Hyperion an Bellarmin LVIII

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Hölderlin
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Hyperion – Hyperion an Bellarmin LVIII
Untertitel: oder der Eremit in Griechenland – Zweiter Band
aus: Hyperion oder der Eremit in Griechenland von Friedrich Hölderlin. Erster Band. Tübingen 1799; S. 94–112
Herausgeber:
Auflage: 1
Entstehungsdatum: o. A.
Erscheinungsdatum: 1799
Verlag: J. G. Cotta'sche Buchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: www.hoelderlin.de
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]
[94-95]
HYPERION AN BELLARMIN.


     Zufällig hielt das Fahrzeug, das nach Kalaurea mich bringen sollte, noch bis zum Abend sich auf, nachdem Alabanda schon den Morgen seinen Weg gegangen war.

     Ich blieb am Ufer, blikte still, von den Schmerzen des Abschieds müd, in die See, von einer Stunde zur andern. Die Leidenstage der langsamsterbenden Jugend überzählte mein Geist, und irre, wie die schöne Taube schwebt’ er über dem Künftigen. Ich wollte mich stärken, ich nahm mein längstvergessenes Lautenspiel hervor, um mir ein Schiksaalslied zu singen, das ich einst in glüklicher unverständiger Jugend meinem Adamas nachgesprochen.

Ihr wandelt droben im Licht
     Auf weichem Boden, seelige Genien!
          Glänzende Götterlüfte
               Rühren euch leicht,
                    Wie die Finger der Künstlerin
                         Heilige Saiten.

Schiksaallos, wie der schlafende
     Säugling, athmen die Himmlischen;
          Keusch bewahrt
               In bescheidener Knospe,
                    Blühet ewig
                         Ihnen der Geist,
                              Und die seeligen Augen
                                   Bliken in stiller
                                        Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
     Auf keiner Stätte zu ruhn,
          Es schwinden, es fallen
               Die leidenden Menschen
                    Blindlings von einer
                         Stunde zur andern,
                              Wie Wasser von Klippe
                                   Zu Klippe geworfen,
                                        Jahr lang ins Ungewisse hinab.

     So sang ich in die Saiten. Ich hatte kaum geendet, als ein Boot einlief, wo ich meinen Diener gleich erkannte, der mir einen Brief von Diotima überbrachte.

     So bist du noch auf Erden? schrieb sie, und siehest das Tageslicht noch? Ich dachte dich anderswo zu finden, mein Lieber! Ich habe früher, als du nachher wünschtest, den Brief erhalten, den du vor der Schlacht bei Tschesme schriebst und so lebt’ ich eine Woche lang in der Meinung, du habst dem Tod dich in die Arme geworfen, ehe dein Diener ankam mit der frohen Botschaft, dass du noch [96-97] lebest. Ich hatt’ auch ohnediss noch einige Tage nach der Schlacht gehört, das Schiff, worauf ich dich wusste, sei mit aller Mannschaft in die Luft geflogen.

     Aber o süsse Stimme! noch hört’ ich dich wieder, noch einmal rührte, wie Mailuft, mich die Sprache des Lieben, und deine schöne Hoffnungsfreude, das holde Phantom unsers künftigen Glüks, hat einen Augenblick auch mich getäuscht.

     Lieber Träumer, warum muss ich dich weken? warum kann ich nicht sagen, komm, und mache wahr die schönen Tage, die du mir verheissen! Aber es ist zu spät, Hyperion, es ist zu spät. Dein Mädchen ist verwelkt, seitdem du fort bist, ein Feuer in mir hat mählig mich verzehrt, und nur ein kleiner Rest ist übrig. Entseze dich nicht! Es läutert sich alles Natürliche, und überall windet die Blüthe des Lebens freier und freier vom gröbern Stoffe sich los.

     Liebster Hyperion! du dachtest wohl nicht, mein Schwanenlied in diesem Jahre zu hören.


Fortsezung.

