Im Himmelmoos

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Textdaten
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Autor: Herman Schmid
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Titel: Im Himmelmoos
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22–31, S. 357–360, 377–380, 395–399, 413–416, 429–432, 447–450, 467–470, 483–486, 509–512, 528–530
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[357]
Im Himmelmoos.
Von Herman Schmid.


1.


In den baierischen Bergen – wir wollen den Ort nicht näher bezeichnen – liegt ein kleines reizendes Thal – da heißt es „im Himmelmoos.“

Der Name stammt von einem Moospflänzchen, dessen flachsblaue Blumen an die Farbe des Himmels erinnern und das dort einmal den ganzen Boden so dicht überdeckte, als wäre ein riesiger Teppich ausgebreitet oder als spiegele das Firmament sich auf dem Grunde wieder, wie auf einer Wasserfläche. Heute ist die Pflanze längst verschwunden, aber der Name blieb. Jetzt ist überall fester Boden und üppig grünende Wiese, wo früher der nahe liegende Bergsee sich heran gedrängt. Es ist, als habe das Gebirge absichtlich seine Flanken nach rechts und links wie Arme ausgebreitet, um von den Fruchtbäumen und dem aus ihnen emporragenden Hausgiebel jeden Windstoß oder rauhen Luftzug abzuhalten – darum blühen in dem kleinen Thalwinkel die Kirschbäume früher und tragen süßere Frucht als draußen am See, und wenn gegen das Dorf zu noch der Schnee liegt und kaum der Eisbart an den Dachrinnen zu tropfen beginnt, ist es bei dem Bauern im Himmelmoos schon „awer“ (aper, schneefrei); der Abhang ist wie überschüttet von Schneeglocken, Maßliebchen und Schlüsselblumen.

Der Himmelmooser Hof ist ein schönes, stattliches Bergbauernhaus, um so reiner in der alten Form derselben erhalten, als keine Straße, sondern nur ein durchaus nicht verlockender Feldweg zu ihm führt, er also fern und seitab von der großen Strömung liegt, welche Alles, was ihr im Wege steht, stürzt oder abschleift oder durch Unterspülung von selber fallen macht. Dennoch unterscheidet sich das Gebäude von den Wohnungen der gewöhnlichen Bauern dadurch, daß es an der Ecke der Vorderseite einen runden, erkerartigen Vorbau zeigt, der, bis zum oberen Stockwerke emporsteigend, dort wie ein Thurm mit einem eigenen Kuppeldache abschließt und so dem ganzen Gebäude, zumal von ferne gesehen, die Eigenart einer Capelle oder eines Klösterleins verleiht. Auch die Abgelegenheit des Ortes und seine fast lautlose Stille unterstützen den Eindruck, wer aber, dadurch verlockt, näher kommt, dem werden die Klosterbilder bald verschwinden vor denen einer frischen, allseitigen Thätigkeit, eines lustigen Fleißes, dem die Arbeit nicht eine lästige Nothwendigkeit, sondern ein Bedürfniß der Kraft ist, die sich in ihrem Schaffen erproben und sich selbst genügen will. Wenn auch der vielleicht erwartete weichliche Weihrauchduft verflattert, weht dafür die gesunde kräftige Bergluft, der frische Athemzug einer fest gegründeten und deshalb von Freude und Friede überströmenden Häuslichkeit.

Das war nicht immer so. Als der Himmelmooser, dessen Kopf und Bart bereits aussehen, als wäre er durch den Reif einer kalten Winternacht gewandert, noch einen braunen Krauskopf trug, da war es eine Zeit lang, als sei das Glück und der Friede des Hauses mit den Schwalben auf die Wanderschaft gegangen.

Damals, an einem schönen Spätsommertage, ging es „Im Himmelmoos“ ganz besonders lebhaft her. Wagen um Wagen voll Grummet rollte auf die Tenne, um die Viertel der riesigen Scheune mit ihren duftenden Schätzen zu füllen; im Obstgarten ging es emsig daran, die früher reifenden Arten von Aepfeln und Birnen zu „brocken“, damit sie nicht abfielen und schadhaft würden; an der Hausecke aber stand ein leichtes Baugerüst, und ein paar Maurergesellen waren beschäftigt, den Erkerthurm aufzuführen, mit welchem der Bauer seinen Hof verschönern wollte. Schon stieg die Grundmauer aus dem Boden hervor; große Haufen von Sand und Ziegelsteinen waren daneben aufgeschichtet, und unweit der Seitenthür des Hauses qualmte aus einer großen, mehr als mannstiefen mit Brettern ausgeschlagen und mit einem Bretterrande versehenen Grube der Dampf des gebrannten Kalkes empor, der, mit dem aufgegossenen Wasser kämpfend, seine flammenlosen Gluthen löschte. Von allen Seiten regte und rührte es sich, und als vom Hausdache her das Mittagsglöcklein rief, wollte die Reihe der Ehehalten, der Arbeiter und der für den Obstgarten gedungenen Kinder gar kein Ende nehmen.

An allen Ecken und Enden aber, wo sich etwas regte und rührte, war auch eine hagere kräftige Männergestalt sichtbar, welche von einem Arbeitsplatze zum andern wanderte, um zu überwachen und anzuordnen, was nöthig war oder schien. Die Arme und Hände über dem Rücken zusammengelegt, schritt der Mann meist schweigend hin und wieder; die Blicke, die er herum sandte, schienen für Alle eine genügende Aneiferung zu sein. Wenn er sich nur von ferne zeigte, flogen die Heugabeln mit ihren Bürden noch einmal so schnell, die Obstkörbe füllten sich wie durch Zauber, und das Gemäuer stieg, als ob es von selbst aus der Erde wüchse. Der Anblick des Alten hatte wohl etwas an sich, was diese Erscheinung erklärte. Er war ein hochgewachsener, stattlicher Mann, aber Alles an ihm war knochig und scharf und ward es noch mehr durch die eckige Raschheit seiner Bewegungen. Mit der von Arbeit und Wetter gebräunten Farbe hatte er das Ansehen eines knorrig gewordenen Eichstammes, der, wenn [358] er es jemals gekonnt, die Fähigkeit sich zu beugen doch schon längst verlernt hat. Der Kopf war mit dichtem, aber rauhem Haar bedeckt, und wenn schon dies eine störrische Gemüthsart vermuthen ließ, stimmten damit auch die kohlschwarzen und buschigen Augenbrauen überein, hinter welchen nach dem Sprüchwort Eigensinn und Trutz und wohl auch der Hochmuth zu hausen pflegen. Es war erklärlich, wenn man ihn scheute und wenn es in der Gemeinde und in der ganzen Umgegend hieß, der Himmelmooser sei zwar ein kreuzbraver Mann, auf dessen Wort man bauen könne, wie auf ein Evangelium, wer aber nicht durchaus mit ihm verkehren müsse, der vermeide es, denn bei ihm sei das ganze Jahr hindurch „Sturm im Kalender“.

Eben hatte er seinen Umgang wieder beendet und trat in die große Wohnstube des Erdgeschosses, wo die Hausgenossen und Gäste bereits seiner und des Beginnes der Mahlzeit harrten. Die Stube war gebaut und eingerichtet, wie es in allen größeren Häusern des Gebirges üblich ist, aber die Hauptecke, von welcher man gewöhnlich den zum Hause heranführenden Weg übersieht, bot einen völlig veränderten Anblick dar. Das Kreuzbild und die paar Glastäfelchen, aus welchen der Hausaltar bestand, waren an der Wand daneben aufgehängt, und auch der große Tisch hatte seine schwerfällig gespreizten Beine vom Platze bewegen und mit dem Ofenwinkel vorlieb nehmen müssen, denn die Maurer gingen eben daran, die Ecke durchzubrechen, damit sie mit dem draußen begonnenen Aufbau den beabsichtigten halbrunden Thurmerker bilde. An den Tisch war diesmal eine lange Tafel angestoßen, aus ein paar Schragen und Brettern bestehend, über welche das Tuch gebreitet war; der Bauer nahm seitwärts auf der rings umlaufenden Bank an einem Fenster Platz, dessen tiefe Brüstung ihm zugleich als Tisch dienen mußte. Er grüßte die Anwesenden nur mit einem kurzen mürrischen Nicken und ein paar unverständlich gemurmelten Worten, und auch als sie die Mahlzeit eingenommen hatten, that er, als ob er ihre Entfernung gar nicht gewahre. Bald war die Stube leer, auch die Maurer verließen dieselbe und setzten sich draußen auf ihre Gerüste und Karren, um im Mittagssonnenschein den Rest der Freistunde zu verplaudern.

Der Bauer war allein, nur eine große grüne Fliege summte mit dem Perpendikel der Hänguhr um die Wette und fuhr ihm immer wieder um den Kopf, so ärgerlich und heftig er sie auch stets auf’s Neue von sich abwehrte.

Eine alte Bäuerin mit eisgrauem Haare und einem faltenreichen gutmüthigen Gesichte ging ab und zu, um das Geschirr und die Speisenreste abzuräumen – mehrmals hielt sie an, als ob sie mit dem trotzigen Manne ein Gespräch beginnen wolle, besann sich aber immer wieder und ließ es bei einem fragenden Blicke und mißbilligenden Kopfschütteln bewenden.

Es war Frau Judika, die Häuserin, welche dem seit Jahren verwittweten Bauer die Wirthschaft besorgte.

Den Maurern erging es im Sonnenscheine und in der frischen duftigen Luft, welche durch die Wipfel des Obstgartens säuselte, wie den Vögeln in den Zweigen; sie fingen zu singen an. Der Eine war ein junger Bursche mit rothen Wangen, zu denen die weiße Brustschürze und die Kalkspritzer im Gesichte recht freundlich standen. Der Andere schien nur um einige Jahre älter, aber sein Gesicht war bleich und seine Züge welk, und die Kalkspritzer darauf machten eine ganz entgegengesetzte Wirkung – es sah aus wie eine verwitterte Mauer, von welcher der Bewurf abzubröckeln beginnt. Ein wüstes Leben hatte seine Spuren in der ganzen Erscheinung des Burschen zurückgelassen und dieselbe noch härter und roher gemacht. Auch der Inhalt ihrer Gesänge entsprach dem Wesen der Beiden – während der Eine harmloser Lebenslust einen heitern Ausdruck gab, enthielten die „Gesätzeln“ des Andern nichts als den höhnischen Widerspruch einer ganz entgegengesetzten verbissenen Sinnesart.

Als der Junge sang:

„Kann nichts Trauriger’s geb’n,
Als ein einschichtig’s Leben;
Und jetzt roas’ (reis’) ich halt g’schwind.
Bis mein G’sellin ich find’,“

erwiderte der Andere:

„Und ’s Roasen, i moa (mein’),
Is viel schöner alloa (allein),
Da geht’s frei in die Welt,
Und kost’ ’s halbete Geld.“

Und als der Erstere, dadurch unbeirrt, fortfuhr:

„Und wenn ich sie find’.
Ist die arm’ Seel’ erlöst;
Nacha (nachher) bau’n wir uns schleunig (schnell)
Miteinander ein Nest,“

klang es ihm zur Erwiderung spöttisch entgegen:

„Und der g’scheideste Vogel
Muß der Gugezer (Kukuk) sei’.
Die andern bau’n d’Nester,
Und er setzt sich ’nei’.“

„Ob Du aufhören wirst mit Deiner nichtsnutzigen Singerei?“ unterbrach ihn endlich der Bauer, der aufgesprungen und näher getreten war. „Möchtest es wohl auch machen wie der Kukuk, möchtest unsern Herrgott einen guten Mann sein lassen und von dem leben, was Andere arbeiten? Bei mir ist das nicht der Brauch; wer bei mir ist, muß arbeiten, und Du mußt es auch, so lange Du bei mir bist. Die Zeit zum Feiern ist vorbei; mach’, daß Du wieder an’s Mauern kommst, Du Fazi!“

„Deine Uhr geht stark vor, Himmelmooser,“ erwiderte der Maurer trutzig, indem er durch die Mauerlücke herein den Bauer mit boshaft höhnischen Blicken maß, „aber mit all’ Deinem Geld kannst Du die Sonn’ doch nicht vorrücken, wie einen Uhrzeiger. Es hat noch nicht Zwölfe geläutet drunten im Dorf – bis dahin kann ich thun, was ich mag, und wenn Dir mein Gesang nicht gefällt, kannst Du Dir Werg in die Ohren stopfen. Merk’ Dir das und nimm meinen Namen nicht noch einmal wie ein Schimpfwort in’s Maul, sonst zeig’ ich Dir, daß mein Namenspatron, der heilige Facius, so gut im Kalender steht, wie jeder andere.“

Damit wandte sich der Bursche und schlenderte dem Obstgarten zu, um den Rest seiner Freistunde so recht mit voller Gemächlichkeit auszukosten; der Bauer war von seiner Frechheit so überrascht, daß er trotz sonstiger Kampfesbereitschaft nichts zu erwidern wußte, bis Fazi seinen Augen bereits entschwunden war. „Da hab’ ich ja ein recht schön’s Früchtel aufgeklaubt,“ rief er dann, Judika zugewendet, welche eben im Begriff war, die Schüssel und die Holzteller abzuräumen, und dabei den Wortwechsel mit angehört. „Heut ist Freitag, morgen Samstag – wie die Woch’ gar herum ist, werd’ ich dem Maurermeister sagen, daß er mir einen andern Arbeiter schickt … Kennt die Judika den Menschen?“

Die Angeredete ergriff ohne Zaudern die schon längst erwartete Gelegenheit zu einem Gespräch.

„Ich kenn’ ihn nicht weiter,“ sagte sie, „als daß er ein Maurer ist und wirklich Fazi heißt; er ist ein lediges Kind. Seine Mutter ist eine Tirolerin gewesen, die mit allerhand Geschirr herum Hausiren gezogen ist – einmal hat sie halt den Buben und ihren leeren Karren mitzunehmen vergessen und ist nimmer aufzufinden gewesen … Da hat ihn die Gemeind’ haben müssen, nicht die unsere, sondern die von Seehausen, und dort ist er im Hüthaus aufgewachsen. Man weiß nichts Schlechtes von ihm, aber auch nichts Gutes.“

Der Bauer machte eine abwehrende Geberde. „Es ist schon gut; mehr brauch’ ich nicht zu wissen – Sie kann das Mühlwerk schon wieder stellen. Ich hätt’ aber gute Lust, ich gebet’ dem Fazi auf der Stell’ den Abschied und warte gar nicht, bis ich mit dem Maurermeister geredet hab’ –“

„Das müßt Ihr nicht thun,“ sagte Judika und setzte ihre Geschirrlast einen Augenblick neben der Ofenbank ab. „Der Bursch’ thät' Euch nur wieder auf ein Neues in der Leute Mäulern herumtragen, und das hat’s justament nicht Noth. Es ist ohnedem überall von nichts Anderm die Red’, als von dem besondern Bau da, von dem kein Mensch weiß, was er werden soll.“

Der Alte wandte sich ihr sitzend zu, stemmte beide Hände auf die Kniee und sah ihr mit spöttischem Lachen in’s Gesicht. „So? Geht das Gered’?“ sagte er dann. „Möchten sie’s gern wissen, was der Bau bedeut’? Und der Frau Judika druckt’s [359] auch das Herz ab, daß sie’s nicht weiß – gut, ich will’s Ihr sagen, dann werden’s bald Alle wissen, die statt vor ihrer eigenen Thür vor dem Himmelmooserhof kehren wollen. Ein Thurm soll’s werden, mit einem schönen Erker, in den man sich fein schön bequem hinein setzen kann und kann sich’s wohl sein lassen und hinaus schauen auf die ganze Gegend, die Berg’ und den See, als wenn sie Einem gehören thäten, alle miteinander. Ich hab’s so gesehn, wie ich zuletzt in’s Tirol hinein gereist bin – da giebt’s viel Häuser mit einem solchen Vorsprung; das hat mir gefallen, und drum will ich’s auch haben auf meinem Hof.“

Die Frau schwieg einen Augenblick und schien nach den rechten Worten für ihre Erwiderung zu suchen. „Also ist’s doch so, wie die Leut sagen,“ rief sie. „Das ist’s aber gerade, warum sie die Köpf’ zusammen stecken. Sie sagen, das sei keine Bauerei für einen Bauern – das wär’ nur an den Schlössern der Brauch und an den Häusern von den Edelmännischen, von den Herrn.“

Die Augen des Himmelmoosers funkelten unheimlich unter den schwarzen Brauen hervor.

„Und was bin denn ich?“ rief er aufspringend. „Bin ich etwann mit einem Wanderbündel über’m Rücken in’s Himmelmoos gekommen und haus’ darauf wie ein Pachter oder Fretter? Ich steh’ auf eigenem Grund und Boden und bin so gut und noch besser ein Herr, als ein Baron oder Graf, dem vielleicht kein Stein gehört von seinem Schloß. Wenn ich edelmännisch zahlen kann, darf ich auch edelmännisch bau’n, und wer dagegen was einzuwenden hat, der soll kommen und mir’s sagen – der Himmelmooser wird ihm die Antwort nicht schuldig bleiben.“

Der Zorn des Bauers hätte sich wohl noch lauter und kräftiger Luft gemacht, hätte nicht ein vor dem Hause entstandener Lärm dessen Erguß unterbrochen – ein Aufschrei des Schreckens und ein grober Fluch ließ sich hören, verbunden mit Geräusch wie von brechendem Holze. Frau Judika sprang an’s Fenster.

„Heilige Mutter Anna, das hätt’ ein schönes Unglück geben können,“ rief sie dann zurück. „Der dicke Gerichtsdienergehilf’ ist draußen; er ist auf die Einfassung von der Kalkgruben getreten und wär’ schier hineingefallen – bei einem Haar wär’ das Brett gebrochen.“

„So soll er halt die Augen aufmachen,“ rief der Bauer lachend entgegen, „damit er sieht, wo er hintritt – aber ich glaub’, die Lad’- und Anzeig’sechser schlagen ihm so gut an, daß er über seinen eigenen Schmeerbauch nicht mehr hinüber sieht.“

„Aber das eine Brett von der Einfassung ist auch schon ganz morsch,“ unterbrach ihn Judika, „ich hab’ es Euch neulich schon gesagt, Ihr solltet es ausbessern lassen, eh’s ein Unglück abgiebt.“

„Fällt mir im Schlaf nicht ein,“ schnauzte er sie an, „das Brett ist noch ganz gut, aber bei Allen und bei Ihr heißt es immer nur anschaffen, nur Alles neu machen lassen – natürlich, aus Ihrem Beutel geht es nicht, und der Himmelmooser soll nur blechen. Nichts da – das Brett hält, noch über Jahr’ und Tag. . . . Aber was will denn der Schergenknecht bei mir?“ fuhr er, sich der Thür nähernd fort, „kann ich mir doch um Leben und Sterben nicht einbilden, was der im Himmelmoos zu suchen hat.“

Der so freundlich Erwartete trat ihm bereits auf der Schwelle entgegen. Es war ein kleiner dicker Mann mit stark geröthetem Gesichte, das auch unter dem Einflusse des gehabten[WS 1] Schreckens nicht völlig zu erblassen vermocht hatte; er trug die graue blau eingefaßte Uniform der Gerichtsdiener und den üblichen Schleppsäbel, aber der schwarze Ledergurt schien weniger für den letztern da zu sein, als um, wie der Reifen ein Faß, seinen Körperumfang zusammen zu halten. Er athmete heftig und trocknete sich den Schweiß ab, was ihn aber nicht hinderte, in seinem Fluchen über das Unglück, das ihm beinahe zugestoßen, fortzufahren und dem Bauer mit einer Anzeige zu drohen, daß er seine Kalkgrube so schlecht verwahre.

„Das kann der Herr ja thun,“ unterbrach ihn der Bauer zornig, „wird schon sehen, wie weit er damit kommt. Ich mach’ das Holz nicht, und das Brett an der Gruben ist gut und stark genug; freilich, da müßt’ es von Eisen sein, daß es einen solchen Elephanten tragen könnte,“ setzte er etwas leiser hinzu, indem er dem Gerichtsdiener das Schreiben, das dieser in der Hand hielt, abnahm. „Ist das für mich?“ fragte er. „Was steht denn so Wichtiges in dem Schreiben, daß es nicht einmal bis übermorgen, am Sonntage, Zeit hat, wo ich ohnedem zum Landgerichte hineingekommen wär’?“

„Das haben wir nicht wissen können,“ entgegnete der Gerichtsdiener grob, „auch hat’s pressirt von wegen dem Prinzen – es betrifft den großen Eichbaum drüben an der Haselpoint.“

„Prinzen? Und meine große Eich?“ fragte der Bauer verwundert und begann sich eifrig die Hände zu reiben; die Häuserin, die eben wieder hereingekommen war, kannte das als ein Zeichen, daß ihm der Zorn zu Kopf zu steigen beginne, und fand es rathsam, in der Nähe zu bleiben.

„Was giebt’s schon wieder mit der Eich’?“ wiederholte er mit steigendem Nachdruck.

„Nun, Ihr wißt es ja, Himmelmooser – der Eichbaum ist der größte und älteste in der ganzen Gegend, und nirgends hat man eine so schöne Aussicht über den ganzen See; drum will der Prinz, der am liebsten da hinauf spazieren geht, daß der Baum ja gewiß stehen bleibt und bei Leibe nicht umgehauen wird.“

„Wer red’t denn aber von Umhauen? Der Baum ist ja selber meine Freud’, und so nothig ist der Himmelmooser auch noch nicht, daß er auf die paar Klaftern Holz anstehen sollt. Und ist denn der Prinz nicht selber bei mir gewesen und hat mir gesagt, wie gern er den Baum hat, und hab’ ich ihm nicht mein Wort gegeben für mich und Kinder und Kindeskinder, daß keins den Baum anrühren soll? Was braucht’s denn da noch?“

„Ja, der Prinz!“ entgegnete der Gerichtsdiener mit spöttischem Lachen. „Der Prinz wird wohl gedacht haben: ein doppelter Strick hält besser. Er hat mit dem gestrengen Gnaden Herrn Landrichter gesprochen, und wenn das Bauernwort etwa reißen thät, wird das vom Landgericht desto fester halten.“

Der Bauer hatte seine Brille geholt, aber er war zu erregt, um sie aufzusetzen; sie lag mit dem entfalteten Schreiben vor ihm auf dem großen Eßtische, auf den er sich mit beiden Händen aufstützte, als fühle er ein Bedürfniß nach etwas, was nicht wanke unter ihm. „So?“ stammelte er, „dem Prinzen ist mein Wort nicht genug gewesen? Kennt er mich so schlecht, und weiß er nicht, wenn der Himmelmooser etwas verspricht, wenn er sein Wort giebt für etwas, daß das so gut ist wie Brief und Siegel, und daß kein Mensch auftreten kann und kann sagen, er hat sein Wort nicht gehalten? Aber meinetwegen!“ fuhr er, sich etwas mäßigend fort, „mir kann’s recht sein. Giebt er mein Wort frei, so bin ich auch nicht daran gebunden – und was soll’s jetzt mit dem Landgericht?“

„Das könnt Ihr Euch wohl denken,“ war die Antwort des Gerichtsdieners, der das Schreiben aufnahm und abzulesen begann. „'In Erwägung, daß die auf dem Haselpoint stehende große alte Eiche zu den Zierden der Gegend gehört, deren Erhaltung also im allgemeinen öffentlichen Interesse geboten ist und es angemessen erscheinen läßt, Maßregeln hierfür zu treffen, ergeht an den Quirinus Ottlinger, Bauern im Himmelmoos, der gemessene Auftrag, sich bei schwerer Strafe jeder Beschädigung des erwähnten Baumes zu enthalten und insbesondere sich dessen Entfernung in keiner Weise beigehn zu lassen.'“

Der Bauer wechselte während des Lesens mehrmals die Farbe, und als der Gerichtsdiener ihm den Empfangsschein über den Befehl auf den Tisch legte, setzte er wie unwillkürlich unter denselben die schwerfälligen Buchstaben, die ihm statt der Unterschrift galten. „So,“ sagte der Gerichtsdiener, denselben einsteckend, „jetzt behüt’ Euch Gott bei einander! Jetzt werdet Ihr wissen, was Ihr zu thun habt.“

Er ging; der Bauer machte eine Bewegung, als wolle er demselben nacheilen und den in ihm aufkochenden Groll über den erhaltenen Befehl an dessen Träger auslassen, aber Judika vertrat ihm den Weg zur Thür. „Dein Glück, daß Du gehst, verfluchter Scherg!“ rief er und erhob, ihm nachdrohend, die geballte Faust. „Ja, wohl weiß ich, was ich zu thun habe, und brauche keinen solchen Bauernschinder dazu, daß er mir’s sagt. Geh’ Sie hinauf in die obere Stub’,“ fuhr er fort, indem er sich gegen Judika wendete und zugleich die Jacke auszog und über den Tisch warf. „Geh’ Sie hinauf und hole Sie mir meine gute Joppe herunter und den Sonntagshut! Ich will in’s Dorf hinunter.“

„O mein! rief Judika entgegen. „Was werdet Ihr jetzt [360] so in der Furi davon geh’n? Was habt Ihr denn unten im Dorf zu thun?“

„Das weiß Sie nicht?“ entgegnete er spöttisch. „Sie ist also nicht so gescheidt, wie das gestrenge Landgericht? Dann muß ich Ihr’s halt auseinander setzen. Zum Schäffler im Dorf geh’ ich hinunter; der hat neun große Fässer in’s Bräuhaus zu machen und hat mich neulich schon angeredet, ob ich ihm keine schönen eichenen Dauben aus meinem Holz ablassen wollt’ – ich hab’ ‚Nein‘ gesagt, weil mir jeder von meinen Bäumen an’s Herz gewachsen ist, jetzt aber kann er sie haben, schöner als er sie im ganzen Gebirg’ auftreiben kann.“

„Heilige Mutter Anna,“ schrie die Häuserin entsetzt, „Ihr werdet doch den Eichbaum an der Haselpoint nicht niederschlagen wollen? Jetzt, wo Ihr gerad’ den Befehl bekommen habt?“

Der Bauer richtete sich in seiner ganzen Höhe auf und trat hart vor sie hin. „Und warum nicht?“ rief er. „Der Baum ist mein; der Grund und Boden, auf dem er steht, ist mein – wer hat mir da was zu befehlen? Der Prinz hat mir mein Wort zurückgegeben, weil es ihm nicht genug gewesen ist. Ich könnt’ blutige Zähren weinen, wenn ich nur daran denk’, daß der prächtige Baum umgeworfen werden soll – aber er muß! In meinem Eigenthum, da bin ich Herr und will ihnen zeigen, daß mir da der König nichts verbieten kann, geschweige denn ein Prinz, oder gar so ein Landrichter, so ein …“

Das Uebrige verlor sich in Gemurmel, Judika aber schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. „Das giebt ein Unglück,“ jammerte sie, „ein schreckliches Unglück – das sollt Ihr nicht thun, so gerade der Obrigkeit zum Trutz.“

„Was können sie mir denn anhaben?“ fragte der Bauer mit verschmitztem Lächeln. „So gescheidt sie drinnen im Landgericht sind, so gescheidt ist Unsereiner auch. Was haben sie mir denn verboten? Daß ich den Baum nicht beschädigen, nicht entfernen soll – das thu ich auch nicht, aber ich verkauf’ ihn an den Schäffler, das ist mir nicht verboten, und der Schäffler wird schon sorgen, daß der Baum liegt, eh’ sie drinnen was erfahren. Also halt’ Sie mich nicht auf und bring’ Sie mir Hut und Joppe herunter, oder ich hol’ sie mir selber.“

„Ich geh’ ja schon,“ entgegnete die Häuserin, ohne einen Fuß zu regen, „aber Ihr solltet’s Euch doch noch einmal überlegen – das mit dem Schäffler hätt’ ja wohl auch bis morgen Zeit – und nachher,“ fuhr sie etwas hastiger fort, wie erfreut, noch einen Grund für ihre Meinung gefunden zu haben, „nachher solltet Ihr heut’ doch nicht mehr aus dem Hause gehen: Ihr wißt ja, daß er jeden Augenblick kommen kann …“

„Wer kann kommen?“ fragte er und sah sie verwundert an.

„Wie Ihr nur so fragen könnt! Ihr wißt doch, daß er vorgestern geschrieben hat, daß jetzt seine Dienstzeit beim Militär aus ist, daß er sich gleich auf den Weg macht und längstens heut’ Abend daheim eintrifft –“

Der Bauer lachte gleichgültig und beinahe höhnisch auf. „Also der Wildl, mein sauberer Sohn ist gemeint,“ rief er. „Hab’ ich doch wunder gedacht, was für ein großes Thier mir die Ehr’ anthut und in’s Himmelmoos kommt. Und wegen dem Buben soll ich daheim bleiben?“

„Nun, es ist doch nicht mehr als billig,“ entgegnete die Häuserin gereizt, „daß der Vater dem einzigen Sohne, dem einzigen Kinde, nicht aus dem Wege geht, sondern ihm 'Grüß Gott!' sagt, wenn er fast drei Jahre fort gewesen ist und hat den harten, strengen Dienst bei den Kürassieren durchmachen müssen.“

„Soll ich ihm etwa Teppiche legen und Gras aufstreuen lassen wie bei der Antlasprocession?“ unterbrach sie der Bauer. „Als wenn ich dafür könnt’, daß ihn das Loos getroffen und er sich hineingespielt hat!“

„Nein, dafür könnt Ihr nichts,“ war Judika’s Antwort, „wohl aber dafür, daß der reiche Himmelmooser, der das Geld zum Fenster hinauswirft, um aus seinem Bauernhofe ein Schloß zu machen, nicht einmal so viel aufzuwenden gehabt hat, um für seinen einzigen Sohn einen Mann, einen Einsteher zu stellen.“

„Am Können hat es wohl nicht gefehlt, aber am Wollen,“ sagte der Bauer. „Die drei Jahre schaden dem unnützen Buben nicht, und der ‚harte, strenge‘ Dienst wird den baumstarken Burschen auch nicht zu Grund gerichtet haben. Ist er denn nicht, so lang’ er daheim war, überall dabei gewesen, wo’s etwas zu raufen gegeben hat? Ist er nicht überall der Erste gewesen, der d’reingeschlagen hat? Ist er nicht schier mehr Zeit im Arrest gewesen, als in der Freiheit? Hab’ ich nicht mehr Kosten und Strafen bezahlt, als der ganze Bursch’ werth ist? … Nichts da, fortjagen kann ich ihn nicht, weil er doch einmal mein Sohn ist, aber eh’ er ein gutes Gesicht von mir kriegt, muß ich zuvor seh’n, daß er sich ein anderes angeschafft hat – und wenn er heut’ heim kommt, bleibt im Himmelmoos Alles beim Alten und nichts hat sich geändert, als daß ich nun einen Knecht weniger brauche. – Also aus der Bahn oder nieder ’than!“ schloß er, indem er Judika derb an den Schultern faßte und bei Seite schob. „Sie will mir meine Sache’ nicht bringen – also such’ ich selber den Weg.“

Rasch hatte er die Treppe im Hausfletz erreicht und stieg sie hinan. Die Häuserin sah ihm etwas betroffen nach und schien sich zu besinnen, was allenfalls noch in ihrer Macht stände, die Gewitterwolken, die sie über dem Hause sich bilden sah, abzuwenden oder der Heftigkeit ihres Ausbruches Einhalt zu thun – sie kam zu keinem Ergebniß, denn im obern Stockwerk wurde abermals die zürnende Stimme des Bauers laut, vermischt mit dem Schelten einer andern Männerstimme und dem Gepolter sich anstemmender Füße, als ob ein Paar Menschen in heftigem Ringen mit einander begriffen wären. Nach wenigen Augenblicken flog oder stürzte der Hinzueilenden der Maurer Fazi über die Stufen entgegen und taumelte durch die daneben befindliche Thür in’s Freie; ihm nach stürmte der Bauer mit zornglühendem Angesicht, eine kurze Eisenstange in der hocherhobenen Hand. Er wäre unfehlbar dem Fliehenden nachgestürzt, um ihn zu mißhandeln, hätte nicht Judika, den Zusammenhang ahnend, im entscheidenden Augenblicke die Thür vor ihm zugeworfen und den Riegel in die Klammer gestoßen, daß er sich erst damit befassen mußte, diese Hindernisse zu beseitigen.

Er stieß einen schweren Fluch aus und knirschte mit den Zähnen. „Was thut Sie denn, daß Sie mich aufhält?“ schrie er wie außer sich. „Will Sie dem Hallunken durchhelfen? Schau’ Sie hinauf! Während ich nicht anders denk’, als er strolcht draußen im Garten herum, hat er sich von hinten herein in den obern Stock geschlichen, in die gute Stuben und war gerade darüber, das Wandkästel aufzubrechen, wo das Geld liegt … der Kerl muß einen Dietrich haben … ich muß ihm nach und ihm einen Denkzettel geben.“

Endlich war es ihm gelungen, die Thür frei zu machen. Der Flüchtling hatte es für gut befunden, eine zweite Begegnung nicht abzuwarten: in weiter Ferne schon rannte eine kaum mehr erkenntliche Gestalt quer über die Wiesen; es war eine Unmöglichkeit, ihn einzuholen. Gleichwohl glaubte der Bauer im ersten Augenblick nicht daran. „Laßt den Sultan los!“ rief er und that einen gellenden Pfiff auf den Fingern, „lauft, Alles was Füße hat, lauft ihm nach – zehn Kronenthaler, wer ihn einholt!“

Die Aufforderungen waren vergebens; die herbeigeeilten Knechte hielten es nicht für möglich, bei so großem Vorsprung den Dieb zu erreichen, und das Nachhetzen des jungen unerfahrenen Hundes für zwecklos. Der Bauer murrte in sich hinein und hieß sie wieder ihre Wege gehn. „Er kommt mir doch nicht aus,“ sagte er dann, indem er seinen Anzug vollendete und den Hut auf den Kopf stülpte, „und wenn er mir noch einmal auf hundert Schritt an den Hof heran kommt – nieder schieß’ ich ihn, wie einen wüthigen Hund.“

Eiligen Schrittes ging er den Hügelpfad hinunter, dem Dorfe zu. Judika vermochte ihn nicht zu halten und mußte sich auf’s Nachsehn beschränken. Nach einer Weile blieb er stehn, sah, wie sich besinnend, umher und schlug dann einen kleinen Feldweg ein, der seitwärts gegen ein Wäldchen abbog und auf einem Umwege ebenfalls gegen das Dorf führte. „Eisenkopf!“ sagte Judika, den ihren schüttelnd. „Den Umweg macht er nur, damit er nicht etwa dem Buben in die Hände läuft. Heilige Mutter Anna, was wird’s da geben, wenn die zwei aufeinander stoßen!“ – [377] [378] einem Unrecht ertappt. „Was ist denn das Neues?“ sagte sie unsicher, „Du hast ja gar einen Ring an der Hand?“

Wildel war sichtlich überrascht; er versuchte vergeblich, seine Hand zurückzuziehen, und das Braun seiner männlichen Wangen erblühte zu einem so schönen Erröthen, daß bei seinem Anblicke der scharfe Ton der Fragenden sich unwillkürlich milderte. Sie hob die ergriffene Hand gegen den Feuerschein empor – ein matter Silbersteifen blinkte an dem Ringfinger derselben.

„Das ist ja gar ein Ringel, wie's die Lieb’sleut einander geben,“ fuhr sie befangen fort. „Wildel – ich will nicht hoffen – hast Du einen Schatz?“

„Und wenn’s so wär’,“ entgegnete er und sah der mütterlichen Freundin frei und offen in das bekümmerte Angesicht. „Wär’ das was Unrechtes?“

„Nein, was Unrechtes ist es just nicht,“ sagte Judika etwas beruhigter, „aber schau, wie ich Dich so angesehn und Dir zugehört hab', da ist mir so recht das Herz aufgegangen und ich hab’ mich darüber gefreut, daß Du so ganz der Alte geblieben bist in der Stadt und daß Du noch so gut wie zuvor herein taugst zu uns Bauersleuten in's Himmelmoos – aber der Ring da sagt, daß Du Dir in der Stadt einen Schatz ausgesucht hast, und wenn das ist, Wildel, dann ist auch Dein Herz in der Stadt geblieben – dann zieht’s Dich wieder in die Stadt oder Du denkst gar daran, eine Städtische zu uns zu bringen, und da weiß ich nicht, was ärger ist von den zwei Sachen.“

„Brauchst Dich nicht zu grumen (grämen) deswegen,“ entgegnete Wildel lachend, „das Ringel stammt nicht aus der Stadt.“

„Ja, ich hab’s aber noch nie an Deiner Hand gesehen. Ich hab’ Dich doch, wie Du fort bist, am weitesten fortgeleit’'tund hab’ zuletzt von Dir Abschied genommen – da hast den Ring noch nicht am Finger gehabt.“

„Freilich nicht, aber Du hast mich auch nicht am weitesten begleitet und bist auch nicht die Letzte gewesen, die Abschied genommen hat von mir. Wie ich von Dir weg den Bühel hinaufgegangen bin, wo der Waldspitz gegen die Straß’ herauskommt, da ist unter den Haselstauden ein Dirnl’ gesessen; bei dem hab’ ich nicht vorbeigehen können, bis ich’s gefragt hab', ob es mir nichts anzuschaffen hat für die Stadt; da hat’s mir das Ringel an den Finger gesteckt und hat mir aufgegeben, ich sollt’ es nie vom Finger lassen und sollt’ es ja als ganz wiederbringen.“

„Also keine Städtische?“ rief Judika entzückt. „Ein Bauernmädel, wie’s zu Dir und zu uns paßt? Bub’ das ist recht – Bub’, das freut mich, daß ich’s gar nit sagen kann. Aber wie Du’s nur angefangen hast, daß ich Dir gar nichts angemerkt habe! Wirst Dir schon eine richtige ausgesucht haben, eine schöne, die eine Himmelmooserbäuerin vorstellen kann, wie sich's gehört. Wer ist sie denn? Kenn’ ich sie auch? Jetzt ist keine Gnad’, Wildel – jetzt muß ich Alles wissen.“

„Ich will Dir auch Alles sagen,“ entgegnete er zutraulich, indem er wieder ihre Hand faßte und liebkosend streichelte, „ich hab’ mir schon auf dem Heimweg ausgedacht, daß ich das thun will und will Dich bitten, daß Du uns beistehn sollst, denn ich sorge immer, es wird einen harten Strauß absetzen, bis der Vater sein Jawort dazu giebt. Du aber hast es alleweil gut mit mir gemeint. Du hast mich gern gehabt von klein auf, als wenn Du meine Mutter wärst; Du wirst mich jetzt auch nicht verlassen.“

„Gewiß nicht, lieber Bub’,“ rief Judika und wischte mit dem Schürzenzipfel eine Thräne der Rührung aus den Augen, „aber was werd' ich thun und Dir nützen können, wenn es dabei einen solchen Haken hat, daß Du selber meinst, es wird einen Strauß abgeben mit dem Vater? Was ist es denn mit dem Dirnl’, daß der Vater so arg dagegen sein soll? Wer ist sie denn?“

Schon schwebte der theure Name auf den Lippen des jungen Mannes, als in der Hausthür die scheltende Stimme des Bauern hörbar wurde. Judika hatte in der Eile und Freude ihres Herzens nicht beachtet, daß es schon völlige Nacht geworden und die Hausthür unverschlossen geblieben war. Der Alte wetterte und schalt über die elende Wirthschaft, bei der Einer das ganze Haus ausräumen könne, eh’ es Jemand gewahr geworden, die Häuserin aber trat ihm in gleicher Weise entgegen und versicherte, daß nichts zu besorgen sei, wo sie ihre Augen offen habe. Sie eilte ihm mit dem Oellämpchen in die Wohnstube entgegen, während der Sohn an ihr vorüber der Stiege zuhuschte und ihr flüchtig zurief, er gehe in seine Kummer, sich umzukleiden – er hoffe einen freundlicheren Empfang vom Vater, wenn er ihm nicht in der soldatischen Uniform, sondern im Bauerngewande entgegen trete und dadurch zeige, daß er wieder ganz in demselben heimisch sei,

Der Bauer setzte sich mürrisch an den Tisch im Ofenwinkel und erwiderte nichts auf Judika's Rechtfertigung, die er nicht widerlegen konnte oder wollte. Auch die leise Frage, ob er noch zu Nacht essen wolle, ließ er unbeantwortet, stemmte die Arme auf den Tisch und stützte nachdenklich den Kopf in die Hände. Es mußte mit dem beabsichtigten Eichenhandel doch nicht so glatt abgegangen sein, wie er sich vorgestellt hatte. Vermuthlich hatte der Schäffler von dem landgerichtlichen Verbot bereits Wind bekommen und wollte nicht in die verworrenen Fäden eingreifen, die sich leicht zu einer Schlinge zusammen ziehen konnten. Erst als Frau Judika leichthin bemerkte, daß der erwartete Sohn bereits eingetroffen sei, fuhr der Bauer aus seinem Brüten auf, um sofort wieder in's Zanken überzugehen. „Ja wohl,“ rief er, „hab' es unterwegs schon gehört, daß er da ist. Die Leute haben mir's alle erzählt, daß er durch's Dorf daher spaziert ist in der Uniform, nicht anders als wie ein vornehmer Herr. Er meint wohl, weil er aus der Stadt kommt, darf er bei mir auch den gnädigen Herrn spielen, aber ich will ihm die Flausen schon aus dem Kopfe treiben. Wo ist er denn nachher, der Herr Soldat? Ist wohl schon schlafen gegangen? Hat's nicht erwarten können, bis ich heim komm'?“

Die Häuserin sagte nichts, aber sie hob die Lampe in die Höhe, daß ihr Schein gerade und voll auf die Thür fiel, in welcher der Sohn soeben erschienen war, den grünen Spitzhut mit Hahnenfedern und Gemsbart auf dem dunklen Krauskopf, eine schwarze Florbinde mit lang herabfallenden Enden um den offnen Hals geschlungen, in den schwarzen, nur bis zum Knie reichenden Beinkleidern und den unvermeidlichen Wadenstutzen. Eine braungraue Joppe mit grünem Aufschlag und Kragen sowie Knöpfen aus nachgemachtem Hirschhorn, worauf allerlei Köpfe von Waldthieren, Hirschen, Rehen und Sauen, abgebildet waren, vollendete den Anzug, und so sehr er Judika zuerst als Soldat gefallen hatte, mußte sie sich doch im Stillen zugestehen, daß die fast jägerartige Bergtracht ihn doch fast besser kleidete. Auch der Vater schien einen ähnlichen Eindruck zu empfinden – er brach im Schelten ab und ließ seine Augen einen Moment mit forschender Befriedigung auf ihm ruhn: war es doch, als sähe er in einen Zauberspiegel, der nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit zeige, und erblicke sich selber darin, wie er vierzig Jahre früher als Bräutigam in das Haus getreten. Die Aehnlichkeit, so weit Jugend und Alter sich ähnlich sehn können, war auch überraschend; nur daß, was bei dem Greise hager und eckig erschien, bei dem Jüngling geschmeidig und voll war – dem verwitterten Baume mit der rauhen Rinde und dem knorrigen Holze stand der junge Stamm gegenüber mit glatter Schale, geschmeidig: mit biegsamen und so lebfrischen Zweigen, als könne für dieselben niemals eine Stunde des Alters kommen.

