ich weine um ihn! Der arme Mensch! – Ach Gott, und als Du wiederkamst, und ich Witwe – und all’ die Zeit, die darauf folgte – ein Zehntel so traurig und neun Zehntel so süß!

Ich will auf Klaus nichts reden, er war ein so guter vornehmer Mann, und eigentlich – betrogen habe ich ihn doch nicht – habe ich? Nein? – –

Und nun bald Dein! Was wird Jochen sagen? Armer Mensch! Nachher so allein mit der sauertöpfischen Anna und der alten Hanne. Ditscha wird ja wohl von Dombeck aus ihre Arme schützend über sein Alter breiten.

Aber, Herz, was wird aus Achim, während wir ein Jahr lang umherschwärmen? Ach, wie freue ich mich darauf! – Ja, was wird aus Achim? Ich habe noch gar nicht daran gedacht.

Also, sei pünktlich bei Leontine in Berlin. Der guten Seele kann man ja vertrauen; ich komme um zwölf Uhr auf dem Anhalter Bahnhof an. Deine glückliche Cilly.“ 

Cilly drückt ihren zierlichen Wappenring auf das längliche Couvert, küßt den Brief noch ein paarmal, dann stellt sie sich vor den Spiegel, nickt ihrem niedlichen Bilde zu und geht, ein Liedchen trällernd, zu Bette, nicht im geringsten beschwert in ihrem Gewissen, obgleich sie beschworene Treue gebrochen hat. Und droben quält und zerhärmt sich Ditscha um etwas, an dem andere mehr schuld sind als sie, und hat doch für niemand einen Vorwurf als für sich selbst. – –

Ganz früh muß Franz den Brief wegtragen; er reitet hinüber. Und Cillys Schreiben besorgt Grete Busch, die mit ihrer Kleinen auf dem Milchwagen nach Bützow fährt; sie muß doch einmal nach der alten Mutter sehen.

Noch ehe der reitende Bote zurückkommt, hat Ditscha ein Schreiben von Kurt Rothe:

„Der Kleine meiner Schwester ist gestorben, liebe Ditscha, ich reise noch heute nacht zwölf Uhr ab. – Wie geht es Dir? Gieb mir bald Nachricht, ich reise in großer Sorge um Dich ab, mein Herz. Werde nicht krank – – Kurt.“ 

Um zehn Uhr kehrt Franz zurück und erzählt, er habe den Brief des gnädigen Fräulein durch den Diener auf Herrn Rothes Schreibtisch legen lassen, der Herr sei plötzlich abgereist.

Ditscha ist unschlüssig, was sie thun soll. Franz hinüberschicken, damit er den Brief zurückhole? Sie weiß nicht, ob sie den Mut finden wird, ihn ein zweites Mal abzusenden. Ein anderes Schreiben desselben Inhalts ihm nachschicken? Zu seinem Leid am Sarge des Kindes noch diesen Schlag hinzufügen? O nein! Sie beschließt, das Schreiben dort zu lassen, er mag es finden, wenn er zurückkehrt. –

Und nun kommen seine Briefe, seine Briefe, die von Zärtlichkeit und Liebe überströmen. Am Sarge des Kindes schreibt er, wo er zur Beruhigung der Mutter Wache hält, weil sie meint, der Liebling sei nur scheintot, und abends in seinem Zimmer, wenn er den trauernden Eltern Gesellschaft geleistet hat bis tief in die Nacht, neben dem Lehnstuhl des Mutterle, die Ditscha tausendmal grüßt – jedes Wort wie in Sehnsucht getaucht.

Und Ditscha vermag nicht zu schreiben, darf nicht schreiben, wie sie möchte. Sie verlebt eine Zeit, die nur mit Todesqualen zu vergleichen ist. – Endlich wird er besorgt ob ihrer kurzen seltsamen Kärtchen – wenn er nur fort könnte, er käme ja gleich. – Ob sie nicht wohl sei? Sie sollte es ihm doch sagen, denn dann werde er trotz alledem reisen.

Sie schreibt ihm, sie sei wohl, er solle sich nicht ängstigen. Aber trotzdem kommt ein Brief, der seine Rückkehr meldet, dann und dann – also übermorgen. Hanne bringt Ditscha den Brief ins Wohnzimmer, wo sie mit dem Onkel und Achim sitzt wie alle Tage.

Hanne kann nicht gehen, ohne zu schimpfen über dies verrückte „Dirt“, die Grete. Auf einmal weg zu bleiben mitten in der Arbeit! Schreibt da vor zehn Tagen als Entschuldigung, sie müsse zu ihrem Mann, der krank geworden sei. Wird ja auch nicht gleich sterben. Wenn’s nur nicht gerad’ das schöne Damastgedeck wär’, an dem sie nun so plötzlich aufhört zu arbeiten! –

Ditscha ahnt, warum sie gegangen, sie bringt das Geld in Sicherheit. „Es kann ja jemand anders fertig sticken,“ sagt sie zerstreut, „es eilt ja nicht.“

„Eilt nicht? Gott bewahr’, gnä’ Fröln Ditscha, in vertein Dagen is Hochtid, und – es eilt nich? Ne, dat is putzig.“

Ditscha antwortet nicht, sie sieht starr auf denselben Fleck, dann springt sie auf und läuft hinaus. Da giebt’s Stimmen in ihr, so süß schmeichelnde Stimmen: „Geh’, Ditscha, hol’ den Brief zurück, mach’ den braven Mann nicht unglücklich, Du hast nichts Unehrenhaftes gethan; Onkel sagt’s ja auch. Du hast kein Recht, Dich und ihn unglücklich zu machen.“ Ihr Herz klopft bei dem Gedanken an ein Wiedersehen mit ihm; eine Sehnsucht, so brennend, so ungestüm packt sie, daß sie an den Schreibtisch flüchtet, um dem Diener auf Dombeck mitzuteilen, sie erbitte den Brief zurück, den sie vor einiger Zeit an Herrn Rothe geschrieben; sein Inhalt sei jetzt wertlos, es habe sich irgend etwas geändert.

[395] Aber, wozu eine Entschuldigung? Sie fordert einfach nur den Brief zurück, das ist genug. Morgen früh wird sie ihn holen lassen.

Sie geht etwas gefaßter zum Abendessen hinunter. Cilly neckt sie ob ihrer Blässe und geröteten Augenränder. Die junge Frau ist höchst vergnügt aus Berlin zurückgekehrt, es ist himmlisch da gewesen und sie hat neue Toiletten mitgebracht und einen unsinnig großen Koffer voll Weihnachtsgeschenke; ein Hochzeitsgeschenk für Ditscha ist auch darin, riesig reich und elegant. – Und wenn Cilly allein ist in ihrem Zimmer, träumt sie von vielen Küssen und von reizenden Blumensträußen und ganz närrisch entzückenden Zukunftsplänen. Sie und er – Monte Carlo, Nizza, Florenz, Venedig, Rom, Neapel! Ein Wort, das Gewissen heißt, giebt’s nicht für die reizende Frau. Ç’est la vie! Wie kann sich ein Mensch in das langweilige Gespenst, die Ditscha, verlieben! Freilich muß sie ja zugestehen, daß das Gespenst wunderbare Augen hat, Augen, von langen Wimpern umrahmt, in denen eine Tiefe, eine Liebe, eine Trauer liegt, wie sie sie noch nicht gesehen hat bei einem Menschen; aber sie fürchtet sich ein wenig davor, sie versteht sie nicht!

„Nun, Ditscherle – und übermorgen kommt das Kurterle, um mit dem ‚Mutterle‘ aus der ‚Schlesing‘ zu reden?“ fragt sie lustig das blasse Mädchen. Und als Ditscha bejahend nickt, fügt der Onkel hinzu: „Es ist auch die höchste Zeit, das Kind sieht ganz krank aus. Ja, ja, mein altes Herz, nun rückt die Zeit näher und näher, in der Du uns verläßt.“

„Ditscha, bleib’ doch hier,“ sagt Achim weinerlich. Cilly lacht.

„Onkel Rothe kann ja hierher ziehen,“ behauptet er.

„Oder, Du gehst mit nach Dombeck,“ schlägt Cilly eifrig vor. „Möchtest Du das?“

„Nein, ich will bei Onkel Jochen bleiben,“ sagt das Kind.

Der alte Herr greift zum Taschentuch und schneuzt sich laut, denn die Zuneigung des kleinen Wichtes rührt ihn stets.

„Von mir sagt er gar nichts,“ bemerkt Cilly. „O, Du häßlicher Junge!“

„Was soll ich denn sagen, Mama?“ erklärt er. „Ich kann lange in Deiner Stube sitzen, Du merkst’s nicht ’mal, weil Du immer schreibst. Und als Du mir gestern eine Schnur an die Peitsche knüpfen solltest, hast Du gesagt, ich sollte Dich doch um Gotteswillen zufrieden lassen. Und Mademoiselle ist auch so ungefällig, ich kann sie gar nicht mehr leiden. Ditscha macht mir immer gleich, um was ich sie bitte, und Ditscha soll hier bleiben.“

„Da hast Du es,“ sagt Cilly zu Ditscha, „schreib’ nur dem Rothe ab!“

Ditscha antwortet nicht.

[409] Während der Nacht liegt Ditscha schlaflos. Wie, wenn Rothe heute abend unvermutet zurückgekehrt wäre und nun den Brief entdeckt, ihn in freudiger Hast erbricht, um dies zu finden – dies! Allmächtiger Gott! – Sie kann es nicht ertragen, ihn zu verlieren, sie will lieber sterben. – Und wenn er ihr nun verzeiht, wird er dann vergessen können? Wird nicht ein Mißtrauen zurückbleiben, das ihn quälen muß immerfort – immerfort? Ist’s nicht noch tausendmal schlimmer, als ihn in Unwissenheit zu lassen?

Ja, ja – sie muß den Brief wiederhaben!

Und dann spricht wieder ihr Herz, ihr vornehmes großes schlichtes Herz: Offenheit, Ditscha! Wahrheit! Trage, was kommt!

Sie ist völlig krank, als sie aufsteht und sich zum Fenster schleppt, ist weder fähig, den Brief holen zu lassen, noch den Gedanken: Du thust recht! als Trost zu empfinden. Als sie zum Frühstück erscheint, stutzt selbst Onkel Jochen über ihr elendes Aussehen.

„Da mag doch Franz den Doktor holen,“ sagt er. Aber Ditscha behauptet, sie sei nicht krank.

Hanne hat nach beendeter Mahlzeit allerhand Anliegen, die das Weihnachtsfest und die Hochzeit betreffen. Jede Frage thut Ditscha fast körperlich weh. Sie steht dann in dem Zimmer, wo die Leinenschätze ihrer Aussteuer aufgeschichtet sind, und sie sieht, wie Hanne an einer großen flachen Kiste hantiert – das Brautkleid ist angekommen.

„De Snider hat sich ’was verfrüht,“ sagt Hanne, „na, besser als zu spät, gnä’ Fröln. Und wenn einer man bloß nach eine Probetaille arbeitet, so is noch immer ein’ Frag’, ob’s paßlich wird, und wenns zehnmal ’n Hoflieferant is. – Will denn das oll dumm’' Ding gar nich auf?“

„Lassen Sie’s doch zu,“ sagt Ditscha matt.

„Nee, so was!“ schreit Hanne. „Wo? Damit sich das Dings da Falten einliegt und Sie in die Kirche aussehen, als wären Sie direkt aus die Plünnenkiste gestiegen?“ Und mit einem furchtbaren Krach fliegt jetzt der Deckel auf, weißes Seidenpapier bauscht sich und knistert, und dann hebt Hanne das Gewand empor aus schneeweißem silberglänzenden Atlas, mit riesenlanger Schleppe und zartem Spitzengekräusel am Saum, in den Myrtenzweige eingestreut sind.

„Pük!“ sagt Hanne befriedigt, „wahrhaftig, pükfein“

Ditscha aber ist verschwunden und läuft wie gejagt die Treppe hinunter in ihr Zimmer; es ist ihr, als müsse sie ersticken.

Cilly kommt ein paar Stunden später. Sie hat sich das Brautkleid angesehen und will Ditscha ihre Kritik überbringen; sie findet das Mädchen vor ihrem Schreibtisch auf ein Couvert starrend, das noch nicht geschlossen, auch noch nicht beschrieben ist, das Gesicht fast verzerrt in Schmerz.

„Aber, meine Güte, was ist Dir denn nur?“ fragt Cilly. „Hast Du etwas mit Rothe gehabt? Beruhige Dich doch! Sie thun ja alle nur so bärbeißig; Dein Papa konnte aussehen, als wollte er Kinder fressen, und hatte doch au fond nur Angst vor mir. Er scheint ein bißchen gern zu moralisieren, Dein Zukünftiger – na, da thust Du eben, als wenn Du ganz seiner Meinung wärst, machen kannst Du ja, was Du willst; er merkt’s nicht einmal, wenn Du sagst, wie recht er habe. Eifersüchtig scheint er auch zu sein, aber das giebt sich dann von selber; das ist ja alles nur Bräutigamsidealismus.“ Und sie lacht, läuft an den Ofen und freut sich auf den Heiligen Abend, denn dieser Tag gehört ihr. –

[410] Da wird nicht beschert, als am Todestage von Joachims Einzigem. Der Tag ist noch immer der Trauer geweiht, obwohl man ja sonst viel vernünftiger geworden ist, dank dem Vorhandensein des Kleinen und dem Ableben der Tante Bertha. An diesem Tage darf nicht ’mal Rothe kommen. Ditscha will allein bei Onkel bleiben, und klein Achim muß sich mit Mademoiselle die Zeit vertreiben. Cilly aber wird Besuch haben, ganz heimlichen, lieben Besuch. – Er hat sich bei Schlüchterns angemeldet für die Festtage. Daran denkt Cilly jetzt nur und darum wippt sie vor Freude auf ihren kleinen Füßen hin und her.

Ditscha leidet unter der Gegenwart der jungen Witwe schrecklich, endlich hört sie kaum noch, was dieselbe plappert. „Ach, Cilly,“ bittet sie endlich, „ich habe so heftiges Kopfweh, entschuldige mich bei Onkel, ich kann unmöglich zu Tisch kommen.“

Cilly begreift endlich und geht. An der Thür wendet sie sich um. „An Deiner Stelle,“ bemerkt sie, sich des Brautkleides wieder erinnernd, „hätte ich lieber Brokat genommen; mit vierundzwanzig Jahren kann man schon Brokat tragen. – Ich werde – ich würde jedenfalls nur Brokat genommen haben.“

Ditscha schließt hinter ihr zu. Dieselben Martern, dieselben Zweifel quälen sie, quälen sie bis in die Nacht hinein. Aber sie hat ja noch Zeit, morgen kann sie den Brief noch holen lassen. – Sie zählt jeden Glockenschlag in der langen Nacht, die nun folgt, Stunden, in denen sie alles Schreckliche auskostet, was es giebt. Gegen Morgen ist sie mit sich einig geworden, sie will den Brief wiederhaben. Sie fühlt sich nicht unwürdig, sie lügt nicht, wenn sie sagt, ich habe nur Dich geliebt – gewiß nicht. – Ach, sie kann nicht von ihm lassen!

Sie schickt das Mädchen zu Franz, er solle hinüberreiten nach Dombeck und einen Brief holen, aber gleich!

Der Franz liegt zu Bette mit einer Halsentzündung. Cillys Groom ist mit einem langen Zettel Kommissionen nach Bützow in aller Herrgottsfrühe, der zweite Kutscher kann nicht fort von den Pferden – –

Vielleicht hat der Pächter einen Boten?

„Is denn so grote Il?“ fragt Hanne.

„Ja!“ stößt Ditscha hervor.

„Is nich noch Tid bis Middag? Dann kann de Mine hinüber padden; se kümmt in fifviertel Stünnen hin, wenn se über de Wische geiht, wo’s doch en Hundeklaff näher is. – Nu is sie eben noch bei’s Gänseslachten.“

„Wenn’s nicht anders geht,“ sagt Ditscha. Sie weiß ja, er wird erst um neun Uhr abends in Dombeck eintreffen.

Gegen Mittag kommt ihr kleiner Bruder ins Zimmer, in der einen Hand einen Brief für Ditscha, in der anderen einen Apfel, so rotbäckig und frisch wie der Junge selbst. „Ditscha,“ sagt er und klettert auf ihren Schoß, „es ist so langweilig bei Mademoiselle, schreib’ doch, daß die lütte Ella wieder herkommt.“

Ditscha nickt, streichelt ihn und betrachtet das Schreiben. – Aus Hamburg? Eine ganz entsetzlich ungeübte Schrift, schlechtes Papier – –

Sie öffnet mit der bestimmten Ahnung, daß es etwas Unangenehmes enthält, aber das hat sie doch nicht erwartet – das Schreibeu ist von Grete Busch:

  Hochwohlgeborenes gnädiges Fräulein!
Mit schwerem Herzen und zitternder Hand ergreife ich die Feder, um Sie mein neues Unglück zu berichten, weil ich weiß, wie gut gnädiges liebes Fräulein immer sind.

Wir befinden uns nun hier in Hamburg, weil wir mit das Geld, was mir gnädiges Fräulein gegeben, heimlich nach Amerika wollten – und nu’ so ein Unglück! Gnädiges Fräulein, bewahre Sie der Herrgott vor so’n Schicksal – mein Mann ist ein slechter Kerl, er hat all’ die achthundert Thalers verspielt gestern nacht in ein hiesiges Lokal, und als ich ihn Vorwürfe mache, hat er mir geschlagen, ich sah aus wie eine kranke Kartoffel. Und um mich könnt’ er ja thun, was er will, aber er ist nu’ so wild und sagt: Sie könnten uns noch einmal ’was geben dafür, daß er uns beide damals auf die Station gefahren hat, und daß er und ich da zu keinem Menschen ’von gesprochen haben –

O, liebes gnädiges Fräulein, ich thät’s nich’ schreiben, aber er zwingt mir dazu, indem er sagt, wenn Sie ihm nichts geben thäten, so ginge er zu Herrn Rothe, der würde dann schon sorgen, daß wir nach Amerika rüber kämen, und zwar in die erste Kajüte – im Zwischendeck auf keinen Fall! Gnä’ Fräulein, ich beschwöre Sie, geben Sie noch einmal eine Summe her, und in drei Tagen sind wir aufs Schiff. Ich habe keine Macht über den Menschen, und bedenken Sie man, es thut nich’ gut, wenn so ’was zwischen die Liebe kommt.

Ich bin in allergrößter Unterthänigkeit Ew. Hochwohlgeboren Dienerin
Grete Bröse, geb. Busch.“ 

Ditscha hat den Brief gelesen; nun spricht sie sanft zu dem kleinen Bruder, der noch immer auf ihrem Schoße sitzt, am Apfel essend. „Steh’ auf, mein alter Junge, und thu Du mir den Gefallen, klingle einmal!“

Hanne, die zufällig auf dem Korridor ist, kommt herein. „Hanne,“ sagt Ditscha ruhig, „es ist nicht nötig, daß Mine nach Dombeck geht – es ist alles in Ordnung so.“

„Desto besser!“ meint die eilige Frau, „die Arbeit pressiert jetzt grad’ und ich glaube auch, der Herr Brüsam fährt sicher über Beetzen nach Dombeck, und dann können Sie ihm mit eins gleich mündlich ausrichten, gnä’ Fröln. – Junker, willst mitgehen in den Appelkeller?“

Und ob Junker Achim will! Im nächsten Augenblick sitzt Ditscha allein.

Es ist still in ihr geworden nach diesem Brief. – Sie darf ihn nicht in Unwissenheit lassen, sie muß ihm alles sagen, muß abwarten, ob er verzeihen will oder sie verstoßen wird, sie hat kein Recht, die Ehre seiner künftigen Frau der Willkür von Schurken preiszugeben.




Kurt Rothe ist zur bestimmten Zeit in Dombeck angekommen. Am liebsten hätte er den kleinen Umweg über Beetzen gemacht, aber er fürchtet, Ditscha zu erschrecken, sie muß entschieden krank sein, oder sehr nervös. Gleich morgen früh will er hinüber. Jedenfalls ist ein Brief von ihr da, denn bei seinem Schwager hat ihn keiner mehr erreicht.

Der Inspektor und der Volontär empfangen ihn an der Hausthür, er sieht’s schon an den Gesichtern, daß alles gut steht, und verabschiedet sie freundlich auf morgen früh. Die Dachse verrenken sich beinah’ vor Freude und die Dogge richtet sich langsam auf und berührt mit der Schnauze seine Wange, als wolle sie sagen: Ja, Du bist’s – willkommen, Herr! Mit diesem vierfüßigen Geleit steigt er nach oben, nicht ohne den Gedanken: Wenn ich nun einmal wieder heimkehre, dann ist’s mit ihr.

Sein Zimmer ist behaglich warm und die Lampe brennt. Im Eßsaal nebenan erwartet ihn ein einfaches Abendbrot. Er reibt sich die Hände vor Behagen, spricht mit dem Diener, streichelt die Hunde und will dann ins Schlafzimmer gehen, sich umzukleiden. Aber vorher tritt er noch an den Schreibtisch, da liegt eine Unmasse von Briefen, Zeitungen, Broschüren. – Er sucht vor allem irgend ein Liebeszeichen, ein paar Blumen, einen Tannenzweig, ein Buch ober ein Tellerchen mit seinem Lieblingsgebäck, wie er das so oft jetzt gefunden. – Vergebens, er findet nichts. Er wirft in seiner Hast die Briefe durcheinander – keiner von ihr?

Ein Schatten liegt auf seinem Gesicht, als er nach wenigen Minuten umgekleidet zurückkommt. Er setzt sich an den Schreibtisch, schraubt die Lampen höher und beginnt noch einmal und ruhiger zu suchen.

„Na, ja,“ sagt er endlich befriedigt, „da ist er ja doch!“

Friedrich erscheint in der Thür und meldet, daß die Bratkartoffeln serviert seien. Er reißt eben den Briefumschlag auf und ruft: „Komme gleich!“

Friedrich geht wieder. Sein Herr liebt es nicht, wenn die Dienerschaft dasteht, um zuzusehen beim Speisen. Kurt hat ein für allemal gesagt: „Ich klingle, wenn ich Sie haben will.“

Friedrich geht also. Er wartet eine viertel, eine halbe Stunde – kein Glockenton!

Er wartet dreiviertel Stunden, da meint er, sein Herr habe den Nachtisch vergessen und trägt die Schale mit Obst hinein. Er steht ganz verwirrt – am Tische sitzt niemand, Teller, Gläser, Schüsseln sind unberührt. Er setzt die Obstschale hin und läuft ins Nebenzimmer.

„Herr Lieutenant!“

Auch dort niemand, selbst die Hunde sind nicht da, und die Jagdmütze fehlt am Haken.

