Herzliches und aufrichtiges Trost- und Condolenz-Schreiben

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Textdaten
Autor: Johann Gottfried Pahl
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Titel: Trost- und Condolenz-Schreiben an den guten Mann, welcher über dem Truzlibell für den Wirtembergischen Adel im Angesichte des ehrlöblichen Publicums, bittre Thränen vergossen hat
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Erscheinungsdatum: 1797
Verlag: o. V.
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Erscheinungsort: Rummelshausen und Hebsack
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Quelle: UB München 0001/8 Hist. 4016(1 und Djvu auf Commons
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Herzliches und aufrichtiges
Trost-
und
Condolenz-Schreiben
an den guten Mann,
welcher
über dem Truzlibell für den Wirtembergischen
Adel,
im Angesichte des ehrlöblichen Publicums,
bittre Thränen vergossen hat,
erlassen
von
Hans Willibald Panzhaaf,
p. t. Provisor in Ganslosen.


Rummelshausen und Hebsack
im Merz 1797.

Wie kann ich doch, als Gottes Kind,
Den schwachen Bruder hassen –?

 Wirtemb. Gesangb. S. 152.

Lasse dichs nicht wundern, mein lieber, unbekannter, weinender Mann! daß ich, ein kleines kaum bemerktes Licht in unserm lieben Vaterlande, – ich Hans Willibald Panzhaaf, der Zeit wohlbestallter Provisor zu Ganslosen, – daß ich mich unterwinde vor dir zu erscheinen, nicht mit der streitlustigen Miene des litterarischen Klopffechters, sondern mit der freundlichen, holden Geberde, die einem ländlichen Schulsubjekte so wohl ansteht, und die überhaupt ein jeder in seiner Gewalt haben muß, wenn er das dictum biblicum überall in seinem ganzen Umfange erfüllen will: Freuet euch mit den Frölichen, und weinet mit den Weinenden! – Lasse dichs nicht wundern, daß meine Wenigkeit als Schuzredner des Mannes auftritt, über den du so bittre Thränen geweinet hast! Höre erst in Geduld eine wahre und klare Beschreibung des Eindrukes, den du mit deinem Libro Tristium auf meinen hochzuverehrenden Herrn Sebastian gemacht hast, und dann wirst du es ihm vergeben, daß er es nicht in eigener Person mit dir aufnimmt, sondern sich meiner als eines Stellvertretters, oder, wenn du lieber willst, als eines Schnupftuches, bedient, um dir die Zähren aus deinen wunden Augen abzutroknen.

So bald deine Flugschrift von Stuttgart nach Ganslosen herauf geflogen war, – denn, mit deiner Erlaubniß, Flugschriften gehen nicht, nach der Weise der Quadrupedum, zu Fuß, oder laufen nicht herum, wie du auf deinem Titelblatte behauptest, – so entstand ein Lermen, ein Zanken, ein Poltern, ein Unwesen, in unserm friedlichen Schulhause, als hätte man die Frau im Ehebruche ergriffen, oder als wäre dem Herrn, der pädagogische Zauberstaab, id est, sein Bakel, gestohlen worden. Mein ehrenwerther Herr Sebastian lief, mit dem Antikäsbohrer in der Hand, gleich einem Unsinngen im Hause herum, und brüllte, bald unten im Keller, bald hinten auf dem Abtritte, bald oben zum Taubenschlag hinaus: „Lauter Mißverstand, Eitel Mißverstand!“ – und empfand er, bei der Fortsezung der Lektüre deines Klageliedes, wieder einen neuen tüchtigen Hieb, so rief er überlaut: „Wahrlich das habe ich nicht verdient! – Hole der Teufel die Schriftstellerey!“ – Dabei folgte ihm sein Plaggeist und Hauskreuz, seine alte Apollonia, unaufhörlich auf dem Fusse nach, und bellte immer hinter ihm drein: „Hab’ ichs dir nicht gesagt! Warum bliebest du nicht bei deinem Leisten? Das ist eine gerechte Strafe für deinen verfluchten Schulmeistersstolz!“

