Im Spreewalde

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Autor: Ludwig Löffler
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Titel: Im Spreewalde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41–43, S. 591–593, 608-609, 623-624
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[591]
Im Spreewalde,[1]
Branitz[WS 1] und Muskau.
Ein illustrirter Ausflug von Ludwig Loeffler.




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Postreise! Welche Poesie im Klange dieses Wortes gegen die starre Prosa „Eisenbahn“! Welche Vorspiegelung gemüthlicher Scenen im gut gepolsterten Wagen und traulichen Poststationen! Welche Begeisterung für die gute alte Zeit, in der man dieses Genusses bei jeder Veränderung der Localität theilhaftig werden konnte!

Dies Gefühl der Wonne dauert indessen nur so lange, als man in der Zukunft oder Vergangenheit lebt. Die Gegenwart ist schrecklich, und sie wurde es, als wir (ich bin weder regierender Fürst noch Kritiker, also bedeutet dies „wir“ wenigstens zwei Personen) an einem warmen Augustabend in dem dumpf dröhnenden Kasten aus dem Post-Thorwege der Spandauer Straße hinausfuhren. Die Straßen waren fast fremd, die Menschen andere, als wir die Bilder, Stück für Stück, durch die kleinen Fensteröffnungen der Kutsche vorübergleiten sahen. Ein schleierartiger heißer Dunst lag zwischen den Gegenständen und drang in unser Gefängniß, das außer uns noch eine kränkliche Frau mit einem Bündel Kinderzeug, in das ein junger Weltbürger zweifelhaften Geschlechts gewickelt war, und ein diesem zarten Alter schon seit geraumer Zeit entwachsenes Mädchen enthielt. Ein wenig frischere Luft umwehete uns, als wir auf die trostlose Chaussee kamen, die sich durch die Einöden von Tempelhof und Mariendorf hindurchquält, dagegen stellte sich ein neues Leiden in der nächsten Ortschaft ein. Es war, da wir in eine Beichaise gekommen waren, das Wagenwechseln, bei dem wir bis Lübben allen möglichen Turnübungen unterworfen waren und hinsichtlich unserer werthen Persönlichkeiten fast zu schlecht wegkamen, als in Baruth der Postmeister dem Postillon zurief: „Laden Sie aus, ich habe den Sechssitzigen bestellt.“ Das „Ausladen“ betraf uns.

Traurige kleine Städtchen, noch trauriger in dem herumkletternden Laternenschein der schlaftrunkenen Postknechte, waren die Stationsörter bis zu dem freundlicheren Lübben, wo uns außer einem Blick in den Hain der Luba nichts vergönnt war, als eine Tasse Postkaffee, ein Aufguß, der weder mit Mokka, noch mit Martinique, noch mit St. Domingo in irgend einem Grade der Verwandtschaft steht.

Ein Berliner Schulrath, ein ditto Professor und zwei anerkannte ditto Dichter waren die Vorfahren und wir die Nachkommen, da das Loos zum Beiwagen uns treu geblieben war, und in ihrer, wenn auch nicht unmittelbaren, Gesellschaft durchrollten wir die nachtfeuchte Straße nach Lübbenau, die sich durch weinumrankte Chaumièren, hochstehende Bohnen, Gurken und kleine Waldungen hindurchschlängelt, und an jenem frischen Morgen in den ersten schiefen Strahlen der Sonne glitzerte.

Die kleine Stadt war sonntäglich gewaschen und geputzt, und eine feierliche Stille ruhete auf derselben. In der zopfigen, ziemlich geräumigen Kirche mit einem barocken Denkmal derer von Lynar war wendische Predigt, aber fast nur Weiber, alle im ungewohnten steifen Festtagsanzuge, hörten derselben zu. Am Schluß des Vortrags trat eine Anzahl junger Mädchen in die Nähe des Altars, und wurde dort von dem Geistlichen katechisirt.

[592] Es ist dies eine gute nachahmungswerthe Sitte, da sämmtliche Unverheirathete weiblichen Geschlechts bis zur abgeschlossenen Ehe in gewissen Zeiten aufgefordert und verpflichtet sind, sich dieser Quasi-Prüfung zu unterwerfen.

Die Besteigung des Thurmes schien uns wesentlich, um das Terrain zu recognosciren, auf dem wir uns bewegen wollten, und da sahen wir die üppigen, von unzähligen Wasseradern durchschnittenen Wiesen mit Hunderten von Heuschobern und wurden durch die in den Gärten wuchernden Pflanzen inne, daß wir uns in dem Lande der Gurken, Zwiebeln und des Meerrettigs befanden. Zwei Parkanlagen in diesem Bilde der Landescultur zogen uns an, und um sie näher kennen zu lernen, besuchten wir zuvörderst den Schloßgarten des Grafen von Lynar. Außer einem großen Vermögen sieht man an dem stattlichen Gebäude darin nichts, denn auch nicht eine Spur von Kunstsinn leuchtet aus demselben hervor. Dagegen ist der parkähnliche Garten, welcher es von drei Seiten umgibt, sehr beachtenswerth. Dieser ist nicht groß, aber hinsichtlich der verschiedenen Baumgattungen, versteckten Plätzchen, Brücken und Points de vue mit vielem Geschmack angelegt. Eine starke, natürliche Bewässerung hat eine große Ueppigkeit des Wachsthums hervorgebracht, und Tulpenbäume, hochstämmige Weiden, Weihmuthskiefern und Lebensbaum, Orangerie und epheuumrankte Birken, Platanen und dunkle Tannengebüsche wechseln ab mit saftigen, schwellenden Rasenplätzen und vollen, von Gesundheit strotzenden Kürbis-, Rhabarber- und Maisbosquets.