[411] „Ich glaub’ wahrhaftig, er ist noch in den Pferdestall gegangen,“ murmelt Friedrich, „und in ‚die dummen Hausschuhe‘ – oder er fährt gar nach Beetzen bei die Braut!“ Und kopfschüttelnd nimmt er die verschmähten Kartoffeln, um sie in der Küche warm zu stellen. – – –

Durch die Gänge des Parkes wandert ein Mann; auch da meint er zu ersticken. Und sein wilder Schmerz treibt ihn hinaus auf die Landstraße, der Schmerz hat ihn gepackt und rüttelt ihn wie nie in seinem Leben, selbst nicht damals, als sein Vater starb.

Das also ist Sophie von Kronen, das Mädchen, das ihm erschien wie ein überirdisches Geschöpf, reiner denn der Schnee, der vom Himmel flockt? Das Mädchen, vor dem er die Kniee gebeugt, um ihr zu danken, daß sie herabgestiegen aus ihrer Höhe, ihm zu gehören. Sie, die so schüchtern ist in ihren Liebesbeweisen, die erglühend die Wimper senkt vor jedem Liebeswort – – die war schon einmal auf dem Punkt gewesen, Ehre und Sitte zu vergessen, mit einem Manne – –

Herr Gott, habe Erbarmen – es kann ja nicht wahr sein! Sie ist krank, sie hat in Fieberdelirien jenen Brief geschrieben! – – Aber nein, nein! Es ist eine Stunde über sie gekommen, wo sie die Scham gepackt ob ihrer Lügen! Denn eine Lüge war ihr ganzes Brautsein mit ihm! Sie hat Angst vor einer Entdeckung! Der Alte hätt’s ihm sagen müssen –.

Er lacht heiser auf. Darum, darum das bereitwillige „Ja!“ des stolzen Barons! Er war gut genug, gut genug, um das verirrte geduldete Mitglied der hochachtbaren Familie unterzubringen! – Er bleibt auf der einsamen finstern Chaussee stehen im Schnee der Winternacht und schüttelt sich vor Ekel.

Ach Gott, wohin will er denn eigentlich? Nach Beetzen? Etwa, um ihr den Ring vor die Füße zu werfen? Thorheit! Er mag ihren Schlummer nicht stören. Sie träumt wahrscheinlich, er kommt morgen, um zu sagen: Ich glaube an Dich, was geht mich Deine Vergangenheit an! Ich kann von Dir nicht lassen, kann ohne Dich nicht leben!

„Nie! Nie! Nie!“ Er schreit es fast. Die kleine Teckelhündin, die ihrem Herrn gefolgt ist, frierend, mit eingezogener Rute, schmiegt sich winselnd an ihn, als wollte sie sagen: Was ist dir denn? Du machst mich zu fürchten, Herr!

Er geht weiter, weiter bis vor das verschlossene Thor des Beetzener Parkes. Dort steht er und klammert sich an das schmiedeeiserne Gerank der Thür und starrt zu dem Hause hinüber, in dem sie wohnt, und plötzlich rüttelt er mit beiden Fäusten in ohnmächtiger Raserei an dem massiven Gitterwerk und dann neigt er die Stirn gegen das kalte Eisen und fängt bitterlich an zu weinen.

Es sieht keine Seele, nur das Tierchen wimmert neben ihm im Schnee und die Sterne blitzen klar und kalt von droben. Er weint um sein zertrümmertes Ideal. – – –

Ditscha wartet am andern Tage und wartet – kein Brief, keine Antwort!

Joachim von Kronen fällt es auf, daß der Bräutigam nicht kommt. „Ditscha, der Jung’ wird doch nicht krank sein?“

Sie sagt, sie wisse es nicht.

Der Tag geht vorüber, auch der folgende beginnt, da erhält Joachim einen Brief. Mit fester klarer Handschrift steht da, daß Schreiber dieses genötigt sei, ganz plötzlich wieder zu verreisen, die Dauer seiner Abwesenheit aber nicht bestimmen könne. An Ditscha kein Wort. –

Sie weiß genug! Sie hat auch nicht zu hoffen gewagt, daß er ihr verzeihe. Aber trotzdem überkommt sie erst jetzt ein so hoffnungsloses Leid, daß sie kaum noch die Energie besitzt, sich in ihre Stube zu schleppen, und dort, vor dem Bette, bricht sie zusammen.

Hanne, die sie nach Stunden findet, trägt sie auf, ihren Onkel zu benachrichtigen, daß sie erkrankt sei. Jegliches Fragen wehrt sie ab. „Bekümmere Dich nicht darum, Hanne, lasse niemand zu mir, zieh’ den Schlüssel ab,“ bittet sie, „ich kann nicht sprechen!“

Ditschas Welt ist zum zweitenmal zertrümmert, wuchtiger, vollständiger noch als vor sechs Jahren.

Arme Ditscha!




Tagelang liegt sie in ihrem Zimmer, völlig apathisch. Hanne pflegt sie, soweit von Pflege die Rede sein kann, denn sie bedarf so gut als nichts.

Was geschehen ist, ahnt niemand im Hause. Der Baron hat an Rothe geschrieben, er ersuche um Aufklärung. Der Brief kommt uneröffnet zurück. Der alte Herr ist der Verzweiflung nahe; die trüben Erinnerungstage, das unaufgeklärte Zurückziehen Rothes, die Krankheit der Nichte – er weiß sich nicht anders zu helfen, als mit seinem alten Sorgenbrecher, dem Grog.

Hanne geht mit verweinten Augen umher. Sie hat die Thüre zur Ausstattungsstube verschlossen, nachdem sie über das weiße Brautkleid am Ständer, das wie ein Gespenst gestorbenen Glückes im grauen Zwielicht aussieht, ein Tuch geworfen, und dann den Schlüssel in die Tasche gesteckt.

O, ein Unglücksnest ist Haus Beetzen! Ist wohl schon einmal ein richtiges Glück darin gewesen, seitdem sie denken kann? Kaum glaubt man an ein wenig Sonnenschein, so jagt der Sturmwind wieder die schwärzesten Wolken daher –.

Auf den Zehen trippelt sie in Ditschas Zimmer und beugt sich über die Kranke und kann trotz der schwachen Beleuchtung die in Leid versteinerten Züge des lieben Gesichtes erkennen. Die alte treue Seele nimmt plötzlich die Schürze vor das Gesicht und bricht in Schluchzen aus. Ditscha bemerkt es gar nicht, sie, die sonst keinen Menschen, am allerwenigsten einen Untergebenen oder ein Kind weinen sehen kann –.

Am Abend kommt Hanne wieder; sie hat sich etwas ausgedacht, das Ditscha aufrütteln soll.

„Ach, gnä’ Fröln Ditscha, ich werd’ gar nich fertig, es liegt mich zuviel auf die Schultern mit de oll Winachtsbescherung för de Lüd, und das Kuchengeback –“

Ditscha wendet den Kopf nicht. Was geht sie das an.

„Der Junker barmt auch nach Sie, Fröln Ditscha!“

Das junge Mädchen hält mit leisem Stöhnen die Hand über die Augen, als wolle sie sagen: Laß mich, was kann ich noch sein für einen andern Menschen!

„Und de Herr Baron – ach Gott im hogen Himmel! gnä’ Fröln, den hat Friedrich gestern abend wieder to Bett bringen mußt – Sie wissen ja – de Grog – und hat nu keinen Menschen, der ihn davon abzieht.“

„Laßt mich allein!“ ruft Ditscha, „laßt mich allein!“ Und sie fährt mit beiden Händen in die Haare wie eine Verzweifelte. „Quäle mich nicht! Ich kann nicht mehr – geh’!“

Hanne geht und klagt dem alten Herrn etwas vor, und Franz fährt nach Bützow und holt den Arzt. Natürlich, Ditscha hat Fieber, aber eine körperliche Ursache sei nicht zu konstatieren, die ganze Geschichte sei psychisch. Ob man sie nicht fortbringen könne von Beetzen? Oder ob man sie nicht wenigstens veranlassen könne, sich auszusprechen über das, was sie quält? Eine Entlastung des Gemütes thue zuweilen Wunder.

Der alte Herr steigt selbst zu ihr hinauf, setzt sich mit bekümmerter Miene an ihr Bett und fordert sie in seiner ungeschickten gutmütigen Weise auf, ihm doch zu vertrauen.

Sie antwortet gar nicht.

„Aber Du mußt doch verständig sein, Kind; wenn Du alles so für Dich behältst, kann man Dir doch nicht helfen. Erzähl’ doch, Ditschchen, was hat’s gegeben?“ „Quäle mich nicht!“ schreit sie, „quäle mich nicht!“ Und sie gerät in eine solche Aufregung, daß Hanne sie nur mit Mühe im Bette festhalten kann und der Arzt den alten, ganz betroffenen Herrn aus dem Zimmer führt und ihm das Wiederkommen verbietet. Als sie dann mit Hanne allein ist, verfällt sie wieder in ihren apathischen Zustand, und so liegt sie den Heiligen Abend noch, völlig energie- und kraftlos.

Ach, es ist ein trostloser Weihnachtsabend, dieser, auf den sie sich so unsäglich gefreut hatte!

Gegen vier Uhr fordert sie von Hanne eine Tasse ganz starken Kaffee, sie trinkt ihn aus und fragt dann, sich emporrichtend: „Wie geht’s Onkel?“

„Wie soll’s ihm gehen? Sie wissen ja, gnä’ Fröln, hüt is doch Winachtabend und dortau is hei ganz allein. Bi tauslut’n Dör sitt hei un jankt na sin seel’ Fru, uns’ arm oll Herr!“

„Gehst Du in die Kirche, Hanne?“

„Ich möcht’ schon, damit Gott doch etwas Wohlgefälliges sieht aus düssem Hus, aber kann man denn fort? O, so’n Weihnachtens, so’n Weihnachtens! Und rein wie zerschlagen bin ick, und kein Mensch, der mich ’was abnimmt –. Und das geht ja auch nich, daß ich kann in der Kirche sitzen und mich an Gottes Wort stärken, denn wenn nu ’was passiert indes?“

[412] „Es passiert nichts, Hanne, Du kannst nachher gehen – ich werde aufstehen.“

„Gottlob und Dank!“ sagt die alte Frau, „wie gern will ich Ihnen helfen, gnä’ Fröln Ditscha – ziehen Sie sich’n warmen Morgenrock an.“

„Nein, ein Kleid, mein neustes Kleid.“ Ditscha ist durch den armen trostlosen Kopf der Gedanke gefahren: Wenn er zurückkehren will, dann kehrt er heute zurück oder – nie mehr! Und sie will ihn wenigstens erwartet haben.

Wie sie die ersten Schritte in ihrem Zimmer macht, taumelt sie, als sei sie schwerkrank gewesen. Hanne flößt ihr Wein ein und nötigt sie, etwas zu essen; sie hatte ja alle die Tage kaum etwas zu sich genommen.

Sie will sich ihre Haare flechten, die aufgelöst über die Schultern fließen, aber vor Zittern ist sie es nicht imstande; Hanne bürstet und kämmt sie, als sei sie ein kleines Mädchen.

„Nun will ich mich ans Fenster setzen, Hanne,“ sagt sie, „und Du gehst in die Kirche und – bete für mich, Hanne, bete für mich!“

„Ja, daran soll’s nich fehlen,“ antwortet die alte Frau, „hätt’s auch so schon gethan, Fröln Ditscha.“ Und nachdem sie einen bekümmerten Blick auf ihr vergöttertes „Fröln“ geworfen, geht sie, um sich für den Kirchgang anzuziehen.

Ditscha bleibt am Fenster sitzen, den Kopf zurückgelehnt an die Polster des Armstuhls, den Blick hinausgerichtet in die Schneelandschaft, die allmählich der Tag verläßt, und sie wartet, wartet, wie wohl kaum je ein Mensch gewartet hat auf einen anderen, in solch verzehrender zitternder Angst, in solch heißer Sehnsucht –. Er muß kommen, einmal muß er noch kommen, und weiter will sie nichts –. Nur das Eine will sie ihm sagen, daß er der Einzige ist, den sie liebt und je geliebt hat und das Einzige noch bitten, daß er ihr vergeben solle – weiter nichts – weiter nichts –

Wie es weiter werden soll mit ihrem zertrümmerten und verfehlten Leben, daran denkt sie jetzt nicht; all ihr Empfinden beherrscht der Gedanke: er wird kommen!

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Und indessen ist in der Kinderstube Achim ganz allein. Er hat mit dem Baukasten gespielt und mit den Soldaten, er hat auf dem Schaukelpferde gesessen und Mademoiselle hat ihm in höchst zerstreuter Weise ein Märchen erzählt, das er immer wieder unterbrechen mußte mit dem Vorwurf: „Aber Du hast eben gesagt, der König heißt Grimbart, und nun heißt er mit einmal Klingsohr?“

Oder: „Du hast doch eben erzählt, die Schwester hat sieben Brüder, und jetzt hat sie nur fünf?“

Endlich ist die Geschichte zu Ende gekommen und Mademoiselle hat gesagt, er solle nur recht ruhig und artig sein, sie komme bald wieder und werde ihm etwas mitbringen vom Weihnachtsmann, den sie höchstwahrscheinlich sehe, und dann ist sie nach einem Blick in den Spiegel verschwunden.

Der brave kleine Kerl giebt sich auch redlich alle Mühe, artig zu sein, und steht nun schon geraume Weile am Fenster, starrt in den Park und amüsiert sich über die feinen Wolken stöbernden Schnees, die der Wind in förmlichen Wirbeln über die Rasenplätze treibt. Aber endlich hat er sich satt daran gesehen. Mademoiselle bleibt so lange, und zu Onkel Jochen darf er heut’ nicht kommen, ist ihm von Hanne gesagt. Der alte wunderliche Mann hat es in der That abgelehnt, den kleinen Liebling zu sehen, denn dieser Tag sei der Erinnerung geweiht an Sohn und Frau. Nein, Berthachen würde es ihm sicher nicht vergeben, wenn er das Heute vergessen wollte, auch nur einen Augenblick –- as wäre treulos gegen den Verlorenen. Achim ist auf morgen vertröstet.

Das Kind seufzt, es ist so spukhaft still in dem großen Zimmer, in dem eine graue Dämmerung schon alle Winkel und Ecken füllt. Er fängt plötzlich an, sich zu fürchten. Kommen heute wirklich die Engel unhörbar in die Menschenwohnungen, um zu sehen, ob die Kinder fromm sind? Er wendet sich langsam um und wirft einen scheuen Blick an die dämmernde Ecke jenseit des Ofens. Das Weiße dort hinten? – Er fährt zusammen, schluckt ein paarmal und faßt sich an die Kehle, der kleine Wicht.

Aber nein, das ist ja Mademoiselles Frisiermantel! Mademoiselle hat die schlechte Angewohnheit, sich in Achims Zimmer zu frisieren, weil der Spiegel dort so „hübsch“ macht.

Oder doch – ist’s ein Engel? Er möchte hingehen und das Weiße anfassen, aber er getraut sich nicht. Die große Stille und Einsamkeit überfallen das Kind plötzlich mit schreckhafter Gewalt.

„Mama!“ schreit er laut, „Mama!“ Aber Mama hört nicht, Mama hat auch gesagt, er solle nicht zu ihr kommen heute nachmittag, sie hat mit dem Weihnachtsmann zu thun.

„Hanne!“ Jetzt weint er schon. „Hanne!“ Aber Hanne faltet in der schwach erleuchteten Kirche die Hände über dem Gesangbuch und betet für Fröln Ditscha; das Weinen des kleinen Junkers, der „Hanne, liebe Hanne!“ ruft, kann sie nicht erreichen. Und sie schaut mit thränenden Augen zu dem leeren Herrschaftsstuhl empor, keiner ist da aus Haus Beetzen, keiner, und doch hatte ein glückliches junges Paar seine Andacht feiern wollen, heute abend! Fräulein Ditscha hat ihr ja vor zehn Tagen noch selbst gesagt: „Am Weihnachtsabend treffe ich meinen Bräutigam in unserer Kirche, Hanne!“ – Nun ist sie krank, und der Bräutigam fehlt. – Ja, Hanne kann nicht hören, wie das Kind ruft.

Und plötzlich faßt sich das tapfere Bürschchen ein Herz und läuft eilends aus der Stube in den Nebenraum, der Mamas Ankleidezimmer ist, und von dort in ihre Schlafstube, an dem großen rosaseidenen, spitzenverhangenen Bette vorüber, in das er früher zuweilen gehuscht ist, um Mama zu küssen und in den weichen Haaren zu zausen. Dann sieht er in Mamas Salon; alles schwimmt im dämmerigen Schein der rosaverschleierten Lampe, die zur Seite von Papas Bild brennt, und nebenan, in ihrem Schreibzimmerchen, ist Mama selbst. Sie darf ihn doch nicht wieder wegschicken, die Mama, die von dem kleinen zärtlichen Herzen so geliebt wird, mehr noch wie der Hektor und das schöne Schaukelpferd, wie Onkel Jochen und Ditscha.

Und Achim fürchtet sich, und deshalb will er zur Mama, dazu hat er ein Recht. Er geht auf den Zehen und steckt das Köpfchen mit den bittenden Kinderaugen durch den Sammetvorhang, aber leichenblaß fährt das kleine Antlitz zurück. Es ist ein sonderbares Kind, keinen Ton giebt er von sich, nur die Fäustchen hält er geballt, der sechsjährige Junge, und auf seinem runden Gesicht prägt sich ein schmerzliches Staunen aus. Weinen kann er nicht, obgleich es um den roten Mund zuckt. Er steht nur da wie angewurzelt, dann macht er kehrt und läuft zurück in das noch finstere Kinderzimmer und von dort auf den Flur und zu der Thür von Onkel Joachims Gemächern. Aber, wie er sich auch reckt, die Klinke zu erfassen, sie giebt nicht nach, Onkel Joachim hat sich eingeriegelt. Nun läuft er die Treppe empor und nach Ditschas Zimmer – auch hier ist die Thür verschlossen.

„Ditscha!“ schluchzt er, „Ditscha!“ Und dann in höchster Zärtlichkeit, wie er von Onkel Rothe gehörte „Ditscherle! Süße Ditscha!“ Aber auch hier öffnet niemand. Ditscha ist für alles, was um sie her vorgeht, wie gestorben. Sie sieht sich erst zerstreut nach der Thür um, als Achim die Stufen der Treppe schon wieder hinunter schleicht, ein geängstigtes, gequältes Kind, das niemand findet, der es beruhigt.

Eiu paar Augenblicke bleibt der ratlose kleine Bursche unten im Flur stehen, bereit, in ein furchtbares Schreien auszubrechen, da fährt ihm ein Gedanke durch den Kopf. Onkel Rothe! Onkel Rothe soll helfen den Mann fortjagen, der seine Mutter geküßt hat – er soll sie erinnern an Achim – Achim ist doch noch da! Sie darf Achim nicht verstoßen und vergessen, und Onkel Rothe soll helfen. –

Er trippelt zur Hausthür, springt an der Klinke in die Höhe, und siehe da, sie ist unverschlossen. Mühsam öffnet er den schweren Flügel und nun schiebt er sich durch den Thürspalt und läuft in die Nacht hinaus.

Er ist in einer dünnen Sammetbluse und Kniehöschen, der blonde Kopf unbedeckt, die kleinen Füße in leichten Hausschuhchen. Was kümmert ihn der Schnee und der Wind, es ist ja gar nicht weit bis Dombeck, er war ja schon oft mit Ditscha dort, und hier draußen hat er keine Angst; er will ja weiter nichts, er will nur Onkel Rothe holen nach Beetzen.

Die alte Uhr im Beetzener Hausflur wundert sich nicht; sie weiß ja, Weihnacht passiert immer etwas Außergewöhnliches, aber ihr „Wo – hin? Wo – hin?“ klingt heute noch eindringlicher, trauriger, und beinahe hört es sich an, als riefe sie: „Hil – fe! Hil – fe!“

Aber niemand ist da, der sie hört.

[429] Für Kurt Rothe ist es Nacht geworden seit jenem Augenblick, da er Ditschas Brief gelesen. Eine trostlosere Verzweiflung hätte ihn nicht erfassen können, wenn er die Nachricht von ihrem Tode empfangen hätte an Stelle dieses Bekenntnisses.

Seine Dienerschaft schüttelt den Kopf über ihn, er ißt kaum, er trinkt höchstens. Tagsüber, wenn er die notwendigsten Geschäfte erledigt hat, sitzt er vor seinem Schreibtisch, auf dem Ditschas Bild steht, und brütet vor sich hin. Er hat bis jetzt noch nicht einmal an seine Mutter geschrieben, der einzige Brief galt dem alten Baron.

Jeden Abend, zu der Zeit, wo er sonst zu Ditscha eilte, packt ihn eine fürchterliche Unruhe, er nimmt dann die Mütze vom Haken und verläßt das Haus. Ohne Wahl und Ziel läuft er in dem Schnee und der Kälte umher, immer nur das eine denkend: Ist es denn wahr? Ist es möglich? Mit einem wahren Grauen vergegenwärtigt er sich das geliebte Gesicht, die schönen traurigen Augen, den feinen herben Mund – und das alles hat schon einem andern gehört! Er erinnert sich an Ditschas ängstliches Staunen, wenn er davon sprach, daß er es nicht ertragen würde, auch nur die Erinnerungen ihres Herzens mit einem andern teilen zu müssen, ach – und wie mußte sie diesen andern geliebt haben, daß sie ihm alles opfern wollte, Heimat, Vaterhaus, Ehre, Ruf – alles!

Wenn er an diesen Punkt gelangt, und seine Gedanken nehmen ungefähr zwanzigmal des Tages diesen nämlichen Weg, so schlägt er sich mit der Faust vor die Stirn und möchte den Menschen, der es gewagt hat, sie zu lieben, erdrosseln.

Wiedersehen kann er sie nicht, will er nicht – nur das nicht! Nach einem Weilchen ertappt er sich dann jedesmal auf der Chaussee nach Beetzen und wendet um mit dem Gedanken: Was nun? Noch ist sie seine Braut – es muß doch etwas geschehen! Er muß doch dem Baron mitteilen, daß er auf die Ehre, der Gatte Sophies von Kronen zu werden, leider zu verzichten genötigt sei. Und dann fort aus dieser Gegend, Dombeck verpachten zunächst, und verkaufen, sobald sich eine günstige Gelegenheit findet!