     Bald, da du fort warst, und noch in den Tagen des Abschieds fieng es an. Eine Kraft im Geiste, vor der ich erschrak, ein innres Leben, vor dem das Leben der Erd’ erblasst’ und schwand, wie Nachtlampen im Morgenroth - soll ichs sagen? ich hätte mögen nach Delphi gehn und dem Gott der Begeisterung einen Tempel bauen unter den Felsen des alten Parnass, und, eine neue Pythia, die schlaffen Völker mit Göttersprüchen entzünden, und meine Seele weiss, den Gottverlassnen allen hätte der jungfräuliche Mund die Augen geöffnet und die dumpfen Stirnen entfaltet, so mächtig war der Geist des Lebens in mir! Doch müder und müder wurden die sterblichen Glieder und die ängstigende Schwere zog mich unerbittlich hinab. Ach! oft in meiner stillen Laube hab ich um der Jugend Rosen geweint! sie welkten und welkten, und nur von Thränen färbte deines Mädchens Wange sich roth. Es waren die vorigen Bäume noch, es war die vorige Laube - da stand einst deine Diotima, dein Kind, Hyperion, vor deinen glüklichen Augen, eine Blume unter den Blumen und die Kräfte der Erde und des Himmels trafen sich friedlich zusammen in ihr; nun gieng sie, eine Fremdlingin unter den Knospen des Mais, und ihre Vertrauten, die lieblichen Pflanzen, nikten ihr freundlich, sie aber konnte nur trauern; doch gieng ich keine [98-99] vorüber, doch nahm ich einen Abschied um den andern von all den Jugendgespielen, den Hainen und Quellen und säuselnden Hügeln.

     Ach! oft mit schwerer süsser Mühe bin ich noch, so lang ichs konnte, auf die Höhe gegangen, wo du bei Notara gewohnt, und habe von dir mit dem Freunde gesprochen, so leichten Sinns, als möglich war, damit er nichts von mir dir schreiben sollte; bald aber, wenn das Herz zu laut ward, schlich die Heuchlerin sich hinaus in den Garten, und da war ich nun am Geländer, über dem Felsen, wo ich einst mit dir hinab sah, und hinaus in die offne Natur, ach! wo ich stand, von deinen Händen gehalten, von deinen Augen umlauscht, im ersten schaudernden Erwarmen der Liebe und die überwallende Seele auszugiessen wünschte, wie einen Opferwein, in den Abgrund des Lebens, da wankt’ ich nun umher und klagte dem Winde mein Laid, und wie ein scheuer Vogel, irrte mein Blik und wagt’ es kaum, die schöne Erde anzusehn, von der ich scheiden sollte.


Fortsezung.

     So ists mit deinem Mädchen geworden, Hyperion. Frage nicht wie? erkläre diesen Tod dir nicht! Wer solch ein Schiksaal zu ergründen denkt, der flucht am Ende sich und allem, und doch hat keine Seele Schuld daran.

     Soll ich sagen, mich habe der Gram um dich getödtet? o nein! o nein! er war mir ja willkommen, dieser Gram, er gab dem Tode, den ich in mir trug, Gestalt und Anmuth; deinem Lieblinge zur Ehre stirbst du, konnt’ ich nun mir sagen. -

     Oder ist mir meine Seele zu reif geworden in all den Begeisterungen unserer Liebe und hält sie darum mir nun, wie ein übermüthiger Jüngling, in der bescheidenen Heimath nicht mehr? sprich! war es meines Herzens Üppigkeit, die mich entzweite mit dem sterblichen Leben? ist die Natur in mir durch dich, du Herrlicher! zu stolz geworden, um sichs länger gefallen zu lassen auf diesem mittelmässigen Sterne? Aber hast du sie fliegen gelehrt, warum lehrst du meine Seele nicht auch, dir wiederzukehren? Hast du das ätherliebende Feuer angezündet, warum hütetest du mir es nicht? - Höre mich, Lieber! um deiner schönen Seele willen! klage du dich über meinem Tode nicht an!

     Konntest du denn mich halten, als dein Schiksaal dir denselben Weg wies? und, hättst [100-101] du im Heldenkampfe deines Herzens mir gepredigt - lass dir genügen, Kind! und schik’ in die Zeit dich - wärst du nicht der eitelste von allen eiteln gewesen?