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Lübbenau.       In der Kirche.

Die andere der erwähnten Parkanlagen ist eine zweite Besitzung dieser Grafenfamilie. Es ist der Ort, wo trotz aller Exclusion das Exklusive aufhört, – es ist das mit allem aristokratischen Stolze erbaute Erbbegräbniß. Ein ziemlich großes, von vier starken Mauern umgebenes Campo santo birgt die Gebeine der einstigen Grafen, und bronzene Gedenktafeln theilen die Namen etc. etc. der Todten den Lebenden mit. Ein Tannengehege umgibt den noch neuen Bau, in dem die verschiedenen, oft schon Staub gewordenen Reste der Lynare der letzten Jahrhunderte erst vor wenigen Jahren mit dem ganzen vorrechtlichen Ehrengepräge ihres Standes beigesetzt wurden.

Am Nachmittage, nach einem Diner, in dem wir eine der Schattenseiten von Lübbenau kennen lernten, bestiegen wir einen jener flachen Kähne, die nur in sandigen, ruhigen Gewässern verwendet werden. Eine Bank mit Lehne gab uns in dem ziemlich vier Fuß breiten Fahrzeuge einen ziemlich komfortablen Sitz, und „Polenz“, der Gondolier, ergriff das Ruder, um uns durch das landschaftliche Venedig zu führen.

Die Strahlen der Sonne stachen noch mächtig, als wir aus den dunklen Parkanlagen von Lübbenau in einen der unzähligen Arme der Spree fuhren, bald aber befanden wir uns in dem Bereich des Dorfes Lehde und in dem Schatten seiner einzelnen Gehöfte. Polenz berichtete uns hier in seiner eigenthümlichen Aussprache (er begleitete die Anfangsvocale stets mit einem vorherigen H, ließ dasselbe aber, wo es vorhanden, fort), „daß Lehde hinsofern hein öchst merkwürdiger Hort sei, hals daselbst 34 Grundbesitzer hund 32 Nachtwächter wären“, da nämlich jeder dieser ersteren verpflichtet wäre, eine gewisse Zahl von Nächten zu wachen, zu Kahne die Besitzungen zu umfahren hätte, und daß hiervon nur der Schulze und der Schullehrer ausgenommen wären. Es waren trauliche Enclos, umgeben von hohen Bäumen, Fischbehältern, allen möglichen Geräthschaften und Sachen, die dem Genremaler ein so wichtiges Beiwerk für das Interesse seiner Bilder liefern, und die, wie alle Zufälligkeiten, nicht componirt werden, sondern nur durch das unmittelbare Schöpfen aus der Natur dem Bilde den Reiz der Wahrheit geben können.

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Lübbenau. Die Kirche ist aus.

Die Bewohner lagen größtentheils ihrer Sonntagsbeschäftigung ob, d. h. sie thaten nichts, und selbst das Grüßen unseres „Fuhrmannes“ schien hin und wieder störend auf sie einzuwirken, da der Dank erst spät, wie ein fernes Echo nachfolgte. Am lebendigsten waren noch die Hunde, die entweder bellend an ihren sie fesselnden Stricken emporsprangen oder den Kahn am Ufer, so weit es möglich, verfolgten, und die Rinder in ihren Ställen, aus denen sie nur zu Markte oder zur Schlachtbank geführt werden. Bei einem einzeln stehenden Hause, an dem mit großen Buchstaben das Wort „Wotschowska“ stand, neben der Försterwohnung, legten wir an, und bald breitete eine alte Eiche, unter der vor langen Zeiten Gottesdienst gehalten wurde, ihre mächtigen Aeste über, und eine junge Försterin ihr weißes Tischtuch vor den Fremdlingen aus. Es waren hübsche, freundliche Leute, die uns hier mit der wendischen Gastfreundschaft bekannt machten, und der mürrische Ausdruck der früher erwähnten schwand allmählich aus unserem Gedächtniß. Brod, saure Milch und ein Schnaps, der, um einen Docht gegossen, sich nur des darin enthaltenen Wassers wegen nicht als Brennspiritus legitimirt, sind die einfachen Nahrungsmittel, mit denen man unter diesem Urvolke bewirthet wird, und nur an einzelnen bevorzugten Orten kann man, wie wir später erlebten, originell, aber sehr gut zubereitete Fische und Krebse bekommen. Einsam war es da in der Försterei, und die junge liebenswürdige Frau ist, wie sie sagte, nur auf das häusliche Glück angewiesen, und nur ein paar vorüberziehende Fremde bringen einige Veränderung in dies einsame Leben.

Am traurigsten ist es zur Winterzeit, wenn hoher Schnee liegt, oder das dünne Eis noch keine Tragfähigkeit hat und dennoch zu dick ist, als daß ein Kahn durchdringen könnte. Es sieht dann besonders schlimm aus mit den Körpern der Verstorbenen, die alle nach Lübbenau gebracht werden müssen, und denen zu folgen ein Abgesandter jeder der Ortschaften des Spreewaldes verpflichtet ist. Aber dennoch läßt das Völkchen nicht von seinem kleinen Besitzthum und mühsamen Erwerb, und lebt wie seine Voreltern in Sprache und Sitten und wird alt, trotz der fieberschwangeren Dünste, oft bis in die neunziger Jahre.