Gegen Abend begann die in dem bedrangten, gemißhandelten, und mißverstandenen Manne aufrührisch gemachte Materia peccans sich zu sezen, und sogleich zeigten sich Anwandlungen eines Durchlaufes, die auch bald so heftig wurden, daß man hätte glauben sollen, er habe den ganzen Rhebarbar-Vorrath des Herrn Apothekers Lutzen zu Göppingen aufgefressen. Darüber nahm das Grämeln, und Necken, und Bellen des alten Rippes noch mehr überhand. „Sey nicht wunderlich, närrisches Weib, gab er ihr aber im ächt sokratischen Ehemannssinn zur Antwort; – eine solche Explosion des geistigen Brennstoffes ist in der gelehrten Welt nichts ungewöhnliches. So oft der Doktor Bahrdt mit einer neuen pelagianischen oder socinianischen Kezerey angestochen kam, wurde sein Collega, der hochwürdige Herr Doktor Benner zu Giessen, mit einer eben so heftigen Diarrhee befallen, und hättest du nur die geringste Kenntniß der Historia litteraria, so würden dich noch eine Menge anderer Beispiele überführen, daß das etwas ganz gemeines ist.“

Am folgenden Morgen sagte mir der Herr Ludimagister: „Hört Provisor, ich lasse mich nun nicht mehr ein. Denn zum ersten ist mir, durch diß lose Stük, die Schriftstellerey für immer entleidet; und – gelehrte Streitigkeiten sind schon gar meine Sache nicht, weil sie gewöhnlich so unwürdig geführt werden, wie die Kriege der Strassenjungen, und weil niemand so friedliebend ist, als ich. Wollt ihr eine Lanze brechen, Provisor! so sey es euch erlaubt. Ihr habt euch in mein System einstudiert, und seyd mit demselben so vertraut, wie der Spielmann mit seiner Geige. Daher thut das gute Werk, und übernehmet meine Vertheidigung. Es bleibet euch dabei die Behandlung der Sache ganz überlassen; nur lasset euch den Geist der Liebe beherrschen. Auch wird es, da der ganze Handel auf einem Mißverstande beruht, gut seyn, wenn ihr erst Reinholds Buch, von den Mißverständnissen in der Philosophie, consultirt, damit ihr so viel möglich ins Klare kommt, alles wohl auseinander sezt, und dem klagenden Jeremias den Staar des Verstandes so glüklich stecht, als der Herr Doktor und Leibchirurgus Klein, schon so manchen Staar des leiblichen Auges gestochen hat.“

Dieses feige Zurüktretten des Herrn Käsbohrers von dem Kampfplaze hat seine Ursache. Nicht als ob ihm das Zürnen seiner Appel den Muth genommen hätte, oder als ob er sich zu schwach fühlte, seine Rechtfertigung zu führen, oder als ob er sich gutwillig überwunden gäbe; – nein! durch dein Motto hast du ihn entwaffnet. Du verräthst durch dasselbe, daß du mit dem Degen eben so gut, und wie ich glaube, noch viel besser, umzuspringen weißt, als mit der Feder, und so bald so ein alter, im Staube der Schule erlahmter Ludimagister, von dem Schärfen der Waffen hört, – wer kanns ihm verübeln, wenn ihm dann das Herz in den Hosensak fällt? Treibe ich den Handel weiter fort, dachte er, so könnte mirs dieser rüstige Held, sobald ich einmal nach Stuttgart hinunter käme, eben so machen, wie es der seelige Ritter Ulrich von Hutten dem berüchtigten Ketzermeister Hochstraten, zu Hall in den Niederlanden gemacht hat; – ich hetze also meinen Provisor hin, der hat einen breiten Rücken! – Und, siehe! der Provisor ließ sich hetzen. Denn ob ich gleich weit entfernt bin, dich für einen Ulrich von Hutten zu halten, wovon auch in deiner herumlaufenden Flugschrift keine Spur zu finden ist, so traue ich dir doch so viele Menschenliebe zu, daß ich hoffe, im Falle eines tête à tête, eben so mit einem: Leben wir, so leben wir dem Herrn! hinwegzukommen, als es dem geängsteten Hochstraten gelungen ist.

