Hyperion an Bellarmin XXX

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Autor: Friedrich Hölderlin
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Titel: Hyperion – Hyperion an Bellarmin XXX
Untertitel: oder der Eremit in Griechenland – Erster Band
aus: Hyperion oder der Eremit in Griechenland von Friedrich Hölderlin. Erster Band. Tübingen 1799; S. 136–160
Herausgeber: J. G. Cotta'sche Buchhandlung
Auflage: 1
Entstehungsdatum: o. A.
Erscheinungsdatum: 1799
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Erscheinungsort: Tübingen
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Quelle: www.hoelderlin.de
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[136-137]
HYPERION AN BELLARMIN.


     Es giebt grosse Stunden im Leben. Wir schauen an ihnen hinauf, wie an den kolossalischen Gestalten der Zukunft und des Altertums, wir kämpfen einen herrlichen Kampf mit ihnen, und bestehn wir vor ihnen, so werden sie, wie Schwestern, und verlassen uns nicht.

     Wir sassen einst zusammen auf unsrem Berge, auf einem Steine der alten Stadt dieser Insel und sprachen davon, wie hier der Löwe Demosthenes sein Ende gefunden, wie er hier mit heiligem selbsterwähltem Tode aus den Macedonischen Ketten und Dolchen sich zur Freiheit geholfen - Der herrliche Geist gieng scherzend aus der Welt, rief einer; warum nicht? sagt’ ich; er hatte nichts mehr hier zu suchen; Athen war Alexanders Dirne geworden, und die Welt, wie ein Hirsch, von dem grossen Jäger zu Tode gehezt.

     O Athen! rief Diotima; ich habe manchmal getrauert, wenn ich dahinaussah, und aus der blauen Dämmerung mir das Phantom des Olympion aufstieg!

     Wie weit ist’s hinüber? fragt’ ich.

     Eine Tagreise vieleicht, erwiederte Diotima.

     Eine Tagereise, rief ich, und ich war noch nicht drüben? Wir müssen gleich hinüber zusammen.

     Recht so! rief Diotima; wir haben morgen heitere See, und alles steht jezt noch in seiner Grüne und Reife.

     Man braucht die ewige Sonne und das Leben der unsterblichen Erde zu solcher Wallfahrt.

     Also morgen! sagt’ ich, und unsre Freunde stimmten mit ein.

     Wir fuhren früh, unter dem Gesange des Hahns, aus der Rhede. In frischer Klarheit glänzten wir und die Welt. Goldne stille Jugend war in unsern Herzen. Das Leben in uns war, wie das Leben einer neugebornen Insel des Oceans, worauf der erste Frühling beginnt.

     Schon lange war unter Diotima’s Einfluss mehr Gleichgewicht in meine Seele gekommen; heute fühlt’ ich es dreifach rein, und die zerstreuten [138-139] schwärmenden Kräfte waren all’ in Eine goldne Mitte versammelt.

     Wir sprachen unter einander von der Treflichkeit des alten Athenervolks, woher sie komme, worinn sie bestehe.

     Einer sagte, das Klima hat es gemacht; der andere: die Kunst und Philosophie; der dritte: Religion und Staatsform.

     Athenische Kunst und Religion, und Philosophie und Staatsform, sagt’ ich, sind Blüthen und Früchte des Baums, nicht Boden und Wurzel. Ihr nehmt die Wirkungen für die Ursache.

     Wer aber mir sagt, das Klima habe diess alles gebildet, der denke, dass auch wir darinn noch leben.

     Ungestörter in jedem Betracht, von gewaltsamem Einfluss freier, als irgend ein Volk der Erde, erwuchs das Volk der Athener. Kein Eroberer schwächt sie, kein Kriegsglük berauscht sie, kein fremder Götterdienst betäubt sie, keine eilfertige Weisheit treibt sie zu unzeitiger Reife. Sich selber überlassen, wie der werdende Diamant, ist ihre Kindheit. Man hört beinahe nichts von ihnen, bis in die Zeiten des Pisistratus und Hipparch. Nur wenig Antheil nahmen sie am trojanischen Kriege, der, wie im Treibhaus, die meisten griechischen Völker zu früh erhizt’ und belebte. - Kein ausserordentlich Schiksaal erzeugt den Menschen. Gross und kolossalisch sind die Söhne einer solchen Mutter, aber schöne Wesen, oder, was dasselbe ist, Menschen werden sie nie, oder spät erst, wenn die Kontraste sich zu hart bekämpfen, um nicht endlich Frieden zu machen.