Unser Steurer führte uns von diesem Haltpunkt aus in einen der neueren Canäle, die sich durch eine große Langweiligkeit auszeichnen, [593] indem sie (natürlich sehr weise und sehr praktisch) nichts als die gerade, zwei Punkte verbindende Linie sind, und bald darauf wieder in einen der Spreearme einmünden. Hier wurde eine andere Art der Weiterbeförderung nöthig, indem des trockenen Sommers wegen theils unser Bootsmann aussteigen und den Kahn über den angeschwemmten Sand ziehen mußte, theils wir uns gezwungen sahen, das morastige, mit hohem Gras und alten Baumstubben bedeckte Ufer entlang zu waten. Aber es war dies nicht das am wenigsten Interessante unserer Fahrt, die bald darauf in dem pittoresken Dorfe Leipe eine abermalige Station erreichte. Herrliche Leute empfingen uns an der Thür des sogenannten Gasthauses mit freundlichem Händedruck, und bald war uns das einfache, aber vortreffliche Mahl auf einem reinen Tuche im Freien servirt und wir umgeben von einem unumstößlichen Beweise vollständigster Eintracht, einem Jagdhunde und einem jungen Reh, während aus einem jenseit des Grabens gelegenen Gehöfte einige neugierige Häubchen durch das Stacket lugten.

Am Schluß unseres frugalen Abendessens wurden wir von unseren Berliner Freunden überrascht, und zusammen traten die beiden Kähne die Weiter- und Rückfahrt an.

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Polenz als Vorspann.

Die Abendstunde war herangebrochen, als wir zwischen dem Wurzelwerk, den Stangen und Bretern und den malerischen Strohdächern dahin fuhren. Fast vor jedem Häuschen saßen Weiber und hatten irgend eine Manipulation für die kleine Wirthschaft vor, während die Männer ihre Pfeifen rauchten und die wirklich hübschen Kinder im Wasser herumplanschten oder auf dem Rücken liegend in’s Weltall stierten. Aber das war auch des Sehens werth, denn als wir hinaus kamen auf die Leip’sche Spree, da hatten wir den großen, in Licht getauchten Abendhimmel vor uns, am Horizonte verbrämt mit einem violettgrau gefärbten Strich Gewitterwolken, auf dem sich die unzähligen Heuschober absetzten wie die Hütten eines Kaffernkraals. Es wird später. Immer mehr verschwimmt Eins in das Andere. Schilf und Stackete bilden riesige Sätze in persischer Keilschrift, die einzeln stehenden Weiden nehmen gespenstische Formen an, und das Licht des an dem dunkleren Theil des Himmelsgewölbes leuchtenden Halbmondes gewinnt an Intensität. Hin und wieder huscht ein stiller Kahn vorüber und das leise Geräusch des Wassers unterbricht auf Augenblicke die unendliche über das Ganze gelagerte Ruhe. Unsere Gefährten schlagen einen andern Weg ein. Es ist noch später, und Bohnenstangen und Röhricht vermischen sich mit dem Kirchthurm von Lübbenau, und Stadt und Dorf und Bäume und Breter bilden eine dunkle Masse, zwischen welcher und uns nur ein kleiner glänzender Streifen des sich im Wasser spiegelnden Nachthimmels den Lauf unseres Fahrzeuges anzeigt. Lautlose Gehöfte schweben an uns vorüber. Nur ein alter, gelangweilter Frosch stößt ein einzelnes „Quak“ aus, was aber unerwidert bleibt. Man hört das Picken der Uhren in den Taschen. Plötzlich schlägt Hundegebell an unser Ohr, und dumpfes Gemurmel verräth uns die Nähe von Menschen. Wir sind unter den Bogen der düstern Allee des Schloßgartens – wir sind zurück in Lübbenau!

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In Lehde.

Wie es Einem oft nach ungewohnter Beschäftigung zu gehen pflegt, so ging es auch mir, denn als ich am Morgen nach jener Fahrt aufwachte, hatte ich die ganze Nacht auf dem Wasser zugebracht und war in einem halben Canot unter fremde Völker gekommen und hatte mich dort in allen möglichen Unsinn, den nur ein Traum mit sich bringen kann, verwickelt. Ich konnte nicht lange davon ausruhen, denn der Kahn erwartete uns schon wieder, und Polenz hatte bereits seine Paar Kruken jenes Lübbenauer Giftes, welches er mit dem wohltönenden Namen „Bier“ bezeichnete, an Bord gebracht. Welch’ herrlicher Morgen! Wieder fuhren wir an den alten Eichen vorüber, die als Flöße am Eingange zum Spreewalde lagen, während sich unter ihnen die Aeste der darüber hängenden Bäume im Wasserspiegel wie urweltliche Seeschlangen in die Tiefe krümmten und wanden, und wieder gelangten wir nach Lehde. Heute, aber schlugen wir von dort aus einen anderen Weg ein, eine andere Grobla (Spreearm) trug uns weiter. Es war ein heißer Tag; die Insecten durchsummten die zitternde Luft, die blauen und grünen Libellen schossen von Halm zu Halm und die Tausende von funkelnden Thautröpfchen, mit denen jedes Gräschen geziert war, konnten der heraufsteigenden Sonne nicht lange widerstehen. Wir schmorten auf unserem Sitze, welcher Zustand fast unerträglich wurde, als wir in einem der künstlichen Canäle das sengende Gestirn gerade vor uns hatten und nur die Kronen junger Bäume einen kärglichen Schatten gaben.

