Heldentod Florian Geyer’s und der schwarzem Schaar

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: nach W. Zimmermann
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Heldentod Florian Geyer’s und der schwarzem Schaar
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, 7, S. 84–87, 109-111
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[84]
Heldentod Florian Geyer’s und der schwarzen Schaar.[1]

Eine alte Volksweissagung, die seit längeren Jahren in Deutschland umlief, hieß: Wer im 1523sten Jahre nicht stirbt, im 1524sten nicht im Wasser verdirbt und 1525 nicht wird erschlagen, der mag wohl von Wundern sagen. – Und diese Weissagung erfüllte sich.

Allenthalb durch ganz Deutschland schlug im Frühjahr 1525 die Flamme der Empörung in die Höhe, und die tausendfach gedrückten Bauern griffen zu ihrer alten Wehr und Waffe, um „Adel und Pfaffen abzuthun“ und „die göttliche Gerechtigkeit zu handhaben“, d. h. „die Urrechte des Menschen und Christen, wie sie das neue Testament feststellt, mit Gewalt einzuführen und die Welt nach den Anforderungen und Einrichtungen des Christenthums zu verändern.“ In einzelnen Haufen, die oft vier- bis sechstausend Mann und noch mehr zählten, traten sie unter selbstgewählten Hauptleuten zusammen und begannen fast gleichzeitig, wahrscheinlich auf allgemeine Verabredung, den Kampf. Je nach ihren Standquartieren oder nach der Hauptmasse, welche die Haufen bildeten, führten sie ihre Namen; so der oberallgäuische Haufen, welcher alle Bauernschaften den obern Allgäun umfaßte, der Seehaufen am Bodensee, der unterallgäuer im untern Allgäu, der Baltringer Haufen im Ried bei Baltringen, der Gaildorfer Haufen, nach Gaildorf, der kleinen Residenz der Schenken von Limpurg benannt, der helle (ganze, vereinigte) Haufen Odenwalds und Neckarthals, der Altdorfer, Fuldaische, Orenbacher Haufen u. a. m. Der letztgenannte war, zweitausend Mann stark, Ende März 1525 aus dem Lager von Reichardsrode seitwärts nach dem Taubergrund gezogen, hatte sich hier mit den Odenwäldern vereinigt, verschiedene andere Haufen an sich gezogen, und führte fortan den Namen des „evangelischen Heeres“. –

„Als diese Orenbacher Bauernhaufen nach dem Schüpfer Grunde, einem Thale des Odenwalden, zogen“ – so berichtet Zimmermann, dem wir jetzt wörtlich folgen – „fanden sie unterwegs einen tüchtigen Anführer. Sie kamen nicht weit von der starken Burg Giebelstadt vorüber, die dem edlen Geschlechte der Geyer von Geyersberg gehörte. Einer dieses Geschlechts legte, wie einst Graf Rudolph von Werdenberg unter den Appenzellern, den Rittermantel ab

[85]
Die Gartenlaube (1860) b 085.jpg

Florian Geyer.

und trat zu den Bauern, freiwillig, als ihr Bruder. Es war Florian Geyer, der schönste Held des ganzen Kampfes.

„Sein Schicksal hat nur wenige Züge von ihm in die Geschichte übergehen lassen; aber diese wenigen reichen zu, seine Gestalt zu beleuchten. Es war viel von dem Geiste des edlen Ulrich Hutten in ihm, die neue Zeit hatte ihn ergriffen mit ihren religiösen und politischen Trieben, er gehörte nicht mehr seinem Stand, er gehörte dem Volke, der Freiheit an. Was er vorher war und trieb, liegt im Dunkeln. Daß er in Kriegsdiensten seine Jugend verlebt hatte, erfahren wir daraus, daß er einer von denen war, welche Götz von Berlichingen in den Diensten des schwäbischen Bundes zu Möckmühl gefangen nahmen. War Florian eine Zeit lang vielleicht Hauptmann von Landsknechtsfähnlein? Sein Haufen unterscheidet sich wesentlich von den andern durch kriegerische Haltung und Uebung; man sieht, es ist eine Kriegsschaar, dieser „schwarze Haufe“ unter Florian, wie er sich selbst nannte, und Herr Florian war auch stolz auf seine schwarze Schaar und sprach von den Odenwäldern als zusammengelaufenem Gesindel. Daß er bei der Sickingen’schen Unternehmung war, und unter den geächteten fränkischen Rittern, ist fast gewiß. – –“

Der Graf von Helfenstein, Obervogt auf dem alten Welfenschlosse Weinsberg, hatte bekanntlich von Stuttgart und den Räthen des schwäbischen Bundes Auftrag und Mannschaften erhalten, dem Eindringen der Odenwälder Bauern sich entgegen zu stellen. Kaum auf Weinsberg wieder angekommen, schrieb er aber an die Regierung zurück, daß er mit seinen wenigen Leuten dem mit etwa sechstausend Mann eindringenden Bauernhaufen aus dem Odenwald und Hohenlohischen in die Länge nicht werde widerstehen können. – –

[86] „Schon als Graf von Helfenstein“ – fährt nun Zimmermann fort – „mit seinen anderen Rittern von Stuttgart nach Weinsberg hinabritt, hatten sie alle Bauern, die ihnen unterwegs begegneten, aufgegriffen und erwürgt. Bei seiner Ankunft im Weinsbergerthale fand der Graf, daß bereits, mit Ausnahme von Eberstadt, alle Dörfer des Amtes dem hellen Haufen zugefallen waren. Als die Bauern von Lichtenstern auf Neckarsulm zogen, am Charfreitag, 14. April (1525), forderten sie Weinsberg und die Ritter darin auf, in ihre christliche Brüderschaft zu treten. Während der Graf mit den Bauern unterhandelte, um Zeit zu gewinnen, bis die erwartete Hülfe von Stuttgart käme, unterließ er es dennoch nicht, mit seinen Reitern „den ganzen Tag über ob den Bauern zu halten, und ihnen Abbruch zu thun, so viel ihm immer möglich war.“ Er that sich aus Weinsberg, fiel hinten in den Haufen in den Nachtrab, erstach und beschädigte ihnen Viele, wodurch der Haufen der versammelten Bauernschaft erzürnt und bewegt wurde.