Sie hat ihn wenigstens vor dem Schlimmsten bewahrt, vor dem Makel der Lächerlichkeit, davor, daß man in allen Kneipen, in allen Kaffees gesagt hätte: Frau Rothe? Ach, die famose Ditscha, die damals mit dem So und So durchbrannte? Er kennt ja das – großer Gott, es wäre, um sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen! Dabei packt ihn ein wahnsinniges Verlangen: er möchte sie noch einmal sehen mit seinen entsetzlich ernüchterten Augen, möchte ihr sagen: „Das bist also Du, die ich verehrt habe wie eine Heilige? Ich vergebe Dir, ja ich vergebe Dir! Lebe glücklich, und wenn Dir’s möglich ist, mache nicht noch öfter einen so ehrlichen Kerl so elend wie mich. Es giebt ja welche, die es nicht so genau nehmen, solche mußt Du Dir heraussuchen, nur nicht so einen, so einen, wie ich es bin, der daran zu Grunde gehen wird, daß er sein Herz an ein Mädchen hing, für das er nicht der einzige Mann war und geblieben ist.“ – –

Er kann’s nicht, nein, er kann’s nicht: er will keine Frau, die Erinnerungen hat, er will nicht eine, die so zu lügen weiß – ihr ganzes Brautsein mit ihm war Lüge! – Ach ja, er erinnert sich an so manches, an den Widerstand, als er ihr sein Herz bot, an ihr flehentliches Bitten: „Sprich erst mit Onkel!“ Ach ja – aber, was nun? Was soll werden?

So ist er auch heute, am Heiligen Abend, wieder davon gelaufen aus seinem Zimmer, in das ihm Pakete hineingetragen wurden, die der Postbote. gebracht – von daheim. Was mögen sie denken, die Seinigen, daß er noch nicht schrieb? In dieser [430] Kiste sind auch Geschenke für Ditscha, und aus dem großen Karton dort quillt der Duft heimatlichen Weihnachtsgebäcks.

Er hat’s nicht ertragen, er ist wieder hinaus gegangen in das Schneetreiben, in Nacht und Sturm. Auf der Chaussee wandert er dahin, immer mit dem nämlichen wirbelnden Gedanken; den eisigen Wind empfindet er als Wohlthat, der Schnee stäubt gegen ihn von der Seite und bleibt in Haar und Bart, er merkt es gar nicht. Die Chaussee ist wie gefegt, nur zur Rechten hebt es sich wie weiße Dünen, die Obstbäume ragen kaum zur halben Stammhöhe darüber hinweg. Hinter ihm, die Rute eingezogen, läuft frierend die kleine braune Teckelhündin, wie immer jetzt. Dann und wann bleibt das Tierchen stehen und schaut verwundert hinter ihm drein, als wolle es fragen: Herrchen, kehrst du noch nicht bald um? Dann läuft sie wieder, um ihn einzuholen, sie weiß nicht mehr, was sie von ihrem Gebieter denken soll, und fühlt doch, daß jemand bei ihm bleiben müsse. Ihr Mann, der bequeme Waldmann liegt daheim und schläft in der Sofaecke, aber sie hat keine Ruhe, sie geht mit. Er ist so sonderbar jetzt, zuweilen darf sie stundenlang auf seinem Schoß liegen, und er kraut ihr, wie in Gedanken verloren, den Kopf, dann plötzlich springt er auf, so heftig, daß sie mit jähem Sturz in das Zimmer geschleudert wird, und stürmt davon. Wie kann Waldine da zu Hause bleiben?

Und plötzlich steht das kluge Tierchen still und hebt den feinen Kopf, dann ist es mit zwei Sprüngen drüben an dem Schneewall und beginnt, ein heiseres hohes Geheul ausstoßend, zu scharren. Im nächsten Augenblick steht ihr Herr neben ihr. Am Rande des Schneewalles liegt etwas – ein Mensch – ein Kind – der Schnee hat schon eine leichte Decke darüber gebreitet. Kurt Rothe reißt das dem Tode verfallene Geschöpf empor, ein leises Wimmern dringt ihm entgegen „Onkel Rothe! Mama – Mama!“

„Du bist das, Junge?“ fragt der erstaunte Mann.

„Onkel Rothe,“ wimmert er – „müde!“ und der arme halberfrorene Knabe drückt den Kopf gegen die Brust seines Retters.

„Wie kommst Du hierher? Schlaf nicht ein, Achim.“

Er rüttelt und schüttelt besorgt den kleinen Wicht auf seinen Armen, knöpft seinen Mantel auf, drückt ihn an sich und schlingt das Kleidungsstück um ihn zusammen, während er weiter schreitet. Nur einen Augenblick hat er überlegt: Zu mir – oder nach Beetzen? Aber Beetzen ist schon näher und so hat er den Wind im Rücken.

„Achim,“ keucht er, während er mit der Last dahineilt, die mit dem Gewicht eines Toten in seinen Armen liegt, „Achim, warum bist Du fortgelaufen?“

„Ich war so allein, ach, so allein!“ lallt schlaftrunken das Kind.

„Ganz allein, Achim?“

„Ja, Onkel Jochen ist traurig, Mademoiselle ist fortgegangen und Ditscha ist krank, und Mama – –“ und plötzlich wird dem halbtoten Kinde klar, weshalb es fortgelaufen. „Lieber Onkel Rothe, Mama hat mich nicht mehr lieb, hilf mir doch – sie soll sich nicht mehr küssen lassen von Onkel Bredow.“

„Friert Dich sehr, Achim?“

„Nein, ich bin so müde.“

Kurt Rothe eilt noch immer im Geschwindschritt dahin. Wäre er eine Viertelstunde später gekommen! Die Vorstellung macht ihn grausen.

Dort unten ist schon der Kirchturm von Beetzen, wenn er quer über das Feld geht, schneidet er ein tüchtiges Stück ab; er ist dann zehn Minuten früher am Herrenhause.

Und derweil ist Mademoiselle heimgekommen und hat Achim nicht in der Kinderstube gefunden. Zunächst lächelt sie sorglos, sie weilt noch in der Erinnerung in der Stube des hübschen Volontärs im Pächterhause drüben, der momentan ihr Freund ist und sie küßt die goldene Uhr, die er ihr geschenkt hat, und dreht sich wie toll auf dem Absatz herum, irgend ein französisches Liedchen singend. Dann ruft sie noch einmal: „Achim, arrivez tout de suite!“

Es ist alles still um sie.

Er wird bei Mama sein? Aber Mama hat ihn ja nicht haben wollen!

Die Kammerjungfer bringt jetzt das Souper für Mademoiselle und den Junker.

„Aben Sie gesehen der Achim!“ fragt Mademoiselle. „Ist er bei seiner Maman?“

„Nein, gnä' Frau ist ganz allein mit ihrem Besuch; die mag keinen Dritten nich heute,“ giebt die Zofe mit vielsagendem Lächeln zur Antwort.

„Aber – wo soll er sein? Ik werden selbst fragen.“ Und Mademoiselle trippelt bis zur Thür des Salons und ruft „Achim! Achim!“

„Er ist nicht hier,“ antwortet Madames Silberstimme aus dem Boudoir, „er soll auch nicht kommen – comprenez – er soll für sich spielen heute!“

Mademoiselle läuft nach der Kinderstube zurück, von dort in die Küche und dann zu dem Zimmer des Herrn.

„Was beliebt?“ fragt Friedrich, der eben heraustritt.

„Ist Achim bei seine Onkel?“

„Nein, soll auch heute nicht zu ihm kommen.“

Mademoiselle steigt zu Ditscha hinauf. Sie pocht so energisch, daß das in seinen Gram versunkene Mädchen emporfährt und hinüberschwankt, um zu öffnen. „Wer ist da?“ stammelt sie.

„O, gnädig’ Fräulein, Achim! Achim soll essen kommen und ist nicht zu finden.“

„Achim? – Achim ist nicht hier!“

Mon dieu!“ schreit Mademoiselle, „ô quel malheur! Achim ist fort, ik hatten ihn allein gelassen ein paar Minuten.“

„Fort?“ wiederholt Ditscha mechanisch und ebenso geht sie der Treppe zu, und dort setzt sie sich auf die oberste Stufe und und sieht ganz verstört vor sich hin.

„Er ist nicht bei Madame und nicht bei Herr Baron, nicht in der Küche und nicht in der Kinderstube,“ jammert Mademoiselle.

Ditscha ist leichenblaß geworden. Ach, sie kennt ja die Weihnachtsabende in diesem Hause, die ein Kinderherz so bedrücken! Plötzlich eilt sie die Treppe hinunter und reißt die Hausthür auf, da sieht sie Spuren, kleine leicht verschneite Spuren, die die Treppe hinunterführen, und im nächsten Augenblicke läuft sie in der schneehellen Nacht dahin, den Spuren nach.

Auch das Kind! O, es ist schlimm für junge Herzen, das Beetzener Herrenhaus. Sie hungern und dürsten nach Liebe, sie sehnen sich fort und sie verirren sich.

„Achim! Achim!“ ruft sie halberstickt durch den Wind im Dahinfliegen. Das Parkthor ist noch offen, die Leute sind noch nicht zurück aus der Kirche. Auch hier noch kleine Spuren und jetzt hinüber auf die Landstraße. „Achim! Achim!“ Sie fühlt ihre Schwäche nicht mehr, nur noch eins – das Kind ist verirrt, erfroren – tot.

Aber allein kann sie da draußen ja nicht suchen, man muß Laternen mitnehmen, sie wendet sich und läuft ein paar Schritte zurück. Dann kommt ihr der Gedanke: Hanne hat den Junker mit in die Kirche genommem und sie wendet sich wieder dem Ausgang zu, sie will in die Kirche. Da erfaßt sie ein Schwindel und sie sinkt ermattet auf einen der Prellsteine und hält sich die Stirn mit der Hand, halb bewußtlos. Und dann strebt plötzlich etwas an ihr hinauf, ein kleiner schwarzer Hund, in rasender Freude wendet und dreht er sich und macht ihr das Herz stocken, denn dort kommt – kommt – –

Sie ist nicht fähig, sich zu rühren, ihre Augen starren ihm entgegen. Langsam nähert er sich dem Thor; er sieht sie nicht, seine Blicke sind auf das gerichtet, was er im Arme trägt. In diesem Augenblick eilt der Kutscher an ihr vorüber, zwei Schritte vor Ditscha treffen sie zusammen – sie sieht, wie Rothe ihm das übergiebt, was er im Arm getragen, hört, wie der Mann „Gottlob! Gottlob!“ schreit, hört wie Rothe ihn ermahnt, so rasch als möglich ins Haus zu eilen, die Glieder des Kindes mit Schnee zu reiben, es nicht gleich ins warme Zimmer zu bringen. – – Eine Menge Menschen umringt plötzlich den Kutscher, Laternenschein streift bis zu ihr herüber, und im nächsten Augenblick entfernt sich alles dem Hause zu, nur sie ist nicht fähig, sich zu rühren. Ihre Augen hängen starr an dem geliebten Manne.

Er hat sie noch immer nicht gesehen. Er nimmt jetzt den Hut ab, wischt sich die feuchte Stirn, atmet auf und wirft einen langen Blick zu dem Hause hinüber, dann wendet er sich langsam um und geht.

Er hat nicht zu ihr gewollt, er sucht keine Versöhnung – er geht. – – –

„Kurt!“ schreit sie auf.

Er wendet sich um und schreitet ihr näher, die hochaufgerichtet dasteht. „Du?“ fragt er.

„Ich suchte Achim.“

Er steht mit abgezogenem Hut vor ihr, als erwarte er einen Befehl. Der Wind zerrt an seinem Mantel und an ihrem Kleide, der Schnee fällt zwischen ihnen, keine Seele, nur sie in dieser Einsamkeit der Heiligen Nacht, und kein Engel mit der Friedensbotschaft.

„Leb’ wohl!“ sagt sie endlich, als sie merkt, daß er stumm bleiben wird, „verzeihe, daß ich als junges herzenseinsames Kind [431] einmal irrte. Hätte ich Dich immer gekannt, es wäre nicht gewesen. – Gieb mir die Hand, Kurt – so –.“ Sie legt mit einem festen Druck den Verlobungsring in seine Rechte. „Sei glücklich! Ich verstehe Dich, Deine Zweifel, alles – ich darf Dich nicht tadeln, aber glaube mir, ich hätte Dir nichts gegeben, was Deiner unwürdig gewesen, Kurt. – Lebe wohl!“

„Ditscha!“ ruft er und greift nach ihren Händen und zieht sie an sich. „Ditscha, vergieb mir – laß es beim Alten. – Habe Geduld – mit mir, ich werde es überwinden lernen.“

Sie entwindet ihre Hände den seinen. „Nein!“ sagt sie laut und fest, „das ist nichts für mich und nichts für Dich. Dein Vertrauen ist geschwunden, Deine Liebe ist nicht mehr da, und guter Wille, Nachsicht und Pflichtgefühl genügen nicht, für uns beide nicht. Leb’ wohl, Kurt!“

Er kann deutlich ihr schönes stolzes Gesicht erkennen, als sie so spricht. Sie nickt ihm noch einmal zu, wehmütig ernst, dann geht sie.

Er schreitet plötzlich an ihrer Seite.

„Was willst Du, Kurt?“ fragt sie und bleibt stehen.

„Du kannst doch nicht allein gehen, so im Dunkeln,“ stottert er, dessen Zweifel vor dem Zauber, den ihre reine stolze Nähe auf ihn ausübt, wie hinweggeweht sind.

„O,“ sagt sie und ein bitteres Lächeln zuckt um ihren Mund, „laß mich nur, ich werde noch finstere Wege allein gehen müssen. Leb’ wohl!“

„Ditscha!“ ruft er hinter ihr her, heiser, mit gebrochener Stimme. Aber sie sieht sich nicht um, und festen Schrittes geht sie ihren Weg und betritt das Haus. – 000000000000000000000

Dort herrscht eine unbeschreibliche Aufregung. Mademoiselle ist der Abschied für morgen angekündigt; Jochen von Kronen, dem soeben der Rittmeister von Bredow notgedrungen als Bräutigam vorgestellt wurde – denn der wütende alte Herr ist wie eine Bombe in das zärtliche tête-à-tête mit der Frage geplatzt: „Wo ist Dein Kind?“ – hat nur eine sehr ironische Verbeugung für den stattlichen Herrn gehabt und immerfort geschrieen: „Wo ist Achim?“, obgleich der Junge bereits gebracht ist und sich unter der Pflege Hannes befindet, bis der Arzt eintrifft.

Als eine halbe Stande später Frau Cilly in die Kinderstube tritt, ist sie zwar offiziell die Braut ihres so lange schon geliebten Arthurs geworden, aber ihre Mutterrechte hat sie Joachim von Kronen abgetreten in aller Form. Sie erschrickt vor der Gestalt, die da am Bette des Kleinen sitzt, als ob sie hingehörte – Ditscha, Ditscha wie ein Geist anzusehen, ohne einen Blutstropfen in den Wangen, versteinert in Leid und Weh. Wenn jemand die Entsagung hätte malen wollen, ein besseres Vorbild wäre nicht zu finden gewesen.

„Du?“ stammelt Cilly. „Wie siehst Du aus? Geh’ zu Bette!“

„Nein,“ sagt Ditscha, „ich bleibe bei Achim – immer! Nicht wahr, Achim, immer! Zwei sollen nicht unglücklich werden!“

Doch das fieberglühende Kind streckt die Arme nach ihr aus, an der Mutter vorüber, die es nicht sehen will.

„Ditscha soll bei mir bleiben!“ wimmert es.




Joachim von Kronen sitzt in seinem Arbeitszimmer. Die Dämmerung des ersten Feiertags sinkt hernieder und die beiden Briefe, die geöffnet auf dem Schreibtisch liegen, leuchten blendend weiß in dem fahlen Lichte.

Der alte Herr hat sich in seinem Schreibstuhl zurückgelehnt, die Hände über dem Leib gefaltet, und starrt auf einen Fleck. Noch vor einem Jahr wär’ Berthachen gekommen, hätte ihm die Haare aus der Stirn gestrichen und hätte gesprochen: „Mein Alter, das hilft ja nun nichts, die Welt steht nicht still um unser Leid!“ – Heute sitzt er allein, die Frau liegt dort drüben in der Gruft, und sein Liebling ringt mit dem Tode, der herzige frische Junge.

Die Nacht ist’s noch schlimmer geworden; der Doktor hat Lungenentzündung festgestellt, und der kleine Kranke ist ohne Besinnung und leidet furchtbar. Im Saale steht der Tannenbaum ungeschmückt, die Spielsachen sind nicht ausgepackt, und die Dienerschaft schleicht auf den Zehen umher. Und er, Joachim, ist schuld daran! Ja, er ist’s, da kann alles Beschönigen nichts helfen! sagt er sich. Er kennt ja doch die Weiber, diese schwachen Kreaturen, denen ein bißchen Liebesglück oder Liebesgram den Kopf gleich so verwirrt, daß sie alles andere darüber vergessen. Und solcher drei hat er im Hause, und diesen drei überläßt er die Sorge für das Kind und schließt sich ein in seinem Erinnerungsdusel – da passiert denn natürlich gleich das Gräßlichste!

Die eine, die Mademoiselle, ist zum Tempel hinausgeflogen heute früh, und die zwei anderen, die Frau Mutter und das Fräulein Schwester, die sind nun plötzlich ernüchtert, sie beten und weinen und klagen sich an, jetzt, wo es vielleicht zu spät ist! Joachim von Kronen ist in rasender Stimmung vor Schmerz und Angst, und wehe dem, der ihm heute in die Quere kommt. Die beiden Briefe da vor ihm, die haben just auch noch gefehlt.

Dem „angenehmen Schwerenöter“, dem Rittmeister von Bredow, der den „verehrten Schwager seiner Braut“ um eine Unterredung ersucht, da gestern abend in der erregten Stimmung leider einige höchst wichtige Punkte nicht erörtert werden konnten, den hat er sarkastisch genug heimgeleuchtet: Vorläufig, so lange der einzige Sohn seiner Frau Braut und seines, Joachims, verstorbenen Bruders zwischen Tod und Leben ringe, wolle man doch in Gottesnamen diese ungeklärte Situation ertragen; ihn, Joachim von Kronen, störe sie nicht, und später sei noch reichlich Zeit zu Erörterungen.

Auf den zweiten Brief weiß der alte Herr nichts zu antworten, nichts zu sagen. Die Sache ist aus, rein aus – Ditscha entlobt! Rothe zurückgewiesen! Sie habe ihm sein Wort zurückgegeben, schreibt er und fügt noch ein paar Redensarten hinzu, wie: „Unlösbarer Konflikt – untröstlich fürs Leben etc. etc.“. Es klingt so tragisch, so romantisch – – zu nett!

Na, dann man los! Ein dritter wird schwerlich kommen um Ditscha. – Was geschehen? Joachim hat keinen Schimmer. Möglicherweise hat das thörichte Ding keine Ruhe gefunden, ehe sie nicht mit ihrer überspannten Gewissenhaftigkeit die kleinen Thorheiten von damals gebeichtet, hat vielleicht in ihrer Unschuld eine Bedeutung hineingelegt, die ihnen gar nicht zukommt, die sie selbst nie beabsichtigte, und der Konflikt, der unlösbare – schön gesagt – war da.

„Angenehmer Posten, Familienoberhaupt zu sein – der Teufel hol’ das ganze Leben – wenn nur der Junge, der Junge nicht draufgeht!“ Die Sorge um das Kind läßt den alten Herrn wieder aufspringen. Er will hinüber, er will dem Kleinen in das fieberglühende Gesicht sehen, er hält’s hier nicht aus, so allein unter dem Druck kommenden Unheils. Er schleicht durch den Korridor und tritt in die Halle, um nach dem von Cilly bewohnten Flügel zu gehen. Es ist so still in dem alten Hause, als sei der Todesengel schon eingezogen. Auf der Treppenstufe kauert eine Gestalt, wie der Baron sie näher ins Auge faßt, richtet sie sich empor, eine modisch gekleidete Frau in großem federgeschmückten Rembrandthut. Sie kommt dem sie Anstarrenden bekannt vor, aber er weiß nicht, wer sie ist, und bleibt stehen, in der Meinung, sie warte auf einen Diener, der sie melden soll. Endlich erkennt er in dem damenhaft zugestutzten Wesen die Teufelsdeern, die Grete Busch.

Sie knixt und bittet den gnädigen Herrn um Verzeihung, sie wolle nur zum gnä’ Fräulein Sophie.

In diesem Augenblick kommt Hanne und sagt, mit Verachtung in jedem Zuge ihres Gesichtes: „Gnä’ Fröln is nich zu sprechen vor Sie!“

Die Augen der kleinen runden Person sprühen plötzlich Feuer und Flamme. „Dann bestellen Sie man gefälligst, daß ich stantepeh von hier zu Herrn Rothe gehe, um ihm ’mal ’was zu erzählen,“ schreit sie erbost. Ich brauch’ mich doch am Ende nich behandeln zu lassen wie eine Betteldeern, wo ich doch früher gut genug war, die Kastanien vor ihr aus’m Feuer zu holen, damals, als sie – wie sie – –“

„Was meinst?“ fragt der Baron zurückkommend, der bereits im Korridor des linken Flügels verschwunden schien.

„O gnä’ Herr, ich mein’ – ich mein’, daß es ’ne Sünd’ und Schand’ is, wenn gnä’ Fräulein mich so slecht behandelt, indem ich doch immer bereitwillig geholfen habe damals –“

„Komm doch ’mal mit, mein’ Tochter,“ sagt der Baron sehr ruhig, sie kurzer Hand duzend wie früher, „hier ist der Platz nicht, um derartiges zu verhandeln, und mich interessiert das doch auch sehr, was Du da ‚meinst‘.“

Er hat die Erschreckte am Aermel ihres pelzbesetzten Jäckchens gefaßt und zieht sie ohne weiteres durch den Gang in sein Zimmer, dort schließt er die Thür hinter sich und ihr, setzt sich auf den Lehnstuhl, dreht die Lampe auf und fragt: „Was wolltest Du eben doch gleich sagen, mein’ Tochter?“

Grete, die vor Haß und Bosheit die Besinnung halb verloren hat, beschließt, einen Coup zu wagen – vielleicht bezahlt der Alte. „O es ist man, Herr Baron, nehmen Sie’s man nicht übel, weil [434] das Fräulein Ditscha uns Geld versprochen hat, wenn wir still sind, mein Mann und ich, und nichts nich von die Geschichte verraten –“

„Von welcher Geschichte?“

„Nu, damals, als sie hat mit Herrn von Perthien – gnädiger Herr wissen ja –“

„Ist mir ganz neu! Was war denn das eigentlich?“ fragt er mit derselben belegten Stimme, und seine zitternden Finger tasten auf der Platte des Schreibtisches umher.