Der Sohn trat ein, nahm den Hut ab und streckte, näher kommend, dem Vater die Hand entgegen. „Grüß Gott, Vater!“ sagte er in herzlichem Tone, „meine Militärzeit ist um – da bin ich wieder und thät' halt recht schön bitten, daß Ihr mich wieder daheim sein laßt im Himmelmoos.“

„Grüß Gott auch!“ erwiderte der Alte, ohne die dargebotene Hand zu ergreifen „es ist mir so weit schon recht, daß Du wieder da bist, und wie's mit dem Daheim-Sein geht, das werden wir ja sehn im zweiten Theil, wie der Herr Pfarrer in der Predigt sagt. Das wird auf Dich selber ankommen, ob Du daheim sein und so leben willst, wie's Brauch ist im Himmelmoos – da hat der Herr Soldat keinen Platz und auch kein Bursch, der mehr im Wald als auf dem Hof ist, der mit Gott und der Welt Händel anfängt, daß beim Landgericht von einem Protocoll zum andern die Tinte nicht trocken wird. Das leid' ich nicht; darauf geb' ich Dir mein Wort, und was das zu bedeuten hat, weißt Du.“

„Habt keine Sorge, Vater!“ sagte der Sohn, „das wird nimmer geschehn – ich hab' mir die gache (jähe) Hitz' abgewöhnt; bei den Kürassieren lernt man's wohl. Schau' meinen Abschied an! Ich hab', so lang' ich beim Regiment gewesen bin, [379] keine Straf’ bekommen.“ Trotz dieser Versicherung zeigte der bewegtere Ton seiner Stimme, daß die neue Gewohnheit doch noch nicht ganz festgewurzelt sein mußte; daß ihm der Vater nicht die Hand gereicht, hatte schon seine Stirn umwölkt und ihn dem Alten noch ähnlicher gemacht – daß er beim Empfang kein anderes Wort für ihn hatte als Vorwürfe, machte, daß ihm das Blut noch heißer zu Kopfe stieg.

„Das wird gut sein und am besten für Dich selber,“ sagte der Vater in einem Tone, dem man den Zweifel anhörte und der nicht geeignet war, den Sohn zu beruhigen.

Die Beiden fühlten, daß etwas zwischen ihnen lag, und verstummten; sie glichen ein paar geladenen Minen, die nur des zündenden Funkens bedürfen, um aufzufliegen. Mit klopfendem Herzen gewahrte es Judika und sann darauf, wie sie dem Gespräche eine andere Wendung geben und dem Zusammenstoße vorbeugen könne – war nur die erste Begegnung glücklich vorüber, dann traute sie sich wohl so viel Gewalt über Beide zu, sie im Geleise zu halten, bis mit der Zeit die Gewohnheit das Ihrige zum Frieden beigetragen haben würde. In der Hast vergriff sie sich leider im Stoffe, der löschen sollte, und warf selber den Funken in's Pulver. Sie meinte es besonders klug anzufangen, wenn sie nach dem Sinne des Alten redete und anscheinend ebenfalls gegen den Sohn Partei nahm; sie wiederholte die Ermahnungen des Vaters, um daran den Ausdruck ihrer Zuversicht zu knüpfen, daß Wildel die wilden Jahre hinter sich habe und „gut thun“ werde.

„Er wird auch sein Wort halten,“ schloß sie ihre Rede, „da müßt’ er nicht Euer Sohn sein, und daß es so wird, dafür giebt’s ein Mittel, wie kein besseres in der Welt – er ist selber schon darauf verfallen, und das ist der beste Beweis, daß es ihm ernst ist …“

„So, was wär’ denn das für ein Mittel? In welcher Apotheken ist denn das zu haben?“

„In Eurer eigenen,“ sagte Judika eifrig und ohne die abwehrenden Blicke Wildel’s zu beachten, in dem eine unheilvolle Ahnung aufzuckte. „Er will kein Bursch’ mehr sein; er will ein ganzer Mann werden, der bei seinem Haus und seiner Familie bleibt – er will heirathen …“

Das Wort war kaum ausgesprochen, als der Alte, wie emporgeschnellt aufsprang, die Fäuste auf den Tisch stemmte und vor Zorn keuchend über denselben hinüber schrie: „Was, heirathen? Also auf das geht’s hinaus? Habt Ihr’s schon so ausgemacht miteinander und meint, der alte Narr wär’ nur gerad’ gut genug zum Ja sagen? Das heißt wohl, ich soll Dir Platz machen, soll Dir den Hof übergeben? Ich leb’ Dir zu lange, Schandbub’, und Du kannst es nicht erwarten, bis ich auf dem Schragen lieg'?“

„Aber, Vater, ich denk’ ja gar nicht daran,“ unterbrach ihn Wildel, der bis in den Mund hinein erblaßt war, „das ist ja nur ein Gerede von der Judika.“

„Was?“ rief diese, nun ebenfalls außer Fassung, ihm entgegen. „Willst Du jetzt mich an’s Messer liefern? Hast Du nicht den Ring am Finger? Hast Du mir’s nicht selber gesagt, daß Du einen Schatz hast?“

„Also ist es doch wahr!“ rief außer sich der Vater. „Du hast wirklich eine Liebschaft und tragst einen Ring, und hast nicht einmal so viel Ehr’ im Leib, daß Du dafür einstehst? Du verleugnest sie gleich ganz und gar? Das muß ein schönes Weibsbild sein, wenn Du sie vor Deinem Vater nicht einmal zu behaupten traust.“

Wildel schwamm es vor den Augen; in den Ohren tobte es ihm, als stünde er an einem Wasserfalle; dennoch bewies er, daß die soldatische Zucht der letzten Jahre nicht vergebens gewesen war – er hielt an sich, wenn er auch an allen Gliedern zitterte, und stand hochaufgerichtet. wie weiland vor seinem Rittmeister oder Obersten. „Vater,“ sagte er, „das habe ich nicht gedacht, daß ich einen solchen Einstand haben soll in meinem elterlichen Haus und noch dazu auf eine so unrechte Weis'. Ja, ich hab' einen Schatz, und ich verleugn’ ihn nicht; drum leid' ich’s nicht zum zweiten Mal, daß ein Mensch sie ein Weibsbild schimpft, und wenn’s mein eigner Vater wär’. Sie ist ein braves Dirnl, dem Niemand was Unrechtes nachsagen kann, das ich für mein Leben gern hab’ und das ich einmal heirathen will, aber jetzt hab’ ich noch nicht daran gedacht, und wenn mir’s nur ein einziges Mal in meinen Sinn gekommen ist, an Euren Tod zu denken, Vater, oder an’s Uebergeben, so will ich in meinem ganzen Leben keine gesunde Stund’ mehr haben.“

„Und wer ist das W… – wer ist die Person?“ rief der Alte und rannte, heftig die Hände reibend, in der Stube hin und wieder. „Heraus mit dem Namen! Ich will’s wissen.“

Wildel trat etwas bei Seite. Judika saß auf der Bank und schluchzte bitterlich in ihre Schürze.

„Fragt mich nicht, Vater!“ entgegnete Wildel fest, „ich müßt’ jetzt fürchten, daß Ihr dem armen Mädel Ungelegenheiten macht; also sag' ich den Namen nicht …“

„Nicht?“ rief der Bauer wüthend. „Du willst mir in meinem eigenen Haus den Gehorsam aufsagen? Warte, Bursche! Ich lös’ Dir die Zunge.“

Damit sprang er auf Wildel los, der einige Schritte zurück trat. „Nicht schlagen, Vater!“ sagte er mit bebender Stimme, „dazu bin ich schon zu alt. Ich sag’s nicht; eher geh’ ich wieder aus der Heimath fort, bevor ich nur eine Nacht darin geschlafen hab’.“

„So geh’,“ rief der Alte außer sich, „geh’, wohin Du willst! Ich hab' Dich nicht gerufen, und hab’ ich so lange leben müssen ohne Dich, werd' ich's auch noch länger zuwege bringen –“

Wildel stand bereits auf der Schwelle und wies Judika von sich, die ihn zurück zu halten versuchte. „B’hüt Gott, Vater!“ sagte er schmerzlich, „ich will in ein paar Tagen wieder kommen; vielleicht ist es Euch bis dahin wieder eingefallen, daß meine Mutter Euer Weib gewesen ist.“

Er verschwand im dunklen Gange, und die einfallende Thür zeigte bald, daß er das Haus verlassen hatte.

„Jetzt hat Sie’s selbst gesehen und gehört,“ rief der Vater, noch immer hin und her laufend, der Alten zu. „Jetzt sieht Sie, daß an dem Burschen Hopfen und Malz verloren ist, daß er als derselbe Nichtsnutz wieder gekommen ist.“

Judika fand die bisher von Thränen erstickte Stimme wieder und ließ den Worten desto freieren Lauf – jetzt hielt keine Scheu vor dem Herrn sie zurück: der Mann, der seinen eigenen einzigen Sohn, ihren Pflegling und Liebling, so aus dem Hause gehen zu lassen vermochte, gegen den war sie durch keine Rücksicht mehr gebunden.

„Es ist nicht wahr, daß der Wildel ein Nichtsnutz ist,“ rief sie zürnend, „er ist der beste Bursch von der Welt bis auf den Hitz- und Trotzkopf, und von wem er den geerbt hat, braucht Ihr nicht zu fragen. Aber wenn es jetzt ein Unglück giebt, so seid Ihr selber daran schuld, kein anderer Mensch als Ihr. Mit Güte und Liebe kann man ihn um der Finger wickeln – er aber ist erst drei Jahr alt gewesen, wie seine Mutter gestorben ist; so ist er wild aufgeschossen nach Eurer Art, und Ihr seid schuld daran. Ihr hättet wieder heirathen sollen, damit das Bübel wieder eine Mutter bekommen hätt’.“

„Da hätt' er auch was Rechtes gehabt, wenn er eine Stiefmutter bekommen hätt',“ lachte der Bauer entgegen, aber der Ton klang merklich milder: das Andenken an sein so früh verlorenes Weib war die einzige noch unverholzte Stelle seines Gemüths, und schon Wildel’s letzte Bemerkung war nicht ohne Wirkung auf ihn geblieben. „Und für was ist denn Sie im Haus’ gewesen, Sie alte Henn’ – trotz Ihrer Siebengescheidheit hat Sie Ihre Eier doch auch verlegt.“

„Ich habe das Meinige gethan – dafür ist Gott mein Zeuge,“ sagte sie etwas beruhigter, „und ich will jetzt auch thun, was ich kann, damit die Sach’ wieder in’s Geleis kommt, aber ich bin nur ein Dienstbote, der nichts darein zu reden hat und auch nichts thun kann, als zureden, damit die Vernunft wieder obenauf kommt –“

„Ja wohl, die Vernunft kenn’ ich – wenn ich zu Allem Ja sagen thät’, das wär’ Euch die rechte Vernunft,“ unterbrach sie der Alte, um abermals in einer Lohe des alter Zornes auszuschlagen. „Und ich will einmal von Uebergeben nichts hören, und dabei bleibt’s, und wenn's der Bub’ nicht erwarten kann, soll er mir nur nimmer unter die Augen kommen.“

„Was braucht’s denn all das Geschrei?“ fragte Judika, indem sie eine Kerze anzündete und sich zum Fortgehen anschickte. „Es hat ja noch kein Mensch verlangt, daß Ihr übergeben sollt – heirathen will der Wildel, und das kann ja recht gut geschehen; Ihr bleibt auf dem Hofe und laßt ihn herein heirathen. [380] Es könnt' nicht schaden, wenn ein paar junge frische Gesichter zu unsern alten Köpfen in’s Himmelmoos herein kämen.“

Der Bauer lachte auf. „Sonst nichts mehr? Zwei Haushaltungen in einem Haus’?“ rief er. „Das müßt’ eine schöne Wirthschaft abgeben. Nichts da – so lang' ich revierisch bin und mich rühren kann, geb’ ich nicht über, nicht ganz und nicht halb – das hab’ ich mir vorgenommen; das hab’ ich gesagt, und wenn ich einmal etwas gesagt hab’, da bleibt’s dabei. Der Himmelmooser hält sein Wort.“

„Wenn’s gewiß ist,“ murmelte Judika und wandte sich zu gehen. Grimmig sprang der Bauer hinzu und hielt sie zurück – der Stolz, immer sein Wort erfüllt zu haben, war eine seiner empfindlichsten Seiten.

„Was brummt Sie da?“ rief er. „Wer kann sagen, daß der Himmelmooser sein Wort nicht gehalten hat?“

„Ich,“ entgegnete sie und sah ihm trutzig in's Gesicht, „denkt an eine gewisse Kindstauf’, Herr, und nachher sagt mir, wie’s mit dem Worthalten ausschaut! – Gute Nacht!“

Sie ging; der Himmelmooser stand verblüfft, als habe sich plötzlich vor seinen Füßen ein Abgrund aufgethan. Eine Weile störte er in dem Dochte seiner Lampe herum, dann ergriff er sie und ging seiner Schlafstube zu.

„Hm,“ sagte er vor sich hin, „für die Hack’ wird sich wohl auch noch ein Stiel finden lassen.“




2.


Ueber dem Himmelmooserhofe und seiner ganzen Umgebung lag das athemlose Schweigen der Nacht, und wie zögernd sahen ihre Sternenaugen darauf hernieder, als läge da drunten die schönste Heimath des Friedens, die sie auf ihrem Wandergange geschaut und von der sie nur ungern sich zu trennen vermochten.

Drinnen im Hofe aber war der Friede nicht eingekehrt; wohl waren die Fenster lichtlos wie die Augen eines Schlafenden, aber in den Gemächern dahinter glimmte der Gram und glühte der Unmuth – wohl stand drinnen jede Regung still, aber das Stillstehen war das eines erschreckten Herzens, das mit seinem Schlage vor einem großen Leide innehält, weil es im nächsten ein noch größeres vorempfindet. Der Gram wachte in Judika’s Kammer neben dem Bett, auf das sie sich angekleidet gelegt hatte. Der Unmuth ging in der Schlafstube mit dem Bauer hin und wieder gleich einer Schildwache. Er hatte selbst die Doppelriegel an den Hausthüren, welche nur bei besonderen Gelegenheiten gebraucht wurden, abgelassen, aber die Stubenthür ließ er offen: er vermuthete, daß Judika, wenn Alles still geworden, wieder aufstehen und den Liebling in’s Haus lassen würde. Seine Vermuthung war auch vollkommen begründet. Judika hatte keinen andern Wunsch und Gedanken, als Wildl in der ersten Nacht seiner Heimkehr ein Versteck zu verschaffen, in welchem er ruhig bleiben konnte, bis sie noch einen Versuch gemacht haben würde, die beiden Eisenköpfe zu versöhnen; glaubte sie doch ein Mittel zu besitzen, das ihr sichern Erfolg versprach und das, nach der am Abend gegebenen flüchtigen Andeutung zu schließen, seine Macht über den Alten noch immer nicht verloren hatte.

Die beiderseitige Besorgniß war indessen ganz vergeblich – der, dem sie galt, dachte nicht daran, im Vaterhause sich heimlich eine Nachtherberge zu suchen; in der ersten Erregung war er weit in die Nacht hinaus geeilt, geradeaus den Bergen zu. Er hatte keinen andern Gedanken, als so schnell wie möglich aus dem Bereiche des väterlichen Hauses zu entkommen; ihm war wie Einem, der sich den Verfolger auf den Fersen weiß. Sein Herz war von unsäglicher Bitterkeit erfüllt. Wie hatte er sich auf den Augenblick gefreut, wo er vor den Vater hintreten konnte, gewissermaßen als ein neuer Mensch, an dem nicht ein Fäserchen der Unbilden haftete, die man einst an ihm zu tadeln vermocht hatte. Und nun? Alle seine Hoffnungen lagen vom Sturme niedergeweht wie das Kartenhaus eines spielenden Kindes, und ihm war noch schlimmer um’s Herz, denn ihm fehlte der Muth ein neues zu erbauen; der ganze Plan seines Lebens war verwischt und verschüttet. Zorn und Rührung rangen abwechselnd in ihm, welchen Entschluß er nun zu fassen habe, ob es rathsam und wie es möglich sei, durch den Schutt einen neuen Weg zu bahnen. Bald dünkte es ihm, als habe er mit dem Fortgehen sich übereilt; bald blitzte wieder der Trotz in ihm auf, und im Bewußtsein seiner Kraft wollte er in die Welt gehen, sich selber einen Platz erobern und dem Vater zeigen, daß es nicht wohlgethan war, ihn wie einen Knaben zu behandeln.

So war er ein gutes Stück in die Nacht und in den Bergwald hineingestürmt, des Weges nicht achtend, dessen er von früheren Zeiten her wohl noch kundig war – aufathmend hielt er an, um sich in der Dunkelheit, die sich immer dichter hernieder gesenkt, zurecht zu finden, denn es kam ihm vor, als wäre der Pfad nicht mehr der alte. „Wie ist denn das?“ sagte er halblaut vor sich hin, „das ist ja doch der Weg, wo es zu den Brünnl’-Almen hinauf geht. Der schwarze Block da muß das Steinthörl sein, und da rechts soll die große Buchen stehn, bei der es über die graue Wand hinunter geht … bin ich denn auf eine Irrwurz getreten oder seh' ich nimmer recht?“

Wohl sah er recht und hatte die Umgebung erkannt; er konnte nicht wissen, daß die große Buche, die mit ihrem mächtigen Wurzelgeflecht den Rand der Schlucht umklammert gehalten und so eine Art Wehr und Umzäunung gebildet hatte, mit den umgebenden Felsstücken locker geworden und, dieselbe beinah zur Hälfte ausfüllend, in die Tiefe gestürzt war.

Behutsam machte er noch einige Schritte vorwärts, aber seine Vorsicht war vergebens: plötzlich fing das Erdreich unter ihm sich zu lösen und zu kollern an, und eh' es ihm möglich war, nach einem Stützpunkt zu suchen, war er mit dem Geröll hinunter gefahren und hing in den verdorrten Aesten der entwurzelten Buche fest. Einen Augenblick wollten ihm von der Gewalt des Sturzes die Sinne vergehn, aber bald raffte er sich wieder zusammen – er fühlte, daß er, wenn auch an Händen und Knieen geschunden, doch an seinen Gliedern heil und unbeschädigt war; rasch hatte er sich von dem Geäst, das sich an seine Joppe festgehakt, losgemacht und dann, vorsichtig klimmend, den Rand der Schlucht und mit ihr den festen Boden wieder erreicht. „Das hätte eine schöne Himmelfahrt geben können,“ rief er, sich schüttelnd und die Arme wie zur Probe in die Höhe reckend. „Warum schieß' ich auch wie eine blinde Bremse in die Nacht hinein? Es wird gescheidter sein, ich such’ einen Unterschlupf auf; da kann ich mir am besten überdenken, was ich thun will, um den Tag abzuwarten.“

Der Unterschlupf war bald gefunden: auf einer schräg ansteigenden Bergmatte standen einige jener hölzernen Hütten, welche, aus übereinander gelegten Balken erbaut zur Bergung des Heues bestimmt sind, das dann im Winter auf Schlitten in die Häuser und Ställe hinuntergefahren wird. Rasch hatte der gewandte Bursche den in halber Höhe des Gebäudes angebrachten Lufteinschnitt erklommen und schwang sich in das Innere auf den bereits angesammelten Futtervorrath hinein.

Er erreichte denselben nicht – mitten im Sprunge fühlte er sich am Rücken von zwei starken Armen erfaßt und festgehalten. „Halt, was kommt da für ein Besuch mitten in der Nacht?“ rief eine starke, rohe Männerstimme. „Red'! Dein Wehren hilft Dir nichts; ich laß Dich nicht aus, bis ich weiß, wer Du bist.“

Wortlos und keuchend rang Wildel mit seinem Gegner; eine Reihe unangenehmer Gedanken schoß ihm wie zuckende Blitze durch den Kopf – wer konnte der Angreifer anders sein, als ein Jäger, der sich in Hinterhalt gelegt, um einen Wildschützen abzupassen? Wenn er ihn erkannte, war der alte Verdacht auf’s Neue geweckt und noch verstärkt, denn wenn er schon in der ersten Nacht seines Daheimseins in dem Bergrevier getroffen wurde, war es nicht ein unwiderleglicher Beweis, daß seine Lust zum Wildern noch gewachsen war? Er schwieg härtnäckig, obwohl der Andere immer zu fragen fortfuhr; er spürte bald, daß er dem ihn Umklammernden an Stärke überlegen war. Die Muskeln der ihn haltenden Arme begannen zu zucken, einem unversehenen kräftigeren Ruck widerstanden sie nicht, und im Augenblick war die Stellung beider Männer umgekehrt: Wildel war obenauf, und der unbekannte Bursche suchte, in’s Heu gedrückt, sich seiner Hände zu erwehren, die ihm wie eherne Klammern die Kehle zusammenpreßten.

Dadurch kamen die beiden Köpfe und Gesichter einander näher; bei dem durch die Oeffnung einfallenden Halblichte war es möglich, die Züge derselben zu unterscheiden. Wildel ließ nach und wandte sich wie geringschätzig ab, als ab die unnütz verschwendete Kraft ihn reue. [395] Der Befreite sprang auf und brach in wüstes schallendes Gelächter aus. „Du bist es,“ sprach er, „der Wildling vom Himmelmoos? Hab’ schon gehört, daß Du wieder daheim bist, aber daß Du gleich in der ersten Nacht auf’s Wildpretschießen ausgehn thätst und in der Finsterniß einem alten Cameraden schier die Gurgel eindrückst, das hätt’ ich mir nicht im Traum einfallen lassen.“

„Ich geh’ nicht auf's Wildpretschießen, Fazi,“ unterbrach ihn Wildel unwillig, „und die Cameradschaft von uns Zweien ist so gering, daß sie ein Spatz auf dem Schweif wegtragen kann.“

„Geht’s aus dem Ton?“ erwiderte der Maurer, indem er seine verschobene Kleidung ordnete, welche ebenfalls in einer Lodenjacke bestand. „Hätt’ mir’s einbilden können, willst nichts mehr davon wissen, daß wir mit einander auf der Schulbank gesessen sind. Hätt’ mir’s einbilden können, daß der Apfel nicht weit vom Stamm fallen wird. Meinetwegen, schaut zu, Du und Dein Vater, alle Zwei mit einander, wie weit Ihr kommt mit Eurem Stolze, ich will’s aber nicht vergelten, und wenn etwa eine Frag’ an mich käm’, wo Du in der ersten Nacht gewesen bist, der Fazi verrath’ Dich nicht – ich hab’ Dich nit gesehn; auf das kannst Du Gift und Opperment nehmen.“

„Ich brauch’ Dich nicht,“ erwiderte Wildel, „wie und wann ich heut’ da hergekommen bin, das kann ich jedem Menschen sagen, wenn ich will; vielleicht hast Du’s nöthiger, wenn ich nicht sag’, daß ich Dir begegnet bin.“

„Meinst?“ rief Fazi giftig. „So will ich Dir gerade heraus sagen, wegen was ich Nachts unterwegs bin wie ein Vagabund – Dein übermüthiger Vater ist daran schuld. Er hat mich mir nichts Dir nichts aus der Arbeit gejagt und mich noch obendrein verschwärzt, daß mir der Meister Feierabend gegeben hat und ich brodlos geworden bin. Ich muß fort und schau’n, wo ich auswärts was verdienen kann; jetzt komm’ ich von meinem alten Vetter drinnen am Fall; ich hab’ ein Reisgeld von ihm haben wollen, aber das alte Mannl hat selber nichts als Noth und Elend. So werd’ ich halt schauen müssen, wer sonst mir ein Reisgeld borgt auf Nimmer-wieder-zahlen. Jetzt weißt Du, wie Du mit mir daran bist,“ fuhr er fort und kletterte zur Fensteröffnung empor, „jetzt will ich Dir die kalte Herberg’ allein überlassen; wir werden wohl einmal wieder zusammenkommen, wie dazumal auf der Schulbank.“

Im Augenblicke war er in’s Freie gesprungen, und sein Schritt verhallte auf dem weichen Wiesengrunde, aber als ob er zeigen wollte, daß er nichts scheue und zu scheuen habe, fing er zu singen an, und das Lied vom klugen Vogel Kukuk, der seine Eier in’s fremde Nest legt, klang lustig über Matten und Berge, die eben im ersten schwachen Morgengrauen aufzuwachen begannen.

Nachdenklich streckte sich Wildel auf das duftende Lager. Es währte geraume Zeit, bis der unangenehme Eindruck, den das plötzliche Begegnen mit Fazi auf ihn gemacht hatte, in ihm zu verschwinden begann; dann zog allmählich eine andere Gedankenreihe durch seine Seele. Er fühlte nach dem Silberringe an seinem Finger, und als trotz Betrübniß und Aufregung die ermüdete Natur ihr Recht zu fordern begann, war die Heuhütte und der Himmelmooserhof vergessen, und er saß träumend unterm Gebüsche einer schattigen Waldspitze und die Ringspenderin neben ihm.

Das Bild schwebte noch vor ihm, als er nach ein paar Stunden aus dem Schlafe auffuhr. Draußen leuchtete die Morgenfrühe in aller Klarheit. Er lachte in sich hinein, als er, die Hütte verlassend, um sich blickte und nun erst genau erkannte, welche Richtung trotz Finsterniß und Unmuth sein fliehender Fuß unwillkürlich und unwissentlich eingeschlagen hatte. Sah nicht über die Felsmauer, von der die Matte eingeschlossen war, ein steiler Grat wie das Haupt eines riesigen Wächters herein, der nach dem jungen Bergwanderer aussah, den er so oft auf der Almfahrt belauscht? Zu den Füßen desselben hinter der Mauer lag die Brünnleinsalm, von der man so weit und wunderbar in’s ganze Land hinaussah wie über eine ausgebreitete Landkarte. Dort, meinte er, wäre der richtige Platz, sich auch seine eigene Zukunft zu überschauen – die Sorgen der Nacht begannen zu verschwinden wie die Nebel, welche zerflatternd noch hier und da um die Bergkuppen hingen.

Noch hatte der Tag nicht die volle Herrschaft erlangt, als Wildel schon zu der Brünnl’-Alm hinanstieg; dieselbe bestand aus zwei stattlichen Sennhütten, zwischen welchen eine ungewöhnlich starke und klare Quelle sich aus einem Baumstamme, der als Brunnenröhre diente, in einen weiten Trog ergoß; von dort sprang und rauschte sie über den Abhang hinunter. Es war noch so früh, daß das Almvieh der kalten Nächte wegen nicht auf die Weide gelassen war; die Hütten waren noch geschlossen, und auch über denselben zeigte nirgends eine aufsteigende Rauchsäule, daß die Sennerin drinnen ihr Tagewerk bereits begonnen.

Der Bursche kam näher und klopfte an das Fenster der [396] einen Hütte; befremdet trat er etwas zurück, als statt der erwarteten bekannten eine ganz fremde Stimme antwortete und zu schelten anfing, ob man denn gar niemals Ruhe habe und wen denn schon vor Tag der Teufel auf die Brünnl’-Alm herauf geführt habe. Die Enttäuschung wurde nicht freundlicher, als der Fensterladen von innen aufgestoßen wurde und das verschlafene und verdrießliche Gesicht einer alten, zahnlosen Frau mit gerötheten Augen sichtbar wurde. Sie schien geneigt, in der angeschlagenen Tonart fortzufahren, als sie aber des jungen stattlichen Burschen gewahr wurde, ging es wie ein Sonnenstrahl über das verrunzelte Antlitz – es mochte wohl der Abglanz einer Erinnerung aus den Zeiten sein, da auch sie jung gewesen und das Pochen am Fenster ihr selber gegolten. Um Vieles freundlicher gab sie Bescheid, als Wildel, auf der Thürbank sitzend, ihr ein rasch erfundenes Märchen erzählte, daß er wegen eines Holzgeschäftes hinein müsse zum Förster am Falle und deswegen schon so früh unterwegs sei, weil er fürchtete, daß ein Anderer ihm dabei zuvorkommen möge, und als er hinzufügte, daß er über seiner Eile sogar das Frühstück versäumte und ein Gläschen kraftbittern Enzians ihm nicht unwillkommen sein würde, reichte sie ihm bald das Gewünschte und war bereit, während er die herbe Stärkung ausschlürfte, seine leicht hingeworfenen Fragen zu beantworten. Er hütete sich wohl, nach irgend Jemand zu forschen, aber er wußte seine Reden so einzurichten, daß sie unaufgefordert ihm Alles erzählte, was er zu wissen wünschte. „Du schaust doch aus wie ein gewandter Bursch,“ sagte sie und füllte ihm das Glas zum zweiten Male, „wie kannst Du so in den Tag hinein reden! Das mußt Du doch auf den ersten Blick sehen, daß eine Sennerin allein nit im Stand’ wär’, die zwei großen Almen zu regieren, und wenn Du doch in der Nachbarschaft daheim sein willst, wirst auch wissen, daß jede einem Andern gehört. Bis gestern sind wir sogar unser Drei gewesen, ich und die Steiner-Rosel und das Engerl.“

Den Hörer durchzuckte es, daß er Mühe hatte, seine Bewegung zu verbergen. „Wer?“ fragte er mit scheinbarer Gleichgültigkeit. „Das Engerl? Wer ist denn das?“

Die Alte sah ihn zweifelnd an; ihr schnell gefaßtes Zutrauen zu ihrem Gaste gerieth in’s Wanken, da er abermals solche Unkenntniß von Land und Leuten verrieth. Kopfschüttelnd nahm sie die Aufklärung hin, daß er lange Zeit fort gewesen und daheim beinahe fremd geworden. „Na, wenn Du in der Stadt und bei dem Militär gewesen bist, dann kann’s sein,“ sagte sie, „in der Stadt hat diemalen (manchmal) Einer noch viel mehr vergessen. – Wer das Engerl ist? Das Engerl ist ein armes Dirnl’, das keinen Vater und keine Mutter und auch keine Heimath hat – Vater und Mutter sind gestorben, und das Häusel, das sich der Vater, der ein Holzknecht und ein Flosser gewesen ist, selber zusammengenagelt hat in den Bergen drinnen, das hat einmal im Frühjahre eine Lahn mitgenommen, daß nur mehr der Dachfirst herausschaut aus dem Stein und dem Schutt, sie selber aber laßt sich’s nicht anfechten; sie verdient sich ihr Leben als eine richtige Magd und ist alleweil allert (lustig) wie ein Lercherl, das zum Singen in die Höh’ steigt, wenn’s auch nichts hat, was es auf der Erden zurück lassen könnt’.“

„Das muß ja ein wahres Wunder von einem Madel sein,“ entgegnete Wildel an sich haltend, „die möcht’ ich schon auch kennen lernen; sonst heißt es doch, die alten Weiberleut’ lassen an den jungen kein gutes Haar, und Du lobst sie ja über den Schellenkönig. Kann man’s nicht zu Gesicht kriegen, das Engerl?“

„Für dasmal bleibt Dir der Schnabel sauber, Du spöttischer Bub’,“ rief die Sennerin, „und wenn Du die alten Leut’ schänden willst, so laß Dich aufhenken, weil Du noch jung bist. Ich laß’ nichts kommen auf das Madel; das hat seinen Namen nit umsonst, und damit Du weißt, wie Du daran bist, will ich Dir nur Eins von ihr erzählen. Sie ist als Sennerin in der Hütten da, die ihrem Dienstbauern gehört. Die andere gehört dem Steiner von Stein, und der hat die Rosel, seine Tochter, als Almerin herauf gethan. Ich bin gestern zu Morgens heraufgekommen und hab’ zu der Rosel in Heimgarten gehn und ihr Botschaft thun wollen von ihrem Vater. Es ist gut gewesen, daß ich’s gethan hab’ – so ist ein altes Leut doch auch einmal für ’was gut gewesen.“

Der Zuhörer wandte sich der Erzählenden mit gespannter Aufmerksamkeit zu.

„Wie halt ein Unglück sein will!“ fuhr sie fort. „Da will die Rosel in ihrer Freud’ über mein’ Besuch mir einen Schmarrn kochen, geht in den Keller, versieht einen Staffel, fallt hinunter und verstaucht sich den rechten Fuß, wenn sie ihn nit etwa gar gebrochen hat. Der Fuß hat nur so hin und her geschlenkert, und sie hat sich gar nit mehr verwußt vor Wehthum und wir alle Zwei vor Sorg’ und vor Verlegenheit. Der Fuß ist aufgeschwollen und ganz roth und blau unterlaufen und das Mädel von einer Schwäche in die andere gefallen. Bis in’s Dorf sind geschlagene drei Stunden hinunter. Bis ich alte Person hinunter und der Bader und der Bauer und ein Fuhrwerk heraufgekommen wär’, hätt’ das arme Leut den halben Tag in seinen Schmerzen da liegen müssen, und am End wär’ gar der Brand dazugekommen. Was thut das Engerl? ‚Komm’ her, Rosel,‘ sagt sie, ‚bist mir alleweil eine liebe G’sellin gewesen; ich nehm’ Dich auf den Buckel und trag’ Dich hinunter.‘ ‚Was fallt Dir denn ein, Engerl?‘ hab’ ich dagegen gefragt, ‚Du bist wohl ein kräftiges Leut, aber das ist zu viel, das kannst nit ermachen.‘ ‚Mit der Gotteshilf,‘ hat sie wieder dagegen gesagt, ‚werd’ ich’s wohl ermachen können; ich hab’ wohl schon öfter eine viel schwerere Burd’ getragen, Stunden weit; drunten auf der Betbank vor dem Schauerkreuz da kann ich sie eine Weil’ hinsetzen lassen und ausschnaufen; halt’ mir nur den Daumen fest und bet’ einen Rosenkranz, daß wir glücklich hinunterkommen!‘“

Wildel hatte mit leuchtenden Augen und angehaltenem Athem zugehört. „Und sie ist wirklich fort?“ rief er. „Sie hat’s wirklich zuwegen gebracht? Aber das kannst Du ja noch nicht wissen.“

„Wohl kann ich’s wissen und wohl weiß ich’s schon,“ rief triumphirend die Alte. „Steh’ auf denselben Felsenbrocken hinauf, der am Eck von der Hütten liegt! Dort kannst gerade hinunter seh’n auf den Steinerhof. ‚Wenn ich die Rosel glücklich hinunterbring’‘, hat das Engerl gesagt, ‚‘dann steck’ ich auf dem Dach, wo das Mittagsglöckel hängt, ein weißes Tüchel an einer Stangen aus, damit Du weißt, wie Du daran bist und Dich nit umsonst abängstigst.‘“

„Und Du hast das Fahnl geseh’n? Und da wird sie wohl bald kommen und Dich wieder ablösen?“ rief Wildel erwartungsvoll.

„Na,“ entgegnete die Alte, das Glas zurück empfangend, „heute kommt sie noch nicht; heut’ muß ich schon sehen, wie ich allein zurecht komm’; wie sie die Rosel auf den Rücken genommen hat, da hat sie noch ein Stoßgebet gesagt und hat sich verlobt, sie wollt’, weil heut’ doch die Kirchweih’ ist draußen in der Rundcapellen, auch hinaus wallfahren, wenn sie’s glücklich zu Stande gebracht hätte. – Aber jetzt hab’ ich lang’ genug geschwätzt; jetzt ist es Zeit, daß ich Feuer anmach’ und nach meinen Kühen schau. Und Du wirst auch den Weg unter die Füß’ nehmen müssen, sonst kommt Dir doch ein Anderer zuvor mit Deinem Holzhandel.“

Sie verschwand am Fenster, Wilderich aber erhob sich von der Bank, warf die Joppe über die Schulter und rückte den Hut auf dem Kopfe zurecht, daß die Spielhahnfeder sich nach vorn beugte, wie es Brauch ist, wenn es gilt einen Gegner zum Ringkampfe heraus zu fordern; es war ihm auch gerade so zu Sinn: er hatte einen Entschluß gefaßt und war bereit, es mit der ganzen Welt aufzunehmen.

Rasch und kräftig begann er den Weg zurück zu eilen, den er gekommen war.

