Helgoland – Deutsches Land

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Textdaten
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Autor: H. E.
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Titel: Helgoland – Deutsches Land
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 608–610
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[608]

Helogoland – Deutsches Land.

Es ist ein seltener Fall in uuserer Zeit, daß eilt Stück europäischem Land nicht infolge eines blutigen Waffenganges, sondern lediglich durch freie diplomatische Vereinbarung aus dem Besitze des einen Staates übergeht in den eines andern. Der hochbedeutsame Vorgang, die Uebergabe der Insel Helgoland seitens Englands an Deutschland, hat sich in delt sagett des 0. und 10. August dieses Jahres abgespielt lttit dem ganzen Ernst ltltd der Würde, wie sie einem solchen Akte hettte zukommen. Helgoland ist jetzt von Rechtswegen das, was es attch unter englischer Herrschaft tatsächlich gewesen - deutsches Laud.^

Schott bei dem erstell Bekanntwerden des deutsch- englischen Ab. kommeus, ilt welchem die Abtretung. Helgolands an Deutschland vor. behältlich der Genehmigung des britischen Parlaments ausgesprochen tvar, hat die "Gartenlaube" - wie sie zuversichtlich glaubt, tut Sinne aller ihrer Leser. - der hobelt Freude und Genugtuung des deutschen Volkes über diese friedliche Wiedergewinnung eitles veeloeett gegangenett Stückes deutscher Erde Ausdruck gegeben.^ Es bleibt ihr heute nur noch die Ausgabe, die Feierlichkeiten kurzzl^schilderu, nutee denen das "Geüne Eiland" ilt den Verband des Deutschen Reiches aufgenommen wttrde, ttttd von denett unsere Abbildtntgen die hervorragendsten Züge fest- zuhalten bestimmt sind.

^ Noch attt Abend des 8. Angltst wußte man auf dee Insel nicht genau, um welche Stunde die Uebergabe erfolgen würde. Nttr, daß dee folgende Tag, dee Sonnabend , für die Förmlichkeit attsersehelt sei. das wüßte man, und daß dee erste Sonntag des deutschen Helgolands ihm den Besuch seines Kaisers bringen werde. Aus der ganzen Insel. herrschte geschäftiges Teeibett; im Konveesatioushause des Seebades .rüstete man sich für die Festmahlzeiten, ltltd der Frettidenznsteom war ein ungehenrer, fast zu groß für dte bescheidenen Räume. die znr Veesügung standen.

Schon herrschte völlige Dunkelheit, da wurden an den üblichen Stellen Plakate angehestet, ilt welchen der englische Gouverneur Baekly den Bewohnern der Insel Mittheilung machte, daß am 0. August nach- mittags 1^ Uhr dee Vertreter des deutschen Kaisers, dee Staatssekretär v. Boetticher, eintreten würde, ltttt von Helgoland Besitz zu ergeeisen. Er forderte die Beamten und Einwohner auf, sich zu der angegebenen Zeit an der Landungsbrücke einznsinden und dort den Minister zu empfangen.

Und so geschah's. Zttr vorgeschriebeneu Stunde erschienen in Sicht der Insel die deutsche Korvette "Vietoeia" llnd der Aviso "Pfeil" ; beide Schiffe umfuhren die Insel und bald nach 8 Uhr brachte ein Boot des ^Pfeil die deutschen Beamtelt all die Landungsbrücke. Da kam außer [609] dem Minister der Korvettenkapitän Geißler, der künftig die militärische und die maritime, und der Geheimrath Wermuth, der die bürgerliche Verwaltung der Insel führen soll, und mit ihnen verschiedene andere höhere Beamte. Nach kurzer Beggrüßung ging es sofort hinauf nach dem Oberlande, nach dem Garten des Gouverneurs, wo englische Matrosen die Ehrenwache hielten. Der englische Gouverneur verliest den Artikel des Vertrags, in welchem die Abtretung Helglands an Deutschland ausesprochen ist. Staatssekretär von Boetticher üb^mmmt mit einer lttrzen Ansprache die Insel in die deutsche Verwaltung da, kannt hat er geendigt, wird tteben de.. britischen Flagge die deufsche gehißt. Hochrufe und der Gesang "Deutschland, Dentsch'laud über alles" begrüßen sie, und beide Wtmpt.^^ ein trächtig ttebeueinauder bis Souuenuutergang : dann werden sie beide eittgezogett, die englische, um nicht wieder etnporzusteigeu. Die Vertreter betder Staaten aber habeu sich inzwischen im Konversationshause zum festlichen Mahle zttfatttntengefttudeu, feierliche Tischreden geben der Ve. dennlng dieses friedlichen Beinwechsels gezietueudeu Ausdruck und seieru die vertragschließenden Sottverätte ^ dann aber verläßt. der englische Gouverneur die Insel nnter dem Douuer der Geschütze von den beiderseitigen Kriegsschiffen, seilt Amt uns Helgoland ist zu Ende.