Ich hoffe diß um so mehr, da ich ganz im Geiste der Liebe vor dir erscheine, und unter uns eigentlich kein Zwiespalt herrscht, als nur derjenige, den du, ich weiß nicht durch welchen unglüklichen Zufall, aus der Luft gegriffen hast. Ich werde nicht gegen dich wüten und toben, wie der heilige Weislinger, der Edle von Bandel, und der Pater Aloysius Merz; ich werde nicht mit dem Eselskinnbaken der Polemik drein schlagen, wie der theologische Simson zu Hamburg; ich werde nicht mit Schimpfwörtern um mich werfen, wie der ehrsame Friz Nikel zu Berlin; ich werde dich nicht im christlichen Eifer dem Lord Satan empfehlen, wie die Herrn aus dem Klubb der reinen Lehre; ich werde keinen abgenüzten Recensentenwiz über dich ausgiessen, wie die losen Vehmrichter zu Jena; ich werde dich nicht in epigrammatischen Xenien lästern, wie der litterarische Sylla Friedrich Schiller; ich werde dich nicht so unbarmherzig zum Gelächter machen, wie es der seelige Ritter Zimmermann, deinem Kollega, dem Herrn Chirurgus Obereit gethan hat; auch werde ich dir meine Refutation nicht durch den Henkersknecht insinuiren, wie es die Weise des wohlseeligen Pietistenfeindes Johann Friedrich Meyer, an der Mündung der Elbe, war. Nein, ich werde dich freundlich und aufrichtig zu rechte weisen. Ich werde dich, wo es seyn muß, brüderlich bestrafen. Ich werde dich trösten. Ich werde deine Thränen troknen. Ich werde dir beweisen, daß nur die Liebe bessert. Ich werde feurige Kohlen auf dein Haupt sammeln.

Zwar handle ich damit, du lieber Jeremias! nicht in deinem Geiste. Denn, in der sonderbaren Meinung, daß der Schulmeister von Ganslosen mit der hohen Noblesse nur seinen Spaß zu treiben beliebe, legst du die schwersten Beschuldigungen auf ihn, und stellst ihn dar als einen Frevler, der den Pranger, den Staupbesen, die Vestung, und weiß der Himmel was sonst noch, verdienet hätte – Das wolle dir Gott verzeihen, du Mann mit deinem scharfen Degen!

Im Anfange deiner Adelsapologie machst du meinem Herrn Sebastian grosse Complimente, oder, um in deiner Sprache zu reden, du wirfst sie ihm vor Augen, und stossest sie ihm ans Herz. Aber du vereinigest dabei zwei Dinge, die schlechterdings unvereinbar sind, und eben so gegen das principium contradictionis, den untrüglichen, ontologischen Probierstein aller Wahrheit, anprellen, als dein System gegen die Philosophie des argen Monarchomachi Thomas Payne. Du sagst, Sebastian Käsbohrer sey ein talentvoller Mann, und zwo Zeilen weiter unten, nimmst du die Möglichkeit an, daß er keinen Verstand habe, Siehe, das ist genau eine solche Behauptung, wie die Theorie in dem Systeme des heiligen Augustins – der Mensch habe keinen eigenen Willen, und doch werde er durch eigene Schuld verdammt. Indeß will ich dir das vergeben, und auf dich den Spruch des frommen Horatii anwenden, daß auch der gute Homer manchmal dormitire, ob ich wohl dabei gestehen muß, daß ich, diesen Punkt abgerechnet, nicht die mindeste Aehnlichkeit zwischen dir und Homeren finde. – Aber warum schiltst du den Ludimagister einen Jakobiner und Pasquillanten, – ihn, der doch selbst im Truzlibell so brennend gegen den Jakobinismus geeifert, und keinen Menschen an seiner Ehre angegriffen, und ganz freimüthig seinen Namen vor die Stirne seiner Schrift gepräget hat, – lauter Umstände, vermöge deren ihm jene Titel mit eben so vielem Unrecht zukommen, als so manchem Herrn von, der Titel der Excellenz, und so manchem Special der Titel der Hochwürdigkeit. – Wie willst du das verantworten, loser Sünder? Oder fühlst du dein Verbrechen, und sind deine Thränen – Bußthränen? In diesem Falle sey dir vergeben!

Doch deine Thränen gefallen mir überhaupt nicht, Thränen eines Mannes! – Pfuy! Ein Mann muß nicht weinen, am wenigsten ein solcher, der wie du, mit dem Symbole geschärfter Waffen vor dem Publikum erscheinet! Ein Mann muß fest und entschlossen seyn, muß widerstehen und handeln, muß dem Bösen männlichen Troz bieten, – das Weinen aber muß er den Kindern, den empfindsamen Mädchen, den alten Weibern, und den süssen Herrn überlassen, die sich nach dem Muster des armen Sigwarts, und anderer Helden aus der idealischen Welt unsrer Romandichter, gebildet haben. Zwischen dem Degen in deinem Motto, und den Thränen auf deinem Titel ist dir ein abscheulicher Kontrast, – und du must es dir in der That gefallen lassen, daß den erstem das Publikum so lange für eine blosse Popanz, oder für so ein Ding, wie die tanzenden stupiden Bäume hält, die du demselben eine urkundlich belegte Konsignation derjenigen Franzosenköpfe insinuirt haben wirst, welche du diesen Sommer damit abgehauen hast.