„Zugleich kam Botschaft von der Donau, wie der Truchfeß (Georg von Waldburg, oberster Hauptmann des schwäbischen Bundes) senge und brenne und gegen die gefangenen Bauern blutig verfahre, von der Hinrichtung des Bauernhauptmanns, Meister Jakob Wehe’s, zu Leipheim, von dem Blutbad, das er die Donau hinauf unter ihren Brüdern angerichtet habe, von dem übermüthigen Blutdurst, den er überall gegen die Bauern zeige. Nicht abschreckend, sondern zur Wuth reizend wirkte die Sage von den siebentausend bei Wurzach Ermordeten, welche die Herren mit absichtlicher Uebertreibung ausstreuten, als abschreckende Siegesbotschaft. Die Hauptleute der Bauern betrachteten ihre Sache als einen gerechten Krieg des Volkes gegen die Herren, sie wollten auf dem Kriegsfuß behandelt sein, nach Kriegsrecht und Art. Weder der Truchfeß, noch der Graf von Helfenstein, der während der Unterhandlungen ihre Brüder niederstach, achteten das Kriegsrecht gegen sie, die Bauern. Es schien nöthig, die Herren dazu zu zwingen, zu zwingen durch Repressalien, die zugleich eine Blutrache für den frommen Wehe, für die hingerichteten Hauptleute ihrer Brüder zu Leipheim und Langenau, für die Hingeschlachteten zu Wurzach, für die so eben auf dem Zug durch’s Weinsbergerthal während des Unterhandelns Erstochenen wären.

„Es war Verhängniß, daß Graf Ludwig von Helfenstein und Dietrich von Weiler, der Obervogt von Bottwar, der mit ihm in Weinsberg befehligte, diese Blutrache selbst auf sich herbeiziehen sollten.“

Wir übergehen hier die Unterhandlungen zwischen den Führern der Bauernschaft und dem Obervogt und dem Bürgermeister von Weinsberg, welche letztere nur verächtliche Antworten ertheilten. Das Nähere hierüber lese man in Zimmermann’s Werke selbst nach, und nur das Eine mag hier noch bemerkt werden, daß auf Dietrich von Weiler’s Befehl auf die Abgesandten der Bauern, die vor dem Thorhause von Weinsberg wegen einer Unterhandlung erschienen waren, gefeuert und einer derselben schwer verwundet wurde.

„Die Bauern“ –fährt Zimmermann fort – „standen während dieser Verhandlung in drei Haufen ruhig, aber in Schlachtordnung. Voran Florian Geyer mit der schwarzen Schaar; hinter ihm ein zweiter Haufen; die große Zahl der Bauern hielt noch gegen Erlenbach und Biswangen hin. Die Schüsse von der Mauer und dem Thorhause, welche einen der Gesandten blutig niederwarfen, waren das Signal; Florian Geyer mit dem schwarzen Haufen bewegte sich vor die Burg; der Haufen hinter ihm eilte vor die Stadt hinab, und der ganze große Haufen, der noch gegen Erlenbach und Biswangen hin stand, eilte im Sturmschritt heran.

„Auf der Ebene von Erlenbach schon hatte ein „schwarzes Weib“ den Segen über das Bauernheer gesprochen.

„Als eine ganz eigenthümliche Gestalt im Bauernheere ragte die Böckingerin hervor, die man unter dem Namen der „schwarzen Hofmännin“ in der ganzen Gegend kannte. Der Volkskrieg dieser Zeit hatte auch seine Heldinnen; und klebt ihr auch Blut und Grausen an, und scheint sie der Menschlichkeit fast wie der Weiblichkeit entwachsen, den Ruhm der Heldin hat selbst die Parteileidenschaft durch treue Aufbewahrung der Acten der schwarzen Böckingerin eher gerettet, als geraubt.

„Der Glaube ihrer Zeit und ihrer Umgebungen schrieb ihr geheime Kräfte zu: Zauberkünste, Segens- und Bannsprüche, einen Wahrsagergeist. Sie war des Bauernführers Jakob Rohrbach’s Freundin, Rathgeberin, Helferin, sein Sporn und sein mahnender Geist; oft stärkte sie ihn, wenn er wankend werden wollte: „er solle seines Vernehmens nicht nachlassen, Gott wolle es!“

„Den Adel haßte sie furchtbar. Was diesen Haß, diesen Durst nach Rache in der Brust dieser gewaltigen, leidenschaftlichen Bäuerin veranlaßte, ist unbekannt; sie ruhte nicht, bis sie das Landvolk unter den Waffen sah. Auch die Städter haßte sie, und besonders die stolzen Städterinnen von Heilbronn. Man hörte sie sagen, sie wolle noch den gnädigen Frauen die Kleider vom Leibe abschneiden, daß sie gehen wie die berupften Gänse. Sie trug es schwer, daß die Heilbronner den schönen Wasen zwischen Böckingen und der Stadt sich zugeeignet hatten, der lange gemeinschaftlich gewesen war. Sie klagte laut, „die von Heilbronn haben ihr und einer armen Gemeinde zu Böckingen das Ihrige gewaltsam genommen; das müssen und wollen sie jetzt denselben wieder abnehmen.“

Die Eroberung von Weinsberg ist bekannt. Wenn wir die Einnahme durch die Bauernhaufen und die von ihnen daselbst verübten Blutthaten bei unsern Lesern voraussetzen müssen, wenn wir unser Auge mit Abscheu von den schrecklichen Scenen abwenden, welche die von bitterem Grimm erfüllten Bauern nach errungenem Siege aufführten, zu dem zunächst Florian Geyer mit seinem schwarzen Haufen durch Eroberung des Schlosses das Meiste beigetragen, wenn wir der Ermordung des Grafen von Helfenstein, der mit dreizehn seiner adligen Genossen von den Bauern durch die Spieße gejagt wurde, nicht ausführlicher gedenken und unsere Leser abermals auf Zimmermann’s treffliches Werk hinsichtlich der Einzelheiten verweisen: so geschieh es nur, weil diese Episode zunächst nur dem Wirken Florian Geyer’s im großen Bauernkriege gilt.