     In üppiger Kraft eilt Lacedämon den Atheniensern voraus, und hätte sich eben deswegen auch früher zerstreut und aufgelöst, wäre Lycurg nicht gekommen, und hätte mit seiner Zucht die übermüthige Natur zusammengehalten. Von nun an war denn auch an dem Spartaner alles erbildet, alle Vortreflichkeit errungen und erkauft durch Fleiss und selbstbewusstes Streben, und soviel man in gewissem Sinne von der Einfalt der Spartaner sprechen kann, so war doch, wie natürlich, eigentliche Kindereinfalt ganz nicht unter ihnen. Die Lacedämonier durchbrachen zu frühe die Ordnung des Instinkts, sie schlugen zu früh aus der Art, und so musste denn auch die Zucht zu früh mit ihnen beginnen; denn jede Zucht und Kunst beginnt zu früh, wo die Natur des Menschen noch nicht reif geworden ist. Vollendete Natur muss in dem Menschenkinde leben, eh’ es [140-141] in die Schule geht, damit das Bild der Kindheit ihm die Rükkehr zeige aus der Schule zu vollendeter Natur.

     Die Spartaner blieben ewig ein Fragment; denn wer nicht einmal ein vollkommenes Kind war, der wird schwerlich ein vollkommener Mann. -

     Freilich hat auch Himmel und Erde für die Athener, wie für alle Griechen, das ihre gethan, hat ihnen nicht Armuth und nicht Überfluss gereicht. Die Stralen des Himmels sind nicht, wie ein Feuerregen, auf sie gefallen. Die Erde verzärtelte, berauschte sie nicht mit Liebkosungen und übergütigen Gaben, wie sonst wohl hie und da die thörige Mutter thut.

     Hiezu kam die wundergrosse That des Theseus, die freiwillige Beschränkung seiner eignen königlichen Gewalt.

     O! solch ein Saamenkorn in die Herzen des Volks geworfen, muss einen Ocean von goldnen Ähren erzeugen, und sichtbar wirkt und wuchert es spät noch unter den Athenern.

     Also noch einmal! dass die Athener so frei von gewaltsamem Einfluss aller Art, so recht bei mittelmässiger Kost aufwuchsen, das hat sie so vortreflich gemacht, und diess nur konnt’ es!

     Lasst von der Wiege an den Menschen ungestört! treibt aus der engvereinten Knospe seines Wesens, treibt aus dem Hüttchen seiner Kindheit ihn nicht heraus! thut nicht zu wenig, dass er euch nicht entbehre und so von ihm euch unterscheide, thut nicht zu viel, dass er eure oder seine Gewalt nicht fühle, und so von ihm euch unterscheide, kurz, lasst den Menschen spät erst wissen, dass es Menschen, dass es irgend etwas ausser ihm giebt, denn so nur wird er Mensch. Der Mensch ist aber ein Gott, so bald er Mensch ist. Und ist er ein Gott, so ist er schön.

     Sonderbar! rief einer von den Freunden.

     Du hast noch nie so tief aus meiner Seele gesprochen, rief Diotima.

     Ich hab’ es von Dir, erwiedert’ ich.

     So war der Athener ein Mensch, fuhr ich fort, so musst’ er es werden. Schön kam er aus den Händen der Natur, schön, an Leib und Seele, wie man zu sagen pflegt.

     Das erste Kind der menschlichen, der göttlichen Schönheit ist die Kunst. In ihr verjüngt und wiederholt der göttliche Mensch sich selbst. Er will sich selber fühlen, darum stellt er seine Schönheit gegenüber sich. So gab der Mensch sich seine Götter. Denn im Anfang [142-143] war der Mensch und seine Götter Eins, da, sich selber unbekannt, die ewige Schönheit war. - Ich spreche Mysterien, aber sie sind. -

     Das erste Kind der göttlichen Schönheit ist die Kunst. So war es bei den Athenern.