[608] Heut war es lebendiger im Walde; man mähte Gras, schlug Holz, und oft glitten beladene Kähne an uns vorüber und das „guten Morgen“ am Werkeltage klang mir frischer, als an dem Tage vorher. Nach manchen Kreuz- und Querfahrten kamen wir auf die Mutnitza, den Hauptstrom, der trotz seiner Breite dem Schiffer die meisten Schwierigkeiten macht. Er ist an vielen Stellen sandig und seicht, und oft mußten wir an das hier beinahe unwegsame Ufer, um eine Strecke zu Fuß zurückzulegen. Aber es war doch so schön in dem dickbelaubten, kühlen Urwalde, unter den mächtigen Eichen, Buchen und Erlen, unter denen schon, Gott weiß wer, vielleicht der Wendenfürst Jasko, sein Wesen getrieben haben mag, und die Vögel piepten so lustig über und um uns und Legionen von Sumpfthieren umraschelten uns, aufgeschreckt von dem ungewohnten Feinde. Gegen 10 Uhr gelangten wir endlich an einen Ruheplatz, zu den „drei Eichen“, bei welchen die „Eichschenke“ durch seine corpulente Wirthin ein großes Verdienst für verschmachtende Reisende entwickelt. Ich weiß von meinen medicinischen Freunden nicht, ob und in welcher Quantität genossen saure Milch schädlich auf die menschliche Natur einwirkt, so viel aber glaube ich jetzt nach dem Bottich voll in der Eichschenke zu wissen, daß das Resultat auch der allergrößten Portion mich nur am Fortbewegen meiner Person hindern, sonst aber durchaus keinen Nachtheil erzeugen würde. Etwas schwerfällig saß ich auf unserer Bank im Kahn allerdings, als wir weiter fuhren den Strom hinauf, und die Transpiration, als wir wieder in der vollen mittäglichen Sonne schwelgten, war auch wohl einer besonders großen Anhäufung von Flüssigkeit zuzuschreiben. Bekanntschaften hatten wir auch gemacht und uns Freunde erworben, denn die Hunde der Eichschenke begleiteten uns noch ein gut Stück durch das Wasser.

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Von der Grasmaht.

Die Waldung hört auf – größere bebaute Felder schließen die Spree ein, und uralte, mächtige Baumstämme unter denselben deuten noch auf die einstige, vor Jahrhunderten bestandene Verbindung mit ersterer. Unweit der Straubitzer Buschmühle endete unsere Fahrt. Ein Bauerngehöft war der Ort, wo wir unsern treuen Polenz entließen und gastliche Aufnahme für einige Stunde fanden. Wie überall im Spreewalde ein sehr wohlgebildeter Menschenschlag zu finden, dem eine außerordentliche Reinlichkeit als Folie dient, so fanden wir auch heut ein paar sehr hübsche Mädchen in einer höchst bescheidenen, aber sauber gehaltenen Wohnung. Mir kommen diese einzelnen Besitzer wie die amerikanischen Colonisten vor, wo jedes Mitglied angewiesen ist, für das Ganze seine Kräfte aufzubieten, denn ein Theil der Kinder kehrte soeben vom Grasmähen zurück und trug dasselbe ein; eine der Töchter war in den Ställen beschäftigt, eine andere fanden wir in der Küche, die hier das Entrée des Hauptgebäudes bildet, während der Vater Einkäufe in der Stadt Cotbus besorgte und sich erst später einfand. Der bringt denn von solchen Ausflügen so manches Neue mit nach Hause, da sonst ziemlich selten ein Geräusch der Welt zu diesen Amphibien dringt. Als wir den 15–16jährigen Sohn dieser Familie fragten, ob er denn in seinen Mußestunden Bücher lese, antworte er ebenso gut „nein“ wie auf die Fortsetzung der Frage „auch keine Zeitung?“

Es saß sich aber vortrefflich vor dem niedrigen Hause mit der runden Steinstufe vor dem niedrigen Eingänge, und Weinranken, Georginen und Malven waren ein so schöner Schmuck des kleinen sonnigen Gärtchens daneben, wie ihn nur eine Prachtvilla haben kann. Hammel, Katze, Hund und Cochinchinahahn beneideten sich nicht den dürftigen Rasenfleck, sondern genossen ihn zusammen und machten sich die südliche Mittagshitze zu Nutze.

Pferde hatten wir seit unserem Postbedarf nicht mehr gesehen, daher erschien uns die Frage unseres Wirthes fast wunderbar, ob wir nicht nach Cotbus, wohin uns die Wanderlust trieb, fahren wollten. Wir zogen es aber vor, obigen 16jährigen Sohn als Begleiter anzunehmen, und machten uns mit ihm gegen drei Uhr auf den Weg, den wir auch trotz gemietheten Wagens in drei Viertelstunden zu Fuß hätten zurücklegen müssen. Das Terrain vor Burg, zu dem unser soeben erreichter Rastort schon gehörte, umfaßt fünf Meilen, und nach dem Kern desselben, gleichsam der Hauptstadt (dem Einäugigen unter den Blinden), richteten wir unsere Schritte.