Doch absint odiosa! Allein Herr Ludimagister will alle diese Dinge mit Stillschweigen übergangen wissen, und es ist nicht mein Beruf, deine Thränen noch mehr zu reizen. Afflictis non est addenda afflictio! pflegte der Herr Staatsamtmann auf meinem vorigen Provisorate immer zu sagen, wenn ein Mädchen das Unglük hatte, contra ordinem legalem Mutter zu werden. Und dabey solls denn auch bleiben.

Aber wie konntest du ums Himmels willen, mein lieber Thränenmann! so viel Gift und Galle über den armen Küster von Ganslosen ausspeien, über ihn, mit dem du doch durchaus einer Meinung bist, und in Absicht auf Staatsphilosophie so genau eintönest, wie der Baß und der Discant meiner Orgel. Du bist für den politischen Köhlerglauben, er auch; du verfluchest alle Beschränkung der Obergewalt, er auch; du hältst den Adel für das Salz der Erde, er auch; du beweisest seine Prärogative aus Vernunftgründen, er aus Gründen der Schrift; du hältst jeden für einen Majestätsschänder, der seine Rechte bezweifelt, er auch; du rufst den Arm der Obrigkeit gegen unsre Sechskreuzer-Autoren auf, er auch; du bestehst darauf, es soll alles bleiben, wie es ist, und er auch. Wie konntest du einem Manne so bitter böse werden, der so ganz mit dir einstimmet? Die lieben alten haben gesagt, der consensus animorum gebähre die Freundschaft; hier aber gebahr er den Haß. Ueberall vereinigen die Systeme die Menschen; hier haben sie dieselben getrennt. – Und das alles aus dem abentheuerlichen Mißverstande, indem du dich beredetest, das sey nur ein Spaß, was der Schulmeister von Ganslosen geschrieben, da doch Wahrheit, Ernst und Eifer so durchaus über sein opusculum ausgegossen sind, als der Puder über dein Haupt, oder der Stahl über deinen Degen.

Ich habe sehr viel Respekt für die Schärfe deiner Gehörorgane, Nachbar Jeremies! indem du in deinen Threnis versicherst, daß du den Rauch durch den Schornstein hinauf rollen hörest, eines Vorzuges, deß ich mich nicht rühmen kan. Aber wie es gewöhnlich geht, übermäßige Schärfe eines Organs, ist gemeiniglich mit einer übermäßigen Schwäche der andern verbunden, und so ist auch dein Auge ein Schalk, indem es dir nicht darstellte, war doch so deutlich im Büchlein geschrieben stehet, und du bestätigest durch dein Exempel, mehr als alle Recensenten, die seit dem Patriarchen Photius, zu Konstantinopel, bis auf Schüzen, und Hübnern, und den Redakteur der Tübinger gelehrten Zeitung, herunter, Recensionen gemacht haben, Exclamation des Erzvogels Lichtenberg zu Göttingen: „Mein Gott! wenn ein Kopf und ein Buch zusammen stossen, und es klingt hohl, ist es denn allemal im Buche? –“

Diese Erklärungen mögen dich, mein Freund! von deinen Irrthümmern überführen, und dich belehren, wie sehr du dem guten Ludimagister von Ganslosen Unrecht gethan hast, indem du ihm eine Meinung zum Verbrechen machtest, die doch auch die deinige ist, und ihn eines Frevels beschuldigtest, den er nicht minder verabscheut, als du selbst. Nun möge es dir wie Schuppen von deinen Augen fallen, und du mögest einsehen, daß es ein blosses Hirngespenst war, worüber du dich so jämmerlich geängstet, und so bitterlich geweinet hast. Gleichwie der seelige ehrenfeste Ritter Don Quixotte gegen Windmühlen kämpfte, die ihm seine kranke Phantasey als geharnischte Riesen und Ungeheuer darstellte, so zogest auch du gegen ein Trugbild zu Felde, das nirgends existirte, als in deinem Kopfe. Doch, nein! du warest nicht so ritterlich gesinnt, wie der Held des Cervantes; du kämpftest mit dem Wehre der Weiber, mit Thränen. Gürte nun deine Waffen ab! Sey wieder getrost! Weine nicht mehr! Laß deine hypochondrische Laune fahren, und sey heiter und gutes Muthes. Wer wollte sich auch noch ängsten, wenn man aus einem Traume erwacht ist, in dem einen der Alp gedrükt hat?