     Der Schönheit zweite Tochter ist Religion. Religion ist Liebe der Schönheit. Der Weise liebt sie selbst, die Unendliche, die Allumfassende; das Volk liebt ihre Kinder, die Götter, die in mannigfaltigen Gestalten ihm erscheinen. Auch so war’s bei den Athenern. Und ohne solche Liebe der Schönheit, ohne solche Religion ist jeder Staat ein dürr Gerippe ohne Leben und Geist, und alles Denken und Thun ein Baum ohne Gipfel, eine Säule, wovon die Krone herabgeschlagen ist.

     Dass aber wirklich diess der Fall war bei den Griechen und besonders den Athenern, dass ihre Kunst und ihre Religion die ächte Kinder ewiger Schönheit - vollendeter Menschennatur - sind, und nur hervorgehn konnten aus vollendeter Menschennatur, das zeigt sich deutlich, wenn man nur die Gegenstände ihrer heiligen Kunst, und die Religion mit unbefangenem Auge sehn will, womit sie jene Gegenstände liebten und ehrten.

     Mängel und Misstritte giebt es überall und so auch hier. Aber das ist sicher, dass man in den Gegenständen ihrer Kunst doch meist den reifen Menschen findet. Da ist nicht das Kleinliche, nicht das Ungeheure der Aegyptier und Gothen, da ist Menschensinn und Menschengestalt. Sie schweifen weniger als andre, zu den Extremen des Übersinnlichen und des Sinnlichen aus. In der schönen Mitte der Menschheit bleiben ihre Götter mehr, denn andre.

     Und wie der Gegenstand, so auch die Liebe. Nicht zu knechtisch und nicht gar zu sehr vertraulich! -

     Aus der Geistesschönheit der Athener folgte denn auch der nöthige Sinn für Freiheit.

     Der Aegyptier trägt ohne Schmerz die Despotie der Willkühr, der Sohn des Nordens ohne Widerwillen die Gesezesdespotie, die Ungerechtigkeit in Rechtsform; denn der Aegyptier hat von Mutterleib an einen Huldigungs- und Vergötterungstrieb; im Norden glaubt man an das reine freie Leben der Natur zu wenig, um nicht mit Aberglauben am Gesezlichen zu hängen.

     Der Athener kann die Willkühr nicht ertragen, weil seine göttliche Natur nicht will gestört seyn, er kann Gesezlichkeit nicht überall [144-145] ertragen, weil er ihrer nicht überall bedarf. Drako taugt für ihn nicht. Er will zart behandelt seyn, und thut auch recht daran.

     Gut! unterbrach mich einer, das begreif ich, aber, wie diess dichterische religiöse Volk nun auch ein philosophisch Volk seyn soll, das seh’ ich nicht.

     Sie wären sogar, sagt’ ich, ohne Dichtung nie ein philosophisch Volk gewesen!

     Was hat die Philosophie, erwiedert’ er, was hat die kalte Erhabenheit dieser Wissenschaft mit Dichtung zu thun?

     Die Dichtung, sagt’ ich, meiner Sache gewiss, ist der Anfang und das Ende dieser Wissenschaft. Wie Minerva aus Jupiters Haupt, entspringt sie aus der Dichtung eines unendlichen göttlichen Seyns. Und so läuft am End’ auch wieder in ihr das Unvereinbare in der geheimnissvollen Quelle der Dichtung zusammen.

     Das ist ein paradoxer Mensch, rief Diotima, jedoch ich ahn’ ihn. Aber ihr schweift mir aus. Von Athen ist die Rede.

     Der Mensch, begann ich wieder, der nicht wenigstens im Leben Einmal volle lautre Schönheit in sich fühlte, wenn in ihm die Kräfte seines Wesens, wie die Farben am Irisbogen, in einander spielten, der nie erfuhr, wie nur in Stunden der Begeisterung alles innigst übereinstimmt, der Mensch wird nicht einmal ein philosophischer Zweifler werden, sein Geist ist nicht einmal zum Niederreissen gemacht, geschweige zum Aufbaun. Denn glaubt es mir, der Zweifler findet darum nur in allem, was gedacht wird, Widerspruch und Mangel, weil er die Harmonie der mangellosen Schönheit kennt, die nie gedacht wird. Das trokne Brod, das menschliche Vernunft wohlmeinend ihm reicht, verschmähet er nur darum, weil er ingeheim am Göttertische schwelgt.