„Nach Eroberung der Stadt“ – erzählt Zimmermann weiter – „verbrachte der Haufen mit Plündern, mit Trinken und Essen die Vormittagsstunden, und dabei ging das alte Welfenschloß in Flammen men auf. Die Obersten aber saßen zusammen und hielten Kriegsrath. Darin stellte Florian Geyer den Grundsatz auf, man solle alle festen Häuser ausbrennen, und ein Edelmann nicht mehr denn eine Thüre haben, wie ein Bauer. Die Andern hatten kurz zuvor den Satz angenommen, daß alle Klöster abgethan werden, die Mönche backen und reuten müssen, wie die Bauern. Jetzt wollen sie zuerst auf Heilbronn ziehen und die Stadt in ihre Verbrüderung bringen, damit der Haufe vom Neckarthal von dieser Seite gesichert wäre; dann wollten sie durch das Mainzische auf Würzburg losgehen und, sei dieses gewonnen, alle Domherren, Pfaffen und den geistlichen Fürsten hinausjagen. Florian Geyer sah darin der Sache noch kein Genüge. Er glaubte, wenn das Volk frei werden sollte, müsse der Adel wie die Pfaffen den Bauern gleich gemacht werden, daß nur ein Stand würde auf deutschem Boden, der Stand der Gemeinfreien. Er erkannte es als eine Halbheit, nur die geistlichen Herren beseitigen zu wollen. Zwei Bäume waren es in seinen Augen, vor denen die junge Pflanze der Volksfreiheit nicht aufkommen konnte; er wollte beide zugleich umgehauen wissen, und nicht blos umgehauen, sondern entwurzelt, daß keiner ein Schoß mehr triebe. Darum drang er auf Zerstörung aller Herrensitze, der weltlichen wie der geistlichen. Florian Geyer war einer von den Wenigen, die im Bauernheere wußten, was sie wollten; und als er den Rittermantel ablegte und sein Schwert in die Schale des Volkes warf, wußte er, daß es ein Trauerspiel sein müsse, worin er jetzt mitzuspielen sich entschlossen hatte; aber er wollte nicht nur einen Act, sondern das ganze Trauerspiel, den Sturz nicht nur einer Seite der Herrschaft, sondern des, ganzen Herrenthums. Nur für die Freiheit des Ganzen war er, das Glied eines freien Standes, von diesem, der Ritter von der Ritterschaft, abgefallen. - -

„Nach der Blutthat von Weinsberg wird Florian Geyer’s Name nicht mehr im Bauernrathe genannt, und er trennt sich mit seiner schwarzen Schaar von dem hellen Haufen, an dessen Spitze einer der Schreckensmänner im Bauernheere, Jäcklein Rohrbach, stand.

„Florian Geyer hatte bisher, er hatte zuletzt bei der Erstürmung des Weinsberger Schlosses seine Tüchtigkeit bewährt, er war die eigentliche militairische Intelligenz im Haufen; in seiner schwarzen Schaar verlor der helle Haufen seine besten Kriegsleute, in Florian Geyer selbst nicht blos das einzige kriegsverständige Haupt, sondern den tüchtigsten, treuesten und redlichsten Führer, wie sie nie mehr einen bekommen konnten. Mit seinem Abgang war der Riß eröffnet, der sich von nun an zwischen den Unternehmungen des hellen Haufens und des großen fränkischen Heeres zum unberechenbaren Nachtheile der Volkssache zeigt.“

[87] Wir finden unsern Helden mit seiner schwarzen Schaar nach einem Zuge an die Tauber am Abend des 6. Mai zu Heidingsfeld, hart am Mainufer, im Angesicht des Frauenbergs, wieder, wohin am nächsten Tage in allerlei bunten Farben die zahlreichen Fähnlein des „hellen lichten Haufens vom Odenwald und Neckarthal“ unter Götz von Berlichingen und Georg Metzler zogen, um an der von Florian Geyer warm empfohlenen Eroberung des vor Würzburg gelegenen Frauenbergs Theil zu nehmen. Wir übergehen die Belagerung dieses wichtigen Punktes und wenden unsere Blicke auf den letzten Act der großen Tragödie, in welcher Florian Geyer und seine schwarze Schaar den Heldentod fanden.

„Wie mögen“ – spricht Zimmermann in seinem klassischen Werke über den großen Bauernkrieg – „die Bauern vom Odenwald und Neckarthal auf dem Wartberg bei Königshofen, das Heer des schwäbischen Bundes und die nahe Schlacht vor Augen, wie mögen die in den bedrohten Städten und Flecken umgeschaut haben nach der erwarteten, nach der verheißenen, nach der eilends herbeigerufenen Hülfe, nach den Fähnlein von Würzburg, nach Florian Geyer und seiner schwarzen Schaar! Aber dieser edle Geist, durch Tugend und Wort und militairische Kenntniß überlegen, hatte bei dem Bauernrath in Würzburg genirt, und sie hatten ihn ausgeschickt auf diplomatische Reisen und ihm das Schwert aus der Hand gewunden.“

Florian Geyer war auf einer Gesandtschaft an Markgraf Casimir von Ansbach-Bayreuth, um die Unterhandlung zur Verbrüderung zu beendigen und den Frieden zwischen ihm und seiner Bauernschaft im Aischgrund wieder herzustellen; am Samstag vor Pfingsten, den 3. Juni, kam Florian Abends zu Rotenburg an der Tauber an, wo er auf das Geleit des Markgrafen von Ansbach-Bayreuth warten wollte. Da riß ihn die Botschaft von der Nähe des Truchseß mit dem Heere des schwäbischen Bundes wieder auf’s Pferd. Er ritt die ganze Nacht hindurch und war vor Tagesanbruch des vierten Juni im Lager zu Heidingsfeld bei Würzburg.