Fortsezung.

     Ich will es dir gerade sagen, was ich glaube. Dein Feuer lebt’ in mir, dein Geist war in mich übergegangen; aber das hätte schwerlich geschadet, und nur dein Schiksaal hat mein neues Leben mir tödtlich gemacht. Zu mächtig war mir meine Seele durch dich, sie wäre durch dich auch wieder stille geworden. Du entzogst mein Leben der Erde, du hättest auch Macht gehabt, mich an die Erde zu fesseln, du hättest meine Seele, wie in einen Zauberkreis, in deine umfangenden Arme gebannt; ach! Einer deiner Herzensblike hätte mich vest gehalten, Eine deiner Liebesreden hätte mich wieder zum frohen gesunden Kinde gemacht; doch da dein eigen Schiksaal dich in Geisteseinsamkeit, wie Wasserfluth auf Bergesgipfel trieb, o da erst, als ich vollends meinte, dir habe das Wetter der Schlacht den Kerker gesprengt und mein Hyperion sei aufgeflogen in die alte Freiheit, da entschied sich es mit mir und wird nun bald sich enden.

     Ich habe viele Worte gemacht, und stillschweigend starb die grosse Römerin doch, da im Todeskampf ihr Brutus und das Vaterland rang. Was konnt’ ich aber bessers in den besten meiner lezten Lebenstage thun? - Auch treibt michs immer, mancherlei zu sagen. Stille war mein Leben; mein Tod ist beredt. Genug!


Fortsezung.

     Nur Eines muss ich dir noch sagen.

     Du müsstest untergehn, verzweifeln müsstest du, doch wird der Geist dich retten. Dich wird kein Loorbeer trösten und kein Myrthenkranz; der Olymp wirds, der lebendige, gegenwärtige, der ewig jugendlich um alle Sinne dir blüht. Die schöne Welt ist mein Olymp; in diesem wirst du leben, und mit den heiligen Wesen der Welt, mit den Göttern der Natur, mit diesen wirst du freudig seyn.

     O seid willkommen, ihr Guten, ihr Treuen! ihr Tiefvermissten, Verkannten! Kinder und Älteste! Sonn’ und Erd’ und Aether mit allen lebenden Seelen, die um euch spielen, die ihr umspielt, in ewiger Liebe! o nimmt die allesversuchenden Menschen, nimmt die Flüchtlinge wieder in die Götterfamilie, nimmt in die [102-103] Heimath der Natur sie auf, aus der sie entwichen! -

     Du kennst diss Wort, Hyperion! Du hast es angefangen in mir. Du wirsts vollenden in dir, und dann erst ruhn.

     Ich habe genug daran, um freudig, als ein griechisch Mädchen zu sterben.

     Die Armen, die nichts kennen, als ihr dürftig Machwerk, die der Noth nur dienen und den Genius verschmähn, und dich nicht ehren, kindlich Leben der Natur! die mögen vor dem Tode sich fürchten. Ihr Joch ist ihre Welt geworden; Besseres, als ihren Knechtsdienst, kennen sie nicht; scheun die Götterfreiheit, die der Tod uns giebt?

     Ich aber nicht! ich habe mich des Stükwerks überhoben, das die Menschenhände gemacht, ich hab’ es gefühlt, das Leben der Natur, das höher ist, denn alle Gedanken - wenn ich auch zur Pflanze würde, wäre denn der Schade so gross? - Ich werde seyn. Wie sollt’ ich mich verlieren aus der Sphäre des Lebens, worinn die ewige Liebe, die allen gemein ist, die Naturen alle zusammenhält? wie sollt ich scheiden aus dem Bunde, der die Wesen alle verknüpft? Der bricht so leicht nicht, wie die losen Bande dieser Zeit. Der ist nicht, wie ein Markttag, wo das Volk zusammenläuft und lärmt und auseinandergeht. Nein! bei dem Geiste, der uns einiget, bei dem Gottesgeiste, der jedem eigen ist und allen gemein! nein! nein! im Bunde der Natur ist Treue kein Traum. Wir trennen uns nur, um inniger einig zu seyn, göttlicherfriedlich mit allem, mit uns. Wir sterben, um zu leben.