Doch deute mirs nicht übel, lieber, guter Kumpan! daß ich, ein unbedeutender, schlechter Dorfprovisor, dir, der du ein Herr mit Stok und Degen bist, in diesem superiören Tone, Muth und Trost einspreche. Sieh’ einmal geschieht das aus Menschenliebe. Ach, ich möchte überall gerne alle Thränen troknen, und überall Freude um mich her verbreiten. Denn was ist das bischen Leben, in dieser wunderlichen Welt, wenn man sichs erst noch durch Gram und Grillen verkümmern will? Ich bin in diesem Punkte weder Stoiker noch Cyniker; ich halte es mit Epikur und Aristipp, und glaube, daß die Philosophie des Alcibiades, und die Kunst des Apicius, tausendmal mehr werth waren, als der Tiefsinn des Aristotel, und als alle Rechnungen und Schlüsse unsers seelig verhungerten Kepplers. Zum andern aber bin ich des Tröstens schon so gewohnt, von meinen Parentationen her, die ich nun seit zehen Jahren, bald oben bald unten im Lande, vor den Gräbern unsrer Mitchristen halte, daß mir, wenn ich ins Trösten hinein komme, die Worte fliessen, wie dem Demosthenes seine Phillippiden, und ich gleich so eifrig und geschwäzig werde, wie der seelige Brastberger, wenn er in seinen Predigten auf die Dogmata gravia von der Gnade und von der Wiedergeburt kam. – Und endlich ist es herzlich gut gemeint. Drum, Bruder! sey getrost! Höre auf zu weinen! Schäme dich! Steht doch, bey Gott! nichts garstiger zusammen, als eine Wasserperle im Augenwinkel, und ein Degen an der Seite! Doch muß ich dir, mein lieber Freund! noch ein Wort der Erinnerung ans Herz legen, das dir vielleicht weniger behagen wird, als alles vorhergehende. Aber das ist nun einmal meine Weise. Ich sage Jedermann freimühig die Wahrheit, sie mag nun beissen oder nicht, und diese Eigenschaft ist mir, ohne Ruhm zu melden, so natürlich, daß ich gewiß eben so dreiste als der Prälat Osiander, der Frau Gräfinn von Gräveniz, und überhaupt einer jeden andern gnädigst privilegirten Leibhure, declarirt haben würde: „Weib! ohne dein Andenken wird kein Vaterunser gebetet! Endiget sich doch jedes, mit dem: Erlöse uns vom Uebel!“

Was nun jenen kritischen Punkt anbelangt, so meinen wir, ich und mein Herr Ludimagister, du hättest besser gethan, wenn du dich gar nicht auf die Vertheidigung des Adels eingelassen, und ihn unserthalber lieber mit dem Schwerdte, als mit der Feder verfochten hättest, indem du zu seiner Rechtfertigung solche Gründe anführst, die zwar an sich alle recht und gut sind,aber von einem sophistischen und pfiffigen Antiaristokraten gar leicht verdreht werden können. Einige dieser Gründe sind auch so ganz auf Sand gelegt, daß wir in der That eine Weile ernstlich der Vermuthung nachhiengen, ob du das Verbrechen, deß du den alten Käsbohrer beschuldigest, nicht selbst begangen, und die Vorzüge der Noblesse zur Zielscheibe deines Spottes gemacht habest? Aber, mein Freund! nichts schadet einer guten Sache mehr, als eine schlechte Apologie, und wir wissen es aus Erfahrung, daß sich das Ueberhandnehmen des Sozinianismus in unserm Lande, von dem Jahre an datire, in dem der Herr Doktor Uhland zu Tübingen, seine Dissertation, de filio Dei mundi conditore, herausgegeben hat. Auch werden überall die Weisen und Klugen selbst gegen das Vortreflichste mißtrauisch, so bald die Kinder und Unmündigen ihr Lob zu demselben hinauf lallen.

Doch ich will ad speciem gehen!

Zuerst behauptest du, der Pöbel sey um kein Haar besser, oder habe im Durchschnitte keine Unze mehr wahren Menschenwerth, als der Adel. Aber, siehe, das ist schon ein Haupt-Fehlgriff, der dir ohne deine oben gerügte ausserordentliche Blödsichtigkeit, – über die ich dich auch von ganzem Herzen bedaure, – kaum hätte widerfahren können. Denn das darf bey unserm Systeme durchaus nicht zugeben, daß der Bürgerstand dem Adel, in Absicht auf die Vorzüge des Geistes und Herzens gleich sey, sondern man muß unverwankt auf dem Prinzip bestehen: Der Adel ist von besserer Natur, als das Volk. Gibt man deinen Saz zu, so schärft man den Jakobinern selbst ihre Waffen, und du stehest wie der Butter an der Sonne, wenn dir einer aus ihren Gilde einwendet: „Sind die Herrn von nicht besser als wir, warum wollen sie denn mehr seyn? Ein blosser Zufall ist also das Fundament ihrer Prärogative? und mit diesem Zufalle kommen sie, das Verdienst zu verdringen. Die Vernunft verdammt sie, in den Verlust aller ihrer Ehren, und wenn der Despotismus in Verbindung mit der Unvernunft, sie bei denselben schüzt, so sprechen wir mit dem weisen Fontenelle: Unsre Häupter neugen sich vor euch, nicht aber unsre Herzen!“ – Siehe, Freund! wie viel du der guten Sache vergibst?

