Hohenkrähen und sein „Poppele“

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Titel: Hohenkrähen und sein „Poppele“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 405–407
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
vgl. Poppele von Hohenkrähen, in: Badisches Sagen-Buch I, S. 94–96
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Hohenkrähen und sein „Poppele“.

Mit einer Abbildung von Richard Püttner.

Wenn man von der schönen Bodenseestadt Konstanz aus längs des nördlichen Ufers des Zeller- oder Untersees über Radolfzell nach den Bergen wandert – und wohl ist die herrliche Gegend einer Fußwanderung werth! – so gelangt man bei dem Städtchen Singen ins Herz des Hegaus, des „Pagus Hegauensis“, wie dieser Landstrich schon zur Zeit Karls des Großen genannt wurde, und des „Hewgau“, wie er im Mittelalter als Kanton einer freien deutschen Reichsritterschaft hieß. Reich an Burgen und „Festen“ – es waren ihrer vierzig an der Zahl – umfaßte er einst alles Land, welches den Untersee umgiebt, ferner den „Rück“ zwischen Unter- und Ueberlingersee, erstreckte sich vom kleinen Goldbach bei Ueberlingen über Engen bis auf die Höhen von Tuttlingen und grenzte östlich an den „Linzgau“, nördlich an die „Baar“ und westlich an den „Breisgau“, während im Süden der Rhein und die Vorberge der schweizer Alpen die Grenze bildeten. Jetzt in seinem größten Bestandtheile zum Großherzogthum Baden gehörig, bildet der Hegau einen der fruchtbarsten und an Naturschönheiten reichsten Bezirke dieses gesegneten Landes, hochinteressant durch acht aus dem Nagelfluh- und Geröllgebilde wie Inseln aufragende Phonolit- und Basaltkegel und besonders anziehend durch den Reiz der Romantik. Jeder dieser wundersam geformten, steil aufsteigenden Berge ist nämlich gekrönt durch die Ruinen einer ehemaligen Ritterburg, die – wir nennen nur jene des Hohentwiel, des Hohenkrähen, des Hohenstoffeln, des Mägdebergs und des Hohenhöwen – trotzig herabschauen und von langen, mühseligen Belagerungen, schweren Kämpfen und – unheimlichen Vorkommnissen reden.

Wohl die merkwürdigste, schönstgelegene und sagenreichste aller dieser Burgruinen ist – nach dem Hohentwiel – die Feste Hohenkrähen.

Mächtiges Mauerwerk und gewaltige Strebepfeiler lassen auch in den Trümmern noch die einstige Größe, Stärke und Festigkeit der Burg erkennen; die wunderbare Pracht ihrer Lage aber und die unbeschreiblich herrliche Rundsicht über alle Berggipfel des Hegaus hinweg weit ins Schwabenland hinein und über die spiegelglatte Fläche des Bodensees hinüber nach den schneebedeckten Bergriesen der Schweiz und Vorarlbergs machen die Ruine zu einer der schönsten von ganz Deutschland, während unterirdische Felsenkammern und dazu allerlei Sagen und Geschichten von einem hier und in der Umgegend spukenden Gespenste, dem „Poppele von Hohenkrähen“, ihr überdies den Zauber der Romantik verleihen.

Geschichtlich verbürgte Nachrichten über die Zeit der Erbauung der Burg sind nicht vorhanden. Auch der Name ihres Erbauers ist nicht bekannt. Im dreizehnten Jahrhundert werden zum ersten Mal in noch vorhandenen Urkunden des Klosters zu St. Gallen und der Abtei Reichenau „Edle von Kreigin“ und „Chregin“ genannt und erst ein Jahrhundert später, im Jahr 1307, wird eines „Gottfried von Krayen“ erwähnt, der gelegentlich eines Besuches auf der benachbarten Burg Bodmann bei einer Feuersbrunst mit der ganzen Familie der Edlen von Bodmann – ein einziges Söhnlein derselben ausgenommen – in den Flammen umkam. Dieser Gottfried von Krayen scheint zugleich der letzte seines Stammes gewesen zu sein, denn nach ihm wird nie mehr eines Sprossen dieses Geschlechtes Erwähnung gethan. Die Burg kam in andere Hände und endlich in die eines Raubritters, Hans von Friedingen.

