Hyperion an Bellarmin XXXVI

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Autor: Friedrich Hölderlin
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Titel: Hyperion – Hyperion an Bellarmin XXXVI
Untertitel: oder der Eremit in Griechenland – Zweiter Band
aus: Hyperion oder der Eremit in Griechenland von Friedrich Hölderlin. Erster Band. Tübingen 1799; S. 13–20
Herausgeber:
Auflage: 1
Entstehungsdatum: o. A.
Erscheinungsdatum: 1799
Verlag: J. G. Cotta'sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Tübingen
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Quelle: www.hoelderlin.de
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HYPERION AN BELLARMIN.


     Nun kam der Tag des Abschieds.

     Den Morgen über war ich oben in Notaras Garten geblieben, in der frischen Winterluft, unter den immergrünen Cypressen und Cedern. Ich war gefasst. Die grossen Kräfte der Jugend hielten mich aufrecht und das Leiden, das ich ahnete, trug, wie eine Wolke, mich höher.

     Diotimas Mutter hatte Notara und die andern Freunde und mich gebeten, dass wir noch den lezten Tag bei ihr zusammen leben möchten. Die Guten hatten sich alle meiner und Diotimas gefreut und das Göttliche in unserer Liebe war an ihnen nicht verloren geblieben. Sie sollten nun mein Scheiden auch mir seegnen.

     Ich gieng hinab. Ich fand das theure Mädchen am Heerde. Es schien ihr ein heilig priesterlich Geschäft, an diesem Tage das Haus zu besorgen. Sie hatte alles zu recht gemacht, [14-15] alles im Hausse verschönert und es durft’ ihr niemand dabei helfen. Alle Blumen, die noch übrig waren im Garten, hatte sie eingesammelt, Rosen und frische Trauben hatte sie in der späten Jahrszeit noch zusammengebracht.

     Sie kannte meinen Fusstritt, da ich heraufkam, trat mir leis’ entgegen; die blaichen Wangen glühten von der Flamme des Heerds und die ernsten grossgewordnen Augen glänzten von Thränen. Sie sahe, wie michs überfiel. Gehe hinein, mein lieber, sagte sie; die Mutter ist drinnen und ich folge gleich.

     Ich gieng hinein. Da sass die edle Frau und strekte mir die schöne Hand entgegen - kommst du, rief sie, kommst du, mein Sohn! Ich sollte dir zürnen, du hast mein Kind mir genommen, hast alle Vernunft mir ausgeredet, und thust, was dich gelüstet und gehest davon; aber vergebt es ihm, ihr himmlischen Mächte! wenn er Unrecht vorhat, und hat er Recht, o so zögert nicht mit eurer Hülfe dem Lieben! Ich wollte reden, aber eben kam Notara mit den übrigen Freunden herein und hinter ihnen Diotima.

     Wir schwiegen eine Weile. Wir ehrten die traurende Liebe, die in uns allen war, wir fürchteten uns, sich ihrer zu überheben in Reden und stolzen Gedanken. Endlich nach wenigen flüchtigen Worten bat mich Diotima, einiges von Agis und Kleomenes zu erzählen; ich hätte die grossen Seelen oft mit feuriger Achtung genannt und gesagt, sie wären Halbgötter, so gewiss, wie Prometheus, und ihr Kampf mit dem Schiksaal von Sparta sei heroischer, als irgend einer in den glänzenden Mythen. Der Genius dieser Menschen sei das Abendroth des griechischen Tages, wie Theseus und Homer die Aurore desselben.

     Ich erzählte und am Ende fühlten wir uns alle stärker und höher.

     Glüklich, rief einer von den Freunden, wem sein Leben wechselt zwischen Herzensfreude und frischem Kampf.

     Ja! rief ein anderer, das ist ewige Jugend, dass immer Kräfte genug im Spiele sind und wir uns ganz erhalten in Lust und Arbeit.

     O ich möchte mit dir, rief Diotima mir zu.

     Es ist auch gut, dass du bleibst, Diotima! sagt’ ich. Die Priesterin darf aus dem Tempel nicht gehen. Du bewahrst die heilige Flamme, du bewahrst im Stillen das Schöne, dass ich es wiederfinde bei dir.

     Du hast auch Recht, mein Lieber, das ist besser, sagte sie, und ihre Stimme zitterte [16-17] und das Aetherauge verbarg sich ins Tuch, um seine Thränen, seine Verwirrung nicht sehen zu lassen.

     O Bellarmin! es wollte mir die Brust zerreissen, dass ich sie so schaamroth gemacht. Freunde! rief ich, erhaltet diesen Engel mir. Ich weiss von nichts mehr, wenn ich sie nicht weiss. O Himmel! ich darf nicht denken, wozu ich fähig wäre, wenn ich sie vermisste.

     Sei ruhig, Hyperion! fiel Notara mir ein.