Die Sennerin ward es gewahr und rief ihm nach: „Was thust denn, Bub’? Bist denn ganz verdreht? Dort um’s Eck geht der Weg zum Fall. Du gehst ja wieder zurück.“

Er antwortete nicht, aber er schwenkte den Hut über’m Kopfe und stieß einen langgezogenen Juhschrei aus, so frisch und hell, daß er auch den Bergen zu gefallen schien, denn weithin riefen sie ihn hallend und verhallend einander nach. –

Die Sonne hatte noch nicht lange den Gebirgsrand überschritten und ihr volles Licht auf das Flachland davor ergossen, als Wilderich schon den letzten zur Ebene führenden Abhang erreichte, von welchem die Rundcapelle in nicht großer Entfernung sichtbar war. Das Kirchlein lag, von allen Dörfern und Einödhöfen weit abgesondert, auf einem überrasten und bebüschten Vorsprung; dem Fußwanderer, der über die langgedehnte, mitunter ermüdende Hochebene herangezogen kam, bot sich von da aus der erste Anblick der Bergwelt, die zu seinen Füßen ihre vollsten Reize auszubreiten begann. Die Capelle, ein wunderlicher [397] nicht unschöner Rundbau, stand bei dem Landvolke in hohen Ehren, und die wenigen Tage, an denen sie dem Gottesdienste und damit dem Besuche sich öffnete, waren eben so viele Festtage, zu welchen Alt und Jung von Thälern und Bergen herbeigeströmt kam. Dann erhob sich an der sonst einsamen und schweigenden Capelle, deren Inneres sonst nur durch ein Gitter in der Thür zu sehen war, ein fröhlich bewegtes, laut schallendes Leben; das Portal war mit grünem Laubwerke geziert; zu beiden Seiten wurden frisch aus dem Walde geholte Fichtenbäume aufgestellt, und auf dem grünen Rasenflecke bauten sich rings um das Heiligthum allerlei Buden und Ständchen auf, um mit Rosenkränzen, bunten Kerzen und frommen Bildchen Alles zu liefern was den gläubigen Gemüthern zur Erhöhung der Andacht nöthig scheinen mochte.

Tief in Gedanken und des Weges kaum achtend, war Wildel aus dem Walde getreten; gegenüber, nur durch die vorüberführende Landstraße getrennt, sah die Kuppel der Capelle aus den Bäumen hervor, diese selbst aber liefen in eine schöne Spitze aus, die sich, wie eine Landzunge in einen See, in den Rasenabhang vorschob und dadurch nach innen eine Art grüner Bucht bildete, in welcher, vor den Winden geschützt, Unterholz und Gebüsch die hochragenden Stämme umkleidete. Da streckte die Hasel ihre breitlaubigen Gerten mit den zierlichen Nußsternchen empor; der Weinschörl prunkte mit den hochrothen Trauben, deren Gluth mit jener der reifenden Hagebutten wetteiferte, und an den Stämmen emporrankend hatte die Zaunrübe ihre zarten gefiederten Dolden gleich einem Baldachin aufgehangen.

Es war ein liebliches Bild, das sich dem Auge des frühen Wanderers darbot und ihn still stehen machte; es war die Wiederholung dessen, was er wie einen Schatz immer in und mit sich getragen; stand er doch an der nämlichen Stelle, wo er beim Abschiede von der Heimath noch einmal auf dieselbe zurückgeschaut hatte, wo es ihm zum ersten Male klar geworden, wie viel mehr, als er bisher selber geahnt, er in ihr zurücklasse, und wo an seine bis dahin freie Hand sich der erste Ring einer künftigen Kette angelegt.

Lange stand er so und schien sich zu besinnen, ob er wache oder träume.

Er hatte wohl auch Grund dazu, denn nicht nur Rasen und Bäume waren dieselben wie damals – auf den Baumwurzeln unter dem Hasel- und Berberitzen-Gesträuche saß auch wie damals eine weibliche Gestalt, den Kopf mit dem hohen, grünen, goldumschnürten Hut auf die eine Hand und den Ellenbogen auf den Baumstumpf nebenan gestützt, während die andere Hand lässig in’s Gras herunter hing.

Der Bursche hatte den Hut abgenommen und fuhr sich über die Stirn, wie um eine Blendung wegzuscheuchen, dann theilte er rasch die Gebüsche, die ihn noch von dem Mädchen trennten, und stand lautlos vor der überrascht Aufspringenden, welche ihn ebenfalls anstarrte, als habe sie einen Geist erblickt, die Büsche aber rauschten im Zusammenschlagen so laut, als freuten auch sie sich des Wiedersehens.

„Du bist es, Engerl?“ sagte Wildel nach einer Weile. „Bist es denn wirklich? Gieb doch einen Laut von Dir, daß ich’s glauben kann! Oder hat’s Dir ganz und gar die Red’ verschlagen?“

„Ich bin’s schon,“ entgegnete sie, „dabei ist nichts zu verwundern, aber wie Du daher kommst, das ist schon ein besonderer Zufall.“

„Und wenn’s kein Zufall wär’? Schau, wir sind alleweil aufrichtig gewesen mit einander – ich will’s jetzt auch sein und will’s eingestehen: ich hab’s gewußt, daß Du daher kommen wirst, ich hab’s auf der Brünnl’-Alm erfahren und bin schnurgerad’ auf das Platz’l zugegangen … jetzt sei Du auch aufrichtig und sag’ – ist es wirklich ein Zufall, daß ich Dich gerad’ an dem Platz’l find’?“

Das Mädchen senkte den Blick zu Boden und spielte erröthend mit der an ihrem Mieder hängenden Münze; es war ein altes viereckiges Schaustück, ein sogenannter Ruperti-Thaler, und der einzige Schmuck, der an dem aus geringem Silber genestelten Geschnür hing. Sie fand nicht gleich eine Erwiderung, denn es widerstrebte ihr, zu verneinen, was sie vor sich selbst nicht leugnen konnte, und doch brachte sie noch minder ein offenes Geständniß über die Lippen. Auch er schwieg einen Augenblick und war im Beschauen des Mädchens versunken, das wohl auch weniger befangene Blicke zu fesseln vermocht hätte. Obwohl groß und schlank, war sie doch so fein gebaut und gegliedert, daß sie im Ganzen eher den Eindruck des Zierlichen, als des Kräftigen machte. Die Züge des von ganz schwarzem Haar umrahmten Gesichts waren wohlgeformt, ohne eben schön zu sein, aber aus den blauen Augen schimmerte so treuherzige Güte, um die frischen Lippen spielte so harmlose Heiterkeit, daß die Anmuth reichlich ersetzte, was vielleicht an Regelmäßigkeit fehlte.

„Was schaust mich denn so an?“ sagte sie in steigender Befangenheit.

„Weil ich mich nicht satt sehen kann an Dir,“ rief er rasch entgegen. „Weil ich such’ und such’ und gar nit begreifen kann, wo Du die Stärk’ sitzen hast. Du bist so geschlacht und geschlingig, wie ein Hirschel, und ein krankes Leut drei Stunden weit auf dem Rücken über den Berg herunter tragen – das thut Dir so leicht Niemand nach.“

„So hat die alte Plauschmirl das Schwatzen doch nit gerathen können,“ sagte das Mädchen verschämt, „das hätt’ ein jedes Anderes auch gethan – das ist des Redens nit werth.“

„Das hätt’ nit jedes Andere gethan. Dazu muß Eines Dein Herz und Dein Gemüth haben, Engerl. Die Alte hat Recht, Du hast Deinen Namen wahrhaftig nit umsonst.“

„Red nit so sündhaft daher!“ unterbrach sie ihn unwillig, „sag’ lieber, wann Du wieder heimgekommen bist – ich hab’ noch gar nichts erfahren davon.“

„Gestern Abend,“ war Wildel’s beklommene Antwort.

„Gestern Abend?“ fragte sie staunend und mit einem Blicke des Vorwurfs. „Und da bist Du schon auf der Brünnl’-Alm gewesen? Bist nit einmal in der ersten Nacht daheim geblieben?“

Nun war es an dem Burschen, in Verlegenheit zu gerathen und die Augen niederzuschlagen; es war ihm doch nicht möglich, sogleich beim ersten Begegnen den wahren Grund seiner Nachtwanderung zu erzählen, und eine unwahre Ausflucht wollte ihm nicht von den Lippen. „Du weißt ja,“ sagte er endlich in sichtbarer Verlegenheit, „warum und wie oft ich den Weg gegangen bin.“

„Das weiß ich freilich,“ erwiderte sie, und der Vorwurf in ihren Zügen wurde zur Betrübniß, „aber ich hab’ gemeint, Du hättest den Wildschützen in der Stadt gelassen.“

„Das hab’ ich auch gethan,“ rief er, froh einen Anhalt zur Ableitung des Gesprächs gefunden zu haben, „aber etwas Anderes hab’ ich richtig wieder mitgebracht aus der Stadt – weißt wohl, dasselbe silberne Ringel, das Du mir aufzuheben gegeben hast.“

Sie erröthete. Das düstere Licht der Augen schwand, und lächelnd ließ sie es geschehen, daß er ihr zuerst die Hand mit dem Ringe zeigte, dann denselben abzog und ihre Hand ergriff, um ihn ihr an den Finger zu stecken. „So hast das Ringl wirklich so gut aufgehoben, wie Du versprochen hast?“ fragte sie mit leisem Beben in der Stimme. „Ist es niemals von der Hand weg oder gar an eine andre Hand gekommen?“

„So gewiß als meine Hand nit von meinem Arm ’kommen ist,“ rief er freudig. „Das Ringl war mein einzigs Vergnügen, und ich hab’ mir immer ’denkt, wenn ich einmal heimkäm’, nachher wollt’ ich Dir’s erzählen und Dich fragen, ob ich Dir’s wirklich wieder zurückgeben muß.“

„Freilich wohl,“ sagte sie leise, ohne ihm die Hand zu entziehn, „es ist schier das einzige Andenken an meine Mutter selig, aber es muß nit gleich für den Augenblick sein. Wenn Du mir’s noch weiter aufheben willst …“

„Aufheben?“ rief er entzückt; „ich möcht’ es ja am liebsten ganz behalten, den Ring und die Hand und den Arm und Alles, was dran hängt, aber ich hab’ das Herz nimmer, daß ich Dich drum bitt’.“

Sie schlug die Augen voll und fragend gegen ihn auf, aber ihr Lächeln zeigte, daß sie die Frage sich gleich selbst beantwortete und einen Scherz erwartete. „Du hättest das Herz nit, Du wilder Ding?“ fragte sie; „wie wär’ denn das gemeint?“

„Ich seh’ wohl, es geht nit anders; ich muß Dir Alles sagen,“ rief er und warf Hut und Joppe mit einer Geberde des Unwillens in’s Gras. „Einmal mußt Du’s doch erfahren. Setz’ Dich wieder nieder auf Deinen Baum! Ich leg’ mich auf den Boden und erzähl’ Dir die traurige Geschicht’.“

[398] Sie that nach seinem Begehren; er streckte sich auf den Rasen nieder und barg das Angesicht, das von der Wucht der Erinnerung wieder zu glühen anhob, wie zur Kühlung in den frischen, duftigen Halmen.

Dann begann er die Ereignisse des ersten Abends im Vaterhause zu erzählen, und immer ernster, immer trüber ward das Antlitz seiner Zuhörerin – zuletzt saß sie regungslos da, die Hände im Schooß gefaltet, und wehrte den Thränen nicht, die ihr das Auge verdunkelten.

„Schau, Engerl, ich bin alleweil gern zu Dir heimgarten gegangen,“ schloß er den traurigen Bericht, „ich hab’ immer am liebsten mit Dir geredt und hab’ selber nie so recht gewußt, warum. Wie ich Dich aber beim Fortgehn da an demselben Platze angetroffen und Dir ’b’hüt Gott’ gesagt hab’, da ist mir auf einmal ein Licht aufgegangen, wie eine Fackel oder wie ein Sonnwendfeuer so groß. Ich hab’ mir vorgenommen, es Dir zu sagen, sobald ich wieder heim käm’, und hab’ mir selber zugeschworen, Du und keine Andre müßtest mein Weib werden, und hundertmal hab’ ich mir in Gedanken die Freud’ ausgemalt, wie wir im Himmelmoos mit einander hausen wollten, nit anders wie die Engel im Himmel. Jetzt ist Alles aus; jetzt bin ich ein armer Bursch, der nichts hat, als was er sich mit der Arbeit verdient. Wie könnt’ ich Dich jetzt fragen, ob Dir auch so um’s Herz ist! Was thätst Du mir jetzt antworten auf die Frag’?“

Das Mädchen trocknete sich die Augen und erhob sich – auch er sprang empor.

„Da hast meine Antwort,“ sagte sie rasch und fest und hielt ihm, näher tretend, den Silberreif entgegen, er aber faßte die Hand und zog sie daran näher bis an seine Brust.

„Ist es denn wahr?“ rief er mit von Lust und Schmerz erschütterter Stimme. „Willst wirklich mir gehören, Engerl?“

„Ja,“ sagte sie und sah ihm mit dem vollsten Ausdruck der Liebe in’s Angesicht. „Da, nimm das Ringel, nimm und hebe mir’s auf, bis Du mir einmal die Augen zudruckst! Ja, ich will Dir gehören und mich freut’s, daß es so gekommen ist, daß ich Dir das jetzt sagen kann – jetzt kannst Du nit denken, daß es die Aussicht, eine reiche Bäurin zu werden, ist, warum ich so sag’. Ich kann Dich nit loben und nit schänden wegen dem, was Du gethan hast, aber verzagen mußt’ nit. Vielleicht laßt sich Dein Vater etwan doch noch berichten und wenn’s nit so ist, dann wird’s uns wohl so aufgesetzt sein, dann wollen wir erst recht fest zusammenhalten – nachher wird uns unser Herrgott auch nit verlassen.“

Sie konnte nicht weiter, denn unwillkürlich fanden sich die Lippen zum ersten Kusse, und von der Capelle her töne feierlich das erste Glockenzeichen wie ein Ruf des Segens und der Weihe.

Vom Waldwege wurden zugleich die Stimmen von herankommenden Wallfahrern laut und scheuchten das Paar auseinander; kaum hatten sie noch Zeit einander auf das Fest zu vertrösten, bei dem sich wohl eine Gelegenheit bieten möchte, sich wieder zu begegnen. Sie wollten thun, als hätten sie sich noch nicht gesehen, der Tanz gab ja den besten Anlaß, sich zu sprechen und zu besprechen, was weiter geschehen sollte.

Bald war der Gottesdienst in der Capelle zu Ende. Das ländliche Fest begann und verlief, wie es Jahr für Jahr verlaufen war, so lange die ältesten Leute sich zu erinnern vermochten; die Kinder schmausten Obst und Süßigkeiten und balgten sich im Grünen. Die sich wieder der zweiten Kindheit näherten, die Alten, drängten sich um den Ort, wo die Wurstkessel brodelten und dumpfe Schläge auf den Spund das Anzapfen der Bierquelle verkündeten: die glückliche Mitte zwischen beiden Lebensstufen aber, die reife Jugend, zögerte nicht, ihre Ueberkraft im Drehen, Ländern und Schuhplatteln auszutoben.

Bei den Alten hatte auch der Bauer vom Himmelmoos sich einen Platz gesucht und saß wortkarg hinter seinem steinernen Maßkruge, kaum hinhörend auf das laute Gespräch seiner Umgebung und vollauf mit den eigenen Gedanken beschäftigt – sie hingen wie Wetterwolken über den schwarzen Brauen; die Ereignisse seiner Nacht waren auf einen engern Kreis beschränkt gewesen als die seines Sohnes, aber sie waren nicht minder unruhig und hatten nicht mit einem so rosigen Morgentraume abgeschlossen. Er hatte lange in die Nacht hinein gewacht, aber was er befürchtete oder in seinem Grolle vielleicht sogar herbeiwünschte, erfolgte nicht: Alles im Hause blieb todtenstill, und zuletzt behauptete die Natur auch bei ihm ihr Recht. Er tauchte die Finger in das Weihwasserkesselchen an der Thür, bekreuzte sich und legte sich, einen Fluch zwischen den Zähnen, auf sein Lager. Manchmal regte sich allerdings etwas in ihm, was ihn mahnte, von seiner Härte nachzulassen; manchmal fand er es ganz natürlich und angenehm, daß er sich in die obere Stube zurückzöge und daß der Sohn ihm eine Schwiegertochter in’s Haus brächte, aber die Rinde um sein Herz war zu starr geworden, als daß sie solch’ sanftem Pochen gewichen wäre: um sie zu sprengen bedurfte es eines gewaltigeren Schlages. Bald fiel er daher immer wieder in den Groll und Unwillen zurück. Der Stolz seines Lebens war es, Herr zu sein auf seinem Hofe und in seinem Hause und immer bei dem zu bleiben, was er einmal ausgesprochen hatte – wenn er hinterher sich selber zugestehen mußte, daß er geirrt oder sich übereilt habe, er nahm das Gesagte nie zurück: sein Wort mußte gelten und gehalten werden, und wäre es hundertmal zu seinem Schaden gewesen. Darum ging ihm auch Judika’s letzte Rede nicht aus dem Sinne – dieselbe hatte ein altes Ereigniß wieder aufgedeckt, über dem längst Gras gewachsen war: sie hatte ihn an ein Versprechen erinnert, das er gegeben und seither vergessen hatte. Er mußte zu seiner Kränkung gestehen, bei der Kindtaufe, an welche sie ihn gemahnt, hatte er sein Wort gegeben, weil aber Niemand war, der auf die Erfüllung drang, war es unerfüllt geblieben.

Nach langem Sinnen und Brüten dünkte ihm das Beste, vor Allem jeden Anlaß zu vermeiden, der ein Gespräch über das Vorgefallene herbeiführen konnte; dazu war es das Klügste, wenn er so bald wie möglich das Haus verließ und vor Abend nicht wiederkehrte. Dadurch gewann er nicht nur Zeit, Alles nochmal zu überlegen, er konnte auch den Bräumeister noch einmal besuchen, der von der großen Eiche nichts hatte wissen wollen, weil er den Landrichter fürchtete, und war auch im Stande, gleich noch die Erkundigungen einzuziehen, deren er bedurfte, um zu einem bestimmten Entschlusse zu kommen.

Als es hell geworden und er an’s Fenster trat, gewahrte er auf den Feldwegen verschiedene Leute, die in festtäglichem Gewande thalauswärts gingen. Das Fest in der Rundcapelle fiel ihm ein und damit ein erwünschter Vorwand, seinen Vorsatz auszuführen. Bald war er angekleidet und stieg mit schweren polternden Tritten die Stiege herab – er beachtete Judika nicht, die mit einer Pfanne unter die Küchenthür trat, und blieb auf der Hausschwelle stehen. Ein gellender Pfiff auf den Fingern rief den Knecht herbei, der unfern im Stalle beschäftigt war. „Ich will ausfahren,“ sagte er zu dem näher Kommenden, „schirr’ mir den Eisenschimmel an’s Schweizerwägel an und fahr’ mir damit nach in’s Dorf hinunter! Ich geh’ voran. Schau mir darauf, daß die Arbeit geschieht, wie ich Dir’s gestern schon angeschafft hab’! Auf den Abend komm’ ich heim.“

Der Knecht entfernte sich eilig und ohne Erwiderung; Judika hatte schon lang’ auf das Erscheinen des Bauern gewartet und sich klüglich ausgedacht, wie sie die Zwiesprach mit ihm zu beginnen und den Hausfrieden wieder einzuleiten vermöge; seine rasche Entfernung vereitelte all ihre Pläne und war nur dazu angethan, die Sache zu verschlimmern. Sie trat der Thür zu, aber ehe sie ihre Anrede zu beginnen vermochte, schnitt ihr der Alte vollends den Faden ab. „Ich komm’ auf Mittag nicht heim, daß Sie’s weiß,“ polterte er sie an, „ich hab’ gar ein wichtiges Geschäft – ich muß machen, daß Sie mich nicht mehr an’s Worthalten mahnen kann und an die Kindstauf’.“

Damit war er aus dem Hause und Judika außer Stande, ihm nachzueilen; die Ueberraschung war ihr in Arme und Beine gefahren, daß Pfanne und Kochlöffel beinahe ihren Händen entfielen. „Ich muß wieder meinen Fluß in den Ohren haben,“ rief sie nach einer Weile, „oder ich hab’ mich so verhört. Das wär’ ja doch, daß man an der Wand hinauflaufen müßt’! Der Alte wird doch nicht …“

Sie vollendete nicht und rannte eilig der Küche zu. Sie mußte vor Allem versuchen, mit sich in’s Reine zu kommen, was zu thun sei, wenn die in ihr aufgeblitzte Vermuthung sich bestätigen sollte, aber nach ein paar Stunden war sie noch so weit wie zu Anfang, und die Ehhalten konnten sich nicht genug verwundern, daß das Mittagsmahl beinahe eine ganze Viertelstunde zu spät auf den Tisch kam.

Der Bauer vor seinem Kruge war in der gleichen Lage; [399] auch ihm gelang es nicht, in’s Reine zu kommen; er war sogar noch verwirrter geworden, denn er hatte vom Pfarrer, bei dem er unterwegs angehalten, die Auskunft, die er gewünscht, nicht bekommen und stand nur neuen Zweifeln gegenüber. Nur mit halbem Ohre und doch mit beistimmendem Kopfnicken hörte er aus dem Gespräche seiner Nachbarn die Geschichte, daß der alte Rieder von Ried, obwohl er schon ein guter Sechziger sei, noch einmal an’s Freien denke und das jüngste und sauberste Mädchen in seinem Dorfe zur Frau nehmen wolle. Seine Aufmerksamkeit wurde erst dann etwas mehr gefesselt, als der Steinerbauer von Stein, der auch am Tische saß, von seiner Tochter zu erzählen anfing, wie sie auf der Brünnl’-Alm’ in den Keller gefallen sei und sich am Fuß wehgethan habe. Es sei ein wahres Glück gewesen, daß die Sennerin in der andern Almhütten solch’ ein herzhaftes Leut gewesen, die Rosel auf den Rücken genommen und so in den Hof herunter getragen habe. Der Bader habe gesagt, es sei die höchste Zeit gewesen mit dem Fuß, und wenn die Rosel auf der Alm so lang hätt’ liegen müssen, bis die Botschaft herunter und die Hülf’ hinaufgekommen wär’, hätt’s leicht geschehen können, daß man den Fuß hätte abnehmen müssen. „Da drüben steht sie justament, die Prachtdirn’,“ setzte er hinzu und deutete gegen den Tanzplatz hin, wo Engerl eben mit einem Burschen vom Tanze abgetreten war und ausruhte. „Komm einmal her zu mir, Engerl!“ rief er ihr zu, „ich bring’ Dir’s – thu’ mir Bescheid! Du bist schuld, daß meine Tochter, meine Rosel, kein Krüppel ’worden ist. Das vergiß ich Dir niemals, Madel – wenn ich nur erst wüßt’, wie ich mich bedanken soll.“

Das Mädchen hatte nicht umhin gekonnt, der Aufforderung zu folgen; mit dem ihr eigenen angenehmen Lächeln, nicht gerade demüthig und doch nicht unbescheiden trat sie hinzu und trank aus dem ihr gebotenen Krug. „Gesegn’ es Dir Gott, Steiner!“ sagte sie, „und laß Dir wegen dem Bedanken kein graues Haar wachsen! Ich thät doch nichts annehmen –“

„Oho,“ entgegnete der Bauer, „da hab’ ich auch ein Wörtl mitzureden. Wenn Du jetzt auch nichts annehmen willst, dann wart’ ich, bis Du heirathest, und das wird so lang nit sein – dann führ’ ich Dir eine Kuh vor’s Haus, die schönste, die zu haben ist auf drei Stund’ in der Rund’; da darfst nachher nicht Nein sagen: darauf mußt mir die Hand geben.“

Lachend schlug sie in die ihr dargereichte Hand und gab damit das Zeichen für Alle am Tische, die ihr ebenfalls die Hand faßten und schüttelten.

Der Himmelmooser war dadurch auch aufmerksamer geworden; er warf einen flüchtigen Blick nach dem Mädchen hinüber, dieser genügte aber, ihn so zu fesseln, daß er die Augen nicht mehr von ihr abzuwenden vermochte, doch hingen dieselben weniger an der schlanken Gestalt und dem feinen Gesicht des Mädchens, als an dem Geschnür, mit welchem das Mieder geschmückt war, und an dem viereckigen Rupertithaler, der daran hing.

Plötzlich stand er auf und trat zum Staunen Aller, die sich längst über sein hartnäckiges Schweigen gewundert hatten, vor das Mädchen hin und bot ihr die Hand. „Da hast meine Hand auch,“ sagte er, „weil Du doch so eine wackere Dirn’ bist, will ich auch keine Ausnahme machen.“

Das Mädchen stand wie vom Blitz getroffen. Gluthroth stieg es ihr in’s Gesicht, und erst nach einer Weile bekam sie Fassung und Athem genug, um antworten zu können – eh’ sie ein Wort hervorbrachte, fuhr der Bauer fort. „Brauchst nit zu erschrecken, Madel,“ sagte er, „wirst wohl auch gehört haben, daß der alte Himmelmooser ein unbändiger grober Ding ist, es ist aber nit so arg, als die Leut’ es machen – brauchst Dich nit zu fürchten vor mir.“

Engerl schlug unbefangen die blauen Augen gegen ihn auf. Ihr Innerstes erbebte vor der Wunderbarkeit der Begegnung, welche sie so plötzlich dem Vater des Geliebten gegenüber stellte – kurze Zeit nachdem sie erfahren, wie feindselig er gegen denselben gesinnt war und warum – und obendrein in einer Weise, die diesem Alten so gänzlich widersprach, und ihn eher als freundlich und wohlwollend erscheinen ließ. Dennoch faßte sie sich und erwiderte gelassen: „Ich fürcht’ Euch nicht, Himmelmooser. Ich hab’ Euch ja nichts zu leide gethan, und wenn Jemand mit mir anbinden will ohne Ursach’, dann hab’ ich das Herz und die Zung’ auch auf dem rechten Fleck.“ [413] Engerl reichte dabei dem Alten die Hand, der sie festhielt und das Mädchen wie verwundert betrachtete. „Du hast Schneid’,“ sagte er, „das gefällt mir, bist auch aufgeputzt als wenn’s zur Hochzeit ging’. Was hast denn da für Gehäng’ an Deinem Geschnür? setzte er hinzu und faßte den Thaler, um ihn genauer zu betrachten, „das ist wohl gar ein Heckthaler?“

„Ich weiß nit, was für eine Münz’ es ist,“ entgegnete sie, „ich hab’ sie als Kind geschenkt bekommen, und meine Mutter hat gesagt, ich soll sie gut aufheben; sie könnt’ mir vielleicht einmal noch Glück bringen.“

„Leicht möglich!“ sagte der Alte auflachend, „aber wie ist’s – wenn Du Dich nit fürchtest vor mir, möchtest nit zu mir kommen in’s Himmelmoos?“

„Dank’ schön’!“ erwiderte sie, „aber mein Dienstbauer ist mit mir zufrieden und ich mit ihm – und ich mein’, es wär’ nit recht, wenn ich ihn so mir nichts Dir nichts verkehren thät.“

„Es müßt’ ja gerade nicht als Magd sein, daß Du in’s Himmelmoos kämst,“ sagte der Alte etwas leiser, als ob er sich vor dem Tone der eigenen Stimme scheute. „Wie wär’s denn nachher?“

Verwundert sah das Mädchen ihn an und erglühte wieder wie eine eben aufbrechende Rose. Die Antwort ward ihr erspart, denn der Bursche, dem sie den nächsten Tanz zugesagt, kam, sie suchend, herbei und bot ihr den Arm.

Der Bauer kehrte an seinen Platz zurück und sah stumm vor sich hin; nach einer Weile öffnete er den Krug, aber er vergaß zu trinken und hielt ihn mit zurückgeschlagenem Deckel wie geistesabwesend in der Hand. Die Tanzmusik hob an, und erst als sie wieder verstummte, fuhr er wie aus einer Betäubung auf und erhob sich, unbekümmert um die Tischgenossen, die ihm neckend zuriefen, wohin er auf einmal wolle und ob er endlich ausgeschlafen. Auf seine Erwiderung, er wolle dem Tanze zusehn, riefen sie ihm lachend zu, daß der Tanz ja soeben zu Ende gegangen, er aber ging seines Weges und murrte trutzig vor sich hin, dann werde bald ein neuer Tanz beginnen, und er wolle versuchen, ob die alten Beine nicht noch gelenk genug seien, einen frischen Schuhplattler auszuhalten.

Anscheinend ohne Zweck ging er auf dem Rasenplatz umher, wo die jungen Paare sich wieder zu einander reihten oder hier und da das während des Tanzes angesponnene Gespräch fortsetzten.

Plötzlich blieb er stehn, als sei er vom Wege abgekommen und sehe vor seinen Füßen in einen schroff abstürzenden Abgrund.

Wenige Schritte von ihm stand Engerl in eifriger Unterhaltung mit seinem Sohne.

Es war natürlich, daß das Mädchen sogleich den Geliebten aufgesucht hatte, um ihm zu erzählen, welche Begegnung sie eben mit dem Vater gehabt und welch’ räthselhafte Reden er geführt. Wenn er sie auf dem Hofe haben wollte, mußte er ihr gewogen sein, und wenn es nicht in der Eigenschaft einer Magd sein sollte, was konnte er anders gemeint haben, als daß sie ihm eine willkommene Schwiegertochter sein würde? Wilderich zweifelte; Engerl strahlte von Hoffnung – sie sollten die Aufklärung, nach der sie forschten, nur zu bald erhalten.

Plötzlich, wie aus der Erde aufgestiegen, stand der Alte vor dem überraschten Paare.

„Was machst Du da, unnützer Bursch’?“ schrie er Wilderich an. „Auf der Stelle weg von dem Mädel oder ich weise Dir den Weg!“

„Aber Vater,“ stieß Wilderich hervor, der sich in das völlig Unerwartete nicht gleich zu finden vermochte. „Was wollt Ihr denn – das ist ja das Mädel, von dem ich Euch gesagt.“

„Was? Die?“ stammelte der Alte, und die Augen funkelten wie Zünder unter den finstern Brauen. „Niemals, daraus wird nichts. In Ewigkeit nit! Weg, sag’ ich, von dem Mädel, oder ich reiß’ Dich weg.“

Er war vor Wuth so außer sich, daß seine Stimme den Beginn der Musik übertönte und die Anwesenden herbei lockte – verwundert standen sie im Kreise, fragten sich nach der Ursache des Zwistes zwischen Vater und Sohn und flüsterten sich ihre Bemerkungen zu, wie wüthend der Vater sei und wie man wohl sehen könne, von wem der Sohn die oft getadelte Wildheit geerbt habe.

Der Alte schien wirklich seine Drohung ausführen zu wollen: er sprang mit erhobenem Arm auf den Sohn zu, und dieser entging dem Schlage nur dadurch, daß er einige Schritte zurück wich – bleich und bebend klammerte sich das Mädchen an ihn.

„Aber warum denn, Vater – sag’ mir nur warum?“ stieß Wilderich hervor, dem das Blut im Gehirne kreiste und die Besinnung zu rauben begann.

„Das wirst Du schon erfahren,“ tobte der Alte entgegen „Wie wir zwei zusammen stehn, das weißt Du und dabei bleibt’s in alle Ewigkeit. Heirathe wen Du magst – meinetwegen die nächste beste Bettlerin hinter’m Zaun, aber die nit – die kommt niemals als Schwieger in mein Haus.“

[414] „Und warum nit?“ brüllte Wilderich außer sich. „Was könnt Ihr ihr Unrechtes nachsagen, daß Ihr ihr Schand’ und Spott anthut vor allen Leuten?“

Er riß sich von dem in halber Ohnmacht zusammenbrechenden Mädchen los und stürzte auf den Vater zu, aber ehe er denselben erreichte, hatte Engerl sich aufgerafft und stand mit ausgebreiteten Armen abwehrend zwischen Vater und Sohn.

„Zurück, Wildfang!“ rief sie dem Burschen zu. „Willst Dich an Deinem leiblichen Vater vergreifen? Zurück, sag’ ich; ich brauch’ Dich und Deine Vertheidigung nit. Ich will mich wohl selber vertheidigen, und wenn der Himmelmooser auch ein reicher Bauer ist und ich ein armes Dirn bin – er hat mich vor aller Welt an meiner Ehr’ angegriffen, und die soll er mir wieder geben. Dafür will ich sorgen, so wahr als unser Herr Jesus am Kreuze gestorben ist.“

Sie wollte sinken – einige der Umstehenden fingen sie auf, während andere den Bauer umringten, wieder andere den fast sinnlosen Burschen zu bewältigen suchten. Der Zwiespalt zwischen Sohn und Vater war unheilbar öffentlich geworden und manch’ Einer schüttelte bedenklich und traurig den Kopf und murmelte, das könne unmöglich ein gutes Ende nehmen – das gebe gewiß noch ein Unglück ab.




3.


Unter der Hausthür des Himmelmooserhofes stand Judika und schlug die Hände zusammen. „Jetzt kann es schön werden,“ brummte sie vor sich hin, „jetzt hat das Wetter das rechte Loch gefunden. – Wenn es drei Tage so fort macht, schneit es auf den Bergen an, und der Winter ist da, eh’ man eine Hand umdreht, und es hat keinen Anschein, daß es so bald aufhört.“ Behutsam trat sie einige Schritte, der Gräd entlang, in’s Freie, um nach Westen, dem sogenannten Wetterwinkel, zu blicken, aus welchem der Bauer die meisten seiner Anzeichen und Prophezeiungen holt. Der Anblick bot nichts Tröstliches. Wie ein ausgespanntes graues Tuch lag es nebelhaft auf der ganzen Gegend, und ein geräuschloser feiner Regen fiel so dicht, daß über die Hänge hinab und in den Wegrinnen schon kleine Bächlein nieder rieselten, daß das Drachenmaul an der Dachrinne zu speien anhub und Tropfen von den Bäumen fielen, mit manchem welken Blatte vermengt, das der Last nicht mehr gewachsen war.

Der ganze Hof und seine Umgebung war leer und still; es war Sonntag. Die Knechte und Mägde hatten die unvermeidliche Morgenarbeit bereits gethan und sich auf den Kirchgang gemacht, um den Hauptgottesdienst mit Amt und Predigt nicht zu versäumen. Auch Judika hatte die gleiche fromme Absicht, aber sie mußte mit der Erfüllung warten und durfte sich nicht eher entfernen, als bis der Bauer heim kam, der in die Frühmesse gegangen war, um dann, wie es in abgelegenen oder einzelnen Gehöften üblich, während des Hauptgottesdienstes die Kirchenwache zu halten. Schon war durch den Nebel das erste Zusammenläuten wie gedämpft von der Dorfkirche heraufgeklungen, und die Wartende, von der Ungeduld vor das Haus gedrängt, befand sich bereits in vollem Sonntagsanzuge; sie hatte das Gebetbuch unterm Arme und den silbergefaßten Rosenkranz um die Hand geschlungen, aber noch immer wollte der Erwartete sich nicht zeigen, und Judika blieb nichts übrig, als zur Abkürzung der Zeit in ihren Wetterbeobachtungen fortzufahren und daraus Nutzanwendungen auf die Gegenstände zu ziehen, die ihr mitleidiges Herz eben am nächsten berührten und zumeist bewegten.

Die Vorfälle des vergangenen Abends waren ihr kein Geheimniß geblieben – noch vor der Ankunft des Bauers hatten heimkehrende Festgäste von der Rundcapelle das dort Geschehene berichtet. Ihre Besorgniß war auf’s Höchste gestiegen, und wenn sie auch Wildel zu gut zu kennen glaubte, als daß er nach dem Vorgefallenen das väterliche Haus aufsuchen werde, konnte sie doch die ganze Nacht kein Auge zuthun; sie sah durch das dunkle Fenster ihrer Kammer, wie der Nachthimmel sich mehr und mehr verfinsterte; sie hörte, wie einige heulende Windstöße den Nebel und das Regengewölk heran jagten, und sie gedachte der Freuden und Hoffnungen, denen sie sich bezüglich der Heimkehr ihres Lieblings hingegeben hatte und die nun in Leid und Trostlosigkeit umgeschlagen waren, plötzlich, wie der milde warme Spätsommerabend umschlug in einen kalten stürmischen Herbstmorgen. Es ging auf Mitternacht, als sie den Herrn des Hauses heimkommen hörte, nicht wild und unbändig, wie sie gefürchtet, sondern ohne einen andern Laut, als die wenigen Worte, die mit dem herbeigepfiffenen Knechte wegen Versorgung von Wagen und Pferden gewechselt werden mußten. Lange hatte sie gelauscht, ob er sie nicht noch rufen, ihr erzählen und einen jener Zornausbrüche beginnen werde, deren sie so oft Zeuge gewesen. Als Alles ruhig blieb, dachte sie an den Sohn des Hauses, den Verstoßenen, der in dieser Sturmnacht vielleicht nicht wisse, wohin er sein Haupt legen könne; das Herz wollte ihr brechen vor Jammer, und ihr Schluchzen zu verbergen, begrub sie das Angesicht in den thränenfeuchten Kissen. Aber etwas Gutes hatte die Sturmnacht – sie brachte einen Entschluß.

Es war Judika klar geworden, daß die Dinge so weit gekommen waren, daß sie nicht mehr ihrem eigenen Laufe überlassen bleiben konnten: von fremder Hand mußte eingegriffen und ihnen eine Richtung gegeben werden, und diese Hand mußte eine ebenso wohlwollende wie entschiedene sein, und Beides, meinte sie, sei in ihrer Hand vereinigt. Unmittelbar nach dem Hochamte wollte sie den Alten in’s Gebet nehmen, sich Klarheit über sein räthselhaftes Vorhaben verschaffen und nach einem Faden suchen, welcher eine Vermittelung mit dem Sohne hoffen ließ. Hatte sie nur erst einen solchen gefunden, dann glaubte sie schon halb gewonnenes Spiel zu haben, wußte sie doch, welche Macht ihr Zureden über den Sohn schon oft geübt; ihn wollte sie dann aufsuchen und nicht müde werden im Hin- und Widergehen, bis aus der Zwischenträgerin eine Friedensstifterin geworden.

Eben wollte sie wieder in’s Haus zurück gehen, als sie den Hall von herannahenden Schritten zu erkennen glaubte – die Hand schirmartig über die Augen haltend, spähte sie dahin. „Er ist es doch nicht,“ murmelte sie, „wenn mich der Nebel nicht irrt, ist es gar ein Weiberleut, das da kommt. Sie geht wirklich auf den Hof zu – was mag die wollen? Mir scheint, sie hat’s eilig.“

Sie hatte sich nicht getäuscht; in wenigen Augenblicken stand die Erwartete vor ihr: es war Engerl.