Lange scheint dieser Edle übrigens nicht in ihrem Besitz gewesen zu sein. Seiner ewigen Räubereien wegen wurde Hohenkrähen, wie der schweizer Chronist Johann Stumpf erzählt, von dem berühmten Führer der Landsknechte Georg von Frundsberg belagert, eingenommen und niedergebrannt. Diese Einnahme der für unbezwinglich gehaltenen Feste scheint großes Aufsehen gemacht zu haben, denn sie wurde in verschiedenen noch vorhandenen Volksliedern gefeiert. Auch mehrere sagenhafte Erzählungen darüber, die sich auf die heutige Zeit vererbt haben, leben noch im Volksmund jener Gegend fort. Sie geben alle einen besonderen Grund für die Belagerung an und vermischen offenbar geschichtlich Wahres mit Erdichtetem.

Eine derselben, die der Wahrheit am nächsten kommen dürfte, mag hier eine Stelle finden. Sie lautet wie folgt:

In der freien Reichsstadt Kaufbeuren lebte zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts ein hochangesehener Kaufherr, der den Namen des Erfinders der Buchdruckerkunst trug, nämlich Johannes Gutenberg.

Er war nicht nur ein sehr reicher Mann, sondern auch ein glücklicher Vater, da er eine ebenso schöne als tugendsame [406] Tochter besaß. Kein Wunder war’s deshalb, daß sich um die Hand der schönen Margaretha neben vielen Jünglingen aus dem Bürgerstande mehrere vom Adel bewarben. Sie erwies sich jedoch gegen alle gleichgültig, einen einzigen ausgenommen, einen zwar armen, aber wackeren jungen Edelmann, Otto von Kreßling, dessen Vater in Kaufbeuren ansässig war.

Nun ward in Kaufbeuren einst ein Fest gefeiert, zu welchem vornehm und gering aus nah und fern herbeiströmte. Auch ein Edler aus dem Hegau, Stephan Haußner, ein heruntergekommener Ritter, der in seinem halbzerfallenen Schlosse von Wegelagerei, Raub und Plünderung lebte, kam dahin und sah bei dieser Gelegenheit die schöne und reiche Erbin. Sofort erfaßte ihn eine heftige Leidenschaft für sie und – ihr Geld, und da er bei ihrer ihm bekannten Neigung zu Otto von Kreßling nicht hoffen konnte, ihre Hand im Wege einer Werbung zu erlangen, so beschloß er, sich ihres Besitzes durch List und Gewalt zu versichern.

Die Gelegenheit zur Ausführung dieses Planes kam früher, als er selbst wohl gehofft haben mochte. Durch einen Helfershelfer erhielt Haußner etwa zwei Monate nach jenem Feste Nachricht, daß einige Handelsleute aus Kaufbeuren, auf der Heimreise von Freiburg im Breisgau begriffen, ihren Weg durch den Hegau nehmen wollten. Flugs legte sich der Schnapphahn in den Hinterhalt, überfiel die sorglos Daherkommenden und schleppte sie, da sein eigenes altes Eulennest sich zur Verwahrung von Gefangenen nicht eignete, zu seinem Freunde und Raubgenossen Hans von Friedingen nach Hohenkrähen.

Unter den Ergriffenen befand sich nun auch Georg von Kreßling, der Vater jenes Otto, welcher inzwischen der erklärte Verlobte der schönen Margaretha Gutenberg geworden war. Groß war die Freude Haußners, als er die Entdeckung von seinem Fange machte.

Während er alle anderen Gefangenen nach Zahlung eines beträchtlichen Lösegeldes frei ließ, warf er den alten Kreßling in das Burgverließ und schwor, ihn so lange gefangen zu halten, bis Otto ihm die schöne Margaretha als Braut abtrete.

Als die That in Kaufbeuren bekannt wurde, erregte sie allgemeinen Unwillen. Schleunigst wurde beschlossen, eine Gesandtschaft an den Kaiser abzusenden und ihn um Hilfe anzugehen.

Der Kaiser gerieth bei der Kunde von diesem schnöden Bruch des gebotenen „ewigen Landfriedens“ in heftigen Zorn und ertheilte alsbald seinem Feldobersten, dem berühmten Georg von Frundsberg, den Befehl, die Friedensstörer zu züchtigen.

Frundsberg kam dem erhaltenen Befehle unverzüglich nach und rückte mit einem stattlichen Kriegsheere, welchem sich auch der junge Kreßling angeschlossen hatte, vor die Feste; aber die Lage derselben machte eine Belagerung sehr schwierig. Darum beschloß Frundsberg nach einer vergeblichen Beschießung, die hinreichend mit Mannschaft und Geschütz versehene Feste durch enge Einschließung und Hunger zur Uebergabe zu bringen.

Die Belagerung dauerte bereits mehrere Wochen, und fast täglich fanden kleine Ausfallgefechte statt, denn der Friedinger und Haußner, welche die Absicht Frundsbergs erkannten, suchten mit dem Muthe der Verzweiflung einen Ausweg zu gewinnen.

