Hippias oder das Bad

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Hippias oder das Bad
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Eilftes Bändchen, Seite 1389–1395
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1830
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Ἱππίας ἢ Βαλανεῖον
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[1389]
Hippias oder das Bad.[1]

1. Unter Männern von ausgezeichnetem Wissen halte ich Diejenigen am meisten für beifallswürdig, welche nicht blos in Vorträgen jeden Gegenstand ihres Faches gut abzuhandeln verstehen, sondern auch durch Werke den Erwartungen entsprechen, welche ihre Worte erregt hatten. Jeder Vernünftige wird, wenn er krank ist, nicht den Arzt rufen lassen, der über seine Kunst am besten zu sprechen versteht, sondern Einen, der auch in ihrer Ausübung erfahren ist. Ein Musikkenner, der blos die Gesetze der Rhythmen und Töne kennt und ihre Gattungen zu unterscheiden weiß, steht weit unter Dem, welcher das Saitenspiel selbst zu handhaben und zu singen versteht. Und gelten nicht für die besten Feldherren Diejenigen, welche nicht blos Schlachtordnungen zu bilden und zu befehligen, sondern auch, als tüchtige Vorkämpfer, Kriegsthaten mit eigener Faust zu verrichten wissen, wie z. B. unter den Alten Agamemnon und Achilles, unter den Spätern Alexander und Pyrrhus?

2. Was ich mit all Diesem wolle, fragst du? Nicht etwa mit einigen müßigen Bemerkungen meine Kenntnisse zeigen, [1390] sondern vielmehr die Behauptung belegen, daß auch unter den Mechanikern nur Diejenigen unsere volle Bewunderung verdienen, welche bei ausgezeichneter Kenntniß der Theorie, der Nachwelt auch Denkmale ihrer Kunst in vollendeten Werken hinterlassen haben. Denn Wer blos im Sprechen [über seine Kunst oder Wissenschaft] bewandert ist, kann blos für gelehrt, nicht aber für geschickt[2] gelten. Beides aber waren Sostratus aus Knidus und Archimedes. Von Jenem wissen wir, daß er den Ptolemäus sammt der Stadt Memphis ohne Belagerung blos durch Ableitung des Nilstroms überwältigte: Dieser verbrannte durch Anwendung seiner Kunst die feindliche Flotte. Noch früher hatte Thales aus Milet, der dem Krösus das Wort gegeben hatte, seine Armee trockenes Fußes über den Halys zu schaffen, durch irgend ein sinnreiches Verfahren den Fluß in Einer Nacht hinter dem Lager herumgeführt, wiewohl er kein Mechaniker vom Fach, aber ein geschickter, erfinderischer Kopf war, der Andere mit Leichtigkeit für seine Ideen gewann.[3] Ich übergehe die uralte Sage von Epéus, der [vor Troja] den Achäern nicht nur das hölzerne Pferd gezimmert, sondern auch zugleich mit ihnen sich in dasselbe begeben haben soll.

3. Unter den Männern dieser Art verdient unser Zeitgenosse Hippias genannt zu werden, ein Mann, der in der Theorie die Vergleichung mit jedem Vorgänger aushält, und durch das Talent, geniale Ideen zu fassen und sie klar darzustellen, in demselben Grade ausgezeichnet ist, in welchem [1391] die Trefflichkeit seiner Werke die seiner Vorträge noch überbietet. Dieser Mann leistet ganz, was man von seiner Kunst erwartet, und er bleibt nicht bei Leistungen stehen, mit welchen sich seine Vorgänger begnügt hatten, sondern er baut, sprichwörtlich zu reden, auf dem von ihnen gelegten Grunde weiter fort.[4] Während Andere sich schon was Rechtes einbilden, wenn sie in dem einzelnen Fache, das sie ausschließlich zu dem ihrigen gemacht haben, sich hervorthun; so erscheint er als Einer der ersten Mechaniker, und zugleich als Geometer, und als theoretischer sowohl als auch ausübender Tonkünstler. Und gleichwohl zeigt er sich in jedem einzelnen dieser Fächer so vollendet, als ob er außer diesem keines verstände. Wollte ich vollends davon sprechen, wie stark er in der Lehre von den Lichtstrahlen und ihren Brechungen, in der Katoptrik, so wie in der Astronomie ist, in welcher seine Vorgänger nur Kinder gegen ihn sind, so würde ich mit seinem Lobe kaum zu Ende kommen.