Der Fußpfad führte durch grüne Wiesen und Stoppelfelder, in welchen letzteren die fleißigen Leutchen hackten und die Stoppeln einzeln mit den Händen herauszogen. Unser junger Führer berichtete uns über die, wenigstens für uns, neue Erscheinung, daß mit dem Korn zugleich der Rübensamen gesäet würde, daß die Rübe im Wachsthum zurückbleibe und ihr nun, nach beendigter Ernte des ersteren, durch das Entstoppeln Platz gemacht würde; die großen Haufen solchen kurzen, ausgerodeten Strohes werden als Streu in den Ställen verwendet. Ueberall erblickt das Auge die patriarchalischen [609] Gehöfte, aber jetzt seltener durch Gräben getrennt, und wenn dies der Fall, wenigstens durch eine Art von Brücken verbunden, die von Jedem, der sie betritt, ein gewisses Talent für den Seiltanz beanspruchen.

Nur selten gewährte uns auf dieser Wanderung ein Busch den so sehr bedürftigen Schatten. Immer mehr häßliche, sandige Flecken stellten sich zwischen verbrannten Feldern ein, und unsere gute nordische Kiefer, die man in dem ganzen Spreewalde vergebens sucht, findet wieder einen ihr günstigeren Boden.

In dem Hauptdorfe Burg, das zusammenhängend wie unsere übrigen Dörfer erbaut ist, und in einem so trostlosen Sande liegt, wie ihn nur die gute Lausitz aufzuweisen hat, wurde unser Junge zurückgeschickt, und nach kurzer Rast in der schattigen Laube eines Gasthauses traten wir unsere Weiterreise an.

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Im Felde.

Wenn alle Strauße der Welt sich vereinigten, um durch Majorität zu entscheiden, wo ihnen der liebste Sommeraufenthalt in Deutschland sein möchte, so würde durch Stimmeneinheit die Partie zwischen Gülden und Cotbus gewählt werden, und wenn das Kameel „das Schiff der Wüste“ genannt wird, so weiß ich nicht, ob wir nicht einiges Anrecht auf diese (wenigstens auf die poetische) Bezeichnung zwischen Gülden und Cotbus bekamen. Brennende Sonne, Kieferngehölz, in dem sich die Hitze wie zur Conservirung bis zum nächsten Sommer gelagert, und zolltiefer Mehlsand versetzten uns in einen Zustand, der nicht zu beschreiben ist; und wenn wir gelegentlich stille standen, um einige warme Luft zu schnappen, so war der gegenseitige Anblick so ganz neu, so durchaus dem eigentlichen Individuum unähnlich, daß wir in ein Lachen der Verzweiflung ausbrachen. Nach vierstündigem Wege endlich erschien uns wie ein Himmelszeichen die sehnsüchtig erwartete Spitze des Cotbuser Thurmes, und bald verrieth uns eine halb verkommene Eisenbahn, auf der in der Ferne ein von einem Pferde gezogener Waggon brummte, die Nähe der Stadt.

Die Dämmerung war angebrochen, als wir in einem ziemlich fremdartigen Aufzuge in die Mauern eintraten und in dem Gasthof zum Bären endlich Erquickung und zuletzt auch Ruhe fanden, als ein Paar renommistischer Commis voyageurs das Gastzimmer verlassen hatten.

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In Burg.

Eine halbe Stunde von Cotbus liegt Branitz, der jetzige Aufenthalt des Fürsten Pückler. Der Weg dorthin, den wir am Morgen des nächsten Tages einschlugen, geht theilweise durch einen ziemlich schattigen Gang junger Eichen, Birken und Akazien, welche von dem aristokratischen Gärtner angelegt wurden, um nach dieser Seite hin die öden Felder zu decken, und dem eigentlichen Parke ein mächtigeres Ansehen zu geben. An dem eigentlichen Eingange desselben befindet sich ein Pförtnerhäuschen und eine „Bekanntmachung“, in welcher unter anderem gebeten wird, die Stöcke und Schirme beim Portier abzuliefern und daß die Parkwächter kenntlich an ihren Uniformen sein würden. Ich glaube, Ersteres ist eben nur so hin gesagt wie das Letzte, da die einzigen Uniformen, welche ich sah, die des Aufsehers über einige Erde karrende Gefangene (6 Sgr. pro Tag) und die des Verordners, als Semilasso, in der Parkschenke war. Der Weg zu dieser wird Einem neben der Warnungstafel sehr freundlich durch einen Pfeil angezeigt, man findet sich aber ziemlich unangenehm berührt, wenn man, bei derselben angekommen, sieht, daß man wieder das Parkgehege verlassen und auf recht deutliche Weise hinausgeworfen ist. Wir ließen uns jedoch durch diese Sorte von Wink nicht stören und kehrten uneingeschüchtert um.