„O, mein Mann hat ihr und mich auf die Station gefahren damals, als sie mit Herrn von Perthien davon wollte, und was ich bin, so bin ich durch dick und dünn mit ihr gegangen und habe ihr immer die Briefchens getragen und ihr geholfen, Herrn von Perthien zu sehen und zu sprechen; und jetzt, jetzt läßt sie mich davonweisen, das gnä’ Fräulein Ditscha, als wär’ ich ein altes Pracherweib.“

„Also Du hast immer die Briefe getragen?“

„Jawoll, Herr Baron.“

Die zitternden Finger des alten Mannes haben jetzt, wie spielend, eine Reitpeitsche vom Tisch genommen, mit der er die Hunde in Raison zu halten pflegt, nun biegt er sie wie einen Kranz zusammen und fragt:

„Und dafür willst Du Deinen Lohn, meine Tochter?“

„O Gott, Herr Baron, ich verlange ja keinen Lohn – ich meine nur, und mein Mann meint es auch, ein büschen Erkenntlichkeit könnt’ doch wohl am Platz sein, und wenn wir ’mal hilfreich gewesen sind, könnte Fräulein Ditscha uns doch auch ’mal helfen? Ihr kommt’s ja nicht an auf so’n paar hundert Thalers, und was kann ich dafür, daß mein Mann das Geld, was sie uns damals gab, verjuxt hat?“

„Also, sie gab Euch schon?“

„Ja, vor acht Wochen ohngefähr. Und viel wollen wir ja auch diesmal gar nicht, man bloß so viel, um nach Amerika zu kommen, Herr Baron, und wenn man so slecht behandelt wird, da wird man obstinatsch, und was mein Mann is, der is gar nich zu halten, der geht zu Herrn Rothe, der wird dann woll wissen, was er zu thun hat.“

„Daran zweifle ich nicht,“ sagt der Baron plötzlich laut und tritt einen Schritt näher zu der Person, „daran zweifle ich nicht! Aber, wozu ihn erst bemühen? Ich weiß es ja auch.“

Sein altes Gesicht ist leichenblaß, wie er jetzt mit Blitzgeschwindigkeit zuschlägt, quer über Grete Buschens Wange ist der Streich gegangen. „So, mein Deern,“ sagt er keuchend, „da hast Deine Bezahlung und nun verschwinde – verschwinde – sag’ ich Dir, und wage nicht zu schreien, oder ich laß Dich und Deinen Schuft von Kerl verhaften wegen Erpressung und Verleumdung.“

Der grelle Aufschrei Gretes ist verstummt. Mit hochrotem Gesicht, über dessen linke Seite sich jetzt ein dicker roter Streifen zieht, sieht sie den alten Herrn an, die Hände zu Fäusten geballt, keines Wortes mächtig.

„Hast verstanden?“ donnert er, „marsch! Seid Ihr nicht mit dem nächsten Dampfer, der Hamburg verläßt, unterwegs, so lasse ich Euch verhaften. Die Polizei in Hamburg und den Gensdarm benachrichtige ich sofort. – Auf der Stelle hinaus!“

„Das will ich Ihnen gedenken,“ zischt Grete Busch und verläßt das Zimmer.

Der Baron fällt schwer in seinen Sessel, wirft die Peitsche in einen Winkel und sitzt da wie gebrochen. „Also das, das war es, arme Deern, arme Ditscha? Und kein Wort gesagt, alles für sich allein ausgekämpft, den tollsten Gemeinheiten ausgesetzt! Da ist’s kein Wunder, daß sie dem Rothe absagt. Und warum? Weil wir uns nicht um sie gekümmert haben – ach! – –“

Er hat ein Weib geschlagen, aber er wäre erstickt, hätte er es nicht gethan. Wie teuer der Schlag noch bezahlt werden könnte, daran dachte er nicht.

„Onkel,“ flüsterte eine Stunde darauf Ditscha hinter seinem Stuhl, „Onkel!“

Er fährt herum. „Du, mein’ arme Deern?“

„Onkel,“ schluchzt sie, „wenn uns Achim nur bleibt, dann bin ich nicht arm, dann will ich nie wieder murren, dann soll ein neues Leben aufgehen für mich. Ich will nur noch an ihn denken, für ihn sorgen, so lange ich lebe; für mich verlange ich nichts mehr, nichts.“

„Gott wird’s nicht wollen, Ditscha,“ murmelt er, „er kann mir den Jungen nicht nehmen – wir müssen ihn behalten.“

Und er streichelt ihre Hand; sie sieht so elend, so verwacht, so abgehärmt aus, um zehn Jahre älter, als sie ist.

„Wir bleiben bei Dir, Onkel,“ sie schmiegt ihr blasses Gesicht an seine Wange, „ganz friedlich, ganz still bleiben wir bei einander, Du, Achim und ich.“

„Ja, mein liebes Kind!“ Und er zieht das rotseidene Taschentuch und schnaubt die Thränen zurück. „Gott wird’s nicht wollen!“ wiederholt er.




Nein, Gott hat’s nicht gewollt; sie haben ihn behalten, und er ist groß geworden unter Ditschas unermüdlicher, liebevoller Pflege.

Ditscha hat nun längst ihren kindlichen Namen abgelegt, niemand darf sie mehr so nennen, ausgenommen der Junge, für alle andern ist sie „Sophie“, „gnä’ Fräulein“ – je nachdem. Ihre Gestalt hat sich womöglich noch gestreckt, sie ist eine stattliche schöne Dame geworden, der ein ernstes verantwortungsvolles Leben etwas Sprödes, Herbes gegeben hat. Nur bei einem Namen zuckt noch ein Weh um ihre Lippen und verdunkelt sich ihr ruhiges Auge – von Kurt Rothe kann sie auch heute noch nicht sprechen hören. Bei einem andern Namen aber vermag sie zu lächeln, der ist: Joachim, Achim, ihr Bruder. Dann verklärt sich ihr Gesicht, dann werden ihre Augen feucht wie eben jetzt, wo sie dem alten hinfälligen Onkel Jochen, den die Gicht nun schon seit Jahren an den Rollstuhl gefesselt hält, einen Brief ihres Lieblings vorliest, der seit einigen Tagen in Dresden bei seiner Mutter zu Besuch weilt, zum ersten Male seit er großjährig geworden.

„Dresden, d. 3. Mai 1889. 
 Meine Ditscha!
Zwei Tage länger als sonst habe ich Dich warten lassen, verzeihe nur! Tausendmal habe ich angesetzt zum Schreiben, aber Du kannst Dir nicht vorstellen, wie unruhig Mamas Haushalt und wie unruhig überhaupt eine solche Dresdener Mietswohnung im englischen Viertel ist; gegen die heilige Stille in den Gemächern unseres lieben Beetzens der reine Jahrmarkt. Ueber mir übt eine Engländerin Geige, unter mir spielt eine Amerikanerin Klavier, dazu Mama, die mich überall hinschleppen möchte und mich allen ihren Bekannten, die sie besuchen, zeigen will.

Ditscha, lange halte ich das nicht aus! Der erste Maiensonntag gestern, wie grundverschieden war er von denen, die wir zusammen verlebten, der Onkel, Du und ich, oder wir beide allein, in unserem stillen Beetzen, das so köstlich ist im Frühjahr, oder dort unten an der Riviera oder gar in Aegypten und ein paarmal im Schwarzwald, wohin Du mich angehenden Schwindsuchtskandidaten überall so treu begleitet hast. Ditscha, wie soll ich Dir eigentlich danken für alle Deine Liebe? Ich bin hier bei meiner Mutter – ja, sie kann den Namen beanspruchen – gewiß, aber wo meine rechte, meine treu sorgende, wahrhafte Mutter ist, weißt Du das?

Ich küsse Dir die Hände, meine Mutter, und danke Dir für alles, was Du gethan an mir. Und das ist viel, Ditscha, viel mehr, als alle Leute ahnen. Ich sehe Dich den Kopf schütteln, es ist aber doch so, Ditscha! Oder meinst Du, ich wisse nicht, was Du entbehrt hast an dem eigenen Leben durch den kränklichen Jungen? Wieviel Nächte Du gewacht, wieviel Thränen Du geweint, wieviel Geduld Du gehabt hast? So ist’s, Ditscha, und ich kann es Dir nie vergelten, und gäbe ich auch mein Leben für Dich hin.

Und nun willst Du hören von Mama und dem sogenannten Papa? Papa hat ein bissel Gicht und ist genau so langweilig wie früher, auch heute noch ist die Rangliste seine Lieblingslektüre. Mama ist niedlich, rundlich, rosig und zieht sich gern bunt und hübsch an, allerhand luftige Schleifen flattern um sie her; der kleine Pinscher klingelt lebhaft hinter ihr drein mit dem silbernen Glöckchen am Halsbande, wenn sie durch die Zimmer läuft. Sie hat noch immer alle Schlüssel verlegt, lacht noch ebenso herzlich darüber wie früher und hat eine ganze Schar junger und alter Verehrer um sich, die sich köstlich über ihr drolliges Wesen amüsieren. Aber, Ditscha – ich könnte so ein Leben nicht führen, in dem alles sich nur darum dreht, sich zu vergnügen.

Was haben wir heute vor? ist die Parole am Frühstückstisch. Papa denkt dabei an Whist oder Skat, Mama an ihre Theaterabende, Diners, Soupers, Konzerte etc. – Was haben diese Herrschaften für dauerhafte Nerven, Ditscha! –

Das Klavier der Amerikanerin macht mich rasend. Ich habe soeben mein Schreiben unterbrochen, bin zu Mama gelaufen und habe gefragt: ‚Wie kannst Du das ertragen?‘ Sie lachte. Sie sagte, wenn ich Miß Perth erst gesehen hätte, würde ich mich nicht mehr beklagen.

‚Bist Du mit ihr bekannt, Mama?‘

[435] ‚Nein. Ich weiß nur, daß sie eine Schönheit ersten Ranges ist.‘

Es mag ja sein, daß sie angenehm zu ‚sehen‘ ist, diese Miß Perth – zu ‚hören‘ ist sie schrecklich!

Zur Feier meiner völligen Genesung will Mama ein Fest veranstalten, sie läßt es sich nicht nehmen – ein musikalischer Abend mit nachfolgendem Souper und Tanz! Ich muß mich fügen, gewiß, Ditscha, ich höre auch Dein ‚Man kann ja nicht nur immer das thun, was einem Freude macht, mein Jung’‘ – das ist richtig, und ich habe Mama sogar mit einigen neuen Kotillontouren in Entzücken versetzt, denn für gewöhnlich geht es leidlich einfach her, dafür sorgt der Stiefpapa, der einzuteilen versteht.

Im großen ganzen, Ditscha, wie dankbar will ich sein, wenn mein Wagen erst vor der Freitreppe in Beetzen hält und ich Dich und mein altes geliebtes Haus wieder habe, um mich weder von der einen noch dem andern je wieder zu trennen. Sage dem guten Onkel, noch immer hätte ich mich nicht verliebt, er muß noch lange leben, bevor er meine künftige Gattin einziehen sehen kann. Ich gebe mir vorläufig auch keine Mühe, mein Haus ist so gut versorgt, gelt Ditscha? Und die Freiheit ist so süß mit dreiundzwanzig Jahren! Ich lebe ja jetzt erst auf, wo ich so gesund bin wie andere Menschen und die Lungen sich von der Krankheit gänzlich befreit haben – die ich mir infolge des Jungenstreichs, damals, Weihnachten – wir verstehen uns, geholt hatte. Und wer ist schuld daran, daß ich leben kann wie andere junge Männer – tanzen, reiten, turnen? Meine Mutter Ditscha ist’s!

Lebe wohl für heute, tröste Onkel über meine Dickköpfigkeit im Punkte der Heiratsfrage; lebe wohl und sei geküßt von Deinem
Joachim.“ 

Ditscha sieht ganz gerührt aus, als sie geendet, und ganz rot über das Lob. Der alte Mann lächelt auch. „Na, seine Mutter soll ihm auch gerad’ keine verschaffen,“ nickt er; „soll keine moderne Zierpuppe sein, soll ein ganzer Kerl sein, die er heiratet, so wie Du, Sophie, so wie Du! Uebrigens könnte er, mir zu Gefallen wirklich Ernst machen, hab’ nicht mehr lange Zeit, Sophie – – alles tot, alles,“ fährt er fort, „bin ja der einzige noch, Kind, außer der Anna, hab’ sie alle überdauert. Und nun hier in Beetzen sind wir nur noch drei, Ditscha – Du, der Jung’ und ich. Er soll nicht so lang’ warten.“

„Aber er soll sich auch nicht überstürzen; er ist ja noch ein Kind, Onkel,“ wendet Ditscha ein.

„Kind? – Unsere Prinzen sind auch nicht älter, wenn sie heiraten.“

„Aber die Liebe läßt sich nicht kommandieren, Onkel Jochen.“

„Ach was!“ sagt er, „zu meiner Zeit war das anders. Kann nicht behaupten, daß ich für Berthachen eine welterschütternde Leidenschaft gefühlt hätte. Hübsch war sie nicht, aber gut, freundlich und tüchtig, und was für ein Weib ist sie geworden, Ditscha, was für ein braves Weib! So eine gleichmäßig stille, dauerhafte Neigung, das ist das Wahre! Eure Liebe von heute – nee! Ein kleines Mißgeschick, eine kleine Unebenheit auf dem Wege und aus ist’s! – ja – hm –“

Sophie fühlt, daß er auf sie und Rothe hindeutet, sie steht auf und tritt ans Fenster. Sie zerknittert den Brief in ihrer Hand, starrt ein Weilchen hinaus in den Lenzabend und geht endlich langsam aus dem Zimmer. Eigentlich will sie ihre Stube aufsuchen, aber in der Halle wendet sie sich und wandert in den Park hinaus. Hier war es, hier hat sie ihm einst Lebewohl gesagt! Damals war es Winter, es schneite und stürmte, aber in ihrem Herzen brannte heiße Glut – heute – du lieber Gott, heute blüht es um sie her und der Winter ist in ihrem Herzen! Was sie leidet im Leben, das leidet sie um diese Erinnerung, und doch, sie möchte sie nicht missen.

[460] Wenn Ditscha darüber nachdenkt, wie es hätte sein können, wäre ihre Jugend wohlbeschützt und gehütet gewesen, wäre das Eine nicht geschehen – dann überkommt sie eine tiefe Niedergeschlagenheit, eine bittere Stimmung, die zu bezwingen auch jetzt, nach so viel Zeit, sie Wochen braucht. Sie denkt mitunter lange nicht daran, bis ein Zufall, ein Wort oder irgend eine Kleinigkeit, die aus jenen Tagen ihres Irrtums oder aus den späteren ihres kurzen Glückes stammt, wie mit einem Zauberstab sie in die Vergangenheit zurückversetzt und ihr schwere Stunden schafft.

Einmal hatte Hanne behauptet, Herrn Rothe in der Kirche gesehen zu haben. Ein andermal, ungefähr zwei Jahre nachdem sie sich getrennt – der Junge war noch klein – erblickt sie beim Zeitungslesen seinen Namen. Alles Blut drängt ihr zu Herzen, die zitternden Hände können das Blatt kaum halten. – Eine Verlobungsanzeige: Rothe – Franz Rothe – – ach, gottlob – ein anderer!

Sie fühlte noch den ganzen Tag das Zittern in ihrer Seele nach.

Und dann, niemand hat ja davon erfahren, dann hält sie eines Tages einen Brief in der Hand vom Mutterle, von seinem Mutterle. Die alte Frau schreibt so gut, so mütterlich und bittet sie, doch Vertrauen zu ihr zu fassen, ihr zu sagen, weshalb denn sie und Kurt sich getrennt haben.

„Er spricht nicht darüber, aber er ist so ein anderer geworden, er, der ein so warmer, sonniger Mensch war. Und jetzt sitzt er auf seinem zweiten Gut in Ostpreußen droben, beinah’ an der russischen Grenze, wo die Füchse einander ‚Gute Nacht!‘ sagen, mutterseelenallein, schreibt kaum und verbringt seine Zeit in Einsamkeit und Arbeit, ohne einen Lichtstrahl. Und das schöne Schlössel in der Mark steht leer, wie habe ich doch Sehnsucht nach dem Schlössel! – –“

Ditscha solle doch offen sagen, was es gegeben hat. Ein paar alte Mutterhände, die seien geduldig und auch geschickt, Knoten zu entwirren, die unlösbar scheinen, auch geschickt, zerrissene Fäden wieder zusammenzuknüpfen. Ihr liebes Töchterle sei doch gewiß ebenso wenig glücklich wie ihr Kurt jetzt, und sie, das Mütterle, könne keine Nacht vor Thränen schlafen. – –

Was es denn gewesen sei. Gebe es doch keinen Fehler, den die Liebe nicht verzeihen und vergeben könne! Arme Ditscha! So herzbrechend geweint wie über diesen Brief hat sie vielleicht noch nie, und tagelang ist sie umhergegangen, ehe sie geantwortet, und unzählige Briefe hat sie zerrissen, bevor sie einen zustande brachte, den sie abschicken konnte.

Sie hat geschrieben, das Mutterle solle ihr vergeben, sie sei an allem schuld. Aber reden könne sie nicht darüber und zusammenkommen könnten sie auch nicht. Sie wünsche ihm tausendfaches Glück, und sie sei ruhig jetzt und lebe nur in einem, in dem Bruder, der ihr vom Schicksal ans Herz gelegt worden; und das sei mehr Glück und Seligkeit, als sie habe erwarten können, und ihr ganzes Leben setze sie dafür ein. Sie danke dem Mutterle viel tausendmal und bitte, ihrer in alle Zukunft milde zu gedenken.

[462] Seitdem hat sie nichts wieder gehört von ihm, doch lange hat ihr die Freudigkeit in ihrem Thun gefehlt. Aber endlich ist dennoch ein Friede geworden, der sie ganz glücklich macht, soweit Glücklichsein mit Arbeit, Aufopferung und gänzlichem Vergessen seiner selbst identisch ist. Sie kann jetzt den Schloßturm von Dombeck sehen ohne Herzklopfen und ruhig davon reden hören, daß sein Herr – ein Gerücht, das immer wieder auftaucht in der Umgegend – daß Rothe nun bald zurückkehren werde, um die Bewirtschaftung des schönen Gutes wieder selbst zu übernehmen. In ihren Zukunftsträumen leuchtet einer hervor, der öfter wiederkehrt, der von einem freundlichen Verkehr zwischen Beetzen und Dombeck, der liebliche Traum von einer Freundschaft zwischen Ditscha und Rothe, mit wehmütig lächelnder Erinnerung an ein kurzes Glück, mit unbegrenzter Hochachtung beiderseits. – – – Sie sind ja nun alt genug, um Freunde zu werden, und er wird milder denken, und stiller in den Herzen ist’s auch geworden, und klarer blaßblauer Herbsthimmel steht über ihrer Welt.

Der Junge aber, der soll alles haben und genießen, was ihr versagt wurde, der gute kleine Mensch; er ist wirklich prachtvoll geworden und Ditscha ist ganz stolz auf dieses Resultat ihrer Erziehung. Ernst, ideal denkend und doch so schneidig, so aufgebracht über alles Gemeine und Unedle, so ritterlich und ein kindergutes frohes Herz dabei, ein vornehmer Mensch mit einem Worte.

Und sie nimmt noch einmal seinen Brief aus der Tasche, da fallen ihre Augen auf ein Postskript, das sie vorhin übersehen.

„Eben habe ich in der Manege die Bekanntschaft von Mrs. und Miß Perth gemacht. Ditscha, ich sage Dir – prachtvoll, das heißt die Letztere; ich habe nie geglaubt, daß es solch eine Schönheit giebt, und bekam etwas wie einen Schreck, als ich sie sah. Erschrick Du nicht auch vor dieser meiner Begeisterung, es hat nichts auf sich.“

Ditscha seufzt plötzlich. Ach nein, diese da erschreckt sie nicht, aber es wird doch einmal die Zeit kommen, wo sie das Einzige, das ihr gehört auf dieser Welt, mit einer Andern teilen muß – und wie teilen! Sie wird sich begnügen müssen mit einem winzigen Bruchteilchen seiner Liebe.

Sie haben es schon hundertmal ausgerechnet, wie es werden wird dereinst auf Beetzen. Daß er, dessen Gesundheit der möglichsten Schonung bedarf, keinen andern Lebensplan wählt, als den Boden seiner Väter zu bebauen, das ist natürlich; der Pachtkontrakt, der nächstes Jahr abläuft, wird deshalb auch nicht wieder erneuert werden. Den Flügel des Herrenhauses, den seine Mutter innehatte, wird er bewohnen, bewohnt ihn jetzt schon. Die Räume werden auch genügen, wenn er sich verheiratet. Ditscha will Tante Klementinens Zimmer nehmen, er mag zwar nichts davon hören, aber sie wird es durchsetzen, denn sie möchte nicht im Wege sein, und von da oben herab kann sie noch helfen und raten genug, wenn man ihren Rat will; und von dort oben ist eine so schöne Aussicht ins Land hinein bis nach Dombeck hinüber.

Und immer soll Friede sein im Hause Beetzen und gegenseitiges Vertrauen, und schenkt Gott dem alten Stamme frische Knospen, so sollen sie eine Jugend haben so sonnig und blau wie ein Frühjahrstag, das hat sich Ditscha vorgenommen. Sie dürfen einstmals nicht an solchen Erinnerungen kranken wie sie.

Sie lächelt jetzt über die Begeisterung, mit der er von dieser Miß Perth schreibt, und sie denkt, was wohl diese junge Dame über den schönen schlanken Mann sagen mag. Ei, er wird ihr schon gefallen, eine solche Partie! Aber das ist ja alles gleichgültig, Miß Perth kommt gar nicht in Betracht für einen Kronen! Und sie geht nach oben und schreibt einen langen Brief an ihren Jungen, dann sucht sie Hanne auf, die, sehr korpulent geworden, in ihrem Stübchen im Sorgenstuhl sitzt und mit ihren alten Fingern Strümpfe stopft für den Junker. Hanne muß natürlich jeden Brief, ganz oder doch teilweise, hören, auch das von der schönen Miß natürlich.

„Ach Gott bewahr’ gnä’ Fröln Sophie,“ sagt die Alte, „das gefällt mich gar nich’, ich kann die ollen Amerikaners nich’ leiden, seitdem die Grete Buschen da auch ’nüber gegangen is’! Da lauft alles Slechte zusammen, ich danke vor die Amerikaners.“

Ditscha schüttelt den Kopf und sieht sie amüsiert an.

„Ich kann da abslut nichts bi finnen to’n Koppschütteln,“ meint Hanne verdrießlich, „un’ ich hab’ immer Ahnungen un’ Träumens, un’ in de’ verblichene’ Nacht hab’ ich ’was geträumt von große Wäsche un’ von trüben Smutzwasser, un’ wenn ich das thue, da giebt’s allemal ’n Unglück.“

Ditscha klopft der alten Frau auf die Wange. „Das Unglück lassen wir nicht wieder ein,“ sagt sie, „jetzt kann nur noch Glück kommen, Alterchen.“ Sie sieht so strahlend aus, ordentlich jung mit ihren vierzig Jahren.