     Schwärmer! rief Diotima, darum warst auch Du ein Zweifler. Aber die Athener!

     Ich bin ganz nach an ihnen, sagt’ ich. Das grosse Wort, das εν διαφερον εαυτω[1] (das Eine in sich selber unterschiedne) des Heraklit, das konnte nur ein Grieche finden, denn es ist das Wesen der Schönheit, und ehe das gefunden war, gabs keine Philosophie.

     Nun konnte man bestimmen, das ganze war da. Die Blume war gereift; man konnte nun zergliedern.

     Der Moment der Schönheit war nun kund geworden unter den Menschen, war da im Leben und Geiste, das Unendlicheinige war.

     [146-147] Man konnt’ es aus einander sezen, zertheilen im Geiste, konnte das Getheilte neu zusammendenken, konnte so das Wesen des Höchsten und Besten mehr und mehr erkennen und das Erkannte zum Geseze geben in des Geistes mannigfaltigen Gebieten.

     Seht ihr nun, warum besonders die Athener auch ein philosophisch Volk seyn mussten?

     Das konnte der Aegyptier nicht. Wer mit dem Himmel und der Erde nicht in gleicher Lieb’ und Gegenliebe lebt, wer nicht in diesem Sinne einig lebt mit dem Elemente, worinn er sich regt, ist von Natur auch in sich selbst so einig nicht, und erfährt die ewige Schönheit wenigstens so leicht nicht wie ein Grieche.

     Wie ein prächtiger Despot, wirft seine Bewohner der orientalische Himmelsstrich mit seiner Macht und seinem Glanze zu Boden, und, ehe der Mensch noch gehen gelernt hat, muss er knieen, eh’ er sprechen gelernt hat, muss er beten; ehe sein Herz ein Gleichgewicht hat, muss es sich neigen, und ehe der Geist noch stark genug ist, Blumen und Früchte zu tragen, ziehet Schiksaal und Natur mit brennender Hizze alle Kraft aus ihm. Der Aegyptier ist hingegeben, eh’ er ein Ganzes ist, und darum weiss er nichts vom Ganzen, nichts von Schönheit, und das Höchste, was er nennt, ist eine verschleierte Macht, ein schauerhaft Räthsel; die stumme finstre Isis ist sein Erstes und Leztes, eine leere Unendlichkeit und da heraus ist nie Vernünftiges gekommen. Auch aus dem erhabensten Nichts wird Nichts geboren.

     Der Norden treibt hingegen seine Zöglinge zu früh in sich hinein, und wenn der Geist des feurigen Aegyptiers zu reiselustig in die Welt hinaus eilt, schikt im Norden sich der Geist zur Rükkehr in sich selbst an, ehe er nur reisefertig ist.

     Man muss im Norden schon verständig seyn, noch eh’ ein reif Gefühl in einem ist, man misst sich Schuld von allem bei, noch ehe die Unbefangenheit ihr schönes Ende erreicht hat; man muss vernünftig, muss zum selbstbewussten Geiste werden, ehe man Mensch, zum klugen Manne, ehe man Kind ist; die Einigkeit des ganzen Menschen, die Schönheit lässt man nicht in ihm gedeihn und reifen, eh’ er sich bildet und entwikelt. Der blose Verstand, die blose Vernunft sind immer die Könige des Nordens.

     Aber aus blosem Verstand ist nie verständiges, aus bloser Vernunft ist nie vernünftiges gekommen.

     Verstand ist ohne Geistesschönheit, wie [148-149] ein dienstbarer Geselle, der den Zaun aus grobem Holze zimmert, wie ihm vorgezeichnet ist, und die gezimmerten Pfähle an einander nagelt, für den Garten, den der Meister bauen will. Des Verstandes ganzes Geschäft ist Nothwerk. Vor dem Unsinn, vor dem Unrecht schüzt er uns, indem er ordnet; aber sicher zu seyn vor Unsinn und vor Unrecht ist doch nicht die höchste Stuffe menschlicher Vortreflichkeit.

     Vernunft ist ohne Geistes-, ohne Herzensschönheit, wie ein Treiber, den der Herr des Hauses über die Knechte gesezt hat; der weiss, so wenig, als die Knechte, was aus all’ der unendlichen Arbeit werden soll, und ruft nur: tummelt euch, und siehet es fast ungern, wenn es vor sich geht, denn am Ende hätt’ er ja nichts mehr zu treiben, und seine Rolle wäre gespielt.