Das Mädchen war Judika gar nicht oder höchstens von flüchtigem Sehen bekannt, wäre dies aber auch nicht der Fall gewesen, so hätte sie doch Mühe gehabt, dieselbe wieder zu erkennen. Eine mächtige Veränderung war seit den Ereignissen des vergangenen Abends in ihrem Innern vorgegangen und hatte nicht verfehlt, auch der äußern Erscheinung ihr Gepräge aufzudrücken. Wachend und unter strömenden Thränen hatte sie die Nacht verbracht und vergebens nach einem Auswege gerungen, der sie, wie aus einem Walddickicht, heraus zu führen vermöchte aus der Verwirrung, in die sie so plötzlich gerathen war. War doch auf einmal in ihrem bisher so stillen und verborgenen Leben eine Wendung eingetreten, die sie aus dunkler Verborgenheit in das grelle Licht der Oeffentlichkeit hinausschleuderte und all ihren Wünschen, Hoffnungen und Bestrebungen für immer ein Ende machte. Und doch war es noch weniger das Geschehene selbst, was sie außer sich brachte, als die Art und Weise, wie es geschehen war. Wohl stand die Möglichkeit eines friedlichen Liebes- und Lebensglückes, von der sie in geheimen, kaum sich selbst gestandenen Augenblicken geträumt hatte, neben ihr gleich einem vom Sturmwind in vollem Blüthenschmuck gebrochenen Baume –, dennoch war es ihr ein noch herberer Verlust, daß sie vor so vielen Zeugen, vor der ganzen Heimathsbevölkerung beschimpft und einer Betteldirne hinterm Zaune nachgestellt worden war. Was half ihr nun ihr so rein bewahrter fleckenloser Lebenslauf? Das Geheimniß ihrer Liebe war in schmählicher Weise an den Tag gekommen; der eigene Vater des Geliebten war’s, der sie schmähte. Mußten die Leute nicht glauben, daß ihr bisheriges Betragen nur Heuchelei und Betrug gewesen? Mußte sie nicht befürchten, daß mindestens ein Makel an ihrem Rufe hängen bliebe? Welche Mittel zu ihrer Vertheidigung standen ihr zu Gebot, einem reichen, angesehenen Ankläger gegenüber, ihr, einem armen Mädchen, einer geringen Dienstmagd, einer Waise, welche der einzige Freund, den sie besaß, gegen diesen Ankläger nicht vertheidigen durfte und konnte, weil ihn die Beschuldigung ebenso traf wie sie?

Das Taggeläute, das durch die tiefe Morgendämmerung erscholl, weckte sie aus ihrem Brüten und erinnerte sie, daß sie keinen Augenblick zu versäumen habe. Wenn etwas geschehen sollte, mußte es in der ersten Morgenfrühe gethan werden, ehe die Dorfbewohner sich in der Kirche wieder begegneten; wenn sie [415] das gestern Vorgefallene besprachen, mußten sie auch bereits erfahren, wie dasselbe berichtigt und gut gemacht worden sei. Sie legte dunkle Kleider an, wie man sie bei Leichenbegängnissen und Trauergottesdiensten zu tragen pflegt; auch das Mieder mit dem Silbergeschnür und dem viereckigen Thaler wollte sie weglegen, war es ja doch ein wirklicher Trauergang, zu welchem sie sich rüstete und bei welchem sie jeden Schmuckes entbehren wollte; dennoch besann sie sich eines andern, an den viereckigen Thaler sollte ja das Glück gebunden sein und auf dem Gange, zu welchem sie sich zuletzt als der besten und einzigen Auskunft entschloß, bedurfte sie vor Allem das Glück.

Sie schlug den Weg zum Himmelmooserhofe ein, um aber den Kirchgängern zur Frühmesse nicht zu begegnen, trat sie in eine außerhalb des Dorfes an der Straße gelegene Feldcapelle. Hinter der zurückgelehnten Thür wartete sie hochklopfenden Herzens, aber nun gefaßt, den Augenblick der Entscheidung ab.

Sie war bleich, als sie das Ziel ihrer Wanderung erreicht hatte, die rothen Ränder der Augenlider verriethen, wie viel Thränen unter ihnen hervorgequollen waren; dennoch war von ihrer Erscheinung die gewohnte Anmuth nicht abgestreift, das erhöhte Feuer ihrer Augen, die Entschlossenheit der fest auf einander gepreßten Lippen verliehen der sonst sanften Miene einen Ausdruck von Festigkeit, der sie vortrefflich kleidete.

Man sah es ihr an, daß sie ihren ganzen Muth zusammengerafft hatte und entschlossen war, nicht unverrichteter Dinge den Ort zu verlassen.

„Gelobt sei Jesus Christus!“ sagte sie, auf die vom Dachvorsprunge bedeckte Gräd tretend, und schloß den rothleinenen Regenschirm, die Tropfen von ihm schüttelnd.

Judika erwiderte den Gruß in üblicher Weise und nahm ihr unaufgefordert den Schirm aus der Hand, um ihn seitwärts zum Trocknen auszuspannen. „Du bist früh unterwegs, Dirnel,“ sagte sie dann. „Eilt’s Dir so, daß Du den ärgsten Regen nit hast abwarten können? Mir kommt’s vor, als wenn’s lichter werden wollte, dort über den Bühel hin. Willst blos einkehren im Himmelmoos oder hast ein Geschäft bei uns?“

„Wohl hab’ ich ein Geschäft,“ entgegnete das Mädchen, „und ein wichtiges obendrein. Ich muß mit dem Bauern reden. Laß mir ihn herauskommen!“

„Du hättest wohl gerad’ so weit zu ihm hinein, als er heraus,“ sagte Judika, das Mädchen voll Verwunderung über seine kurz angebundene Weise näher betrachtend, „aber ich kann leider Gottes nit aufwarten. Der Bauer ist nicht zu Haus; er ist in die Frühmeß gegangen. Kannst ihn aber wohl abwarten; er soll die Kirchenwacht halten während des Hochamts und muß jeden Augenblick kommen. Was hast Du denn so Wichtiges abzumachen mit dem Bauern? Jetzt seh’ ich’s erst, daß Du ganz schwarz angezogen bist, als wenn Du mit der Klag’ gingst. Es wird doch nichts Trauriges sein?“

„O nein,“ rief Engel mit schmerzlichem Lachen. „Traurig ist es höchstens für mich, und das schwarze Gewand bedeutet nur, daß ich mir am liebsten selber mit der Leich’ geh’n möcht’.“

„Was sind denn das für Reden!“ erwiderte Judika in gänzlich verändertem Tone, denn jetzt erst gewahrte sie die rothgeweinten Augen des Mädchens und sah die Thränen blinken, die sich eben wieder davon lösen wollten. „Du mußt ja etwas recht Schweres auf dem Herzen haben. Darf ich’s nicht wissen?“

„O mein, Mutter Judika,“ sagte Engel und ließ ihren Thränen freien Lauf. „Warum solltet Ihr’s nit wissen dürfen.“

„So kennst Du mich, Madel?“ fragte die Alte entgegen, während das Mädchen nach ihren beiden Händen haschte und sich darüber niederbeugte. „Wie geschieht Dir denn? Ich kann mich doch nicht auf Dich besinnen.“

„Aber ich kenn’ Euch wohl, Mutter Judika,“ lächelte Engel, „freilich nur vom Sehen und vom Hören – es hat mir Jemand gar viel von Euch erzählt …“

Die Verwunderung der Alten stieg mit jedem Worte. „Von mir erzählt?“ rief sie lachend. „Wer müßte das sein, und was könnte man erzählen von einem alten Bauernweibe, wie ich bin? So hilf mir doch aus dem Traume – sag’ mir, wie Du heißest und wer Du bist!“

„Wer ich bin?“ sagte Engel und brach wieder in Thränen aus. „Das weiß ich selber nit recht – bis gestern Abend bin ich ein armes Dirnl, ein rechtschaffener Dienstbot’ gewesen, dem Niemand was Unrechtes nachsagen kann, nit soviel als man in einem Aug’ erleiden kann – heut’ bin ich nichts; heut’ bin ich schlechter als ein Bettelmensch, das hinterm Zaun liegt.“

„Wie wär’ das?“ rief Judika. „So bist Du am Ende gar Dieselbige, die gestern …“

„Ja, ich bin’s schon,“ war die Antwort, „ich bin dieselbige arme Tröpfin, der gestern ein übermüthiger reicher Mann ihre Ehr’ genommen hat und ihren guten Namen – und deswegen bin ich heut’ da und will den reichen Mann fragen, was er Unrechtes von mir weiß, und will meine Ehr’ wieder haben.“

„Ist’s möglich? Du bist es, Dirnl?“ unterbrach sie Judika, deren Augen mit warmer, bei jedem Worte steigender Theilnahme an ihr gehangen hatten. „Du bist es, die dem Buben das silberne Reifel gegeben hat? die er so liebhat, daß er ihretwegen Vater und Heimath mit’m Rücken anschauen will? Du bist meinem lieben Buben, Du bist dem Wildel sein Schatz? Komm her, Dirnel, und laß Dich halsen!“ setzte sie hinzu, außer Stande, ihre Rührung länger zu bewältigen, und zog die Ueberraschte, die nicht zu Worte kam, an ihre Brust. „Hast Du ihn denn auch wirklich gern?“ plauderte sie fort. „So was man gern haben nennt, so recht aus dem Herzensgrunde? Laß mich Dich nur recht anschau’n, laß mich Dein Gesicht betrachten und in Deine lieben verweinten Augen schan’n: da schaut ein gutes Herz heraus und ein freundliches Gemüth, und eine revierische Person bist Du auch, sonst hättest Du nit die Sennerin von der Alm heruntergetragen, sonst wärst Du nit jetzt da und wolltest Deine Ehr’ wieder holen vom Himmelmoos. Aber weinen mußt Du nicht wieder. Richt’ Dein Köpfel frech in die Höh’ – es wird noth thun, wenn Du mit dem Bauern sprichst; nicht weinen! Es kann Alles noch gut werden …“

„O mein, Mutter Judika,“ entgegnete das Mädchen und trocknete sich die Augen. „Damit ist es doch vorbei für alle Zeit.“

„Wer kann das sagen!“ rief Judika. „Es ist schon gar oft etwas wunderbar hinausgegangen, wo man schon geglaubt hat, die ganze Welt sei mit Brettern verschlagen. Das hat Dir ein guter Geist eingegeben, daß Du selber zu ihm kommst und mannhaft mit ihm reden willst. Er ist es nicht gewohnt, daß ihm das geschieht; vielleicht greift es ihn an; er ist ja doch nit seiner Lebtag ein solcher Trutzkopf gewesen. Die Bäuerin, die Mutter vom Wildl – tröst’ sie Gott! – hat ganz gut gelebt mit ihm. Die hat’s verstanden und hat ihn können um den Finger wickeln; erst seit sie gestorben ist, hat er sich nach und nach so versteint und verbeint und verstockt, wie ein Baum, der alle Jahr’ einen neuen Ring ansetzt. Vielleicht ist doch noch ein Fleckl übrig geblieben, wo was hineindringen kann. – Die Leut’ haben mir ja erzählt, daß er vor dem Spectakel ganz freundlich mit Dir geredt hat.“

„Das ist wohl wahr,“ erwiderte Engel, „er hat mich sogar gefragt, ob es mir nicht gefallen thät im Himmelmoos …“

„Das hat er gefragt?“ rief Judika und schlug die Hände zusammen, „und was hast Du darauf geantwortet, und wie ist die Red’ weiter gegangen?“

„Daß ich keine Ursach’ hätt’, bei meinem Bauer aus dem Dienst zu gehen,“ sagte Engerl, sich besinnend, „und nachher – ich weiß es schier nicht mehr, über dem Schrecken darnach hab’ ich fast Alles vergessen – nachher hat er mich gefragt, woher ich den viereckigen Thaler an meinem Geschnür hab’ …“

„Was für einen Thaler?“ rief Judika auf und faßte nach der Münze, die sie bisher nicht beobachtet hatte. „Dirnel, wo hast Du den Thaler her?“

„Meine Mutter hat ihn mir gegeben und hat gesagt, wenn ich einmal größer bin, wird sie mir Alles erzählen, sie ist aber nicht dazu gekommen, denn sie hat unvermuthet fort gemußt in die Ewigkeit, und so weiß ich nichts, als daß es ein Glücksthaler ist.“

„Ich aber weiß jetzt genug,“ entgegnete Judika bedächtig, „mir ist ein Licht aufgegangen, daß mich die Augen beißen. – Also Du bist –“ wollte sie fortfahren, unterbrach sich aber und begann auf’s Neue, „also darum ist er mir heut und gestern so verändert vorgekommen. Deswegen hat er mich so sonderbar angeschaut und so spöttisch mit den Augen gemessen. Einen Glücksthaler nennst Du die Münz? Es kann sein, daß sie den Namen verdient, kann sein, auch nicht – es giebt halt allerhand, was wie Glück ausschaut.“

„Ja, was ist Euch denn, Mutter Judika?“ begann das Mädchen, das ängstlich geworden war, zu drängen. „Was ist es [416] denn mit dem Thaler? Sagt mir doch, was es damit für eine Bewandtniß hat?“

Judika faßte ihre Hand und sah ihr ernst und freundlich in’s Auge. „Das soll ich Dir sagen?“ rief sie. „Ich denke, es ist das Beste – wenn ich’s nicht thue. Du bist aus freien Stücken hierher gekommen, so führ’ es auch durch, wie Du’s vor Dir hast! Ich will Dich nicht irr’ machen.“

„Aber, Mutter Judika,“ sagte Engerl und suchte die sich Abwendende zu halten, „laßt mich doch nicht in der Ungewißheit; sagt mir doch –“

„Wenn ich auch wollte, so könnt’ ich nicht mehr,“ war Judika’s Antwort. „Dort kommt der Bauer schon den Bühel herauf; jetzt hab’ ich auch keine Zeit mehr; jetzt nimm Dich zusammen, Mädel! Ich überlaß’ Dich Deinem Schutzengel.“

Ehe das Mädchen weiter erwidern konnte, war sie über die Gräd hinabgestiegen und hatte einen Seitenpfad unter den Obstbäumen eingeschlagen, offenbar in der Absicht, dem Bauer nicht zu begegnen, mit dem sie jetzt nicht in’s Gespräch kommen wollte. Es hätte aber dieser Vorsicht nicht bedurft. Der Bauer kam ganz gegen seine Gewohnheit, mit gemessenen Schritten heran und sah mit jenem Ausdruck vor sich hin, welcher zeigt, daß die Gedanken nicht den Augen folgen, sondern ihre eigenen Wege gehn.

Er mochte die vor dem Hause ihn erwartende Gestalt für Judika halten – mit unverkennbarer Ueberraschung blieb er stehn, als er sie erkannte, und ein halb spöttisches, halb freundliches Lächeln glättete einen Augenblick die Falten des Nachdenkens auf seinem Gesicht.

„Du bist da, Mädel?“ sagte er, „das ist ein seltsamer Besuch. Aber Du hast ganz Recht, daß Du zu mir kommst – hast Dir halt meine Red’ von gestern besser überlegt. Ja, ja, guter Rath kommt über Nacht, und ein gutes Plätzl auf dem Himmelmooserhof, das schlagt man so leicht nicht aus. – Na, komm nur herein in die Stuben! Das können wir drinnen am besten ausmachen …“

„Es ist nicht deswegen, daß ich komm’,“ entgegnete das Mädchen, ohne sich von der Stelle zu bewegen. „Ich hab’ nur Ein Wort von dem behalten, was Ihr gestern gesagt habt. Ihr habt mich vor allen Leuten geschimpft, habt mir meine Ehr’ abgeschnitten und habt gesagt, ich wär’ Euch geringer, als eine Bettlerin hinterm Zaun – deswegen bin ich da. Ich hab’ Niemand auf der Welt, der sich um mich annimmt; also muß ich mich selber um meine Haut wehren und muß Euch fragen, was Ihr Unrechtes von mir wißt, daß Ihr mich so heruntersetzt vor allen Leuten. Ihr könnt sagen, daß ich Euch zu arm bin zur Schwiegertochter; Ihr könnt Eurem Sohn verbieten, daß er mit mir geht, aber Ihr dürft mich nicht schlecht machen – das verbiet’ ich Euch, und wenn Ihr ein richtiger Bauer und ein Mann sein wollt, der selber Ehr’ im Leib hat, so gebt Ihr mir meine Ehr’ wieder und gesteht es ein, daß Ihr mir Unrecht gethan habt!“

Der Bauer, in seinem hochmüthigen Trotze an Widerspruch nicht gewöhnt, war über das entschiedene Auftreten des Mädchens wie verblüfft und schwieg einige Augenblicke, ehe er auf ihre Aufforderung zu erwidern vermochte. In der ersten Regung wollte er sie in seiner gewohnten Heftigkeit unterbrechen; er begann die Hände unmuthig zu reiben, und doch war etwas in dem entschlossenen Betragen des Mädchens, was ihm wohl gefiel und was die Erwiderung viel milder ausfallen ließ, als er sie beabsichtigt hatte.

„Du thust mir Unrecht, Mädel,“ sagte er, „und hast mich ganz falsch verstanden: es ist mir nicht im Schlaf eingefallen, Dich zu schimpfen und an Deiner Ehr’ zu kränken. Das will ich Dir gleich auseinandersetzen, aber komm’ nur in’s Haus herein! Das können wir doch nicht Alles so auf dem Thürgeschwell abmachen. Setz’ Dich nieder,“ fuhr er fort, als sie seiner Einladung gefolgt war, und deutete nach dem Ehrenplatze am großen Eßtisch, sie aber that, als ob sie das nicht bemerkte, und setzte sich auf die umlaufende Holzbank neben der Thür.

Wieder fing der Bauer an, die Hände zu reiben, und ließ sich unmuthig am Tische nieder; je seltener er Jemand eine besondere Artigkeit erwies, desto mehr war er gewohnt, dieselbe als etwas Bedeutendes betrachtet zu sehen, und desto empfindlicher ward er, wenn es ihm nicht geschah. „Aha,“ rief er mit bitterem Lachen. „Du traust dem Landfrieden nicht und setzest Dich an die Thür, damit Du gleich draußen bist, wenn mir etwa die Hitz’ übergeht. Hast keine Ursach’ dazu; ich kann das Rössel, wenn es durchgehen will, wohl auch anhalten, und das beweis’ ich Dir am besten, wenn ich sag’, daß es mir gestern durchgegangen ist und daß ich, wenn ich Dich gestern wider meinen Willen an der Ehr’ angegriffen hab’, sie Dir gern wieder geben will. Sag’ mir nur, wie ich’s anstellen soll!“

„Das ist ganz leicht,“ entgegnete das Mädchen. „Ihr dürft nur gleich mitgehen zum Pfarrer – wir werden gerade zur Kirche hinkommen, wenn Amt und Predigt aus ist – der Vorsteher wird auch da sein: dann braucht Ihr nur denen Zweien, sodaß es alle Leute sehen, das zu wiederholen, was Ihr mir jetzt gesagt habt, und daß Ihr mir nichts Unrechtes nachsagen könnt.“

„So? Sonst verlangst Du nichts?“ sagte der Bauer und trommelte mit den Fingern auf dem Tische. „Sonst nichts, als daß ich mich wie ein Dieb, der am Pranger stehen muß, vor der Gemeind’ unter die Kirchenthür stell’ und um schön’s Wetter bitt’, wie ein kleiner Bub’? Das thut der Himmelmooser nicht, aber ich will Dir was vorschlagen, was viel kräftiger ist.“

„Und was könnt’ das sein?“ fragte staunend das Mädchen.

„Schau, begann der Alte und setzte sich bequemer in seinem Stuhle zurecht, „schau – bei mir auf meinem Hof gefallt mir die Wirthschaft nicht mehr recht; es fehlt hint’ und vorn wo ich nicht selber sein kann. Die Judika ist auch eine alte Person, die jeden Tag zuwiderer wird; mit meinem Buben ist kein Vertragen … Laß mich ausreden!“ fuhr er fort, als Engerl mit rascher Geberde Miene machte, ihn zu unterbrechen. „Schänd’ mir meinen Kram nit, bis ich ihn ganz ausgelegt hab’! – Ich bin wohl kein heuriger Has’ mehr, aber auch kein alter Krachezer. Mancher Andere in noch älteren Jahren hat es schon so gemacht, und es ist gut ausgefallen, und wenn ich mir Alles so recht überleg’, so wird’s das Gescheit’ste sein, ich zahl’ dem Buben hinaus, was ihm gehört, und führ’ selber noch eine Bäu’rin auf den Himmelmooser Hof, und die Bäu’rin, Madel, sollst Du sein.“

Die Zuhörerin war vor Ueberraschung aufgesprungen – glühende Röthe quoll ihr über Hals und Gesicht. „Himmelmooser,“ stammelte sie, „ich hätt’ nicht geglaubt, daß Ihr im Stand wäret, in einem so ernsthaften Augenblick Spaß mit mir zu treiben.“

„Ich denk’ nicht d’ran,“ erwiderte er, „mir ist’s voller Ernst. Und warum nicht? Wenn Du mein Weib wirst, hat alles Gered’ mit einem Schlag ein End’. Alles weiß nachher, daß ich keine schlechte Meinung von Dir hab’. Also besinn’ Dich nit lang’, sag’ Ja, und wie Du’s verlangt hast, geh’ ich auf der Stell’ mit Dir zum Pfarrer und bestell’ die Stuhlfest.“

„Wirklich?“ stammelte das Mädchen. „Ihr wär’t im Stand’ mir einen solchen Antrag zu machen, und Ihr merkt gar nicht, daß Ihr mir damit eine noch viel größere Schand’ anthut, als Ihr mir schon angethan habt?“

[429] „So – und wo wäre denn da die Schand’?“ rief der Alte und fuhr sich über das schlohweiße Haar.

„Wißt Ihr denn nicht, daß ich mich mit Eurem Sohne, dem Wildel, versprochen hab’? Daß er mein Schatz ist und ich der seinige? Glaubt Ihr, daß man das so glatt ausstreichen kann, wie wenn man mit einem nassen Schwamm über eine Tafel fährt? Daß man das Herz im Leibe umwenden kann, wie wenn man einen Handschuh umkehrt? Aber,“ fuhr sie abbrechend in milderem Tone fort, „für was ereifr’ ich mich denn! Es kann ja doch Euer Ernst nit sein – Ihr wollt mich nur auf die Prob’ stellen; Ihr wollt, ich soll Ja sagen, damit Ihr dann zu Eurem Sohn hingeh’n und sagen könntet: ‚da siehst Du, wie’s mit ihrer Lieb’ und Treu’ beschaffen ist; sie hat nichts von Dir gewollt, als die reiche Bäu’rin zu werden, und wie sie geseh’n hat, daß sie das auch ohne Dich erreichen kann, hat sie sich nicht besonnen und hat zugelangt …’“

„Ach was, das ist lauter dummes Zeug,“ antwortete der Bauer mit eigenthümlichem Lachen. „Der Bub’ muß eben eine Andere heirathen und seh’n, wo er einen Unterstand kriegt, und Du mußt Dir halt die Geschicht’ aus dem Sinne schlagen, und das wird Dich so schwer nicht ankommen, wenn Du nur erst Himmelmooserin bist. Und dann, wer weiß, ob ich nicht ein besseres und ein älteres Recht auf Dich hab’, als der Bub’ und wenn er zehnmal Dein Schatz ist.“

„Ihr ein Recht? Ihr auf mich ein Recht? Und wie wolltet Ihr dazu kommen?“

„Hör’ mir einmal zu und verlier’ die Geduld nit, wenn ich auf eine lange Zeit zurückgehen muß! Ich will Dir eine Geschicht’ erzählen. – Es wird so um die zwanzig Jahr’ herum sein,“ fuhr er dann nach kurzem Besinnen fort, „ja, ja, es ist schon so; zu Laurenzi hat sich’s wieder gejährt – es sind also jetzt volle zwanzig Jahr’, daß meine Bäu’rin gestorben ist. Sie ist ein gutes Weib gewesen – der Herr geb’ ihr eine fröhliche Urständ dafür! – wir haben miteinander gelebt wie die Kinder, und wenn sie bei mir hätt’ bleiben dürfen, wär’ vielleicht Manches anders, als es jetzt geworden ist. Sie ist sanft gewesen wie die gute Stund’, aber wenn’s darauf angekommen ist, hat sie das Herz und die Zung’ auf dem rechten Fleck gehabt. Die hitzige Krankheit hat aber nit darnach gefragt, wie nothwendig sie für das Haus gewesen ist und für mich: sie hat fort gemüßt und hat mich allein zurückgelassen mit dem Buben, der noch keine drei Jahrln alt gewesen ist und noch nit gewußt hat, was eine Mutter ist. Sie haben mir bald von allen Seiten zugered’t, ich sollt’ wieder heirathen, aber es hat mich nichts getrieben; die Judika, die eine gute Freundin gewesen ist von meiner Alten, hat die Wirthschaft besorgt und den Buben dazu; ich habe auch schon meinen guten Vierziger auf dem Rücken gehabt und hab’ gedacht, eine solche, wie meine Erste gewesen, krieg’ ich doch nit wieder, und so hab’ ich mir nichts einreden lassen und bin Wittiber geblieben.“

Er war bisher gebückt, die Hände um die Kniee faltend, dagesessen und hatte, wie mit sich selber sprechend, vor sich hin erzählt; jetzt sah er auf, ob das Mädchen ihm auch zuhöre. Er gewahrte die Spannung, die aus jedem ihrer Züge sprach, und fuhr fort: „Und einmal – da sind gerad’ wieder ein paar Befreundete im Heimgarten da gewesen und haben mir zugered’t, und wie sie fort waren, bin ich draußen hinterm Haus gesessen, wo das kleine Wegel von den Bergen vorübergeht, und hab’ mir über das Gered’ so meine Gedanken gemacht. Da kommt auch noch die Judika mit ihrem Strickstrumpf und dem Buben, setzt sich neben mich auf die Bank und fängt ihre alte Predigt von vorn an – daß ich heirathen sollt’, daß es nicht gleich im Augenblick sein müßt’, daß ich mich aber umsehen und mir einstweilen eine Bäurin aussuchen sollt’. In dem, so kommt auf dem kleinen Bergwegel ein Taufzug daher; die Hebamm’ tragt ein neugebornes Kind zur Tauf’ in die Kirch’ hinunter und die Gevatterin im schönsten Putz geht mit ihr – da schießt mir’s auf einmal durch den Kopf. ‚So will ich Ihr halt den Willen thun, Judika,’ hab’ ich gesagt, hab’ die zwei Frauen gestellt und das Kindel angeschaut, das in dem Taufzeug eingebunden gewesen ist und mit ein paar frischen blauen Augen um einander geschaut hat. ‚Wie soll denn das Kind heißen?’ hab’ ich gefragt, und die Hebamm’ giebt mir zur Antwort – es wär’ ein Mädel und sollt’ nach der Gevatterin Engelberta heißen. ‚Schön,’ sag’ ich, ‚kleine Engelberta,’ und nehm’s bei den linden Händeln, ‚dann gehörst Du mein – Du bist meine Braut und sollst Himmelmooserin werden.’ Die zwei Frauen haben es für einen Spaß genommen und haben gelacht und gemeint, dem Mädchen könnt’ es einmal nicht fehlen, weil es schon auf dem Kirchgang einen Bräutigam bekommen, ich aber hab’ einen alten Schatzthaler, den ich ein paar Tag’ zuvor eingehandelt hab’, aus der Tasche gezogen und hab’ ihn dem Kind in die Bänder gesteckt, damit es ein Zeichen von mir haben soll – einen alten Salzburgerthaler, einen viereckigen.“ [430] Das Mädchen war bei der Erzählung immer unruhiger und immer blässer geworden; unwillkürlich hatte sie sich erhoben und hielt sich an dem Wandkasten neben ihr fest; sie zitterte, daß die Gläser und Teller in demselben zu schüttern begannen; als ihr bei der Beschreibung der Münze kein Zweifel mehr blieb, knickte sie zusammen und fuhr mit einem leisen Aufschrei nach der Stelle, wo der Thaler hing, als wäre ihr ein plötzlicher Stich mitten durchs Herz gedrungen.

Der Bauer schien ihre Erregung nicht zu verstehen und fuhr gelassen fort: „Ich hab’ in der ersten Zeit nit daran gedacht, nach den Eltern von dem Kind zu fragen, und bald – ich muß es sagen, wie es ist – bald hab’ ich auf die ganze Sach’ vergessen; wie es mir dann wieder eingefallen ist, hab’ ich nichts mehr erfahren können; die Gevatterin war derweil gestorben; die Hebamm’ in einen andern Ort gezogen, und so hab’ ich nicht einmal erfahren, wem das Kind eigentlich gehört hat und was aus ihm geworden ist. In den letzten Tagen bin ich jetzt daran gemahnt worden, daß ich da mein Wort gegeben und nit gehalten hab’, und Wort halten, das ist, so lang’ ich leb’, mein größter Stolz. Gestern bin ich beim Pfarrer gewesen und hab’ mir das alte Taufbuch aufschlagen lassen – es war auch nichts Gewisses heraus zu lesen: d’rum bin ich hinaus gefahren zur Rundcapelle, ob ich nicht unter der Hand von dem Einen oder Anderern etwas erfahren könnt’ – da hat der Anhängthaler seine Schuldigkeit gethan und hat Dich mir verrathen.“

Der Bauer schwieg und schien eine Antwort zu erwarten, aber das Mädchen war noch zu aufgeregt, um eine solche geben zu können.

„Nun, sagst Du gar nichts?“ begann er wieder. „Jetzt weißt Du Alles; jetzt weißt Du, daß ich ein besseres und ein älteres Recht auf Dich hab’, als jeder Andere. Jetzt gieb mir eine richtige Antwort!“

Engerl hatte die Hand nicht mehr von dem Geschnür weggebracht und an dem Thaler herumgenestelt; nun war derselbe von der Kette gelöst. Raschen Schritts trat sie näher und legte die Münze auf den Tisch.

„Da ist meine Antwort,“ sagte sie kurz und fest. „B’hüt Gott, Himmelmooser! Wir Zwei sind fertig mit einander.“

„Das kann nit Dein Ernst sein,“ erwiderte der Bauer, indem er sich ebenfalls erhob, während sie sich der Thür näherte. „Du kannst Dir auch wohl einbilden, daß ich nach dem Allem, was jetzt unter uns geredet ist, Dich nit so mir nichts Dir nichts gehn lassen werd’; erst müssen wir mit einander im Reinen sein. Ich bin einmal mit Dir versprochen und bleib’ dabei: Du mußt Himmelmooserin sein.“

„Zu einem solchen Versprechen gehören ihrer zwei,“ sagte das Mädchen und trat zur Seite, da er ihr den Weg zur Thür versperrt hatte. „Was meinen Theil betrifft, so hab’ ich nichts versprechen können, weil ich ein Kind gewesen bin, und ich hab’ nichts versprochen. Hätt’ ich gewußt, was es für eine Bewandtniß hat mit dem Thaler, so hätt’ ich ihn schon lang weggeworfen oder in den Opferstock gelegt.“

„Ich aber für meinen Theil, ich hab’ noch allemal Wort gehalten und will mir nit noch einmal vorwerfen lassen, daß ich’s mit Dir nit gethan hätt’.“

„Ihr solltet Euch schämen, so zu reden,“ rief Engel erregter und näher tretend. „Könnt Ihr die Hand auf’s Herz legen und mit gutem Gewissen sagen, es wär’ Euch damals Ernst gewesen mit dem Versprechen? Könnt Ihr’s leugnen, daß Ihr mit der Judika, mit dem Kind und mit Euch selber nur Euren Spott gehabt habt? Wenn’s Euer Ernst gewesen wär’, wär’s nicht Eure Schuldigkeit gewesen, daß Ihr Euch zur rechten Zeit um das Kind gekümmert, daß Ihr dafür gesorgt hättet, daß es ordentlich aufwächst und werth wird, daß Ihr’s zu Eurem Weib’ macht? Wie, wenn ich nun zu Grund gegangen, wenn ich verwahrlost worden wär’ und wär’ ein nichtsnutziges Leut geworden? Es ist Euch Alles gleichgültig gewesen – drum habt Ihr nur Spott getrieben, ich aber – und wenn auch alles Andere nit wär’, wie es ist – ich nähm’ niemals einen Mann, der Spott treiben kann mit einer so heiligen Sach’.“

„Ich will Dir ja gerade zeigen, daß ich nicht gespottet hab’,“ unterbrach sie der Bauer, „und drum will ich Ernst machen. Sei gescheid, Mädel, stoß’ Dein Glück nit von Dir – nimm den Thaler wieder und überleg’ Dir’s besser! Was hast Du davon, wenn Du so im Sturm fortgehst? Wirfst einen Bauernhof weg, den man nit alle Tag’ auf der Straß’ findet, und mit dem, was gestern geschehn ist, bleibt auch Alles beim Alten.“

Das Mädchen zuckte zusammen und senkte betrübt den Blick zu Boden.

„Aber nein, was red’ ich denn daher!“ fuhr der Mann fort und rieb unmuthig die Hände. „Deine Ehr’ kannst Du Dir ja selber wieder schaffen – Du darfst ja nur erzählen, was wir mit einander geredet haben. Darfst ja nur ausplauschen, daß der Himmelmooser Dich zur Bäuerin hat machen wollen und abgefahren ist. Darfst ja nur sagen, wie das zugegangen ist, und mich lächerlich machen, daß Alles mit Fingern auf den alten Narren deutet, der –“

Engel unterbrach ihn mit einer Geberde der Abwehr; Betrübniß umwölkte ihr Antlitz noch dunkler, und aus dem Gewölk träufelte eine Thräne.

„Nein, nein,“ sagte sie mit traurigem Kopfschütteln, „das geht nit; Ihr seid dem Wildl sein Vater, und den Vater von meinem Schatze müssen die Leut’ in Ehren halten, wie ich was halt’ auf meine eigene Ehr’. Wegen dem braucht Ihr keine Sorg’ zu haben, Himmelmooser. Nach dem, was ich jetzt gehört hab’, weiß ich, daß Ihr von mir nichts Unrechtes denkt: vor meinem Gewissen und vor unserm Herrgott hab’ ich also meine Ehr’ wieder, und so muß ich’s halt ertragen. Ist das auch die bitterste und schwerste Stund’ gewesen in meinem ganzen Leben – Ihr braucht Euch nicht zu fürchten: über meinen Mund kommt kein Sterbenswörtl von dem, was ich in ihr erfahren hab’.“

Der Bauer war hastig in der Stube hin- und widergegangen. Jetzt blieb er stehn und betrachtete staunenden Blickes das Mädchen von unten bis oben. „Wahrhaftig? Das wolltest Du thun?“

„Das will ich thun,“ war des Mädchens gelassene und entschlossene Erwiderung.

„Wirklich? Du wolltest auch dem Buben nichts sagen?“

„Auch dem nit,“ entgegnete sie nach kurzem Besinnen, und die Tropfen, die bisher in ihren Wimpern gehangen, kugelten ihr über die Wangen herab. „Ich seh’ keinen andern Ausweg – ich muß es auf mir liegen lassen, was die Leut’ vielleicht von mir denken, aber so mit dem Makel unter ihnen und in der Heimath herumgehn, mich über die Achsel anschauen lassen und nit reden dürfen, das könnt’ ich nit aushalten – also wird’s das Beste sein, ich geh’ fort; auswärts kennt mich Niemand; da werd’ ich wohl mein Fortkommen finden.“

Des Bauern Blick hing mit steigender Theilnahme an ihr. „Was wird das helfen!“ rief er dann. „Der Bub’ wird nit von Dir lassen, wird Dich suchen und finden und dann springt die Katz’ auf die alten Füß’.“

„Ich glaub’s wohl,“ sagte sie mit traurigem Kopfnicken. „Suchen wird er wohl, der arme Bub’, aber finden soll er mich nicht – darauf geb’ ich Euch mein Wort, und mein Wort halt’ ich so gut wie ein Anderer. Finden soll er mich nicht – verlaßt Euch darauf! Daß er aber das Suchen aufgibt, dafür müßt Ihr selber sorgen – das ist Eure Sach’.“

„Wie soll das meine Sach’ sein?“

„Schaut, Himmelmooser,“ begann sie etwas stockend wieder, „ich mach’ kein Hehl daraus – ich hab’ den Wildl für mein Leben gern und thät den letzten Blutstropfen hergeben für ihn; ich hätt’ auch jetzt nit von ihm gelassen und wenn er noch ärmer geworden wär’, ärmer als eine Kirchenmaus, aber mit uns zwei ist es doch aus, aus in alle Ewigkeit, und so will ich ihm nit im Weg stehn: ich geb’ ihn frei, und wenn er nichts mehr weiß von mir, wird er sich drein finden, wird mich vergessen und Euren Willen thun. – – Drum will ich fort, und das heut’ noch. Ich will vorsorgen, daß er mir den Weg nicht abpassen und nimmer begegnen kann, denn wenn ich ihn sehen müßt’, ich thät wohl standhaft bleiben mit der Gotteshilf, aber hart, bitter hart thät’s mich ankommen.“

Der Bauer hatte sich wieder in den Lehnstuhl gesetzt; er sah finster vor sich hin und spielte mit dem Thaler, der auf dem Tische lag.

„Eh’ ich aber geh’,“ begann Engerl wieder und machte einen Schritt gegen ihn, „eh’ ich geh’, muß ich Euch noch etwas sagen, Himmelmooser …“ [431] „So? Und was wär’ denn das?“

„Wenn ich fort bin, dann ist mit mir auch der Anstoß zu der Zwietracht fort – dann macht’s Frieden mit Eurem Sohn! Er ist so brav, so grundbrav, und wenn er hitzig ist und seinen eigenen Willen haben will, so wißt Ihr ja wohl, von wem er den Stützkopf geerbt hat. Drum macht Frieden! Redet auch nit immer vom Worthalten! Ihr macht Euch dabei nur selber etwas weiß: es ist nicht das Wort, worauf Ihr Euch steift; es ist nur Euer trutziges Wesen, daß Ihr überall und allemal Recht haben müßt. In dem langen Alleinsein hat sich Euer Gemüth ganz versteint und verbeint. Ihr seid nit alleweil so gewesen. Ich hab’s wohl gehört, und Ihr habt es ja selber gesagt, wie gern Ihr Euer Weib gehabt habt. Denkt manchmal an sie, Himmelmooser, dann wird Manches anders werden und Vieles besser. Ich werd’s dann in der Fremd’ schon hören und mich darüber freuen, und mit mir,“ schloß sie, von Thränen unterbrochen, „mit mir wird’s unser Herrgott auch schon machen, wie’s recht ist. Denkt an meine letzte Red’, Himmelmooser – und macht Frieden!“

Sie drückte ihr Tuch vor die Augen und wandte sich der Thür zu.

„Predigen kannst Du gut,“ sagte der Alte mit einem Tone, der sehr gegen seine sonstige Art abstach, „aber Du thust selber nit, was Du predigst. Wenn ich Frieden machen soll, gieb Du zuerst ein gutes Beispiel und geh’ nicht im Unfrieden von mir – nimm wenigstens den Thaler mit!“

„Das müßt Ihr nit verlangen,“ erwiderte sie, „ich brauch’ kein Andenken, das ich an’s Mieder henken kann – ich trag’s schon unter’m Mieder mit mir fort.“

Sie stand an der Schwelle. Rasch erhob sich der Bauer und hielt sie ab, dieselbe zu überschreiten; er faßte sie fest am Arme und führte sie in die Stube zurück. „Und ich thu’s einmal nit anders,“ rief er. „Du mußt den Thaler nehmen, und wenn ich doch schon einmal für einen Stützkopf gelten muß, so will ich auch einer sein und meinen Willen durchsetzen. – Wie ich Dir dazumal auf Deinem Taufgang in den Weg getreten bin, habe ich zu Dir gesagt, Du sollst Himmelmooserin werden, und das sollst Du auch. Und wenn Du einmal den alten Vater durchaus nit magst, so bleibt nichts anderes übrig, als – Du mußt den Buben nehmen.“

„Was habt Ihr gesagt?“ rief Engel erglühend und zitternd, daß der Regenschirm, den sie an sich genommen, ihr wieder entfiel.