„Gott steh’ mich bei – versünnigen Se sich nicht, gnä’ Fröln,“ wehrt die Alte ab. „Unglück släft nich!“

„Doch!“ sagt Ditscha, „ich habe das Gefühl, daß alles Schwere hinter uns liegt, Hanne, und nun mach’ mir die Pferde nicht scheu mit Deinem Gekrächze – verstanden, Du Unglücksrabe?“

„Und vor dem Tod is’ keiner nicht glücklich,“ beharrt Hanne und sieht der schönen Frauengestalt nach, die elastisch aus dem Zimmer schreitet. „Verdienen thut sie schon, daß alles eitel Glück is’ bis an ihr Grab, aber – o Herr Gott, schallst’s ja wissen.“

Vierzehn Tage später kommt ein Brief aus Dresden, in dem sehr viel steht, was Ditscha wenig interessiert, denn die Miß Perth figuriert darin mehr, als ihrem Geschmack zusagt. Der Jung ist mit dem schönen Mädchen ausgefahren, geritten, gegangen, er hat mit ihr getanzt auf einem Gartenfeste und nennt sie ein süßes Geschöpf. „Wenn Du sie doch sehen könntest, Ditscha!“

Ditscha erwähnt in ihrer Antwort Miß Perth nur sehr flüchtig, aber sie erwähnt sie doch, denn sie kann ihren Liebling nicht kränken. Sie will auch die Sache ganz objektiv betrachten; obgleich sich in ihrem Herzen eine leise Unruhe bemerkbar macht. Schließlich, warum sollte er nicht einmal für ein schönes Mädchen schwärmen?

„Hast Du etwas zu bestellen an unsern Jungen?“ fragt sie Onkel Joachim, der fröstelnd in seinen Wolldecken im heißen Maisonnenschein auf der Terrasse sitzt und ins Leere starrt. Hanne, die den Posten einer Art von Krankenwärterin bei ihm versieht, sitzt mit dem Strickstrumpf in respektvoller Entfernung dabei.

„Soll nicht zu lange warten,“ murmelt er, „sonst sterbe ich ohne Trost.“

Er bleibt immer derselbe. Es ist, als ob das schwache Flämmchen seines Lebens nur noch Nahrung saugt aus dem heißen Verlangen, seinen Stamm nicht aussterben zu sehen.

Hanne hat mit ihrer Herrin einen Blick gewechselt. „Ich denke, er wird bald wiederkommen,“ sagt letztere fröhlich, „und dann soll uns der Jung’ hier ordentlich auf die Brautschau gehen.“

„Bei den Finkenbergs sind ihrer sieben,“ meint er und wendet den Kopf zu Ditscha, „müssen jetzt herangekommen sein. Keine Schönheiten, aber gut – gut und klug. Alle Achtung vor der Mutter, Ditscha, und die Mütter, die Mütter sollen die Jungens ansehen, wenn sie zu freien kommen.“

„Dat’s ’n wahr’ Wort, Herr Baron!“ nickt Hanne.

Ditscha kritzelt drinnen im Eßsaal noch ein paar Zeilen hin: „Bleib’ nicht zu lange mehr, Joachim, Onkel ist recht kümmerlich jetzt; nicht daß augenblickliche Gefahr vorhanden wäre, aber er vergeht in Sehnsucht nach Dir – Du weißt ja, was die Sonne für ihn und für ganz Beetzen ist.“ Dann kommt sie wieder hinaus und sitzt auf der Terrasse neben dem alten Herrn und der alten Dienerin und spricht in ihrer stillen freundlichen Weise von dem, was dem Alten das Liebste ist, von der Zeit, wo der junge Schloßherr hier regieren wird.

„Er soll wieder Fohlen ziehen,“ sagt der alte Herr, „war ein kapitaler Schlag, den wir hier hatten.“

„Un die Melkwirtschaft beim Pachter, die paßt mich nu schon ganz und garnich, Herr Baron, die neumodigen Schweizers; die sin nich vör uns’ Vieh. Wo? Da ward doch kein Schweizerkäs von, denn uns’ Futter is doch nich so as das in de Berge.“

„Alter Klugschnack!“ brummt Joachim von Kronen, „Wenn’s nächstens Kinder zu püschen giebt, kannst mitreden, aber hier sei still!“

„Ja, Se hebben recht, Herr Baron,“ nickt die Alte ohne eine Spur von Empfindlichkeit und strickt weiter. Und durch die Luft wogt Blütenduft, die Blätter und Sträuche schimmern im lichten Grün und vom Kirchlein klingt die Vesperglocke; blau ist der Himmel, keine Wolke –.

Am andern Morgen ganz in der Frühe wandert Ditscha mit dem Schlüsselkörbchen am Arm durch die Zimmer ihres Jung’. Sie hat alle Fenster aufsperren lassen, denn es kann ja sein, daß er bald, sehr bald kommt; und sie freut sich über jedes Möbel, über jedes Bild. Sie bleibt in seinem Arbeitszimmer stehen, das jetzt durch eine Thür, die man durch die Mauer gebrochen, mit der [463] Bibliothek verbunden ist. Ueber dem Schreibtisch hängt Ditschas Porträt, eine große Photographie im geschmackvollen Rahmen. Sie wird immer dort hängen, hat er erklärt.

„Nein, das wird sie natürlich nicht!“ sagt sich Ditscha, aber wer wird sie verdrängen?

Sie steht davor in tiefem Sinnen, die Hände verschlungen, das Schlüsselkörbchen am Arm, da kommt der Diener und bringt ihr einen Brief.

„Eingeschrieben?“ fragt sie erstaunt.

„Jawohl, gnädiges Fräulein.“

Sie sucht im Schlüsselkörbchen nach einem Bleistift und quittiert mit zitternder Hand. Ein ganzes Weilchen sitzt sie dann im Sessel, in der einen Hand den Brief, in der andern das zierliche Messer mit dem Mosaikgriff, das sie vom Schreibtisch genommen, um den Brief zu öffnen. Ihr ist’s, als ob eine unsichtbare Hand sie zurückhält: Oeffne nicht, es birgt Unglück.

„Lächerlich!“ sagt sie, „warum soll ich denn Angst haben?“ Und sie schneidet das Schreiben auf. Es sind nur wenig Zeilen, fast unleserlich flüchtig geschrieben:

 „Liebe Ditscha!
Komm’! Sieh Dir das Mädchen an, das ich liebe! Ich bin nicht fähig, mehr zu schreiben, ich muß Dich sprechen. Wenn Du mit dem Zehnuhrzuge reist, kannst Du abends sechs Uhr in Dresden sein. Liebe einzige Ditscha komm’, mach’ das Maß Deiner Güte voll! Ich hole Dich ab von der Bahn.
Dein Joachim.“ 

Da ist es – sobald schon! Ach, und er ist doch noch so jung! Sie fahrt empor und blickt um sich. Träumt sie denn? Ihr kommt es vor, als ob die Sonne nicht mehr so golden scheint wie vorhin, als ob die Luft dick und schwer geworden, die sie atmet. Eine herzbeklemmende Angst hat sie plötzlich gepackt.

Wer ist sie? Wen hat er sich erwählt? – Sie geht mit schleppenden Schritten aus dem Zimmer, sie will sich zur Reise rüsten – sie muß hin! Wann wäre sie nicht gegangen, wenn er sie rief, und wohin nicht? – Die Jungfer soll ihr den Koffer packen, sie hat keine Gedanken. Wäre er krank, sie könnte nicht gebeugter, nicht verstörter sein. Mechanisch trifft sie Anordnungen für ihre Abwesenheit, und beim Frühstück erscheint sie bereits in ihrer Reisetoilette, einem dunkelblauen Cheviotkostüm und einem kleinen frauenhaften Kapotthütchen mit einfacher Bandschleife – ihren Jahren angemessen, wie sie sich ausdrückt – das sie aber fast jung erscheinen läßt.

Der alte Herr sieht sie ganz erstaunt an. „Willst Du ausfahren, Sophie?“ fragt er, eigentümlich berührt.

„Onkelchen, ich muß Dich ein paar Tage allein lassen, ich reise zum Jungen nach Dresden, nachher um zehn Uhr,“ sagt sie möglichst unbefangen.

„Ist er krank?“ fragt er hastig, und die Hand, die die Gabel führt sinkt zurück.

„Nein, Onkel Jochen, ganz gesund, sehr gesund,“ tröstet sie.

„So, so – gottlob!“ murmelt er und greift wieder zur Gabel.

Ditscha überlegt. Soll sie dem alten Herrn davon erzählen, daß Achim im Begriff steht, sein Herz zu verschenken, daß er es schon gethan hat? Sie denkt, er wird sich freuen darüber, aber als sie anfangen will, zu sprechen, überkommt sie wieder die sonderbare Angst, und sie schweigt.

„Wir wollen ein wenig Kunst schwärmen miteinander, Onkel,“ sagt sie.

Er nickt. „Nicht lange bleiben, Kind. Bring’ ihn wieder mit!“

„Ja, Onkel!“

Eine Stunde später fährt sie nach Bützow zur Bahn. Der Himmel ist ein wenig bewölkt, ein feuchter warmer Dunst, wie in einem Treibhause, liegt über der Landschaft. „Wachswetter, gnä’ Fröln,“ sagt der alte Kutscher Franz, der einzige außer Hanne, der noch von damals im Dienste ist in Beetzen. „Hab’s nun so oft erlebt, das Frühjahr, aber ’s Herze wird einem noch allemal weit dabei.“

Am Bützower neuen Bahnhof hat sie nicht lange mehr zu warten; der Schnellzug fährt ein, sie nimmt Platz im Coupé, läßt den alten Herrn noch einmal grüßen, und dahin rast der Zug. Sie weiß gegen Abend nicht recht, wie ihr der Tag vergangen ist, in der Hauptsache mit Vernunftpredigten, die sie sich selbst gehalten, aber umsonst, sie kann und kann das thörichte Angstgefühl nicht los werden.

Ueber Dresden liegt ein feiner Regenschleier, ein ganz leiser köstlicher Frühlingsregen ist es. In allen Gärten blühende Sträucher, rosa und weiß und lila, und ein süßer Duft strömt durch das geöffnete Fenster ins Coupé. Auf dem Böhmischen Bahnhof ein reges Gewühl. Ditscha späht aus dem Fenster, dann winkt sie einem schlanken, auffallend hübschen jungen Mann im hellen Anzuge zu, der im nächsten Augenblick mit etwas blassem Gesicht ihr aus dem Wagen hilft, ihr wiederholt die Hand küßt und weiter nichts sagen kann als: „Ich danke Dir, ich danke Dir!“

Handtasche und Koffer sind bald übergeben; er bietet der Schwester den Arm – das Hotel ist ganz nahe – und sie gehen unter dem Schirm, mit dem er sie sorglich beschützt, über den nassen Platz nach dem Gasthof.

„Bei Mama zu wohnen, das hieltest Du nicht aus, Ditscha,“ sagt er. „Sie wissen auch gar nichts von der ganzen Sache, erst muß ich Dich sprechen.“

Endlich sind sie in einem freundlichen Zimmer, dessen Fenster nach dem Garten hinaus schauen, in welchem der Regen alle die jungen Blätter vom Ruß gereinigt hat, so daß sie aussehen, als hätten sie sich in der reinsten Waldluft entfaltet. Es ist ein kleiner Salon mit Rokokomöbeln und ein paar bequemen Polsterstühlen dazwischen; nebenan das Schlafzimmer. Auf dem runden Tisch ein riesiger Veilchenstrauß, der das ganze Zimmer durchduftet.

Ditscha, die Hut und Mantel vor dem Spiegel abgenommen hat, nickt dem jungen Mann im Glase dankbar zu. Er merkt es nicht, er sitzt in einem der Sessel und starrt aus dem Fenster und trommelt mit der Hand auf dem eingelegten Tisch.

„Und nun beichte, mein alter Junge,“ sagte sie, neben ihn tretend und ihm einen kosenden kleinen Schlag auf die Wange gebend. „Was hast Du angefangen, böser Mensch? – Wer ist sie? Wo hast Du sie kennengelernt?“

Er nimmt ihre Hände und drückt sie an seine Augen. „Du wirst sehr müde sein,“ murmelt er.

„Ganz und gar nicht, Joachim.“

„Aber hungrig?“

„Auch nicht. Ich würde nicht essen können, bevor ich alles weiß – spanne mich nicht auf die Folter – sprich, wer ist sie?“

Sie hat sich neben ihn in die Sofaecke gesetzt, stützt die Arme auf den Tisch und sieht ihn an mit den großen stillen Augen, die ihre innere Unruhe nicht verbergen können.

Er antwortet nicht.

„Eine von den jungen Damen, die im Hause Deiner Eltern verkehren – vermutlich?“ fragt sie, als er beharrlich schweigt.

Er schüttelt heftig den Kopf. „Nein, Ditscha, nein – es ist Ellen Perth, die junge Amerikanerin, von der ich Dir schrieb.“

„Ellen Perth? Und Du – Du liebst sie?“

„Ja, Ditscha!“

„Und sie erwidert Deine Neigung?“

„Ja, ich glaube – nein, ich weiß es bestimmt.“

„Ausgesprochen ist das Wort noch nicht?“

„Nein! Das Wort noch nicht. Aber – – ich hatte Dir ja das Versprechen gegeben, Du solltest sie erst sehen, bevor ich es thue.“

„Und Du glaubst, mit ihr glücklich zu werden?“

„Aber, Ditscha, wie Du fragst! Natürlich! Und wenn ich es auch nicht glaubte, wenn ich gewiß wüßte, ich würde totunglücklich mit ihr, ich – ich könnte doch nicht von ihr lassen!“

Sie zuckt zusammen. – Wenn’s so ist, warum fragt er sie erst? Er hat ja das Recht, zu wählen! Wie thöricht von ihr, zu verlangen, daß er sie erst befragen soll, und wie rührend gewissenhaft von ihm, daß er dies Versprechen hält.

Er ist emporgesprungen und geht im Zimmer auf und ab.

„Und ihre Eltern?“

Er hebt die Schultern und streicht sich über die Stirn. „Die Eltern? – Ich weiß nicht, Ditscha – sie leben hier, wie viele Amerikaner, ziemlich luxuriös, versäumen kein Konzert, kein Theater, geben Diners, haben eine Equipage gemietet und Miß Ellen – ich lernte sie kennen in der Manege – reitet, macht wunderbare Toilette, spielt, singt, ist liebenswürdig und schön – weiter weiß ich nichts.“

„Und gebildete Leute?“

„Der Vater scheint es ja – hat – lieber Gott, ich weiß es nicht. Die Mutter – sie gefällt mir weniger, aber ich bin auch sehr verwöhnt, Ditscha. Wenn man immer mit jemand znsammen gewesen ist, wie Du bist, dann –“ er sieht sie zärtlich an dabei und streichelt ihren Arm.

[464] „Mein lieber Jung’, sage mir nur jetzt keine Schmeicheleien, rede nur von der Mutter – die Mutter also gefällt Dir nicht?“

„Ganz und gar nicht! Sie ist die einzige in der Familie, die den Parvenu nicht verleugnen kann; sie spricht ein unmögliches Englisch und ein noch unmöglicheres Deutsch, sie kleidet sich wie eine Hökerfrau am ersten Pfingstfeiertage, sie riecht auf eine Meile nach Patchouli und trägt Brillantbroschen auf der offnen Straße von immenser Größe, mit einem Wort – die Mutter ist fürchterlich.“

„Und trotzdem?“

„Ich heirate ja die Mutter nicht, Ditscha,“ wendet er, sich zu einem Scherz zwingend, ein.

„Alles in allem, mein Herz – es scheint mir keine Partie für Dich zu sein,“ sagt Ditscha ruhig.

„Sieh Ellen erst,“ antwortet er.

„Ach, mein Junge, ich weiß ja, daß ich Dich nicht hindern kann, aber Du würdest es nie – – eine einzige gewöhnliche Seite, die kleinste ordinäre Angewohnheit bei Deiner Frau – Du würdest es nicht ertragen können.“

„Ellen ist eine vollendete Dame, Ditscha!“

„Ich glaube nicht daran,“ beharrt sie, „die Luft der Kinderstube muß sehr rein sein, Achim, um eine vollendete Dame zu bilden. In Patchoulidüften gedeihen sie nicht.“

„Aber, wir könnten sie ja noch erziehen,“ sagt er leise, „Du und ich, Ditscha!“ Er faßt ihre Hand und sieht in ihre Augen bittend, ach so bittend – sie hat diesem Blick nie widerstehen können.

„Das ist wahr, mein Jung’, und wenn sie Dich wahrhaft liebt, wird sie es auch lernen.“

„Ditscha,“ sagt er jubelnd.

Sie runzelt die Stirn. „Achim, ich weiß ja nicht, ob sie Dich so lieben kann, wie Du geliebt sein sollst.“

„Lerne sie kennen, Ditscha!“

„Ja natürlich, gieb mir nur Gelegenheit.“

„Würdest Du mir zuliebe mit in die Oper gehen, trotz Deiner Reisemüdigkeit?“

„Könnte ich sie dort sehen?“

„Ja, ich habe für Dich einen Platz in der Loge neben ihnen, ich selbst bin im Parkett. Du kannst Dir Ellen aus nächster Nähe betrachten.“

„Aber meine Toilette! Doch ja, ich kann mich umziehen, ich habe ein schwarzes seidenes Kleid mit. – Es ist eilig, wie? Ach bitte, bestelle mir rasch eine Tasse Thee; in zehn Minuten bin ich fertig.“

Sie zieht sich im Nebenzimmer um mit fliegender Hast und tritt pünklich, wie sie versprochen, nach zehn Minuten wieder ein, in einer schwarzen Moirérobe, die weiter keinen Vorzug hat als die Güte des Stoffes und die Vorzüglichkeit des Sitzens.

Nach zwanzig Minuten befindet sie sich in einer Loge des ersten Ranges und mustert das Publikum. Da es eine Wagner-Oper ist, sind alle Plätze des großen Hauses besetzt, nur im ersten Rang sind noch Lücken, auch in der Loge, neben welcher Ditscha ihren Sitz hat. Sie sucht im Parkett nach Achim und tauscht einen Blick mit ihm aus. Ein unsägliches Mitleid fühlt sie mit ihm, dem armen thörichten Jungen, der sein Herz verloren hat – Gott weiß an wen!

In diesem Augenblick öffnet sich die Logenthür nebenan, das Rauschen seidener Kleider, eine Wolke von aufdringlichem Patchouliduft, und neben Ditscha, nur getrennt durch die mit Sammet bezogene Logenabteilung, läßt sich schwer atmend ein menschliches Wesen, eine Frau, fallen, stark bis zur Grenze der Möglichkeit eingeschnürt, hochroten Gesichtes, mit hochblond gefärbten, in tausend Löckchen gebrannten Tizianhaaren, funkelnd von Brillanten und in terrakottafarbenen Damast gezwängt.

„Barmherziger!“ denkt Ditscha entsetzt, „soll das die Mutter sein?“ Dann wendet sie langsam das Haupt.

Hinter dem Sessel dieser Dame steht eine Mädchengestalt und betrachtet das Publikum. Ditschas Herz zuckt zusammen, jetzt vermag sie die kopflose Leidenschaft ihres Lieblings zu begreifen, fühlt sie, daß sie ihn verloren hat. Wie eine Marmorstatue steht diese wunderbar schlanke, in schneeweiße Seide gehüllte Mädchengestalt da; ein wahrhaft klassisch schönes Köpfchen sitzt auf dem anmutigen Hals, das dunkle Haar ist im einfachen Knoten am Hinterhaupt zusammengefaßt, über der blendend weißen Stirn spielen kurze Löckchen, und ein so süßes Gesicht, ein Paar so schöner trauriger schwarzer Angen – eine Schönheit im vornehmsten Stil. Sie sieht in das Parkett hinunter, und nun leuchten die Augen auf und langsam hebt sie einen Strauß Maiglöckchen zum Mund, einem ernsten kleinen Mund, und berührt ihn mit den Lippen.

Ditscha wendet zögernd ihren Blick ab und blickt zu Achim hinüber, der aber hat keine Antwort für sie, seine Augen hängen wie trunken an dem schönen Geschöpf.

Sie ist’s also, Ellen Perth!

Nun gleitet sie die Stufen hinab und nimmt Platz neben ihrer Mutter mit dem Anstand einer jungen Königin. Zum Glück bemerkt sie Ditschas Blicke nicht. Ach, und Ditscha ist es, als müsse sie hinausgehen und Achim am Arme packen und ihm sagen: „Komm’ – komm’ nach Beetzen, mein armer Junge, komm’ – lerne vergessen!“

Nun plötzlich Stille. Die Ouvertüre beginnt, alles lauscht, nur die dicke Nachbarin Ditschas kann sich noch nicht beruhigen, sie fächelt sich Kühlung zu mit einem Straußfederfächer von riesiger Größe und fordert schließlich den hinter ihr sitzenden Herrn mit heiserer Flüsterstimme auf, ihr den Umhang zu geben, weil sie so „transportiert“ habe.

Ditscha möchte lachen, wenn ihr die Thränen nicht so nahe säßen. Sie sieht und hört nichts von dem, was auf der Bühne vorgeht, sie hat nur Augen für ihre Nachbarn.

Als der Vorhang gefallen ist, sagt Madame mit ihrer fetten Stimme: „Hast Du Kronen gesehen, Ellen?“

Die junge Dame nickt.

„Dann wird er wohl in der großen Pause heraufkommen? Ihr trefft Euch jedenfalls am Büffett? Ich bleibe sitzen derweil, ich geh’ nicht gern spazieren – grüß’ ihn von mir!“ Dies alles in einem furchtbaren Englisch, von einem Lachen begleitet, das den ganzen ungeheuren Körper erschüttert.

Miß Ellen thut, als höre sie nichts; ihre Augen und Joachims Augen lassen nicht voneinander. – Jetzt biegt sich Herr Perth etwas vor und reicht seiner Gattin einen Brief – Ditscha hat Gelegenheit, ihn zu sehen. Ein sehr hagerer Herr mit scharfen Gesichtszügen, gefärbtem Schnurrbart und ziemlichem Kahlkopf; sehr elegant gekleidet, ganz vornehm alles in allem. Ditscha hat so ähnliche Erscheinungen gesehen in Monte Carlo und Baden-Baden.

„Den Brief,“ sagt er, ebenfalls englisch, „gab mir der Postbote, als ich noch einmal hinaufging, um Dein Opernglas zu holen.“

„Wo denn her?“ fragt sie zurück.

„Du weißt ja, aus Bützow -“

Ditscha glaubt, sie habe sich verhört, und schilt sich selber; wie sollen diese Amerikaner Beziehung haben zu dem kleinen weltfernen Bützow?

„Kannst Du es lesen?“ erkundigt sich der Herr, ihr ein Schreiben gebend.