Das war der amtliche Theil der nebergabe. Am .andern Morgen hat sich das Bild verändert. Noch in der Nacht ist ein stattliches deutsches Geschwader auf der Höhe von Helgoland eingetroffen. Als die ...... mute enl.porsteigt, da nmlagern acht Panzerschiffe und verschiedene andere große dentsche Kriegsfahrzeuge nebst der Torpedostone die Südseite der Insel. Ober. und Unterland haben über Nacht eiu Festgewand von Kränzen und Fahnen angelegt, ant Ausgaug der Lauduttgs. brücke ist an schlaukett Flaggenmasten die riesige Wilkomlninschrift ausgehängt: "Helgolaud grüßt Dich, Kaiser!" ^chou von Tagesanhrttch an haben die Kriegs- schisse Mannschaften ausgeschifft , Abcheilung auf Abtheilung , die strammeu, iu ihrer kleidsameu Tracht so prächtig auzuschatteudeu Offiziere der Marittetrnppen sühreu sie hinauf ttach dem auf dem Oberlande befindlichen Paradeplatze; schließ. lich smd's im ganzen an 8000 Mann." mehr als die Insel Einwohner hat. Immer lebhaster, bttnter, feffeluder wird das Bild. Das Seebataillou mit seinem Musik. eorps uinttitt an der Landungsbrücke Attfltellung und bildet Spalier.

Datei:Die Gartenlaube (1890) b 609.jpg

Die Uebergabe der Insel im Garten des Gouverneurs. Der Kaiser betritt Helgoland.

Eine neue Bewegung. Die Helgoländer Jungsraueu, die den Kaiser be- grüßeit wollen, nällern sich der Brücke. Es sind fünfzehb bildhübsche junge Mädchen in ihrer ebenso eigenartigen als kleidsamen Tracht. Den Kopf bedeckt eine bunte, perlengestickte, kleine Mütze nach Art der Altdeutschen Schaube, von dem Rande derselben fällt eine breite weiße Spitze über Stirne und Kopf, das Antlitz reizvoll umrahmend. Ein faltiger seidener Rock läßt hinten das grellrothe, mit gelber Borde eingefaßte Unterkleid frei. Ein helles buntfarbiges Tuch bedeckt die Schultern, an den aufgebauschten Ärmeln spielen große silberne Anhängsel. Der Hals trägt einen silbernen Schmuck, einer breiten Brosche gleich, in der Herzen und l^l-uu.. ^,^e dtirch eine Fülle filigranartig gehaltener Fignren ^nsammengesam und. meist ehrwürdige Familienerbstücke von hundertjährigem Alter.

Es ist zehn Uhr geworden, ein schöner Sonntagmorgen laget über der Insel und den Tausenden der Harrenden. Da plötzlich, wie mit [610] einem Zauberschlage, geht über die poppen der dentschen Kriegsschlfle der Flaggenschmnck, die Kanenen des ganzen Geschwaders öffnen ihre Schlünde, ein Donnertl und Dröhnen, als ab die Welt ..mter^ehen sollte! Es lst der Gruß der Flotte an ihren ....affer. der auf der ,,^oheuzollern heran- dampft, gefolgt von der "Irene'". die den kaiserlichen .Bruder , Prinz Heinrich. trägt, und von zwei Torpedobooten. Er nimmt die ^lottenparade ab, dann umfährt auch die "Hohenzallern" wie Tags zuvor die "Virtvria. die Insel, und endlich, eine Stunde uach jenem Geschützgrnß, löst sich vvn der miferlichen Iacht ein von 12 Matrosen gerndertes Boot, es nähert sich der Laudungsdrücke, alles nimmt seine Plätze ein und setzt sich iu Positur, lue Truppen präsentireu, Mustkläuge, Hurrahrttfe - der Kaiser hat die Brücke betreten und schrritet dem Lande zu.

Da wird ihm eine sinnige Huldigung. Ans der ihu umgebenden Menge der Empfangen- den. der Beamten, die ihre Meldungen erstat- reu, der Helgoländer Bürger, die ihren neuen Landesherrn begrüßen, tritt aus einmal die an- muchige Gestalt eines Mädchens: es ist die Sprecherin der Hel- goländer Jungsrauen, Fräulein Buse, und nn- ter schlichten herzlichen Gedichtworten über. reicht sie dem Kaiser ein keines Wunder. werk aus Blumen - rine kunstvolle Nach- bildung der Insel, ihrer Häuser, Thürme, Fel,. der, des umgebenden Meeres .u:. - alles aus Blauten. Sie bittet ihn, er möge auch dem klein- stell und jüngsten Thefl,- chenseinesNeichs Schutz ttnd Gunst angedeihen lassen. Dankend reicht er ihr die Hand, und ietzt tteue Hürrahrlise, ueue Musiffansareuun d ttach einmal dröhnender Geschützdonner .- Kai.

ser Wilhelm 41. hat

den Fuß auf den neu- gewonnenen B a den Hel,. galauds gesetzt!