„Wie fragst so dalket?“ erwiderte der Alte mit lautem Lachen. „Ich mein’ doch, ich hab’ gut Deutsch gered’t. Ich hab’ Dich jetzt kennen gelernt. Du gefallst mir, Madel. Du mahnst mich an meine selige Alte, denn Du hast das Herz auf dem rechten Fleck und die Zung’ auch. Der Bub’ hat einen gescheidten Einfall gehabt und einen guten Gusto. Du bist die Rechte für ihn; Dir trau’ ich’s zu, daß Du ihn auf der Bahn erhaltst. Also eingeschlagen, Mädel – oder willst Du auch auf die Weis’ nit Himmelmooserin werden?“

Engel stand wie eine Träumende. „Es kann ja nit sein,“ stammelte sie und suchte im Angesicht des Alten zu lesen. „Das Glück wär’ ja zu groß.“

„Du willst also?“ rief er. „Siehst Du, so hat mein Thaler doch Recht behalten und hat Dir Glück bedeutet.“

„Ich kann’s nit glauben,“ entgegnete sie wieder, „ich kann gar nit zu mir selber kommen. Gestern der Jammer und heut’ die Freud’ – so müßt’ es sein, wenn man aus der Höll’ geraden Wegs in den Himmel käm’ …“

„Drum liegt ein richtiges Feg’feuer dazwischen,“ unterbrach sie der Alte, „und das Feg’feuer besteht darin, daß Du mit dem Wildl nichts red’st und ihm kein Wort sagst von dem, was wir verhandelt haben. Willst Du?“

„Alles, was Ihr verlangt – Alles.“

„Zuerst muß ich mit ihm fertig sein; eine Straf’ hat er verdient, weil er so hinter meinem Rücken gehandelt und weil er sich so aufgebäumt hat gegen mich. Das muß er einsehen und muß zu mir kommen.“

„O, er thut’s!“ rief das Mädchen in freudiger Zuversicht. „Ihr glaubt gar nit, wie gut er ist und was er für ein weiches Herz hat. Er thut’s gewiß.“

„Nachher ist Alles gut,“ schloß der Vater und bot ihr den Thaler. „Da nimm,“ sagte er, „und bandle die Münz’ wieder recht fest an Dein Mieder und mach’, daß Du fortkommst! Es braucht Dich Niemand zu sehen, und in der Kirch’ unten fangt schon das Läuten an. Amt und Predigt ist aus. In acht Tagen komm’ wieder zu mir! Dann gehen wir zu Dritt zum Pfarrer, und wieder über acht Tage, da führ’ ich Dich am Arme in’s Himmelmoos herein, wie ich Dich jetzt hinausführ’.“

Er begleitete sie bis zur Hausthür – raschen Schrittes eilte sie hinweg; an der Wendung des Weges hielt sie grüßend an, winkte zurück und drückte den Glücksthaler an die Lippen. Der Himmelmooser sah ihr nach, bis sie in den Gebüschen verschwunden war. Sein Angesicht war heiter, seine Brust leicht, wie sie lange nicht gewesen. Die Hoffnung eines ungeahnten häuslichen Glückes zog durch seine Seele wie der Sonnenstrahl, der eben die Regenwolken theilte, als wolle er nachsehen, ob all’ die Bäume, Fluren und Häuser, die er gestern beschienen, noch vorhanden und nicht beschädigt seien von dem Unwetter der Nacht. Nach einer Weile fuhr er sich mit der Hand über die Wimpern und die buschigen Brauen. „Hm,“ murmelte er in sich hinein, „es muß mir ein Stäubl in’s Aug’ geflogen sein.“

Aber in der feuchten Regenluft war weit und breit kein Stäubchen zu finden. Plötzlich fuhr er auf und wandte sich horchend dem Hause zu – ein paar dumpfe Schläge dröhnten von der Rückseite desselben. „Was giebt’s denn da?“ sagte er. „Sollte im Stalle ein Pferd losgeworden sein? Aber das kommt ja von hinten, von der Kalkgruben her … Da muß ich doch nachschauen.“

Er ging und war nach wenigen Schritten um die Hausecke verschwunden. –

Schlimm war die erste Nacht gewesen, welche Wildl in seiner Heimath erlebt hatte, aber noch schlimmer und unruhiger war die zweite. Ueber jener hatten Sterne geleuchtet und war eine Morgenröthe der Hoffnung aufgegangen, diese aber blickte dunkel und sternlos, und statt der feierlichen Ruhe und Stille schlug der Regen auf die Schindeln und Steine des Daches, als suchten die Tropfen Einlaß zu dem schlafenden Flüchtling, der zum zweiten Male die einsame Heuhütte zu seiner Zuflucht gewählt hatte.

Lange hatte er an der Rund-Capelle gewartet und nach einer Gelegenheit gespäht, Engerl noch einmal zu sehen. Er mußte das, denn er konnte nicht eher einen Entschluß fassen, als bis er mit ihr über die neuen Ereignisse sich besprochen und aufgeklärt hatte. Sein Vorhaben war aber unmöglich, denn wie einige der älteren Männer den Vater umringt hielten, wichen ihm die Bursche nicht von der Seite, um ein abermaliges Zusammentreffen der beiden so furchtbar aufgeregten Männer zu verhüten. Es gelang dies auch, indem sie den Burschen nach dem Dorfe geleiteten und beim Gemeindevorsteher unterbrachten; denn im Hause des Vaters – das war klar – war für jetzt kein Raum für ihn. Am andern Tage wollte dann der Vorsteher mit dem Alten reden und eine Aussöhnung versuchen, wenn eine solche aber nicht möglich wäre, zum Landgericht gehen, damit dasselbe Vorkehrung treffen möge, ein noch größeres Unglück, das in der Luft zu liegen schien, zu verhüten. In dieser Absicht erlaubte sich der Mann, von seiner Gewalt einen etwas weitgehenden Gebrauch zu machen und Wildl in eine Stube zu bringen, welche nur ein einziges – noch dazu vergittertes Fenster hatte – und als er dieselbe verließ, leise eine Eisenklammer an die Thür anzulegen und Wildl so zum Gefangenen zu machen. Selbstzufrieden entfernte er sich dann und glaubte, seine Sache vortrefflich gemacht zu haben; denn Wildl schien sich seit dem Vorfall vollständig beruhigt zu haben und hatte sich den Anordnungen gefügt, ohne ein Zeichen des Widerstandes, ohne einen Laut des Widerspruchs. Er war auch wirklich ruhiger geworden; denn er hatte rasch seinen Plan zurecht gelegt und sich überzeugt, daß Weigern und Wehren doch vergeblich wäre. So war es ihm gelungen, die Leute ebenfalls sicher zu machen, daß Niemand mehr sich um ihn kümmerte, und daß es ihm, als es dunkel im Hause und um dasselbe herum stille ward, nicht schwer fiel, das alte Fenstergitter, solcher Kraft nicht mehr gewachsen, geräuschlos locker zu machen. [432] Gewandt zwängte er sich durch die Oeffnung und schwang sich mit einem kühnen Sprung hinab, nicht beachtend, daß die Höhe desselben sonst wohl geeignet gewesen wäre, Besorgniß zu erregen. Angehaltenen Athems und gebückt lauschte er dann, ob sich nichts rege, und floh lautlos wie ein Schatten am Hause dahin, um die Straße zu gewinnen.

Bald sah er durch die Obstbäume der Gärten die dunkeln Umrisse des Bauernhauses, in welchem Engel in Dienst stand; er vermochte das Fenster ihrer Schlafkammer zu unterscheiden, aber je näher er kam, je mehr ward er in seiner Hoffnung enttäuscht; denn das Fenster war und blieb dunkel; Engel lag also schon zu Bett oder sie war überhaupt gar nicht nach Hause gekommen. Es kam ihm in den Sinn, sich davon zu überzeugen und das vor dem Hause aufgeschichtete Brennholz zu erklettern, von welchem aus er dann leicht soweit das Fenster erreichen konnte, um anzuklopfen. Was war dabei zu befürchten? War Engel zu Hause, so mußte sie es hören und Antwort geben; nach Sitte und Brauch der Gegend war es auch nichts Seltenes, daß der Bursche zu seinem Schatz an’s Kammerfenster kam, und jetzt war auch kein Geheimniß mehr nöthig – jetzt durfte und sollte alle Welt wissen, daß er das Mädchen liebe und von ihr wieder geliebt werde.

Der Vorsatz war so schnell ausgeführt wie gefaßt; Wildel stand bald hoch genug vor dem Fenster, um die Kammer überblicken und bemerken zu können, daß dieselbe leer und das Bett unberührt war. Engel war also nicht nach Hause gekommen; sie hatte ohne Zweifel noch bei guter Zeit den Weg nach der Brünnl’-Alm eingeschlagen, wohin ihr Dienst sie rief und von wo erst in den nächsten Tagen abgetrieben werden sollte. Sofort schritt er die Hecken und Feldzäune entlang, den Bergen zu, in weitem Bogen das heimathliche Himmelmoos umkreisend, und hatte in hastiger Eile bald die Hütte erreicht, die ihm schon einmal zur Herberge geworden.

Von dort war es beim ersten Tagesgrauen ein Spiel, die Brünnl’-Alm zu erreichen, Engeln zu sehen und mit ihr zu besprechen, was nicht unbesprochen bleiben konnte.

Lange hielt die Aufregung des Gemüthes den Ruhenden wach, so einschläfernd auch der Regen auf das Dach plätscherte; auch als endlich die Ermüdung und der betäubende Duft des Heues ihre Wirkung nicht verfehlten, ruhte die Seele nicht; aus den durcheinander stürmenden Gedanken wurden Träume, die nicht minder in wechselnden Gestalten und bunten Farben verflossen. Bald sah er Engel vor sich herschweben und versuchte, mit dem bängsten Gefühle des Unvermögens, sie zu erreichen; dann sah er sie wieder einer Spitze nahe, von welcher sie mit dem nächsten Schritte unfehlbar abstürzen mußte; er selber aber lag in dem Bergrutsche, in welchen er erst die Nacht zuvor hinuntergefallen war, und nur die Aeste hielten ihn vor einem noch tieferen und gefährlicheren Falle in den Abgrund, der unter ihm gähnte. Dann war es wieder, als ob eine Stimme ihm heimlich zuflüsterte, daß er dem Alten gegenüber im vollen Rechte sei. Aber aus weiter Ferne rief eine andere Stimme – eine Stimme, die er nur in der ersten Zeit seines Lebens gehört, und die er, obwohl kaum gekannt, doch nie vergessen hatte. Es war, als ob sie ihm klagend zuriefe und ihn warnen wollte vor einem Entsetzlichen, das ihm drohe; dann plötzlich wieder stieg ein ernstes, verzerrtes Antlitz vor ihm empor; es trug die Züge seines Vaters und war doch wieder so ganz anders, furchtbar wie ein Engel des Gerichts. Im Augenblicke war es ihm, als würden die Aeste zu Ungeheuern – er fühlte, wie diese Ungeheuer nach seinen Armen faßten, wie sie die Zähne ihres Rachens ihm in’s Fleisch schlugen, und mit einem Schrei des Entsetzens fuhr er aus dem Traume empor und fand sich, in Angstschweiß gebadet, auf seinem Lager.

Draußen war es lange schon hell geworden; auf dem Dache plätscherte nichts mehr, und nur von den Dachrändern fielen noch einzelne Tropfen und flimmerten im Sonnenscheine, der auf den Bergen eher sichtbar wird als unten in den Thälern. Der spät gekommene Schlaf war dafür um desto länger und kräftiger gewesen; es war bereits um die Zeit, wo Nebel, Unwetter und Regenschauer sich wieder zu heben und der Herbstsonne zu weichen begannen.

Lange glaubte Wildel noch zu träumen, denn ein Theil des Traumes dauerte noch fort; fein und halbverweht, wie die sanfte Stimme aus dem Traume, klang das Glockengeläute aus der Kirche seiner Heimath empor – das erste Zeichen, das zum Gottesdienste gegeben wurde. Dieser Uebergang vom Träumen in’s Wachen machte tiefen Eindruck auf ihn; er athmete hochauf; eine Bergeslast war von seiner Brust gewälzt, wie draußen in der Natur die Sturmnacht der Helle und Frische des Morgens gewichen war – auf einmal war er sich klar und der Weg, den er zu gehen hatte, lag eben und licht vor ihm. Hastigen Schrittes eilte er nicht der Alm zu, sondern den Bergpfad hinab, in der Richtung, in welcher das Himmelmoos lag.

Er wollte ruhig und offen, als Sohn vor den Vater treten und ihm das Geschehene abbitten; er wollte versuchen, ihn zu begütigen und über das Vorgefallene aufzuklären, dann aber in Frieden die Zukunft zu ordnen. Kein Zwist sollte mehr statthaben zwischen ihnen, und um demselben gründlich vorzubeugen, wollte er sich wieder fortbegeben und in der Stadt nach Arbeit suchen, die ihn zu ernähren und ihm Verdienst zu gewähren vermöchte. Nach ein paar Jahren hoffte er wohl im Stande zu sein, sich ein eigenes Heim zu gründen, in welches er dann Engel einführen konnte, denn der Gedanke an sie, der Wunsch, sie sein zu nennen, stand so fest wie zuvor vor ihm; ja, von den Stürmen gerüttelt, hatte der Keim noch tiefere Wurzel geschlagen. Sollte der Vater sich dennoch unzugänglich zeigen, so wollte er ohne Erbitterung das Haus verlassen und sich an den Pfarrer wenden, damit dieser durch seine Vermittlung das unvermeidlich Nöthige ordne. Bis dahin, so sehr das Herz ihn zog, wollte er darauf verzichten, Engel zu sehen, und nicht eher als mit einem bestimmten Entscheide vor sie treten.

Bald war er auf einer Stelle angelangt, von welcher er, durch Gebüsch verdeckt, den Hof in der Tiefe liegen sah und eine weibliche Gestalt beobachten konnte, die eben das Haus verließ. Vertraut mit den Gebräuchen desselben, wußte er, daß der Bauer die Kirchwacht halten werde und er sicher sei, ihn allein zu treffen; um seine Gedanken zu sammeln und den rechten Augenblick abzuwarten, kauerte er sich im Grase nieder und starrte hinunter auf das Vaterhaus, das ihm so nahe war und dem er doch beinahe ein Fremder geworden.

Er fühlte, wie sich ihm das Blut wieder nach Kopf und Stirn drängte, und darüber geschah es, daß die Ermüdung der vorigen Stunden noch nachwirkte und er abermals in Schlaf versank, aus welchem er erst nach geraumer Zeit wieder mit dem Gefühl auffuhr, als ob er von Jemand gefaßt und aufgerüttelt worden wäre. Hastiger eilte er jetzt den Bergweg hinab, die gute Stunde des Alleinseins nicht zu versäumen; als er aber den Grashang erreichte, von welchem aus der Hof in nächster Nähe zu erreichen war, hielt er plötzlich inne, denn auf den ersten Blick gewahrte er, daß auf dem Hofe, den er leer zu finden gehofft, eine große Menschenmenge versammelt war, welche nur durch etwas Ungewöhnliches zusammengerufen sein konnte. „Was giebt es denn da?“ murmelte er überrascht. „Ist das Amt schon aus? Was wollen die vielen Leut’? Sie stehen Alle um die Kalkgrube herum; es ist gerade, als wenn dort etwas geschehen wäre.“

Er begann den Hügel abwärts zu laufen und gelangte nach wenigen Augenblicken an die Seite des Gehöftes, an welcher neben dem neu zu erbauenden Capellenthürmchen sich die Kalkgrube befand; eine dichte Schaar Menschen war um einen Gegenstand versammelt, der auf einer Bank zu liegen schien und um den Alles sich neugierig zusammendrängte.

„Was giebt’s denn da – was ist geschehen?“ rief Wildl hinzustürzend und versuchte den Knäuel der Umstehenden zu durchdringen – da trat Judika, die ihn zuerst erblickt hatte, ihm entgegen und fiel ihm schluchzend um den Hals.

„O mein Bub’,“ rief sie, „was ist das für ein Unglück! Der Vater ist todt.“ [447] Wildl hatte bei Judika’s Worten eine Empfindung, als ob ihn der Blitz berühre; die Kniee knickten ihm ein; er verstand und faßte das Gehörte nur halb; es war ihm, als ginge ein brausender Wassersturz, der ihm Aug’ und Ohr betäubte, über ihn hinweg. In diesem Zustande vernahm er nur halb, wie Judika erzählte, daß sie, aus dem Amte nach Hause kommend, zu ihrer Verwunderung die vordere Hofthür offen gefunden und auf ihr Rufen keine Antwort erhalten habe. Mit steigender Besorgniß sei sie durch Stube und Schlafkammer des Vaters gelaufen, ohne ihn zu finden, und als sie dann um die Hausecke gegen den hinteren Gras- und Obstgarten gekommen, habe sie das Entsetzliche entdeckt. Die schadhaft gewordenen Bretter der Kalkgrube waren eingebrochen und in der dicken Flüssigkeit lag, über und über davon befleckt, mit dem Kopfe nach unten, der Bauer, ohne sich zu regen oder ein Lebenszeichen von sich zu geben. Auf ihr Geschrei seien die Ehehalten, die eben aus dem Hochamte zurückkehrten, herbeigeeilt, und erst mit ihrer Hülfe sei es ihr gelungen, den schweren Mann aus der Grube emporzuziehen. Leider hatte schon der erste Anblick gezeigt, daß keine Hoffnung mehr bestand, ihn zum Leben zurückzubringen; dennoch war sofort einer der Knechte in’s Dorf zurückgelaufen, um Pfarrer und Bader herbeizurufen. Der Körper war schon beinahe starr und kalt; der Mann war mit Gesicht und Mund in die Masse gefallen und offenbar in wenigen Minuten erstickt. Bis zur Ankunft des Baders hatte man eine Bank in die Nähe des Röhrenbrunnens gestellt, den Todten darauf gelegt und begonnen, ihn vom Kalk zu reinigen. Nirgends war eine Verletzung an ihm zu entdecken. Es konnte kein Zweifel darüber bestehen – der gestern noch so lebensrüstige Himmelmooser war eine Leiche.

Wildl war mit einem lauten Aufschrei des Schmerzes und Schreckens an derselben in die Kniee zusammengebrochen, hatte die herabhängende Hand des Todten erfaßt und überströmte sie mit Thränen, die ihn lange am Reden hinderten.

„Ist es denn möglich, Vater,“ stammelte er dann, „daß Du so geschwind dahingegangen bist, im Zorn und im Unwillen? Ich hab’ es so gut vorgehabt mit Dir, und jetzt ist Alles, Alles dahin. O Vaterl! O, nur noch ein einziges Mal mach’ Deine Augen auf!“

Der Pfarrer und der Bader waren indeß erschienen, mit ihnen der Gerichtsdiener. Er hatte eben im Dorfe Bestellungen zu machen und säumte daher nicht, bei diesem Vorfalle zugegen zu sein, der leicht seine amtliche Thätigkeit erfordern konnte. Der Bader hatte sich sofort mit dem Todten beschäftigt, während der Pfarrer die fast verzweifelnde Judika in ihren lauten Schmerzensausbrüchen zu besänftigen suchte, die andern Dienstboten und Nachbarn aber, deren Zahl immer größer geworden, umherstanden und sich über die Möglichkeit und Entstehung des Unglücks besprachen.

„Was brauchen wir da lange zu fragen?“ sagte der Gerichtsdiener. „Der Alte hat sich den Tod selber mit der Laterne gesucht; das hat er von seiner Knickerei! Vorgestern erst wäre ich bald mit den Brettern eingebrochen und hab’ ihm gesagt, er soll sie richten lassen. Aber sein Geiz und[WS 2] sein Trutz hat es nicht zugelassen. Nun hat er selber daran glauben müssen.“ „Ich weiß nicht,“ entgegnete einer der Knechte, indem er die Stelle kopfschüttelnd betrachtete, „ich mein’ alleweil, wenn er über die Grube gegangen wäre und die Bretter wären unter ihm eingebrochen, dann wäre er mit den Füßen gerade hinunter gefallen; dann hätte er sich am Rande anhalten können. Ich mein’ alleweil, er ist hinein geworfen worden und wohl gar so lange untergehalten, bis er den letzten Schnaufer gethan hat.“

„Aber wer sollte so etwas gethan haben?“ sagte eine der Mägde. „Schelme oder Diebsleute können es nicht gewesen sein; das Haus ist ganz offen, und es ist nirgends ein Schaden zu sehen; Alles ist im besten Zustande, und es fehlt nicht das Geringste.“

„Das kann schon sein,“ erwiderte der Knecht. „Dann sind die Schelme halt versprengt worden und haben keine Zeit gehabt zum Rauben. Da schaut nur her,“ fuhr er, auf den Boden deutend, fort, „da schaut, wie das nasse Gras um die Grube herum vertreten ist; man sieht deutlich die Fußtritte, und obendrein, daß es zweierlei sind. Ich lasse mir’s nicht nehmen – es sind ihrer Mehrere gewesen; der Bauer hat sich gewehrt und mit ihnen gerungen. Darüber ist er auf die Bretter gekommen; die haben nachgegeben, und das haben die Schelme benützt und haben ihn hinuntergestürzt.“

Während Alle emsig die Fußspuren besichtigten, fand der geäußerte Verdacht eine ebenso unvermuthete als unwiderlegliche Bestätigung.

Der Bader war eben mit der Reinigung und Untersuchung der Leiche zu Ende gekommen: er hatte Mund und Kehle so weit als möglich vom eingedrungenen Kalk befreit.

„Todt ist er,“ sagte er dann. „Das ist gewiß. Er kann [448] uns also nicht mehr sagen, wie das geschehen ist. Aber da sehe ich jetzt erst,“ fuhr er fort, indem er den rechten Arm des Todten, der an der Bank hinabgehangen war, emporhob, „die eine Hand ist glatt und offen; die andere macht eine Faust. Das thut Keiner, der im Fallen ist; der spreizt eher die Fingen auseinander, um sich anzuhalten. Es ist gerade, als wenn er etwas festhalten wollte in der geballten Faust.“

Nicht ohne Anstrengung öffnete er dieselbe und verstummte, mit einem ernsten Blicke unter den Umstehenden umherschauend.

„Schau! Jetzt kann der Todte doch noch reden,“ sagte er dann ernsthaft. „Jetzt wissen wir gewiß, daß kein Unglück geschehen ist, sondern eine Mordthat. Der Bauer hat offenbar mit dem Schelm gerungen, hat ihn gepackt, und da ist ihm das da in der Hand geblieben.“

Ein Schauder überlief die Versammlung, und der Pfarrer faltete die Hände.

In der Hand des Todten lag ein abgerissener Hornknopf, auf welchem ein Hirschkopf abgebildet war.

Auch Wildl hatte sich erhoben und genähert.

Ueber die Todtenhand hinweg fiel der Blick Judika’s auf ihn: unwillkürlich und fast unwissend stieß sie einen grellen Schrei aus, daß Alle erschrocken aufsahen und ihre Augen, die gleiche Richtung verfolgend, ebenfalls sich auf Wildl hefteten.

Alle standen eines Athems Dauer starr und stumm, der Pfarrer aber hob die Hand gegen den Himmel und rief mit erschütterter Stimme:

„Gott der Gerechtigkeit! Deine Wege sind wahrhaft wunderbar.“ Dann streckte er gebieterisch die Hand gegen Wildl aus, der sich wieder der Leiche zuwenden wollte. „Zurück von diesem Todten!“ rief er feierlich. „Du hast kein Theil mehr an ihm. Ist es denn wirklich möglich? Soweit hat Dich die Habsucht und die sinnliche Begierde verführt? So entsetzlich hat Dich Gott verlassen, daß Du es nicht erwarten konntest, bis er den alten Mann in die Ewigkeit abgerufen nach den Gesetzen der Natur? Zurück von diesem Todten, Du – ärger als Kain! Zurück, Vatermörder!“

Wildl stand ihm gegenüber wie versteint und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Ein glühendes Roth überzog Stirn und Gesicht, um mit dem nächsten Athemzuge todtenhafter Blässe zu weichen. Er bebte und tastete um sich, als suche er etwas, woran er sich halten könnte, um nicht zusammenzustürzen.

„Aber um Gottes willen, Hochwürden, was denken Sie denn?“ stieß er mit zuckenden Lippen hervor.

„Fragst Du noch?“ rief der Geistliche wieder, indem er den Knopf in die Höhe hielt. „Blicke hierher! Dieser Knopf ist der stumme Zeuge Deines Verbrechens. Im Ringen mit seinem Mörder hat Dein armer Vater denselben daran gefaßt und ihn losgerissen, daß er in seiner Hand geblieben. Blicke dann auf Deine Brust und sieh, daß dort ein Knopf fehlt, daß er gerade zu den anderen paßt und daß die Spur des gewaltsamen Abreißens an Deinem Gewande unverkennbar ist.“

Zusammenzuckend griff Wildl nach der Joppe – es war richtig. An derselben war wirklich ein Knopf losgerissen; der in der Todtenhand paßte dahin und glich den übrigen. – Wie Jemand, der an seinen Sinnen irre zu werden beginnt, faßte er sich mit beiden Händen nach dem Kopfe, der ihm zu zerspringen drohte.

„Jesus, Maria und Joseph!“ stotterte er. „Was wollen Sie von mir, Herr Pfarrer? Der Knopf ist nicht von mir – der an meiner Joppe ist abgerissen, wie ich gestern Nachts auf die Brünnl-Alm hinaufbin; da bin ich am Gewänd in den Absturz hinuntergerutscht.“

„Schlechte Ausrede!“ erwiderte streng der Pfarrer. „Ich wollte, ich könnte Dir jetzt einen Spiegel vorhalten, damit Du sähest, wie auf Deinem Angesichte, wie in Deinem ganzen Wesen das grauenhafte Bekenntniß Deiner furchtbaren Schuld geschrieben steht. Und Du wagst es, zu dieser entsetzlichen That noch die Lüge und die Verstellung zu fügen, statt in Reue zu vergehen? Rede, bekenne, wie kommst Du gerade jetzt hierher? Wohl um Dir den Schein der Unbefangenheit zu geben? Rede: Wo warst Du diese Nacht? Wo in der Stunde des Verbrechens?“

„Ich bin im Walde gewesen,“ stammelte Wildl, „und habe in der Heuhütte übernachtet.“

„Und der Beweis? Hast Du einen Zeugen dafür?“

„Keinen andern als unsern Herrgott!“ war Wildl’s schwache Erwiderung.

„Frevler!“ rief der Pfarrer wieder. „Mißbrauche und entweihe nicht den Namen des Ewigen, der so sichtbar selbst als Zeuge gegen Dich auftritt! Alle Anzeichen sprechen gegen Dich. Der Unglückliche stand Dir im Wege, Deinen Zweck zu erreichen; Du hast in offener Feindschaft mit ihm gestanden. Gestern noch warst Du eben im Begriffe thätlich Hand an ihn zu legen. Du bist aus dem Gewahrsam, in den man Dich zur Vorsicht gebracht, entwichen, und Du hast noch die Stirn, zu leugnen?“

„O, wir haben schon Mittel, ihn zum Reden zu bringen,“ sagte der Gerichtsdiener, indem er näher trat und einen Strick aus der Tasche zog. „Jetzt fängt mein Geschäft an. Her mit den Händen! Wildl, laß Dich binden! Gieb Dich gutwillig, wenn ich Dir gut zum Rathe bin! Du bist mein Arrestant.“

Wildl schrie auf, als der Scherge sich ihm näherte und er den entehrenden Strick gewahrte. Er schien sich zur Wehr setzen zu wollen, aber die Anspannung der Nerven und die Erregung des Blutes war zu groß – plötzlich, wie vor die Stirn getroffen, stürzte er bewußtlos[WS 3] zu Boden.

Der Gerichtsdiener machte sich daran, den Bewußtlosen zu binden. Er kam aber nicht dazu. Judika, welche bisher gleich einer Bildsäule dagestanden, kehrte auf einmal zum Leben wieder und stieß ihn zurück.

„Weg da,“ sagte sie, „das braucht’s nicht beim Wildl. Einen, der sich nicht rühren kann, bindet man nicht, und wenn der Wildl wieder bei ihm selber ist, thut er keinen Widerstand; das weiß ich. Wenn er sieht, daß es einmal nicht anders sein kann, wird er sich in den Willen Gottes geben und selber mit Ihm auf’s Landgericht gehen.“

Es war etwas in Judika’s Wesen, was es dem Gerichtsdiener nicht räthlich erscheinen ließ, sein Vorhaben auszuführen. Er trat bei Seite, indeß die Knechte den zur Besinnung zurückkehrenden Burschen mit Wasser besprengten und vollends aufrichteten. Es kam, wie Judika vorausgesagt. Wildl war wie betäubt, aber er schickte sich an, dem Gerichtsdiener zu folgen, welcher anordnete, daß Jemand bei dem Todten wachen und daß man Alles so lassen solle, wie es sei, bis die Gerichts-Commission eintreffe.

„Das braucht Ihr mir nicht zu sagen,“ rief Judika unwillig. „Das sagt mir schon mein gesunder Menschenverstand. Der Bauer ist todt; der Sohn ist so gut wie todt; ich habe so lange auf dem Himmelmoos gehaust und Ordnung gehalten – ich werde es jetzt auch zuwege bringen.“




4.

Der Octobertag lag noch dunkel auf der Gegend, als vermöge die Nacht sich nicht von dem weithin gebreiteten weichen Schneelager zu trennen, obwohl schon die Stunde des Morgens und der Helle gekommen war. Durch den Nebel schienen bereits die beleuchteten Fenster der Bauernhäuser mit trübem Roth; die Drischeln ertönten schon mit gleichmäßigem Schlage aus den Scheunen; es waren die ersten und einzigen Zeichen, daß das Leben und das Tagewerk desselben den alten, gewöhnlichen Kreislauf wieder aufgenommen, daß Mühe und Sorge des Daseins wieder begonnen.

Mit doppelter Schwere lastete die Nacht und die nächtliche Stimmung auf einem kleinen Gemache des Gerichtsgebäudes, das als Gefängniß benutzt wurde. Die engen Eisengitter vor dem kleinen Fenster machten den Zutritt des Lichtes doppelt schwierig, und zum Ueberflusse stieg vor demselben ein festgefügter Holzkasten empor, welcher selbst von dem verdunkelten Himmel kaum einen handbreiten Streifen erkennen ließ. Auch in diesem Gemache war die Sorge schon wach, aber sie hatte nicht erst geweckt zu werden gebraucht; sie war die ganze Nacht hindurch auf und munter geblieben und auf dem schlechten Strohsacke gesessen oder hatte mit wenigen Schritten den Umfang der Zelle durchmessen, deren Bodenbretter von der gleichmäßige Bewegung früherer Bewohner bereits hohl getreten waren.

Es war eine Kerkerzelle, und der Eingekerkerte war Wildl.

Es war nicht mehr der frühere, stämmige und ungebeugte Bursche mit blühendem Angesichte und mit dem kecken Burschentrotze darin; es war eine müde und bleiche Gestalt, gebeugt wie [449] eine Karyatide, die sich am Gemäuer gegen die unentrinnbare Last stemmt, die ihr der Baumeister auf den Nacken geladen. Mit vorgeneigtem Haupte saß er auf dem Lager und starrte zu Boden; dann schauderte er fröstelnd zusammen, denn es war kalt in dem Gemache, und die eiserne Platte, welche als Rückseite des Ofens in die Mauer eingelassen war, hatte ihre Wärme längst ausgeströmt. Auch Wildl war es wie der Eisenplatte ergangen; das Feuer der Verzweiflung, das anfangs in ihm gelodert, war zur Asche herabgebrannt – das Toben war zum stumpfen Brüten und Dulden geworden, in welchem er nur darüber nachsann, wie plötzlich das Verhängniß über ihn gekommen war wie über einen Wanderer, auf welchen eine Schneelahn herabstürzt, die ihn erfaßt, in den Abgrund schleudert und lebendig unter dem Schnee begräbt. Anfangs hatte er gegen Gott und Himmel und gegen den Beamten getobt, der die Untersuchung führte und ihn verhörte; er hatte auf das Bewußtsein seiner Unschuld getrotzt, aber als er immer mehr erkennen mußte, daß er das Gewicht der Verdachtsgründe nicht zu verringern vermochte und durch dieses Benehmen seine Sache nur verschlimmerte, indem er den Verdacht des Richters verstärkte und diesen gegen sich einnahm, verfiel er in's Gegentheil. Er wurde finster, in sich gekehrt und wortkarg und zermarterte sich in Plänen, wie er die Anklage widerlegen könne.

Wenn der Richter ihm seine leidenschaftliche Gemüthsart vorhielt, von der wohl solche That zu erwarten war, so ermüdete er nicht, die kleinsten Dinge aus seinem Leben anzuführen, welche zeigen konnten, daß er wohl leichtsinnig, aber niemals bösartig gewesen; daß sein Auflodern nicht in der Verderbtheit seines Herzens seinen Grund gehabt, sondern in den unerträglichen Reizungen, in den Kränkungen, die ihm gerade an der Stelle widerfahren, welche gleich einer geheimen, schwärenden Wunde am wenigsten die Berührung ertrug. Er erzählte, daß er nur deshalb an den Hof gekommen, um die gefaßten guten Vorsätze auszuführen und sich mit dem Vater zu versöhnen; er meinte, dadurch müsse der Verdacht wegen seiner Anwesenheit am Orte der That vollkommen beseitigt sein. Den Vorhalt des Richters, daß ja der Knopf in der Hand des Ermordeten gefunden worden, daß ein solcher an seiner Joppe fehle und gewaltsam abgerissen worden sei, widerlegte er damit, daß solche Knöpfe zu Hunderten gekauft würden, daß an vielen andern Joppen sich ähnliche befänden, und daß man nur genau an der bezeichneten Stelle, wo er hinuntergestürzt, nachsuchen möge; sein dabei verlorener und abgerissener Knopf müsse gewiß zu finden sein, wenn nur in Laub, Gras und Gesträuch gehörig gesucht würde. Unverdrossen hatte der Richter jedes günstige und ungünstige Anzeichen erfaßt und bis in die kleinsten und fernsten Verzweigungen verfolgt, hatte eine Menge Zeugen abgehört und Nachforschungen aller Art angestellt – es war umsonst, der Verdacht war nicht zu widerlegen, es konnten aber auch keine Gründe zur Ueberweisung aufgebracht werden.

Unter den vorgerufenen Zeugen hatte sich natürlich auch das Mädchen befunden, das als Geliebte des Angeklagten umsomehr betheiligt erschien, als der Argwohn, daß die That nur um ihretwillen geschehen, sich unwillkürlich aufdrängen mußte, und als auch Wildl zu seiner Rechtfertigung sich darauf berief, wie er jeder Zeit sich gegen sie geäußert, wie er über die Feindschaft mit seinem Vater sich ausgesprochen und welche Verabredungen er mit ihr getroffen hatte. Die Ladung war jedoch vergeblich; Engerl war nicht aufzufinden; man wußte nichts von ihr, als daß sie am Tage des Unglücks auf den Himmelmooser-Hof gekommen war, um die Leiche zu sehen, daß sie an derselben bitterlich geweint und die kalte Todtenhand mit Thränen und Küssen bedeckt hatte, dann, daß sie so ergriffen gewesen, daß man sie beinahe besinnungslos hatte hinwegbringen müssen. Von dort war sie zu ihrem Bauern gegangen und hatte ihre Entlassung verlangt; sie könne, sagte sie, nicht mehr im Orte bleiben; sie wolle auswärts sich verdingen, um den Leuten und ihrem Gerede aus dem Wege zu gehen. Der Bauer hatte dies eingesehen und ihrer Entfernung nichts in den Weg gelegt. Wohin sie sich aber gewendet, war nicht zu ermitteln gewesen, und auf die Schreiben, die ihr vom Gerichte nachgesendet wurden, war eine Antwort noch nicht eingetroffen.

Nach damaligem Rechtsgange waren daher die Acten schon lange geschlossen und an das Obergericht eingesendet worden, welchem die Aburtheilung zustand.

Endlich war es draußen voller Tag geworden, aber Wildl wurde dessen kaum gewahr. Er war in einen Zustand wachen Träumens verfallen, in welchem er vor sich hinsah, als säße er nicht im Gefängniß, sondern draußen am grünen Heckenrain, bei der runden Capelle und Engerl neben ihm; als wäre nichts so Erschreckliches vorgefallen, reichte ihm Engerl die Hand und war guter Dinge und brachte ihm Botschaft, daß der Vater ausgesöhnt sei und nur auf sein Erscheinen warte, um sich auch mit ihm zu vertragen und ihrer Beiden Hände in einander zu legen. Wie ein plötzlich Erwachender fuhr er sich an die Stirn und sprang auf, als draußen die Riegel rasselten und bald darauf der Schlüssel im Schlosse gedreht wurde. Die Thür ging auf, und der dicke Gerichtsdiener, der zugleich das Amt des Schließers im Gefängnisse versah, stand mit der ausgelöschten Laterne in der Hand, mit dem Schlüsselbunde am Gürtel und neben sich seinen Fanghund auf der Schwelle, der lauernd und schnüffelnd durch die Spalte sah.

„So kommt Er doch noch zu mir!“ rief Wildl ihm entgegen. „Ich habe schon geglaubt, Er hat mich ganz vergessen, weil sich in dem Ofen nichts rührt, oder Er will mich erfrieren lassen, damit man mich auf die kürzeste Manier los wird.“

„Nicht raisonniren, Bursche!“ unterbrach ihn der Gerichtsdiener. „Ich weiß schon, was ich zu thun habe. Uebrigens wird heute gar nicht mehr eingeheizt in Seinem Ofen.“

„Nicht mehr? Warum denn?“ fragte der Gefangene. „Komm’ ich in eine andre Zelle?“

„Das wird Er schon erfahren, wenn Er jetzt hinunterkommt in's Verhörzimmer. Der Assessor wird Ihm schon sagen, wohin Er kommt. Ich weiß nur so viel: Sein Urtheil ist da.“

Wildl hatte sich bei dem Worte „Urtheil“ rasch erhoben; er fuhr wie erschrocken zusammen und stammelte dasselbe wiederholt mit bebenden Lippen nach: „Mein Urtheil!?“ sagte er. „Was das für ein dummes Wort ist! Ich habe ein gutes Gewissen und weiß, wie das Urtheil lauten muß, und doch bin ich beinahe erschrocken.“

„Das wird schon von dem ‚guten Gewissen‘ kommen,“ entgegnete spöttisch der Diener und stieß mit dem Fuße den Hund zurück, der, als Wildl auf seinen Wink die Schmecke überschritten hatte, sich wedelnd an diesen wendete und nicht übel gelaunt schien, ihm die Hand zu lecken.

„Was hat Ihm denn der Hund gethan, daß Er ihn so stößt?“ rief Wildl. „Vergönnt Er mir wohl nicht einmal, daß mich ein Hund anschaut? Komm her, Tiras,“ fuhr er fort und kraulte dem Thiere den breiten Kopf, den es zutraulich an ihn schmiegte. „Ich laß Dir nichts thun.“

Der Gerichtsdiener mochte sich den beiden Befreundeten gegenüber nicht stark genug fühlen – er blieb zurück und ließ den Arrestanten vor sich hergehen, der den Weg zum Verhörzimmer bereits nur zu wohl kannte.

Der Assessor, der die Untersuchung führte, war ein älterer Mann, dessen grauer Schnurr- und Knebelbart sammt Lodenjoppe vermuthen ließ, daß ihm die Jägerei mehr Vergnügen gewährte, als sein Amt. Er ließ den Inquisiten niedersitzen und schritt ein paar Mal an ihm vorüber, als müsse er sich auf das, was er zu sagen habe, erst besinnen. Er dachte nach, ob nicht eine List zu finden sei, den Angeschuldigten durch eine unvermuthete Frage zu verblüffen und von seinem hartnäckigen Leugnen abzubringen. Er liebte derlei Kunstgriffe und rühmte sich gern ihres Erfolges, indem er sich den Schnurrbart zu streichen und zu sagen pflegte: Ein tüchtiger Untersuchungsrichter müsse auch ein guter Jäger sein; er müsse dem Spitzbuben auf die Fährte kommen und ihn aus seinem Versteck herausbringen, wie einen Fuchs aus dem Bau.