„Nein,“ antwortet sie, „ich habe meine Lorgnette vergessen, ist’s guter Bescheid?“

„Ganz gut! Der Alte auf Beetzen ist nur noch eine wandelnde Leiche,“ spricht er, sich näher zu ihr beugend.

„Süh! Süh!“ nickt die Dame in unverfälschtem Bützower Dialekt.

„Und das Regiment führt die – –“ setzt er flüsternd hinzu.

Ditscha versteht nur das erstere.

„Mit der werd’ ich schon fertig,“ sagt Madame und lehnt sich bequem zurück.

In Ditschas Kopf wirbelt es, sie möchte ihn am liebsten festhalten. Um Gotteswillen – träumt sie denn? – Sie starrt mit nahezu beleidigender Neugier die hochblonde geschminkte Person neben sich an, aber das Gesicht ist dem ihren abgewandt.

Der zweite Akt beginnt. Ditscha erscheint es kaum möglich, die Musik zu ertragen, das Parfüm weiter einzuatmen; ein Angstgefühl, die Ahnung eines Unheils ist über sie gekommen, daß es ihrer ganzen seelischen Kraft bedarf, um auszuharren. Endlich die Pause. Ditscha bleibt sitzen; das schöne Mädchen nebenan erhebt sich und verläßt die Loge, begleitet von dem Herrn, den sie Papa nennt. Die dicke Dame bleibt ebenfalls im Zuschauerraum und mustert die Logen, das Opernglas vor den Augen.

Ditscha verharrt mit zusammengepreßten Lippen und kreideweißem Gesichte, ihre Augen unverwandt auf die Person geheftet. Endlich läßt diese das Opernglas sinken und sieht mit gleichgültiger Miene zu ihr hinüber. Das verschwommene Gesicht wird plötzlich [466] fahl unter der Schminke, die Augen zwinkern und öffnen sich dann weit – sie hat Ditscha erkannt und Ditscha sie. Ditschas eisige Miene beweist es.

Mistreß Perth ist Grete Busch!

Ditscha erhebt sich jetzt und verläßt den Zuschauerraum, Mistreß Perth folgt ihr; vor der Logenthür treffen sie zusammen. Die ehemalige Grete Busch hat ihr Gesicht in die süßesten Falten gezogen, deren es fähig ist; mit ausgestreckten Händen steht sie vor Ditscha.

„Ach, mein liebes teures Fräulein von Kronen, welche Ueberraschung!“ ruft sie in den Tönen höchster Freude.

Ditscha sieht scheinbar nichts von ihr, sie weicht nur zur Seite und geht an ihr vorüber. Ein paar Damen, die die kleine Scene beobachtet haben, sind amüsiert über die dicke, krampfhaft nach Atem ringende Person, die der schlanken vornehmen Gestalt mit wütenden Blicken nachstarrt.

Ditscha ist im Foyer angelangt. In dem Wogen und Drängen der plaudernden, promenierenden Menschen, die es erfüllen, wird es ihr schwer, den Bruder zu erspähen. Endlich sieht sie ihn neben dem schönen Mädchen, sein Gesicht strahlt, er spricht eifrig zu ihr. Mit Mühe gelangt sie zu ihm, legt, neben ihm schreitend, die Hand auf seine Schulter und sagt heiser: „Begleite mich ins Hotel, Joachim; ich fühle mich nicht wohl.“

Ein Blick in ihr verändertes Gesicht beweist, daß sie die Wahrheit spricht. Er ist sofort bereit, verabschiedet sich verwirrt von seiner schönen Gefährtin, die verwundert die ernste blasse Dame mustert, und fragt besorgt nach der Schwester Befinden.

Ditscha ist leichenblaß, spricht aber nicht, auch im Wagen nicht. „Soll ich mit hinaufkommen?“ fragt er, als sie vor dem Hotel aussteigen.

„Ich bitte darum,“ sagt sie.

[479] Oben in dem Hotelzimmer wirft Ditscha den Mantel ab, und als der Kellner verschwunden ist, nachdem er die beiden herkömmlichen Kerzen auf der Spiegelkonsole angezündet hat, ruft sie, die Hände nach dem Bruder ausstreckend: „Joachim, komm mit mir nach Beetzen, heute nacht noch – ich bitte Dich!“

Es ist eine solche jammernde Angst in diesen Aufschrei, daß er sie in die Arme schließt und sie zu beruhigen versucht.

„Ditscha, was ist denn? Um Gotteswillen, Du bebst ja!“

„Du darfst sie nicht wiedersehen,“ ruft sie, und ihre farblosen Lippen zittern – „komm mit mir!“

Er führt sie zum Sofa, schenkt ihr ein Glas Wasser ein und sagt dann: „Du weißt, Ditscha, wieviel ich stets auf Deinen Rat gegeben habe, aber Du mußt mir diesmal wenigstens erklären, warum ich ihn ohne weiteres befolgen soll.“

„Sie ist keine Frau für Dich!“ stößt sie hervor.

„Warum?“

„Die Familie – die Mutter – Joachim, es ist unmöglich, Du kannst uns das nicht anthun – Deinen alten Namen nicht dazu hergeben wollen!“

„Können wir denn nicht ruhig darüber sprechen?“

„Nein – nein – darüber ist nicht zu sprechen!“ ruft sie außer sich. „Onkel wird Dir fluchen, statt Dich segnen – glaube mir!“

„Kennst Du diese Frau denn?“ fragt er plötzlich, sie verwundert ansehend.

„Ja!“

„Woher, Ditscha?“

Sie wird jetzt erdfahl und tastet nach einen Sessel. „Sie ist – sie stammt aus Beetzen, ist die Tochter von unserem ehemaligen Gärtner Busch –“

„Ach, Du hast Dich versehen!“ Er lacht herzlich auf. „Ditscha, Du – Du liebe Thörin, Du!“

„Sie ist es,“ sagt die Schwester, „wir haben uns beide erkannt. Sie ging damals mit ihrem Mann und dem Kinde nach Amerika – mit der Tochter hast Du gespielt, Joachim, als kleiner Jung’ – erinnere Dich – sie nähte in unserem Hause, die Mutter.“

Er schüttelt den Kopf, kann sich nicht besinnen. „Heißt sie denn Perth?“ fragt er, noch immer der Ansicht, daß Ditscha sich täuscht.

„Nein, wie sie zu dem Namen gekommen ist, weiß ich nicht.“

Jetzt stutzt er, Ellen Perth hat ihm erzählt, Mister Perth sei ihr Stiefvater. Er ist in einen Sessel gesunken und starrt vor sich hin und auf einmal liegt Ditscha vor ihm auf denn Knieen.

„Mein lieber Jung’,“ bittet sie, und die Thränen rinnen ihr über die Wangen, „mein Leben würde ich hingeben, könnt’ ich Dich glücklich machen, aber vor der Nothwendigkeit, dieses Mädchen vergessen zu müssen, kann ich Dich nicht bewahren, so schmerzlich es Dir sein mag. Ich würde Onkel flehentlich bitten, ihre Herkunft zu vergessen, aber es ist ja nicht nur das – – Ich kann es Dir nicht sagen, frage mich nicht – der Onkel hat einst dieses Weib mit Schlägen aus seinem Hause getrieben.“

„Ditscha, steh’ auf,“ sagt er leise, „es bedarf keiner Worte mehr – ich – ich komme mit Dir.“

Er ist sehr ruhig und sehr bleich und beginnt, im Zimmer auf und ab zu gehen. Sie hat ihn noch nie so gesehen, so zerschlagen, so vernichtet, aber sie kennt ja die Schmerzen, die er durchmacht, und die sie nicht zu lindern vermag.

„Jochen, mein alter Herzensjunge!“ flüstert sie.

Er nickt nur und geht weiter. Endlich bleibt er vor ihr stehen. „Mama muß ich doch wohl Adieu sagen und meinen Koffer packen. – Wann geht denn ein Zug?“

„Um ein Uhr, Joachim.“

„Es ist zehn Uhr vorbei jetzt.“

Ein Weilchen geht er wieder auf und ab, dann sagt er:

[480] „Ich werde es rasch abmachen, das ist das Beste. Mama ist heute abend nicht daheim; ich schreibe ein Billet an sie, packe ein paar Sachen ein und bin zur Zeit wieder hier. – Es ist das Richtigste, sie erfahren gar nicht, daß Du hier gewesen bist, Ditscha.“

„Hattest Du eigentlich etwas vor, heute abend, Joachim?“ fragt sie.

Er sieht sie groß an. „Ja,“ sagt er dann kurz, „ich glaube – ich wollte mich verloben – weiter nichts.“

„Mein Gott!“ stottert sie.

„Ich war bei ihnen eingeladen heute, zum erstenmal.“

„Bei den Perths?“

„Ja!“ –

„Ums Himmelswillen – Du willst doch nicht hin, Joachim?“

Er antwortet nicht, er sucht nach seinem Ueberzieher und Stock. „Ein Feigling bin ich nicht, Ditscha,“ sagt er dann, „und sehen will ich sie noch einmal. Leb’ wohl indes!“

Ditscha ist es, als müsse sie ihn mit Gewalt festhalten, aber sie steht da inmitten des Zimmers, die Arme schlaff herunter hängend, und betrachtet die Thür, hinter der er verschwunden ist, als könne sie von dieser einen Rat ablesen. Jetzt erst, wo sie allein ist, überkommt sie das Schreckliche dieser Begegnung, und alle alten Erinnerungen sind aufgewühlt.

Ein Kellner erscheint und bringt ein kleines Souper – der Herr habe es bestellt. Sie flüchtet ins Nebenzimmer, setzt sich auf das Bett und windet die Hände ineinander. Wenn er doch erst zurück wäre, wenn er erst neben ihr säße! Als das Geklapper der Teller und Tassen verstummt ist, kehrt sie zurück, packt ihre Sachen ein und wartet; an Essen denkt sie nicht. Endlich Schritte draußen, ein kurzes Klopfen und dann tritt er ein.

Sie starrt ihn befremdet an, er sieht so schrecklich verändert aus, wie verfallen; sein Gesicht erinnert sie an das Kindergesicht, das er in schweren Krankheitsfällen hatte. So verständnislos die Augen, die sich in die ihren förmlich hineinbohren, wie angstvoll fragend, als habe er seine Schwester noch nie gesehen.

„Du mußt allein reisen,“ sagt er, und ehe sie noch reden kann, fährt er fort, „ich komme morgen oder übermorgen nach – ich habe hier noch – ich kann heute nicht gleich fort – –“

Er setzt sich im Ueberzieher an den Tisch und nimmt die Serviette vom Teller. „Willst Du nicht etwas essen, Ditscha?“

„Nein! Sage mir, weshalb Du hier bleibst.“

„Aber wirklich – um nichts! Um Mama noch ’mal zu sehen.“

„Du belügst mich.“

„Ich habe wirklich nur noch mit Mama zu reden, habe außerdem Kopfweh, die Nachtfahrt ist mir unangenehm.“

Sie setzt sich ins Sofa. „Soll ich warten, bis Du mitkommst?“

„Nein!“ antwortet er kurz. Er gießt ihr Wein ein und reicht ihr die Schüsseln. Dabei immer wieder dieser eigentümliche Blick. Auf einmal setzt er sich neben sie auf das Sofa, faßt sie um und sagt: „Ach, Ditscha, Ditscha –“

„Was denn, mein alter Junge?“

„Nichts!“

„Hast Du Abschied genommen?“

„Ja, ja, frage mich nicht.“

„Aber weh thut es, sehr weh!“ flüstert sie und streichelt sein Haar.

„Weißt Du das auch?“ fragt er laut.

Sie sieht befremdet auf ihn hinunter. „Ja, Achim, ich weiß es auch! Aber man lernt ruhiger werden, Herz.“

„Recht rasch manchmal,“ sagt er halblaut.

„Ja, Ihr Männer!“ bemerkt sie ebenso, sich zum Lächeln zwingend.

„Du warst doch immer sehr gut zu mir, Ditscha,“ beginnt er dann ganz unvermittelt, „ich muß es Dir heut’ abend noch einmal wiederholen; Du bist nun wieder hergekommen um meinetwegen, hast mich vor Unglück bewahrt, und doch – –“

„Siehst Du das letztere schon ein?“ fragt sie aufatmend.

Er zögert ein Weilchen. „Man muß wohl!“ murmelt er. „Aber nun komm, es ist Zeit!“

„Welch ein Unsinn, daß Du mich zu dieser nächtlichen Reise zwingst,“ schilt sie.

„Ach, es ist viel besser so, Ditscha, ich möchte nicht, daß Mama von der Geschichte erfährt.“

Er hüllt sie in den Reisemantel und führt sie auf den Bahnhof zurück, so sorgsam, wie er sie hergeführt. Und jetzt redet er von allem möglichen, von Sachen, die sie gar nicht interessieren. Morgen sei Rennen, er wolle vielleicht auch hinaus; jedenfalls bis spätestens übermorgen abend werde er auf Beetzen sein. – Grüß Onkel und die Alte! – Wie fandest Du eigentlich die Vorstellung heute abend? Famos – nicht wahr? Wir wollen doch im Winter öfter einmal ein paar Wochen in eine Großstadt gehen, Ditscha.“

Sie schreitet neben ihm in der Halle auf und ab, deren Gasflammen im feuchten Regenwind zittern; es ist empfindlich kühl und ihr ist zum Weinen schwer zu Mut. Endlich kommt der Zug. Ditscha steigt ein und beugt sich aus dem Fenster, die Hand erfassend, die sich ihr entgegenstreckt.

„Joachim, komm bald!“ sagt sie mit schwankender Stimme.

„Ich hoffe so, Ditscha!“ Er sieht sie wieder an, so groß, so fragend, dann fliegt sein altes, liebenswürdiges Lächeln über das blasse Gesicht. „Danke Dir, Ditscha, tausend Dank!“

Er geht noch neben dem Zuge hin, seine Hand in der ihren, bis ein Beamter ihm zuruft, er solle zurücktreten. Dann erst bleibt er stehen, den Hut in der Hand, und sieht ihr nach, auch jetzt noch lächelnd. Sobald der Zug nicht mehr zu sehen ist, setzt er den Hut mit einer hastigen Gebärde auf, das Lächeln ist verschwunden und er geht mit raschen Schritten vom Bahnhof fort durch die Straßen, ziellos, planlos. – Die letzten Stunden sind ihm vergangen, als ob er wüst und schwer geträumt habe, und als komme nun allmählich das Bewußtsein wieder, aber noch unter dem Banne des Traumes.

Wie war es doch?

Ditscha ist hier gewesen, hat in der Oper Ellen gesehen und hat behauptet, die Mutter zu kennen, eine frühere Untergebene der Kronens, die von Onkel Jochen mit Schlägen aus dem Hause gejagt wurde. Ehrlich gestanden, er hat an Ditschas Behauptung gezweifelt, so bestimmt sie auch gemacht wurde, und so unbedingt er ihr sonst glaubt … Da hat er sich denn auf eine Stunde von ihr beurlaubt und ist zu Perths gegangen; er will Gewißheit haben.

Was da geschehen, ist ihm nicht voll gegenwärtig, und doch so klar, so unbarmherzig klar.

Offenbar war die Familie noch nicht lange aus dem Theater zurück. Er hatte ein Weilchen allein im Salon zu warten, der mit einigen rotverschleierten Lampen erleuchtet ist und dessen Hauptdekoration das riesige seidene Sternenbanner ausmacht, das über einem Oelbild arrangiert wurde, einer Ansicht von New York mit der Statue der Freiheit. Sonst ist es die herkömmliche Einrichtung eines amerikanischen Salons in Dresden, mit geliehenen Möbeln, Vorhängen und Teppichen, wenig geschmackvoll und keine Spur von Individualität, wenn man nicht die üppigen Blumenarrangements dafür nehmen will, die Miß Ellen so liebt.

Sie tritt nach einigen Minuten ein, noch in der weißen Seidenrobe, die sie im Theater getragen hat, und gleicht in dem Purpurlicht einer lebenden Marmorstatue. Sie kommt ihm etwas befangener entgegen als sonst, bietet ihm aber mit aller Herzlichkeit die Hand.

„Wie nett von Ihnen,“ sagt sie freundlich, „daß Sie trotz der Ritterpflichten gegen Ihre Schwester noch zu uns kommen.“

„Sie wissen, daß die Dame – meine Schwester ist?“ fragt er mit einem Anflug von Erstaunen und Mißtrauen.

„Ich vermutete es – Sie erzählten mir ja oft von ihr. Wollen Sie nicht Platz nehmen?“

Er setzt sich ihr gegenüber. „Ich danke, Miß Ellen, ich bin nur gekommen, um Ihnen Lebewohl! zu sagen, denn ich gehe noch in dieser Nacht mit meiner Schwester nach Beetzen zurück, unser alter Onkel wünscht meine Gegenwart.“

Ueber das schöne Antlitz des jungen Mädchens fliegt einen Augenblick lang eine Purpurglut, ein tiefes Erschrecken zeigt sich in ihren Augen, nur eine Sekunde lang, dann sagt sie spöttisch:

„Heimgeholt? Man ist wohl besorgt um den kleinen Bruder?“

Er antwortet nicht.

„Wie pietät- und rücksichtsvoll doch die Deutschen sind,“ fährt sie fort, „fast zu sehr, denn es kann ja niemand hier sein eignes Leben voll ausleben vor lauter Rücksichten auf seine lieben Angehörigen.“ Sie hat eine feine Falte zwischen den Brauen und zerpflückt mit den weißen Zähnchen die Maiglöckchen, die sie noch in der Hand hält.

Sie ist furchtbar enttäuscht, sie ist so erregt. Ihre Mutter war in einem wahren Anfall von Tobsucht zu Hause angelangt. Was geschehen – sie weiß es nicht, sie fragt auch nicht danach, sie ist so völlig Amerikanerin, daß sie das, was ihre Mutter aufregt, äußerlich nicht beunruhigt. Aber soviel Deutsche ist sie doch, daß sie sich ganz rechtschaffen sentimental in den hübschen Jungen verliebt hat, daß sie sehr unglücklich sein wird, nicht mit ihm [482] auf seinem weltfernen Edelsitz leben zu sollen, daß sie meint sterben zu müssen, wenn er sie verläßt.

Ein paar Thränen funkeln plötzlich in ihren Augen; er sieht sie nicht, er starrt an ihr vorüber auf das Sternenbanner.

„Und eigentlich,“ fährt sie leise und mit weicher Betonung fort, da er schweigt, „ist es doch hübsch in diesem Lande, wo man mit jedem Atemzuge Vergangenheit, glorreiche Vergangenheit einzieht. Die ganze Atmosphäre ist eine so süße, träumerische, selbst unsere alte deutsche Erzieherin in New York mutete mich so an. Denken Sie, Baron, sie hatte eine Porzellanvase auf ihrer Kommode stehen, darin waren getrocknete Blumen. Wenn ich sie darum bat, lüftete sie den Deckel und dann zog ein wunderbarer Duft daraus hervor, ein bißchen verwelkte Rosen und Lavendel, ein bißchen Staub, ein bißchen Moder, aber so geheimnisvoll, so feierlich war das, und sie sagte dann mit ernstem Gesicht: ‚Atmen Sie, Miß Ellen, das ist deutsche Luft!‘ – –

Ach, ich möchte gern in diesem Lande bleiben und ich weiß, auch Mama wünscht es, aber – es müssen dann auch die Leute um mich sein, die ich gern habe.“ Mehr kann sie nicht thun, um ihn festzuhalten, und er schweigt noch immer.

„Wann kommen Sie zurück, Baron?“ fragt sie jetzt halb erstickt.

Er richtet die Blicke auf das reizende Geschöpf und sucht nach einer Antwort. Er sucht noch immer, als das Rauschen eines Kleides und der keuchende Atem Mistreß Perth ankündigt; hinter ihr erscheint der Hausherr.

„Baron Kronen will sich verabschieden, Mama,“ sagt das junge Mädchen traurig, die nichts von allem ahnt.

Jochen ist aufgesprungen, Mistreß Perth lacht, ein nervöses, gereiztes Lachen, Mister Perth läßt sich in einen Schaukelstuhl fallen.

„Wann kommen Sie zurück?“ wiederholt Ellen, und ihre Augen glänzen ihn an, als funkelten sie in Thränen, „wir sind noch nicht auf gleich mit unserer Lawntennis-Partie.“

„Du mußt fragen: ‚wann erlaubt Ihnen das gnädige Fräulein Schwester die Rückkehr, Herr von Kronen?‘“ belehrt Mistreß Perth und lacht wieder.

„Was wissen Sie von meiner Schwester, Madame?“ erkundigt er sich in gereiztem Tone.

„Viel!“ sagt sie boshaft. „O, sehr viel!“

Er hat plötzlich sein hochmütigstes Gesicht aufgesetzt, nimmt seinen Hut vom Stuhl und verbeugt sich. „Es wird Zeit, daß ich Sie verlasse – ich habe die Ehre, den Damen einen guten Abend zu wünschen, Mister Perth, leben Sie wohl!“

Grete Busch steht noch in derselben kampfbereiten Haltung. Sie weiß, den Freier hat sie verscherzt für ihre Ellen, den, den sie der Tochter am liebsten gegönnt in ihrem dummen Hochmut, in ihrem Streben, Ditscha zu demütigen. Nach ihrer Meinung ist diese verhaßte Schwester vierundzwanzig Stunden zu früh gekommen – wäre die Verlobung perfekt gewesen, sie hätte auch fortbestehen sollen, dafür würde sie als Mutter gesorgt haben.

„Viel!“ betont sie jetzt nochmals laut und schrill, genug, um begreiflich zu machen, daß sie vollberechtigt ist, so stolz zu sein, wie sie sich gebärdet.

„Wiederholen Sie mir das noch einmal!“ fordert Joachim von Kronen sehr ruhig, „ich verstehe nicht recht.“

Grete Busch hat bereits die Herrschaft über sich verloren vor den drohenden Augen, die ihr aus dem leichenblaßen Gesicht des jungen Mannes entgegen blitzen.

„Sie ziehen vor, zu schweigen,“ sagt er, „aber sicher wird Mister Perth eine Aufklärung geben können, nicht wahr, Mister Perth?“

Mister Perth hält mit Schaukeln inne und blickt von der Zeitung auf. „Aber dear child!“ ruft er vorwurfsvoll, „was redest Du da! – Herr Baron, Mistreß Perth ist etwas sehr erregt heute, achten Sie nicht auf ihre Worte –“

„Sie, mein Herr, sind verantwortlich für das, was in Ihrem Hause geredet wird,“ beharrt der junge Mann. „Ich wende mich an Sie – was will Madame mit der eigentümlichen Redensart sagen?“

„Sie haben sich ganz an die richtige Stelle gewendet,“ schreit jetzt die erboste Frau, „ganz an die richtige Stelle! Kein Mensch kann Ihnen genauer Bescheid geben über die fragliche Dame als mein Mann.“

„Aber, Gretchen,“ ruft er heftig – „ich bitte Sie, Herr Baron – Kindergeschichten – Jugendthorheiten – –“ Er hat sich von seinem bequemen Stuhl erhoben und steht vor Achim von Kronen. „Nichts von Bedeutung, Herr Baron; die Damen urteilen so streng in gewissen Dingen, eh –“

„Weiter!“ sagt der junge Mann befehlend.

