Christian Günther

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Titel: Christian Günther
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 220
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Nach dem Titelkupfer der „Gedichte“ Günthers, Ausgabe v. J. 1764.


Christian Günther. Am 8. April vor zweihundert Jahren wurde in Striegau in Schlesien ein Dichter geboren, dessen kurzer Lebenslauf ein Wirrsal von Verirrungen und Bedrängnissen war und als ein Vorläufer vieler späteren zu Grunde gegangenen Talente betrachtet werden kann, der aber auch, zuerst den toten Formelkram anspruchsvoller Nachahmungen abstreitend, heraussang aus seinem innersten Empfinden, alles was ihn bewegte, Leid und Lust, glühende Leidenschaft und auch wüsten Taumel, und gerade dadurch zuerst die Töne der modernen Lyrik anschlug. Johann Christian Günther dichtete schon auf der Schule, wo ihm für seine gewandte Beherrschung des Verses manches Lob zu teil wurde; nur sein Vater wünschte, daß er den „Bettel“ liegen lassen und seinen ganzen Fleiß einem Brotstudium und zwar der Medizin zuwenden möchte; doch er dichtete überall, im Gehölz, im Garten, im Winkel und auch eine Philindrene hatte er gefunden, der er seine Gesänge widmete. Wer weiß, ob diese erste Jugendliebe nicht vielleicht seinem späteren Leben ein Schutzgeist geworden wäre; doch sie starb früh und bald erfüllte eine andere Liebe fein Herz. Leonore, die Tochter eines Dr. Jachmann in Schweidnitz, hatte es ihm angethan; doch sie ward ihm untreu und gehorchte dem Willen ihrer Eltern, die sie zu einer andern Heirat bestimmten. Im zwanzigsten Jahre hatte Günther die Schule von Schweidnitz verlassen und die Universität in Wittenberg bezogen, wo er sich einem flotten Leben ergab. Gerade aus seinen Gedichten kann man die Roheit des damaligen studentischen Lebens und Treibens erkennen; nicht selten dichtete Günther im Rausche, und der Branntwein war damals ein Lieblingsgetränk der Studenten. In Liebessachen huldigte er der „Freigeisterei der Leidenschaft“; hatte er eine Herzenskönigin gefunden, so übte diese eine Zeit lang einen bessernden Einfluß auf ihn aus, er begann sein verwahrlostes Aeußere mehr zu pflegen, er vertauschte sein abgeschabtes Kleid mit einem besseren und gewöhnte sich ab, „mit sechs Löchern in den Strümpfen und sechs Federn in den Haaren“ zu gehen. Doch nicht lange dauerte die Herrschaft der Einen und eine Alleinherrschaft war es nie gewesen. Das Studium der Medizin vernachlässigte er gänzlich; eher zog die Philosophie eines Wolf und Leibniz ihn an. Dadurch überwarf er sich mit seinem Vater, der streng und unversöhnlich blieb und ihn auch dann nicht sehen und sprechen wollte, als er einmal nach Striegau zurückgekehrt war, um womöglich diesen Zwiespalt auszugleichen, der zu den Hauptschmerzen seines Lebens gehörte. Der Leipziger Professor Mencke, Verfasser einiger schwülstigen Gedichte, interessierte sich für Günthers Talent und empfahl ihn an den Dresdener Hof, wo indes seine Manieren bei den Hofleuten Anstoß erregten und wo er sich durch seine Offenherzigkeiten und seine satirische Bitterkeit Feinde machte. Solcher Feindschaft schrieb man es zu, daß er bei einer Audienz, die ihm König August bewilligt hatte, vollständig betrunken erschien; er sei böswillig von seinen Neidern in diesen Zustand versetzt worden. Natürlich fiel er alsbald in Ungnade und seitdem geißelte er in seinen Dichtungen das Hofwefen. Eine Stellung in Breslau als Hofmeister beim Grafen Schaffgotsch verscherzte er in gleicher Weise. Ein anderer seiner Gönner, Herr von Nimptsch, wollte ihn durch eine Heirat zur Vernunft bringen. Des Pfarrers Töchterlein von Bischwitz, die er in seinen Gedichten Phyllis nennt, der er wohl seine Liebe zu Philindrene und Leonore, aber nicht seine andern Liebschaften gebeichtet, hatte den Mut, sich mit ihm zu verloben; aber er schenkte ihr einen Verlobungsring, auf dem ein Totenkopf angebracht war; er fühlte sich bereits dem Tode verfallen und starb auch nicht lange darauf im Jahre 1723.

Dies sein Leben kann man zum großen Teil aus seinen Gedichten beranslesen, und zwar aus seinen besten, wo dann die Unmittelbarkeit der Empfindung und die Offenherzigkeit der Beichte oft einen ergreifenden Eindruck macht. In sehr vielen Gedichten schwingt er die satirische Geißel, sowohl über schlechte Gelehrte und Poeten als auch über das ganze „Philisterpack“; doch es ist weniger die Ueberzeugung von der Schlechtigkeit der Welt, weniger die Absicht, sie zu bessern und zu bekehren, als die innere Verbitterung, die ihm diese Satiren eingab. Besonders seinen persönlichen Gegnern setzte er aufs schonungsloseste zu. Daneben finden sich zahlreiche Gelegenheitsgedichte in dem damals üblichen Ton; auch politische, wie dasjenige auf Eugen und den Frieden von Passarowitz, das ihm bei seinen Zeitgenossen mehr als alles andere den dichterischen Lorbeer einbrachte. Viele Hochzeitscarmina und Begräbnislieder hat er gedichtet, ganz im Stil der damaligen Gelegenheitspoeten; er spottet indes selbst darüber, daß sein Gaul bei Hochzeiten und Begräbnissen bis Moskau um sechs Groschen traben müsse, der doch der Welt dienen könne, wenn ihm das Volk erlaube, auf eigener Bahn zu gehen. Wo der Dichter aber auf dieser eigenen Bahn ging, da überragte er durch markige Kraft der Sprache und Gefühlswahrheit seine Zeitgenossen. Seine Leonorenlieder besonders nehmen einen dauernden Wert in Anspruch. Jedenfalls ist Günther zu den Weltschmerzpoeten zu zählen und die neuesten Pessimisten mögen in ihm ihren dichterischen Ahnherrn erblicken.