     Aus blosem Verstande kömmt keine Philosophie, denn Philosophie ist mehr, denn nur die beschränkte Erkenntniss des Vorhandnen.

     Aus bloser Vernunft kömmt keine Philosophie, denn Philosophie ist mehr, denn blinde Forderung eines nie zu endigenden Fortschritts in Vereinigung und Unterscheidung eines möglichen Stoffs.

     Leuchtet aber das göttliche εν διαφερον εαυτω, das Ideal der Schönheit der strebenden Vernunft, so fodert sie nicht blind, und weiss, warum, wozu sie fodert.

     Scheint, wie der Maitag in des Künstlers Werkstatt, dem Verstande die Sonne des Schönen zu seinem Geschäfte, so schwärmt er zwar nicht hinaus und lässt sein Nothwerk stehn, doch denkt er gerne des Festtags, wo er wandeln wird im verjüngenden Frühlingslichte.

     So weit war ich, als wir landeten an der Küste von Attika.

     Das alte Athen lag jezt zu sehr uns im Sinne, als dass wir hätten viel in der Ordnung sprechen mögen, und ich wunderte mich jezt selber über die Art meiner Äusserungen. Wie bin ich doch, rief ich, auf die troknen Berggipfel gerathen, worauf ihr mich saht?

     Es ist immer so, erwiederte Diotima, wenn uns recht wohl ist. Die üppige Kraft sucht eine Arbeit. Die jungen Lämmer stossen sich die Stirnen an einander, wenn sie von der Mutter Milch gesättiget sind.

     Wir giengen jezt am Lykabeltus hinauf, und blieben, troz der Eile, zuweilen stehen, in Gedanken und wunderbaren Erwartungen.

     Es ist schön, dass es dem Menschen so [150-151] schwer wird, sich vom Tode dessen, was er liebt, zu überzeugen, und es ist wohl keiner noch zu seines Freundes Grabe gegangen, ohne die leise Hofnung, da dem Freunde wirklich zu begegnen. Mich ergriff das schöne Phantom des alten Athens, wie einer Mutter Gestalt, die aus dem Todtenreiche zurükkehrt.

     O Parthenon! rief ich, Stolz der Welt! zu deinen Füssen liegt das Reich des Neptun, wie ein bezwungener Löwe, und wie Kinder, sind die andern Tempel um dich versammelt, und die beredte Agora und der Hain des Akademus -

     Kannst du so dich in die alte Zeit versezen, sagte Diotima.

     Mahne mich nicht an die Zeit! erwiedert’ ich; es war ein göttlich Leben und der Mensch war da der Mittelpunkt der Natur. Der Frühling, als er um Athen her blühte, war er, wie eine bescheidne Blume an der Jungfrau Busen; die Sonne gieng schaamroth auf über den Herrlichkeiten der Erde.

     Die Marmorfelsen des Hymettus und Pentele sprangen hervor aus ihrer schlummernden Wiege, wie Kinder aus der Mutter Schoos, und gewannen Form und Leben unter den zärtlichen Athener-Händen.

     Honig reichte die Natur und die schönsten Veilchen und Myrthen und Oliven.

     Die Natur war Priesterin und der Mensch ihr Gott, und alles Leben in ihr und jede Gestalt und jeder Ton von ihr nur Ein begeistertes Echo des Herrlichen, dem sie gehörte.

     Ihn feiert’, ihm nur opferte sie.

     Er war es auch werth, er mochte liebend in der heiligen Werkstatt sizen und dem Götterbilde, das er gemacht, die Kniee umfassen, oder auf dem Vorgebirge, auf Suniums grüner Spize, unter den horchenden Schülern gelagert, sich die Zeit verkürzen mit hohen Gedanken, oder er mocht’ im Stadium laufen, oder vom Rednerstuhle, wie der Gewittergott, Regen und Sonnenschein und Blize senden und goldene Wolken -

     O siehe! rief jezt Diotima mir plözlich zu.

     Ich sah, und hätte vergehen mögen vor dem allmächtigen Anblik.