Sowohl er, als die von Schweinfurt zurückreitenden Landtagsabgeordneten der Bauern sahen unterwegs mit Schrecken Abends den Himmel geröthet von einem Feuermeer gegen Schwaben zu: es waren die von dem Fürstenheer angezündeten Dörfer um Königshofen. Aber sie wußten noch nichts von der dasigen Schlacht und ihrer Brüder Untergang.

Je näher das Fürstenheer rückte, desto mehr verfiel Alles in Würzburg, sowohl unter der Bürgerschaft in der Stadt, als in dem großen vereinigten Bauernheer, das nun schon in die vierte Woche den Frauenberg belagerte.

Viele Bürger in der Stadt waren ganz kleinmüthig, so sehr sie bisher vorn dran gewesen waren. Andere, die bisher lautlos gewesen, gackerten und schnatterten jetzt: „Hab’ ich nicht vor dieser Zeit gesagt, man solle das Ende beachten? Wollte Gott, daß sich fromme, redliche Leute unser annähmen, daß wir zu Frieden kämen; wir sind sonst Alle verdorben, ermordet, verbrannt, vertilgt, Weib und Kind.“ Die Stiftsgeistlichen, deren viele in Würzburg zurückgeblieben waren, und welche die Spione und Verräther für die Belagerten auf dem Schloß gemacht hatten, schüchterten jetzt heimlich die Menge ein, machten sie mißtrauisch gegen die Obersten, beredeten die Einzelnen im Stillen, auf Unterwerfung unter den Bischof und den schwäbischen Bund zu dringen.

Die Mehrheit in der Stadt und draußen im Lager war so zaghaft und ungewiß, daß Viele meinten, der Zug gegen den schwäbischen Bund, ihren Brüdern am Neckar zu Hülfe, sei nicht zu wagen. Doch zogen die Hauptleute zu Anfang der Nacht vom 2. zum 3. Juni mit dem Heer aus. Zu Heidingsfeld sahen sie den Bauernhans aus Mergentheim athemlos daher reiten; er kam flüchtig von Königshofen und erzählte den Hauptleuten allein die Niederlage, so daß ihnen graute und sie schnell das Heer nach Würzburg zurückführten. Die zu Randesacker warfen die Ersten, die von Königshofen ankamen, in Fesseln und schickten sie als Lügner, als Ausreißer in’s Hauptquartier. Aber ihr Zeugniß stimmte mit dem des Bauernhans nur zu sehr überein. Da stahl sich dieser und jener davon, der bisher vorn daran gewesen war, und Bürgermeister und Rath zu Würzburg schrieben heimlich ein unterwürfiges Schreiben an den Truchseß. Nachmittags am 3. Juni ritt Einer ein, der sagte aus, es sei nichts, daß ihre Brüder vernichtet seien, sie lagern beisammen und harren auf Zuzug und Hülfe der Würzburger; und zu gleicher Zeit zog Gregor von Bernheim, der ebenso kriegskundige als tapfere Hauptmann, mit seinem Fähnlein vom Aischgrunde ein, die erzählten, wie der Markgraf vor ihnen geflohen sei. Das elektrisirte wieder etwas. Um 9 Uhr Abends zogen die beordneten Fähnlein wieder aus, Bruder Ambrosius gab ihnen den Segen, wie sie vor ihm vorüberzogen, und feuerte sie an, für Gottes Wort tapfer zu streiten. Zu Heidingsfeld ruhten sie die Nacht, aber in dieser Nacht entwichen wieder viele der Hauptleute und derer, die in Aemtern waren. Es war die höchste, es war die äußerste Zeit, daß der kühnste Heerführer der Franken, daß Florian Geyer mit dem grauenden Morgen daher jagte, und ehe die Sonne des Pfingstfestes heraufstieg, stiegen Gregor’s entschlossene Männer, eine Zahl Fähnlein des Heeres, darunter die der Würzburger und der Kitzinger Bürgerschaft unter Jakob Köhl und die Trümmer der schwarzen Schaar unter Florian Geyer, den Wald über Heidingsfeld hinauf, die Straße nach Röttingen zu. Dieser vereinigte Heerhaufe zählte jedoch nicht viel über 4000 Mann. Die andern Fähnlein waren vor dem Frauenberg zurückgeblieben. Sie hatten viel leichtes Feldgeschütz bei sich.“

[109] So still der Abzug von Würzburg geschehen war, so hatte man ihn doch vom Schlosse aus bemerkt, und in derselben Nacht rauschte der bischöfliche Marschall Truchseß mit 250 Reitern bis zum Ruck des Frauenbergs heran und schickte etliche Knechte bis an den lichten Zaun, eine Leiter ließ sich auf ein Zeichen von den Zinnen herab, Drei stiegen in’s Schloß und meldeten den Sieg bei Königshofen und den Anzug des Fürstenheeres. Der Wächter auf dem mittlern Thurme mußte auf den Jubel der Besatzung den Bauern das Spottlied hinabblasen: „Hat dich der Schimpf gereut, so zeuch du wieder heim“, der auf dem andern Thurme blies den Würzburgern den „armen Judas“. Die im Schloß theilten den Boten den Zug des schwarzen Haufens die Waldsteige hinauf mit, sie stiegen hinauf, meldeten es dem bischöflichen Marschall, und der jagte mit der wichtigen Kunde davon. Die Büchsenschützen der Bauern in der Tellschanze sahen die Reiter, schossen durch die Dämmerung auf sie, in der Stadt wurden die Sturmglocken angezogen, der Marschall und die Reiter verschwanden im Wald; der erschreckten Menge sagten die Hauptleute in Würzburg, es seien nur gespenstische Reiter, keine Bündischen gewesen; der große Schwarzkünstler, der Barfüßlermönch (ein geschickter Feuerwerker im Schloß), habe sie ihnen vorgezaubert.