     Ich werde seyn; ich frage nicht was ich werde. Zu seyn, zu leben, das ist genug, das ist die Ehre der Götter; und darum ist sich alles gleich, was nur ein Leben ist, in der göttlichen Welt, und es giebt in ihr nicht Herren und Knechte. Es leben umeinander die Naturen, wie Liebende; sie haben alles gemein, Geist, Freude und ewige Jugend.

     Beständigkeit haben die Sterne gewählt, in stiller Lebensfülle wallen sie stets und kennen das Alter nicht. Wir stellen im Wechsel das Vollendete dar; in wandelnde Melodien theilen wir die grossen Akkorde der Freude. Wie Harfenspieler um die Thronen der Ältesten, leben wir, selbst göttlich, um die stillen Götter der Welt, mit dem flüchtigen Lebensliede mildern wir den seeligen Ernst des Sonnengotts und der andern.

     Sieh auf in die Welt! Ist sie nicht, wie ein [104-105] wandelnder Triumphzug, wo die Natur den ewigen Sieg über alle Verderbniss feiert? und führt nicht zur Verherrlichung das Leben den Tod mit sich, in goldenen Ketten, wie der Feldherr einst die gefangenen Könige mit sich geführt? und wir, wir sind wie die Jungfrauen und die Jünglinge, die mit Tanz und Gesang, in wechselnden Gestalten und Tönen den majestätischen Zug geleiten.

     Nun lass mich schweigen. Mehr zu sagen, wäre zu viel. Wir werden wohl uns wieder begegnen. -

     Trauernder Jüngling! bald, bald wirst du glücklicher seyn. Dir ist dein Lorbeer nicht gereift und deine Myrthen verblühten, denn Priester sollst du seyn der göttlichen Natur, und die dichterischen Tage keimen dir schon.

     O könnt’ ich dich sehn in deiner künftigen Schöne! Lebe wohl.

     Zugleich erhielt ich einen Brief von Notara, worinn er mir schrieb:

     Den Tag, nachdem sie dir zum letzten Mal geschrieben, wurde sie ganz ruhig, sprach noch wenig Worte, sagte dann auch, dass sie lieber möcht’ im Feuer von der Erde scheiden; als begraben seyn, und ihre Asche sollten wir in eine Urne sammeln, und in den Wald sie stellen, an den Ort, wo du, mein Theurer! ihr zuerst begegnet wärst. Bald darauf, da es anfieng, dunkel zu werden, sagte sie uns gute Nacht, als wenn sie schlafen möcht’, und schlug die Arme um ihr schönes Haupt; bis gegen Morgen hörten wir sie athmen. Da es dann ganz stille wurde und ich nichts mehr hörte, gieng ich hin zu ihr und lauschte.

     O Hyperion! was soll ich weiter sagen? Es war aus und unsre Klagen wekten sie nicht mehr.

     Es ist ein furchtbares Geheimniss, dass ein solches Leben sterben soll und ich will es dir gestehn, ich selber habe weder Sinn noch Glauben, seit ich das mit ansah.

     Doch immer besser ist ein schöner Tod, Hyperion! denn solch ein schläfrig Leben, wie das unsre nun ist.

     Die Fliegen abzuwehren, das ist künftig unsre Arbeit und zu nagen an den Dingen der Welt, wie Kinder an der dürren Feigenwurzel, das ist endlich unsre Freude. Alt zu werden unter jugendlichen Völkern, scheint mir eine Lust, doch alt zu werden, da wo alles alt ist, scheint mir schlimmer, denn alles. -

     Ich möchte fast dir raten, mein Hyperion! [106-107] dass du nicht hieher kommst. Ich kenne dich. Es würde dir die Sinne nehmen. Überdiss bist du nicht sicher hier. Mein Theurer! denk an Diotimas Mutter, denk an mich und schone dich!