Da endlich trat ein Ereigniß ein, das den Fall der Burg beschleunigte.

Dem Friedinger wurde nämlich durch das Zerspringen einer Büchse der Arm zerschmettert, und da er dessen Abnahme nicht gestattete, so war sein Tod sicher. Gefaßt sah er demselben entgegen und gab, als er ihn herannahen fühlte, seinem Freunde Haußner noch selbst den Rath, sich und die Mannschaft zur Nachtzeit an Seilen über die steil abfallenden Felsen hinabzulassen und in Sicherheit zu bringen, weil die Lebensmittel der Burg bis auf einen kleinen Rest aufgezehrt seien. Diesen Rath befolgte Haußner. Nachdem des Friedingers Augen sich geschlossen hatten, ließ er dessen Leiche in der Burgkapelle aufbahren und entwich hierauf etwa eine Stunde vor Tagesanbruch mit der Mehrzahl seiner Kampfgenossen – ein kleiner Theil wollte sich zu dem Wagniß nicht entschließen – auf dem ihm bezeichneten Wege aus der Burg. Mit Absicht wählte er zum Niederstieg die allersteilste Stelle, weil er hoffen konnte, daß hier die Bewachung mangelhaft sein werde. Und wirklich täuschte er sich hierin nicht. Glücklich gelangten alle – mit Ausnahme eines einzigen, der bei dem gewagten Unternehmen den Hals brach – in den düstern Thalgrund und entkamen. Aber Haußner entrann darum seinem Schicksale dennoch nicht. Als er, in der Absicht, nach Basel zu flüchten, den Weg dahin einschlug, sprengte ihm plötzlich ein junger Ritter an der Spitze einiger Reisigen entgegen. Es war Otto von Kreßling, den Frundsberg zur Herbeischaffung von Lebensmitteln entsandt hatte. Augenblicklich erkannten sich beide und – tödlicher Schreck erfaßte Haußner; er sah, daß er verloren war. Eilends flüchtete er in eine am Wege stehende Kapelle, doch Otto stürzte ihm mit gezücktem Schwerte nach und, nicht achtend der geheiligten Stätte, stieß er ihn am Altare nieder.[1]

Eine Stunde später wurde die Feste übergeben und der alte Kreßling befreit. Frundsberg bewilligte dem Reste der Besatzung freien Abzug und gönnte der Leiche Friedingens ein ehrenhaftes Grab. Unmittelbar nachher aber ward das Raubnest in Flammen gesetzt und von Grund aus zerstört.

Dies ist die Geschichte von der ersten Zerstörung Hohenkrähens, wie sie die Einwohner von Schlatt und Umgebung erzählen; sie mag, wie bereits erwähnt, am wenigsten von allen hierüber umlaufenden Erzählungen „Sage“ sein.

Die Bnrg scheint übrigens bald nach dieser Frundsbergischen Zerstörung wieder aufgebaut worden zu sein, denn noch im gleichen Jahrhundert, im Jahre 1534, wurde sie vom König Ferdinand abermals einem Hans von Friedingen als Mannslehen übergeben, und außerdem werden noch mehrere Ritter anderer Geschlechter als Besitzer der Burg genannt, bis sie endlich an die freiherrliche Familie von Reischach kam. Im Jahre 1632 nahm ein Hauptmann Lösch, der zur Besatzung des Hohentwiel gehörte, die Feste wiederum ein und zwei Jahre später ließ sie der berühmte Kommandant des Hohentwiel Konrad Wiederhold zum zweitenmal niederbrennen. Seither liegt sie in Trümmern; nur einige Oekonomiegebäude sind bewohnbar geblieben.

Wie jede „richtige“ Burgruine hat auch Hohenkrähen sein Gespenst. Es ist allgemein unter dem Namen des „Poppele von Hohenkrähen“ bekannt und soll der Geist eines Menschen sein, der am Ende des dreizehnten Jahrhunderts als Schirmvogt einer verwitweten Frau von Krayen oder Krähen lebte. Sein Name war Johann Christoph Poppelius Mayer. Von Gestalt zwar klein, hager und verwachsen, soll er doch ein äußerst strenges Regiment geführt haben, wild und zügellos und – um mit Scheffel zu reden – „ein trinkbarer Mann“ gewesen sein. Einst spät abends sprach ein vorüberreisender Abt mit seinem Gefolge auf Hohenkrähen ein und bat um Herberge und Zehrung. Gastfreundlich gewährte Poppelius beides, setzte sich mit seinen Gästen zu Tische und ließ „vom Besten“ aufsetzen, der im Keller lag. Fröhlich kreiste der Becher und öffnete bald aller Herz und – Mund.