„Wenn Sie darauf bestehen – aber ich weiß nicht –“

„Ich bestehe darauf, ja!“

„Nun – ich hatte vor Jahren die Ehre, der Verlobte Ihres Fräulein Schwester zu sein – das ist alles.“

„Ellen, geh’ hinaus!“ ruft Madame. – Ellen ist bereits gegangen. – „Es ist nicht alles,“ fügt sie dann hinzu, und nun sagt sie etwas, sagt es mit dürren, kurzen, höhnischen Worten, daß der junge Mann zurücktaumelt und nach einer Stütze greift.

Wie Hilfe suchend, irrt sein Auge zu dem Mann hinüber, aber dieser zuckt die Schultern und macht eine bestätigende Gebärde, als wollte er sagen: „Sie haben es hören wollen, mein Herr!“

In Joachims Ohr klingt nur noch das eine Wort: „Davongelaufen.“ – „Sie sind ein Lügner, mein Herr!“ schreit er, „ein gemeiner Lügner!“

„Nun, er ist mein zweiter, lieber Mann geworden, nachdem er acht Jahre lang in unserer Manege Bereiter war, in Chicago,“ erklärt Frau Perth. „Fragen Sie nur Ihre Schwester nach ihm, sie kennt ihn, den Hans von Perthien.“

„Sie werden von mir hören, mein Herr,“ sagt Joachim.

„Ich verstehe vollkommen,“ ist die Antwort.

Im nächsten Augenblick befindet sich der junge Mann auf dem Wege zum Hotel, zu Ditscha. Dann ist er in ihr Zimmer getreten, seine Seele blutend, sein Heiligenbild beschmutzt, in den Staub getreten, so jammervoll, wie er sich noch nie gefühlt hat in seinem ganzen Leben. Es ist nicht wahr – es kann nicht wahr sein! Er hat nicht gewagt, es ihr anzudeuten, er hat sie immer nur angestarrt, die Ditscha, seine Ditscha – – es ist nicht möglich, es ist Wahnsinn! Und nun ist sie fort und ihn überkommt die Verzweiflung. Ganz früh, in der blaugrauen Dämmerung des Frühlingsmorgens kehrt er erst wieder heim.




Ditscha ist auf Beetzen angelangt. Von irgend einer Station hat sie telegraphiert, man solle ihr den Wagen schicken, und der Wagen erwartet sie auch wirklich. Es ist kühl und regnerisch geworden; man hat das Coupé geschickt, das Achim seiner Schwester schenkte, weil sie ihre Besorgungen in Bützow bei schlechtem Wetter nicht in der Halbchaise machen soll, wie bisher; sie hat sich im vorigen Jahre eine heftige Erkältung dabei geholt.

Es ist ein Wagen wie ein Schmuckkästchen, mit braunem Seidendamast ausgeschlagen, mit einem Täschchen für das Notizbuch, einer allerliebsten Uhr in braunem Sammtgehäuse, einem Spiegel und einem Gummiluftball, der dem Kutscher das Signal zum Halten giebt. „Ein Wagen, der viel zu schön für mich ist,“ hatte sie freudenrot gesagt, als er ihr geschenkt wurde, und der Bruder hatte erklärt: „Ditscha, es giebt gar nichts, was zu schön für Dich wär’!“

Heute weint sie, daß er, der so gern Freude bereitet, leiden muß, daß eine so widerwärtige Verkettung von Umständen und Verhältnissen seinen ersten Liebestraum so unselig kreuzt. – Ach, es ist ja auch geradezu unglaublich!

Zu Hause angekommen, erfährt sie, daß der alte Herr noch schläft. Sie sucht ihr Zimmer auf und läßt Hanne bitten, zu ihr zu kommen, und während sie sich umzieht, sitzt die alte treue Seele auf einem Stuhl, den ihr die Herrin freundlich geboten, und berichtet, was geschehen ist in der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit.

„Ich und der gnä’ Herr sind spazieren gefahren,“ beginnt sie und hat dabei die Hände gefaltet, als erzähle sie ein Unglück.

„So?“ sagt Ditscha zerstreut, „trotz des Regens?“

„Nich ein Droppen, gnä’ Fröln! Abers ich wollt’, es hätt’ gegossen wie mit Mollens, dann wär’ die Tour ja woll unterblieben.“

„Warum denn, Hanne?“

„Weil uns’ oll Herrn Baron ’ne richtige Ahnmacht öwerkamen is.“

„Aber – Hanne!“

„Ja, dat was nich g’rad’ pläsierlich, un wenn auch – –“

„Wie ist denn das gekommen? So rede doch!“ ruft Ditscha.

„Wi sün um Klock drei von hier wegfahren, un Slag negen gestern abend sün wi nah Hus kamen, gnä’ Fröln.“

Ditscha sieht die alte Frau an, als ob sie zweifelhaft sei, daß sie ihren rechten Verstand habe.

„Ja, un das kam so – der Herr Baron wollt’ partuh nach [483] Dombeck to, un ich sag’ noch, ich sag’: ,Gnä’ Herr, is dat nich toveel vor Ihre Konstituschon, denn de oll Frühjahrsluft nimmt en ollen Menschen so mit‘ – aber hei will, un wenn En’ will, denn kann man ja nix dabi don. Wi fuhren also los, un as wi an dat Wehr kamen von de Krumme Beetze, da wo’s an Herrn Rothen seinen Park herumgeht, da säd he to mi: ‚Hanne, mir is so slecht, Hanne – laß umkehren!‘ Un da lag he schon in de Küssens wie tot. – – Un nu, wat beginnen! Se wet’n, gnä’ Fröln, ick verlier’ nich so licht minen Kopp, aber diesmal – ich hev dacht, he is dot, reinemang dot, und wil dat wi nu dicht bi’t Dombecker Sloß woren, schrei ich oll Franzen zu, he süll int Dohr fahren un seihn, dat wi Hülp bekamen. Na – un da – –“ sie macht eine Pause – „na ja, un wor denn man good, daß g’rad’ de Herr to Hus is un uns’ armen ollen Herrn plegen kann. Un dat hat he denn ok dahn, as wär he sin leibhaftige Söhn, gnä’ Fröln, un Klock halvnegen, da hat he den ollen Herrn auf seine Armens die Trepp’ hendal dragen un in den Wagen, un is mit uns her fahren, un hat ihn hier ins Bett getragen un is hier bliven, bis de Herr Baron inslapen is, de Herr Rothe.“

Und die alten Augen sehen aus ihren Runzeln gespannt zu der Herrin hinüber, als wollten sie die leiseste Bewegung erspähen, die dieser Bericht in dem blassen Antlitz erwecken muß. Aber Ditscha kann sich beherrschen; sie bleibt völlig ruhig und sagt kein Wort, nur jeder Nerv zittert in ihr.

Sie sitzt auf der Chaiselongue ihres Schlafzimmers und sieht zum Erbarmen elend und erschöpft aus. Hanne steht auf, ordnet ein paar Kissen und holt eine weiche Decke. „Legen Se sich, gnä’ Fröln! So’n Perforcetour is nix vor Ihnen. So, un nu mach’ ich gleich dunkel in de Stuv, slapen Sie. – Wenn mar satt is und utslapen, hat mar gleich ’nen andern Glauben. So – un wenn uns’ jung’ Herr erst wieder hier is, denn wird’s allens besser, auch mit ’m alten Herrn.“ –

Es ist Theezeit, als Ditscha herunterkommt. Das alte trauliche Wohnzimmer ist von einer grauen, fast winterlichen Dämmerung erfüllt, im Kachelofen brennt ein Feuer. Ditscha, die aus einem kurzen unruhigen Schlaf erwacht ist, sieht man die vergossenen Thränen noch an, mit denen sie eingeschlummert war. Der alte Herr in seinem Stuhl, mit wollenen Decken verpackt, bemerkt es gar nicht. Er scheint sich kaum daran zu erinnern, daß Ditscha verreist war.

„Joachim läßt Dich grüßen, Onkelchen,“ sagt sie, „und in zwei Tagen spätestens ist er hier.“

„Hast Du ihn denn – ach, richtig – war er wohl und vergnügt? Bringt er seine Verlobung mit?“

„Noch nicht, Onkel, aber das hat ja noch Zeit. Nicht? Wie geht Dir’s denn heute?“

„Gut, gut, Kind; aber gestern – alle Wetter, ich dachte, nun ist Halali! Hanne hat Dir wohl erzählt?“

„Ja, Onkel.“

„Und denke Dir, wie denn wieder einigermaßen die alte Maschine in Gang gesetzt war, da haben wir uns allerlei erzählt. Hab’ auf dem Sofa gelegen in Dombeck und mich bedienen lassen wie ein Pascha. Ach, da hat man denn auch allerhand gehört. Das alte Mutterle ist tot, und eine Schwester tot, und er hat da oben in Ostpreußen so umher gesessen, meilenweit keine Nachbarschaft und im Winter total eingeschneit, Wolfsjagd und allerhand kleine Grenzabenteuer – ein ledernes Dasein! Schließlich, wie die alte Frau gestorben ist, hat sie ihm das Versprechen abgenommen, wieder hierher zu gehen, wenn er doch einmal das Ding nicht verkaufen will. Nun ist er da – sonderbarer Zufall, daß man einander gleich wieder in die Pfoten rennt. – Hm! Na, schließlich muß alles ’mal vergessen werden! Ich hab’ ihm auch von Dir erzählt und gesagt, Du wärst ganz fidel, ganz fidel, und beinah’ noch hübscher wie als junges Mädchen, und hättest einen Narren gefressen an dem Jungen; und ich sei doch teufelsmäßig froh, daß aus der Sache nichts geworden wär’ damals, ja, ja – denn ohne Dich wär’s nicht zum Aushalten – nicht, Ditscha?“

Sie hat Thee eingegossen, die Tasse klirrt ein wenig in ihrer Hand. „Und bleibt er wirklich immer hier?“ fragt sie leise.

„Wer? Der Rothe? Doch wohl, jedenfalls – hab’s so verstanden.“

„Sagtest Du ihm, daß ich verreist bin?“

„Ja, ich glaube – nein, ich weiß es gewiß. Ihr wolltet Kunst kneipen in Dresden, hab’ ich erzählt – sagtest Du nicht so?“

In diesem Augenblick meldet der Diener Herrn Rothe, und ehe noch Ditscha den Gedanken einer Flucht, der ihr blitzartig durch den Kopf fährt, verwirklichen kann, ist er schon im Zimmer. Die Arme sind ihr heruntergesunken, sie steht, das Gesicht dem Fenster zugewandt, blaß bis in die Lippen, die Augen groß geöffnet, den Mund zusammengepreßt wie im Krampf – doch im nächsten Augenblick hat sie sich gefaßt und mit einer Selbstbeherrschung ohnegleichen reicht sie dem Manne die Hand, in dessen Bart schon weiße Fäden schimmern, dessen sonnenverbranntes Gesicht das alte nicht mehr ist; es steht viel von in Einsamkeit und Leid verlebten Jahren darin.

„Ich hoffe, Sie nehmen an, gnädiges Fräulein, daß ich keine Störung beabsichtige. Ihr Herr Onkel sagte mir, Sie –“ er hält ein und betrachtet sie – „wie Sie unverändert sind,“ sagt er langsam, und sie entzieht ihm die Hand – „daß Sie verreist seien,“ vollendet er und wendet sich zu dem alten Herrn. „Wie geht es Ihnen heute, Herr Baron?“

„Danke, viel besser. Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Rothe?“

„Ich danke! Ich wollte mich nur überzeugen, daß Sie wieder wohlauf sind, Herr Baron, und ich sehe es ja, sehe, daß Sie sich in vortrefflicher Pflege befinden.“ Er schüttelt dem alten Mann die Hand und verbeugt sich vor Ditscha.

„Ich danke Ihnen für die Hilfe, die Sie Onkel gewährten,“ sagt sie und streckt ihm die Hand entgegen.

Er faßt sie leise in die seine. Es ist dasselbe Zimmer, in dem sie ihre Jugendträume geträumt haben; dieselben Bilder, dieselben Möbel, die nämliche Uhr tickt an der Wand, nur die Menschen sind nicht mehr dieselben.

„Sie sind glücklich?“ fragt er leise. „Ihr Herr Onkel sagte es mir schon, und Sie sehen auch so aus; ich weiß nicht, ob ich Ihnen das Gleiche von mir erzählen könnte. Also, es ist gut geworden für Sie, Sophie? Das macht mich ruhig und froh. Leben Sie wohl!“

„Wann kommen Sie wieder? Kommen Sie doch!“ ruft ihm der alte Herr nach.

Er zögert mit der Antwort.

„Bitte,“ sagt auch sie, „kommen Sie wieder! Onkel freut sich so sehr darüber; wir sind jetzt sehr einsam hier auf Beetzen.“

Eine stumme Verbeugung, und er ist verschwunden.

„Er kommt nicht wieder, Onkel,“ sagt sie ruhig. „Wer sucht auch gern peinliche Erinnerungen auf?“

Am andern Morgen, nach schlafloser Nacht, hat sie Joachims Zimmer selbst geordnet, seine Lieblingsblumen, seine Lieblingsspeisen, alles erwartet ihn. Er hat einmal eine kleine Uhr, die sie von einer Patin geerbt, so hübsch gefunden; sie trägt sie auf seinen Schreibtisch, sie zieht das Kleid an, das er gern an ihr sieht. Und nun hat sie ein paar Stunden Zeit, bevor der erste Zug aus Dresden in Bützow eintrifft. Sie sitzt dann an ihrem Schreibtisch und vor ihr liegt ein Buch; sie will, wie sie das stets gethan hat, in ganz kurzen Zügen ihre Erlebnisse eintragen. Und sie blättert zurück und vertieft sich in den Abschnitt ihres Lebens, der nur von Joachim handelt.

Es sind ganz nüchterne, trockene Notizen, aber welch’ eine Welt von Liebe spiegelt sich in ihnen ab. Da steht z. B.: Heute ist unser kleiner Patient zum erstenmal im Garten gewesen; ich schob seinen Fahrstuhl, er will es von niemand anders leiden. – Wie hat er sich gefreut über die knospenden Bäume! – Ein paar Jahre weiter liest sie: Heute ist meines Jungen Hauslehrer entlassen, und ich war mit ihm in der Stadt, um ihn zum Gymnasium anzumelden; es ist nötig, daß er zwischen Altersgenossen kommt. Bisher war ich sein Kamerad, nun hat er den ersten Schritt von mir hinweg gethan. Er kommt jeden Nachmittag heim, oft werde ich ihn abholen; unser Diner ist jetzt auf die fünfte Nachmittagsstunde verlegt. – Später liest sie: Heute hat unser Joachim das Abiturientenexamen bestanden!!

Sie erinnert sich noch so genau an diesen stolzen Tag. Sie hatte Achim natürlich abgeholt; in der Frau Gymnasialdirektor guter Stube hatte sie auf ihn gewartet. – Es war im Frühjahr, ein richtiges Aprilwetter, und Ditscha trug einen Schneeglöckchenstrauß in der Hand, als nun der Junge strahlend eintritt. „Durch!“ sagt er, weiter nichts, und sie weint vor Freude und küßt ihn und muß lächeln zu gleicher Zeit, so fremd und stattlich sieht er in seinem ersten Frack aus. Ach, und die Fahrt nach Hause, Onkel Jochens Seligkeit und Hannes Stolz! Und die kleine festliche Tafelrunde mit Pastors und der humoristischen Rede des geistlichen Herrn, der allerliebsten Gegenrede des Jungen. Wo sind die Zeiten hin!

[494] Ditscha blättert weiter in dem Tagebuch. Jetzt kommen die Reisejahre. Achim war kränkelnd, sie sind im Süden. Kurze Notizen – Palermo, Weihnacht 1886: Jochen und ich haben Heimweh nach Beetzen, nach Onkels stiller Stube, nach Hannes „braunem Kuchen“, nach dem verschneiten Park der Heimat – aber schön ist’s hier, unsagbar schön!

Rom – Ostern; Joachim und ich zur Messe in der Sixtinischen Kapelle.

Florenz: Joachim ist ganz begeistert.

Nizza: Joachim hat einen Freund vom Gymnasium hier getroffen, den jungen Grafen Mangelsdorf. – Mein Gott, wenn ich das an Joachim erleben müßte! Achim kam und holte sämtliches Geld, das wir bei uns hatten; es galt, die Hotelrechnung des Grafen zu bezahlen und ihm das Reisegeld zu verschaffen; er hatte alles verspielt. Onkel Jochen würde uns aber nie verziehen haben, wenn wir mit dem, was er uns für diese Reise gab, nicht ausgereicht hätten. So leistete ich denn von meinem Vermögen Ersatz; es war keine unbedeutende Summe. Joachim und ich sind ja aber eins, und er sagt sehr richtig, wenn man einen Menschen vor Verzweiflung bewahren kann, so soll man ein paar tausend Thaler nicht ansehen. Er ist wirklich eine nobel angelegte Natur, und ich habe ihm gesagt, er könne über alles verfügen, was ich besitze.

Beetzen, Mai 1887: Heute ist Achim großjährig geworden. Gott segne ihn!

Und nun heute, wo sie ihn von Dresden zurückerwartet, schreibt sie mit zitternden Händen: Mai 1889. Achim hat den ersten Schmerz in seinem Leben durchzukämpfen – könnt’ ich ihm den abnehmen, könnt’ ich ihn vor allem Schweren bewahren! Wär’ er nur erst hier, der arme arme Jung’! – Ich habe Rothe wiedergesehen. Ich bin viel ruhiger darüber, als ich es für möglich gehalten. – Mein ganzes Herz ist bei Achim, der jetzt leidet, wie ich einst gelitten. Wie lange schwere Jahre müssen vergehen, ehe man ruhiger wird!

Sie springt auf und fragt, ob schon angespannt sei. Viel zu früh schickt sie den Wagen nach Bützow zum Bahnhof. Gegen ein Uhr duldet es sie nicht mehr im Hause, sie geht ihm auf der Chaussee entgegen – der Wagen kommt leer zurück!

Eine unheimliche unerklärliche Angst hat sie gepackt. Wenn er dennoch – wenn die Leidenschaft Macht über die Vernunft gewönne – wenn diese Liebe stärker wäre als die zu ihr, zu seinem Onkel, zu der stolzen Vergangenheit seines Hauses! Mein Gott, wer weiß denn, weshalb er zurückgeblieben! Vielleicht hat sie verlangt, er solle noch einmal ihr die Hand geben, und an dieser Hand hat sie ihn festgehalten, hat ihn bezaubert mit ihrer ganzen berückenden Schönheit!

Warum war sie auch von ihm gegangen – warum, warum nicht bei ihm geblieben!

Sie kann bei Tische keinen Bissen essen, ruhelos wandert sie umher durch Haus und Garten. Die schreckliche Idee, daß sie das einzige verlieren soll, das sie noch besitzt auf Erden, macht sie körperlich krank. Ach, was sind nicht schon für verrückte Geschichten passiert aus Liebe! Onkel überlebt das nicht, sie auch nicht, und das wäre das beste für sie, denn eine Heimat hat sie dann auch nicht mehr. – Sie hätte ihm gleich alles erzählen sollen, vielleicht wär’ er ihr dann gefolgt. – Aber die Sprache hätte ihr versagt, wenn sie ihm, der sie wie eine Gottheit verehrt, die Geschichte ihrer Thorheit hätte beichten müssen.

Wenn Sie ihn aber damit retten könnte, würde sie es doch thun, würde sie es ihm schreiben.

Gegen fünf Uhr kommt eine Depesche an Ditscha. Sie wird überall gesucht, endlich findet sie eins der Mädchen in dem Zimmer der verstorbenen Tante Klementine, wo sie am Fenster steht und die Chaussee entlang späht mit dem Feldstecher.

„Eine Depesche, gnä’ Fröln!“

„Ach, Gott sei Dank!“ sagt sie und reißt das Papier auf. Das Mädchen ist im Begriff die Treppe hinunterzugehen, da stürzt das gnädige Fräulein hinter ihr her. „Den Wagen!“ ruft sie, „rasch den Wagen!“ Sie ist wie irr vor Angst, seit sie gelesen:

„Joachim schwer erkrankt  Cilly.“

Der alte Herr darf nichts wissen, natürlich nicht; Ditscha muß irgend einen Vorwand für ihre Reise ersinnen. Er schläft jetzt noch – Hanne soll ihm also, wenn er erwacht, sagen, daß Ditscha noch einmal hat nach Dresden reisen müssen, weil da eine Verlobung im Werke sei. „Hörst Du, Hanne? Und sollte irgend etwas Schreckliches passieren, so –“ sie stockt – „so holt Herrn Rothe.“

Ditscha fährt ab in einem Zustand halber Besinnungslosigkeit. In Dresden angelangt – es ist ein Uhr nachts, aber sie hat an Cilly depeschiert –, findet sie Cillys Mann auf dem Bahnhof. Er ist sehr höflich, sehr ernst, etwas hölzern und sieht vornehm aus.

[495] „Welches Hotel befehlen Sie?“ fragt er, ihre Handtasche nehmend.

„Hotel? Ich will zu Joachim!“ schreit sie fast.