Die Gartenlaube (1890) b 610.jpg

Das Aufziehen der Kaiserstandarte auf Helgoland.
Zeichnung von H. Lüders.

Sofort gehr's hinauf nach dem Obertande. Ein beinahe lebens. gefährliches Gedränge entsteht, denn die Stra,- ßen von Helgoland sind eng ltnd eine einzige treppe führt vam Un- tertande hinauf nach der Felsenplaue. Bei dem Leuchtturme hat das Militär ein Viereck gebildet , umgeben van einer tausendköpsigen Menge, ltnd alsbald beginnt der Gottes- dienst unter freiem Himmel. Er ist die Einleitung ltnd Vorbereitung

zu

tt

seine neuen Unterthanen , die "auf friedlichem Wege in das Verhältnis. zum dentschen Vaterlande zurückgekehrt sind, auf welches die Geschichte, die Lage und die Verkehrs bedingungett der Insel hinweisen," und die "durch Gemeinschaft des Stammes, der Sprache, der Sitten und Interessen den deutschen Brüdern von jeher nahe gestunden haben." Er sichert ihnen nnd ihren Rechten fernen Sauttz und seine Fürsorge zu, eine wohlwollende ttnd umsichtige Verwaltung und möglichste Erleichterung des Uebergattgs, iudem das lebende Geschlecht von der Erfüllung der allgemeinen Wehr. pslicht im Heer und in der Flaue befreit bleiben fall. "Mit Geungthuung,"

n dem ferertlchsten Akte der Einverleibung, der Verlesung der .'aiser. i^en ...^okamanou an die Helgoläuder. Der Kaiser begrüßt darin

so schließt die Proklamation, . "nehlne ich Hritwlmch in den Kranz ber deutschen Inseln wieder auf, welcher die vaterl.mdische Küste ttmfättmt. Möge die Rückkehr zu Deutschland, die .....hrilnahme an frinem Ruhme, seiner Unabhängigkeit und Freiheit Euch und Euren Nachkommen im stetem Segen gereichen 1 Das walte Gattt^ .

Als der Minister van Bvetticher die Prakamation zu Ende gelesen hatte, da glaubte man, der ganze Ak sri nun vorüber. Aber neitrt Noch einmal trat der Kaiser vor und hielt selbst noch die folgende An- sprache: ^

"Kameraden der Marine! Vier Tage sind es her, daß wir dett denkwürdigen Tag der Schlacht von Wörth feierten, an dem uuter meinem hochseligen Großvater von meinem Heren Vater der feste Ham-

. merschlag zur Errich tung des neuen Dent. scheu Reiches geführt wurde. Hente nach 20 Jahren verleibe ich dirseInsel als das letzte Stuck deutscher Erde dem deutschen Vater. laude wieder rin, ohue Kampf und ahne Blnt. Das Eiland ist dazu berufen, wie ein Ball^ wert zur See zu wer. den, den dentschen Fi. scheru ein Schutz, ent Stützptmk für meine Kriegsschifle, ein Hort und Schutz für das deutsche Meer gegen jeden Feiud , dem es einfallen sollte, auf dem- selben sich zu zeigen. Ich ergreife hiertttitBe- sitz von diesem Laude, deflen Bewohner ich de grüßt habe, und be- fehle zum Zeichen des- seu, daß meiue Stau- darte und daneben die meiner Marine gehißt werde."

Ullter dem Salut der Inselbatterien und sämulllicher Schifle wird der Beseht des Kaisers vollzogen (siehe neben. stehende Abbildung).

Jetzt übergiebt eine Abordnung der Helgas läuder dem Kaiser, gleichsam als Antwort auf besten Prokama- tion, eine Hnldigungs. Adresse; die Helgaläu- der "blicken in Freu- digkeit der Zeit ent- gegen, welche mit der vom Kaiser ausgrspro- chenen seierlichen Besitz ergreispnirderIusel sür

sie anbricht". , "Die von Ew. Majestät kundgegebenen Verheißungen ersülleu uns mit den Gefühlen ehrfurchtsvollen Dankes und der uu- wandelbaren Zuversicht. daß es unter Ew. Majestät erhabener Negierung nns gekugelt werde , durch Erfüllung des van uns .hiermit abgelegten Gelöbnisses der Treue uns als Ew. Majestät gehorsame Unterthanen zu erweisen."

Ein Vorbeimarsch der Truppen schließt endlich den festlichen Vorgang. Dann zerstreut sich das Volk, soweit das bei der räumlichen Ausdehnung der Insel möglich ist. Kaiser Wilhelm aber versammelt im Gauverueurs. hause eine auserlesene Gesellschaft, darnnter auch die Vertreter der Helgoländer, die feierlichen Trinksprüche folgen sich rasch, denn des Kaisers Zeit ist gemessen. Ein Viertel var fünf Uhr, ziemlich genau vier Stunden nach der Landung, dampfte die "Hohenzollern^ wieder ab, der große Tag des deutschen Helgolands ist vorüber. H. F.