Der bischöfliche Marschall ereilte zwei Stunden von Giebelstadt den Truchseß und die Fürsten. Er war Florians Haufen bis auf eine gewisse Strecke nachgeritten, dann seitwärts, vom Nebel verdeckt, durch die Thäler. Die Schwarzen, sagte er den Fürsten, seien im Anzug und nicht eine halbe Meile von da.

Am Pfingstfest war das Fürstenheer, nachdem es einen Tag von Marsch und Schlacht gerastet hatte, aufgebrochen und zog auf Würzburg. Beim Aufbruch hatten die Fußknechte des Truchseß sich geweigert, mitzuziehen; sie machten, vielleicht schon durch die von Würzburg ausgesandten Werber bestochen, eine Meuterei und bewegten des Pfalzgrafen Knechte auch auf ihre Seite; sie wollten einen Schlachtsold von der letzten Schlacht haben. Der Truchseß erinnerte sie ihres Eites; umsonst. Damit sie sich nicht des Geschützes bemächtigten, ließ er es voranführen und zog mit dem reisigen Zeug hintennach. Auf der Höhe erfuhr er den Anzug der Bauern. Er schickte seinen Herold an die Knechte mit ihnen zu handeln, daß sie im Angesichte der Feinde als fromme Knechte bei ihrem Eide thun wollten. „Nichts Eid! Geld, Geld!“ riefen sie. Sie hielten eine Gemeinde, darin war ein großes wüstes Geschrei. Die Mehrheit war, wer ziehe, den wollen sie zu todt schlagen. Drei weigerten sich, mit ihnen zu halten; sie lagen augenblicklich erschossen in ihrem Blute. Der Truchseß hätte die Meuterer gern gezüchtigt, aber, den Feind vor sich, „trug er Sorge, es könnte ihm wie Herzog Leopold von Oesterreich geschehen, wenn er die Bauern angriffe, daß die Knechte hinten in die Reisigen fielen, wie sie sich dessen vielmal hören ließen.“ Doch folgten dem Truchseß fast alle Hauptleute, Fähndriche mit den Fähnlein, Waibel und Doppelsöldner mit vielen Fußknechten, die sich mit Geschicklichkeit von dem Haufen machten, und ehe der Truchseß eine starke Stunde gezogen war, fanden sich noch bei tausend weitere Knechte bei ihm ein.

Herr Florian, Köhl und Gregor, welche die ersten Boten der Königshofer Schlacht nicht gesprochen, keine weitere officielle Kunde erhalten hatten, glaubten dem letzten Boten, glaubten ihre Brüder noch vorhanden, und ihre Leute waren größtenteils noch voll Muths und Zuversicht, und schwuren, wenn sie sich mit ihren Brüdern vereinigt hätten und als ein Heer der Rache auf den Bund sich würfen, keinen Gefangenen leben zu lassen, sondern die Reiter aufzuhängen, den Fußknechten aber die Hälse abzuschneiden. Da sie ihre Brüder zwischen sich und den Bündischen voraussetzten, zogen sie sorglos von dem Schloß Ingolstadt hervor auf den großen Flecken Sulzdorf in’s weite Feld.

Herr Georg ritt selbst mit etlichen Pferden vor, den Feind zu besehen, und er fand, daß es zunächst darauf ankam, die Bauern von dem Guttenbergerwald, den sie eine kleine halbe Meile Wegs hinter sich hatten, abzuschneiden. Er verordnete die Berittensten mit den Rennfahnen voraus, und alle Geschwader zogen gleich hinten nach. Sobald die Bauern die feindlichen Rennfahnen gewahrten, [110] die auf die Ahnungslosen hervorbrachen, wollten sie wieder hinter sich in den Wald. Aber diese, die sie auf beiden Seiten anfielen, schwenkten eben so schnell ab und waren ihnen schon im Rücken, zwischen ihnen und dem Wald, und vorn daher rückte mit allen Geschwadern, mit Fußvolk und allem Geschütz der Truchseß. So sahen sich die Bauern jählings vom Fürstenheer im weiten freien Felde übereilt, umsetzt und angegriffen, daß sie weder ihr Geschütz noch ihre Wagen wieder zurück oder in einen bessern Vortheil zu bringen vermochten. Herr Florian ließ in diesem Unglück schnell, so gut er es konnte, alle Fähnlein der Bauern in Schlachtordnung treten, errichtete ringsum eine Wagenburg, mit sechsunddreißig Geschützen auf Rädern unterspickt, und begann das Feuer gegen die Reisigen. Wie aber der Schenk von Schwarzenberg mit seinen Schützen angriff, und der ganze bündische reisige Zeug und das furchtbare Geschütz daherkam, öffnete sich hinten die Wagenbürg, die Bauern begannen zu fliehen, und die ersten Muthlosen rissen die andern nach. Flüchtig im ganzen weiten Felde, wurden sie erritten, erstochen, todtgeschlagen, durch alle Straßen, Wege und Wälder, wohin sie flohen. Bis Ochsenfurt hier, bis an den Main dort verfolgten sie die Reisigen. Ein flüchtiger Schwarm entlief bis Eisfeld oberhalb Heidingsfeld und wurde hier im Kirchhof, wo sie sich setzen wollten, erstochen. Ein Theil floh nach Sulzdorf, Giebelstadt, Bütthard und andern Dörfern. Sechzig Bauern wurden lebend gefangen; die sie fingen, wollten ein großes Lösegeld aus ihnen ziehen. Als sie sie zur Wagenburg brachten, wurden sie auf Befehl des Truchseß auf einen Haufen erstochen, „da sie ja geschworen haben, auch keinem Bündischen das Leben zu schenken“; Beweis, daß auch hier feindliche Kundschafter unter dem Zug gewesen.