Darauf führst du ein Beispiel – ein kleinen Beispiel sagst du – von einer hochmüthigen Thorschreibers Tochter an, und – was beweisest du damit? Anders nichts, als daß es unter dem Bürgerstande auch hochmüthige Leute gebe. Und das wird keiner unsrer Antiaristokraten läugnen, dir aber dabei entgegen halten, daß sie nicht von einzelnen kleinen oder grossen Beispielen, sondern von dem Geiste des Stolzes und Uebermuthes sprechen, der über die ganze Klasse des Adels ausgegossen sey, und aus seinen bürgerlichen Vorrechten, seinem Gemeingeiste, und seiner Erziehung, so nothwendig folge, als aus dem Gebrauche der Klistiere, ceteris paribus der Stuhlgang. Da hätte also dein Gegner wieder gewonnen Spiel, und du müßtest – fortweinen. O das besagte kleine Beispiel hätte sich treflich für unser System nüzen lassen, wenn es cum grano salis behandelt worden wäre. – Die Thorschreibers Tochter will nur wieder ein Schreibereisubjekt heirathen. Das, mit noch einigen andern ähnlichen Exempeln aufgestuzt, müßte einen herrlichen Beweis abgeben, für den Satz, daß der Ahnenstolz, unter den Bürgerlichen so wohl zu Hause sey, als unter den Edelleuten, nur daß er dort in einem etwas veränderten Zuschnitte erscheint. Und dieser wichtige Erfahrungssatz liesse sich treflich ausmontiren, und in ein Stahl- und Eisen-festes Brustwehr für unsre hohe Noblesse einrichten. Nur sollte jene Frauensperson – ein bischen pöbelhaft ausgedrükt, Nachbar Jeremies! – keine Thorschreibers Tochter seyn. Denn wenn Beyspiele recht illustriren und wirken sollen, so muß man sie so viel möglich aus der Nähe nehmen. In Wirtemberg aber gibt es, so viel ich weiß, keine Thorschreiber.

Auf das gefällt es dir, eine umständliche Untersuchung über die Frage, anzustellen: ob es gut, und dem Besten des Ganzen zuträglich sey, wenn der Pöbel sich in Staatsgeschäfte mische, und besonders bei der Wahl des Staatsbeamten seine Stimme gebe? Aber auch da bist du wieder auf einen Abweg verirrt, und auch da gibst du der Jakobinerbrut das Heft in die Hand.

Die Heerde kann ein für allemal dem Hirten nicht vorschreiben, wie er sie weiden soll; viel weniger kann sie den alten abschaffen, und durch Stimmenmehrheit einen neuen wählen. Auch beweißt, wie du richtig bemerkst, die Geschichte klärlich, daß alle Demokratieen, von den griechischen Freystaaten an, bis auf die kleinen Kantone in Helvetien, und die auf das Babel des achtzehnten Jahrhunderts, bis auf Frankreich herab, nichts als ein confusum chaos sind, wo statt des mit Sternen und Orden gezierten Aristokratismus, die Tyranney in Lumpen ihr Wesen treibt, und, nach Pfeffels Fabel, die Tonne des Diogenes zerschlägt, während der erstre dem eigensinnigen Narren bescheiden aus der Sonne geht. Aber wozu diese politische Diatribe in einer Schrift über den Adel, und in specie über den Wirtembergischen Adel? Denn die beyden Punkte, von der Einschränkung der Rechte des leztern, und von der Wahlfreyheit des Volks, sind von einander ganz unabhängig, und indem du den einen mit dem andern vermischest, so begehst du die Sünde, welche in den Schulen der Philosophen μεταβασις ἐις αλλο γενος genannt wird, und von den Richtern des guten Geschmakes längst mit dem literarischen Staupbesen verpönt ist. Es ist auch noch niemand auf den albernen Gedanken gekommen, Wirtemberg in eine Demokratie umzuschaffen, und auf die Ruine des Adels eine Volksregierung, nach französischer Art und Kunst, zu erbauen. Mit wem streitest du also hier? Wahrlich wieder mit donquixottischen Windmühlen.