Das ziemlich bedeutende Schloß, aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, ist durch eine süperbe Umgebung dem neueren Geschmack etwas näher gerückt. Eine glänzende Blumenterrasse mit vergoldetem Treppengeländer schmückt den Fuß der Hauptfront des Gebäudes, vor welcher sich wiederum ein Plateau ausbreitet, das in der Mitte mit einem runden Beete kostbarer Blumen geschmückt ist und durch eine halbrunde, reichbewachsene Pergola den dahinter liegenden Oekonomiehof verdeckt. Mythologische Basreliefs in rothem Thon und in Bronze nachgebildete Antiken zieren das Innere derselben, während das große vergoldete fürstliche Wappen in deren Mitte die Harmonie geistig wie materiell stört. Schattige, melancholische Plätze, reizende Blumenfelder und Schwanenteiche nehmen unmittelbar die anderen Seiten des Schlosses ein, in welchen Anlagen der preußische Adler, hier in Thon zu Hunderten um ein Beet, dort vergoldet auf dem Frontispice einer Laube eine ziemlich kleinliche und seiner nicht würdige Rolle spielt. Eine Allegorie höchst eigenthümlicher Art bildet die Spitze des sogenannten Kiosk’s (einer Drahtlaube): eine Schlange windet sich zu einem Sterne hinauf, kann denselben aber nicht erreichen. Ich weiß nicht, ob der moderne Odysseus einen Grund für das Reptil hat, das Recht auf den strahlenden Himmelskörper würde ich dem Urtheile Anderer überlassen.

Denn daß der Staubgeborene vergebens nach der Schönheit strebt, diese allgemeine Auslegung kann wohl in solcher Schöpfung unmöglich Anwendung finden. Hier zu bescheiden – dort zu anmaßend; – wo bleibt die rechte Mitte?

[623] Das Cavalierhaus, die Ställe und Remisen sind in kleinem gothischen Styl erbaut, und die Gewächshäuser nicht besonders bemerkenswerth. Ueberhaupt sieht man in dem Ganzen noch die Anlage, zu deren Ausführung jedoch ziemlich bedeutende Kräfte verwendet wurden, während Einzelnes vollendet und unvergleichlich schön gehalten dasteht. Augenblicklich wird an einem See von nicht geringer Größe gegraben, aus dessen Mitte sich eine verhältnißmäßig große Erdpyramide erhebt. Man sagt, der phantastische „Verstorbene“ wolle dort ruhen nach Art der egyptischen Könige.

Branitz und ein Glas Cotbusser Bier ist wohl das Einzige, was dem Reisenden Absolution für die Sünde geben kann, einige Stunden in besagter Stadt zu verweilen. Als Beides daher zu dem Ueberwundenen gehörte, vertrauten wir uns dem Innern einer dickleibigen Postkutsche an, in dem die glühenden Strahlen der Nachmittagssonne und ein durcheinander wirbelndes Conglomerat von Staub und Fliegen einen recht unerquicklichen Aufenthalt erzeugten.

Gegen fünf Uhr hielt unser Kerker vor dem Posthause von Spremberg, und da uns selbst von befreundeter Seite der Kirchhof dieser Stadt empfohlen war, so durften wir doch eine solche liebevolle Aufmerksamkeit nicht unberücksichtigt lassen. Wir fanden ein würdiges Pendant zum Père-la-Chaise und Campo santo von Neapel. Wie dort, ist hier das Todtenfeld auf den Terrassen eines Berges gelegen, von dem man eine durchaus hübsche Aussicht auf Tausende von Pfählen (Beweise einer starken Tuchfabrikation) genießt. Eine halbverfallene Capelle, in der außer unzähligen an den Wänden hängenden Glaskasten mit Trauerbändern und Leichenkronen noch Bahren, Gießkannen und Gartenkörbe deponirt waren, steht auf der Spitze des Berges, umgeben von Gräbern und Denksteinen, deren Inschriften mich um den klaren Verstand der Einwohner von Spremberg in einige Besorgniß versetzten. Hier z. B. heißt es:

„So umdämmert uns die Kummerwolke
Oft im schönen Garten der Natur.“

dort:

„Uns umrauscht der Trennung Trauerflügel,“

oder es kann Jemand seinen Tod gar nicht mehr erwarten und singt:

„Vom Tod geweiht, traut die Unsterblichkeit!
Wir warten stets auf Dich begierig und bereit.“

oder auch äußert sich eine krankhafte Phantasie:

„Nun ruhst Du sanft im Schatten der Cypressen,“

in einem Klima, wo die Cypresse nur in Gewächshäusern fortkommt, und wo der einzige Schatten von versengten Grashalmen herrührt. Ja, ja! – es ist doch ein eigen Ding um die gesunde Vernunft! Weiter ließ uns Spremberg nichts zu wünschen übrig.

Gegen Abend verließen wir die Stadt in einem Einspänner, gezogen von einem jener abgetriebenen Geschöpfe, die der Italiener mit dem Ausdruck cavallo morto (todtes Pferd) bezeichnet, da er behauptet, daß das Thier bereits gestorben, und nur die leidige Gewohnheit die Maschine noch bewege. Die lange, schnurgerade Chaussee war staubig, mehrere vor uns herlaufende Wirbelwinde zeigten das Herannahen eines Wetters, und bald nöthigten uns einzelne schwere Regentropfen zu einer entschiedeneren Verpuppung und zu einer größeren Eile. Damit aber, mit der Eile, schien unser Freund an der Deichsel durchaus nicht einverstanden, und auf der Hälfte des Weges nach Muskau mußte sein Erzieher dem Gelüste des Zöglings willfahren. Eine einsame Waldschenke gab uns für einige Zeit Rast, und wir theilten das öde, von einem Dreierlicht trübe erhellte Zimmer mit zwei Kärrnern in blauen Kitteln und krummen Knieen, einem biederen Schäfer, dem Weisen der Gegend, und seinem Hunde Phylax, über dessen Geistesvermögen er sich ein Weiteres ausließ. Jede seiner Bemerkungen zeigte uns Nachdenken über gemachte Erfahrungen.