„Euer Urtheil ist vom Appellationsgericht gekommen,“ sagte er dann nach einiger Zeit, indem er Wildl fest in’s Auge blickte, wie ein Schütze, der das Absehen und das Ziel auf seinem Stutzen zusammennimmt. „Wie meint Ihr wohl, daß es lautet?“

„Wie anders, als daß ich unschuldig bin?“ entgegnete Wildl mit hastiger Freude.

„Wenn es aber nicht so wäre?“ fuhr der Beamte fort und zielte mit seinen scharfen Augen noch schärfer auf sein Wild.

„Es muß ja so sein,“ rief Wildl, sich erhebend. „Und [450] wenn dieser Augenblick mein letzter wäre, ich kann’s nicht anders sagen, als daß ich unschuldig bin. – Wie könnte man mich also verurtheilen – unschuldiger Weise?“

Der Beamte sah wohl, daß Wildl sich keine Blöße gab, und stand kopfschüttelnd von seinem Vorhaben ab. „Und doch,“ sagte er dann, „ist es so: Ihr seid nicht freigesprochen; Ihr seid nur von der Instanz entlassen.“

„Was bin ich?“ fragte Wildl. „Das versteh’ ich nicht.“

„Ich werde es Euch schon ausdeutschen,“ war die Antwort des Assessors, welcher den inhaltsschweren Bogen ergriff und das lange Erkenntniß mit den Entscheidungsgründen verlas.

Es lag im damaligen Strafverfahren, daß zur Verurtheilung eines leugnenden Angeschuldigten ein ganz bestimmter Beweis vorgeschrieben war. Es mußten zwei der That vorausgehende Anzeichen oder Verdachtsgründe zugleich mit zwei gleichzeitigen und zwei nachfolgenden vollkommen erwiesen sein. Ohne diese Erfordernisse konnte eine Verurtheilung nicht erfolgen, sondern es mußte ausgesprochen werden, der Angeklagte könne zwar nicht überwiesen werden, allein er bleibe verdächtig, so daß die Untersuchung jeden Augenblick wieder aufgenommen werden könne, sobald irgend ein neuer Anhaltspunkt sich dazu ergebe.

„Das versteh’ ich nicht,“ wiederholte Wildl nach der Verlesung und Erklärung des Beamten.

„Ihr werdet’s schon lernen,“ wiederholte dieser, dem die Sache lästig zu werden begann, „wenn Ihr erst draußen seid.“

„Draußen?“ rief Wildl auflodernd. „Ich muß also nicht mehr im Gefängniß bleiben? Ich darf hinaus?“

„Ihr seid frei.“

„Frei! Und ich kann hingehen? Ueberall hin? Auch in’s Himmelmoos?“

„Wenn Ihr es selbst wollt, wenn Ihr Euch nicht davor scheut, kann es Euch Niemand verwehren. – Ihr könnt Euch bei dem Mörder bedanken, der Euren Vater in die andere Welt befördert hat. Ihr seid der einzige Sohn. Alles gehört also unbestritten Euch. Ihr habt nichts zu thun, als daß Ihr Euch bei’m Gemeindevorsteher meldet und ihm dieses Schreiben übergebt; der wird Euch dann das Weitere sagen. Der Gerichtsdiener wird Euch Eure Kleider und Alles geben, was Ihr mit in den Arrest gebracht habt, und dann macht, daß Ihr weiter kommt! Ich will für Euch wünschen, daß wir nicht wieder zusammen kommen.“

Ein Wink nach der Thür machte das Wort noch deutlicher, und wie ein Taumelnder verließ Wildl die Amtsstube, um vom Gerichtsdiener seine Effecten in Empfang zu nehmen. Er wußte kaum, wie ihm geschah, als dieser ihm nun seine Kleider statt der Gefängnißtracht wieder einhändigte. Nur die Joppe, woran der losgerissene Knopf fehlte, blieb mit diesem in den Händen des Gerichts zurück.

„Die Joppe bleibt schon da; man weiß nicht, ob man sie nicht wieder braucht,“ sagte der Gerichtsdiener höhnisch, denn es machte ihm immer Verdruß, wenn ein Angeschuldigter, den er einmal in seine Hand bekommen, wieder losgelassen werden mußte. „Ich habe schon vorgesorgt und eine andere Jacke für Euch holen lassen.“

Noch wie betäubt, trat Wildl durch das vom Gerichtsdiener geöffnete Thor des Gefängnisses in’s Freie, und die kalte Octoberluft, welche ihm ein Gewirbel von Schneeflocken entgegentrieb, weckte ihn zur völligen Besinnung.

Der Weg nach dem Dorfe und seiner Heimath betrug nur wenige Stunden und war in kurzer Zeit zurückgelegt. Freude und Verlangen trieben den Befreiten vorwärts, etwa wie einen Vogel, der, dem Käfig entronnen, dem Walde zustrebt und fast noch ungläubig die Schwingen prüft, ob sie in der langen Rast die alte Flugkraft nicht verloren haben. Durch das lange Sitzen des Gehens entwöhnt, schienen die Füße ihn nicht mehr tragen zu wollen; einigemale mußte er anhalten und aus tiefster Brust aufathmen, als wolle er Kerkerluft und Kerkergedanken von sich stoßen und den Hauch der neuen Freiheit einziehen. Und welche Gedanken, welche Vorsätze, welche Gefühle des Glücks zogen damit in seine Seele! Wie wollte er das Andenken des unglücklichen Vaters ehren und zeigen, wie sehr man ihm Unrecht gethan mit dem Verdacht! Er wollte aus dem Himmelmoos einen Musterhof machen, daß alle Welt erkennen sollte, daß er auch hierin der tüchtige Erbe eines tüchtigen Vaters geworden. Der Mittelpunkt all’ seiner Hoffnungen aber war der geträumte künftige Haushalt, war eine weibliche Gestalt, die in demselben schaltete und waltete. Diese glückliche und zufriedene Häuslichkeit sollte die Leute vollends beruhigen und dem Gestorbenen, wenn er vom Himmel herunter zu schauen vermöge, beweisen, wie sehr er Unrecht gethan, sich seinem Vorhaben zu widersetzen. Allmählich hatte Wildl sich so ganz in diese Bilder hineingedacht, daß sie ihm als Wirklichkeit erschienen. Die düstern Gebilde des Kerkers waren mit der Kerkerluft vollends von seiner Seele gewichen, wie Thalnebel vor der steigenden Sonne, und freudig strömte ihm das Blut zum Herzen, als er die letzte kleine Anhöhe erreicht hatte, von welcher in der Ferne der Kirchthurm seines Dorfes und seitwärts das überschneite Dach der Heimath zum ersten Male zu überblicken waren. Unwillkürlich blieb er stehen, schwang den Hut über dem Kopf und stieß einen gellenden Juhschrei aus, wie ein Bergschütze, der einen steilen Gemsgrath erstiegen.

Von der Erschütterung der Luft fielen die Schneeflocken von den Bäumen, und ein erschrecktes Rabenpaar fuhr mit schlagenden Flügeln vom Felde auf.

Noch rascheren Schrittes eilte er die Anhöhe hinab, gegen das Dorf zu, über dessen Dächern graue Rauchsäulen aufstiegen und verkündeten, daß man dort mit den Vorbereitungen zum Mittagessen beschäftigt sei; zugleich tönte vom Thurme das bekannte Glockengeläute, welches den Mittag ankündigte und die zerstreuten Arbeiter aus Feld und Scheue in’s Haus um den gemeinsamen Tisch versammelt. Der gewohnte Anblick und die freundlichen Klänge drangen, weil lange entbehrt, ihm um so erweichender an’s Herz; er sehnte sich nach dem Wiedersehen und spielte mit dem Gedanken, wer von seinen Bekannten oder Genossen es wohl sein würde, der ihm zuerst begegnen würde. Er lachte vor sich hin, als er in einiger Entfernung eine Anzahl von Kindern bemerkte, die, auswärtigen Ortschaften oder Einzelhöfen angehörend, eben aus der Schule kamen und schreiend, scherzend und mit Schneeballen werfend einher eilten, um das väterliche Haus und den gedeckten Tisch noch zur rechten Zeit zu erreichen. Jauchzend kam der Schwarm heran und war noch wenige Schritte entfernt, als die Kinder, plötzlich verstummend, anhielten, wie wenn ihnen etwas Entsetzliches in den Weg getreten wäre. Beide Theile standen sich so lange zweifelnd gegenüber, wie das Auge Zeit braucht, sich zu öffnen und zu schließen; dann brachen die Kinder abermals in noch lauteres Geschrei aus und stäubten wie eine Schaar wilden Geflügels, das der Jäger aufgescheucht hat, in der Richtung eines Seitenpfades auseinander, der, halb verschneit, wieder in’s Dorf zurückführte. Die meisten Kinder stießen blos unbestimmte Laute des Schreckens aus; nur einer der Aelteren und Keckeren schrie während des Davonlaufens mit lauter Stimme: „Lauft, Buben! Lauft, was Ihr könnt! Das ist der Himmelmooser Wildl, der seinen Vater umgebracht hat.“

[467] Wildl wußte nicht, wie ihm geschah, als er das Entsetzen sah, das er den Kindern einflößte. In der ersten Aufwallung wollte er den Buben nach, um sie zu züchtigen, aber er fand die Kraft nicht dazu; denn im Augenblick loderte es vor seinen Augen wie die Flammen eines plötzlich ausgebrochenen Brandes empor, der ihn selbst, sowie seine Aussichten und Hoffnungen beleuchtete – der Stern der Hoffnung, der ihm bis zu dieser Stelle geleuchtet, war also nichts gewesen als ein Stern in einem Feuerwerk, das für einen Augenblick die ganze Gegend mit einem Lichtmeer übergießt, um sie dann in desto tiefere Finsterniß zu versenken. Die Verstimmung währte indeß nicht lange; er überredete sich bald selbst, daß es nur Kinder gewesen, welche die Verhältnisse nicht zu beurtheilen vermöchten und bald anders denken würden, wenn die Eltern und anderen Dorfbewohner durch ihr Betragen bewiesen, daß die entsetzliche Beschuldigung, die sie ausgesprochen, nichts mehr sei als leeres Gerede. Er sah von Weitem, wie die Kinder im großen Bogen sich wieder der Straße näherten, und schritt dem Dorfe zu, dessen erstes Haus, ein Wirthshaus, ihn gastlich und um so mehr anzog, als es ihm von den Jahren seines Dorfaufenthalts wohl vertraut war. Wie ein vom Platzregen überraschter Vogel die Wassertropfen, suchte er den Eindruck der Kinderbegegnung abzuschütteln, drückte den Hut fester in die Stirn und murrte vor sich hin. „Dumme Buben! Was verstehen die davon? Der Hund des Gerichtsdieners ist gescheidter als sie; er hat mir die Hand geleckt.“

Er vollendete nicht; denn das Gasthaus war erreicht, aus welchem ihm die Laute eifrigen Gesprächs, zeitweise mit lautem Lachen untermischt, wie grüßend entgegentönten. Es war allerdings nicht um die Zeit, zu welcher die Dorfbewohner sich daselbst einzufinden pflegen, aber die Bauern hatten heute eine Berathung wegen eines Weges zu pflegen, den das Landgericht gebaut haben und gegen welchen man sich sträuben wollte. Deshalb war die Stunde nach dem Mittagsessen zur Zusammenkunft gewählt worden, und an ein paar zusammengeschobenen Tischen saßen die Berather hinter ihren Krügen bedächtig beisammen, während in einem Vorderstübchen ein paar jüngere Bursche sich aufhielten, deren Aussehen verrieth, daß sie zu jener Art von Stamm- und Wandergästen gehörten, die selten in einem Wirthshause fehlen und die man gewöhnlich Tagediebe nennt, wenn sie noch nicht völlig zu Lumpen und Verbrechern geworden sind. Sie hatten eine Cither vor sich auf dem Tisch, auf der sie herumklimperten, unbekümmert um die wichtigen Gespräche der Bauern, die sich hinwieder auch nicht daran stießen, wenn hie und da Cither und Gesang etwas laut wurden, und besonders die Kellnerin, eine derbe, lebfrische Dirne mit rothen Backen und Lippen und ein paar überlustigen Haselnußaugen, mit unverhaltener Stimme Schnaderhüpfeln sang.

Einer der Bursche war Fazi, der Maurer. Er trug eine hellblaue Soldatenjacke, von welcher der Kragen als militärisches Abzeichen losgetrennt war; er mochte dem Krug bereits wacker zugesprochen haben, denn er war ausgelassen lustig und schon der Grenze nahe, wo die Erregung des Trunkes in Abstumpfung und Betäubung überzugehen anfängt.

Wildl war eingetreten und hatte mit leichtem Gruße an einem leeren Tische in der Nähe des Ofens Platz genommen. Mit seinem Eintreten war es, als ob das rauschende Wasser an einem Mühlwehr gestellt worden wäre; das Gesumm der Stimmen verstummte wie auf Befehl oder Verabredung, und augenblicklich wurde es in der Stube so still, daß man den Perpendikel der großen Standuhr hörte, der gleich und unabänderlich fortging, wie der hörbar gewordene Pulsschlag der Zeit.

Wildl war es zu Muthe, als ob ihm das Herz stille stehen wollte; er vermochte kaum der Kellnerin Antwort zu geben, die kurz nach seinem Begehren fragte, und ward es nicht gewahr, daß sie, Krug und Brod abgewendet und flüchtig vor ihn hinstellend, es nicht einmal der Mühe werth fand, das jedem Gaste gebührende und landesübliche „Gesegn’ es Gott!“ auszusprechen. Vom Tische der Bauern tönte ebenfalls kein grüßendes Wort, aber der Blick der Meisten ruhte verwundert auf ihm, während Andere in ihre Krüge hineinsahen, wie um einen unangenehmen Anblick oder einer Nöthigung zum Gruße auszuweichen. Wie sollte Wildl diesen allgemeinen Zeichen der Geringschätzung entgegentreten? So sehr auch das Blut in ihm aufwogte, er fand keinen Ausweg, kein Wort der Erwiderung. Er hatte gehofft, daß die Thatsache seiner Freilassung genügen würde, ihn in der allgemeinen Meinung herzustellen; jetzt ward ihm plötzlich die ganze furchtbare Bedeutung des über ihn ergangenen Richterspruches deutlich, er erkannte, daß er den Verdacht an seinem Fuße gleich einer unsichtbaren Kette nachschleppte, an welcher man ihn jeden Augenblick zurückzuziehen vermochte. Er konnte den argwöhnischen Augen nicht offen entgegentreten, denn er las darin: „Was willst Du von uns? Du bist verdächtig und kannst nicht verlangen, daß wir besser von Dir denken als das Gericht.“

Um das Maß seiner Erregung voll zu machen, war Fazi sofort [468] bei seinem Anblick aufgesprungen, hatte seinen Krug erfaßt und schickte sich mit etwas unsicherem Schritt an, dem unvermuthet erschienenen Bekannten seinen Gruß zu bringen. Konnte es noch eine stärkere Demüthigung geben, als die bereits erlittene war, so lag sie darin, daß der zweideutige Bursche der Einzige war, der ihn in der Freiheit und der Heimath willkommen hieß. Fazi kam übrigens damit nicht so leicht zu Stande. Da er ohnehin im Begriffe war seine Wanderung fortzusetzen, wollte er vorher von der Kellnerin Abschied nehmen, die seinen Worten nicht ohne Gefallen lauschte. Er schien ihr dringend eine Frage an’s Herz zu legen und eine bestimmte Antwort oder ein Versprechen zu verlangen, worauf das Mädchen endlich lachend in die gebotene Hand einschlug.

„Grüß Dich Gott!“ rief er, als er endlich losgekommen war. „Treffen wir da wieder zusammen?“

Wildl wandte sich und schien die Begrüßung nicht beachten zu wollen. „Geh’ Deiner Wege!“ rief er, „ich habe nichts mit Dir zu schaffen.“

„Oho,“ erwiderte der Andere. „Giebst Du’s noch immer so hoch? Ich meine, Du solltest wohl vom hohen Roß heruntersteigen, aber meinetwegen thu’ Du wie Du willst! Mir kann’s recht sein. Ich halt’ Dir doch mein Wort und sage keinem Menschen, wo wir mit einander übernachtet haben. Behüt’ Dich Gott, neuer Himmelmooser! Laß’ fein die Kalkgrube richten hinterm Haus, damit es Dir nicht auch geht, wie dem Alten, dem Du so gleich siehst! Das lange Sitzen hat Dich ein bissel mitgenommen, daß Du schier gerade so aussiehst.“

„Wirst Du mich in Ruh’ lassen, Du Lump?“ zürnte Wildl. Der Andere aber fuhr ihn unterbrechend fort: „Auch die Stimm’ ja ganz die nämliche – wirst Dich auch schon auswachsen auf den nämlichen Pfennigfuchser und Leutschinder. Thut nichts. Deßwegen sind wir doch auf einer Schulbank gesessen, Du vorn und ich immer hinten dran, und ich bin doch der Gescheidtere ’worden, denn ich sehe, wohin Du es gebracht hast mit all’ Deiner Gescheidtheit.“

Er brach in lautes Gelächter aus und beugte sich spöttisch vor, indem er mit beiden Händen auf die Kniee klatschte.

„Der Alte,“ rief er, „der auf so spaßige Weis’ den Weg in die Kalkgrube gefunden hat, hat meine Schnadahüpfeln auch nicht leiden können, und ich habe doch Recht damit.“

„Der g’scheidteste Vogel
Muß der Gugetzer sein.
Die andern bau’n d’ Nester
Und er setzt sich ’nein –“

sang er, indem er nach der Thürklinke tappte um das Zimmer zu verlassen. Wildl hatte ein Gefühl, als ob er unter einer Traufe stünde, von der er bald mit brühheißem, bald mit eiskaltem Wasser übergossen würde; ohne klar zu wissen, was er that, und um doch etwas zu haben, woran er seinen Grimm auslassen konnte, sprang er empor. Blitzschnell hatte er Fazi an der Gurgel gefaßt und drückte ihn an die Wand, daß der Bursche kirschroth im Gesicht wurde. In demselben Augenblick aber fühlte er sich schon zurückgeschleudert. Der Wirth, der ebenfalls unter den Berathenden gewesen, ein Mann von riesenartiger Größe und Stärke, riß ihn los und drückte ihn unwiderstehlich auf seinen Platz nieder.

„Das giebt’s nicht in meinem Haus,“ rief er. „Da wird nichts gerauft. Willst noch Einen durchthun? Du hast wohl noch nicht genug auf dem Gewissen?“

Wildl taumelte beinahe – er fühlte, daß etwas geschehen mußte, um den widrigen Eindruck dieses Auftrittes zu zerstören; er sprang auf und trat zu den Bauern, an den Tisch, unter welchen sich auch der Vorsteher befand.

„Nichts für ungut! Ich kann nichts dafür, daß mich die Hitz’ übergangen hat,“ sagte er beinahe stammelnd. „Aber der Lump soll mich nicht tratzen. Ich will nichts, als dem Vorsteher das Schreiben da übergeben. Ich sehe wohl,“ fuhr er fort, „daß Niemand eine besondere Freude hat, daß ich wieder da bin. Das wird aber anders werden, wenn Ihr das Schreiben gelesen habt.“

Er kam nicht dazu, mehr zu sagen; denn der Vorsteher wies Anrede und Schreiben mit so entschiedener Geberde zurück, daß eine Erwiderung dagegen nicht wohl möglich war.

„Ich kann mir schon denken, was in dem Schreiben steht,“ sagte er. „Komm’ nachher nur in mein Haus! Jetzt hab' ich ’was Wichtigeres zu thun.“

Ohne ihn weiter zu beachten, kehrte er sich ab und wandte sich mit den Uebrigen wieder dem Tische zu. – Wildl stürzte seinen Krug aus, warf eine Münze auf den Tisch und rannte glühenden Angesichts hinaus in den winterlichen Tag.

Er stürmte dem Hause des Vorstehers zu, wo dieser auch bald darauf sich einfand und ihm merklich milderen Sinnes und Benehmens Zutritt in die Stube gewährte, in der er seine Geschäfte zu erledigen pflegte. Er achtete nicht auf die Winke seiner Bäuerin, welche in der Küchenthür stand und ihn aufmerksam machen wollte, doch mit dem gefährlichen Menschen nicht allein zu bleiben, während hinter ihr ein paar Kinder standen und sich an Schürze und Rock der Mutter anklammerten, in dem beruhigenden Gefühl, dadurch vor aller Gefahr geschützt zu sein.

Gleichgültig empfing und öffnete der Vorsteher das Schreiben, gleichgültig steckte er es in das Blei der kleinen, runden Fensterscheiben. Wildl sah ihm verwundert zu.

„Jetzt werdet Ihr wissen,“ sagte er, „daß ich frei bin.“

„Ja, ja!“ entgegnete dieser gelassen. „Es ist, wie ich mir gedacht habe. Frei bist Du, aber nur von der Instanz entlassen – oder wie das Ding heißt; das ist halt so eine eigene Sach’. D’rum steht da in dem Schreiben, daß Du unter Polizeiaufsicht stehst und jeden Tag um zwölf Uhr Mittags und Abends bei Gebetläuten Dich bei mir vorstellen mußt.“

Wildl, der sich auf eine entladende Handbewegung des Vorstehers auf der an den Wänden sich hinziehenden Bank niedergelassen hatte, wollte sich erheben, sank aber unwillkürlich auf den Sitz zurück.

„Was?“ stammelte er. „Nachher hätt’ ich nichts gewonnen, als daß mein Gefängniß größer ist?“

„Ja, ja, es ist halt nichts Ander’s,“ erwiderte der Vorsteher. „Das ist auch nichts Neues, und Du wirst Dich schon dreinfinden; es haben sich schon viele Andere dreinfinden müssen.“

Die Gemüthsstimmungen der Freude und Erhebung, des Grams und Grimms hatten in Wildl’s Herz seit diesem Morgen so oft gewechselt, daß er eines Augenblicks der Sammlung bedurfte, um sich klar zu machen, was ihm abermals Neues in den Weg getreten war. Der Vorsteher gewahrte es und fuhr wiederholend fort:

„Es ist einmal nicht anders, sag’ ich Dir. So geht’s, wenn man in solche Geschichten hineinkommt. Ich hab’ das als Vorsteher schon öfters erfahren. Und wie hast Du’s jetzt im Sinn?“

„Wie anders,“ fragte Wildl entgegen, „als daß ich mich auf das Himmelmoos setze und forthause. Es gehört ja mein.“

„Das ist keine Frage – das Gut gehört Dein und all das Geld dazu, das bei Deinem Vater gefunden worden ist; Du wirst es wohl wissen: droben im Wandkästl über eine Stiege. Es können wohl ein paar Tausend Gulden sein. Sie liegen beim Pfarrer verwahrt. Du kannst sie alle Stunden erheben. Aber ich fürchte, mit dem Forthausen wird es halt doch nicht gehen.“

„Warum nicht? Wer könnte mir was anhaben?“

„Nun; wie’s halt geht,“ entgegnete der Vorsteher. „Anhaben kann Dir freilich Niemand was, aber es hängt Dir halt doch an. Hast es ja vorhin im Wirthshaus deutlich genug sehen können. Wenn das Gericht Dich nicht gerade verurtheilt, aber auch nicht freispricht, so ist in der ganzen Gemeinde kein Mensch, der nicht glaubt, daß Du es doch gethan hast, wenn man Dir’s auch nicht beweisen kann. Ich mein’ drum, Du solltest den G’scheidteren spielen, Dich um die Erlaubniß bewerben, auszuwandern und in die neue Welt gehen – in der Heimath wirst Dich doch nicht halten können.“

„Das möcht’ ich sehen,“ rief Wildl erregt. „Ich will den Leuten beweisen, daß sie unrecht thun, mich so auf den bloßen Schein hin zu verurtheilen. Ich will den Hof zusammenhalten, daß Jeder seine Freude daran haben und sehen soll, daß der Segen darauf liegt – und der Segen würde wohl nicht darauf liegen, wenn ich auf solche Art Bauer im Himmelmoos geworden wäre.“

„Kannst es ja probiren,“ begann der Vorsteher wieder. „Du wirst keine Dienstboten kriegen, wirst herunterkommen und zuletzt den Hof um ein Spottgeld losschlagen müssen, während Du jetzt ein schönes Gebot haben könntest. Ich selbst weiß gleich einen Bauer, der gerne zahlt, was er werth ist.“

Die begleitende Geberde dieser Worte ließ keinen Zweifel, daß er selber der Bauer war; er wollte eben die Summe nennen, aber Wildl ließ ihn nicht dazu kommen.

[469] „Ich will das Gebot gar nicht wissen,“ sagte er. „Es wäre doch umsonst. Das Himmelmoos ist mein; ich geb’ es nicht her, und wenn ich das Zehnfache von dem bekäme, was es werth ist, und was die Dienstboten anbetrifft, so mach’ ich mir keine Sorge – ich hab’ ein Paar tüchtige Arme und kann selber arbeiten. Die Judika und ich, wir kommen auch allein zurecht.“

„Die Judika?“ fragte der Vorsteher bedenklich. „Auf die wirst Du nicht rechnen können. Weißt Du denn nicht … Aber freilich, Du warst ja eingesperrt; da kannst Du ja nicht wissen, daß die Judika fort ist.“

„Das ist nicht wahr,“ fuhr Wildl auf.

„Sei so gut und straf’ mich Lügen!“ sprach lachend der Vorsteher. „Sie ist fort, gleich etwa vierzehn Tage, nachdem das Unglück geschehen war. Zuerst wohl hat sie gemeint, weil sie so lange den Hof zusammengehalten, würde sie ihn auch jetzt zusammenhalten, bis ein Ende herginge, aber nach den ersten Wochen hat sie gesagt, sie könnte es nimmer aushalten. Sie hat nicht gesagt, warum, aber das weiß ja doch jedes Kind.

„Und was weiß denn jedes Kind?“

„Daß es auf dem Himmelmooser Hof nicht geheuer ist,“ erwiderte der Vorsteher behutsam. „Es geistert – der alte Bauer geht jede Nacht um; er hat wohl keine Ruhe in der Ewigkeit, bis seinem Mörder sein Recht geschehen ist.“

Wildl war wie versteinert und wußte im Augenblicke nicht, was er erwidern sollte. Der Vorsteher behielt daher das Wort.

„Drum bleibt es bei dem, was ich gesagt hab’. Du wirst Dich hart thun, und es wird nicht gehen mit dem Forthausen.“

„Und wer ist denn jetzt auf dem Hof?“ brachte der Zuhörer mühsam hervor.

„Wer wird da sein?“ war die Antwort. „So gut wie Niemand. Der Baumann und eine alte Magd, blos damit das Haus nicht ganz leer steht. Die Oberaufsicht aber hat man mir aufgehängt, als ob ich nichts Anderes zu thun hätte. Das meiste Vieh hab’ ich verkauft und das Geld auch zum Pfarrer gelegt; nur soviel Kühe hab’ ich behalten, wie nothwendig sind für die paar Leut’. Das Beste ist, daß jetzt um diese Zeit mit der Feldarbeit nicht viel zu thun ist und das Ausdreschen nicht eilt. Jetzt kannst Du das Alles selber besorgen lassen, wenn Du doch forthausen willst, das heißt, wenn Du Dienstboten bekommst. Aber ich bleibe dabei: es wird schwer gehen. Die Geschichte von der Waitz (Gespenst) macht Alles scheu. Drum sag’ ich Dir nochmal: Du kannst nichts Besseres thun als verkaufen und fortgehen, dahin, wo Dich Niemand kennt. Mit Deinem Geld kannst Dich überall einrichten.“

Wildl schwieg noch lange. Er starrte vor sich hin, und es wollte ihm bedünken, als wäre ihm wohler zu Muthe gewesen, da er in der Kerkerzelle saß, und als thue sich vor seinen Füßen ein Abgrund auf, aber sein Vorsatz, sich dem Schicksal nicht kraftlos zu fügen und den Kampf mit demselben aufzunehmen, war unerschütterlich. Auch die schlecht verborgene Gier des Vorstehers, den Prachthof durch die Gespenstergeschichte zu entwerthen und ihn unter dem Preise abzudrücken, regte ihn zu trotzigem Widerstande an. Jetzt, wie er schon unterwegs vorgehabt, stand es wiederholt klar vor ihm, was er zu thun habe: sein Leben und seine Wirthschaft sollten alle Zweifler und Verleumder zu Schanden machen.

„Ich fürchte mich nicht vor dem Geist,“ sagte er dann, sich erhebend, „und will ein Wörtl mit ihm reden. Das mit dem Verkaufen aber muß ich mir erst überlegen und derweil schauen, wie ich halt zurecht komm’.“

„Hast Recht; kannst Dir’s ja überlegen,“ sagte der Vorsteher geschmeidig. „Probir’ es eine Zeitlang! Du kannst es mir ja immer sagen, wenn Dir die Lust kommt zum Verkaufen. Wir kommen ja oft genug zusammen.“

„Dasselbe glaube ich kaum,“ sagte Wildl nicht ohne Spott. „Ich werde nicht viel Zeit haben, in Heimgarten zu gehen, also werd’ ich auch nicht zu Euch kommen, wenn ich nicht muß.“

„Das ist’s ja gerade, was ich mein’,“ sagte der Vorsteher. „Es wird halt sein müssen. Du wirst Dich wohl erinnern, was in dem Schreiben steht. Hast es ja gehört, daß Du Dich, damit man Dich jeden Augenblick wieder packen kann, jeden Tag Mittags und Abends bei mir stellen mußt – Du wirst mit dem Gericht keine Händel anfangen wollen und also wohl thun, was es verlangt.“

Wildl konnte nicht gleich erwidern; er hatte keinen Athem, und die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er preßte beide Hände über der Brust zusammen, als ob er diese wieder der Luft öffnen und zugleich den Ausbruch des Zornes niederdämmen wollte, der in ihm aufstieg. Dann nahm er gelassen seinen Hut.

„Ich werde also thun, was ich muß,“ sagte er und wandte sich der Thür zu. An derselben blieb er stehen.

„Und wo ist denn die Judika hin? Wißt Ihr’s nicht?“

„Ich weiß es wohl,“ entgegnete der Vorsteher, „aber sagen darf ich’s nicht. Sie hat mir auf die Seele gebunden, daß ich es nicht eher sage, als bis sie es mir erlaubt oder bis Du den Hof verkaufen und von hier fortziehen willst.“

Knirschend biß Wildl die Zähne übereinander und verließ die Stube.

„Nun, wenn sie hat gehen können,“ murrte er, während er das Haus verließ, „dann werd’ ich es auch zuwege bringen ohne sie.“

Bedächtig und auf weitem Umwege schritt er dem Himmelmoose zu; er scheute jede weitere Begegnung. Bald stand er vor dem stattlichen Hause, an dessen Aussehen die wenigen Wochen nichts verändert hatten. Es lag da, so regungslos und still wie ein Todter, und mit Schnee bedeckt, als hätte man über denselben bereits ein weißes Tuch gebreitet, um ihn schon in den nächsten Stunden der Grube zu übergeben. Keine Fußspur zeigte eine betretene Bahn. Die Hausthür war fest verschlossen, und kein lebender Laut war zu hören, bis er um die hintere Hausecke herumgekommen war, wo die Ställe lagen. Dort tönte ihm das Gebell des Kettenhundes trotz seiner Rauhheit wie ein erfreulicher Willkomm entgegen; er trat zu dem Hunde und suchte ihn zu beschwichtigen, allein das Thier, obwohl es schon lange sich auf dem Hofe befand, schien ihn nicht mehr zu kennen; es bellte immer heftiger und zerrte an der Kette, als ob es dieselbe sprengen wollte.

Dafür ward ihm diesmal ein freundlicher Gruß aus Menschenmund, denn der Knecht, der einstweilen als Baumann auf dem einsamen Hofe geblieben, trat aus dem Stall hervor und kam ihm mit freundlicher Miene entgegen. Es war ein alter Mann mit dichtem struppigem Weißhaar und den unverkennbaren Zügen und Falten hohen Alters im Gesicht, aber noch voll männlicher Rüstigkeit in der hageren, beinahe nur aus Knochen und Sehnen bestehenden Gestalt. Auf der unscheinbaren Jacke hing ein kleines, nicht minder unscheinbares Kreuz: der Träger konnte sich von demselben nicht trennen; er trug es auf dem Sonntagsrock, wenn er zur Kirche ging, und heftete es auf das Arbeitsgewand; es war die ganze Freude seines Lebens, der Stolz seiner Erinnerung an den Feldzug nach Rußland und den schrecklichen Uebergang über die Beresina. Daß er auch unter den unglücklichen Kämpfern gewesen, daß er einer von den Wenigen gewesen, die das Vaterland wiedergesehen, war das Kleinod seiner Gedanken, und daß er am liebsten davon sprach und erzählte, war die Ursache, weshalb man ihm im Dorf in gutmüthigem Spott den Namen „der Rußländer“ gegeben hatte.

„Seid Ihr wirklich da?“ fragte er. „Haben sie Euch doch ausgelassen aus dem Schlaghäusel? Das ist recht. Ich bin schon im Dorfe gewesen und hab’ gehört, daß Ihr wieder da seid. Es thut Noth, daß ein Herr in’s Haus kommt. Es ist jammerschade um den schönen Hof und das ganze Sach’. Bisjetzt habe ich erhalten, was zu erhalten war – auf die Länge thut’s aber nimmer gut; es muß ausgedroschen werden und das Vieh muß wieder her.“

Wildl empfing diese Worte wie ein erquickendes Lüftchen, das die Stirn des verschmachtenden Wanderers umweht.

„Ja,“ sagte er, „ich bin wieder da und will dafür thun, daß der Himmelmooser Hof nicht herunterschwimmt. Ich sorg’ nur, ich bekomm’ keine Dienstboten. Und Du selber, alter Rußländer, willst denn Du bei mir bleiben?“

„Warum nicht?“ entgegnete der Greis bedächtig, indem er ihm fest in’s Auge sah. „Ich denke mir: Ihr seid der Bauer, und ich bin der Knecht – das ist mein ganzer Katechismus. Was es sonst zu bedenken giebt, das geht mich nichts an; das müßt Ihr mit dem Gericht ausmachen, mit unserm Herrgott und mit Euch selber.“

„Das ist es nicht allein,“ sagte Wildl, den Blick des Alten erwidernd und festhaltend. „Es geht ja auch sonst noch allerhand Gerede vom Himmelmooserhof.“

[470] „Aha!“ unterbrach ihn der Alte. „Habt Ihr auch schon davon läuten hören? Das ist wirklich nichts als Gerede. Ich hab’ schon gar zu Viele sterben sehen, als daß ich nicht wüßte, daß Keiner wiederkommt, der einmal den letzten Schnaufer gethan hat. Ein alter Rußländer, der sich, um und um voll Eiszapfen, noch mit den Kosaken herumgerauft hat, fürchtet sich vor keiner Waitz – da hat es immer geheißen, die Courage zusammennehmen; da ist es darauf angekommen –“

Der Rußländer war im Begriff, in sein Lieblingsgespräch zu verfallen, als die Magd hinzukam, eine ältliche Person, in Dienst und Arbeit verläßlich und brauchbar, aber sonst von etwas schwachem Geist, und darum keinen Grund findend, warum sie den ihr bekannten Sohn des Hauses nicht mit ihrem freundlichsten Gesicht begrüßen sollte. So verlief der Einstand besser, als Wildl gehofft hatte, und bald saß er mit dem Rußländer in der öden Stube, um Pläne für Haushaltung und Wirthschaft zu entwerfen. Am andern Tage sollte Geld beim Pfarrer erhoben werden und Wildl den Ankauf von Vieh besorgen, der Alte aber es übernehmen, Knechte und Mägde zu dingen; er glaubte mit Recht, daß Wort und Beispiel des Letzteren viel beitragen würde, die angebliche Scheu vor dem Himmelmoos zu beseitigen.

Darüber war es früh Abend und Nacht geworden. Das Haus lag verschlossen und verwaist; Knecht und Magd hatten sich in ihre Kammern begeben – auch Wildl suchte die seine und setzte das Oellämpchen auf den Tisch des kleinen Gemachs, aber er entkleidete sich nicht. Die Eindrücke des Tages waren zu heftig gewesen, als daß sie sofort hätten verstummen können; sie mußten langsam ausklingen, ehe für den Schlaf die Möglichkeit kam, im Gemüth einzuziehen. Wildl ließ sich in einem Winkel auf der Truhe, in der sich seine Kleider befanden, nieder, und die Gedanken gingen über ihn dahin, wie ein überquellender Bach. Der einmal in der Seele gekeimte Entschluß, auf dem Hause auszuharren, wurde immer fester, wie ein Bäumchen durch die Stürme, die es bewegen, nicht erschüttert wird, sondern mit immer tieferen Wurzeln in den Boden greift.

Der Gedanke an Engerl, die Sehnsucht nach der liebgewordenen Genossin seiner Leiden – das war es, was ihn nebenbei vollauf beschäftigte, und so kam es ganz natürlich, daß die beiden Gedankenreihen zuletzt in einander flossen und die Müdigkeit verscheuchten, wenn ja solche sich einzustellen begann.

Das Gemach lag an der Rückseite des Hauses, nur wenig über die Erde erhaben, in einer Art von Mittelstockwerk, vor dessen Fenstern die blattlosen Astkronen des Obstgartens sich kreuzten; leichte Läden waren davor angelehnt, aber so sorglos, daß sie nicht ganz fest anschlossen und von den Windstößen gerüttelt werden konnten. Solche waren in der Nacht immer mehr wach geworden und machten die Läden schüttern, daß sie befremdliche Töne von sich gaben, die einer fruchtbaren Einbildungskraft wohl vorkommen mochten wie menschliche Klagetöne. Wildl achtete lange nicht darauf; der Gedanke an Engerl, die Pläne, wie er sie auffinden, wie er zu ihr gelangen, wie er sie im Hause als Frau einführen könnte, umspannen ihn immer mehr wie die Ranken einer schnellaufstrebenden Schlingpflanze, und er war so ganz darin verstrickt, daß er fast erschrocken auffuhr, als die Schwarzwälderuhr, welche nebenan in der einstigen Schlafstube des alten Himmelmoosers hing, zum Schlagen aushob und mit eigenthümlich singendem Tone Mitternacht schlug.

Aufhorchend blickte er um sich her; denn gleichzeitig hatte ein mächtiger Windstoß abermals an den Läden gerüttelt, als ob eine starke Hand sie von außen aufzustoßen versuchte. Unmittelbar darauf aber trat wieder Ruhe ein; nur die Zweige rauschten ein wenig nach; als auch sie verstummten, war es so still, daß man von draußen her jeden Laut, jeden Tritt hören mußte.

Plötzlich drang durch die augenblickliche Stille ein eigenthümlicher Klang; die Fensterläden flogen auf, daß sie rücklings an den Wänden zu beiden Seiten anschlugen, und zugleich klopfte es deutlich an der Fensterscheibe – es war ein Ton, welchen der Wind nicht hervorbringen konnte und der unverkennbar von den Fingern einer Menschenhand herrührte, die an die Scheibe geschlagen hatte.

„Was der Wind für eine Gewalt hat!“ sagte Wildl, sich erhebend, und schritt zum Fenster. „Oder sollt’ an dem Gerede von der Waitz doch etwas Wahres sein? Das ist ja gerade die Geisterstunde. Ich muß den Laden nur wieder anlegen, sonst giebt’s die ganze Nacht keine Ruh’.“

Er stellte die Lampe bei Seite, damit beim Oeffnen des Fensters nicht ein plötzlicher Windstoß dieselbe auslösche. Er hatte auch ganz recht mit dieser Vorsicht, denn als er das Fenster öffnete, fuhr der Wind wie absichtlich mit einem gierigen Stoße in die Stube, daß er Mühe hatte, die Läden zu fassen und wieder anzulegen. Als er sich wieder der Stube zuwendete, war es klar, daß es nicht der Wind allein gewesen, der die Läden losgemacht, sondern daß wirklich ein Mensch an die Scheibe gepocht hatte. Mitten in der Stube lag, feucht vom Schnee, ein Blatt Papier auf dem Boden, offenbar von Jemand auf das äußere Sims gelegt und vom Winde hereingeweht.