Auf einen derben Scherz, den Poppelius sich über die Person des wohlbeleibten Abtes erlaubte, antwortete dieser mit einem noch derberen, indem er unter dem wiehernden Gelächter seiner Zechgenossen den Schirmvogt „Knochenmännlein“ nannte und behauptete, „solch’ ein dürrer Knirps könne mit Leichtigkeit durch ein Nadelöhr gezogen werden“. Wüthend über diesen Schimpf sprang Poppelius jetzt auf und befahl, das feiste Pfäfflein ins unterste Burgverließ zu werfen und bei Wasser und Brot so lange gefangen zu halten, bis es ebenfalls so mager geworden sei, daß man es durch ein Nadelöhr ziehen könne. Erst nach Jahr und Tag wurde der bedauernswerthe Abt, der nur noch ein Schatten seiner selbst war, seiner Haft entlassen.

Mit Ingrimm im Herzen schied der Mann von Hohenkrähen. Außerhalb der Zingeln[2] aber hielt er sein Roß an und sprach einen fürchterlichen Fluch aus über den gewaltthätigen Vogt, der ihm so schwere Unbill angethan.

Und der Himmel erhörte den Kirchenfürsten, der Fluch ging in Erfüllung. Nur wenige Tage nach des Abtes Abreise stürzte Poppelius, nachdem er wie gewöhnlich dem Becher etwas zu sehr zugesprochen hatte, eine Treppe hinab und brach den Hals.

Sein Leib wurde in der Kirche zu Mühlhausen[3] zur ewigen Ruhe gebettet, doch der Seele des Verfluchten war diese versagt. Sein ruheloser Geist plagte der Sage nach die ganze Umgegend durch seine Spukereien, die meist nur in Neckereien, [407] manchmal aber auch in sehr ernsten, Leib und Leben gefährdenden Streichen bestanden. So liebte es Poppele ganz besonders, in ähnlicher Weise wie Rübezahl den Glasmännern und Eierhändlern einen Possen zu spielen. Wenn er solche in seinem Spukrevier daherkommen sah, so legte er sich an einem schattigen, zur Ruhe einladenden Plätzchen in Gestalt eines Baumstammes oder Felsblockes an den Rand der Straße. Wollte dann der Händler ein wenig auf dem Stamm oder Block ausruhen oder den Tragkorb mit seiner zerbrechlichen Waare daran anlehnen, so verschwand der vermeintliche Ruhesitz plötzlich, der Korb stürzte um, Glas oder Eier zerbrachen und aus dem Erdreich drang ein schallendes Gelächter ans Ohr des Gefoppten.

Ebenso neckte er gern die Bauern, wenn sie zur Winterszeit in ihren Scheunen draschen. Sobald sie nämlich für kurze Zeit ihre Arbeit unterbrachen, um ihr Vesperbrot zu essen, warf ihnen der tückische Kobold sämmtliche Garben durcheinander oder er verdarb ihnen die Dreschflegel, daß sie beim ersten Schlag zerbrachen. Nur dadurch, daß einer der Knechte vor dem Verlassen der Scheune mit lauter Stimme rief: „Nit z’lützel und nit z’viel!“[4] konnte man sich gegen Poppeles Tücke schützen.

Auch wenn die Bauern aufs Feld fahren wollten, übte der Kobold seine Bosheit aus, denn alsbald war er in einem unbewachten Augenblicke bereit, Pferde und Ochsen verkehrt einzuspannen oder den schon angespannten die Zügel und Stränge zu verwirren, daß es geraumer Zeit bedurfte, bis alles wieder in gehöriger Ordnung war. Auch hiergegen gab es nur ein schützendes Mittel. Die Knechte mußten nämlich vor dem Ausfahren laut in den Stall und den Hof rufen: „Wir wollen selbst anspannen!“ Dann mußte der Kobold seine Neckerei unterlassen.

Eine weitere Liebhaberei des Poppele war es, die Räder vorüberfahrender Wagen und Kutschen zu sperren, und zwar so lange, bis er durch Fluchen verjagt wurde. Dies soll sogar einmal der Aebtissin von Ummenhausen auf einer Fahrt nach Radolfzell begegnet sein. Die fromme Frau wurde äußerst lange am Fuße des Berges vom Poppele aufgehalten, weil sie ihrem Kutscher durchaus nicht gestatten wollte, zu fluchen. Endlich aber mußte sie, um nur vom Fleck zu kommen, die Erlaubniß hierzu ertheilen, worauf die Räder sofort frei wurden und Poppele unter Hohngelächter verschwand.