     Wie ein unermesslicher Schiffbruch, wenn die Orkane verstummt sind und die Schiffer entflohn, und der Leichnam der zerschmetterten Flotte unkenntlich auf der Sandbank liegt, so lag vor uns Athen, und die verwaisten Säulen standen vor uns, wie die nakten Stämme eines [152-153] Walds, der am Abend noch grünte, und des Nachts darauf im Feuer aufging.

     Hier, sagte Diotima, lernt man stille seyn über sein eigen Schiksaal, es seye gut oder böse.

     Hier lernt man stille seyn über Alles, fuhr ich fort. Hätten die Schnitter, die diess Kornfeld gemäht, ihre Scheunen mit seinen Halmen bereichert, so wäre nichts verloren gegangen, und ich wollte mich begnügen, hier als Ährenleser zu stehn; aber wer gewann denn?

     Ganz Europa, erwiedert’ einer von den Freunden.

     O ja! rief ich, sie haben die Säulen und Statuen weggeschleift und an einander verkauft, haben die edlen Gestalten nicht wenig geschäzt, der Seltenheit wegen, wie man Papagayen und Affen schäzt.

     Sage das nicht! erwiedert’ derselbe; und mangelt’ auch wirklich ihnen der Geist von all’ dem Schönen, so wär’ es, weil der nicht weggetragen werden konnte und nicht gekauft.

     Ja wohl! rief ich. Dieser Geist war auch untergegangen noch ehe die Zerstörer über Attika kamen. Erst, wenn die Häuser und Tempel ausgestorben, wagen sich die wilden Thiere in die Thore und Gassen.

     Wer jenen Geist hat, sagte Diotima tröstend, dem stehet Athen noch, wie ein blühender Fruchtbaum. Der Künstler ergänzt den Torso sich leicht.

     Wir giengen des andern Tages früh aus, sahn die Ruinen des Parthenon, die Stelle des alten Bacchustheaters, den Theseustempel, die sechszehn Säulen, die noch übrig stehn vom göttlichen Olympion; am meisten aber ergriff mich das alte Thor, wodurch man ehmals aus der alten Stadt zur neuen herauskam, wo gewiss einst tausend schöne Menschen an Einem Tage sich grüssten. Jezt kömmt man weder in die alte noch in die neue Stadt durch dieses Thor, und stumm und öde stehet es da, wie ein vertrokneter Brunnen, aus dessen Röhren einst mit freundlichem Geplätscher das klare frische Wasser sprang.

     Ach! sagt’ ich, indess wir so herumgiengen, es ist wohl ein prächtig Spiel des Schiksaals, dass es hier die Tempel niederstürzt und ihre zertrümmerten Steine den Kindern herumzuwerfen giebt, dass es die zerstümmelten Götter zu Bänken vor der Bauernhütte und die Grabmäler hier zur Ruhestätte des waidenden Stiers macht, und eine solche Verschwendung ist königlicher, als der Muthwille der Kleopatra, da sie die geschmolzenen Perlen trank; [154-155] aber es ist doch Schade um all’ die Grösse und Schönheit!

     Guter Hyperion! rief Diotima, es ist Zeit, dass Du weggehst; Du bist blass und dein Auge ist müde, und Du suchst dir umsonst mit Einfällen zu helfen. Komm hinaus! in’s Grüne! unter die Farben des Lebens! das wird Dir wohlthun.

     Wir giengen hinaus in die nahegelegenen Gärten.

     Die andern waren auf dem Wege mit zwei brittischen Gelehrten, die unter den Altertümern in Athen ihre Erndte hielten, in’s Gespräch gerathen und nicht von der Stelle zu bringen. Ich liess sie gerne.

     Mein ganzes Wesen richtete sich auf, da ich einmal wieder mit Diotima allein mich sah; sie hatte einen herrlichen Kampf bestanden mit dem heiligen Chaos von Athen. Wie das Saitenspiel der himmlischen Muse über den uneinigen Elementen, herrschten Diotima’s stille Gedanken über den Trümmern. Wie der Mond aus zartem Gewölke, hob sich ihr Geist aus schönem Leiden empor; das himmlische Mädchen stand in seiner Wehmuth da, wie die Blume, die in der Nacht am lieblichsten duftet.

     Wir giengen weiter und weiter, und waren am Ende nicht umsonst gegangen.