Er nahm es auf. Es war ein Stück groben Papiers, von ungeübter Hand beschrieben, mit Zügen, welche durch die Witterung noch undeutlicher geworden waren, als sie schon an sich gewesen. Er zog den Docht der halb erlöschenden Lampe in die Höhe und las:

„Lieber Bub’! Du wirst schon erfahren haben, daß ich fort bin, weil ich den Leuten aus dem Wege gehen will und auch Dir. Ich kann mir wohl einbilden, daß Du mich suchen wirst, ich will mich aber nicht finden lassen, es ist ja doch aus mit uns zweien für diese Welt. Es hat nicht sein sollen, daß wir zusammenkommen, und darum will ich nicht haben, daß Du an mich denkst. Aber nein! Das will ich auch nicht haben. Ich möchte schon, daß Du an mich denkst, weil ich auch an Dich denken werde, bis ich todt bin. Deswegen schreibe ich Dir, daß Du thun sollst, als wäre ich nie auf der Welt gewesen. Es wäre eine Sünde, wenn wir zwei zusammenkommen wollten; also könnte auch kein Glück dabei sein und kein Segen. Darum frage mir nicht nach! Du kannst mich doch nicht auskundschaften, und wenn Du es auch könntest, Dein todter Vater steht zwischen uns. Ich will Dich nicht verdammen, aber leben könnte ich nicht mit Dir. Also, behüt’ Dich Gott, lieber, lieber Bub’! Laß Dir’s gut gehen, recht gut! Ich bet’ schon für Dich. Ich sag’ Dir noch ’mal von Herzen tausend: Behüt’ Gott! Engelberta.“ Etwas weiter unten stand noch eine Zeile:

„Da ist eine Zäher auf meinen Namen gefallen und hat ihn fast ausgelöscht. Du wirst es aber doch schon lesen können, wer das geschrieben hat.“

[483] Noch geraume Zeit, nachdem er gelesen, starrte Wildl auf das Blatt und beugte sich darüber – die Spannung, die den ganzen Tag über angehalten, ließ nach; eine Thräne trat ihm in’s Auge und kugelte über Wange und Bart auf den Brief, gerade auf die Stelle, wo Engerl’s Thräne den so theuren Namen bis zur Unkenntlichkeit gelöscht hatte.

Es stand Alles wirklich so da. Je heißer seine Gedanken und Wünsche noch eben bei der Geliebten verweilt, je plötzlicher erkalteten und erstarrten sie nun, als wäre ein Guß eiskalten Wassers über schmelzendes Erz geschüttet.

„Also sie glaubt es auch,“ sagte er mit gebrochener Stimme vor sich hin. „Sie kann es auch glauben; sie hat nicht das Herz, zu mir zu halten. Dann ist auch ihre Liebe nicht die rechte; dann muß ich schon schauen, wie ich einschichtig zurechtkomme.“ Er öffnete den großen, mit bunten Blumen bemalten Kasten, der in der Kammer stand, und wollte das Blatt zu den übrigen dort aufbewahrten Erinnerungszeichen der Jugend legen; dann trat er zurück, schloß hastig die Thür und riß dafür das Fenster auf: er zerriß den Brief in Stücke und übergab sie dem Sturmwinde, der sie bereitwillig von hinnen trug.

Es war der letzte Anprall des Sturmes gewesen, der nun die Flügel sinken ließ – auch die Bewegung in Wildl’s Innern ließ nach und wurde zu einer Betäubung, welche der Ruhe glich, in welcher endlich die Gegenwart ihr Recht behauptete und Vergangenheit und Zukunft in tiefem Schlafe in einander verrinnen ließ.

Der Morgen traf Wildl bereits über der Ausführung der Vorsätze des gestrigen Tages. Der Gang zum Pfarrer war gethan, und der Rußländer hatte bereits seinen Umgang angetreten. Wildl ging dann selbst auf den Viehkauf; Beide mit ersprießlichem Erfolge: weder die Scheu vor dem halbgebannten Verbrecher, noch die Gespensterfurcht hielt vor dem Gelde Stand, das Einer wie der Andere freigebig bot und gab. Schon am andern Tage waren viele Hände im Himmelmoos beschäftigt, und zwischen den Arbeitern schritt der neue Bauer hin und wider, der inzwischen nicht um einen Tag, sondern um ein Jahr gealtert schien; so ernst, so wortkarg ging er einher. Es war etwas in ihm, was den Dienstboten wie auch den anderen Leuten eine Art Scheu einflößte. Man ließ ihn gehen und gewähren und raunte sich höchstens zu: „Der greift’s scharf an. Wollen sehen, wie lange das geht. Auf die Dauer kann er das Gewissen doch nicht todtschlagen.“

So war der October zu Ende gegangen, und der November brachte das Fest Allerheiligen und mit ihm den Allerseelentag, den Tag, an dem jede Gemeinde und jedes Haus seiner Todten gedenkt und Jedermann auf den Kirchhof geht, um die Gräber seiner Lieben und Angehörigen zu besuchen, zu schmücken und sich Gedanken darüber zu machen, wann und wie es wohl kommen werde, daß man unter den Hügeln, die man jetzt ziere, selber begraben liege. Es ist nicht blos ein sinniges, sondern auch ein schönes Fest, und es bietet einen lieblichen Anblick, wenn die Gräber, welche das Jahr hindurch über den vielen Geschäften des Hauses und über der Arbeit im Felde ziemlich in Vergessenheit geriethen, den Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit bilden. Die eingesunkenen Hügel werden aufgerichtet und neu geformt, die wankenden Kreuze befestigt, die vom Regen verwaschenen Inschriften übermalt und die verdorrten Kränze gegen neue vertauscht. Am Tage selbst aber werden die Hügel geziert, wie es zu so später Jahreszeit möglich ist. Die immergrüne Stechpalme mit ihren saftigen Blättern, das graue Bartmoos der Fichten, die steife Strohblume und hier und da eine verspätete Aster werden zum Kranze verwendet, den ländlichen Hauptschmuck aber bildet immer die korallenrothe Frucht der Hagebutte, die sich gefällig zu Kränzen und Gewinden fügt und, wenn bereits Schnee auf dem Hügel liegt, durch ihre lebhafte Farbe sich besonders freundlich von dem blanken Hintergrunde abhebt. Die schönste Zierde, zumal an Tagen, wo der Wind eingeschlafen zu sein scheint, sind freilich die Lichter, mit welchen die Gräber besteckt werden – ein Zeichen, daß das Lebenslicht des Menschen ebenso leicht vor einem Windhauche erlösche und daß die Liebe, wenn auch das irdische Licht erloschen, dennoch wie das ewige Licht ohne Ende fortbrenne und dadurch sichtbar die Gestorbenen mit den Lebenden verbinde.

Der Tag neigte sich stark zu Ende. Es war schon so dämmerig, daß die meisten Gräber bereits von ihren Besuchern verlassen waren und daß man ebenso die Schmuckgegenstände, Lichter, Ampeln und Laternen, welche man nicht dem Ungemach der Nacht und möglicher Ungebühr aussetzen wollte, bereits beseitigt hatte. Einsam, traurig und schaurig war es auf dem Gottesacker, nur der Hahn auf dem Thurme pfiff manchmal im Winde; die eisernen Kreuze rasselten, und manchmal rauschte der Fügelschlag eines Rabenpaares, das dem Walde und dem Neste zustrich. Aus den Kirchenfenstern leuchtete noch der matte Schein der ewigen Ampel, und nur in einer Ecke der Kirchhofwand kämpften noch einige kleine herabgebrannte Lichter mit der Nachtluft um ein kurzes Dasein.

[484] Es war die Ecke an dem capellenartigen Vorsprunge der Kirche, in welchem sich ein verfallener, selten benutzter Altar befand, unter welchem und um den herum die Schädel und Gebeine Derer aufgeschichtet waren, die man wieder ausgegraben hatte, weil sie im Laufe der Zeit ihre für so sicher gehaltene letzte Ruhestätte wieder einem Nachfolger hatten überlassen müssen. In dieser Ecke, an einem der vornehmsten Plätze, war der alte Himmelmooser begraben; ein schwarzes Holzkreuz auf dem Hügel trug ein schlechtes Abbild des Erzengels Drachentödter, dessen Namen er getragen, und auf einem fast unleserlich gewordenen Zettel standen die Worte geschrieben: „Bis zur Errichtung eines Denkmals.“ Auf den Hügel selbst, in den Schnee, war ein Kreuz von Hagebutten gelegt und um dieses herum eine Reihe kleiner Wachskerzchen gesteckt – die meisten schon erloschen oder dem Erlöschen nahe. Sie wären wohl schon längst in sich selbst verglommen oder vom Winde ausgeblasen worden, hätte nicht eine sorgliche Hand ihrer sich angenommen, die Hand eines schwarzgekleideten Mädchens, das, an dem Hügel knieend, sie immer zu erhalten wußte, einen Rosenkranz in der Hand, dessen Korallen sie hin und wieder fallen ließ, indem sie halblaut murmelte und bat, daß Gott dem Todten die ewige Ruhe geben und das ewige Licht ihm leuchten lassen solle in Ewigkeit.

Das Mädchen hielt plötzlich im Gebete inne; denn in ihrer nächsten Nähe war ein schwerer, klagender Seufzer laut geworden und machte sie aufhorchen. Der Ton war zu bestimmt und deutlich, als daß eine Täuschung möglich gewesen wäre; sie erhob sich daher und näherte sich dem Thorbogen des Beinhauses, als es sich darin abermals zu regen begann und in dem Dämmerdunkel ihr ein Mann entgegentrat.

Es war Wildl, der in dem Beinhause vor dem Altare auf dem Fußschemel der Betbank gesessen war, weil er dort am besten vor den neugierigen Blicken der Kirchhofbesucher gesichert war und weil das Herz ihn getrieben hatte, den Mann im Grabe zu besuchen, mit dem er im Leben noch soviel zu besprechen gehabt, das er nicht mehr besprechen konnte.

„Nichts für ungut!“ sagte er im Heraustreten. „Ich habe nicht gewußt, daß ich da Dich finden werde; sonst hätt’ ich Dir’s schon erspart, mir noch einmal zu begegnen.“

„Brauchst Dich nicht zu entschuldigen,“ entgegnete Engerl beklommen. „Es freut mich, daß ich Dich an dem Orte finde, und weil wir doch einmal so zusammentreffen, wird es schon seine Ursach’ haben und wird so sein müssen.“

„Du kannst wohl Recht haben,“ entgegnete Wildl. „Aber seit ich aus Deinem Briefe weiß, wie Du gesinnt bist, will ich Dir nicht zur Last fallen. Ich will gleich gehen und Dich in Deiner Andacht nicht stören.“

Engerl schwieg einige Augenblicke, als müßte sie sich über das, was sie sagen wollte, erst noch besinnen.

„Ich hab’ Dir geschrieben,“ sagte sie, „wie mir’s um’s Herz ist. Ich geh’ in die andere Welt, nach Amerika. Aber es hat mich doch nochmal heimgetrieben zuvor, und weil ich gehört hab’, daß Du wieder da bist, so hab’ ich gemeint, ich müßte Dir doch ‚B’hüt’ Gott!‘ sagen, und damit Niemand was davon erfährt, bin ich mein eigener Bot’ gewesen.“

„Ich dank’ Dir schön, Engerl. Ich dank’ Dir, daß Du mich doch nicht ganz verstoßen und vergessen hast,“ begann Wildl wieder. „Und so hab’ ich auf dieser Welt nur noch Eines auf dem Herzen – Du hast mir einmal ein Ringl zum Aufheben ’geben; wenn Du fortgehst, wirst Du wohl nicht wieder kommen; ich werd’ Dich also nicht wiedersehen, und so wird’s das Beste sein – ich geb’ Dir das Ringl gleich zurück.“

„Ja,“ entgegnete Engerl mit wankender Stimme, „es wird das Beste sein.“

„Hab’nur eine kleine Weil’ Geduld!“ antwortete Wildl, und auch seine Stimme klang gepreßt und war kaum hörbar, während er sich bemühte, den kleinen Silberreif vom Finger zu ziehen. „Es geht nicht so leicht – wenn ich auch magerer geworden bin im Gefängniß; das Ringl ist mir in’s Fleisch gewachsen und läßt sich nicht so leicht herunterziehen. Es wird aber schon gehen, und wenn auch ein Stückchen Fleisch mitginge, was schadet’s! Wenn nur nicht das ganze Herz dranhinge und mit zerreißen thät’!“

Engerl vermochte der plötzlich in ihr aufsteigenden Sehnsucht und Wehmuth nicht zu widerstehen. Ohne zu wissen, wie es eigentlich kam, warf sie sich, unfähig zu reden, an die Brust des Burschen, legte den Kopf auf seine Schultern und ließ den Thränen freien Lauf, welche das beschwerte Herz erleichterten.

„O Wildl, Wildl!“ schluchzte sie, „wie schön hätt’ Alles werden können! Wie gut hat es Dein Vater im Sinne gehabt, und jetzt – o Wildl, Wildl, warum hast Du –“ Thränen verhinderten sie, weiter zu sprechen, aber auch wenn sie vermocht hätte, wäre sie nicht dazu gekommen; denn rasch und entschieden hatte Wildl sie von sich gedrängt und stand, hochaufgerichtet, mit blitzenden Augen ihr gegenüber.

„Wie ist das?“ rief er. „Du hältst mich also auch für schuldig? Du glaubst wirklich – Du hältst mich wirklich im Stande, so was zu thun, und kannst mir das sagen? Du thust das, Du, die mich kennt wie kein Mensch auf der Welt? Du, die in mein Herz hinein sieht, als wenn ein Glasfenster davor wär’?“

Engerl stand vor ihm; sie hob die Arme und breitete sie zitternd gegen ihn aus. „Ja, wär’s denn möglich? Könntest Du doch unschuldig sein?“ fragte sie mit bebender Stimme. „O, Du glaubst nit, wie schwer es mir geworden ist, so was von Dir zu glauben. Wär’s möglich, daß meine Lieb’ doch Recht hätt’? Denn alleweil ist etwas in mir gewesen, das g’sagt hat: Der Wildl, der gute Bub’, wenn er auch rasch und hitzig ist, so was kann er doch nicht gethan haben… Bist wirklich unschuldig an dem Vatern sein’ Tod?“

Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern faßte Wildl’s Hand und führte ihn zum Grabhügel, an dessen einer Seite sie niederkniete.

„Kniee Dich nieder auf der andern Seite!“ sagte sie feierlich. „Leg’ Deine Hand auf’s Grab und sag’ – wenn Du es an dem Grab und in der Stunde sagen kannst – leg’ Deine Hand auf’s Grab und sag’: Vater, ich bin unschuldig an Deinem Tod!“

Ohne Widerstreben that Wildl, wie sie forderte.

„Vater,“ sagte er, „hör’s hinunter in Dein Grab! Ich bin unschuldig an Deinem Tod.“ Sein Ton war ernst und feierlich, und wie zur Bestätigung erhob sich ein Luftstoß und der Kranz am Kreuze rauschte, daß es sich melodisch anhörte, wie ein Ruf der Versöhnung.

„O dann, dann ist ja Alles gut,“ rief das Mädchen in gerührter Freude. „Dann red’ ich nichts mehr von ‚B’hüt Gott!‘ sagen; nachher g’hör’ ich Dein mit Leib und Seel’, wie ich Dir’s versprochen hab’.“ Ueber dem schmalen Hügel hinweg reichten sie sich die Hände, und Wildl drückte den kleinen Ring an die Lippen.

„Ja,“ rief er, „jetzt bleibt das Ringl da in Ewigkeit, in alle Ewigkeit.“

„O, wenn uns der Vater jetzt sehen könnte!“ begann Engerl nach einer Weile. „Du denkst gar nicht, wie eigen Alles zugegangen ist und wie gut der Vater es mit uns im Sinne gehabt hat. Wenn ich Dir nur Alles erzählen dürfte! Aber er hat mein Wort mit hinunter genommen in’s Grab, und das halt’ ich ihm, so gut ich Dir Wort halten will.“

Die Kirchhofsthür rauschte, und der Meßner kam über den Friedhof geschritten, um in der Kirche das Ave Maria zu läuten. Um nicht gesehen zu werden, schlüpften die Beiden in’s Beinhaus und saßen in unerwartetem Liebesglück auf der Betbank, wo Wildl erst in so tiefem Leid gesessen. Das Dunkel verhüllte ihren Augen die kahlen hohläugigen Schädel, in denen einst auch ein Gehirn gedacht, die hohlen Knochen, in denen einst ein Mark gezuckt, und vom Thurme scholl das Geläute des Abends, Ruhe verkündend, jene Ruhe, deren die Geschiedenen schon für immer theilhaftig waren und die auch die Herzen der Liebenden wie eine Ahnung umschwebte.

Die lichtlose Stille hinderte sie nicht, das Buch der Erinnerung zu durchblättern. Wildl erzählte seine Erlebnisse im Gefängnisse, Engerl ihren schweren Gang in’s Himmelmoos und ihr Gespräch mit dem Vater; sie erzählte nicht unwahr, aber mit jener Zurückhaltung, die sowohl ihr eigenes Zartgefühl wie das Gelöbniß erheischte, das sie dem Todten gegeben. Die Thatsache der Versöhnung, das Verschwinden des Hasses genügte – was die Ursache dieses Hasses gewesen, das war für Wildl gleichgültig und sollte für ihn ein Geheimniß bleiben, das Engerl nur mit dem Seligen theilte.

[485] Natürlich baute ihnen die Erinnerung bald eine Brücke, welche sie in die unerwartet freudige Gegenwart wie auf ein mitten im Strome liegendes Eiland führte und ihnen jenseits das Gestade der Zukunft zeigte, schön und klar wie einen beginnenden Frühlingsmorgen voll Blattrauschen und Blüthenduft.

Dennoch waren es die Gedanken an die Zukunft, welche an dem so sonnenheitern Horizont rasch einige Wolken des Unmuths und Zwiespalts emporsteigen machten.

Engerl wollte durchaus nichts davon hören, als Wildl von ihrem Einzuge auf dem Himmelmoose und von der Art begann, wie sie ihr Haus- und Heimwesen dort einrichten würden; bei der bloßen Erwähnung schrak sie in Wildl’s Armen schaudernd zusammen und suchte sich von ihm los zu machen. „Nein, nein,“ rief sie, „das mußt Du nit verlangen von mir. Ich glaub’ jetzt an Dich, Wildl, und thät’ meine Hand für Dich in’s Feuer legen, daß Du unschuldig bist, aber die Leut’, die Leut’ glauben’s nit. Ich hab’s oft genug hören müssen in meine eigene Ohren hinein, daß sie’s nit glauben. Der Verdacht thät auf uns liegen bleiben, wie wenn man ein Zeichen in einen Baum einbrennt; sie thäten mich und Dich von der Seiten und über die Achsel anschaun – verlang’ von mir, was Du willst, Wildl – nur das nit! Das thät ich nit aushalten.

„Aber wie kommst mir denn vor!“ sagte Wildl erstaunt. „Was sollten wir denn sonst thun?“

„Wie Du fragen kannst!“ erwiderte sie. „Was ich allein hab’ thun wollen, das thun wir mit einander – wir wandern aus; wir gehn über’s Meer.

„Was fallt Dir ein!“ rief Wildl in unverhohlenem Unmuth und wollte sich erheben. „Da müßt’ ich das Himmelmoos verkaufen, den Prachthof, wo ich daheim bin, wo mein Vater gehaust hat, mein Ahnl und –“

Das Mädchen zog ihn schmeichelnd auf die Betbank zurück und flüsterte mit ihrem zärtlichsten Tone: „Das wirst thun müssen, Wildl, aber hast Du’s denn nit schon thun wollen? Weißt Du’s noch, wie wir auf dem Rain bei der Rundcapellen gesessen sind – weißt Du’s noch, was Du damals geredet hast?“

„Ich hab’s nit vergessen, aber das war etwas ganz Anderes. Dazumal hab’ ich so geredt, um dem Unrecht auszuweichen, das mir der Vater hat anthun wollen. Jetzt will man mir wieder Unrecht thun und mich von Haus und Hof treiben – das leid’ ich nit: ich will mich nit zwingen lassen, jetzt ebenso wenig, wie dazumal.“

„Das ist nit Dein Ernst – das kann nit Dein Ernst sein,“ sagte das Mädchen und haschte nach seiner wie drohend erhobenen Hand.

„Und warum kann es nicht sein?“ erwiderte er, sich unsanft losmachend. „Ich kann wohl und muß sogar – ich muß sogar aus demselben Grunde, aus welchem Du mich forthaben willst. Wenn ich ging’, würden alle Leut’ sagen, daß ich mich fürchte, daß mein Gewissen mir keine Ruhe ließ auf dem Hof, bleib’ ich aber ruhig, dann müssen sie es mit Händen greifen, daß ich mich nicht fürchte und daß ich keine Ursach’ hab’, mich zu fürchten.“

„Und Du kannst doch nicht – wir alle zwei können nicht,“ begann Engerl begütigend wieder. „Und wenn’s auch nit wegen der Leute wär’; wir selber könnten an dem Ort, wo ein so großes Unglück geschehen ist, keine rechte ruhige Stund’ haben – ich mein’ es müßte grauslich sein; wenn wir aber fort gehn, bleibt das Alles im Hof zurück: wir können ein vergnügtes und glückliches Leben führen, wo man uns nit kennt, wo wir zwei allein sind, allein mit unserm Herrgott und unserem guten Gewissen – Du mußt Dich nicht in den Trutz hineinreden,“ fuhr sie, sich an ihn schmiegend, fort, „Du hast denselben Trutz in Dir, wie Dein armer Vater.“

„Mein Vater,“ entgegnete Wildl, „hat nur überall sein Wort gehalten: das ist keine Schand’, und das will ich auch thun …“

„Dann muß man sich halt besinnen, eh’ man sein Wort giebt, und Du magst ein solches Wesen taufen, wie Du willst – glücklich hat’s Deinen Vater nicht gemacht … Und glücklich,“ setzte sie hinzu, da er unmuthig schwieg, „glücklich wird es Dich auch nicht machen.“

„Ich will’s darauf ankommen lassen.“

„So thu’s – geh’ Deinen Weg! Ich geh’ dann den meinigen. Ich bin ein einfaches Mädel, das nit viel gelernt hat, aber ich hab’ eine Stimm’ in mir – da drinnen unterm Brustfleck; die hat mir noch nie das Unrechte eingesagt, drum will ich ihr auch jetzt folgen. Und drum sag’ ich: ich geh’ nicht als Bäurin auf den Himmelmooserhof, aber ich geh’ mit Dir, wohin Du willst. In alle die wilden Länder, von denen ich gehört und gelesen hab’. Und wenn wir dort keinen Pflug hätten und wenn ich den Acker mit den Händen umgraben müßt’ – ich lass’ nit von Dir.“

„Und wenn ich Dich jetzt im Ernst fragen thät’ – ob Du nicht bei mir bleibst?“

„An mir ist das Fragen, nicht an Dir. – Ich hab’ Dich schon gemahnt, wie wir am Tag vor dem Unglück auf dem Capellenrain beisammen gesessen sind. Damals hast Du mir freiwillig Dein Wort gegeben, Du wolltest um mich den Hof verschmerzen und in die Welt gehn, um eine Heimath zu suchen für uns zwei – war’s nicht so? Wenn ich Dich nun fragen thät, ob Du jetzt Dein Wort halten oder von mir lassen willst?“

„Engerl!“

„Es ist nicht anders – damals freilich hast Du keine Hoffnung auf den Hof gehabt; damals ist es Dir wohl nit so schwer gefallen, ihn aufzugeben, als jetzt, wo er Dein Eigenthum ist. Das ändert freilich viel – es kommt jetzt nur auf Dich an, was Dir mehr gilt, der Hof oder ich, denn ich kann nit anders, und wenn ich Dir’s auch nit so recht auseinander legen kann – ich spür’s inwendig, daß ich nit anders kann. Besinn’ Dich nit lang und sorg’ Dich nit etwa um mich! Ich werd’ Dir nit bös sein und werd’s verwinden mit der Gotteshilf’. Ich hab’ mich schon einmal in Gottes Willen ergeben gehabt und hab’ verzicht’ auf Dich, wie ich Dich noch für einen verlorenen Menschen hab’ halten müssen; jetzt werd’ ich’s um so leichter verwinden, weil ich denken kann, daß Du im Himmelmoos reich und glücklich und unschuldig bist. Drum red’,“ fuhr sie fort und erhob sich. „Du mußt Dich entschließen – so thu’s geschwind! Es will sich ohnedem nit schicken, daß ich so lang mit Dir da allein bin, wenn es auch ein heiliger Ort ist. Entschließ’ Dich! Du hast die Wahl zwischen dem Himmelmoos und – mir.“

Es war kein leichter Kampf, den Wildl zu bestehen hatte, aber die Liebe zu dem Mädchen war ihm so tief in die Seele gewachsen, daß der Gedanke, den Hof aufzugeben, mit jedem Augenblick an seiner ersten Furchtbarkeit verlor – sah er ihr doch an und wußte, daß sie bei ihrem Vorsatze bleiben würde, und war doch andrerseits das Bild einer neu zu wählenden Heimath ihm allmählich ein so vertrautes geworden, daß es lichtvoller und farbiger vor ihm stand, als die verdüsterte, ohne sie vollends in kalte Dämmerung versinkende Heimath.

„Du kannst Recht haben, Mädel,“ sagte er nach einer Weile, „ich bin doch schon eine gute Zeit auf dem Hof, aber niemals ist mir noch zu Muth gewesen, als wenn ich daheim wäre; immer hat mir etwas gefehlt, und das bist Du. Ja, ich mach’ es wie mein Vater, und was ich Dir an der Capelle versprochen hab’ – ich halt’s. Ich halte mein Wort. Gleich morgen geh’ ich zum Vorsteher und red’ es mit ihm ab wegen des Verkaufens – und wie das geschehn ist, auf und fort miteinander in die Welt!“

„Ich hab’ es ja gewußt,“ sagte Engerl, sich zärtlich an ihn schmiegend, „mein Herz hat mir gesagt, daß Du nicht von mir lassen wirst, und es soll Dich nit reuen, und ich will Dir danken dafür all meine Lebtag. Aber so geschwind geht es mit dem Fortgehn nit.“

„Was wär’, das uns aufhalten könnt?“

„Du darfst nit im Verdruß fortgehn. Du mußt erst Abschied nehmen von der alten Bas’, der Judika, die ihr ganzes Herz an Dich gehängt hat.“

„Sie hat es aber auch gar geschwind und leicht losgemacht und mit fortgenommen … Ich will nichts mehr hören von ihr.“

„Red’ nit so, versünd’ Dich nit an der alten treuen Person, die leicht mehr Herzweh ausgestanden hat als wir alle miteinander! Wenn Du mir ein bissel gut bist, darfst Du nit so fortgehn. Du mußt sie aufsuchen, mußt Abschied von ihr nehmen und für sie sorgen.“

„Du bist halt mein wahrhaftiges Engerl,“ rief Wildl sie an sich ziehend, in weichem Tone, „ich muß Dir in Allem den Willen thun. Aber wie soll ich sie finden? Ich weiß ihren [486] Aufenthalt nicht; es ist gerade, als wenn sie sich verstecken wollte, damit ich ihr ja nicht mehr unter’s Gesicht komme … Aber richtig, da fällt mir ein: Der Vorsteher hat mir ja gesagt, wenn ich verkaufen und fortgehn würde, dürfe er mir den Aufenthalt sagen. Gleich morgen muß er mir Aufschluß geben.“

Unweit des Kirchhofs schlug ein Hund an; ein zweiter antwortete; bald regte sich auch ein dritter. Auf der Straße wurden Stimmen und näher kommende Schritte laut.

Hastig zog Wildl das Mädchen an sich und zu einer Stelle hin, wo die Mauer, etwas niedriger und theilweise eingefallen, der Erneuerung harrte, die ihr mit dem Frühling zu Theil werden sollte. Rasch hatte er sie über die Lücke hinaus gehoben; rasch schwang er sich selber nach und eilte zwischen den dunklen Zäunen der engen Dorfgasse einer Blöße zu, wo dieselbe zu einem nahen Tannenwäldchen führte. Sie hatten eben nur noch Zeit, ein Zusammentreffen für den andern Tag zu verabreden; dann eilte Engerl dem Gehölze zu, hinter welchem die einzelne Hütte lag, in der sie verborgene Gastfreundschaft gefunden hatte. Wildl kehrte um, dem nahenden Rufen und Gebell entgegen.

Es war der Nachtwächter des Dorfes mit Laterne und Hund – der Hund war des Gerichtsdieners Tiras, den derselbe im Aerger über die unziemliche Vertraulichkeit mit einem Malefikanten, wie dem Wildl, verkauft hatte und der jetzt den Wächter auf seinen nächtlichen Wanderungen zu bewachen hatte.

„Halt – wer da?“ rief der Mann, indem er die Laterne empor hob, daß ihr voller Schein Wildl’s Angesicht beleuchtete.

„Gut Freund!“ war dessen Antwort. „Kennst Du die Leute vom Dorf nicht, daß Du sie anschreist und anhältst wie Spitzbuben?“

„Was – Ihr seid’s? Der Himmelmooser?“ rief der staunende Wächter und fällte die rostige Hellebarde gegen ihn. „Was thut denn Ihr noch so spät auf der Gasse und obendrein in einem solchen Winkel? Ihr solltet schon lang daheim sein. Ihr wißt wohl, daß Ihr unter Aufsicht steht. – Also marsch! Ihr seid mein Arrestant – marsch mit mir zum Vorstand!“

„Geh’ mir aus dem Wege, alter Fax, und fuchtle mir nicht mit dem Ding da vor der Nase herum!“ rief Wildl. „Einen schönen Gruß an Deinen Vorsteher und sage ihm, morgen werd’ ich ihm schon meine Aufwartung machen – aber das ist das letzte Mal.“

Damit hatte er die Hellebarde ergriffen und den sich daran klammernden Wächter in den Schnee geschleudert, daß ihm die zerbrechende Laterne erlosch und er in seinem dicken Mantel mühsam sich empor zu arbeiten strebte. „Huß, hussa!“ rief er unter einer Fluth von Schimpfreden. „Huß, Tiras, fass’ an!“

Aber der Hund hatte über dem Wiedersehn des alten Bekannten alle Abrichtung vergessen und sprang, statt ihn zu packen, heulend und wedelnd um den Flüchtling herum.

„Engerl hat doch Recht,“ rief dieser vor sich hin, „ich muß fort – es thut nicht gut daheim.“




5.

Einige Stunden vom Dorf und vom Himmelmooser Hof entfernt, that sich zur Seite der Straße in die angrenzenden Berge hinein ein Bruch auf, dessen röthlich gesprenkeltes Gestein nicht nur in der Nachbarschaft beliebt, sondern weithin in’s Land zu Bauten wie auch zu Kunstwerken gesucht war. Das Gestein trat in einer tiefen Schlucht zu Tage, welche allmählich durch Ausbeutung erweitert worden war und aus welcher eine klare Quelle in starkem Guß und Fall hervorrauschte, die Säge und die Mühle treibend, in welcher die Blöcke zu Tafeln zersägt, die Arbeiten gefertigt und die Abfälle zu Spielkugeln für Kinder, sogenannte Schusser, verarbeitet wurden. Es war in einer Zeit, wo solche Einrichtungen noch zu den Seltenheiten gehörten und wo die Wasserkräfte der Berge beinahe unbenützt versprudelten und keinen andern Zweck zu haben schienen, als durch ihr Stürzen und Rauschen die Anmuth der Landschaft zu erhöhen.

Im Eingange des kleinen Thaleinschnittes, vor der Mühle, Säge und der Werkhütte der Steinmetze, lag ein ansehnliches Gebäude, das Wohnhaus des Bruchbesitzers, von angenehmen und etwas städtischen Formen, wie sie der Landmann mit dem Namen „herrisch“ zu bezeichnen pflegt. Obwohl Gegend und Witterung nicht geeignet waren, von der Zucht der Blumen oder Gartengewächse besondere Ausbeute hoffen zu lassen, war das Gebäude doch von einem Stacketzaun und einer kleinen Gartenanlage wie von einem Rahmen eingefangen, in welchem während der kurzen Sommerzeit Rittersporn und Gelbveiel, Schwertl und Sonnenblume, hie und da auch einige Gemüsepflanzen den Raum sich streitig machten. An der Wand rankte sich ein Rebstock heran, welcher jedes Jahr regelmäßig seine Trauben ansetzte, die aber ebenso regelmäßig in keinem Jahr zur Reife kamen. Auch der tiefe Winter konnte dem Hause und seiner Umgebung nicht völlig das Gepräge der Wohnlichkeit und rüstigen Thätigkeit nehmen; es war, als ob dasselbe aus den klaren Fenstern wie aus verständigen Augen heraussähe, und wer auf der Straße des Weges kam, mußte sich unwiderstehlich angezogen fühlen und konnte den Wunsch nicht unterdrücken, statt auf der frostknarrenden Schneebahn wandeln zu müssen, in der hellbeleuchteten Stube zu sitzen, in welcher gewiß auch gastliche Wärme zu Hause war.

So war es auch in der That. Der große grüne Kachelofen war tief in die Ecke der geräumigen Stube hineingestellt, die er vollständig beherrschte, als wenn er dadurch zeigen wollte, daß er in dem kühlen Bergwinkel doppelt an seiner Stelle wäre. Derselbe war an zwei Seiten von Bänken umgeben, welche auf der einen an den großen Tisch stießen, der zu den Mahlzeiten der Hausgenossen bestimmt war; auf der entgegengesetzten Seite befand sich die sogenannte Hölle, eine zwischen Ofen und Zimmerwand angebrachte, erhöhte Bank, für diejenigen bestimmt, welche etwa an einem Gebrest litten oder besonders ausgefroren von der Arbeit heimkamen. Unweit davon führte eine Thür in die Küche, während gegenüber eine andere in den Hausgang mündete.

Der Tisch war schon für das Abendessen vorbereitet, aber noch waren die Plätze leer; nur Frau Judika saß auf der Bank, emsig wieder mit ihrem Strumpf beschäftigt, der jeden Augenblick, wo sie die Hände frei hatte, ausfüllen mußte. Es war auch eine Arbeit, zu welcher sie nicht vieles Licht bedurfte, und die über dem Tische hängende Glaskugel, in welcher ein Oellämpchen brannte, verbreitete eben nur so viel Licht, als nöthig war, die Gegenstände in der Stube zu unterscheiden.

Die Alte bedurfte es auch nicht. Die Strickerei mit sammt den Händen war ihr in den Schooß gesunken; sie regte sich nicht und saß, Rücken und Kopf an den Ofen gelegt, mit geschlossenen Augen da, gleich einer Schlafenden oder gleich Jemand, der eine schwere Krankheit durchgemacht und sich nun von seiner Mattigkeit zu erholen beginnt. Die Frau hatte wirklich das Aussehen einer Kranken; war auch ihr Antlitz schon lange eine Musterkarte von Falten gewesen, die blühende Gesichtsfarbe hatte zu dem schneeweißen Haar sehr gut gelassen und ihr ein Ansehen gegeben, welchem die Rührigkeit ihrer Geberden nicht widersprach; jetzt war sie bleich; die Fältchen um die Augen waren zahlreicher geworden, und diese selbst tiefer eingesunken. Der Sturm, der über’s Himmelmoos dahin gebraust war, hatte sie offenbar nicht minder hart getroffen, als die Uebrigen; war sie doch sogar, wie es bei einem Wirbelwind zu geschehen pflegt, weit von demselben hinweggeschleudert worden. Dennoch war sie in Wirklichkeit weder eingeschlummert noch krank. Was auf ihrem Antlitze hing, wie ein darüber gebreitetes Netz, war der Ausdruck gedankenvollen Grübelns, das dahinter hockte, fortwährend sich regend und arbeitend, wie eine rastlose Spinne; es war das Gepräge eines Unternehmens, das ihre ganze geistige und körperliche Thätigkeit in Anspruch nahm und dadurch die Spannkraft Beider aufrecht erhielt.

Hastig richtete sie sich auf, als die Thür sich öffnete und der Herr des Hauses eintrat, ein Mann in den besten Jahren, dessen Gestalt man wohl ansah, daß er geübt und fähig sei, Hammer und Fäustel zu schwingen. Die große, weiße Staubschürze, welche bis über die Brust reichte, zeigte, daß er aus der Werkstätte kam und das Geschäft ihm keine Nebensache und die Arbeit seine Lust war. [509] „Guten Abend, Base,“ sagte er eintretend, indem er den Schnee von sich und von der Mütze schüttelte und in die erstarrten Hände schlug. „Ein Hundewetter das! Es stöbert und weht die Flocken durcheinander, daß man keinen Schritt vor sich sieht. Es ist doch nur ein Katzensprung von der Werkstätte zum Haus, und ich hab’ doch eine ganze Schneedecke mitgebracht.“

Judika war aufgestanden und hatte sich erboten, einen andern Rock zu holen, der Meister aber lehnte es ab und setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl.

„Laß’ Sie es sein, Base!“ sagte er. „Das greift unser einen nicht an. – Es ist noch Niemand da, wie ich sehe. Die Magenuhr der Gesellen geht also zu spät, oder die meinige geht vor.“

„Ich will gleich das Zeichen geben,“ sagte Judika, „und für’s Anrichten sorgen.“

Sie wollte der Küche zueilen, aber der Meister hielt sie zurück.