4. Jedoch von Einem seiner Werke, das ich jüngst mit wahrem Erstaunen betrachtet habe, kann ich nicht unterlassen, mehr zu sagen. – So wenig ungemein, ja so alltäglich bei unserer Lebenseinrichtung die Aufgabe ist, ein Bad zu erbauen, so bewundernswürdig ist die Einsicht und der Geist, die Hippias bei Behandlung einer so alltäglichen Sache bewiesen hat. Der Bauplatz, der ihm angewiesen worden, war sehr uneben und abschüssig. Durch einen sehr soliden Unterbau, wodurch er dem Ganzen eine ungemein feste Grundlage gab, machte er die eine, niedrige, Seite der höhern [1392] gleich. Die Dauerhaftigkeit der Verbindung des Ganzen erhöhte er noch mittelst Schwibbögen.[5] Das Gebäude selbst steht im schönsten Verhältniß zu seiner Grundfläche, so wie zu seinen einzelnen Theilen: auch die Fenster sind im richtigsten Ebenmaße angebracht.

5. Breite, und zur Bequemlichkeit der Hinansteigenden mehr niedrige als hohe Stufen führen zu einem hohen Portal. Durch dasselbe betritt man zuerst einen hohen und geräumigen Vorsaal, wo die Bedienten und Aufwärter sich aufhalten. Auf der linken Seite desselben befindet sich eine Reihe freundlicher und heller Zimmer, die mit Allem versehen sind, was zum Vergnügen der Besuchenden, die sich hieher zurückziehen, dienen kann, eine Einrichtung, die einem öffentlichen Bade besonders wohl ansteht. An diese stößt ein anderer Saal, der zwar zu einem Bade als solchem nicht wesentlich gehört, aber doch nicht wohl entbehrt werden kann, in so fern er zur Aufnahme vornehmerer Personen bestimmt ist. Hierauf folgt zu beiden Seiten eine hinlängliche Anzahl Gemächer, wo man sich entkleidet, und in der Mitte zwischen diesen befindet sich ein sehr hoher, hell erleuchteter Saal, der drei tiefe Bassins mit kaltem Wasser, die mit [grünlichem] Lakonischem Marmor ausgelegt sind, und zwei weiße marmorne Statuen von alter Arbeit hat, deren eine die Hygéa [Gesundheit], die andere den Aeskulap vorstellt.

[1393] 6. Von hier tritt man in ein großes, länglicht rundes Zimmer, wo einem eine gelinde, sehr wohlthuende Wärme entgegenkommt: dieses führt zur Rechten in ein ungemein heiteres Gemach, wo man sich salben läßt; es hat auf zwei Seiten Eingänge mit Thürpfosten aus [rothgeflecktem] Phrygischem Marmor, durch welche man aus der Palästra eintritt. Doch der schönste aller dieser Säle ist der nun folgende, der von unten bis an die Decke mit dem glänzendsten Phrygischen Marmor überkleidet ist: er gewährt den angenehmsten und zuträglichsten Aufenthalt nach dem Bade, wo man nach Belieben sitzen, stehen, oder liegen[6] kann. Von da führt ein erwärmter, mit Numidischem Marmor überzogener Durchgang in einen allerliebsten, äußerst lichten Raum, dessen Wände mit der blühendsten Purpurfarbe prangen.