Fliehen war Herrn Florians Sache nicht, und seine Braven hielten auch bei ihm aus, während Alles auseinander floh. Mitten im allgemeinen Entlaufen und Morden zogen in die Sechshundert des Haufens mit Büchsen, Wehren, langen Spießen und Hellebarden, Kriegsleute und andere tapfere Männer, in festgeschlossener Ordnung, gegen Dorf und Stadt Ingolstadt sich zurück. Es war Florian Geyer mit dem Rest seiner schwarzen Schaar und fünfzig freien Knechten, welche die Geistlichkeit Würzburgs geworben hatte und die sich ihm anschlossen. Auch an dieses Häuflein raffelten wieder und wieder die Reisigen heran, und prallten jedesmal zurück vor den guten Schüssen der schwarzen Schützen und ihren langen Spießen. Hinter der Domhecke des Dörfchens Ingolstadt setzte sich die tapfere Schaar. Pfalzgraf Ludwig führte jetzt selbst seine 1200 Reiter und Reisige gegen sie heran. Da warfen sich 200 der Bauern in den Kirchhof, die Kirche und den Kirchthurm, 3 bis 400 erreichten das Schloß. Die Uebermacht drängte die im Kirchhofe alle in die Kirche zurück. Vom Thurm, vom Dach der Kirche herab blitzte Schuß auf Schuß, trafen Ziegel, Mauerstücke auf die Bündischen; diese warfen Feuerbrände hinein, und Kirche und Thurm mit den Tapfern darin verbrannten; aber noch aus den Flammen heraus schossen und warfen sich diese auf ihre Feinde und tödteten und verzehrten, noch während sie verzehrt und getödtet wurden. Nicht Einer dieser Tapfern blieb leben.

In den Ruinen des alten Schlosses schien sich alles Heldenthum des ganzen Bauernkrieges, wie in einem Brennpunkt zu sammeln. Das Schlößchen, schon vor fast einem Jahrhundert von den Rotenburgern gebrochen, später wieder in etwas aufgebaut, und am 7. Mai von Bauern wieder ausgebrannt, hatte noch hohes und gutes Gemäuer, mit einem großen starken Thurm und tiefen Graben. Herr Florian war selbst darinnen. Sie verbauten sich durch Verrammelung der Thore so schnell, daß Niemand zu ihnen kommen mochte, „und schossen so feindlich heraus, als stünde keine Sorg’ ihnen da an ihrem Verlust; sie begehrten auch weder Gnad’ noch Fried’“. Nur drei Feige waren darin. Die liefen heraus, Gnade zu erlangen, wurden aber auf der Stelle von des Pfalzgrafen Trabanten erstochen. Der Pfalzgraf mit fast dem ganzen fürstlichen und bündischen Zeug häufte sich vor dieser Ruine. Man richtete alles Geschütz wider sie, groß und klein; und auf das furchtbare Feuer fiel die Mauer, wohl auf vierundzwanzig Schuh Breite, von oben her zu einem großen Sturmloch, gegen sechs Schuh auf den Grund herab, und sogleich traten die Fußknechte begierig den Sturm an, durch einen wüsten moosigen Graben voll lehmigen Kothes, und mit ihnen Grafen, Herren, Ritter und Reisige, die alle von den Gäulen abstiegen, in einiger Unordnung, weil sie den Sturm leicht zu gewinnen meinten. Ganz wüst vom Schmutz des Grabens fielen sie über die Mauer hinein gegen die Feinde mit ganzem Haufen und ganzer Kraft. Aber auf der Bresche standen Männer, entschlossen, vor der schweren Stunde zu bestehen und ihren Feinden und dem Schicksal Achtung abzugewinnen. Mit einem Kugelregen empfingen sie die Stürmenden und mit einem Hagel von großen Steinen, und trieben sie mit großer Gewalt wieder hinter sich, über die zerschossene Mauer hinaus bis in den Graben; über Hundert der Stürmenden waren getödtet oder verwundet, „darunter viele Herren und gute Gesellen“. „Haben sie drinnen,“ sagten Sachverständige, „zu ihren Handrohren Steine und Pulver genug, werden wir ihnen heut schwerlich was anqewinnen.“ Das schwere Geschütz erweiterte die Bresche, während die im Schloß arbeiteten, Steine zu tragen und zu verterrassen.

Zum andern Male wurde der Sturm angelaufen in ganzem Ernst. Viele Grafen und Herren, Edle und Unedle, kamen zu der Bresche hinein und freuten sich, die größte Noth überschritten zu haben; kein Schuß von innen heraus fiel mehr; die Belagerten hatten ihr Pulver fast verschossen, und mit Jubel drangen die Herren vor. Da fing Kampf und Noth erst recht an. Inwendig vor ihnen, zwischen der zerschossenen Mauer und dem Hofe des Schlosses, darin sich die Schwarzen enthielten, war noch eine Mauer, wohl eines Spießes Höhe hinauf, durch welche nur ein Fenster und eine enge Thür hinein gingen. Durch Fenster und Thüre und von oben herab wehrten sie sich mit Werfen, Stechen und gut gezielten Schüssen aus ihren Handrohren. Doch wurde „von Gnade Gottes“ keiner der Herren getödtet, so sehr sie in Gefahr ihres Lebens standen, und so viele gequetscht und verwundet wurden. Sie sahen sich zum zweiten Male abgetrieben. Mancher Knecht wollte nicht ganz abweichen und nachlassen; „wie Katzen“ hielten sie sich an der Mauer kletternd.

Jetzt legte man dan Geschütz anders und richtete es durch die zerschossene Mauer hinein an die innere Mauer und zerschoß sie darnieder, daß Weite genug war, hinein zu fallen. Die Büchsenmeister hatten ihre Geschütze bis an den Rand des Grabens vorgelegt, da sie von den Handrohren der schwarzen Schützen, wie sie sahen, nichts mehr zu fürchten hatten.