Du fällst dazu noch in deine alte Ursünde, und behauptest sogar mit dürren Worten, gelehrte und rechtschaffene Männer aus dem Bürgerstande seyen schon durch ihren Charakter geadelt, und um desselben willen berechtigt, in den ersten Stellen im Staate mit zu sprechen. – Aber, Freund! wo denkst du hin? Gerade das, und nichts anders behaupten ja unsre Jakobiner auch, und wandelst folglich mit ihnen auf einem Wege. – O ich möchte dich über diese unbesonnene Verrätherey noch weit ärger schelten, als du den guten Sebastian gescholten hast, wenn ich nicht unverwandt auf den biblischen Pharus hinblikte: Nur die Liebe bessert!

Die Geschichte vom Koriolan wäre, nach meiner geringen Einsicht, lieber weggeblieben. Einmal ist sie eine uralte, bekannte, abgedroschene Geschichte, wenn sie gleich weder in der Historiologie, die wir in unsern Trivial-Schulen lesen, noch in Klemms Elementarbuch, noch in Hausleuthners Chrestomathie stehet. Zum andern thun wir viel besser daran, wenn wir sie nicht in den Mund nehmen, weil sie eben kein schikliches Ingredienz zu einer Refutation unsrer Adelsfeinde ist. Koriolan, sagen sie, beweißt, daß der Geschlechtsstolz lieber das Vaterland aufopfert, als sich selbst, und daß die Stimme eines elenden Weibes von gutem Hause über denselben weit mehr vermag, als die vereinte Stimme eines ganzen Volkes. Und meynest du, diese Herrn haben mit dieser Instanz sehr unrecht? Wenn man aus der Geschichte argumentiren will, Freund! so muß man weit und scharf sehen, und die Charaktere fixiren, wie der junge Cavalier das Bürgermädchen auf dem Spaziergange, sonst kommt eitel Lumpenwerk heraus.

Auch deine andern Beyspiele, mit denen du den Satz erhärten willst, daß brave Leute aus der Bürgerklasse, wenn sie von den Grossen verfolgt wurden, selten Trost und Hülfe bei ihren Mitbrüdern fanden, – ist ein neuer unglüklicher Mißgriff. Wozu diese unschikliche Erinnerung an die Härte des Adels gegen das Verdienst im Mittelstande, in einer Apologie für den erstern? Werden dir unsre Demokraten nicht die ganz natürliche Antwort geben: Welches ist der schlechtere Theil, der, welcher den verdienstvollen Mann unschuldig verfolgt, oder der, welcher aus Unmacht und Druck, nichts thun kann, als mit ihm weinen? – Wie kann auch der Adel sich für besser halten, als der Bürgerstand, wenn in einem Lande, wo der eine neben dem andern steht, ein verdienstvoller Mann verhungert? Wächst dabei nicht dem erstern ein grösserer Vorwurf zu als diesem, da er weit mehr Mittel hat, die Armuth zu nähren, und ihr aufzuhelfen? –

Von demselben Gehalte, ist auch deine Entdeckung, daß kein Adelicher mit dem Bettelstabe gehe. Das ist grundfalsch. Schon oft klingelte es vor unsrer Thüre, und auf unser: Wer da? erfolgte eine ganz demüthige Bitte um ein Almosen, für den verabschiedeten Hauptmann von Lumpenthal, Herrn auf Schelmenburg und Bettelsee! – Wäre deine Entdeckung aber auch gegründet, müßte dann nicht eine umständliche Deduction das erste seyn, worinn du bewieset, daß die hohe Noblesse ihre Bettler nicht aus Stolz, der seine Klasse nicht beschimpfen lassen will, sondern aus wahrer Menschenliebe unterstütze? – So verhält es sich mit deinen Exempeln, Freund! Drum sitze noch eine Weile zu Schotts und Röslers Füssen, und laß die erst das historisch-philosophische Sehorgan schärfen, sonst bist du immer in Gefahr, noch öfter im Geiste des alten Dorfpredigers zu concludiren, der da gesagt hat: „Gleichwie der Löwe ein grimmiges Thier ist, also sollen wir auch in einem neuen Leben wandeln!“ Endlich hast du auch darinn recht, mein Freund! wenn du auf der Behauptung bestehest, daß niemand den Fürsten hindern könne, seine adelichen Diener aus fernen Landen kommen zu lassen, sollte es auch, wie du meynest, aus einer ganz unbekannten Insel auf der Südsee, oder im nördlichen Ocean seyn. Denn das folgt aus dem Begriffe der absoluten Monarchie, welche wir, ich, du, und der Schulmeister zu Ganslosen, für die einzig vernünftige, einzig gerechte, und einzig dauerhafte Staatsform halten. Aber so richtig deine Resultate sind, so höckericht und krumm sind die Wege, auf denen du dazu gelangst, welches freylich, bei deinem oben besagten Leibesgebrechen, nicht wohl anders seyn kann. Wie schön und evident hat mein Herr Sebastian in seinem opusculum jene Befugniß des Fürsten gerechtfertigt? Aber du verschmähest seinen simplen, natürlichen Gang, und machst den sonderbaren Schluß: Das es Thorheit wäre, aus einem Lande auszuwandern, in dem man sein Glük gemacht hat, so – muß auch der fremde Adel in Wirtemberg in seinem Esse bleiben.