     Ich will es dir gestehn, mir schaudert, wenn ich dein Schiksaal überdenke. Aber ich meine doch auch, der brennende Sommer trockne nicht die tiefern Quellen, nur den seichten Reegenbach aus. Ich habe dich in Augenbliken gesehn, Hyperion! wo du mir ein höher Wesen schienst. Du bist nun auf der Probe, und es muss sich zeigen, wer du bist. Leb wohl.

     So schrieb Notara; und du fragst, mein Bellarmin! wie jetzt mir ist, indem ich diss erzähle?

     Bester! ich bin ruhig, denn ich will nichts bessers haben, als die Götter. Muss nicht alles leiden? Und je trefflicher es ist, je tiefer! Leidet nicht die heilige Natur? O meine Gottheit! dass du trauern könntest, wie du seelig bist, das konnt’ ich lange nicht fassen. Aber die Wonne, die nicht leidet, ist Schlaf, und ohne Tod ist kein Leben. Solltest du ewig seyn, wie ein Kind und schlummern, dem Nichts gleich? den Sieg entbehren? nicht die Vollendungen alle durchlaufen? Ja! ja! werth ist der Schmerz, am Herzen der Menschen zu liegen, und dein Vertrauter zu seyn, o Natur! Denn er nur führt von einer Wonne zur andern, und es ist kein andrer Gefährte, denn er. -

     Damals schrieb ich an Notara, als ich wieder anfieng aufzuleben, von Sicilien aus, wohin ein Schiff von Paros mich zuerst gebracht:

     Ich habe dir gehorcht, mein Theurer! bin schon weit von euch und will dir nun auch Nachricht geben; aber schwer wird mir das Wort; das darf ich wohl gestehen. Die Seeligen, wo Diotima nun ist, sprechen nicht viel; in meiner Nacht, in der Tiefe der Traurenden, ist auch die Rede am Ende.

     Einen schönen Tod ist meine Diotima gestorben; da hast du Recht; das ists auch, was mich aufwekt, und meine Seele mir wiedergiebt.

     Aber es ist die vorige Welt nicht mehr, zu der ich wiederkehre. Ein Fremdling bin ich, wie die Unbegrabnen, wenn sie herauf vom Acheron kommen, und wär’ ich auch auf meiner heimatlichen Insel, in den Gärten meiner Jugend, die mein Vater mir verschliesst, ach! dennoch, dennoch, wär’ ich auf der Erd’ [108-109] ein Fremdling und kein Gott knüpft ans Vergangne mich mehr.

     Ja! es ist alles vorbei. Das muss ich nur recht oft mir sagen, muss damit die Seele mir binden, dass sie ruhig bleibt, sich nicht erhizt in ungereimten kindischen Versuchen.

     Es ist alles vorbei; und wenn ich gleich auch weinen könnte, schöne Gottheit, wie du um Adonis einst geweint, doch kehrt mir meine Diotima nicht wieder und meines Herzens Wort hat seine Kraft verloren, denn es hören mich die Lüfte nur.

     O Gott! und dass ich selbst nichts bin, und der gemeinste Handarbeiter sagen kann, er habe mehr gethan, denn ich! dass sie sich trösten dürfen, die Geistesarmen, und lächeln und Träumer mich schelten, weil meine Thaten mir nicht reiften, weil meine Arme nicht frei sind, weil meine Zeit dem wütenden Prokrustes gleicht, der Männer, die er fieng, in eine Kinderwiege warf, und dass sie passten in das kleine Bett, die Glieder ihnen abhieb.

     Wär’ es nur nicht gar zu trostlos, allein sich unter die närrische Menge zu werfen und zerrissen zu werden von ihr! oder müsst’ ein edel Blut sich nur nicht schämen, mit dem Knechtsblut sich zu mischen! o gäb’ es eine Fahne, Götter! wo mein Alabanda dienen möcht’, ein Thermopylä, wo ich mit Ehren sie verbluten könnte, all die einsame Liebe, die mir nimmer brauchbar ist! Noch besser wär’ es freilich, wenn ich leben könnte, leben, in den neuen Tempeln, in der neuversammelten Agora unsers Volks mit grosser Lust den grossen Kummer stillen; aber davon schweig’ ich, denn ich weine nur die Kraft mir vollends aus, wenn ich an Alles denke.