Der Fußzeug des Bundes und die Herren liefen nun den dritten Sturm an mit aller Macht und allem Zorn über das zweimalige Mißlingen. Schon sind viele im Schloß durch die heiße Arbeit müd und kraftlos. Einem Fähnlein, schwarz und gelb, gelingt es, auf die Mauer zu kommen; die Knechte kommen nach; bald wehen noch drei Fähnlein neben dem erstern. Der Fähndrich Hans Sattler von Augsburg sinkt; es sinkt der Fähndrich von Nürnberg, hart getroffen bis auf den Tod. Die Knechte hatten keine Büchsen, wie die Schwarzen kein Pulver; es war ein Kampf mit Mauersteinen, bis der Haufen der Knechte den Graben durchwatet hatte und nachkam. Da drangen sie an beiden Enden zuletzt, wiewohl schwer, an der Bresche und bei dem Thore hinein und drückten die schwarzen Helden in die letzten Ruinen zurück. Niemand will, Niemand gibt Gnade; im wilden schrecklichen Getümmel und Grimm des Todeskampfes durchkreuzen sich hündische und bäurische Arme, Schwerter, Lanzen und Hellebarden, eng und enger zusammengedrängt; würdig, daß ihnen Besseres geworden wäre, und theuer ihr Leben verkaufend, sind schon die meisten der schwarzen Schaar, auch die fünfzig freien Knechte, gefallen. Bei fünfzig zogen sich in den tiefen Schloßkeller zurück und wehrten sich verzweifelnd daraus. Die Feinde warfen durch die Oeffnungen brennende Strohbündel und darauf Pulverfäßchen hinein, daß sie Alle darin starben, bis auf drei, die in der Dunkelheit entkamen. Zweihundert und sechs Leichen der schwarzen Schaar lagen umher im engen Raum der Ruinen: nicht darunter Herr Florian. Begünstigt durch die tiefe Nacht, die unter Sturm und Gefecht eingebrochen war, hatte er mit einer Handvoll der tapfersten und stärksten Männer, gegen zweihundert, als die Bündischen das Schloß überwältigt hatten, in ein nahes Gehölz sich durchgeschlagen. Während der Pfalzgraf zur Siegesfeier alle Trommeten schmettern und alle Heerpauken schlagen ließ, umstellte er das Wäldchen, da man in der Nacht nichts gegen die darin vornehmen konnte, mit Reisigen, damit keiner entlaufe. Herr Florian setzte den Kampf auch in der Nacht aus dem Wald heraus fort, bald hier bald dort verbrechend, bis es ihm gelang, mit einer Zahl der Seinigen durchzubrechen und das Weite zu gewinnen. Mit dem Morgen fielen die Bündischen in’s Gehölz und erwürgten Alles darin, was dem kühnen Führer zu folgen nicht mehr Muth genug gehabt hatte, und [111] lieber widerstandslos sich erstechen lassen, als fechtend fallen oder sich retten wollte. Nur siebzehn Gefangene waren in allen diesen Gefechten am Pfingstfest angenommen worden.

Das bündische Heer „hatte an diesem Tage mehr Leute verloren, als je bisher an einem Tag, die Böblinger Schlacht ausgenommen,“ und bei Königshofen und Ingolstadt hatten die Pferde so sehr gelitten, daß sie nachher im Lager zu Heidingsfeld in solcher Anzahl fielen, „daß man vor dem Geruch fast nicht bleiben konnte und das Lager verrückte.“ Der Truchfeß ließ das Lager schlagen eine Viertelmeile vom Schloß, „in einem Moos, bei einem rinnenden Wasser, daselbst die Nacht Ruhe zu haben,“ während die Dörfer Bütthard, Sulzdorf, Ingolstadt und Giebelstadt mit ihren Flammen als Wachtfeuer leuchteten. Sie alle waren umstellt und angezündet worden; was von Bauern darin blieb, kam durch’s Feuer um; was herausfloh, durch die Reisigen. In Giebelstadt, wo Florian Geyer’s Vaterschloß war, hart gegenüber dem Schloß der Zobel, schossen sie aus den brennenden Häusern noch auf ihre grausamen Feinde. Von allen darin waren noch sieben übrig; die krochen in’s Gesträuch am Schloßgraben. Die Reiter, die zu Roß nicht dahin kommen konnten, riefen in entsetzlichem Scherz hinüber, wer die Andern erstäche, solle begnadigt sein. Und einer erstach fünf seiner Brüder, mit dem sechsten ringend, stürzte und ersoff er im Schloßgraben; fest sich umklammernd fand man zwei Gerippe, als man später das Wasser abließ.

Bis Würzburg hin zeigten die brennenden Dörfer die Spur der Bündischen; um nach Würzburg zu gelangen, hätte Florian Geyer mitten durch das Heer der Sieger hindurchgehen müssen; er schlug den Weg zu dem Gaildorfischen Haufen ein, der sich ihm besonders verbrüdert hatte. Alle die Seinen, bis auf Wenige, hatte Florian verloren, alle waren ihm erschlagen an einem Tage des Zorns; er stand einsam, schwieg und trug’s: Zweierlei hatte er nicht verloren, sich selbst und die Hoffnung. So lang ihm Arm und Schwert blieb, blieb ihm der Wille, seinem deutschen Volke zu helfen, und der Glaube an die Möglichkeit.