     Ruhig? rief ich; o ihr guten Leute! ihr könnt oft sorgen, wie der Garten blühn und wie die Erndte werden wird, ihr könnt für euren Weinstok beten und ich soll ohne Wünsche scheiden von dem Einzigen, dem meine Seele dient?

     Nein, o du Guter! rief Notara bewegt, nein! ohne Wünsche sollst du mir von ihr nicht scheiden! nein, bei der Götterunschuld eurer Liebe! meinen Seegen habt ihr gewiss.

     Du mahnst mich, rief ich schnell. Sie soll uns seegnen, diese theure Mutter, soll mit euch uns zeugen - komm Diotima! unsern Bund soll deine Mutter heiligen, bis die schöne Gemeinde, die wir hoffen, uns vermählt.

     So fiel ich auf ein Knie; mit grossem Blik, erröthend, festlichlächelnd sank auch sie an meiner Seite nieder.

     Längst, rief ich, o Natur! ist unser Leben Eines mit dir und himmlischjugendlich, wie du und deine Götter all’, ist unsre eigne Welt durch Liebe.

     In deinen Hainen wandelten wir, fuhr Diotima fort, und waren, wie du, an deinen Quellen sassen wir und waren, wie du, dort über die Berge giengen wir, mit deinen Kindern, den Sternen, wie du.

     Da wir uns ferne waren, rief ich, da, wie Harfengelispel, unser kommend Entzüken uns erst tönte, da wir uns fanden, da kein Schlaf mehr war und alle Töne in uns erwachten zu des Lebens vollen Akkorden, göttliche Natur! da waren wir immer, wie du, und nun auch da wir scheiden und die Freude stirbt, sind wir, wie du, voll Leidens und doch gut, drum soll ein reiner Mund uns zeugen, dass unsre Liebe heilig ist und ewig, so wie du.

     Ich zeug es, sprach die Mutter.

     Wir zeugen es, riefen die andern.

     Nun war kein Wort mehr für uns übrig. Ich fühlte mein höchstes Herz; ich fühlte mich reif zum Abschied. Jezt will ich fort, ihr Lieben! sagt’ ich, und das Leben schwand von [18-19] allen Gesichtern. Diotima stand, wie ein Marmorbild und ihre Hand starb fühlbar in meiner. Alles hatt’ ich um mich her getödtet, ich war einsam und mir schwindelte vor der gränzenlosen Stille, wo mein überwallend Leben keinen Halt mehr fand.

     Ach! rief ich, mir ists brennendheiss im Herzen, und ihr steht alle so kalt, ihr Lieben! und nur die Götter des Hauses neigen ihr Ohr? - Diotima! - du bist stille, du siehst nicht! - o wohl dir, dass du nicht siehst!

     So geh nur, seufzte sie, es muss ja seyn; geh nur, du theures Herz!

     O süsser Ton aus diesen Wonnelippen! rief ich, und stand wie ein Betender, vor der holden Statue - süsser Ton! noch Einmal wehe mich an, noch Einmal tage, liebes Augenlicht!

     Rede so nicht, Lieber! rief sie, rede mir ernster, rede mit grösserem Herzen mir zu!

     Ich wollte mich halten, aber ich war wie im Traume.

     Wehe! rief ich, das ist kein Abschied, wo man wiederkehrt.

     Du wirst sie tödten, rief Notara. Siehe, wie sanft sie ist, und du bist so ausser dir.

     Ich sahe sie an und Thränen stürzten mir aus brennendem Auge.

     So lebe denn wohl, Diotima! rief ich, Himmel meiner Liebe, lebe wohl! - Lasset uns stark seyn, theure Freunde! theure Mutter! ich gab dir Freude und Laid. Lebt wohl! lebt wohl!

     Ich wankte fort. Diotima folgte mir allein.

     Es war Abend geworden und die Sterne giengen herauf am Himmel. Wir standen still unter dem Hause. Ewiges war in uns, über uns. Zart, wie der Aether, umwand mich Diotima. Thörichter, was ist denn Trennung? flüsterte sie geheimnissvoll mir zu, mit dem Lächeln einer Unsterblichen.

     Es ist mir auch jezt anders, sagt’ ich, und ich weiss nicht, was von beiden ein Traum ist, mein Leiden oder meine Freudigkeit.

     Beides ist, erwiederte sie, und beides ist gut.

     Vollendete! rief ich, ich spreche wie du. Am Sternenhimmel wollen wir uns erkennen. Er sei das Zeichen zwischen mir und dir, so lange die Lippen verstummen.

     Das sei er! sprach sie mit einem langsamen niegehörten Tone - es war ihr lezter. [20] Im Dämmerlichte entschwand mir ihr Bild und ich weiss nicht, ob sie es wirklich war, da ich zum leztenmale mich umwandt’ und die erlöschende Gestalt noch einen Augenblik vor meinem Auge zükte und dann in die Nacht verschied.