Himmel! welch’ eine Materie und welch’ eine Form! – Solltest du es denn nicht begreifen, wie dir die Enkel des Nikodemus Frischlin hier in die Flanke kommen können? Sie sprechen ja nicht von dem, was der Adel thun, sondern von dem, was er leiden soll, nicht vom Auswandern, sondern vom Hinausstossen, nicht vom Wollen, sondern vom Müssen, nicht von Freyheit, sondern vom Zwang. Oder hast du hier mit Gegnern streiten wollen, die unsre fremden Cavaliers wieder in ihr Vaterland zurükrufen? Aber, Freund! diese Gegner sind, unter und gesagt, nur imaginair, und man hat bis diese Stunde ihre Stimme in Wirtemberg nie gehört.

Sieh, lieber, guter Mann! so steht es mit deiner Apologie, und es ist mir von Herzen leid, daß es nicht besser damit steht. Ich weiß nicht, ob du nach meinen Demonstrationen die Schwächen deines Händewerks anerkennen wirst, und ich zweifle auch daran; denn unsre Eigenliebe ist ein Schalk, und so oft wir etwas Geistiges oder Körperliches producirt haben, so steht sie im Hintergrunde, und ruft uns zu: Siehe, es ist sehr gut! – Deßhalb bin ich es auch zufrieden, wenn du nicht zur Erkenntniß deiner Sünden gelangst. Denn ich kenne das menschliche Herz aus eigener Erfahrung, und hasse dabei allen Zwang des Glaubens und des Urtheils, wie Gift und Pestilenz, und halte es, in Ansehung des leztern Punkts, mit dem Erzzweifler Bayle, ohne eben wie er ein Manichäer zu seyn, der da gesagt hat: Der Irrende habe so viel Recht zu seinem Irrthum, als der andere zur Wahrheit!

Uebrigens bin ich dir von ganzem Herzen gut, und habe dich auch desselben von meinem Herrn Ludimagister zu versichern, der dir zugleich die verbindlichste Danksagung für die vielen Ehren erstatten läßt, die du ihm im Anfange deiner Threnodie bezeugst, und in die du weiterhin deine Pillen eingewickelt hast. Wir wünschen nichts mehr, als dich von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen, um dir dann mündlich zu erklären, was du für ein braver, wackerer, fester, in Schwerdt- und Federkriegen tapferer Ritter bist. Schlüßlich kann ich mich nicht erwehren, dir noch ein Wort ins Ohr zu sagen. Der ganze Geist, der in deinem Büchlein wehet, und die Art, wie du dich gegen den alten Käsbohrer geberdest, und dann noch dein Allegat aus Hagedorn, beweisen, daß du ein vornehmer Herr bist, und folglich in nicht zu verachtenden Connexionen stehest. Ich aber bin, wie du siehest, zwar nur ein schlechter Dorfprovisor, aber um deswillen kein Pinsel und kein Schurke, und deiner Protection nicht unwürdig. Nun ist mir das Provisorleben von ganzem Herzen entleidet, und ich sehne mich recht ernstlich nach einem Schuldienst, er sey so klein als er wolle, damit ich doch endlich einmal mein eigener Herr werde, und in den Stand komme, den Rath des Apostels zu erfüllen, der da meynt, es sey besser freyen, als Brunst leiden. Da ich glaube, daß du durch deine Empfehlung zur Tilgung dieser Brunst beitragen könnest, so bitte ich dich recht sehr darum. Dann könnte es geschehen, daß du wieder Thränen eines Mannes sähest, – aber Thränen des Dankes und der Freude! –

Anmerkungen (Wikisource)