„Er ist nicht in der Lage, Aufregungen ertragen zu können, liebe Sophie,“ stottert Bredow. „Eine Graue Schwester ist bei ihm –“

Sie bleibt stehen mitten in der Billethalle des Bahnhofes. „Barmherziger Gott,“ bittet sie, „foltern Sie mich doch nicht so – was ist’s denn mit ihm?“

„Ich will Ihnen sofort Erklärung geben, Sophie, aber nicht hier. Wenn Sie es denn wünschen, kommen Sie zunächst in unser Haus.“

Nach einer Viertelstunde befindet sich Ditscha in Cillys Salon, in welchem eine einzige Gasflamme am Lüster brennt und der in ihrer furchtbaren Angst erstickend auf sie wirkt mit all dem modernen Tand, den Cilly so liebt. Sie ist in einen Sessel gesunken und starrt den Mann an, der sich seines Ueberziehers entledigt und, während er sich die Handschuhe auszieht, pedantisch und leise beginnt: „Die Sache ist die, liebe Sophie – er hat ein Duell gehabt – die Affaire ging unglücklich für ihn aus – er bekam einen Schuß in die Lunge – –“

„Ein Duell?“ fragt sie tonlos und faßt die Lehne des Sessels. „Mit wem? Wieso? Erklären Sie doch!“

„Das ist eine etwas umständliche Geschichte, die mir selbst nicht völlig klar wurde, liebe Sophie. Er hat einen Amerikaner gefordert, der hier in demselben Hause mit uns wohnt, einen Mister Perth. – Ich glaube, unser armer Junge hat sich in die Tochter vergafft, wie’s scheint, ganz ernstlich. Wir dachten übrigens nichts Arges, Cilly amüsierte sich sogar immer königlich über seine Huldigungen, ohne zu thun, als ob sie es bemerke. Wer konnte denn auch denken – hm –, denn – hm – wir verkehrten nicht ’mal – Leute gänzlich unbekannter Sphäre – – Nun glaube ich, wollte er sich auf Ihren Rat, liebe Sophie, der ja auch durchaus richtig ist, zurückziehen – da ist man unangenehm geworden und Madame hat einen ganz impertinenten Ausfall gegen Sie, Sie – liebe Sophie – unternommen. Natürlicherweise konnte Achim das nicht – hm – – Na, wir ahnen nichts – gegen zwei Uhr gestern kommt das alte Waschweib, Mistreß Perth, wie eine Furie herauf, verlangt Cilly zu sprechen und lamentiert schrecklich, schiebt alle Schuld auf Sie, behauptet, Sie von früher zu kennen, und so manches andere. Und seitdem ist Cilly, ich muß es mit Bedauern sagen, in sehr gereizter Stimmung gegen Sie, liebe Sophie, so daß ich es für geratener halte, ihr nicht in den Weg zu kommen. Entschuldigen Sie – mit einer Mutter darf man, angesichts ihres leidenden Kindes, nicht zu genau rechnen.“

Ditscha sitzt während dieser Rede da mit schmerzverzogenem Gesicht, die gefalteten Hände an die Lippen gepreßt, als wolle sie einen Aufschrei zurückdrängen. Nun springt sie empor. „Lassen Sie mich zu ihm – lassen Sie mich bei ihm bleiben!“

In diesem Augenblick öffnet sich die Thür und Cilly, mit vom Weinen verschwollenem Gesicht, ein loses Morgenkleid über ihre kleine korpulente Figur geworfen, kommt herein. Als sie Ditscha erblickt, wendet sie sich ab und will gehen.

„Cilly!“ ruft das Mädchen, „sei barmherzig, laß mich zu ihm, sage doch mir – –“

„Niemals!“ schallt es zurück, „denn Du bist schuld – um Deinetwillen stirbt er! Ein Unglück ist’s, so eine, wie Du, in der Familie zu haben, das sage ich Dir ganz frei heraus in dieser Stunde!“

„So sprich doch, was verbrach ich denn?“ ruft Ditscha.

„Er hat diesen Menschen, diesen Mörder, gefordert, weil – weil er renommierte, früher zu Dir in Beziehungen gestanden zu haben – was leider wahr ist, denn der erbärmliche Patron ist ja der Perthien, mit dem Du damals flüchten wolltest – o, Du denkst, ich kenne diese Geschichte nicht? Tante Anna hat sie mir erzählt; sie hat Dich nie leiden können seitdem. Und Dein Bruder – Dein Bruder geht daran zu Grunde!“

Ditscha greift plötzlich mit beiden Händen an die Stirn und lacht kurz, wie ungläubig, auf. „Perthien?“ sagt sie mit schwerer Zunge – „Perthien?“ Dann bricht sie zusammen. –

Die Graue Schwester hat sich um sie bemüht; sie ist nach langer Ohnmacht wieder zu sich gekommen.

„Muß er sterben, Schwester?“ fragt sie.

„Er ist sehr krank, aber Gottes Gnade ist groß,“ antwortet diese.

„Lassen Sie mich zu ihm, lassen Sie mich!“ fleht sie, „wir haben uns so lieb, Schwester – ich will nichts weiter als seine Hand halten –“

Das gute Gesicht der Pflegerin wird verlegen. „Ach, gnädiges Fräulein, es geht nicht,“ sagt sie, „er darf nicht aufgeregt werden, er – –“

„Aber vor der Thüre lassen Sie mich sitzen, Schwester,“ fordert sie fast schreiend. „Sie wissen nicht, was Sie thun, wenn Sie mich fortgehen heißen – ach, Sie wissen es nicht –!“

Und Ditscha hockt vor der Thür, stundenlang, tagelang, nächtelang. Cilly hört das Schluchzen drinnen am Krankenbette, an dem sie mit der Schwester wacht; sie möchte verzagen, aber was soll sie machen, sie kann doch nicht die Verzweifelnde fortjagen wie einen Hund!

Tage vergehen, Tage, in denen Tod und Leben miteinander ringen. Die Barmherzige Schwester hat schließlich für Ditscha ein Bett in jenes Zimmer stellen lassen, das Stubenmädchen sorgt für Speise und Trank, so gut es geht. Wie es daheim aussieht, daran denkt Ditscha nicht, nur daß der alte Mann nichts erfährt, darum ist sie besorgt. Sie hat an Rothe telegraphiert, er solle sich seiner annehmen. Daß sie von dem Manne, der sie geliebt, eine große Gefälligkeit verlangt, wie man sie nur von einer ganz nahestehenden Person fordern würde, ist ihr nicht klar. Wer fragt danach in solchen Momenten!

Langsam, sehr langsam kommt das erste Hoffnungszeichen. Cilly, die sich gebärdet, als sei sie ihr Leben lang die aufopferndste Mutter gewesen, überläßt zum erstenmal die Nachtwache der Pflegerin und zieht sich in ihr eignes Schlafzimmer zurück. Schwester Josepha mit den freundlichen dunklen Augen, die nun am Bette des Kranken sitzt, läßt auf Ditschas Bitten die Thüre einen Spalt weit offen; Ditscha kann sein Lager sehen, das blasse abgezehrte Antlitz ihres Lieblings. Sie schluchzt leise auf, sie hat es nicht unterdrücken können; nun preßt sie das Tuch an den Mund, denn der Kranke hat den Kopf gewendet.

„Wer war das?“ fragt er matt.

Die Wärterin schüttelt den Kopf.

„Es ist meine Schwester,“ sagt er, „sie soll hereinkommen.“

„Es ist niemand hier,“ wehrt die Pflegerin.

„Es ist meine Schwester, sie soll kommen!“ beharrt er.

Die Pflegerin, die keine Ahnung von den Verhältnissen hat, tritt heraus. „Recht ruhig sein, gnädiges Fräulein, um Gotteswillen ja nicht weinen,“ flüstert sie.

Und Ditscha schwankt an sein Bett. Sie sieht sich kaum noch ähnlich, so haben Angst und Gram sie verändert. Sie beugt sich hernieder, sie will ihn küssen, nur die Hand, die auf der Decke ruht; sie wagt nicht zu schluchzen, aber die Thränen rinnen ihr langsam über das vergrämte Gesicht. Er wehrt hastig ihrem Kuß, und seine Augen bohren sich in die ihren mit einem fremden kalten Blick, den sie noch nicht begreift.

„Ist es wahr?“ fragt er.

„Was denn, mein lieber Jung’?“ flüstert sie, halb erstickt von Thränen.

„Das, was der da unten behauptete und was Mama bestätigt.“

Sie sieht ihn starr an, getroffen bis ins innerste Herz.

„Ich werde ruhiger werden, wenn Du mir sagst, daß sie lügen, Ditscha.“

„Herr Baron!“ ermähnt die Schwester besorgt.

„Sag’ nur Ja! oder Nein!“ fordert er erregt.

Ditscha antwortet nicht. Sie macht eine Gebärde, hebt ein wenig ihre Arme vom Körper ab und läßt sie wieder sinken; ein völliges Gebrochensein spricht aus dieser zustimmenden Bewegung.

„Also – wahr?“ sagt er.

Sie bleibt ohne Regung.

Da wendet er den Kopf von ihr ab und schweigt.

„Achim!“ flüstert sie heiser.

Er rührt sich nicht.

Die Schwester faßt sie um den Leib und will sie hinausführen.

„Achim!“ stößt sie laut hervor, „sag’, daß ich bei Dir bleiben darf – um Gotteswillen!“

Keine Antwort.

„Achim!“ schreit sie noch einmal.

Die Schwester zerrt sie jetzt fast gewaltsam über die Schwelle und läßt sie in einen Stuhl sinken. „Beruhigen Sie sich doch,“ bittet sie, „Kranke sind wunderlich!“

Aber Ditscha kennt ihn besser, sie weiß, er verachtet sie – – –

Als Cilly am andern Morgen durch Ditschas Zimmer geht, ist sie verwundert, dieselbe nicht zu sehen. Sie fragt nach ihr. [496] Die ablösende Schwester hat sie nicht erblickt, das Hausmädchen auch nicht, aber das Stubenmädchen sagt, das gnädige Fräulein sei früh schon ausgegangen.

Spät abends langt Ditscha auf einem Mietwagen in Beetzen an. Der Diener, der ihr den Schlag öffnet, erschrickt wie vor einem Gespenst. Sie redet kein Wort, sie schwankt die Stufen der Treppe empor und verschwindet in ihrem Zimmer. Die Jungfer und Hanne, die von dem Diener benachrichtigt sind, kommen eilig herbei; sie finden ihre Herrin an der Erde auf den Knien wie eine Verzweifelte.

„Ich bin nur gestolpert über den Teppich,“ sagt sie und versucht sich aufzurichten.

„Um Gotteswillen!“ schreit Hanne, als sie das furchtbar veränderte Gesicht erblickt, „Fröln, wo seihen Se ut? Da is’ ein Unglück passiert – uns’ Jungherr is’ dot!“

„Nein,“ sagt Ditscha, „nein, er lebt – aber ich, Hanne, ich bin –“ Und die alte treue Seele hält ihre bewußtlose Herrin in den Armen.




Es ist ein Tag zu Ende des September, ungewöhnlich heiß, fast gewitterschwül, als der junge Baron von Kronen aus seinem Badeaufenthalt, den er in Wiesbaden und später behufs völliger Kräftigung in Blankenberghe verbracht hat, zurückkehrt nach Beetzen.

Mama Cilly hat ihn getreulich überallhin begleitet; er ist so niedergedrückt, daß sie ihn unmöglich allein reisen lassen konnte. Und außerdem sind sowohl Wiesbaden wie Blankenberghe Plätze, die zu besuchen sie schon längst gewünscht hat. Und in der That, es war ganz herrlich dort. Sie schrieb ihrem Mann einen begeisterten Brief über den andern, ihm, der sich mit Teplitz begnügen mußte, da er so teure Orte nicht besuchen kann und sich von seinem Stiefsohn nicht gern traktieren läßt – mit Cilly ist das ja etwas anderes.

Herr von Bredow ist Pedant geworden, der auf Ehre, guten Ton und untadelige Gesinnung alles giebt, aber ganz vergessen hat, daß er als junger Lieutenant etwas Schlimmeres gethan als silberne Löffel stehlen, indem er seinem Vorgesetzten das Herz der Gattin raubte. Die Frau wollte zwar ihr Herz, welches nicht ihr Eigentum mehr war, sich sehr gern stehlen lassen, aber es blieb doch immerhin ein Diebstahl, wenn auch unter mildernden Umständen. Davon wußte er nichts mehr, gar nichts mehr! Es giebt eben Leute, die ein beneidenswertes Talent haben, unangenehme Dinge zu vergessen.

Cilly hat während der ganzen Zeit, die dem Tage folgte, an welchem Ditscha ohne Abschied aus Dresden verschwand, nicht einmal von ihr mit Achim gesprochen. Erstens – er hätte sich aufregen können, und fürs zweite war sie längst eifersüchtig gewesen auf Ditscha. Sie ist ja doch die Mutter und besitzt wahrlich das erste Anrecht auf seine kindliche Verehrung, die Ditscha völlig an sich gerissen hatte; sie hat sich schon genug geärgert über den Kultus, den der Junge mit seiner Schwester trieb – trieb – denn das ist vorbei, seitdem er die Entführungsgeschichte erfahren. Es ist nun ’mal so; die Männer erlauben sich selbst allerhand kleine Abschweifungen, aber die Frau darf das nicht thun, und wenn sie es dennoch thut, dann sicher nicht ohne Strafe – wie es sich hier ’mal wieder deutlich zeigt.

Was hat sie nun? Sie ist eine einsame, verlassene alte Jungfer, deren zweiter Bräutigam, als er den Skandal erfuhr, den Rückzug antrat, die jetzt der Bruder sogar hat fallen lassen, so sehr, daß er nicht einmal mehr mit ihr korrespondiert. Wenn sie den alten Onkel totgepflegt haben wird, steht sie allein da und hat nichts als die Reue über ihre Dummheit. Na, übrigens wäre Ditschas Herrschaft ja so wie so bald vorüber gewesen, wenn es wahr ist, daß eine unglückliche Neigung oft glücklichere Liebe erzeugt. So hat sich’s an Joachim erwiesen; in seiner Brieftasche steckt neben der Photographie der reizenden Komtesse Vollrathen eine Locke ihres blonden Haares; und Frau Cilly findet, daß sie sich als jugendliche Schwiegermutter so übel nicht ausnehmen wird.

Der Zug fährt eben in den Bahnhof ein, Cilly nimmt das Handgepäck zusammen, stellt sich ans Fenster und mustert den Perron.

„Bin neugierig, ob Ditscha uns abholen wird,“ sagt sie über die Schulter zurück. Einmal muß sie ja doch von ihr sprechen.

Joachims Gesicht ist finster und sehr blaß. Er kann der Schwester noch nicht verzeihen; er fürchtet sich vor dem Wiedersehen, dem Zusammenleben mit ihr.

„Ich sehe niemand außer dem Diener,“ erklärt Cilly, ihre langgestielte Lorgnette fallen lassend.

Der Zug hält; sie steigen aus und verfügen sich zum Wagen. Das große Gepäck wird durch eine Pächterfuhre nach Beetzen gebracht, sie können also ohne Aufenthalt abfahren. Daß der alte Franz auf seinem Bock verweinte Augen hat, sehen sie beide nicht.

Joachim ist wortkarg, Frau Cilly sagt: „Findest Du es nun eigentlich nett von ihr, daß sie Dich nicht abholt? Was soll denn werden, wenn gleich von vornherein die Situation auf ‚gespannt‘ gestimmt ist? Du hast doch wirklich genug für sie gethan, Achim, wenn Du Dich halb totschießen läßt um ihre Thorheit.“

Er antwortet nicht und sieht stumm in die Gegend hinaus.

„Das Gewitter kommt nicht vor heute nacht,“ bemerkt Cilly nach einer Pause, „aber es liegt doch schon auf den Nerven – ich habe eine ganz schreckliche Unruhe.“

Als der Wagen vorfährt, erscheint Hanne in der Thüre, Hanne, mit einem merkwürdig blassen Gesicht und so gebeugt, als sei sie um zehn Jahre älter geworden seit dem Frühjahr.

„Der Herr Baron läßt sich entschuldigen, er ist man eben noch ein büschen eingeschlafen,“ sagt sie, aber es klingt, als wollten ihr die Worte kaum aus der Kehle.

Joachims Gesicht ist womöglich noch blasser als vorher; er spricht kein Wort, er nickt nur und blickt um sich, als vermisse er etwas.

In der Wohnstube sieht es merkwürdig öde und verlassen aus, leichter Staub auf den Möbeln überall und in keiner Vase eine frische Blume wie sonst immer – Cilly kann ihren Unwillen nicht länger bemeistern. „Mein Gott,“ ruft sie, „es ist doch wunderbar! Der junge Baron kommt nach langer Krankheit genesen zurück, und niemand erscheint, der ihn begrüßt? Wo ist denn das gnädige Fräulein? Wohl gar nicht zu Hause?“

„Ach, gnä’ Fru,“ sagt Hanne – sie steht in ihrem dunklen Anzug mitten auf dem Parkett, und ihre Hände suchen hastig in der Tasche nach dem Schnupftuch – „ins Haus is’ sie woll noch, abers – – das kann der Herr Pastor“ – sie zeigt auf den eben eintretenden Geistlichen – „ja beter seg’n als wie ich.“ Und dann nimmt sie das Tuch vor die Augen und wendet sich ab.

Es ist nicht mehr der alte weißhaarige Mann, mit dem der Baron Whist spielte, als Ditscha noch ein junges Mädchen war, es ist ein ernster Mann um die Vierzig herum, der Achim eingesegnet hat und der im Hause Beetzen sehr verehrt wird. Er wendet sich zunächst an den jungen Baron, aber die Worte wollen auch ihm kaum aus der Kehle.

„Herr Baron, Sie kehren in einer traurigen Stunde heim,“ beginnt er. „Der Herr hat Schweres über dieses Haus verhängt – heute früh sechs Uhr ist der Todesengel eingezogen, und – –“

„Barmherziger Gott!“ schreit Cilly, „der Onkel! wie ist denn das so plötzlich – –“

„Nicht der Herr Baron,“ fährt der Prediger fort, „der alte schwergeprüfte Mann hat noch den Schmerz erleben müssen, die treue Pflegerin und Stütze seines Alters zu verlieren. Seine Nichte, Ihre Schwester, Herr Baron, ist nach längerem Kränkeln heute früh verschieden.“

Eine längere Pause entsteht, man hört nur das Schluchzen der alten Hanne, dann ist Cilly zu Joachim getreten, der plötzlich schwankt und so sonderbar verstört aussieht. Auch der Geistliche schließt stützend seine Arme um ihn. Hanne kommt mit einem Glas Wasser, ihre Thränen rinnen jetzt ungehindert über das gute alte Gesicht. „Ja, Herr, nu’ is uns aller Sonnenschein fort,“ sagt sie; es klingt wie ein Schrei, das letzte Wort.

Joachim kann nicht reden. Nun macht er sich hastig von dem Prediger los und geht zur Thüre hinaus.

„Herr Baron,“ ruft Hanne, „lassen Sie den ollen Herrn man, er is ja wie zerschlagen von die Trauer!“

Er bleibt stehen. „Warum?“ fragt er halb erstickt, „warum hat man mir nicht geschrieben, daß sie krank ist?“

„O, Herr Baron, sie hat’s nich’ gelitten,“ sagt Hanne ünd faltet die Hände, in denen sie das feuchte Tuch hält; „Sie sollten sich auch um ihr nicht ängstigen, hat sie immer gesagt, Sie wären selbsten krank. Und sie is auch bis vor drei Tagens, wo sie die Nachricht kriegte, daß Sie wedder kommen wollen, noch immer auf gewesen, wenn sie sich auch kaum hat sleppen können, un’ Herr Rothe hat ihr ümmer die Treppens hinauf und herunter tragen müssen, wenn sie zu’n Onkel gewollt hat.“

„Herr Rothe?“ fragt Cilly, die zitternd in einem Sessel sitzt.

„Ja, gnä’ Frau; er hat sie hegt und plegt, weil daß sonst keiner nach ihr fragte, un in seinen Armen is sie hüt’ morgen eingeslafen, un ihm hat sie ihre letzten Grüße bestellt vor ihren Bruder.“

[498] Joachim verläßt jetzt rasch die Stube und schreitet die Treppen empor. Es ist so spukhaft still in dem fast dunklen Treppenhause und dem Korridor. Ihm ist zu Mute, als ob er plötzlich ein alter Mann geworden, als ob ein Jammer auf seinen Schultern hocke, der ihn fast bis zu Boden drückt.

Ditschas Zimmer sind unverschlossen, die Fenster stehen weit geöffnet, hin und wieder zuckt ein Wetterleuchten herein. Ein paar Kerzen flackern auf dem Tisch, um die ein Schwarm Mücken seinen Todesreigen tanzt. – Die Thür zur Schlafstube ist weit geöffnet; auch dort innen matter Kerzenschimmer.

Joachim findet plötzlich nicht den Mut, über diese Schwelle zu treten; er lehnt sich, wie kraftlos, an den Rahmen der Thür. Wie still, wie furchtbar still ist da drüben das Lager, die regungslose schlummernde Gestalt, mit den gekreuzten Händen auf der Brust! Mit dem weißen Antlitz, dem das flackernde Licht der Kerzen Leben zu verleihen scheint. Dazu ein schwerer Duft von welkenden Rosen, die massenhaft auf der Decke liegen, die sie verhüllt.

Es packt ihn ein wahnsinniger Schmerz.

„Ditscha!“ schreit er jammernd auf und stürzt vor, nur neben dem Lager niederzusinken, „Ditscha, vergieb mir – so hatte ich es nicht gemeint!“ und er bricht in ein erschütterndes Schluchzen aus.

Auf der andern Seite des Bettes, der stille Mann kann nicht weinen. Er sitzt da, schon seitdem sie die Augen geschlossen und ihre Hand in der seinen erkaltet ist. Er hat ihr Haupt gebettet und ihr die Lider zugedrückt – er weiß, wie sehr sie ihn geliebt hat – – –.

Alles, alles hat sie ihm erzählt, ihr ganzes Leben, ihr Ringen nach Liebe, ihren Irrtum, ihr Glück durch ihn, ihren Schmerz um ihn – und das Letzte, das Schwerste, den Verlust von Joachims Liebe, dem sie ihr ganzes Leben gab. – –

Er hat sie trösten wollen, hat von einer Zukunft gesprochen, die alles noch gut machen werde –

„Nein, nein – ich bin – habe keine Kraft mehr, glücklich zu sein, ich bin müde, sterbensmüde!“ ist ihre Antwort gewesen.

Ihr letztes Wort, sie sprach es lallend wie ein müdes Kind im Einschlafen, war die tausendmal in diesen Wochen ausgesprochene Frage: „Ist kein Brief von Joachim da für mich? Grüßt ihn von mir – ich habe ihn sehr lieb – ich habe Euch alle so lieb und hab’ Euch doch nur Schmerz gebracht!“

Hanne trippelt leise herein und legt ihre Hand auf die Schulter des jungen Baron. „Steh’n Sie auf, Herr Baron, der gnä’ Herr will Sie sprecken, und Fröln Anna is nu’ auch da – kommen Sie!“

Und als er sich förmlich an das Lager klammert, nickt sie. „Ja, ja – das is nu’ allens zu spät.“

„Kommen Sie, Baron,“ sagt jetzt auch Rothe und richtet den jungen Mann empor, „Hanne hat recht, unsere Thränen, unsere Reue kommen zu spät. – Sie hat Ihnen verziehen und mir verziehen – – Wenn man von einem Erdengeschöpf sagen kann, daß es reinen Herzens war, so ist’s von ihr – Sie dürfen mit Stolz und Ehre ihrer gedenken.“

Und er leitet ihn aus dem Zimmer, hinunter zu dem Fahrstuhl des alten gebeugten Herrn, dem zur Seite Cilly und Tante Anna stehen.

Ditscha bleibt allein – aber das schmerzt sie nicht mehr!