     O ihr Haine von Angele, wo der Ölbaum und die Zypresse, umeinander flüsternd, mit freundlichen Schatten sich kühlen, wo die goldne Frucht des Zitronenbaums aus dunklem Laube blinkt, wo die schwellende Traube muthwillig über den Zaun wächst, und die reife Pomeranze, wie ein lächelnder Fündling, im Wege liegt! ihr duftenden heimlichen Pfade! ihr friedlichen Size, wo das Bild des Myrtenstrauchs aus der Quelle lächelt! euch werd’ ich nimmer vergessen.

     Diotima und ich giengen eine Weile unter den herrlichen Bäumen umher, bis eine grosse heitere Stelle sich uns darbot.

     Hier sezten wir uns. Es war eine seelige Stille unter uns. Mein Geist umschwebte die göttliche Gestalt des Mädchens, wie eine Blume der Schmetterling, und all’ mein Wesen erleichterte, vereinte sich in der Freude der begeisternden Betrachtung.

     Bist Du schon wieder getröstet, Leichtsinniger? sagte Diotima.

     Ja! ja! ich bins, erwiedert’ ich. Was ich verloren wähnte, hab’ ich, wonach ich schmachtete, als wär’ es aus der Welt verschwunden, [156-157] das ist vor mir. Nein, Diotima! noch ist die Quelle der ewigen Schönheit nicht versiegt.

     Ich habe Dir’s schon einmal gesagt, ich brauche die Götter und die Menschen nicht mehr. Ich weiss, der Himmel ist ausgestorben, entvölkert, und die Erde, die einst überfloss von schönem menschlichen Leben, ist fast, wie ein Ameisenhaufe, geworden. Aber noch giebt es eine Stelle, wo der alte Himmel und die alte Erde mir lacht. Denn alle Götter des Himmels und alle göttlichen Menschen der Erde vergess’ ich in Dir.

     Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt, ich weiss von nichts, als meiner seeligen Insel.

     Es giebt eine Zeit der Liebe, sagte Diotima mit freundlichem Ernste, wie es eine Zeit giebt, in der glüklichen Wiege zu leben. Aber das Leben selber treibt uns heraus.

     Hyperion! - hier ergriff sie meine Hand mit Feuer, und ihre Stimme erhub mit Grösse sich - Hyperion! mich deucht, Du bist zu höhern Dingen geboren. Verkenne Dich nicht! der Mangel am Stoffe hielt Dich zurük. Es gieng nicht schnell genug. Das schlug Dich nieder. Wie die jungen Fechter, fielst Du zu rasch aus, ehe noch dein Ziel gewiss und deine Faust gewandt war, und weil Du, wie natürlich, mehr getroffen wurdest, als Du trafst, so wurdest du scheu und zweifeltest an Dir und allem; denn Du bist so empfindlich, als Du heftig bist. Aber dadurch ist nichts verloren. Wäre dein Gemüth und deine Thätigkeit so frühe reif geworden, so wäre dein Geist nicht, was er ist; Du wärst der denkende Mensch nicht, wärst Du nicht der leidende, der gährende Mensch gewesen. Glaube mir, Du hättest nie das Gleichgewicht der schönen Menschheit so rein erkannt, hättest Du es nicht so sehr verloren gehabt. Dein Herz hat endlich Frieden gefunden. Ich will es glauben. Ich versteh es. Aber denkst du wirklich, dass Du nun am Ende seyst? Willst Du dich verschliessen in den Himmel deiner Liebe, und die Welt, die Deiner bedürfte, verdorren und erkalten lassen unter Dir? Du musst, wie der Lichtstral, herab, wie der allerfrischende Regen, musst Du nieder in’s Land der Sterblichkeit, Du musst erleuchten, wie Apoll, erschüttern, beleben, wie Jupiter, sonst bist Du deines Himmels nicht werth. Ich bitte Dich, geh nach Athen hinein, noch Einmal, und siehe die Menschen auch an, die dort herumgehn unter den Trümmern, die rohen Albaner und die andern guten kindischen Griechen, die mit einem lustigen Tanze und [158-159] einem heiligen Mährchen sich trösten über die schmähliche Gewalt, die über ihnen lastet - kannst Du sagen, ich schäme mich dieses Stoffs? Ich meyne, er wäre doch noch bildsam. Kannst Du dein Herz abwenden von den Bedürftigen? Sie sind nicht schlimm, sie haben Dir nichts zu laidegethan!