„Hat nichts zu sagen,“ begann er wieder, „wenn’s auch ein paar Minuten später wird. Es ist mir ganz recht, daß wir so unter vier Augen beisammen sind; endlich kann ich Ihr sagen, was ich mir schon lange vorgenommen hab’ und was sich nicht länger aufschieben läßt. Ich muß wissen,“ fuhr er fort, als Judika ihn verwundert ansah, „wie ich mit Ihr d’ran bin. Sie weiß, mein Weib hat das Versprechen, das sie mir am Altar gegeben, mein Lebtag’ bei mir zu bleiben, nicht gehalten. Sie liegt drüben im Friedhof, und ich hab’ ihr selber einen schönen, schweren Stein auf’s Grab gemeißelt, aber ich habe selbst doch einen noch viel schwereren Stein auf mir liegen, an dem gar nichts Schönes ist. Ich muß arbeiten, muß mich plagen, mit fremden Leuten hausen; denn heirathen will ich nicht wieder. Ich möcht’ es mir selber und könnt’ es meiner Clara im Grabe nicht anthun. Das Mädel, das ich von ihr hab’, ist im Kloster, damit sie nicht da in der Wildniß aufwächst und etwa ein Unkraut wird. So muß ich in der Wirthschaft eine treue, vertraute Person haben, und so hab’ ich gemeint, ich höre einen Engel singen, wie Sie mir auf meine Anfrage die Botschaft gethan hat, daß Sie nimmer im Himmelmoos bleiben, sondern zu mir kommen wolle, wenn ich einen Platz für Sie hätte.“

„Auf eine Zeit lang,“ bemerkte Judika mit Nachdruck. „Auf eine Zeit lang, habe ich gesagt; für alleweil hab’ ich nichts versprochen.“

„Das ist es eben,“ begann er wieder. „So kann’s nicht fortgehen. Ich muß wissen, auf was ich mich verlassen kann. Ich habe selbiges Mal gleich angespannt und hab’ Sie mit Roß und Wagen abholen wollen, aber Sie hat es nicht gewollt, und hat gesagt, das brauche Niemand zu wissen, wo Sie wäre. Es wär’ Ihr von wegen des Geredes der Leute. Ich hab’ eingewilligt und hab’ auch den Maurer, den Fazi, der seinen Namen nicht mit Unrecht führt, in die Arbeit genommen, so wenig es mich gefreut hat, blos weil Sie ein gutes Wort für ihn eingelegt und gesagt hat, es wäre vielleicht doch noch möglich, einen ordentlichen Burschen aus ihm zu machen.“

„Ja, das habt Ihr allerdings gethan, Vetter,“ entgegnete Judika. „Aber ich hab’ mein Wort auch gehalten und das Hauswesen gewiß so geführt, daß Ihr nichts dagegen einwenden könnt.“

„Nicht soviel, als ein Vogel auf dem Schweife wegtragen kann,“ erwiderte er rasch. „Das ist es eben; ich möcht’ Sie für immer behalten; dann wäre, glaube ich, meine letzte Sorge auf Erden gehoben. Will Sie nicht bleiben, dann muß ich eine Andere suchen. Das ist eine schwere Sach’; deshalb muß ich bei Zeiten darum wissen, daß ich mich vorsehen kann. Sag’ Sie mir rund heraus, wie es damit steht!“

„Es steht noch alleweil’, wie es gestanden hat,“ sagte Judika. „Ich kann noch immer nichts Bestimmtes versprechen, aber es wird wohl nicht mehr lange dauern. Ich muß nur noch Eins abwarten – wenn das zutrifft, dann ist Alles gut, dann werd’ ich bald wissen, was ich zu thun hab’. Wenn’s aber fallirt, so ist es mit mir auch gefehlt, und dann bin ich wohl zu nichts mehr zu gebrauchen.“

„Ach, so arg wird’s nicht werden,“ rief der Meister. „Glaub’ wohl, daß die schreckliche Geschichte vom Himmelmooser Hofe Ihr schwer auf’s Herz gefallen ist; man sieht’s Ihr auch an, daß Sie es noch nicht verwunden hat.“

„Und werd’s auch wohl mein Lebtag nicht verwinden. Drum habt nur noch eine klein’ Geduld, Vetter; es geht mir im Geist vor, als wenn sich die Sach’ bald entscheiden müßt’.“

„Aber was soll sich denn entscheiden?“ fragte der Meister. „Warum hält Sie denn so hinter’m Berge damit? Wenn ich es wüßte. könnt’ ich Ihr vielleicht behülflich sein.“

„Nein, das kann Niemand; das muß ich schon allein durchmachen,“ erwiderte Judika mit traurigem Kopfschütteln.

„Es ist also doch, wie ich mir gleich vom Anfange eingebildet hab’. Sie hat einen besondern Grund gehabt, wegen dessen Sie vom Himmelmoos fort ist; ich hab’ mir gleich nicht einbilden können, daß eine so gescheidte Person wie Sie wegen der Waitz, wegen dem Gespenst, fort sein soll; Sie hat gewiß etwas Anderes im Sinne.“

„Da habt Ihr Recht, Vetter. Euch hab’ ich’s auch nie geleugnet. Ja, ich hab’ was im Sinne, aber ich darf noch nicht davon reden.“

Der Meister wollte noch etwas fragen, als die Steinmetzgesellen und Häuer eintraten, den Meister begrüßten und nach einem kurzen Gebete sich um den Tisch reihten, während Judika in der Küche verschwand, um bald mit einer Schüssel dampfender trockener Kartoffeln zu erscheinen, welche sie auf das Tischtuch schüttete und eine mächtige Schüssel mit brauner Brühe daneben stellte, in welcher Fleischstücke herumschwammen. Während die Arbeiter sich ihren Antheil holten und zu essen begannen, ging der Blick des Meisters in der Runde herum und blieb an dem Platze an der Ofenecke hängen, welcher unbesetzt war.

„Ich zähle nur sechszehn Köpfe,“ sagte er dann. „Wo ist denn Nummer siebzehn? Das ist gewiß der Fazi. Ich will nicht hoffen, daß er schon wieder blau gemacht hat.“

„Das just nicht, aber auch nicht viel anders,“ erwiderte lachend der Obergeselle. „Es hat Einer hingehen müssen in’s Dorf, um beim Obern Wirth wegen dem Grabsteintransport anzufragen. Der Fazi hat sich dazu angeboten; so hab’ ich ihn gehen lassen, weil ich gemeint hab’, daß er dazu immer noch besser zu brauchen ist als in der Werkstatt.“

„Das sieht dem Burschen gleich,“ sagte der Meister ärgerlich. „Wenn er sich nur von der Arbeit losschrauben kann! Da kann er wieder im Wirthshaus ein paar Stunden verludern und versaufen; ich glaub’ so, daß er nur wegen der Kellnerin, der unnützen Dirne, dahin geht.“

„So heißt’s wenigstens,“ sagte einer der Gesellen. „Ich hab’ erzählen hören, er wolle mit ihr fort und warte nur, bis er das Geld dazu beisammen habe.“

Die Gesellen lachten, der Meister aber unterbrach sie.

„Lacht nicht!“ sagte er. „es ist kein Spaß mit dem Fazi; dem trau ich Alles zu. Gott weiß, wo und auf welche Weise er das Geld zusammenbringen will, mit der Arbeit gewiß nicht.“

„Ich möchte nur wissen,“ unterbrach Judika, welche mit ruhiger Aufmerksamkeit zugehört hatte, „warum Ihr gerade gegen den Burschen so scharf seid und seid doch sonst ein so guter Mann. Er hat Euch versprochen, daß er sich bessern will.“

[510] „Und ich möchte wissen,“ entgegnete lachend der Meister, „wie Ihr, eine so kreuzbrave Person, dem verdächtigen Burschen so die Stange halten könnt.“

Judika kam nicht dazu, die Frage zu beantworten; denn auf dem Gange vor der Thür wurde ein Gepolter hörbar, die Fußtritte eines Mannes, der mit unsicherem Gang herankam und hie und da an die Wand greifen mußte, um sich aufrecht zu halten.

„Wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt,“ rief der Meister. „Das ist er ohne Zweifel und wieder einmal schief geladen, wie es scheint.“

Er trat zur Thür, öffnete und auf der Schwelle erschien Fazi, über und über mit Schnee bedeckt, mit rothen, frosterstarrten Händen, aber auch mit rothglühendem Gesicht, nur aufrecht erhalten vom Geiste des Branntweins, der seinen Duft auf mehrere Schritte voraussandte.

„Hab’ ich’s nicht gesagt?“ rief der Meister. „Aber nun ist auch mein Geduldfaden zu Ende.“

Fazi, der nur ein schlechtes Hemd, schlechte Beinkleider und die alte, kragenlose Soldatenjacke am Leibe trug, war dem ungeachtet in der besten Laune. Er schien den Unmuth seines Herrn und Gebieters gar nicht zu gewahren, sondern taumelte seinem Sitze zu, auf den er sich mit schreiendem Lachen nieder ließ.

„Könnt Ihr’s erleiden in der warmen Stube und vor der vollen Schüssel,“ schrie er und schlug auf den Tisch, „während ich fast zu Schanden friere?“

„Ruhig mit dem Geschwätz!“ unterbrach ihn der Hausherr. „Du bist ein unnützer Bursche. Du sollst Dich ruhig halten und froh sein, wenn ich nicht mit Dir rede, wie es sich gehört. Ich will nichts sagen davon, daß Du immer leicht eine Ausrede hast, um von der Arbeit loszukommen, aber ist das ein Anzug für einen ordentlichen Menschen, um etwas auszurichten, wenn er beim Steinbruchmeister Harder in Arbeit steht? Hast Du sonst nichts anzuziehen als diesen blauen Janker, der aussieht, als hättest Du ihn irgendwo an der Straße aufgeklaubt oder als hätten Dir die Schergen den Kragen heruntergerissen? Ich gebe meinen Leuten ordentlich Kost und Lohn, daß sie gut leben und sich kleiden können, wie sich’s für anständige Leute schickt. Ich will Dich die längste Zeit in der Jacke gesehen haben, daß Du es nur weißt, und wenn Du bis heut über acht Tag nicht ein Gewand hast, wie ein richtiger Mensch, kannst Du Dein Bündel schnüren, wenn Du überhaupt etwas zu schnüren hast.“

„Oho, mir kann’s recht sein,“ entgegnete Fazi trotzig. „Ich werd’ Euch überhaupt nicht mehr lang zur Last fallen. Ja, ich will mein Bündel schnüren und geh’ dahin, wo unser einer auch etwas gilt, wenn er auch nicht gleich einen Geldsack mit auf die Welt gebracht hat.“

„Glück auf den Weg!“ sagte der Meister. „Wir werden Dir nicht nachschreien; das ist ja die letzte Hülfe für Alle, die zum Soldaten zu schlecht sind.“

„Oho!“ sagte Fazi, dessen Betrunkenheit in der Stubenwärme sich nicht minderte. „Was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig. Hab’ heut’ erst erzählen hören, daß der junge Himmelmooser Bauer sein Engerl unter den Arm nehmen und auch auswandern will, mit all’ seinem Reichthum. Ich mach’ es auch so. Ich nehm’ meine Kellnerin unter den Arm und sobald ich das Reis’geld beisammen hab’, mach’ ich mich auf den Weg, und um’s Reis’geld ist mir nicht bang.“ Er lachte tückisch in sich hinein und begann mit lallender Stimme zu singen:

„Der g’scheidteste Vogel
Muß der Gugetzer sein.
Die andern bau’n d’ Nester,
Und er setzt sich ’nein.“

Der Meister wollte in Unmuth losbrechen und sprang auf, ein beschwichtigender Blick Judika’s machte ihn aber innehalten.

„Thut mir den G’fallen, Meister,“ sagte sie, „und laßt’s für heute gut sein! Ihr seht ja, daß er nicht in der Verfassung ist, wo man ein vernünftiges Wort mit ihm reden kann. Laßt mich’s morgen mit ihm abmachen!“

„Es ist gut,“ sagte der Meister. „Ist ohnehin schon Feierabend; wir wollen morgen weiter davon reden.“

Die Gesellen erhoben sich, während der Meister an die Thür trat und dieselben an sich vorbeigehen ließ. Jeder tauchte die Finger in’s Weihwasserkesselchen an der Thür und bekreuzte sich; der Meister gab ihm mit ein paar Worten die Arbeit an, die am andern Tage zuerst in Angriff zu nehmen war. Der Einzige, der sich nicht entfernte, war Fazi; er hatte den Augenblick benützt und sich auf die „Hölle“ hinter dem Ofen hinaufgeschwungen, während Judika sich wieder an ihren Arbeitsplatz zu ihrem Strickstrumpf setzte.

„Ich muß heute noch den Strumpf zumachen,“ sagte sie, „und bleibe noch ein Weilchen sitzen. – Gute Nacht, Vetter, und macht es nicht gar zu streng mit dem Fazi! Es wird sich wohl ein altes Gewand für den Burschen finden lassen.“

Kopfschüttelnd verließ der Meister die Stube, in welcher bald die vollständigste Stille waltete.

Geraume Zeit war die rüstige Alte in der geräuschlosen, nächtlichen Stube über ihrer geräuschlosen Arbeit gesessen, dann kam auch für sie die Zeit, wo sie den Schlaf oder doch die Schlafstelle suchte. Sie zündete ein Oellämpchen an und schickte sich an, die Hängelampe auszulöschen. Es wurde noch düsterer in der Stube und schon wandte sie sich der Thür zu, als ein Geräusch vom Ofen her sie festhielt. Der Ton kam von der Hölle, und als sie mit gehobener Lampe hinleuchtete, wurde sie Fazi gewahr, der, als er sich entdeckt sah, sich anschickte, aus seiner Zuflucht herunterzusteigen.

„So,“ sagte sie, „Du bist da? Hast wohl eine wärmere Schlafstelle gesucht? Das geht aber nicht; da kannst Du nicht bleiben. Wirst’s in der Kammer auch schon aushalten können; hast ein gutes Bett und wirst nicht erfrieren.“

„Es ist nicht deswegen,“ sagte der Bursche, die Arme reckend. „Ich wollt mich nur ein bissel auswärmen und abwarten, bis Ihr allein seid. Ich muß Euch doch danken, daß Ihr Euch so um mich angenommen habt.“

Judika betrachtete ihn von unten bis oben und blickte ihm scharf in’s Gesicht, ob wirklich eine Regung des Dankes in demselben zu erblicken war. Sie sah aber nichts als das Zucken boshaften Spottes; zugleich glaubte sie zu bemerken, daß die Aufregung des Branntweins noch nicht verflogen war, und setzte die Lampe wieder auf den Tisch, als wolle sie sich zu einem längeren Gespräch bereiten.

Sie schien einen Entschluß gefaßt zu haben und sich zur Ausführung eines lange vorbereiteten Vorhabens zu rüsten.

„Es ist nicht des Aufhebens werth,“ sagte sie dann, „und meine Fürbitt’ wird auf die Länge auch nichts helfen. Wenn Du nicht ein besseres Gewand hast, wird Dich der Meister in acht Tagen doch fortschicken; er hat sein Wort darauf gegeben, und dafür kenn’ ich ihn, und Du kannst ihn auch kennen, so kurze Zeit Du auch erst im Hause bist. Hast Du denn gar nichts Anderes zum Anziehen?“ setzte sie unbefangen hinzu.

Der Bursche sah vor sich hin; er mochte eine dunkle Ahnung haben, daß er an einer verfänglichen Stelle angelangt sei, wo die Wege auseinander gingen.

„Ich hätte schon etwas,“ sagte er dann, indem er mit scheuem Blick die Stube durchflog, und doch zutraulich gemacht. „Aber ich kann’s nicht sehen lassen.“

Judika bebte zusammen, doch that sie sich Gewalt an, es zu verbergen, und vermochte anscheinend gleichgültig weiter zu fragen.

„Warum denn?“ sagte sie. „Ist es so schadhaft?“

„Ja wohl,“ erwiderte er mit rohem Lachen; „wie Sie es nur gleich so errathen kann! Das Gewand ist schadhaft und schmutzig obendrein.“

„So laß es reinigen und ausbessern,“ sagte Judika, „vielleicht fehlt gar nicht so viel. Wo hast Du’s denn?“

Fazi zögerte wieder einen Augenblick mit der Antwort; er hatte das Ansehen eines Menschen, der frisch gefrorenes Eis betreten will und es vorher vorsichtig prüft, ob es ihn auch zu tragen vermag. Judika kam ihm zu Hülfe, indem sie ihm die Antwort ersparte, sodaß er ihre Frage, ob er das Gewand oben in seiner Schlafkammer liegen habe, mit bloßem Nicken beantworten konnte.

„So bring’s herunter,“ fuhr sie fort, „und laß mich sehen, was noch damit anzufangen ist!“

Er zögerte, sie aber griff, als sie es gewahrte, nach der Lampe.

„Es muß aber heut’ nicht mehr sein,“ sagte sie und zog, um das Gesicht abwenden zu können, mit einer aus dem Haar genommenen Nadel den Lampendocht in die Höhe. „Es ist [511] ohnehin lang’ Zeit zum Schlafengehen, und ich habe nur gemeint, es wäre jetzt gerade gelegen gewesen, wo Niemand um den Weg ist; wenn ich es dann in den Händen hätte, könnt’ ich es in meiner Kammer zurecht richten und in ein paar Tagen könntest Du damit vor den Meister hintreten.“

Der Vorschlag leuchtete dem Burschen ein. „Ich bring’ das Gewand,“ sagte er rasch und verschwand durch die Thür. Bald hörte er seine Tritte auf der Treppe knarren, die in die Schlafkammer führte. Judika’s Kraft war erschöpft; sie glitt auf die Bank zurück und lauschte fast athemlos, ob er nicht etwasich anders besinne und ob die Tritte wiederkämen. … Sie vermochte nur die Hände über der Brust zu falten, ein Zeichen der Angst und zugleich eines stummen, brünstigen Gebetes.

Nach einigen Augenblicken kam Fazi wieder, einen unscheinbaren Rock über den Arm, den er Judika reichte und den sie auseinander faltete. Es war eine grautuchene Joppe, wie sie in der Gegend gebräuchlich waren, an der Vorderseite über und über mit Kalkspritzern bedeckt.

„Die schaut freilich bös aus,“ sagte Judika mit stockendem Athem. „Ist ja über und über voll Kalk.“

„Ja,“ erwiderte Fazi lachend. „Der Kalk ist beim Maurer was beim Kaminkehrer der Ruß. Der Lehrbub’ hat aus Muthwillen mit der Löschschaufel in die Grube hineingeschlagen und hat mich über und über angespritzt. Ich hab’ ihn aber auch dafür gebeutelt, daß mir fast sein Ohr in der Hand geblieben ist.“

„Es ist schrecklich, wie unnütz solche Buben sind!“ erwiderte Judika und zwang sich, auf Fazi’s Ton einzugehen. „Aber man kann doch noch helfen. Freilich hat sich der Kalk schon hineingefressen, und Flecken werden wohl immer bleiben. Ich will’s gleich versuchen.“

Sie stand auf und holte aus einem Wandkästchen eines jener Fläschchen, wie wandernde Kaufleute sie mit Seife und Fleckkugeln in den Dörfern zu verkaufen pflegen.

„Ich denke, es soll gehen,“ sagte sie, nachdem sie den Kalk weggerieben und einige Tropfen darauf geschüttet hatte. Dabei wandte sie, um das Zittern ihrer Hände zu verbergen, den Rock hin und her; sie hatte bemerkt, daß die Joppe mit rauhen Beinknöpfen besetzt war, worauf Hirschköpfe abgebildet waren.

Vorn an der einen Brustseite fehlte ein solcher Knopf.

„Kannst mir ja den Rock da lassen,“ fuhr Judika mit möglichster Unbefangenheit fort. „Kann ihn dann auf meine Stube nehmen, oder noch besser: ich will gleich heute noch richten, was ich kann. Ich hab’ doch keinen Schlaf in den Augen. Geh’ Du [512] Deiner Wege!“ setzte sie leicht hinzu, „oder wenn Du noch gern in der warmen Stube bist, so setz’ Dich hin und erzähl’ mir was. – Wie war das, was Du von dem jungen Himmelmooser Bauern gesagt hast? Ich hab’s nicht recht verstanden.“

„Was wird’s sein,“ erwiderte er, „als daß es ihn auf dem Hof nicht leidet. Drum will er fort und will sein Mädel auch mitnehmen, die doch an Allem schuld ist. Ja. ja! Kannst es halt nicht lassen, Alte,“ fuhr er auflachend fort. „Wenn Du auch nimmer auf dem Hof bist, kannst es doch nicht lassen, Dich nach dem Buben zu erkundigen, der doch einmal Dein Herzkäferl gewesen ist.“

„Das ist lang vorbei,“ sagte Judika und bückte sich auf die Arbeit nieder. „Seit ich weiß, was er für ein gottloser Mensch ist, will ich nichts mehr von ihm wissen. Dem ungeachtet wär’ ich vielleicht geblieben, bis es entschieden gewesen wäre, was ihm geschieht, aber Du kannst Dir wohl denken, was mich vertrieben hat.“

„Was denn? Das kann ich mir nicht denken,“ erwiderte Fazi in einer Weise, die deutlich erkennen ließ, daß er sehr wohl daran dachte. „Wirst doch nicht etwa das dumme Zeug meinen –“

„Was für dummes Zeug?“

„Daß der alte Himmelmooser die ewige Ruh’ nicht finden kann und umgehen muß.“

„Nennst Du das dummes Zeug?“ fragte Judika, indem sie ihre Augen durchdringend auf Fazi heftete, sodaß er die seinen davor niederschlug. „Du glaubst also nicht an solche Sachen?“

„Nein,“ erwiderte er mit einem Lachen, das noch lauter, aber sehr gezwungen klang. „Solche Sachen giebt’ s nit.“

„So, dann bist Du besser daran als ich; mich hat die Waitz vom Himmelmoos vertrieben,“ war Judika’s Antwort; „solche Sachen giebt’s wohl; ich kann davon erzählen.“

„Was?“ fragte der Bursche, den, so keck und ungläubig er sich stellte, ein Schauder überrieselte. „Hättest Du vielleicht gar etwas gesehen?“

„Das hab’ ich,“ begann Judika, ihn nicht aus den Augen lassend. „Das ist es auch gewesen, was mich vom Himmelmoos verjagt hat. Es ist mich hart genug angekommen, fortzugehen, und hat mich doch nichts genützt.“

„Nichts genützt? Wie denn das?“

Judika zog wieder den Docht in die Höhe und sah in der Stube herum, als ob sie sich selbst fürchte. „Weil’s mich überall verfolgt,“ sagte sie leise, „weil’s mir auch hierher nachgegangen ist.“

„Hierher?“ rief Fazi emporspringend, sie aber zog ihn nieder und flüsterte fort: „Es sind noch keine acht Tage, daß ich Nachts nicht hab’ schlafen können; mir ist ganz eigen zu Muthe gewesen und hat mich an’s Fenster getrieben, ohne daß ich selbst gewußt hab’ warum. Da hab’ ich in die stockfinstre Nacht hinausgeschaut, und auf einmal hab’ ich vom Bruch her einen Schein gesehen – so einen gelben und blauen Schein, als wie wenn der Schwefel brennt, und in dem Schein mitten drinnen eine Gestalt, die ich nur zu gut gekannt habe … Der Alte hat plötzlich in allen seinen Sünden aus der Welt fortgemußt in die Ewigkeit; er kann nicht hinein in die ewige Seligkeit und wird im Fegfeuer sitzen müssen …“

Fazi schüttelte sich. „Das Alles hat Euch geträumt,“ stieß er mühsam hervor.

„Ich bin wach gewesen, wie jetzt,“ sagte Judika wieder, „und seitdem hab’ ich keine Nacht Ruh’ g’habt; denn in jeder Nacht seh’ ich in Gedanken den Schein wieder; ich sehe die Gestalt, das blasse, klägliche Gesicht, gerade so, wie er als Todter auf der Bank gelegen ist. Nachher hebt er die Händ’ auf, als wenn er bitten thät, und sagt mit einer Stimme, die Einem durch Mark und Bein geht: …“

„Hör’ Sie auf!“ rief Fazi, dem die Zähne aneinander schlugen. „Bei den Dummheiten kommt Einem wider Willen das Gruseln an.“

„O, mich gruselt auch, so oft ich daran denke,“ fuhr die unerbittliche Erzählerin fort. „Den ganzen Tag bring’ ich das Gesicht nicht aus dem Sinn und die Stimm’ nicht aus den Ohren, wie er die Händ’ aufhebt und bittet und ruft: ’Hilf, Judika, hilf!’“

„Ihr seid eine alte Närrin, und ich bin auch ein Narr, daß ich Euch zuhöre,“ rief Fazi und sprang auf, aber an allen Gliedern bebend, sodaß er nach der Tischplatte langen mußte – dennoch vermochte er sich nicht zu halten und knickte hart an der Bank in die Kniee zusammen, denn von draußen klang laut und angstvoll der Ruf: „Hilf, Judika, hilf!“ [528] Es war keine Täuschung; es hatte wirklich so gerufen. Auch Judika war darüber emporgeschnellt und stand, ebenfalls bebend, mit bleichen Lippen da. Und abermals und noch näher erscholl derselbe Ruf von derselben Stimme, nur noch kläglicher und ängstlicher.

Fazi murmelte von Zuckungen geschüttelt: „Das ist seine Stimme; er ist’s. Er ist’s,“ schrie er abermals und versuchte sich zu erheben, aber im Augenblicke ging die Thür auf und auf der Schwelle stand Wildl. „Da ist er selber!“ rief Fazi wieder, raffte sich abermals auf und versuchte zu entfliehen, da er aber die Thür verstellt fand, stürzte er gewaltsam zu Boden. „Helft, helft!“ heulte er, sich am Boden wälzend. „Er kommt; er will mich. Ich will ja Alles sagen. Ich bin’s gewesen; ich hab’ ihn umgebracht.“

In höchster Erregung beugte sich Judika über den Unglücklichen, der, von immer heftigeren Krämpfen geschüttelt, dalag und nicht gewahr wurde, daß das Bekenntniß seiner Schuld bereits Zeugen gefunden hatte. Der Meister und einige Arbeiter waren auf das Geschrei herbeigeeilt, auch Wildl war eingetreten, sichtlich in hohem Grade erregt und geängstigt, was ihn um Vieles älter erscheinen ließ und es wohl erklärlich machte, daß Fazi in seiner Verwirrung den Vater in ihm zu erblicken glaubte. Als derselbe allmählich zu sich kam, sich erhob und um sich blickte, als mit dem Verfliegen des Rausches ihm die Erinnerung und das Bewußtsein des Vorgefallenen klar wurde, versuchte er nicht mehr dagegen anzukämpfen – wie betäubt ergab er sich darein, als die Häuer ihn an Händen und Füßen knebelten, um ihm das Entrinnen unmöglich zu machen.

Auch Wildl’s plötzliches Erscheinen erklärte sich bald.

Er war am Morgen beim Vorsteher gewesen, hatte demselben sein Vorhaben wegen des Verkaufs und der Auswanderung erklärt und von dem Manne, der die Erfüllung eines Lieblingswunsches nahe sah, ohne Schwierigkeit Judika’s Aufenthalt erfahren, der unter diesen Umständen kein Geheimniß mehr für ihn sein sollte. Sofort war er zu Engerl geeilt, um auch sie davon in Kenntniß zu setzen und dann das Fuhrwerk zu rüsten, das sie in den nicht sehr entlegenen Bruch führen sollte. Auf dem Rückwege zwischen den Zäunen und Häusern hinschreitend, ward er, ohne bemerkt zu werden, ein paar Bauern in eifrigem, lautem Gespräche gewahr, aus dem er deutlich seinen Namen heraushörte.

Lauschend blieb er stehen und erfuhr daraus zu seiner nicht geringen Verwunderung, daß in der Zwischenzeit der Nachtwächter, der eine Weile im Schnee liegen geblieben, dann aber mit einer Beule am Kopf heimgeschlichen war, beim Vorsteher die Geschichte angezeigt und dieser sofort die Verhaftung des Frevlers angeordnet hatte, der es gewagt, sich an einer obrigkeitlichen Person zu vergreifen. Man suchte ihn im Hofe, und es war offenbar, daß, wenn man ihn dort nicht fände, man im Steinbruche nach ihm fahnden würde. Die Fahrt mußte daher aufgegeben und auch der Gang bis zum Abend verschoben werden. Die Hütte, welche Engerl zur Herberge gedient, wurde zum Versteck für Beide, und erst bei vollständig eingebrochener Dunkelheit machten sie sich auf den Weg. Die nächtliche Wanderung wäre auch ohne alle Schwierigkeiten vollendet worden, hätte nicht zu der Finsterniß sich Unwetter und Schneegestöber gesellt, sodaß Engerl das Unglück hatte, ausgleitend sich den Fuß zu vertreten, sodaß sie nicht mehr zu gehen vermochte und Wildl sie auf den [529] Rücken nehmen und tragen mußte. Unter großer Anstrengung waren sie bis in die Nähe des Bruches gelangt; dort an einem Holzschuppen hatte Wildl seine Last abgesetzt, weil das Mädchen über steigende Schmerzen klagte und schnelle Hülfe nothwendig schien. Wenn Wildl seine Schritte verdoppelte und allein vorwärts eilte, konnte er mit der Hülfe in der Hälfte der Zeit wieder zurück sein, die sonst zur Vollendung des Weges nöthig gewesen wäre. Als er in der Nähe des Hauses angekommen und die Fenster noch erleuchtet gesehen, hatte er zu rufen angefangen in der Hoffnung, daß Judika noch wachen, seine Stimme erkennen und dadurch zu doppelt schneller Hülfe herbeieilen würde.

Rasch war von den Arbeitern eine Tragbahre in Stand gesetzt worden, und in kürzester Frist lag Engerl in den Armen Judika’s und des nun von allem Verdacht gereinigten Geliebten. Wohl selten mögen drei Menschen mit solchem Entzücken sich umarmt, selten drei so hoch aufjauchzende Herzen an einander geschlagen haben.

Als man endlich dazu kam, sich gegenseitig Alles abzufragen und zu erzählen, wie das so kommen konnte und gekommen war, konnte Wildl nicht umhin, sich in Danksagungen und Lobpreisungen zu ergehen, wie klug Judika gehandelt und wie ohne sie das unselige Verhängniß, das über den Hof hereingebrochen war, wohl nie zu so glücklicher Lösung gekommen sein. würde.

„Und ich dummer Mensch!“ rief er, „ich habe gewußt, wie gut Du es alleweil mit mir gemeint hast, und habe glauben können, daß Du auf den bloßen Verdacht hin mich aufgeben und verlassen könntest.“

„Mach’ nicht so viel Gerede!“ sagte die Alte, „es ist wohl darnach gewesen. So gern ich Dich hab’, ich hab’ mir selber sagen müssen, wer weiß, ob sie nicht doch an einander gerathen sind, die zwei Hitzköpfe, und doch war immer wieder etwas in mir, das nicht aufhörte zu sagen: es ist nicht möglich; der Wildl kann das nicht gethan haben. Ich hab’ halt nirgends ein Loch gefunden, wo ich hinaus gekonnt hätte, weil ich gar keinen Anhalt erwischt hab’, wer denn sonst das Unglück angerichtet haben soll. Da ist einmal in der Früh, wie es noch kaum grau geworden war und ich die Fensterladen aufgestoßen hab’, der Fazi um den Hof herumgeschlichen wie der Marder um den Hühnerstall. Da ist’s mir auf einmal wie ein Nebel von den Augen gefallen, und ich hab’ an denselbigen Vormittag gedacht, wo er auf dem Hof gemauert und wo der Vater ihn erwischt hat, wie er das Geldkästl im obern Stock hat aufbrechen wollen. Auf einmal hab’ ich gewiß gewußt, daß er das noch einmal hat probiren wollen, daß er dabei mit dem Bauern zusammen getroffen ist und daß ihn kein anderer Mensch umgebracht hat, als er. Zugleich aber ist es mir durch den Kopf geschossen, daß man das fein anfangen müsse, wenn man es ihm beweisen wollte. Am selbigen Tag hab’ ich den Brief vom Vetter im Steinbruch bekommen g’habt; d’rum hab’ ich mich verstellt und hab’ gethan, als wenn er mir leid thät’, und hab’ ihm versprochen, ihm dort Arbeit und Unterkunft zu verschaffen. Er ist darauf eingegangen, mir aber – zu meiner eigenen Schande muß ich es sagen – ist nur darum zu thun gewesen, daß er mir ja nicht aus den Augen kommt und daß ich in der verdeckten Weis’ dahinter komm’, wie es mit dem Knopf ist, ob er nicht auch wie die meisten Burschen eine Joppe mit solchen Knöpfen hat, ob nicht einer daran fehlen thät’ – dann wär’ dem Wildl ja schon geholfen gewesen. Ich hab’ freilich nicht gewußt, wie ich das machen soll, aber in mir ist etwas gewesen wie eine Ahnung, daß ich doch dahinter kommen müßte. Es ist Alles darauf angekommen, daß der Fazi keinen Verdacht gegen mich gefaßt hat, denn wenn ich mich nur mit einem Wörtl verrathen hätt’, wär’Alles verdorben gewesen. D’rum hab’ ich auch gedacht: es ist am besten, wenn gar kein Mensch weiß, wo ich bin, und wenn Alles glaubt, ich wär’ auch bei der Partei gegen den Wildl. In meinem Leben hätt’ ich nicht geglaubt, daß ich soviel zusammenlügen könnt’, wie ich während der Zeit zusammengelogen hab’. Unser Herrgott mag mir’s verzeihen; ich hab’s ja gut gemeint, und er muß doch damit zufrieden sein, sonst hätt’ er’s nicht zu so einem guten End’ geführt.“

„Mein Gott!“ fuhr sie fort, als die beiden Liebenden sich wieder dankbar an sie drängten, und ihre Augen füllten sich mit Thränen, „wie kurz ist die Zeit, daß Alles so schlimm gegangen ist, und jetzt ist es doch auf einen Schlag noch so herrlich geworden. Nur der arme alte Vater hat fortgemußt und hat seinen Zorn so hart büßen müssen. D’rum merk’ Dir’s, Dirndl,“ fuhr sie gegen Engerl gewendet fort, „und nimm Dir ein Beispiel d’ran! Jetzt hat Dich der Bub’ gern; jetzt hast Du ihn noch ganz in der Hand; jetzt ist er wie Wachs. Wie Du ihn ziehst, so hast Du ihn. Er hat ’was vom alten Himmelmooser, und[WS 4] das nicht wenig.“

Die Liebenden reichten sich die Hände zum stummen Gelöbniß des Friedens von der einen wie von der andern Seite.

Fazi’s Geständnis, das er später vor allen Anwesenden wiederholte, beseitigte vollends, was noch etwa an Zweifeln und Bedenklichkeiten übrig geblieben sein mochte. Er bekannte selbst, es sei seine Absicht gewesen, sich an der ihm schon bekannten Stelle das ersehnte Reisegeld zu holen; er habe sich in’s Himmelmoos geschlichen, weil er gedacht, den Bauer allein zu finden, mit welchem er, auch wenn er ihn entdeckte, leichtes Spiel zu haben hoffte. Der Alte hatte aber zu früh das Geräusch gehört und zu rufen angefangen, sodaß Fazi schnell erkannte, daß er sein schon einmal vereiteltes Vorhaben abermals aufgeben und sein Heil in der Flucht suchen müsse. Auf dieser hatte ihn der Alte gewahrt, war ihm nachgeeilt und hatte ihn auch in der Nähe der Kalkgrube erreicht. Er packte ihn und Beide zerrten sich einige Augenblicke herum, wobei sie auf das Brett der Grube zu stehen kamen, das sofort unter ihnen zu krachen begann. Im Augenblicke des Krachens war es dem stärkeren und jüngeren Ringer gelungen, den Alten nach der Grube zu drängen, der sich krampfhaft an ihn zu halten versuchte, und dann mit dem Ausrufe „Hilf, Judika, hilf!“ kopfüber in die Grube stürzte, deren Inhalt hoch emporschlug und den Thäter mit Kalk bespritzte.

Diese Worte, von Judika so glücklich errathen, waren es hauptsächlich gewesen, welche den Trotz seines Wesens gebrochen und ihn zu Boden geworfen hatten. –

Am andern Morgen kehrten die Glücklichen in’s Dorf zurück und auf den Hof, weil nun wohl keine Gefahr mehr bestand, daß man Lust haben würde, den so lange unschuldig Verfolgten wegen des Angriffs auf den Nachtwächter noch weiter zu verfolgen.

Fazi wurde an’s Gericht abgeliefert. Wenige Wochen darauf erfolgte Wildl’s völlige Freisprechung, und der Vereinigung des Liebespaares stand ein Hinderniß nicht mehr im Wege. Ueber Fazi erging das Todesurtheil, aber ein heftiges Brustübel, das ihn rasch im Gefängnisse befiel und dahinraffte, ersparte den traurigen Vollzug.

Eine solche Hochzeit aber, wie die im Himmelmoos, war noch nie gefeiert worden, seitdem man von Hochzeiten in den Bergen zu erzählen wußte. Auf viele Stunden Entfernung strömten die Leute zusammen; denn das Schicksal der Brautleute war weithin bekannt geworden und hatte ebenso wie ihre Liebe und ausdauernde Treue allgemeine Theilnahme gefunden. In der Trauungsrede kam der Pfarrer auf das Wort zurück, das er bei Auffindung des todten Himmelmoosers gesprochen, daß die Wege des Herrn unerforschlich seien und daß man daher sich wohl hüten müsse, auf Jemand einen ersten Stein zu werfen – es sollte wohl eine Art verborgener Abbitte sein, daß er selber so rasch dem Scheine getraut, daß er selber es gewesen, der den ersten Stein geworfen.

Die Kranzjungfern, welche Engerl zum Altare geleiteten, waren die Steiner-Rosel, die einst von der Braut über die Brünnl-Alm heruntergetragen worden war, und trotz ihrer Jahre die alte Sennerin, während Wildl darauf bestand, daß an der Spitze der Junggesellen, die seine Führer waren, der alte Rußländer stand: war er doch der Erste gewesen, der in der Heimath dem Verpönten mit freundlichem Gruße entgegengekommen war. Nach der Trauung versäumte das Brautpaar nicht, das Grab des alten Himmelmoosers zu besuchen; über den Hügel hinweg reichten sie sich die Hände wie am Abende ihres entscheidenden nächtlichen Zusammentreffens an dieser Stelle und wiederholten die feierlichen Gelöbnisse, die sie am Altare ausgesprochen.

Die Reihe der Feste auf dem Himmelmoose aber war damit noch lange nicht zu Ende.

An einem Tage kam im vollsten Sonntagsstaate, von all’ seinen Hausgenossen begleitet, Alle mit Blumensträußen auf den Hüten und in den Knopflöchern, der Steiner Bauer von Stein und brachte, zum Zeichen seines Dankes, die versprochene Kuh; es war wirklich die schönste, die weit und breit aufzutreiben gewesen; sie trug um die Hörner einen Kranz aus den ersten [530] Frühlingsblumen, wie sie bei keiner Almfahrt schöner zu sehen waren.

Dann kam das Fest der Vollendung des Thürmchens an die Reihe, das Wildl, um den Willen seines Vaters zu erfüllen, ausgebaut, aber in eine kleine Hauscapelle umgestaltet hatte. Auf den Altar stellte der Meister vom Steinbruche ein selbstgemeißeltes Standbild des heiligen Michael, weil er sich nicht wehren ließ, der glücklichen Lösung, die in seinem Hause stattgefunden, ein Andenken zu errichten.

Darunter, an ein Kettchen gefaßt und unter Glas und Rahmen gebracht, befand sich der viereckige Salzburger Thaler. Seine wahre Bedeutung erfuhr Wildl nie – es mußte genügen, daß die junge Frau ihm schmeichelnd sagte, der Thaler sei eine Gabe ihrer Mutter und habe ihr Glück gebracht.

Um die große Eiche im Haselpoint ließ Wildl einen Zaun herstellen und unter ihr eine Bank aufrichten zur Ruhe für den Wanderer, der dort ausrasten und sich der schönen Aussicht und des noch schöneren Baumes erfreuen wollte. Die Eiche sammt ganzen Gehege hatte er als bleibendes Andenken der Gemeinde geschenkt.

Judika blieb nicht auf dem Himmelmoose. „Ich habe dem Vetter mein Wort gegeben,“ sagte sie, als Bauer und Bäuerin sie bestürmten, „ich hab’ gesagt, wenn Alles gut ausginge, wollte ich dem Vetter haushalten, so lang’ ich kann. Im Himmelmoose bin ich jetzt nicht mehr nothwendig; da ist schon eine Andere Bäuerin, eine tüchtige und revierische Hauserin, wie es recht ist. Deswegen verred’ ich’s aber nicht, daß ich recht oft auf den Hof in Heimgarten komme, und ich meine, es wird sich wohl bald eine Gelegenheit dazu geben. Ich werd’ mich allemal freuen, wenn es Euch gut geht und wenn Ihr so gut haust, wie Euch die alte Judika wünscht.“

Der Wunsch ging in Erfüllung. Engerl und Wildl sind lange heimgegangen, aber sie konnten im Tode mit Freude auf ihr Leben zurückblicken, denn ihre Liebe war jung und der Hof eine Stätte der Eintracht und des Friedens geblieben, würdig des Namens: „Im Himmelmoos“.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: "gehaben"
  2. Vorlage: „nnd“
  3. Vorlage: „bewußlos“
  4. Vorlage: ndu