7. Hier befinden sich drei wannenförmige Bassins mit warmem Wasser. Wenn man sich hier gebadet hat, so hat man nicht nöthig, durch die nämlichen Säle zurückzugehen, sondern man begibt sich sogleich durch ein mäßig erwärmtes Zimmer in das ebenfalls sehr helle Lokal für das kalte Bad. In allen diesen Räumen steht die Höhe zur Breite, und diese zur Länge im schönsten Verhältniß: kurz die ganze Einrichtung des Gebäudes athmet Grazie und Anmuth. Was der herrliche Pindar sagt:[7]

Es ziemt, des beginnenden Werkes Antlitz
Aufzuthun fernleuchtend,

Das geschieht hier vornämlich mittelst der Alles durchdringenden Helle und geschickt angebrachter Fensteröffnungen. Auch [1394] hat Hippias sehr weislich es so eingerichtet, daß der Saal für’s kalte Bad auf der Nordseite (ohne jedoch für südliche Luft gänzlich verschlossen zu seyn), die übrigen Gemächer aber, die wärmer seyn müßen, auf der Mittag-, Ost- und Westseite sich befinden.

8. Ich übergehe die vielen andern Bequemlichkeiten, die verschiedenen Plätze für Leibesübungen, die Zimmer, wo man seine Kleider in sichere Verwahrung gibt, und die treffliche Einrichtung, daß man aus diesen, ohne sich zu erkälten, unmittelbar in das Bad kommen kann. – Man würde mir sehr Unrecht thun, wenn man mir die Absicht unterlegen wollte, einem an sich unbedeutenden Werke durch Lobeserhebungen Glanz zu geben. Meiner Meinung nach ist es der größte Beweis von Talent und Meisterschaft, wenn man bei einem gemeinen Gegenstande neue Schönheiten zu erfinden und anzubringen versteht. Und Dieß hat uns der bewundernswürdige Hippias geleistet. Sein Bad hat alle Vorzüge, die ein Bad haben soll: es ist zweckmäßig und bequem eingerichtet, helle, zeigt die angemessenste Symmetrie in Benützung des Raums und gewährt vollkommene Sicherheit bei’m Gebrauche desselben.[8] Außerdem ist es auf’s Sinnreichste mit Allem versehen, was sonst noch seine Annehmlichkeit erhöhen kann, wohin auch zwei bequeme Gemächer für gewisse Bedürfnisse, zahlreiche Thüren, und endlich zwei Uhren gehören, wovon die eine mittelst eines Sonnenweisers, die andere, eine Wasseruhr, durch den Schall einer Trompete [1395] die Stunden anzeigt. – Wer alles Dieses betrachten kann, ohne dem Baumeister das wohlverdiente Lob zu zollen, der ist nach meiner Ueberzeugung nicht blos ein stumpfsinniger, sondern auch ein undankbarer, oder gar, was noch schlimmer ist, ein neidischer Mensch. Ich meines Ortes wollte gegen das Werk und seinen Meister meinen Dank mit diesem Aufsatze abtragen. Wird es einmal mit Gottes Hülfe zum allgemeinen Gebrauche geöffnet seyn, so weiß ich zuverläßig, daß noch viele Andere sich zum Lobe desselben mit mir vereinigen werden.



  1. Ueber dieses Gebäude eines, wie es scheint, zu Lucian’s Zeiten berühmten Architekten (nicht zu verwechseln mit dem Sophisten Hippias) sehe man F. Weinbrenners Entwürfe und Ergänzungen antiker Gebäude. Karlsruhe 1822. Fol. Heft 1. Uebrigens wird nicht überflüssig seyn, zu bemerken, daß unser Aufsatz der Feder Lucian’s kaum würdig erscheint.
  2. Im Texte Wortspiel mit σοφιστὴς und σοφός.
  3. καὶ συνεῖναι πιθανώτατος, was mir dunkel ist.
  4. Wörtlich: „er errichtet kunstmäßig auf der gegebenen Grundlinie das Dreieck.“
  5. ἁψῖσι statt ὕψεσι mit Wieland, um wenigstens einigen Sinn in die dunkle Stelle zu bringen. Was aber ἁψῖδες ἀπότομοι seyn sollen, weiß ich nicht zu sagen.
  6. Wörtlich: „sich wälzen.“
  7. Olymp. VI, 4. Thiersch.
  8. Nämlich vor der Gefahr, bestohlen zu werden, was in öffentlichen Bädern häufig geschah.