Dem Thorwächter von Radolfzell spielte der Kobold wiederholt üble Possen. Um die Mitternachtsstunde nämlich, wenn der biedere Wächter längst den Schlaf des Gerechten schlief, kam er zum Thore, ahmte den Ton eines Posthorns nach und lockte den Mann dadurch aus den Federn zum Oeffnen. Kaum aber war dies geschehen, so machte sich Poppele hellauflachend davon.

Weniger harmlos jedoch waren Späße wie die nachfolgenden, welche Poppele mit Vorliebe an alten, schwachen oder betrunkenen Personen verübte.

Wenn alte Weiblein, Gebetbuch und Rosenkranz in den zitternden Händen, zur Abendkirche von Schlatt nach Mühlhausen gingen, so stellte sich Poppele ins Buschwerk am Wiesenbach und wartete, bis sie den schmalen Steg betraten. Sobald dies geschah, – puff! versetzte er ihnen hinterrücks einen Stoß, daß sie in den – besonders nach Gewittern stark angeschwollenen – reißenden Bach stürzten und meist nur mit größter Anstrengung sich retten konnten.

Sah er einen Krüppel oder Lahmen an Krücken die Straße einherkommen, so legte er sich flugs in den Hinterhalt und riß ihm unversehens die Krücken weg, daß der Arme zu Boden fiel und hilflos auf der Straße liegen blieb. Poppele selbst machte sich dann, nachdem er zum Ueberfluß noch die Krücken zerbrochen hatte, mit gellendem Lachen davon.

Am übelsten spielte er betrunkenen Personen mit. Kam eine solche zu abendlicher Stunde des Weges daher, so nahm er schnell die Gestalt eines Freundes oder Verwandten des Bezechten an, gesellte sich zu ihm und führte ihn nun in der Irre umher, an entlegene Orte und hochgelegene Felskuppen, wo er ihn verließ. Dem armen Weinseligen, der meist nicht wußte, wo er sich befand, blieb nun nichts anderes übrig, als sich auf das harte Gestein zu legen und frühmorgens den Heimweg zu suchen. Manchmal auch begegnete der heimtückische Gesell auf dem Wege einem Betrunkenen in Gestalt von dessen Weibe, fing alsbald Zank und Streit mit ihm an, prügelte ihn lederweich und eilte dann hinweg. Kam dann der Trunkenbold wuthschnaubend heim, so war es natürlich sein erstes, daß er sein armes ahnungsloses Weib wieder prügelte, bis er endlich an einem aus einer Ecke kommenden Hohnlachen merkte, daß er von Poppele gefoppt worden war.

Solche und ähnliche Neckereien verübte der gespenstige Kobold zu Hunderten. Niemand war vor ihm sicher, die Frommen und Rechtschaffenen am wenigsten. Gerade dieses ausschließlich boshaften Charakters wegen ist Poppele wohl zu unterscheiden von den sogenannten „Hausgeistern“, welche – den „Manen“, „Laren“ und „Penaten“ der Römer verwandt – den Bewohnern des Hauses, in welches sie gebannt sind, meist wohlwollen. Diese bringen Glück, spinnen des Nachts die Spindeln voll, helfen den Knechten und Mägden im Stall und in der Küche – so lange man sie gut behandelt und sie nicht erzürnt. Geschieht dies, so werden sie allerdings ebenfalls wie unser Poppele tückisch und boshaft und rächen sich an den Hausbewohnern durch allerlei Unfug. Der Poppele aber – ganz abgesehen davon, daß er nicht ausschließlich an die Stätte, wo er im Leben hauste, gebannt ist – thut niemals etwas Gutes, sondern hat nur seine Lust daran, den Menschen tückische Streiche zu spielen, sie zu necken und zu schrecken.

Glücklicherweise ist der böse Geist „im neunzehnten Jahrhundert“ ziemlich zahm geworden, denn er schleudert höchstens noch bisweilen ein Bäuerlein vom Steg in den Wiesenbach, wenn es – etwas zu viel des bekannten trefflichen „Seeweins“ zu sich genommen hat. Ob aber der Geist des letzteren nicht die alleinige Schuld daran trägt, läßt sich in den einzelnen Fällen schwer nachweisen.


  1. Nach einer andern Ueberlieferung wurde Haußner gefangen und einige Tage später enthauptet.
  2. Die eine Burg umgebenden Ringmauern wurden Zingeln genannt.
  3. Badisches Dorf, nordwestlich am Fuße des Hohenkrähen gelegen.
  4. „Nicht zu wenig und nicht zu viel“