     Ach Notara! auch mit mir ists aus; verlaidet ist mir meine eigne Seele, weil ich ihrs vorwerfen muss, dass Diotima todt ist, und die Gedanken meiner Jugend, die ich gross geachtet, gelten mir nichts mehr. Haben sie doch meine Diotima mir vergiftet!

     Und nun sage mir, wo ist noch eine Zuflucht? - Gestern war ich auf dem Aetna droben. Da fiel der grosse Sicilianer mir ein, der einst des Stundenzählens satt, vertraut mit der Seele der Welt, in seiner kühnen Lebenslust sich da hinabwarf in die herrlichen Flammen, denn der kalte Dichter hätte müssen am Feuer sich wärmen, sagt’ ein Spötter ihm nach.

     O wie gerne hätt’ ich solchen Spott auf mich geladen! aber man muss sich höher achten, denn ich mich achte, um so ungerufen [110-111] der Natur ans Herz zu fliegen, oder wie du es sonst noch heissen magst, denn wirklich! wie ich jetzt bin, hab ich keinen Nahmen für die Dinge und es ist mir alles ungewiss.

     Notara! und nun sage mir, wo ist noch Zuflucht?

     In Kalaureas Wäldern? - Ja! im grünen Dunkel dort, wo unsre Bäume, die Vertrauten unsrer Liebe stehn, wo, wie ein Abendroth, ihr sterbend Laub auf Diotimas Urne fällt und ihre schönen Häupter sich auf Diotimas Urne neigen, mälig alternd, bis auch sie zusammensinken über der geliebten Asche, - da, da könnt’ ich wohl nach meinem Sinne wohnen!

     Aber du räthst mir, wegzubleiben, meinst ich sei nicht sicher in Kalaurea und das mag so seyn.

     Ich weiss es wohl du wirst an Alabanda mich verweisen. Aber höre nur! zertrümmert ist er! verwittert ist der veste, schlanke Stamm, auch er, und die Buben werden die Späne auflesen und damit ein lustig Feuer sich machen. Er ist fort; er hat gewisse gute Freunde, die ihn erleichtern werden, die ganz eigentlich geschikt sind, jedem abzuhelfen, dem das Leben etwas schwer aufliegt; zu diesen ist er auf Besuch gegangen, und warum? weil sonst nichts für ihn zu thun ist, oder, wenn du alles wissen willst, weil eine Leidenschaft am Herzen ihm nagt, und weist du auch für wen? für Diotima, die er noch im Leben glaubt, vermählt mit mir und glüklich - armer Alabanda! nun gehört sie dir und mir!

     Er fuhr nach Osten hinaus und ich, ich schiffe nach Nordwest, weil es die Gelegenheit so haben will. -

     Und nun lebt wohl, ihr Alle! all’ ihr Theuern, die ihr mir am Herzen gelegen, Freunde meiner Jugend und ihr Eltern und ihr lieben Griechen all’, ihr Leidenden!

     Ihr Lüfte, die ihr mich genährt, in zarter Kindheit, und ihr dunkeln Lorbeerwälder und ihr Uferfelsen und ihr majestätischen Gewässer, die ihr Grosses ahnen meinen Geist gelehrt - und ach! ihr Trauerbilder, ihr, wo meine Schwermuth anhub, heilige Mauern, womit die Heldenstädte sich umgürtet und ihr alten Thore, die manch schöner Wanderer durchzog, ihr Tempelsäulen und du Schutt der Götter! und du, o Diotima! und ihr Thäler meiner Liebe, und ihr Bäche, die ihr sonst die seelige Gestalt gesehn, ihr Bäume, wo sie sich erheitert, ihr Frühlinge, wo sie gelebt, die Holde mit den Blumen, scheidet, scheidet [112] nicht aus mir! doch, soll es seyn, ihr süssen Angedenken! so erlöscht auch ihr und lasst mich, denn es kann der Mensch nichts ändern und das Licht des Lebens kommt und scheidet, wie es will.