Der große Gaildorf-hallische Haufe hatte noch keine Verluste erlitten. Gegen 7000 hatten sich zuletzt noch im Lager bei Thann zusammengezogen. Eine Abtheilung zu Roß und zu Fuß war vom Bundesheer schon bei Neckargartach seitwärts in’s Kocherthal entsandt worden und hatte sich mit dem Kriegsvolk der Stadt Hall vereinigt. Den Gmünder Wald hatten sie gebrandschatzt und geplündert, in der Stadt Gmünd den neuen Rath abgesetzt und um Geld gebüßt, den alten wieder eingesetzt, das Haus des Pradicanten niedergerissen. Dieser und die meisten Goldschmiede waren entwichen. Die Gerüchte von den Niederlagen rings umher, des Truchseß, Drohbriefe, des obersten Hauptmanns der Gaildorfer Einverständniß mit den Herren hatten die Folge, daß der Haufe sich auflöste, namentlich die Hallischen Bauern den Winken ihres Raths folgten und, ehe sie gestraft wurden, über Nacht neu huldigten. Die bündischen und die Hallischen Knechte zogen gegen den Rest des Haufens, der 2000 Mann stark noch bei Thann lagerte, und gedachten ihn zu überfallen. In Thann aber fanden sie keine Seele. Durch Feuerzeichen auf den Bergen und durch Warnschüsse von der Absicht ihrer Feinde benachrichtigt, hatten sich die Bauern in die Wälder zerstreut. Die grauenvollen Erzählungen von Königshofen und Ingolstadt machten auch auf dem Gmündner Wald, im Ellwangischen und Limburgischen tiefen Eindruck. Florian Geyer fand hier Alles entweder neu gehuldigt oder zerstreut, aufgelöst, entmuthigt. Noch wagte er den Versuch, die, welche noch nicht wieder gehuldigt hätten und noch nicht entwaffnet wären, die aus dem Würtembergischen hierher Versprengten, die aus dem Kocher- und Jaxtthal ohne Hoffnung der Begnadigung auf diesen Wäldern Versteckten wieder zu versammeln, und den Wald, das Ries, den Virngrund und die Rotenburger Landschaft im Rücken der Fürsten neu zu bewegen. Aber er war am Ziel. Am 9. Juni wurde Florian Geyer mit seinem Anhang auf dem Speltich, „einer Waldhöhe zwischen den Schlössern Vellberg und Limburg unweit Hall,“ von seinen Verfolgern aufgespürt. Es war sein eigener junger Schwager, Wilhelm von Grumbach, der ihn überfiel. Er sank fechtend, und fast alle die Seinen mit ihm im hoffnungslosen Kampfe.

Der Tod im Felde rettete ihn vor dem Schaffote und half ihm zur ewigen Freiheit. Noch über der gefallenen Sache des Volks hielt er ungebrochen verfechtend den Ritterschild: nicht gegen den Lebenden sollten sie sich des Sieges rühmen, kaum gegen seine Leiche.

Er war auf den sonnigen Bergen, auf den freien Höhen des Lebens geboren: am Kaiserhof der Hohenstaufen glänzten schon in ritterlichen Ehren seine Ahnen. Aber den Armen in der Niederung, den Gedrückten im Thale schlug sein Herz. Er hat dem Volke gelebt und ist dem Volke gestorben; „fromm und treu bis an’s Ende dem Evangelium seiner Ueberzeugung, dem Worte Gottes“ in allen seinen Folgen; ergeben der christlichen Freiheit, nicht der einseitigen falschen, sondern der ganzen und wahren. Wie seinem Vorbilde Ulrich von Hutten, war ihm im Leben Beides gegeben, das Wort und das Schwert; und Zweierlei wurde ihm voraus im Sterben, ein ehrlicher Reitertod im Kampf für die von ihm heilig erkannte Sache, und das, daß auch die Verleumdung nicht wagte, auf sein weißes Gewand einen Flecken zu werfen. Das Volk büßte es, daß es ihn hintan setzte; er büßte seinen, aus seiner eisernen Consequenz hervorgegangenen falschen Rathschlag mit dem Frauenberg und, neben dem Verrathe des Götz, die Ungeschicklichkeit seiner Mithauptleute, die ihn ohne alle Kunde ließen, daß er im freien Felde überfallen wurde. Nicht Geiz nach Ehre, Einfluß oder Beute war’s, was ihn handeln ließ; auch der Feinde keiner hat ihm dies nachgeredet; und rühmlos fiel er, und schlief lange fast vergessen. Einst wird auch seine Zeit und sein Lohn mit ihr kommen, wenn auf der ganzen befreiten deutschen Erde der Vater den Söhnen und Enkeln erzählen wird von denen, die mit ihrem Blute den Baum gepflanzt haben, in dessen Schatten der Landmann und der Bürger ein schöneres, ein würdigeres Dasein genießen; dann wird man auch reden und sagen von Florian Geyer, dem Hauptmann der schwarzen Schaar.“



  1. So gewaltig der Eindruck war, welchen Wilhelm Zimmermann’s Geschichte des großen Bauernkriegs bei ihrem ersten Erscheinen zu Anfang der vierziger Jahre in weiten Kreisen hinterließ, so tief und noch viel weiter greifend scheint die Wirkung zu sein, welche die neueste Umarbeitung dieses Werkes hervorrief. Sie zeichnet sich durch eine genaue, sorgfältig gesichtete Zusammenstellung der Thatsachen, durch ein reiches historischen Material und besonders durch eine künstlerische, lebendig spannende Anordnung und Darstellung so sehr aus, daß dieses Geschichtswerk in der ganzen bändereichen historischen Literatur Deutschlands fast ohne Gleichen dasteht. – In dem großen historischen Rahmen dieses Werkes finden wir eine Menge einzelner lebensvoller Bilder. Die geschichtlichen Personen treten mit einer dramatischen Gegenständlichkeit auf. Ihre Charakteristiken sind mit Meisterhand entworfen, wie denn überhaupt das Buch trotz seiner objectiven geschichtlichen Haltung spannender und unterhaltender als ein Roman zu lesen ist.

    Gern führt auch die Gartenlaube ihren Lesern ein Paar Scenen aus diesem Geschichtswerke vor. Wir greifen sie aus dem Zusammenhang heraus, in welchem Alles in diesem Buche innigst verflochten steht, Eins das Andere beleuchtend und erklärend. Aber auch außer dem Zusammenhange werden diese Scenen die Eigenthümlichkeit dieses Geschichtschreibers und seines Buches, aus welchem wir meist wörtlich mittheilen, vor Augen stellen.

    Wir wählen zunächst aus dem zweiten Bande den Heldentod Florian Geyer’s und seiner schwarzen Schaar.