     Was kann ich für sie thun, rief ich.

     Gieb ihnen, was Du in Dir hast, erwiederte Diotima, gieb -

     Kein Wort, kein Wort mehr, grosse Seele! rief ich, Du beugst mich sonst, es ist ja sonst, als hättest Du mit Gewalt mich dazu gebracht -

     Sie werden nicht glüklicher seyn, aber edler, nein! sie werden auch glüklicher seyn. Sie müssen heraus, sie müssen hervorgehn, wie die jungen Berge aus der Meersfluth, wenn ihr unterirrdisches Feuer sie treibt.

     Zwar steh’ ich allein und trete ruhmlos unter sie. Doch Einer, der ein Mensch ist, kann er nicht mehr, denn Hunderte, die nur Theile sind des Menschen?

     Heilige Natur! du bist dieselbe in und ausser mir. Es muss so schwer nicht seyn, was ausser mir ist, zu vereinen mit dem Göttlichen in mir. Gelingt der Biene doch ihr kleines Reich, warum sollte denn ich nicht pflanzen können und baun, was noth ist?

     Was? der arabische Kaufmann säete seinen Koran aus, und es wuchs ein Volk von Schülern, wie ein unendlicher Wald, ihm auf, und der Aker sollte nicht auch gedeihn, wo die alte Wahrheit wiederkehrt in neu lebendiger Jugend?

     Es werde von Grund aus anders! Aus der Wurzel der Menschheit sprosse die neue Welt! Eine neue Gottheit walte über ihnen, eine neue Zukunft kläre vor ihnen sich auf.

     In der Werkstatt, in den Häusern, in den Versammlungen, in den Tempeln, überall werd’ es anders!

     Aber ich muss noch ausgehn, zu lernen. Ich bin ein Künstler, aber ich bin nicht geschikt. Ich bilde im Geiste, aber ich weiss noch die Hand nicht zu führen -

     Du gehest nach Italien, sagte Diotima, nach Deutschland, Frankreich - wie viel Jahre brauchst Du? drei - vier - ich denke drei sind genug; Du bist ja keiner von den Langsamen, und suchst das Grösste und das Schönste nur -

     „Und dann?“

     Du wirst Erzieher unsers Volks, Du wirst ein grosser Mensch seyn, hoff’ ich. Und wenn ich dann Dich so umfasse, da werd’ ich träumen, als wär’ ich ein Theil des herrlichen Manns, da werd’ ich frohlokken, als hättst Du mir die Hälfte deiner Unsterblichkeit, wie Pollux dem Kastor, geschenkt, o! ich werd’ ein stolzes Mädchen werden, Hyperion!

     [160] Ich schwieg eine Weile. Ich war voll unaussprechlicher Freude.

     Giebt’s denn Zufriedenheit zwischen dem Entschluss und der That, begann ich endlich wieder, giebt’s eine Ruhe vor dem Siege?

     Es ist die Ruhe des Helden, sagte Diotima, es giebt Entschlüsse, die, wie Götterworte, Gebott und Erfüllung zugleich sind, und so ist der Deine. -

     Wir giengen zurük, wie nach der ersten Umarmung. Es war uns alles fremd und neu geworden.

     Ich stand nun über den Trümmern von Athen, wie der Akersmann auf dem Brachfeld. Liege nur ruhig, dacht’ ich, da wir wieder zu Schiffe giengen, liege nur ruhig, schlummerndes Land! Bald grünt das junge Leben aus dir, und wächst den Seegnungen des Himmels entgegen. Bald regnen die Wolken nimmer umsonst, bald findet die Sonne die alten Zöglinge wieder.

     Du frägst nach Menschen, Natur? Du klagst, wie ein Saitenspiel, worauf des Zufalls Bruder, der Wind, nur spielt, weil der Künstler, der es ordnete, gestorben ist? Sie werden kommen, deine Menschen, Natur! Ein verjüngtes Volk wird dich auch wieder verjüngen, und du wirst werden, wie seine Braut und der alte Bund der Geister wird sich erneuen mit dir.

     Es wird nur Eine Schönheit seyn; und Menschheit und Natur wird sich vereinen in Eine allumfassende Gottheit.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: zu korrigieren in ἕν διαφέρον ἑαυτῷ