Wir setzten unsere Reise fort, und gegen elf Uhr klapperte das lose Hufeisen unseres Hochtrabers auf dem Pflaster der kleinen Stadt Muskau, dessen berühmter Park uns zu dieser Partie bestimmt hatte.

Besagter Park umgibt die reinliche Duodezstadt von allen Seiten wie der Kranz den Geburtstagskuchen, und als wir am nächsten Morgen den öden Platz vor unserm Hotel und das Frühstück genossen, gingen wir durch den unmittelbar neben uns gelegenen Eingang in denselben.

Ein ziemlich altes und nicht unbedeutendes Schloß mit zwei ernsten Thürmen und dick wucherndem Epheu tritt einem sofort entgegen. Hinter diesem führt aus einem neuen, architektonisch nicht besonders bemerkenswerthen Anbau eine Freitreppe unmittelbar auf den sonnigen, hügeligen und mit wundervollen Baumgruppen bepflanzten pleasure-ground. Zwei kolossale vergoldete Löwen auf den Treppenwangen unterbrechen nicht unschön das reiche Grün der Natur, während einige hellblau angestrichene Gitter Zeit und Ueberredungskunst verlangen, ehe man sich an ihre Farbe gewöhnt. Ein in einem Winkel verstecktes und von faulenden Pflanzenresten umgebenes Theater, wie auch der hier und dort sichtbare Mangel der Baumscheere deuten auf die weniger große Sorge hin, die man jetzt der Schöpfung des Fürsten Pückler widmet; ein Eindruck, der sich hauptsächlich nach dem Besuch des sauberen Branitz einstellt, später jedoch wieder verschwindet. Auf dem ersten großen Parkgrund, den man von einem Pavillon, der sogenannten Gloriette, vor sich hat, fehlte mir einiges Leben, und eine Anzahl Hirsche und Rehe würden vielleicht, wie auf den Besitzungen der englischen Gentry, diesen Zweck erfüllen. Der „Eichsee“, den man zunächst auf fortgesetzter Wanderung erreicht, ist zum Theil von einem Wäldchen hochstämmiger Eichen mittleren Alters umgeben, während uns ein anderer Theil des Parkes Bäume dieser Gattung zeigte, die möglicher Weise unsere Ureltern noch in Paletots von Thierfellen gesehen haben. Auch ihre Namen gehören jener Zeit der Götter und Riesen an, und eine „Hermanns-, Thor-, Odinseiche“ rechtfertigen denselben in seiner ganzen Größe. Die erste derselben hat 28 Fuß im Umfange und macht wohl den Eindruck, als ob an ihr das Schild von Thusneldens Gemahl schon gehangen haben möchte. Die Spalten der immer noch urkräftigen Rinde sind allein 3–4 Zoll tief.

Wie groß die Kosten sind, die man zur Anlage und jetzigen Vollendung des Parkes verwendet, zeigen die Beispiele, daß ein Feldstein, um ihn vom Felde an seine im Garten bei einem Fließ angewiesene Stelle zu bringen, 136 Thaler, eine eiserne Brücke aber mit Sandsteinpfeilern circa 15–20,000 Thaler gekostet hat. Ueber letztere gingen wir in die große Gärtnerei (durch welche nicht unbedeutende Revenüen erzielt werden) und über die „Schluchtbrücke“ in einen zweiten, vom Schloß entfernteren Theil des bis jetzt ungefähr drei Meilen großen Parks.

An „Sara’s Walk“ vorüber, einem engen gewundenen und träumerischen Fußpfad durch das Dickicht der Schlucht, gelangten wir zu dem „Grab des Unbekannten“. Dasselbe befindet sich nahe einer der herrlichsten Aussichten über einen Theil der großartigen Anlagen, über fette Wiesen und dunkle Waldungen nach den im bläulichen Dufte schwimmenden Gebirgen Schlesiens, und ist ein Werk der Pietät des Fürsten. Seine Inschrift auf einem steinernen Kreuz neben dem Grabe, vor dem ein Steintisch und Bank, enthält die Geschichte. Sie lautet: „Die Gebeine des Unbekannten. Aufgefunden im nahen Dickicht, zwei Fuß unter der Erde, am 4. August 1832. Hier wieder zur Ruhe bestattet nach dreimal drei Tagen. Das Gerippe verrieth einen kräftigen jungen Mann. Dem gewaltsam eingeschlagenen Schädel fehlte kein einziger Zahn. – Requiescat in pace!“ – Würdiger und einfacher konnte dies Werk christlicher Liebe nicht ausgeführt werden. Warum nahmen sich die guten Spremberger hieran kein Beispiel?

Es war eine unendliche Ruhe in der mittäglichen Natur, als wir da saßen bei dem Grabe des Unbekannten und der großen Energie des genialen Aristokraten unsere Bewunderung zollten. Es war doch eine fast zurückschreckende Aufgabe, aus Sand, Fichtenwaldung und einem Flusse, der wie ein wüster Patron fortwährend sein Bett ändert, einen Park zu schaffen, der sich den vollendetsten Mustern dieser Art würdig zur Seite stellt; es ist doch ein Sieg der landschaftlichen Gartenkunst über eine rohe Natur, wie er nicht glänzender errungen werden kann. Nur Etwas vermißte ich in diesen bewundernswürdigen Anlagen: ein wenig mehr Bewässerung nämlich würde dem Grün des Rasens, ein paar Springbrunnen der Ueppigkeit des Ganzen förderlich sein. Es ist nur das Saftige der Farben, worin er den berühmten englischen Parks nicht ganz gleichkommt, während er dieselben in Bezug auf den darin entwickelten Kunstsinn entschieden übertrifft.

Und ein solches Werk, die Mühen von sechsunddreißig Jahren [624] konnte der Fürst verkaufen! konnte das zum Theil Vollendete verkaufen, um in einer andern Wüstenei von vorne anzufangen! Was ihn dazu trieb? – es muß die Nothwendigkeit gewesen sein, da, wie die Leute behaupten, nach Uebergabe der Besitzungen an den jetzigen Prinzen Friedrich der Niederlande ein schwarzer Mann auf weißem Roß um die Mitternachtsstunde die weiten Anlagen nach allen Richtungen durchstreift habe, der Fürst sich aber, trotz der freundlichsten Einladungen, seitdem noch nie wieder habe in Muskau blicken lassen.

Ueber einen ziemlich ansehnlichen Viaduct, welchen anbringen zu können, expreß eine Schlucht hervorgezaubert wurde, gelangten wir auf ein Plateau, die sogenannte Terrasse, von dem aus man noch einmal einen vollen Blick von oben auf den pleasure-ground hat, und verfolgten dann den Weg über die waldige Berglehne nach dem englischen Hause. Es ist dies eine Art Restauration in dem eleganten englischen Cottagestyl, wo wir, der vorgerückten Tageszeit wegen, unsern Vormittagsspaziergang beendeten. Einen dritten großen Theil des Parkes gaben wir auf und fuhren am Nachmittag statt dessen nach dem drei Stunden entfernten Jagdschloß.

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Muskau. Das alte Schloß.

Hier fanden wir nicht das Erwartete. Eine ziemlich unfreundliche Dame, aber ein desto liebenswürdigerer Jagdhund empfingen uns auf den Stufen einer Dienstwohnung, die zu einem in modern-gothischem Styl erbauten kleinen Jagdschloß gehört. Von dem Hunde bekamen wir ungleich mehr Auskunft über die Sehenswürdigkeiten, als von der Dame, da ersterer durch seine Sprünge und sein Laufen anzudeuten schien, wohin wir unsere Richtung nehmen möchten, während letztere ihn dafür zurückrief und einsperrte. Der rund herum angelegte Park ist noch jung und wohl, wie die Gebäude, erst von dem jetzigen Besitzer geschaffen, dagegen trägt ein älterer Theil in demselben durchaus den Charakter eines Urwaldes an sich.

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Muskau. Die Hermannseiche.

Ein wildes pêle-mêle von gigantischen Fichtenstämmen und Moos ist noch von dem Fürsten auf dieselbe sinnige Weise, wie die nächste Umgebung der Stadt, zu einer Art Park umgewandelt und eine Verbindung dieser beiden Anlagen durch Anpflanzungen herbeigeführt worden.

Wie nett obige Dame war, zeigte sich noch einmal bei unserer Abfahrt, da sie, als wir beklagten, den Holzthurm für die schönen Aussichten verschlossen gefunden zu haben, ziemlich kurz äußerte: „Den Schlüssel hätten Sie bekommen können.“ Jetzt war es natürlich zu spät.

Das sehr niedliche Bad von Muskau, eine architektonische Bijouterie und Lieblingsidee der früheren Fürstin, liegt in dem von uns am Morgen nicht besuchten Theil des Parks und nicht gar entfernt von einem Alaunwerk, dessen widrige Dämpfe gewiß oft, wie an jenem Tage, eine arge Belästigung der in der Nähe befindlichen Geruchsorgane werden.

Gegen Abend waren wir wieder zurück und zwar nur kurze Zeit vor dem Abgange der Post, mit welcher zu fahren wir beschlossen hatten. Eine unerwartete Anzahl von Reisenden nach der Eisenbahnstation Sorau hatte sich eingefunden, und nur diesen verdankten wir unsere Mitnahme. Wir kamen in den dritten Beiwagen, und die armen Pferde, welche uns so eben vom Jagdschloß nach Hause gezogen, mußten uns wieder weiter befördern gen Triebel.

Daß der jetzige prinzliche Besitzer der Herrschaft Muskau den Plan des Fürsten mit großem Eifer fortsetzt, beweisen die jungen, in Sand gepflanzten Baumanlagen, welche sich zu beiden Seiten der Chaussee noch weit hinaus erstrecken. Auf diese Weise ist es wohl möglich, daß in so und so langer Zeit das ganze 8½ Quadratmeilen umfassende Gebiet ein Garten wird.

In Sorau endete alle Poesie; der Klang der Worte „Berlin, zwei Zweiter“ schnitt sie ab wie mit kaltem Eisen.





  1. Unseren außerdeutschen Lesern glauben wir die Mittheilung schuldig zu sein, daß der Spreewald in der preußischen Niederlausitz liegt (Regierungsbezirk Frankfurt a/O.) und in einem sieben Meilen langen Bruch besteht, der, von der Spree vielarmig durchschnitten, bei hohem Wasserstande fast ganz überschwemmt wird und trotzdem sieben Dörfer und viele einzelne Colonien enthält. Der größte Theil dieses interessanten Bezirks ist im Sommer nur auf Kähnen, im Winter nur auf dem Eise zugänglich.
    D. Red.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Brandtz